Annagrafie

Zwischenzeit

Bodenkontakt

Die Augusthitze hatte die Temperaturen schon auf über dreißig Grad klettern lassen. Die Luft war in den letzten Tagen zunehmend drückender geworden, aber noch war es Vormittag. Es blieben ihr zwei, drei Stunden, bis in der brütenden Schwüle des Mittags alles zum Erliegen kommen würde.
Jetzt ist wirklich nicht die Jahreszeit für so etwas, dachte Anna, während sie Schwung holte um den Spaten mit Nachdruck zwischen Grasbüschel, Brombeerwurzeln und Hahnenfuß in die Erde zu treiben. In diesem Punkt musste sie den leise kopfschüttelnden Blicken der Nachbarn recht geben, die allem, was sich auf dem vorher verlassenen Grundstück in den letzten Wochen zu regen begonnen hatte, mit Neugierde folgten.

Hier, in diesem Garten und in diesem Haus, war es auch früher schon so gewesen. Drüben umrahmten überpflegte Vorgärten frisch gestrichene Siedlungshäuschen, in denen das Leben sich im Takt des Kirchenjahres entlang vorhersehbarer Biographien abspulte, alles zur rechten Zeit und wie es sich gehört. Hier dagegen eine brüchig vor sich hin taumelnde Welt zerrütteter Beziehungen, deren Kraft eben gerade noch reichte, um eine vom Drüben akzeptierte Fassade aufrecht zu erhalten.
Schon damals deutete fast nichts in der Siedlung mehr darauf hin, dass sich hier bis Anfang der fünfziger Jahre Obstwiesen und Äcker den Hang hinaufgezogen hatten. Die Umwandlung war von den neuen Bewohnern zügig und gründlich vollzogen worden. Gepflasterte Wege wurden zu den Haustüren und durch die Vorgärten verlegt, die Grenzen wurden mit Mauern, Jäger- oder Metallzäunen eingehegt, die Straßen wurden geteert und an Unkraut in anderer Leute Vorgärten konnte Anna sich auch bei noch so gründlichem Graben in ihrem Gedächtnis nicht erinnern.

Aber hier, wo sie jetzt fortfuhr den lehmigen Erdklumpen mitsamt Unkrautbüscheln aus dem zähen Wurzelgeflecht zu hebeln, ihn anzuheben bis die Wurzeln widerwillig den Spaten freigaben um ihn umzuwenden zu können, hier war die Entwicklung schon damals anders verlaufen.
Man sah noch immer, dass es ein Acker gewesen war, auf dem einst eine tatkräftige Witwe zusammen mit ihren beiden Töchtern ein Haus gebaut hatte. Die kurze Strecke zwischen Grundstücksgrenze und Hauseingang bedeckte ein hingegossener Flickenteppich aus Teer- und Betonresten, der auch heute noch seine Aufgabe erfüllte. Das heißt, man musste bei Regen nicht durch Matsch steigen, wenn man ins Haus hinein wollte. Für eine ordentliche Hofpflasterung, wie sie auf den umliegenden Grundstücken die Regel war, hatten die Mittel jedoch nie gereicht.
Natürlich gab es auch sonst keine gepflasterten Wege auf dem Grundstück und die Aufgabe einer Grenzmauer war von einer Ligusterhecke übernommen worden.

Annas Blick schweifte über die langen, kräftigen Ruten, die die stellenweise über Kopf hohe üppig wuchernde Hecke in die gleißende Augustsonne streckte. Der dahinter liegende öffentliche Fußweg wurde schon zu mehr als der Hälfte von ihnen eingenommen und gelegentlich hatte Anna in letzter Zeit vom Haus aus hören können, wie Fußgänger ihrem Unmut über Regentropfen oder Spinnweben zwischen den Ruten laut und vorwurfsvoll Luft machten, während sie sich an der Hecke vorbei den Weg entlang schoben.
Es gab noch so viel zu tun im Garten. Und erst das Haus! Der sich dort immer deutlicher abzeichnende Sanierungsstau war vor allem finanziell eine viel größere Herausfor­de­rung, als es der verwilderte Garten jemals sein konnte. Denn im Haus war handwerkliches Können verschiedenster Gewerke gefragt, wozu Anna selbst nur sehr wenig beitragen konnte. Aber wie sollte sie die Last einer Finanzierung schultern, wo sie zur Zeit ja noch nicht einmal auf einen geregelten Broterwerb zurückgreifen konnte?
Klar, einfach alles verkaufen, dann wäre sie auf einen Schlag alle Sorgen los! Ohnehin war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Druck der Umstände sie zu diesem Schritt zwingen würde und dann wäre sie mit einem Mal von all der Last befreit, die mit diesem Ort verbunden war.

Es war für sie selbst unerklärlich, aber diese Vorstellung war alles andere als befreiend für Anna. Im Gegenteil, für sie war es eher so, als sollte sie sich eine Hand abhacken. Der Punkt, an dem sie diesen Weg dennoch beschreiten musste, würde jedoch eher früher als später kommen und ein verwilderter Vorgarten wäre bei Verhandlungen mit potentiellen Käufern wenig hilfreich. Aber ganz gleich, wie hoch der Preis war, den sie vielleicht erzielen konnte, für sie würde es sich wie eine Niederlage anfühlen. Mit gedrückter Stimmung senkte sie den Blick und stach den Spaten erneut in die Erde.
Es dauerte nicht lange und Schweiß hatte Annas T-Shirt vollständig durchnässt. Sie musste immer häufiger mit den Händen nachhelfen, um die fest miteinander verfilzten Pflanzen aus der Erde zu ziehen und sie mit den Wurzeln nach oben der Augustsonne auszusetzen. In der Hitze wollte Anna keine Gartenhandschuhe tragen und so sahen ihre Hände bald aus wie die mit Erde verkrusteten Zinken einer Harke. Verbissen arbeitete sie weiter. Ab und zu kitzelte der über die Haut rinnende Schweiß sie im Gesicht. Unwillkürlich griff dann eine ihrer erdverklebten Harkenhände an die juckende Stelle, eine lehmige Erdspur nach der anderen im Gesicht hinterlassend. Sie bemerkte es nicht.

Eine knappe Stunde später hatte der bereits umgegrabene Flecken erst eine Größe von etwas mehr als einem Quadratmeter erreicht. Das bedeutete, Anna würde für das ganze Stück etwa drei Wochen brauchen, denn mehr als drei Stunden Umgraben pro Tag schaffte sie bei der Hitze nicht. Frustriert fuhr sie fort, den Spaten in die Erde zu treten. Noch war die Energie des heutigen Tages nicht aufgebraucht aber Tritt um Tritt begann die grobe körperliche Anstrengung langsam und von ihr zunächst unbemerkt Annas inneren Druck abzubauen.
Da war also diese mutige Witwe gewesen, ging es Anna durch den Kopf, deren Unterschrift den ausgebleichten Bauplan des alten Hauses besiegelte. Er war ihr vor Kurzem in die Hände gefallen, als sie sich an eine erste Sichtung der Gerümpelberge gewagt hatte, die im Haus auf Entsorgung warteten.
Lange hatte Anna den Plan angesehen. „Neubau eines Zweifamilienhauses für Frau Anna Hofmann, Wtw, Fabrikarbeiterin“, lautete die mittlerweile stark vergilbte Überschrift. Darunter waren die vier Außen­ansichten des Hauses nebeneinander abgebildet, in der unteren Hälfte des Planes dann die vier Grundrisse der Geschosse. Nicht alles war mit Lineal und Zeichentusche aufgetragen, manches, wie beispielsweise Dachgauben und der Schornstein, war nachträglich von Hand und mit Bleistift eingezeichnet. Die Grundrisse waren spärlich mit Maßangaben versehen, mehr schien man damals nicht benötigt zu haben um ein Haus zu bauen.
Ganz unten fanden sich links Unterzeichnungsort und -datum, in der rechten Ecke hatten hatten Bauleiter und Architekt unterschrieben, letzterer sogar mit Stempel. Und in der Mitte dazwischen stand mit vergilbten Druckbuchstaben zu lesen: „Der Bauherr:“ , darunter in leicht ungelenker aber großer, gut lesbarer Schrift ihr Name. Sie hatte dafür einen Feder­halter und eine schwarze Tinte verwendet, die im Gegensatz zu allem anderen auf dem Plan auch nach all den Jahren noch kein bisschen ausgebleicht war. Noch ein oder zwei Jahrzehnte weiter, und ihr Name wird das einzige sein, das auf dem alten Papier noch erkennbar sein wird, war es Anna durch den Kopf gegangen.
Mittlerweile war das umgegrabene Stück Garten auf die doppelte Größe angewachsen. Anna sah auf und bemerkte nun auch selbst, wie ihre Anspannung etwas nachließ. Eine Schwere begann ihre Arme hoch zu kriechen und das Kreuz schmerzte vom ungewohnten Bücken und Buckeln.
Sie gönnte sich einige tiefe Züge aus der Wasserflasche, atmete in der flirrenden Augustluft ein paar Mal kräftig durch und fügte den Erdspuren im Gesicht bei dem vergeblichen Versuch, den Schweiß von den Augenhöhlen fern zu halten, eine weitere hinzu. Komm, ein Stück schaffst Du noch, redete sie sich zu und trat den Spaten erneut in die Erde. Es ging bei weitem nicht mehr so zügig voran wie noch zu Beginn.
Vor diesem Acker muss damals auch meine Großmutter gestanden haben, jene Anna Hofmann deren Vornamen ich trage, spannen sich Annas Gedanken weiter fort.
Jene Anna, die es gewagt hatte zu träumen, auf Neuland einen Anfang zu setzen, trotz aller Schwierigkeiten, trotz Hindernissen und fehlender Mittel. Wohl hatte sie die Unterstützung ihrer beiden erwachsenen Töchter gehabt, immerhin. Aber jeder, der die drei Frauen gekannt hatte wusste, wer das Herz dieses Gespanns gewesen war.
Anna wie Anfang, das passt zusammen, ging es ihr durch den Kopf, während sie zunehmend müder werdend fortfuhr, Brombeerwurzeln aus der Erde ziehen. Wenn sie vorher geahnt hätte, dass Brombeeren Wurzeln haben, die noch länger und kräftiger sind als ihre Ranken, hätte sie dann je damit angefangen, dieses Stück Garten umzugraben? Wahrscheinlich nicht.
Konnte es Anna Hofmann nach ihrem Neuanfang auf diesem Acker soviel anders ergangen sein? Wahrscheinlich ebenfalls nicht.

Nach einer weiteren halben Stunde des Grabens, Wühlens und Zerrens gelang es den warmen, klaren Schlägen der Kirchturmuhr so weit zu Anna durchzudringen, dass sie sich aufrichtete und ihnen nach lauschte. Es war Mittag geworden und Anna beschloss, dass es genug Plackerei gewesen war für den heutigen Tag. Sie stellte die Gartengeräte im Keller ab und stieg die alte, knarrende Holztreppe hinauf bis in den ersten Stock.
Im Badezimmer angekommen sah sie unwillkürlich in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing, und erschrak. War das noch ein menschliches Wesen, das ihr da entgegen blickte?
Die Erdspuren im Gesicht von Schweißspuren durchzogen, die Haare teils struppig vom Kopf abstehend, teils schweißnass im Gesicht klebend, das T-Shirt nass und erdfleckig und die Hände so verkrustet, das sie auf allem, das Anna anfasste, erdigbraune Spuren hinterließen. All das war es aber nicht, was ihren Blick nun zunehmend hypnotisiert an ihr Spiegelbild zu fesseln begann.
Strahlende Augen blickten ihr entgegen, blaugraugoldenes Leuchten zwang Lachfältchen in die Augenwinkel und begann, in feinen Linien in die schweißigen Erdspuren darum herum zu strömen. War das noch sie? Wann hatte sie sich zuletzt so strahlen gesehen? Vielleicht als Kind? Drogen hatte sie jedenfalls keine genommen. Anna hielt inne. Während sie immer noch fassungslos versuchte, ihr inneres Bild von sich selbst mit dem zur Deckung zu bringen, was sie dort aus dem Spiegel anleuchtete, begann sie zur ersten Mal zu ahnen was es war, das sie mit diesem Ort verband. 

Maiausflug im Wintermantel

Mit Frost und dem ersten Schnee hatte sich der Winter eingenistet. Die Gartenwildnis war einer leer geräumten Landschaft gewichen, die unter einer dünnen, weißen Decke dem Frühling entgegen schlummerte. Anna hatte viel Zeit für die Gartenarbeit gehabt. Die Gründe dafür waren jedoch nicht erfreulich. Beruflich hatte sich immer noch keine Perspektive aufgetan und auch mit der Frage des Hausverkaufs war sie nicht voran gekommen.
Anna seufzte und schenkte sich eine zweite Tasse Tee ein.
Immerhin fühlte sie sich in dem alten Haus zunehmend wohl, genoss es, den vielen Gerüchen nachzuspüren, die es noch genau so verströmte wie in ihrer Kindheit und liebte es, abends vor dem Einschlafen dem Knacken der alten Dielen und Balken zu lauschen.
Zeit hatte Anna nun mehr, als ihr lieb war. Was der Frühling wohl bringen mochte?
Sie lehnte sich in dem gemütlichen Schwingsessel zurück und ließ Ihren Blick hinaus gleiten in die herab sinkende Dämmerung. Draußen schwebten vereinzelte, verträumte Schneeflocken vom Himmel, taumelnd und zögerlich. Sanft schmeichelnd entführten sie Annas Gedanken.
Frühling… obwohl es schon Jahre her war, erinnerte Anna sich noch genau an jenen regnerischen Märzabend, an dem er ganz unvermittelt in ihr Leben gepoltert war.
Einige Tage zuvor hatte Frau Boldt, eine Mitarbeiterin aus Annas Sprachschule, Anna wissen lassen, dass sich ein Partner für das Deutsch-Chinesische Sprachtandem gefunden hatte, für das sie sich angemeldet hatte.
Schon seit einem guten Jahr nahm sie sich endlich wieder Zeit für ihr altes, eingeschlafenes Hobby und hatte sich in den Chinesisch-Kurs eingeschrieben. Er hatte ihr so viel Spaß gemacht, dass sie diesmal bei der Stange geblieben war. Jetzt reizte es sie, die erworbenen Kenntnisse einmal mit leibhaftigen Chinesen auszuprobieren. Frau Boldt hatte einen Termin zum ersten Kennenlernen organisiert und nun saß Anna in einem leeren Seminarraum der Sprachschule, zwei Gläser Wasser standen auf dem Tisch und sie wartete gespannt, was wohl kommen mochte.
Ein Haustürklingeln drang durch die angelehnte Tür des Seminarraums herein. „Deine Tandem-Partnerin ist schon da“ hörte Anna Frau Boldts Stimme. Umgehend polterte jemand die Treppe in den ersten Stock herauf und schon im nächsten Augenblick stürmte ein schlaksiger junger Mann mit großen Schritten in den Raum. Als er Anna erblickte hielt er abrupt inne und sah mit einem etwas unsicheren Lächeln zu ihr herüber. Er war langhaarig, klapperdürr und für einen Chinesen sehr groß gewachsen. Anna stand auf und ging ihm entgegen. Ein übervorsichtiger Händedruck wurde ausgetauscht. „Ni Hao“ sagte er, „Ni Hao“ erwiderte Anna. Frau Boldt war inzwischen ebenfalls in dem Seminarraum angelangt. Noch etwas außer Puste stellte sie beide einander kurz vor, um sie dann für eine Weile ihrem Schicksal zu überlassen.
Xiaomin, so hieß er, nahm seinen Rucksack ab und setzte sich Anna gegenüber an den Tisch. Er wirkte sehr jung, so jung, dass sie sich zunächst fragte, ob sie beide überhaupt eine gemeinsame Wellenlänge finden könnten. Seine Ausstrahlung hatte etwas Unstetes, wie die eines Reisenden und es lag etwas Vorwitziges darin, etwas, das sie einen Hang zur Show vermuten ließ. Xiaomin schien in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil zu den korrekten, zurückhaltenden und überfreundlichen Chinesen zu sein, die Anna bisher flüchtig kannte.
Dieser Eindruck hatte es ihr wieder leichter gemacht und sie begann, recht unbekümmert mit ihren drei Brocken Chinesisch um sich zu werfen. Xiaomin tat das Gleiche mit seinem Deutsch, das deutlich besser war als ihr Chinesisch, wie sich schnell herausstellte. Er erzählte, er sei Fotograf von Beruf, aber nun schon seit über einem Jahr auf Reisen. Zunächst hätte er ganz China und Tibet bereist und nun sei Europa dran. Er wolle möglichst viele Länder sehen und viele Leute kennen lernen, denn das sei ein gutes Leben für ihn. Anna amüsierte sich über die Abenteurergeschichte, die er ihr da in holprigem Deutsch auftischte und begann, ebenfalls über ein paar Eckpunkte ihres vergleichsweise geregelten Lebens zu erzählen.
Das erste Eis war damit gebrochen und als Frau Boldt einige Zeit später mit der Frage vorbei schaute, ob beide Seiten mit ihrem Tandem-Partner einverstanden seien, war die Antwort ein eindeutiges Ja.
Die nächsten Treffen, an die Anna sich erinnern konnte, hatten nicht mehr in der Sprachschule stattgefunden. Bei schönem Wetter waren sie statt dessen lieber zu einem Frühlingsspaziergang mit Sprachunterricht in den Park aufgebrochen, bei schlechtem Wetter war Annas Wohnung zum Treffpunkt geworden. Dann endete der Tag gelegentlich auch mit gemeinsamem Kochen und Essen, mal kochte Xiaomin etwas Chinesisches, mal Anna etwas Europäisches. Beiden bereitete es einen Riesenspaß, mit den großen Unterschieden zwischen den Koch- und Esskulturen herum zu experimentieren, die da aufeinander prallten und sich nebenbei neue Vokabeln beizubringen.
Anna erfuhr beispielsweise, dass ihr großes, schweres Kochmesser für Xiaomins chinesische Kochweise viel zu klein und leicht war, die deutsche Pfanne hingegen war ihm viel zu schwer. Es war ihm völlig unerklärlich, wozu es in einem deutschen Haushalt soviel verschiedenerlei Essbesteck gibt, während man in China für alles mit einem Paar Stäbchen und einem Suppenlöffel auskommt. Und er schaute erstaunt, als er Anna einmal dabei beobachtete wie sie die Farfalle, die gerade im Nudeltopf vor sich hin simmerten, wiederholt auf ihre Bissfestigkeit hin testete. „Warum machst Du das?“ hatte er gefragt. „Damit sie nicht zu Brei werden.“ hatte Anna ihm verwunderten Blickes erklärt. „Das kann mit chinesischen Nudeln nicht passieren“ sagte er. „Die kann man sehr lange kochen. Aber diese Nudeln hier, die sehen viel schöner aus als die chinesischen!“. „Sie heißen Schmetterlinge“ erwiderte Anna, „Weil sie wie Schmetterlinge aussehen“. Er kannte das Wort nicht und Anna schrieb es ihm auf. Als er es dann im Wörterbuch gefunden hatte lachte er und begann begeistert, das für ihn schwierig auszusprechende Wort zu üben.
Bei einem ihrer ersten Treffen hatte Anna einmal gefragt, warum er so intensiv Deutsch lerne, obwohl das für seine Abenteuerreisen ja gar nicht notwendig sei. Da erfuhr sie, dass Xiaomin sich zum Wintersemester um einen Studienplatz für ein künstlerisches Fach bewerben wollte, das ihm als Zusatzstudium zu seiner chinesischen Fotografie-Ausbildung geeignet erschien. Überhaupt verstand er sich voll und ganz als Künstler und gab sich betont unkonventionell. Auch hatte er im Künstlermilieu der Stadt einige Freunde und es war einer von ihnen gewesen, ein Maler, der Xiaomin während seiner ersten Zeit in Deutschland beherbergt und unterstützt hatte.
Ein anderes Mal erwähnte Anna, dass sie sich sehr für chinesische Kalligrafie interessiere. Damit hatte sie ein Thema berührt, auf das er mit Begeisterung einstieg. In ihren Gesprächen war es nun immer öfter um Kunst, Künstler und Kunstwerke gegangen. Mehr noch als im kulinarischen Bereich boten Gegenüberstellungen der künstlerischen Welten beider Kulturen eine schier unerschöpfliche Quelle für Gesprächsstoff. Langsam breitete sich eine völlig neue Welt vor Anna aus.
Gelegentlich hatte Xiaomin Anna mit dem einen oder anderen seiner Freunde bekannt gemacht, unter anderem auch mit Liang, jenem Maler. Der hatte sie beide eines Tages zu einem Besuch in sein Atelier eingeladen. Es befand sich im Dachgeschoss einer alten Fabrikhalle aus Backstein, die zu Künstlerwerkstätten umfunktioniert worden war.
Als Anna und Xiaomin ankamen, war Liang noch nicht anwesend, dafür aber seine Frau Ina, die ebenfalls malte. Sie lud Anna und Xiaomin in eine kleine Kaffeeküche im Erdgeschoss der Fabrikhalle zum Plaudern ein. Aber Anna zog es zunächst hinauf in das Atelier. „Ja geh‘ nur rauf und schau‘ Dich um!“ sagte Ina lachend und verschwand mit Xiaomin in Richtung Kaffeeküche.
Anna stieg die Eisengitterstufen hinauf und betrat den ersten von mehreren ineinander übergehenden hellen Räumen, in die das Dachgeschoss eingeteilt worden war.
Die Düfte von Farben und vielerlei Materialien schwängerten die Luft. Annas Blicke glitten über Bilder, Staffeleien, Farbpaletten, Tuschesteine, Pinsel, Tuben, Töpfe, Bilder, Bilder und nochmals Bilder.
Von Raum zu Raum unterschieden sich Malstile und -techniken so stark voneinander, dass Anna unwillkürlich annahm, durch ein Gemeinschaftsatelier zu streifen, in dem mehrere Künstler arbeiteten. Vielleicht sind einige Räume auch die von Ina, dachte Anna, während sie weiter ging.
In einen Raum sah sie chinesische Tuschebilder. Tuschesteine, Tuschepinsel und große Rollen dünnen Papiers lagen herum. Irgendetwas an diesen Bildern war jedoch anders als bei den klassischen chinesischen Bildern, die sie bisher gesehen hatte. Annas laienhafter Blick gelang es nicht auszumachen, was diesen Eindruck verursachte, aber er blieb ihr im Gedächtnis haften.
In einem anderen Raum standen dicht an dicht Ölbilder im europäischen Stil und Farbpaletten, Tuben mit Ölfarben und die passenden Pinsel bedeckten ein kleines Tischchen am Fenster. In einem dritten Raum waren die Bilder in einem modernen, abstrakten Stil gemalt, den Anna keiner  der beiden Kulturen zuordnen konnte.
Anna ging neugierig durch alle Räume, die offen zugänglich waren, sog jeden Eindruck auf, blieb von Zeit zu Zeit verträumt vor einzelnen Bildern stehen und musste sich irgendwann mit einem Ruck losreißen um wieder nach unten zu den anderen zu gehen.
Liang war inzwischen ebenfalls eingetroffen. Er war deutlich älter als Xiaomin und lebte schon längere Zeit in Deutschland. Nach seinem Studium in China hatter er an der gleichen Universität, an der auch Xiaomin sich mittlerweile beworben hatte, ein Kunststudium absolviert und arbeitete seither als frei schaffender Maler.
Sehr schnell hatte sich zwischen den vieren ein lebhaftes Gespräch entwickelt. Noch ganz ausgefüllt von den vielen Eindrücken aus dem Atelier hatte Anna gefragt, wer denn noch alles in dem Gemeinschaftsatelier oben arbeite?
Liang schaute sie daraufhin verdutzt an, während Ina schnell begriff und schmunzelnd sagte: „Anna, dort oben malt niemand außer Liang. Ich male woanders, die Bilder oben sind alle seine!“ Nun war es Anna, die zunächst verblüfft inne hielt und dann langsam zu ahnen begann, welchen für sie fast unvorstellbaren Umfang die künstlerische Kreativität dieses Malers haben musste.
Inzwischen war es Mai geworden. Unbemerkt hatten sich die Treffen mit Xiaomin für Anna immer mehr zu Höhepunkten ihres Alltags zu entwickelt. Sie genoss die Farbigkeit und Lebendigkeit ihres Austauschs, das verspielte Herumprobieren mit der fremden Sprache, die Begegnungen mit der anderen Kultur, die Streifzüge durch die Kunstwelt und die vielen Überraschungsmomente, die dies alles mit sich brachte. Welch ein Gegensatz zu ihrem beruflichen Alltag, in dem es in tief eingefahrenen Gleisen ausschließlich um staubtrockene Zahlenspiele und zählebige Bürointrigen ging. Und was das Chinesischlernen anging, so war nun auch Annas Ehrgeiz voll erwacht und sie begann, mehr und mehr ihrer Freizeit darauf zu verwenden.
Xiaomin hatte derweil seine Reisepläne weiter verfolgt und war mit dem Zug durch Österreich und Italien gefahren. Nach seiner Rückkehr erfuhr Anna, dass ihm die Pizza in Deutschland besser schmeckte als in Italien und dass von allen Europäern, die er bisher kennengelernt hatte, das Verhalten der Süditaliener dem der Chinesen am meisten ähnle. Irgendwann kramte er dann den Prospekt eines Reiseunternehmens aus der Tasche und erzählte, es sei für ihn ein lang gehegter Traum, auch einmal nach Paris zu fahren.
In dem Prospekt hatte er die billigsten Kurzreisen per Bus mit Ziel Paris markiert und unvermittelt fragte er Anna, ob sie ihn am nächsten Wochenende auf so eine Bustour begleiten wolle? Obwohl Anna Überraschungen von ihm gewohnt war, fühlte sie sich nun doch überrumpelt. Sie müsse zunächst mit ihrer Arbeitsstelle klären, ob sie den Freitag so kurzfristig frei bekommen könne, ließ sie ihn wissen.
Am nächsten Tag war Anna im Büro nicht ganz bei der Sache. „Eigentlich sind solche superbilligen Busreisen doch eher etwas für Achtzehnjährige, oder?“ fragte sie sich. „Was für eine Schnapsidee, sich auf so etwas einzulassen! … Andererseits, warum nicht auch mal was Verrücktes tun?“
Hin- und herschwankend zwischen der mittlerweile in ihr wachgekitzelten Lebenslust und dem, was sie als gesunden Menschenverstand ansah, vergingen die Stunden. Dann am Spätnachmittag, als das Büro fast einen ganzen Arbeitstag Zeit gehabt hatte, sie mit seiner Monotonie zu ersticken, stand Anna abrupt auf, ging zu den Kollegen, mit denen sie sich hierfür abstimmen musste und bekam den Urlaubstag den sie wollte.
Am folgenden Donnerstag fanden sich Anna und Xiaomin gegen Abend am zentralen Busbahnhof ein. Die noch warme, langsam untergehende Maisonne beschien einen quietschgrünen Reisebus älteren Baujahrs, dessen fragwürdigen Zustand der frisch aufgetragene Lack nicht an allen Stellen verbergen konnte. Insbesondere die Reifen sahen so aus, als müßten sie schon länger ohne Profil auskommen. „Regegenbogenreisen“, stand auf dem Firmenemlogo unter einem farbenprächtigen Regenbogen zu lesen.
Anna gesellte sich zur Gruppe der übrigen Fahrgäste, die sich langsam vor dem Buseingang sammelten. Zu ihrer Überraschung bestand die Gruppe zu fast zwei Dritteln aus Chinesen, die alle lauthals durcheinander schnatterten. Xiaomin, der in einer geräumigen Hängetasche seine Fotoausrüstung mitschleppte, fiel unter ihnen nicht weiter auf, Anna dafür umso mehr. Die chinesischen Sprachfetzen, die nun von allen Seiten auf sie einprasselten, ließen Anna kurzzeitig daran zweifeln, dass sie sich noch in Deutschland befand.
Später, als der Bus über die Autobahn in die Nacht rollte, vertrieben Anna und Xiaomin sich die Zeit so lange mit Sprachunterricht bis sie zu müde waren um noch länger die Augen offen zu halten.
Am nächsten Morgen waren sie nicht mehr weit von Paris entfernt, als Anna erwachte. Trotz der unbequemen Sitzposition in dem für solche Reisen kaum geeigneten Bus musste sie tief geschlafen haben.
In Paris angekommen, beschränkte sich die Reiseleitung auf das Notwendigste. Die ganze Gruppe wurde einfach in einer engen Seitenstraße im Stadtzentrum ausgesetzt. Vorher hatte man noch bekannt gegeben, man solle sich am nächsten Tag gegen fünf Uhr nachmittags wieder am selben Ort zur Heimreise einfinden. Diejenigen, die wie Xiaomin und Anna eine Hotelübernachtung mitgebucht hatten, könnten in dem Hotel jederzeit einchecken, die Rezeption sei auch nachts besetzt. Den meisten Chinesen schien dies alles mehr als recht zu sein. Ganz offensichtlich verfolgten sie ihre eigenen Pläne und kaum ausgestiegen waren sie in wenigen Augenblicken in alle Himmelsrichtungen davongeeilt. Xiaomin meinte, dass kaum die Hälfte von ihnen wieder nach Deutschland zurück fahren würde. Er sollte recht behalten damit.
Er selbst wollte auf dieser Reise möglichst viele der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt sehen und fotografieren: den Eiffelturm, den Triumpfbogen, die Champs Elysees, die Seine, den Place de la Concorde, Sacre Coueur, Montmarte und das Centre Pompidou standen auf seiner Wunschliste. Anna, deren Kenntnisse der Stadt von früheren Besuchen her nur lückenhaft waren, hatte sich vor der Abreise einen Stadtplan besorgt und ließ sich vom Busfahrer zeigen, wo sie sich gerade befanden. Schnell einigte sie sich dann mit Xiaomin auf den Eiffelturm als erstes Ziel und beide setzten sich in Bewegung.
Für Anna war bald absehbar gewesen, dass Xiaomins Besichtigungspläne auch dann noch viel zu sportlich waren, wenn sie alles mit größtmöglicher Eile abzuarbeiten versuchten. Aber schon auf dem Weg zum Eiffelturm stellte sich heraus, dass es noch weitere Gründe gab, die ihre Wanderung durch Paris ganz anders verlaufen lassen würden als zuerst gedacht.
Xiaomin ließ sich nämlich immer öfter von Fotomotiven einfangen, die ihm an den überraschendsten Stellen ihres Weges geradezu in die Augen zu springen schienen. Er packte dann seine Kamera aus, manchmal kam zusätzlich ein Klappstativ zum Einsatz, er suchte die richtige Perspektive und das richtige Licht und vergaß darüber die Zeit. Mehr und mehr schien er in seiner Arbeit aufzugehen, während Anna ihn mit zunehmenden Interesse zu beobachten begann.
Neugierig geworden, begann sie nachzufragen, was ihn an diesem oder jenem Motiv gefallen hatte und worauf er beim Fotografieren Wert legte. Er begann, ihr von der Wirkung von Licht und Farbe, von Perspektiven und Blickwinkeln zu erzählen und davon, was für ihn Schönheit bedeutete. Anna verstand bald, dass es ihm bei der Wahl seiner Motive viel mehr um künstslerische Aspekte ging, als darum, Sehenswürdigkeiten möglichst hübsch abzulichten. Eine für Anna durchaus willkommene Nebenwirkung dieser Gespräche war, dass ihn die Erklärungsversuche mit seinem für solche Themen noch unzulänglichen deutschen Wortschatz vorübergehend von der Jagd nach weiteren Fotomotiven ablenkte und sie so auf ihrem Weg ein Stück weiter kamen.
Am Eiffelturm angekommen, holte Anna ebenfalls ihre Kamera aus dem Rucksack. „Irgend jemand muss ja auch die Touristenfotos machen“, erklärte sie lachend und überließ ihn für eine Weile seiner Kamera, während sie sich auf die Suche nach Motiven machte, die sie selbst interessierten.
So sehr Anna sich auch anstrengte, sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie sie anschließend in den Turm hinauf gefahren waren, wie es oben gewesen war und welches Ziel sie danach angesteuert hatten. Der ganze Rest des Tages verschwamm in einen sonnenbeschienenen Reigen aus Place del la Concorde, Champs Elysees, einem Café irgendwo am Straßenrand, Invalidendom, Triumpfbogen und Sacre Coeur, dazwischen ein bißchen Metro und viele Kilometer Fußmarsch.
Gegen Abend waren sie am Seineufer unterwegs gewesen. Beide spürten den zurückgelegten Weg in ihren Beinen, während sie auf eine der alten Seinebrücken zugingen. Xiaomin wollte die Brücke unbedingt noch fotografieren, bevor das Abendlicht dafür nicht mehr ausreichte. Anna hatte schon vor einiger Zeit bemerkt, daß er zu hinken begonnen hatte und plötzlich sagte er: „Deutsche Frauen marschieren wie chinesische Soldaten!“. Anna konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, aber auch ihr reichte es für diesen Tag und sie beschlossen, sich von der Brücke aus auf die Suche nach dem Hotel zu machen.
Auf halbem Weg dorthin gönnten sie sich einen Nachtimbiss in einem kleinen Schnellrestaurant und als sie sich danach wieder auf den Weg machten, war es längst dunkel geworden.
Die Orientierung wurde schwieriger und sie mussten mehrfach unter einer Straßenlaterne anhalten, um mit Hilfe des Stadtplans die Richtung zu finden. Einmal fragte Xiaomin einen Chinesen nach dem Weg, der ihnen auf dem Bürgersteig entgegen geeilt kam. Anna konnte das Gespräch der beiden nur bruchstückhaft verstehen, aber sie bekam mit, dass die Antwort des Chinesen sehr verlegen geklungen hatte. Auf ihr Nachfragen erklärte Xiaominn, nun selbst verlegen, dass das Hotel im „schlimmsten“ Viertel von Paris liege und sein Tonfall ließ wenig Zweifel daran, wie dies zu verstehen war.
Bei dem geringen Reisepreis, den sie bezahlt hatten, hatte Anna damit gerechnet, dass es sich bei dem „Hotel“ um eine heruntergekommene Hinterhofpension handelte. Aber dass es mitten im berüchtigtsten Rotlichtviertel von Paris lag, das dämmerte ihr erst jetzt.
Trotz aller Verlegenheit blieb ihnen nun jedoch nicht viel anderes übrig, als in Richtung dieses Hotels weiter zu gehen. Als sie es endlich erreicht hatten, wurden sie von einem mürrischen Nachtportier in einer winzigen Hotellobby empfangen.
Nachdem sie ihm ihre Reiseunterlagen auf den Rezeptionstresen gelegt hatten, schob er ihnen wortlos den Zimmerschlüsse zu und deutete in Richtung einer Treppe, die hinauf zu den Zimmern zu führen schien.
Während die Hotellobby noch recht neutral ausgesehen hatte, wurde beim Hinaufsteigen schnell deutlich, um welche Art von Hotel es sich hier handelte. Scharlachrote Tapeten zierten die Wände und der Fußboden war mit einem Teppich ausgelegt, der vor langer Zeit wohl ebenfalls diese Farbe gehabt haben mochte. Xiaomin war vor Anna her gegangen, schloss oben am Ende des Gangs die Tür ihres Zimmers auf und als sie aufschwang blieb er mit einem erschrockenen „Oh!“ wie angewurzelt im Türrahmen stehen.
An ihm vorbeischauend konnte Anna ein französisches Bett mit einer rosengemusterten, billigen Tagesdecke, darunter ein umgeschlagenes Laken und zwei Nackenkissen ausmachen. An der gegenüber liegenden Wand befand sich die Dusche, eine zylinderförmige, schrankgroße Tonne aus Duschwänden, mitten im Zimmer aufgestellt. Daneben war das schäbige Waschbecken montiert und eine Toilette gab es nur auf dem Flur. Offensichtlich hatte Xiaomin mit so etwas wie einem französischen Bett überhaupt nicht gerechnet. Zögerlich betrat er das Zimmer, um dann unschlüssig und hilflos darin herumzustehen.
Anna war hin und her gerissen zwischen Verlegenheit und Belustigung. Schließlich stellte sie ihren Rucksack auf einen der beiden Stühle, die die karge Ausstattung des Zimmers vervollständigten, zog den Trainingsanzug heraus, den sie für die Nacht mitgenommen hatte und verschwand damit in Richtung Flurtoilette. Sie ließ sich mit dem Umziehen länger Zeit als nötig. Als sie nach ihrer Rückkehr die Zimmertür öffnete, musste sie an sich halten um nicht laut loszulachen.
Xiaomin lag kerzengerade und stocksteif im Bett, hatte sich das Laken bis unter das Kinn hochgezogen und Anna hatte den Eindruck dass er einschließlich seiner Windjacke nach wie vor so angezogen war wir vorhin draußen auf der Straße. Nur seine Schuhe standen vor dem Bett. Die Augen hielt er fest zugedrückt und stellte sich schlafend.
Anna schloss die Zimmertür hinter sich. „Was um Himmels willen erwartet er?“ fragte sie sich schmunzelnd. Sie holte ihren Wecker heraus und stellte ihn auf sechs Uhr, damit sie auch den nächsten Tag noch gut ausnutzen konnten. Dann griff sie sich die Rosendecke und kaum hatte sie sich auf der noch freien Betthälfte darin eingerollt, war sie auch schon eingeschlafen.
Vom ganzen nächsten Reisetag war Anna nur noch der Besuch beim Centre Georges Pompidou in Erinnerung geblieben. Wie sich dort herausstellte, konnte man wegen Sanierungsarbeiten nicht hinein. Aber auch von außen war das Gebäude mit seiner modernistischen Fassadenarchitektur den Weg wert gewesen und Anna hatten es insbesondere die farbenfrohen Skulpturen im Brunnen vor dem Gebäude angetan. Xiaomin hatte wieder begonnen, mit seiner Kamera auf Motivjagd zu gehen und so schlenderten sie langsam durch die Straßen des Viertels Richtung Louvre.
In einer Seitenstraße, noch ganz in der Nähe des Centre, fielen Anna ein paar leuchtend himmelblaue Linien ins Auge, die wie ein Graffiti auf den Bürgersteig gesprüht waren. Xiaomin war schon darüber hinweg geschritten, während er mit seinem Objektiv die Hausfassaden ins Visier nahm. Anna blieb stehen und entdeckte, dass da jemand mit einfachsten gestalterischen Mitteln einen Gullydeckel als Ausgangspunkt für eine versunken vor sich hin tanzende Figur genommen hatte. Gerührt versuchte Anna, den Anblick mit ihrer Kamera einzufangen. Im Stillen freute sie sich, dass auch sie einmal ein Motiv entdeckt hatte, das nicht nur ein „Touristenfoto“ abgab.
Nach dieser Reise war Anna die Rückkehr in ihren Alltag sehr schwer gefallen. Es war ihr so vorgekommen, als ob sie 2 Wochen weg gewesen wäre, nicht nur zweieinhalb Tage und es dauerte fast die ganze folgende Arbeitswoche, bis sie wieder in ihr Leben hineingefunden hatte.
Anna investierte nun noch mehr ihrer ohnehin knappen Freizeit ins Chinesisch-Lernen und als sie erfahren hatte, dass Liang demnächst einen Kalligrafie-Kurs anbieten wollte, hatte sie sich ohne Zögern bei ihm angemeldet.
Auch die Treffen mit Xiaomin setzten sich bis in den Sommer hinein fort. Bis er einmal an einem verregneten Nachmittag ungewohnt bedrückt und wie ein Häufchen Elend an Annas Küchentisch hockte. Sie hatte ihn noch nie in einer solchen Stimmung erlebt und fragte ihn, was denn passiert sei.
Da zog er einen Umschlag aus dem Rucksack und sagte, die Universität hätte seine Bewerbung um einen Studienplatz abgelehnt, so viel könne er aus diesem Schreiben entnehmen. Darüber hinaus stünde darin aber noch eine Begründung, deren Bedeutung er nicht richtig verstehen könne. Er schob den Umschlag zu Anna hinüber und bat sie, so gut wie möglich zu übersetzen.
Sie überflog den Brief. „… unzureichend ausgeprägte kreative Eigenständigkeit …“ stand da in der Rubrik Begründung zu lesen.
Anna zögerte. Wie sollte sie ihm das erklären? Sie hatte ja selbst kaum einen Begriff davon, was kreative Eigenständigkeit sein mochte. Und auch wenn sie das gehabt hätte, wäre sie mit ihren begrenzten Chinesisch-Kenntnissen kläglich an einer Übersetzung gescheitert. Außerdem bedrückte es sie, diejenige zu sein, die für ihn ein solches Urteil übersetzte.
„Ich kann jedes einzelne dieser Wörter verstehen“, brachte sie schließlich hervor, „aber den Sinn dieses Satzes könnte ich dir nicht einmal auf Deutsch erklären. Ich habe selbst kein Verständnis davon, was mit kreativer Eigenständigkeit gemeint ist“.
Es vergingen einige Augenblicke ratlosen Schweigens, bis Anna der Gedanke kam, den Maler Liang als Vermittler einzuschalten. Xiaomin fand den Vorschlag gut und wollte gleich auf dem Nachhauseweg noch versuchen, bei Liang vorbei zu schauen.
Nach diesem Treffen war alles sehr schnell gegangen. Mangels Studienplatz lief Xiaomins Visum zum Ende des folgenden Monats aus. Innerhalb weniger Tage hatte er seine Bleibe aufgelöst und war in Richtung Griechenland zu einer letzten Reise durch in Europa aufgebrochen.
Zurück blieb eine Anna, die lange Zeit brauchte, um das Loch zu füllen, das er in ihrem Leben hinterlassen hatte.
Inzwischen war es Nacht geworden. Der Wintermond schien fahl durch einen dünnen Wolkenschleier auf den Dielenboden vor Annas Sessel.
Der restliche Tee war kalt geworden und Anna stand auf, um sich die vom Mittagessen übrig gebliebene Suppe warm zu machen. Wie gegenwärtig ihr die Erinnerungen an jenen Frühling doch immer noch waren … nachdenklich rührte Anna im Suppentopf. Und hätte es jenen Maiausflug nicht gegeben, ihr Leben wäre in den letzten Jahren völlig anders verlaufen, da war sie sich sicher.

Sommersonnenwende

Und wirklich, der Frühling brachte auch dieses Jahr Bewegung in Annas Leben. Sie hatte allerdings ihr Blatt bis zum letzten Trumpf ausgereizt, um einen Ausweg aus der lähmenden Stagnation zu finden, in die sie mit Anbruch des Winters hinein geschlittert war.
Während eines am Ende erfolglosen Bewerbungsgesprächs hatte sie einmal einen Hinweis auf eine berufliche Weiterbildung aufgeschnappt, in die sie nun ihre ganze Hoffnung setzte.  Da das Arbeitsamt eine Kostenbeteiligung verweigerte, zehrte der Kurs mit einem Schlag ihre finanziellen Reserven auf. Hätte sie danach nicht umgehend eine Anstellung gefunden, wäre der Gang zum Sozialamt noch vor Beginn des Sommers unumgänglich geworden.
Anna sträubte sich lange dagegen, ein so hohes Risiko einzugehen. Irgendwann sah sie jedoch keinen anderen Ausweg mehr und buchte die Intensivkurs-Variante. Sie hoffte, so das Abschlusszeugnis schneller in der Hand zu halten.
Anna war es nicht leicht gefallen, sich unter dem Druck, den ihre Situation auf sie ausübte, auf das Seminar zu konzentrieren, auf die beiden sechsstündigen Abschlussprüfungen zu lernen und auch während der Prüfungen noch die Nerven zu behalten. Es zeigte sich jedoch schon im ersten Bewerbungsgespräch, zu dem sie anschließend eingeladen wurde, dass ihre Entscheidung richtig gewesen war. Noch während des Gesprächs wurde ihr die Stelle zugesagt, mit Beginn am 1. Mai, dem „Tag der Arbeit“, wie Anna rückblickend feststellte.
Anschließend dauerte es fast drei Tage, bis Anna ganz begriff was passiert war. Aber dann konnte sie das erste Mal seit Monaten tief durchatmen. Die wochenlange Anspannung glitt von ihren Schultern wie die Lawinen tauenden Altschnees, die zum Ende des Winters vom Steildach ihres Häuschens in den Garten gestürzt waren. Anna konnte den Frühling nun unbeschwert genießen. 
An einem Wochenende im April hatte Annas hoch betagte Tante Sofia ihren Besuch angekündigt. Sie war das letzte noch lebende der fünf Kinder Anna Hofmanns, deren Häuschen Anna vorsichtig anfing ihr Eigen zu nennen. Für ihre neunzig Jahre war Sofia körperlich sehr rüstig, am meisten beeindruckten aber ihre Neugierde, ihre Schlagfertigkeit und der schiere Umfang ihres Erinnerungsschatzes, in den sie bei ihren lebhaften Erzählungen hinein griff wie ein virtuoser Pianist in die Tasten seines Steinway.
Nachdem Sofia von ihrem Sohn bei Anna abgesetzt worden war, wollte sie zuerst sehen, wie Anna sich in dem alten Haus eingerichtet hatte, wie sie die Zimmer nutzte, was sie renoviert hatte, welche Möbel vorhanden waren und ob sie anders standen als früher. Danach sollte auch der Garten noch eingehend begutachtet werden.
Während Anna hinter der alten Dame her durch die Räume ging, blieb diese plötzlich vor der alten Pendeluhr stehen, die Anna vor kurzem aus den Umzugskisten geholt und im Flur aufgehängt hatte, ohne sie jedoch in Gang zu setzen. „Nicht wahr, die hängt nur zur Zierde hier, die ist schon seit Deiner Kindheit immer kaputt bei Euch herumgehangen weil man sie nicht mehr reparieren kann.“ stellte Sofia mit der untrüglichen Präzision ihres Gedächtnisses fest. „Ja stimmt“ bestätigte Anna, „meine Eltern brachten sie sogar mal zum Uhrmacher hier am Ort zur Reparatur. Hinterher fluchten sie über die hohe Rechnung, und die Uhr lief immer noch nicht. Und ob Du’s glaubst oder nicht, jetzt tickt sie wieder richtig, ich habe sie nur noch nicht angestoßen!“.
Das rührte die alte Frau sichtlich. „Weißt Du diese Uhr ist wirklich uralt… Die hing schon in meiner Kindheit in Oma Annas Wohnstube. Wir waren ja fünf Kinder damals, und an dieser Uhr haben wir uns gegenseitig die Zahlen und die Uhrzeiten beigebracht!“ erzählte sie mit hörbar belegter Stimme weiter. „Und wer hat sie nun wieder in Ordnung gebracht?“
Anna öffnete die gläserne Fronttür der Uhr und versetzte dem Pendel einen sanften Schubs. Tick, Tack, Tick, Tack… setzte sich die Mechanik in Bewegung und für einige Sekunden gelangt es dem Hin und Her des Pendels, die Blicke der beiden Frauen an sich zu fesseln. Auf dem Boden des Uhrkastens fand sich ein unförmiger Flügelschlüssel, mit dem man die Uhr aufziehen musste, wenn sie länger durchhalten sollte. Anna setzte den Schlüssel in die Nabe, die im Ziffernblatt neben der Acht saß und drehte ihn sanft ein paar mal um seine Achse. Der Uhr entlockte dies ein metallisches Schnarren.
„Das ist eine längere Geschichte… “ griff Anna den Faden wieder auf. Nachdenklich schloss sie den Uhrkasten. „Komm, ich habe uns Kuchen besorgt und der Kaffee ist auch schon fertig. Lass uns in der Küche eine Pause einlegen, dann erzähl‘ ich Dir, wer unsere Familienuhr wieder repariert hat. Unser Uhrmacher hier, der war’s jedenfalls nicht!“ fügte sie augenzwinkernd hinzu.
Auch wenn es schon Jahre her war, seit die beiden sich das letzte Mal begegnet waren, war der Draht zwischen ihnen nie unterbrochen worden. Immer wieder hatte sich Tante Sofia in langen Telefonaten über das Wichtigste im Leben ihrer Nichte auf den neuesten Stand bringen lassen. Sie konnte oft nicht nachvollziehen, was es eigentlich war, das Anna durch ihr Leben trieb und welche Beweggründe hinter ihren Entscheidungen standen. Aber sie war eine der Wenigen, die auf dem Laufenden waren, ob es Anna gerade gut ging, welche Ziele sie verfolgte und wer gerade in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielte. Auch über die Ereignisse, die Annas letzte Jahre geprägt hatten, hatte sie sich so einen groben aber lückenlosen Überblick verschafft.
„Ich hab‘ Dir doch mal von diesem Fotografen erzählt, der, den die Sprachschule mir mal als Sprachpartner vermittelt hatte…?“ sprudelte Anna los, kaum dass die beiden sich an Annas rundem Küchentisch nieder gelassen hatten. „Ja, Ja, ich erinnere mich, der mit dem Du dann gleich nach Paris gefahren bist… den meinst Du doch, oder?“ „Genau den meine ich“, bestätigte Anna. „Aber ist der nicht kurz darauf wieder zurück nach China?“ „Ja, ist er, und als er weg war hab ich gemerkt, dass mir mein Chinesisch-Kurs an der Sprachschule immer weniger gab. Ich fand den Unterricht plötzlich fade. Ich merkte, das mir auch die Begegnungen mit Chinesen fehlten. Unsere Lehrerin war zwar auch eine Chinesin und machte einen guten Unterricht, aber mit jeder weiteren Woche fühlte sich alles immer mehr an wie Autofahren im Simulator.
Und dann kam ich auf die Idee, meinen Jahresurlaub für eine Sprachreise nach China zu nutzen…“ „Ha, ich wusste doch, Du wolltest diesem… wie hieß der noch? … hinterher!“ bohrte Tante Sofia prompt in die weiche Flanke, die Anna ihr zu bieten schien. Anna musste erst mal Luft holen. „Nun mach mal langsam, so war es doch gar nicht“ wiegelte sie ab, „Xiaomin war zu der Zeit beruflich im Süden Chinas unterwegs.“
Tante Sofia war Enttäuschung anzumerken, was Anna die Möglichkeit bot, das Gespräch in eine Richtung zu lenken, die ihr besser zusagte. „Du hast schon recht,“ gab sie zu, „der fehlte mir schon. Vor allem aber wollte ich sein Land endlich mit eigenen Augen sehen. Das ist alles so vielgestaltig und faszinierend, dieser Schritt war einfach notwendig geworden. Also bin ich ins Reisebüro und die hatten eine Sprachreise an diese Pekinger Universität im Angebot. Ich buchte einen zweiwöchigen Kurs und noch eine Woche zur freien Verfügung hintendran. Ab da habe ich nur noch auf diesen Urlaub hin gelebt und Reisevorbereitungen getroffen. Sogar der Chinesisch-Kurs war plötzlich wieder interessant!
Und wie aufgeregt ich war, als ich dann endlich im Flugzeug saß, wie ein kleines Kind! Ich musste zuerst nach Amsterdam und dort in den Langstreckenflieger umsteigen. Irgendwo über Russland wurde es Nacht. Oben sah man den Sternenhimmel und unten leuchteten die Lichtpünktchen von Ortschaften aus dem Schwarz, die sahen auch aus wie kleine Sternhaufen. Alles floss ineinander und mir wurde fast schwindlig davon. Danach konnte ich aber ein bisschen schlafen und als ich wieder aufwachte war es schon taghell. Unter mir gab es plötzlich nur noch ockerfarbene oder rötliche Gebirgszüge und dazwischen sandfarbene Ebenen soweit ich schauen konnte. Einzelne kleine Seen sah man gelegentlich türkisfarben schimmern,  aber sonst kein Grün, nichts als Wüste, über Stunden hinweg. Das änderte sich erst kurz vor Peking, ich hatte den Eindruck als bestünde das ganze Land nur aus Sand und Steinen.“
„Ich bin noch nie geflogen…“ bemerkte Tante Sofia. „Ich traue mich einfach nicht, in so ein Ding einzusteigen. Aber es muss wunderschön sein…“ „Ach weißt Du, solche Langstreckenflüge sind oft einfach nur öde, die meisten vergesse ich gleich wieder. Aber an diesen kann ich mich noch genau erinnern.“ nahm Anna den Faden wieder auf. „Am Flughafen wurde ich abgeholt und was meinst Du, wie froh ich war, dass ich den Taxi-Transfer zur Universität gleich mit gebucht hatte. Erst beim Verlassen des Flughafens habe ich nämlich gemerkt, dass ich hier nicht nur die Sprache kaum verstehe, sondern dass ich eben gerade Analphabetin geworden war. Ich war es bisher gewohnt, im Ausland aus der Schrift immer noch ein paar Bedeutungsfetzen herauslesen zu können, auch wenn ich die Sprache nicht konnte. Aber hier?“
 „Aber hättest Du Dir das nicht denken können?“ hakte Tante Sofia gleich ein. „Doch, denken schon… aber wie es wirkt, wenn ich dann in der Situation drin bin, das habe ich mir nicht vorstellen können. Und es ging den ganzen restlichen Tag so weiter. Je weiter das Taxi in die Stadt rein fuhr, umso dichter und lauter wurde das Leben draußen. Du kannst Dir das Gewühl nicht vorstellen! Autos, Radfahrer, Straßenhändler, Fußgänger, überfüllte Busse, alles quirlte und schob sich kreuz und quer durcheinander, als gäbe es keinerlei Verkehrsregeln. Der Fahrer hat auf seinem Weg kein Risiko gescheut und mich hat es zwischen Panik und Apathie hin und her geworfen. Weißt Du, Straßenverkehr in Rom, das ist etwas Geordnetes und Beschauliches dagegen, und hier in Deutschland sowieso.
Auch an der Uni ist es chaotisch weiter gegangen. Nichts war in Englisch oder irgend einer anderen westlichen Sprache ausgeschildert und ich habe mich mit Händen und Füßen bis zu dem Gebäude durchgefragt, in dem die Anmeldung war. Und als ich endlich in meinem Wohnheimzimmer ankam war ich so erschossen, dass ich mich erst mal für eine Stunde aufs Bett geworfen habe.“ „War es da nicht ohnehin schon wieder Nacht?“ wollte Tante Sofia wissen. „Nein, es war erst Nachmittag und ich hab‘ mir den Wecker gestellt, weil ich gegen Abend noch raus wollte.
Als ich dann los bin hat die Sonne noch geschienen. Ich bin zuerst auf dem Uni-Gelände herumgelaufen. So ne chinesische Uni ist eine kleine Welt für sich, viele langgezogene Backsteingebäude, ein paar größere und neuere Bauten und ein hoher Eisenzaun um das Ganze rum. Auf dem Gelände gab es alles, Unterrichtsgebäude, Wohnheime, mehrere Kantinen, Sportstätten, eine Bibliothek, eine kleine Parkanlage und sogar eine Bank hatten sie.
Die meisten Leute, die mir begegnet sind, waren asiatische Studenten, chinesische und solche aus anderen asiatischen Ländern. Damals konnte ich diese Gruppen noch nicht auseinander halten. Ich hab‘ nur gewusst, dass etwa die Hälfte der Studenten dieser Uni Chinesen sind, der Rest Ausländer wie ich.“ „ Kann man die Asiaten denn überhaupt auseinander halten?“  „Doch, mit der Zeit geht das immer besser, aber hundertprozentig richtig liege ich auch heute nicht immer. Leute aus dem Westen waren übrigens nur sehr wenige da und fast alle, denen ich begegnete, waren deutlich jünger als ich. Alles wirkte ruhig, gepflegt und aufgeräumt.
Ich hatte noch ein bisschen Zeit und bin dann raus auf die Straße. Das Haupttor war von Männern in Uniform bewacht, die erst meinen nagelneuen Studentenausweis sehen wollten, bevor sie mich durch ließen. Und draußen brodelte dann wieder das Chaos.
Gott sei Dank gab es einen breiten Bürgersteig und ich habe mich einfach vom Strom der Menschen mitziehen lassen.“ „Also da hätte ich Angst gehabt mich zu verlaufen!“ wandte Tante Sofia ein. „Die hatte ich auch, aber ich wollte nicht weit von der Uni weg, nur so mal einen Block oder zwei die Straße rauf.
Es war aber schon ziemlich viel Fremdheit auf einmal… Allein die schiere Masse fremder Menschen, aber auch die Gebäude sahen anders aus als bei uns. Bei den meisten konnte ich mir keinerlei Reim drauf machen, ob sie nun Wohnhäuser, Geschäftshäuser oder noch etwas anderes waren. Manchmal hatte ich beim Gehen den Eindruck, dass der Boden unter meinen Füßen schwankt. Als ich dann an der Kreuzung zum nächsten Block ankam, musste ich ja irgendwie durch das Gewühl da rüber kommen. Ich hab‘ ziemlich lange an der Bordsteinkante gestanden und versucht, irgendwas zu erkennen, das mir weiter helfen könnte.“
„Gab es denn keine Ampeln, in einer Stadt wie Peking?“ wunderte sich Tante Sofia. „Doch, da waren wohl welche, und die waren auch in Betrieb. Aber niemand hat auch nur einen Blick auf sie verschwendet. Nach einer Weile habe ich mich dann einem jungen Paar mit kleinem Kind an die Fersen geheftet. Die hatten anscheinend verstanden wie es mir ging. Sie lächelten mich an und schauten sich ein paarmal um ob ich auch gut hinterher komme.
Ein paar hundert Meter weiter kam dann ein Gelände, das war wie eine kleine Plantage in Reih und Glied mit Pinien bepflanzt, mitten im Häusermeer. Es war ein bisschen ruhiger dort und ich habe zugeschaut, wie hinter den Bäumen die Sonne untergeht.
Ich war richtig froh, dass wenigstens die Sonne die gleiche ist wie bei uns und dachte: ‚Von dort, wo sie untergeht, bin ich heute her gekommen.‘ Da kam die schwankende Erde unter mir zum Stillstand, als würde sie irgendwo einrasten. In meinen Ohren hörte ein Rauschen auf, das die ganze Zeit da gewesen war ohne dass ich es bemerkt hatte. Ich spürte den Abendwind auf meiner Haut, hörte die Leute um mich rum rufen, lachen und trappeln, es war, als wäre eine Blase geplatzt.“ „Ja, da warst Du erst richtig gelandet.“ stellte Tante Sofia fest.
„Aber sag mal, was hat das jetzt alles damit zu tun, wer die alte Uhr repariert hat? Du hast das Ding doch nicht mit nach Peking geschleppt, oder?“ Anna kicherte, als sie sich mit der fast einen Meter hohen Pendeluhr unterm Arm durch das Gewimmel der Menschen in Pekings Straßen stolpern sah. „Um Himmels Willen, das hätte die Uhr niemals überlebt. Aber ich glaube, ohne diese Reise hätte ich den richtigen Uhrmacher nie gefunden!
In der letzten Woche hatte ich doch noch ein paar unterrichtsfreie Tage und da habe ich Xiaomins Familie kennen gelernt, seine Schwester und seine Eltern. Keine Sorge, Sofia, das hat auch was mit der Uhr zu tun. In China laufen halt viele Dinge über ein paar mehr Ecken als bei uns. Ich war überrascht, dass diese Familie gläubige Christen sind. Davon hatte Xiaomin mir nie etwas erzählt.“
Tante Sofia war selbst sehr gläubig und nun war sie sprachlos, was bei ihr einiges hieß. „Das gibt’s doch gar nicht!“ entfuhr es ihr dann. „Ja, sie luden mich sogar zu einem Gottesdienst ein. Das war eines der erstaunlichsten Erlebnisse der ganzen Reise für mich! Du weißt ja, dass ich mir nicht viel aus Religion mache, aber dieser Gottesdienst hat mich berührt. Von der Predigt habe ich nichts verstanden, die Liedtexte und die chinesische Bibel konnte ich auch nicht lesen. Der ganze Rahmen, das kleine weiße Kirchlein, die Melodien und das Zeremoniell wirkten, als fände der Gottesdienst im Westen statt. Nur die Menschen nicht, denn sie nahmen mit so einer stillen, fröhlichen Hingabe teil, ganz anders als ich das bei uns je erlebt habe.
Später sind wir alle noch zusammen in ein kleines Restaurant gegangen. Xiaomins Schwester kann Englisch sprechen und zusammen mit meinem etwas besser gewordenen Chinesisch konnten wir uns einigermaßen unterhalten. Die Familie erzählte, dass es auch im Ausland Ableger dieser Gemeinde gibt, unter anderem in meiner Stadt. Sie würden mich gerne mit den Freunden bekannt machen, die sie unter den Gemeindemitgliedern dort hätten. Und so schrieb ich mir Namen und Adressen einer gewissen Familie Wu auf, mehr aus Höflichkeit als in der Absicht, sie nach meiner Rückkehr wirklich zu kontaktieren.“
„Wie war das überhaupt nach Deiner Rückkehr,“ unterbrach Tante Sofia da. „Wir hatten damals ja einmal telefoniert und Du wirktest am Telefon so durcheinander, dass ich mir Sorgen gemacht habe“ fuhr sie mit ihrem untrüglichen Gespür für Annas weiche Stellen fort.
„Ja, Du hast recht, danach wurde es erst richtig schwierig für mich.“ gab Anna zu. „Ich habe bald gemerkt, dass ich nicht mehr in mein altes Leben zurückfinden konnte. Es ist mir auch früher schon passiert, dass ich nach einer längeren Fernreise eine Weile gebraucht habe, bis ich mich wieder an meinen Alltag gewöhnt hatte. Aber spätestens nach zwei Wochen war das dann vorbei und ich war wieder drin im alten Trott.
Diesmal passierte das einfach nicht, im Gegenteil! Ich hatte das Gefühl, als schaute ich meinem bisherigen Leben von außen zu, als wäre es nach meinem Abflug hinter meinem Rücken in eine riesige Schneekugel verwandelt worden, an deren Glaswand ich mir jetzt die Nase platt drücken konnte so lange ich wollte, ich kam nicht mehr rein. Mit der Zeit wurde es eher schlimmer als besser, es war, als würde etwas, das vorher fugenlos zusammengepasst hatte langsam auseinanderdriften. Und ich konnte es nicht aufhalten.
Am meisten habe ich es bei der Arbeit gemerkt, aber da hatte es seine guten Seiten. Die Querelen zwischen Kollegen, die Taktiken der Chefs, Verzögerungen der Projekte, unrealistische Erwartungen der Kunden, das alles hat mich vorher immer schnell gestresst und fertig gemacht. Jetzt jedoch ließ es mich plötzlich kalt. Ich ging hin, machte meine Arbeit und war abends fertig damit. Weißt Du, so gut mir diese plötzliche Gelassenheit tat, sie machte mir auch Angst.
Und im privaten Kreis passierten Sachen, bei denen mir manche Leute immer sonderbarer vorkamen…“ „Was meinst Du denn damit?“ Tante Sofia schaute skeptisch. „Dieser China-Aufenthalt scheint Dir wirklich nicht gut getan zu haben!“. „So würde ich das auch wieder nicht sagen…“ Anna war nachdenklich geworden. „Aber Du hast recht, ich war nach meiner Rückkehr verändert, ohne dass ich sagen konnte was es war…“. Nach wie vor sprach Skepsis aus Tante Sofias Blick und Anna versuchte, sich an die Erlebnisse zu erinnern, die ihr damals zu schaffen gemacht hatten.
„Eines Sonntags war ich bei Monika und Franz zum chinesischen Essen eingeladen. Ich kannte die beiden vom Chinesisch-Kurs und an dem Tag waren außer mir auch noch zwei, drei andere Leute eingeladen. Es sollte Kanton-Ente geben. Du glaubst gar nicht, wie viel Mühe sie sich gemacht hatten! Außer der Ente gab es noch fünf weitere Gerichte. Als ich ankam, briet die Ente noch im Ofen und Monika strich sie wiederholt mit einer speziellen Soße ein. Um den Gästen die Zeit bis zum Essen zu vertreiben führte Franz uns durch Haus und Garten.
Die beiden schienen richtige China-Fetischisten zu sein. Das Wohnzimmer war mit chinesischen Möbelstücken eingerichtet, ein krummbeiniger Couchtisch, mehrere kleine Kommoden und dann ein riesiger chinesischer Medizinschrank mit 60 Schubladen! So einer ist richtig teuer, und leicht zu beschaffen ist er bestimmt auch nicht. Natürlich hatten sie auch chinesische Vasen auf den Kommoden und Tuschebilder an den Wänden. Sogar im Esszimmer und im Flur gab es noch chinesische Accessoires.
Aber erst der Garten! Da war zwar einiges noch Baustelle, aber man sah schon einen Teich, umgeben von einem kleinen Gebirge aus aufgeschichteten Felsbrocken, wie in den alten chinesischen Gärten. Das Essen war vorzüglich und alles wurde mit chinesischem Essgeschirr und Stäbchen serviert.
Natürlich haben wir uns auch über China, die Reisen und über Chinesen im Allgemeinen unterhalten. Monika und Franz haben schon mehrere lange Reisen durch China unternommen und kennen das ganze Land. Aber während sie so erzählten fiel mir auf, dass sie nie über Kontakte zu Chinesen berichteten, jedenfalls keine, die über die organisatorische Abwicklung ihrer Reisen hinaus gingen. Mir kam das seltsam vor, denn die Beiden sprechen ja viel besser Chinesisch als ich es damals konnte. Aber ich bin in China immer schnell in Kontakt mit Chinesen gekommen…“ „Ja vielleicht war es gerade das, was Dir hinterher solche Schwierigkeiten machte…“ rätselte Tante Sofia und Anna wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.
„Irgendwann habe ich Monika dann gefragt, wie sie sich denn merkt, was sie in welcher der 60 Schubladen des Medizinschranks untergebracht hat. Die sehen ja alle gleich aus. Da hat sie gelacht und gesagt, anfangs hätte sie den Schrank sehr gerne zur Aufbewahrung ihres Hausrats benutzen wollen. Aber als sie dann die Sachen eingeräumt hatte bemerkte sie, dass sie jedes Mal wenn sie etwas davon herausnehmen wollte, so gut wie alle Schubladen durchsuchen musste, bis sie gefunden hatte was sie brauchte. Am Ende hat sie alles wieder ausgeräumt und der riesige Schrank steht seither leer.
Wie ich das hörte, fühlte ich mich in die Loge eines Theaters mit perfekter China-Kulisse versetzt, während auf der Bühne „China ohne Chinesen“ gespielt wird, unwirklich und ein bißchen schräg. Und dann mußte ich mir Xiaomins Eltern und seine Schwester vorstellen, wie sie in einer mit bayrischen Bauernmöbeln, rotweiß karierten Vorhängen und Herrgottswinkel ausgestatteten Wohnstube hinter Bierseideln sitzen und Weißwurst mit Brezeln essen…“.
„Nein, nicht einmal ich glaube, dass Chinesen je so etwas machen würden!“ kicherte Tante Sofia dazwischen. „Aber sag mal, Anna, wenn Du von China erzählst, kommen wir ständig vom Hundertsten ins Tausendste, du platzt ja schier aus allen Nähten. Du musst mir unbedingt noch erzählen, was dann auf der China-Reise weiter passiert ist, aber jetzt will ich wirklich erst mal wissen, was das alles mit unserer alten Pendeluhr zu tun hat.“ „Nun, Du hattest ja gefragt, was mir nach meiner Rückkehr so zu schaffen gemacht hat.“ erwiderte Anna augenzwinkernd.
„Es muss bald nach dieser Kanton-Ente bei Monika und Franz gewesen sein, als mich Xiaomins Schwester per E-Mail fragte, ob ich Lust hätte, am nächsten Wochenende bei Familie Wu zum Mittagessen vorbei zu schauen. Sie hatte den Wus von mir erzählt und diese würden sich über meinen Besuch freuen!“ „Was? Das ist aber schon erstaunlich!“ Tante Sofia war verwundert.  „Ja, anfangs konnte ich solche Erfahrungen mit Chinesen auch nicht einordnen. Vielleicht hätte ich die Einladung auch ausschlagen sollen, aber ich war neugierig geworden und bin hin.“
„Und wie war es dann bei den Wus?“  „Rate mal was es da zu Essen gab?“ ließ Anna sie rätseln. Aber sie hatte Sofias Scharfsinn wieder einmal unterschätzt. „Na, wenn Du schon so fragst, muss es wohl Kanton-Ente gegeben haben!“ kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen zurück. „Genau so war es, die Wus stammen nämlich aus Kanton. Herr Wu hatte die Ente zubereitet und seine Frau hatte noch acht weitere Gerichte dazu gemacht.
Das Wohnzimmer der Wus war übrigens ganz anders als das bei Monika und Franz. Schlicht und praktisch, alles Notwendige war vorhanden, aber für unsere Verhältnisse war es leer. Das habe ich später noch oft in chinesischen Wohnungen gesehen. So klein sie auch waren, sie waren nie so vollgestopft wie unsere. Zuerst haben wir uns ausführlich über das Essen unterhalten, über die Kniffe bei der Zubereitung der Ente, warum die Gerichte und die Zutaten so ausgewählt waren und nicht anders, wo es gute Einkaufsmöglichkeiten für chinesische Lebensmittel gibt und so weiter. Über Essen können sich Chinesen stundenlang unterhalten. Nach einer Weile hatten wir auch persönlichere Themen am Wickel. Warum Familie Wu nach Deutschland gekommen war, wer noch alles zur Familie gehört und was für Berufe wir haben. Nun erfuhr ich, dass Herr Wu Uhrmachermeister ist. Er begann richtig zu schwärmen, als er auf seine Arbeit zu sprechen kam. Das war nicht nur Broterwerb für ihn sondern Berufung. Am meisten hatten es ihm alte deutsche und Schweizer Uhren angetan. Da konnte ich gar nicht anders, ich habe ihm von unserer kaputten alten Pendeluhr erzählt und gefragt, ob er einen Reparaturversuch machen wolle. Natürlich wollte er. Ich hab‘ sie ihm dann gleich am nächsten Abend hingebracht.
Seine Werkstatt war im Keller des Mietshauses, in dem seine Familie auch wohnte. Als ich hinkam war sonst niemand da und er machte eine kleine Werkstattführung für mich. Hier gab es das ganze Gegenteil der Leere, die mir im Familienwohnzimmer aufgefallen war. Alle Wände waren bis unter die Decke mit Regalen, Schubladen, Glasvitrinen und mechanischen Uhren ausgefüllt. Die Uhren pendelten, tickten, gongten und schlugen unruhig durcheinander, aber alle zeigten die richtige Uhrzeit an. In der Mitte stand ein großer Arbeitstresen, auf dem Lupenbrillen, Pinzetten, Zangen, Halterungen, Schraubenzieher, Einspannwerkzeuge und weitere Spezialwerkzeuge lagen, die ich nicht einordnen konnte. Alles fein säuberlich in Reih und Glied. Über allem hing eine meterlange doppelte Neonröhre, die laut brummte und den Tisch unter sich in gleißendes Licht tauchte. Dann gab es noch eine weitere Tür im Raum, die offen stand und in einen Lagerraum führte.
Anfangs sei ein kleiner Laden in der Innenstadt sein Traum gewesen, erzählte er. Aber es kam so viel Kundschaft durch Mund-zu-Mund-Propaganda zu ihm, dass er die Arbeit kaum bewältigen konnte. Da entschloss er sich irgenwann, auf den Laden zu verzichten, so lange sein Geschäft auch ohne läuft und er seine Familie damit ernähren kann.
Dann fing er an, verschiedene Schubladen zu öffnen und erklärte, wofür die Teile zu gebrauchen waren, die darin lagen. Ich bin richtig erschrocken, wie winzig manche waren. Sie müssen so präzise gefertigt werden, dass es für einige nur noch einen Betrieb weltweit gab, wo Herr Wu sie kaufen konnte. Und für viele gab es gar keine Hersteller mehr. Die sammelte Her Wu dann aus schrottreifen Uhren zusammen.
Er blühte richtig auf, als er mir das alles zeigte. Nur als ich ihn fragte, ob sein Sohn einmal bei ihm in die Lehre gehen wolle, wurde er traurig. Der Teenager war nämlich nur versessen auf  seinen Computer, saß den größten Teil seiner Freizeit dahinter und wollte auch später mal „irgendwas mit Computern“ machen. Herr Wu fand es nicht schlecht, dass der Sohn mit Computern herumspielte. Aber dass er sich Tätigkeiten in der Werkstatt völlig verweigerte und die Handhabung der winzigen Teile nicht üben wollte, das machte ihm Sorgen. Er war überzeugt, wenn der Sohn seine Hände nicht jetzt schon trainiere, dann könnte er später die notwendige Geschicklichkeit für das Handwerk nicht mehr aufbauen. Sollte er es sich irgendwann anders überlegen und doch Uhrmacher werden wollen, dann sei es zu spät, dann könne Herr Wu ihm sein Handwerk nur noch lückenhaft beibringen. Es war ihm anzumerken, wie sehr ihm diese Aussicht zu schaffen machte.
Als ich unsere Uhr drei Wochen später bei ihm abholte, ließ er mich wissen, dass die Uhr über hundert Jahre alt sein muss und von bester Qualität ist. Ich hatte ja gar nicht geahnt, dass sie schon so alt ist! Und dann fing er an über den Uhrmacher zu fluchen, der die Uhr vor ihm in den Händen gehabt hatte. Der hätte nämlich das Herzstück des Uhrwerks gegen ein nicht richtig passendes neueres Modul ausgetauscht und den Rest der Uhrmechanik dann durch Verbiegen der Originalteile zu einem Ganzen zusammen gezwungen, das nie funktionieren konnte.
Herr Wu war entsetzt, wie man einer solchen Uhr so etwas hatte antun können…“ „Vielleicht hat es auch sein Gutes für Herrn Wu, wenn sein Sohn später irgendwas mit Computern macht.“ warf Tante Sofia da ein. „Wie meinst Du das denn?“ „Na ja, wer weiß wie es ihm erst ginge, wenn er mit ansehen müsste wie aus seinem eigenen Sohn so ein Uhrmacher würde, wie der, der unsere alte Uhr so zugerichtet hat.“ führte sie ihren Gedanken zu Ende. „Da magst Du recht haben.“ Anna rührte nachdenklich in ihrer Kaffeetasse.
„Wir hatten wohl ziemlich Glück, dass noch genügend passende Teile in seinen Beständen waren, um das Ersatzmodul und die verbogenen Teile auszutauschen und das Uhrwerk neu zusammen zu bauen. Und stell Dir vor, er war sich nicht zu schade, auch noch das Ziffernblatt, den Messingkranz und das Pendel zu polieren!
Die Uhr läuft bei mir nun schon seit Jahren ohne dass ich Ungenauigkeiten feststellen kann, ich darf halt nur nicht vergessen, sie aufzuziehen. Als ich sie damals das erste Mal in meiner Wohnung aufgehängt hatte, hörte ich sie gerne ticken und schlagen. Es beruhigte und ich hatte dabei so ein Gefühl als wäre in meinem Leben etwas in Bewegung geraten das bis dahin blockiert gewesen war…“.
Als hätte sie auf ihren Einsatz gewartet, ließ die Pendeluhr sechs klare Schläge in die nachdenkliche Stille fallen, die sich in der Küche ausgebreitet hatte. Tante Sofia und Anna sahen sich verdutzt an und lachten beide laut los, als sie bemerkten, wie sehr sie die Zeit vergessen hatten.
„Du musst mir noch erzählen, wie die erste Reise verlaufen ist und wie Du Dich danach wieder gefangen hast.“ Tante Sofias Neugierde schien unerschöpflich zu sein. „Es ging ja nicht gerade ruhig weiter bei Dir, zumindest soweit ich das aus der Ferne mitbekommen habe… “ „Bist Du denn nicht müde geworden vom vielen Zuhören?“ wunderte sich Anna. „Ich? Müde? Wieso? … Aber Du siehst ein bisschen müde aus, Anna…“ lenkte Tante Sofia schmunzelnd ein. „Komm, lass uns in den Garten gehen, bevor es zu dunkel dafür ist, und danach mache ich ein Vesper für uns.“ schlug Anna vor. „Zum Erzählen ist morgen auch noch ein Tag“.

Springflut

Am nächsten Morgen war das Wetter umgeschlagen. Ein kräftiger Wind hetzte schwere Wolken über den Himmel bis sie sich in kräftigen Schauern ihrer Last entledigten. „Gut dass wir den Garten gestern Abend noch angeschaut haben. Heute wäre es mir zu ungemütlich draußen.“ Tante Sofia strich sich dick Himbeermarmelade auf ihr Frühstücksbrötchen während Anna sich Kaffee nachschenkte. „Sag mal, Anna, was gab es in China denn zum Frühstück? Frühstücken die Chinesen überhaupt etwas?“ „Und ob, das Frühstück ist sogar sehr wichtig. Es wird aber einfach gehalten und auch an Feiertagen nicht so zelebriert wie gerade bei uns beiden heute.“ Anna ließ zähflüssigen Kastanienhonig auf eine Brötchenhälfte tropfen um dann genüsslich abzubeißen. Sofia musste sich wohl oder übel ein paar Augenblicke gedulden, bis Anna wieder sprechen konnte.

In der Uni-Kantine habe ich oft Ölstangen gegessen, in Öl aus gebratene Teigstreifen. Man konnte auch Reissuppe haben, Tee-Eier oder einfache Omelettes und natürlich in Dampf gegarte, gefüllte Teigbällchen. Die waren immer lecker. Es gab sie mit einer herzhaften Fleischfüllung oder mit einer süßen Maulbeerfüllung. Und wer es noch süßer wollte, der konnte zum Klebreis in Bambusblättern greifen. Die Reissuppe war immer dann erste Wahl, wenn die Verdauung mal nicht so gut beieinander war. Das Essen wird in der Nordhälfte Chinas mit viel Öl zubereitet und gerade anfangs kann einem das zu schaffen machen. Manche gewöhnen sich auch nie daran, vor allem die Japaner nicht. Deren Küche ist eine der fettärmsten weltweit und entsprechend schwer tun sie sich mit der öligen nordchinesischen Küche. Wenn sie wieder mal im Unterricht fehlten weil sie von der Toilette nicht weg kamen, taten sie uns anderen manchmal richtig leid.“

„Ja, gab es denn gar kein Brot?“ wollte Tante Sofia wissen. „Und keinen Kaffee?“ „Nein, wer so etwas unbedingt haben wollte, der konnte Sammies Café aufsuchen, ein kleines Bistro-Café das man auf dem Campus eingerichtet hatte. Dort gab es halbwegs trinkbaren Kaffee, Sandwiches oder süße Teilchen. Auch chinesische Studenten gingen gerne dort hin. Allerdings waren nicht nur Speisen und Getränke westlich, sondern auch die Preise. Ein Becher Kaffee kostete so viel wie 4 einfache Mittagessen in der Kantine. Das konnten sich nur die wenigsten chinesischen Studenten leisten.“ „Und was kostete dann ein Kantinenessen umgerechnet?“ „Man konnte sich schon für eine Mark satt essen, während der Becher Kaffee vier Mark und mehr kostete. Das fanden auch wir Ausländer überteuert. Aber Kaffee war in China ein exotisches Getränk damals.“ „Stimmt, als Du das erste Mal in China warst hatten wir hier ja noch die D-Mark.“ erinnerte sich Sofia.
„Und was hatte man für die eine Mark dann auf dem Teller?“ – „Das war vielfältig und abwechslungsreich. Es gab drei ähnlich aufgebaute Kantinen. Außen an der Wand entlang befanden sich Garküchen, jede mit einer kleinen Kochmannschaft und ihrer eigenen kleinen Auswahl an Gerichten aus verschiedenen Regionalküchen Chinas. Man bestellte in der Garküche seiner Wahl ein Gericht, das frisch zubereitet wurde, zahlte und suchte sich einen Platz an einem der langen Tische in der Mitte der Halle. Der Haken an der Sache waren die Tafeln, auf denen die Garküchen ihre Speisekarten ausschrieben. Sie waren ausschließlich auf Chinesisch geschrieben, oft in einer unleserlichen Handschrift. Man spielte Speise-Lotto, indem man auf irgend ein Gekritzel zeigte und hoffte, dass die Leute hinter dem Tresen daraufhin etwas zubereiteten, was einem schmeckte. Wenn das der Fall war, versuchte man, sich das Gekritzel für den nächsten Tag einzuprägen oder abzuschreiben. Oder man deutete auf ein Gericht, das jemand anders gerade entgegen nahm, wenn man das ebenfalls bestellen wollte. Wenn wenig los war zeigte eine der Köchinnen dann manchmal breit grinsend auf die entsprechende Stelle auf der Tafel, so dass man sich die Zeichen abmalen konnte, während sie das Gericht zubereitete. Das war spannend und man lernte so Gerichte aus allen Teilen Chinas kennen.
Später habe ich mitbekommen, dass die Köche Wanderarbeiter waren, die einfach das kochten, was es bei ihnen zu Hause immer gegeben hatte. Gelegentlich konnte man ihnen einen schlichten Erzeugerstolz anmerken, wenn sie feststellten, dass man ihre Gerichte schätzte. Ich hatte natürlich bald meine Favoriten, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas völlig Ungenießbares auf dem Teller gehabt zu haben.“
„Für jemanden, der sehr wählerisch mit dem Essen ist, wäre das aber nichts.“ stellte Tante Sofia fest. – „Stimmt, wir hatten noch eine andere Deutsche in der Klasse, eine junge Frau zwischen Abi und Studium, die damit überhaupt nicht zurecht kam. Ich glaube sie hatte auch eine Nahrungsmittelallergie und hat während ihres Aufenthalts mehrere Kilo abgespeckt, während ich aufpassen musste, dass mir nicht das Gegenteil passierte.“
„Und gab es denn nur Stäbchen als Besteck?“ „Na klar, und für die Suppe gab es noch einen Löffel dazu. Ich hatte die ersten Tage manchmal Krämpfe in der Hand, weil ich die Stäbchen nicht mehr halten konnte. Zwar hatte ich das Essen mit Stäbchen vorher geübt, aber als ich dann von heute auf morgen nur noch mit diesen Dingern essen sollte, kam ich bald an meine Grenzen. Manche Westler haben sich woanders Gabeln organisiert und brachten sie immer mit in die Kantine. Gegen Ende des Aufenthalts hatte ich mich halbwegs an die Stäbchen gewöhnt, aber ungelenk war ich damit immer noch.“ „Na ja, das war bestimmt hilfreich, damit Du nicht all zu viel zugelegt hast.“ Tante Sofia grinste schelmisch.
„Und nach dem Frühstück bist Du dann wohl fleißig zum Unterricht gegangen?“ fragte sie weiter. „Wie läuft der an einer chinesischen Uni denn ab?“ – „Es ist nicht viel anders als eine Schule bei uns. Wir waren in Klassen eingeteilt und der Unterricht war sehr gut, aber auch fordernd. In unserer Klasse waren wir um die fünfzehn Studenten, Koreaner, Japaner und ein paar Westler“

„Konnten denn wenigstens die Lehrer Englisch sprechen?“ – „Diejenigen, die es konnten, ließen es sich nicht anmerken oder weigerten sich, es zu verwenden. Der Unterricht war von Anfang an aus­schließ­lich auf Chinesisch. Es wäre auch gar nicht anders gegangen, denn den meisten asiatischen Mitstudenten hätte Englisch nicht viel genutzt. Kaum einer der Japaner oder Südkoreaner in der Klasse verstand es, obwohl die meisten in ihrer Schulzeit Englischunterricht gehabt hatten.
Anfangs fand ich die drei Stunden Chinesisch-Unterricht jeden Morgen anstrengend. An Nachmittag waren noch Hausaufgaben zu machen, ein ungewohntes Lernpensum, während die Südkoreaner es als wenig empfanden. Einige von ihnen nutzten die Freiheit und schienen abends ständig Party zu machen. Im Unterricht schliefen sie dann mit dem Kopf auf dem Tisch aus. Später habe ich erfahren, dass der Stoffumfang auch im Vergleich zu dem, was den chinesischen Studenten in ihren Studienfächern abverlangt wird, reduziert war.“
„Wurden nicht wenigstens die Vokabeln in den Büchern auf Englisch erklärt?“ wollte Tante Sofia weiter wissen. „Ja schon, auf Englisch, Koreanisch und Japanisch. Aber wir merkten bald, dass die englischen Übersetzungen die Bedeutung oft falsch wiedergaben und uns mehr verwirrten als halfen. Da war es am Ende besser, die Wörter selbst im Wörterbuch nachzuschlagen.“
„Wie funktioniert das denn bei diesen chinesischen Zeichen?“ Wieder einmal war Anna verblüfft, über was Tante Sofia alles informiert sein wollte. „Die komplexeren Zeichen sind wie ein Bau­kastensystem aus einfachen Grundsymbolen zusammengesetzt. Im Wörterbuch sind die Zeichen dann nach Grundsymbolen sortiert aufgelistet. Man zerlegt das Zeichen nach bestimmten Regeln, bis man das richtige Grundsymbol gefunden hat, sucht das Zeichen in der entsprechenden Liste im Wörterbuch und findet dort die Seitenzahl, auf der die Übersetzung steht.“ – „Hm, hört sich nach einem ziemlich langwierigen Verfahren an.“ bemerkte Tante Sofia. „Hast Du denn überhaupt noch etwas von Land und Leuten mitbekommen, wenn Du immer nur gebüffelt hast?“
„In der zweiten Woche fiel es mir leichter und nachmittags blieb mehr Zeit für Ausflüge. Natürlich wollten wir mehr erleben als nur Unterricht und Hausaufgaben. Wir Westler fanden uns meist zu kleinen Grüppchen zusammen und quetschen uns in einen der Busse Richtung Innenstadt hinein, die draußen vor der Uni hielten. Am Anfang hätte sich das niemand alleine getraut, bald war das aber kein Problem mehr. Denn selbst wenn wir uns völlig verirrt hatten, konnte immer eines der allgegenwärtigen roten VW-Santana-Taxis als Rettungsboot herhalten, vorausgesetzt man hatte die Adresse der Uni auf einem Zettel parat.“
„Ganz schön mutig, wo Du am ersten Tag noch nicht mal über die Kreuzung an der Ecke hinüber gekommen bist!“ sagte Sofia anerkennend. „Ja, anfangs habe ich mich über mich selbst gewundert. Nach der allerersten Verwirrung hatte sich nämlich unerwartet schnell das Gefühl einer Vertrautheit eingestellt, die einfach da war, obwohl das gar nicht sein konnte. Es war paradox. Einerseits prasselte dauernd Neues, Ungewohntes und Unverständliches auf mich ein, ein ununterbrochener Strom, so viel, dass ich über das Gejammer über Informationsüberflutung, das ich von daheim her kannte, bald nur noch lachen konnte. Ich wurde schnell müde, konnte jeden Nachmittag eine Stunde schlafen und nachts noch problemlos neun bis zehn Stunden durchschlafen. Aber ich fühlte kein Bedürfnis, mich gegen das, was da auf mich einströmte abzuschirmen, im Gegenteil.
In der zweiten Woche begann ich mich zu fragen, wie es sein kann, dass alles sich so wenig fremd anfühlte, so passend und stimmig, obwohl fast nichts so war wie daheim. Ich konnte spüren, wie die Flut der Eindrücke langsam Dämme in mir aufweichte und einen nach dem anderen wegspülte, wie sie mich mehr und mehr öffnete, aufweichte und auf eine Weise beschenkte, für die ich keine Worte fand. Ich fühlte mich mittendrin zur richtigen Zeit am richtigen Ort und badete darin als würde ich dort hinein gehören. Dieses Grundgefühl ging auch bei späteren Aufenthalten in China nie ganz verloren, selbst als es dann durch weniger angenehme Gefühle überlagert wurde.“
„Langsam verstehe ich Dich etwas besser.“ bemerkte Sofia. „Alles Weitere hat sich also schon damals, auf Deiner allerersten Reise abgezeichnet.“ Anna war überrascht „So habe ich das noch gar nicht gesehen. – Aber ich glaube Du hast mal wieder recht“, erwiderte sie nachdenklich.
„Nur ich selbst hatte damals nicht begriffen was dieses paradoxe Gefühl der Vertrautheit des völlig Fremden bedeuten mochte. – Und wenn ich’s recht überlege, dann begreife ich es auch heute noch nicht…“ – „Nun, wenn Du so schwer von Begriff bist, dann solltest Du vielleicht doch noch einmal hinreisen.“ Tante Sofias verschmitztem Lächeln konnte man den Spaß anmerken, den es ihr bereitete, Anna ein wenig necken zu können. „Oder eben mit offenen Fragen leben lernen.“ konterte Anna eine Spur zu heftig. „Zur Zeit ist mir jedenfalls nicht nach Fernreisen zumute.“ – „Schon gut, schon gut! Zugegeben, immerhin hast Du ja auch eine ordentliche Dosis davon abbekommen.“ lenkte Tante Sofia ein.
Draußen hatten die Regenschauer sich verzogen. Die Wolkendecke riss unvermittelt auf und im Garten ließen Sonnenstrahlen die letzten Regentropfen glitzern, die sich noch unschlüssig an Knospen und Blättern festhielten. Annas Blick wanderte versonnen zum Fenster hinaus, während Tante Sofia die Pause nutzte, um sich ihrem Frühstücksei zu widmen.
„Du hast immer hier gelebt.“ fuhr Anna nach einer Weile fort. „Siehst Du überhaupt noch, wie schön es hier ist? – Neulich bin ich morgens nach so einem Aprilschauer wie dem gerade eben durch die Obstwiesen hierher gefahren. In der klaren Luft konnte man von den Anhöhen aus weit in die Landschaft schauen, am Horizont die Berge, die Wiesen mit frisch geduschtem Frühlingsgrün überzogen, darüber die Kirschbäume, ein einziges weißes Blütenmeer. Und als die Morgensonne hineinleuchtete strahlten die Blüten zurück als wollten sie alle selbst kleine Sonnen werden. – Ich wusste gar nicht, dass Schönheit weh tun kann…“ Anna verstummte.
„Vielleicht musstest Du erst in der gelben Flut getauft werden, um sehen zu lernen.“ In Tante Sofias Augenwinkeln hatte sich schon wieder der Schalk eingenistet.
„Der Aufenthalt dort hat Dich jedenfalls verändert, das sieht ein Blinder, und nicht zum Schlechteren, wie ich meine. Früher, da wolltest Du immer nur weg von hier. Es war Dir alles zu eng, zu ländlich, zu kleinkariert. Glaub‘ mir, auch ich hatte so meine Schwierigkeiten mit dem Landleben und manchmal tut es mir auch heute noch leid, von der Welt nicht viel gesehen zu haben. Aber ich will Deiner Frage nicht ausweichen. Weißt Du, in jungen Jahren habe ich furchtbare Zeiten durchgemacht, an denen viele Menschen zerbrochen sind, wenn sie überhaupt überlebten. Bei mir haben diese Erfahrungen dazu geführt, dass es mir leicht fällt, Schönheit zu sehen, wenn ich ihr begegne. Leichter jedenfalls als vielen Jungen, die in Friedenszeiten groß werden konnten. Ja, ich sehe noch, wie schön es hier ist.“ Wieder wurde es für eine Weile still.
„Na, dann kann ich ja jetzt ein bisschen was von der großen weiten Welt zu Dir nach Hause bringen.“ Anna hatte sich wieder gefangen. „Genau, und wo wir gerade bei der gelben Flut waren, hast Du eigentlich mal den gelben Fluss gesehen?“ Tante Sofias Neugierde war schon wieder aktiviert. „Ja, mehr als einmal. Das erste Mal auf der Busrundreise, die ich damals im Anschluss an die zwei Wochen Unterricht gebucht hatte. Sie wurde von der Uni für die ausländischen Studenten veranstaltet.
Zwei Busse voller junger Leute aus aller Herren Länder, die in Schwindel erregenden Tempo von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit verfrachtet wurden. Große Mauer bei Peking, Shaolin-Kloster, Xi-An mit Tang-Zeit-Palästen und Terrakottaarmee, Tempel in Kaifang, Buddhistische Grotten in Luoyang und schließlich der gelbe Fluss bei Zhengzhou. Dort ist der gelbe Fluss schon ein mächtiger Strom, lehmfarben und so breit, dass man von einem Ufer aus das andere nicht mehr sehen kann. Auf beiden Seiten ziehen sich fruchtbare Schwemmlandgürtel den Flusslauf entlang und im Fluss gibt es viele lehmige Inseln.
Wir wurden mit einem Hoovercraft herum geschippert und dann auf eine der Flussinseln gebracht, auf der man die angeblich ältesten Artefakte der Besiedelung Chinas gefunden hatte. Ich weiß gar nicht mehr so recht, was genau wir dann dort besichtigt haben, aber die Fahrt auf dem Fluss war ein Riesenspaß. Überhaupt war es spannend, mit so vielen jungen Leuten unterwegs zu sein.
Anfangs gluckten alle nach Nationalitäten getrennt in Gruppen zusammen, aber schon ab dem zweiten Tag mischte es sich immer bunter durcheinander. Nur der italienische Block, wie wir anderen die Italienischen Studenten nach einer Weile nannten, der ließ sich nicht aufweichen. Mit einer Japanerin habe ich mich sogar soweit angefreundet, dass wir uns auch bei meinen späteren China-Reisen immer wieder trafen und auch heute halten wir noch Kontakt.“
„Es wundert mich nun gar nicht mehr, dass Du nach der Rückkehr von dieser ersten Reise daheim nicht mehr richtig klar gekommen bist.“ stellte Tante Sofia fest. „Du hattest geradezu Feuer gefangen und solltest dann wieder brav hinter der Bürotür verschwinden, bis der nächste Urlaub Dir wieder ein paar kurze Schnapper Frischluft zukommen lassen würde.“ – „Ja, spätestens nach dem Erlebnis mit dem leeren Medizinschrank in Monikas Wohnzimmer wurde auch mir bewusst, dass es bei mir mit ein paar weiteren Urlaubsreisen nach China, Sprach­kursen und dem Sammeln von Kulturfetischen nicht getan sein würde.
Aber eine klare Vorstellung davon, was ich machen wollte, hatte ich da immer noch nicht. Die reifte erst in den folgenden Wochen, als ich merkte, wie ich immer mehr den emotionalen Kontakt zu meiner alten Lebenswelt verlor. Das Schiff hatte so zu sagen schon den Anker gelichtet und driftete aus dem Hafen hinaus, der Kapitän schlief aber noch in seiner Kajüte.“ – „Oder verkroch sich darin vor lauter Angst, etwas unternehmen zu müssen.“ kicherte Tante Sofia dazwischen. Erneut stellte Anna fest, dass sie keine Chance hatte, vor Sofias klarem Blick etwas zu verbergen.
„Ja, irgendwann musste ich dann doch reagieren, wenn das Schiff nicht auf Grund laufen sollte. Ich wusste wohl, dass ich für länger nach China wollte, aber wie sollte ich das umsetzen? Damals habe ich für eine ziemlich kleine Firma gearbeitet und es war von vorne herein klar, dass sie jemand Neues einstellen würden, wenn ich länger weg war als es die Urlaubszeiten vorsahen. Aber die Entscheidung, seinen Job hin zu schmeißen, ist nicht so einfach wie es von außen aussehen mag. Als der Handlungsdruck stieg, setzte ich mich an einem ruhigen Wochenende dann doch hin und versuchte auszurechnen, wie ich mir ein Sabbatjahr in China leisten und für die Zeit der erneuten Arbeitssuche danach noch ein finanzielles Sicherheitspolster anlegen konnte. Das Ergebnis war nicht sehr ermutigend. Wenn ich meinen damaligen Lebensstandard beibehalten wollte, hätte ich fünf Jahre sparen müssen, bis ich das Geld zusammen hatte. Das war aber viel zu lang für mich. Ich musste mir eine andere Lösung einfallen lassen.
In der Stadt war günstiger Wohnraum für Studenten knapp und so entschied ich mich, ein Zimmer unter zu vermieten. Blieben noch drei Jahre, und auch das war mir noch zu lang. Als nächstes strich ich dann das Auto von der Liste der Dinge, die ich unbedingt besitzen musste und landete bei zwei Jahren. Das fühlte sich gut an, nicht zu lang und nicht zu kurz. Ich konnte es mir so sogar noch leisten, die Urlaube während der zwei Jahre Ansparzeit für weitere Reisen nach China zu nutzen.“ – „Das ist aber ein heftiger Schnitt, den Du da vorgenommen hast.“ Tante Sofia war nachdenklich geworden.
„Wenn ich mir vorstelle, ich sollte von heute auf morgen meine Wohnung mit einem wildfremden Menschen teilen… Nein, ich glaube, ich könnte das nicht. Aber wie ist es Dir damit ergangen?“
„Auch ich hatte anfangs meine Zweifel. Aber fünf Jahre warten, das konnte ich einfach nicht, etwas Besseres ist mir auch nicht eingefallen, also habe ich es eben probiert. Und zwei Monate später ist dann dieses junge Ding aus Tianjin bei mir eingezogen, neunzehn Jahre alt und zum ersten Mal im Ausland.“ – „Und gleich auch noch eine Chinesin! Wie hat sich das denn ergeben?“ – „Damals habe ich einmal pro Woche Sprachunterricht bei einem chinesischen Studenten genommen der aus Tianjin stammte. Nachdem ich ihm von meinem Vorhaben erzählt hatte, dauerte es nicht lange und der Kontakt zu meiner ersten Untermieterin war hergestellt.“

„Hattest Du denn mehrere?“ – „Ja, über die zwei Jahre hinweg insgesamt vier. Zwei Chinesinnen, eine Deutsche und eine junge Frau aus der Slowakei.“ – „Da hattest Du ja Leben in der Bude, das hört sich schon fast nach einem Taubenschlag an. Waren diese Leute nicht alle ganz verschieden? Wie lief es denn mit ihnen?“ 
„Ja, die Unterschiede im Verhalten und auch in der Art der Beziehung, die sich ganz automatisch entwickelt wenn man sich eine Wohnung teilt, waren enorm. Auch die beiden Chinesinnen waren charakterlich ganz unter­schiedlich gestrickt, die zweite war außerdem ein paar Jahre älter als die erste. Aber mit beiden hat sich ein sehr angenehmes, freundschaftliches Verhältnis herstellen lassen. Die Deutsche habe ich fast gar nicht mitbekommen. Sie war nur zum Schlafen da und ansonsten völlig unproblematisch. Richtig Ärger gab es nur mit der Slowakin, die jeden Versuch einer Abstimmung über irgend etwas im Haushalt als persönlichen Angriff wahrnahm und dann sofort zur Gegenattacke überging. Sie war das reinste Kontrastprogramm zu den Chinesinnen.“
Tante Sofia schaute verwundert. „Von der Slowakin hast Du mir gar nichts erzählt…
Wenn ich mich recht erinnere, warst Du in jener Zeit ständig von Chinesen umringt. Auf den Fotos, die Du mir ab und zu von Dir daheim geschickt hast, waren jedenfalls außer Dir kaum noch Leute drauf, die nicht chinesisch aussahen. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass der runde Tisch mit der roten Decke wirklich in Deiner Küche steht, hätte ich wohl angenommen, dass die Fotos in China geschossen worden waren.“ – „Ja, es kam ab und zu vor, dass die Chinesinnen Freunde da hatten, vor allem bei der ganz jungen Frau aus Tianjin was das öfter der Fall.
Wenn es sich ergab, bereiteten wir zusammen Jiaozi zu, die chinesischen Maultaschen. Dieses Gericht wird in China oft zubereitet, wenn jemand die Familie für längere Zeit verlässt oder wenn er wieder zurück kommt. Es dauert eine ganze Weile, bis Teig und Füllung vorbereitet sind und der Teig zu kleinen Scheiben gewalkt, gefüllt und kochfertig zusammengefaltet ist. Alle Anwesenden machen mit und entsprechend lebhaft geht es dabei zu. Das anschließende gemeinsame Essen ist dann der zweite Akt dieses Familienrituals. Solche Erlebnisse haben das Zusammenleben mit den Chinesinnen sehr angenehm gemacht.“.

Und das war sicher keine schlechte Vorübung für Deinen China-Aufenthalt.“ ergänzte Tante Sofia. „Aber sag mal, war das nicht ein seltsames Lebensgefühl, in Deutschland zu leben und gleichzeitig so viel Freizeit mit Chinesen zu verbringen? Du hattest doch auch deutsche Freunde, was sagten denn die dazu?“ – „Ja, meine deutschen Freunde taten sich allesamt schwer mit der Entwicklung, die ich in jener Zeit nahm. Es gab Ausnahmen, die ein begrenztes Interesse für das aufbrachten, was sich bei mir da tat. Davon abgesehen lernte ich aber schnell, dass ich, von oberflächlichen Andeutungen einmal abgesehen, das meiste am besten für mich behielt. Ich hätte das anfangs so nicht erwartet, aber es ergaben sich zwangsläufig zwei getrennte Freundeskreise, einen chinesischen und einen deutschen. Und leider es blieb auch nicht aus, dass sich einzelne der deutschen Freunde distanzierten, weil sie gar nicht mit der Entwicklung umgehen konnten.
Außerdem waren da noch die Beziehungen am Arbeitsplatz. Natürlich wusste man dort, dass ich neuerdings meine Urlaube in China verbrachte und mich für das Land sehr interessierte, aber ich konnte unmöglich jahrelang vorher verkünden, dass ich beabsichtigte, für ein Sabbatical in China alles hin zu schmeißen. Ich führte dort also ein Doppelleben und das war auf seltsame Weise schwer und leicht zugleich.
Der leichte Teil ergab sich daraus, dass ich aus meiner Unschlüssigkeit herausgefunden hatte und ein Ziel anstrebte, das mich stärkte. Meine Arbeit fiel mir leicht und vieles, mit dem ich vorher gehadert hatte, löste sich nun wie von selbst. Andererseits erschienen mir die Themen, über die sich meine Kollegen beim Mittagessen unterhielten, immer unbedeutender. Während es ihnen um das neue Auto, die Eigentumswohnung, das Haus oder den alles-inklusive Karibik-Urlaub ging, zählte ich die Groschen, fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit und überlegte, was ich sonst noch alles einsparen konnte, um mein Ziel zu erreichen. Schritt für Schritt bewegte ich mich so auf ein Studentenleben zu, während sie in der Gegenrichtung unterwegs waren. Ich wunderte mich manchmal selber darüber, wie gleichgültig mir all das war, in was sie ihre gesamten materiellen und geistigen Ressourcen investierten. Und in unbeobachteten Momenten holte ich meinen kleinen Kalender aus der Schublade, in dem ich die noch verbleibenden Arbeitstage bis zur Kündigung zählte und abstrich.“
Anna versank für einige Augenblicke in ihren Erinnerungen. – „Es muss eine Erlösung gewesen sein, als Du dann endlich kündigen konntest.“ bemerkte Tante Sofia nach einiger Zeit. – „Und wie! Ich habe die Szene noch lebhaft vor Augen, wie ich meinem damaligen Chef die Immatrikulationsbescheinigung für mein erstes Semester an der Pekinger Universität unter die Nase hielt. Es war in Englisch und Chinesisch verfasst und er drehte und wendete es erst ein paarmal ungläubig hin und her, bis er begriff was es bedeutete. Er sagte nicht viel, ich kann mich nicht einmal mehr an seine Worte erinnern. Was ich aber noch heute spüren kann, ist das Plumpsen der Wagenladung Steine, die mir vom Herzen fielen, als ich die Tür seines Büros hinter mir schloss.“
Wieder wurde es still im Raum. „Ich glaube, ich sollte langsam mal meine Siebensachen packen.“ meinte Tante Sofia nach einer Weile. „Dieter wollte mich gegen Mittag abholen kommen. Schade, dass ich nicht länger bleiben kann… Aber wie wäre es, wenn Du demnächst einmal bei mir vorbei schaust? “ – „Na klar, abgemacht!“ stimmte Anna zu. „Alleine schon wegen Deiner sensationellen Pfannkuchen mit Apfelmus!“ – „Die gibt es aber nur wenn Du mir erzählst, wie’s Dir in China weiter ergangen ist!“ erwiderte Tante Sofia. „Oh, mit dieser Art von Arbeitsteilung habe ich kein Problem!“ kicherte Anna. „Ich erzähle während Du am Herd stehst und einen Pfannkuchen nach dem andern bäckst…“ – „Aha, was das angeht hat China Dich offensichtlich nicht verändern können.“ schmunzelte Tante Sofia.

Brücken …

Annas zweite China-Reise unterschied sich deutlich von ihrer ersten. Der Frühling begann gerade Einzug zu halten und sie brannte darauf, Land und Leute zum ersten Mal auf eigene Faust erkunden zu können. Drei Wochen Urlaub waren nicht viel für ein Land der Größe Europas, also galt es, die wertvolle Zeit zu nutzen. Vorab hatte sie einen Gabelflug nach Shanghai mit Rückflug von Peking aus gebucht und sich einen groben Plan zurechtgelegt, welche Orte sie auf dem Weg dazwischen mit Eisenbahn und Linienbussen ansteuern wollte.
Für die ersten drei Tage konnte sie in Shanghai in Qiangs Elternhaus Station machen. Sie hatte ihn bei dem chinesischen Studenten kennen gelernt, der ihr in den letzten Monaten Chinesisch-Unterricht gegeben hatte. Qiang studierte Maschinenbau, ein in sich gekehrter Technik-Freak, der seine Freizeit damit verbrachte, in Elektronikläden seinen Rucksack mit Platinen, Speicherchips und Festplatten voll zu stopfen um in seinem Studentenzimmer daraus Computer der Marke Eigenbau zusammen zu bauen. Nun jedoch hatte er Semesterferien, die er daheim in Shanghai verbrachte.
Anna hatte damit gerechnet, dass er sie am Flughafen abholen würde. Als sie jedoch in der Ankunftshalle ankam, wurde sie zur ihrer Überraschung von einem Empfangs­komitee aus vier Personen erwartet. Außer Qiang waren seine Mutter und ein befreundetes Ehepaar gekommen, die Anna mit freundlicher Neugierde begrüßten. Qiangs Mutter war eine auch für chinesische Verhältnisse klein gewachsene, etwas pummelige Frau mit flink hin und her huschenden Augen, Minipli-Frisur, einer schlichten grauen Strickjacke über einer ebenso schlichten schwarzen Leinenhose und einer schwarzen Schultertasche. Letztere klemmte sie sich resolut unter den Arm, als sie nach der Begrüßung mit zügigen Schritten vor der Gruppe her in Richtung Ausgang strebte.
Die nächste Überraschung waren die beiden schwarzen Limousinen mit Fahrer, dunklen Scheiben und Klimaanlage, die draußen auf sie warteten. Qiang, der neben Anna im Fond Platz genommen hatte erzählte, dass sie zuerst in ein Restaurant zum Essen fahren wollten, bevor es dann zu ihnen nach Hause ging. Wie sich heraus stellte, handelte es sich um ein sich langsam um seine eigene Achse drehendes Nobelrestaurant im 28. Stock eines Wolkenkratzers des neuen Schanghaier Geschäftsbezirks Pudong, das sie nun ansteuerten. Trotz ihrer schlicht gehaltenen Erscheinung zählten Qiang und seine Mutter ganz offensichtlich zu den Wohlhabenden.

Anna war vom langen Flug und durch die Zeitumstellung müde und aufgekratzt zugleich und hoffte, das Essen würde nicht allzu lange dauern. Sie sehnte sich nach Ruhe und einer Möglichkeit, für eine Weile abzuschalten. Aber Qiangs Mutter hatte ihre eigenen Pläne.
Im Restaurant wurden sie zu einem großen runden Tisch mit einer Drehplatte in der Mitte geführt und bald gesellten sich noch weitere Freunde mit ihren Ehefrauen hinzu, die nach der Be­grüßung begannen, lebhaft im Shanghaier Dialekt durcheinander zur schnattern. Da dieser Dialekt sich von Mandarin etwa so stark unterscheidet wie Italienisch von Schwedisch, hatte Anna keine Chance, auch nur Bruchstücke zu verstehen.
Qiang hatte neben Anna Platz genommen und machte sich einen Spaß daraus, für Anna die Gespräche aus seiner Sicht zu kommentieren. „Das sind alles Geschäftspartner meiner Mutter.“ begann er mit einem ironischen Lächeln zu erklären. „Bei diesen Leuten geht es nur um Geschäfte, Geld und Gewinn. Du verpasst also nicht viel, wenn Du nichts verstehst.“ Anna war perplex. Offensichtlich hatte sie die Frau, die ihr vorhin in der Ankunftshalle des Flughafens mit dem Charme einer resoluten Hausfrau entgegen getreten war, völlig falsch eingeschätzt.
Was macht Deine Mutter denn beruflich?“ – „Nun, sie handelt mit Aktien. Bis vor einigen Jahren war sie Buchhalterin in einem Staatskonzern. Aber das hat sie jetzt nicht mehr nötig. Als die Shanghaier Börse öffnete, ist sie als eine der ersten Privatpersonen mit ihrem Ersparten dort eingestiegen und mittlerweile gehört sie zu den größten Fischen im Teich. Alle, die hier mit am Tisch sitzen, sind mehr oder weniger stark vor ihrer Gunst abhängig, deshalb sind sie heute auch ihrer Einladung gefolgt.
Jetzt besprechen sie, welche Strategien sie nächste Woche an der Börse verfolgen wollen, mit welchen Koalitionen sie ihre Konkurrenten fertig machen können und welche Anlage­möglichkeiten erfolgversprechend sind.“ Qiang schien zum neu erworbenen Reichtum seiner Mutter ein gespaltenes Verhältnis zu haben. Anna lauschte gespannt. Ihre Müdigkeit war wie weg geblasen und sie hätte ein Vermögen dafür gegeben, direkt verstehen zu können, was am Tisch erzählt wurde. „Das klingt ja, als würden sie sich wie ein Wolfsrudel gemeinsam auf die Jagd machen, wenn sie an der Börse spekulieren.“ wunderte sich Anna. Qiang lachte auf. „Dieser Vergleich ist nicht übertrieben. Und meine Mutter ist die Rudelführerin.“ Anna war über seine Offenheit fast noch mehr erstaunt als über das, was sie eben über seine Mutter und ihre Geschäftsfreunde erfahren hatte.
Als die bestellten Gerichte serviert wurden, bemerkte Anna, dass einige darunter waren, die sie zuvor noch nie gegessen hatte. Unverkennbar spielten Meeresfrüchte und Fisch die Hauptrolle in Shanghais Küche, was Annas Geschmack sehr entgegen kam. Nach und nach wurden über zwanzig verschiedene Schüsseln und Teller auf die Drehplatte gestellt, darunter zwei Teller die mit etwas belegt waren, das Anna als in Stücke geschnittene Hälften eines Aals oder einer ähnlich lang gestreckten Fischart ansah. Nachdem sie sich ein Stück davon in ihr Schälchen genommen hatte fiel ihr auf, dass die Gräten dieses Fisches keine spitzen Enden hatten sondern keulenförmige. Auch waren sie viel kräftiger und elastischer als sie das von Gräten anderer Fische her kannte. Geschmack und Konsistenz des Fleisches konnte Anna weder Fisch noch Geflügel zuordnen, es schmeckte leicht nach Nuss. „Was ist das für ein köstlicher Fisch?“ fragte sie Qiang nach den ersten Bissen. „Das ist kein Fisch, das sind Schlangenfilets, dafür ist dieses Restaurant berühmt.“ meinte er, während er neugierig ihre Reaktion beobachtete. Vielleicht hätte Anna gezögert, überhaupt davon zu essen, wenn sie dies gewusst hätte bevor sie probierte. Nun aber hatte der Kopf gegen den Gaumen keine Chance mehr und Anna nahm sich später noch ein weiteres Stück Schlangenfilet.
Auf der Drehplatte wartete eine weitere Überraschung auf Anna. Das Gericht befand sich in einer Glasschüssel mit Deckel und schien kochend heiß zu sein, denn es spritzte und blubberte in einer dunkelbraunen Soße vor sich hin. Nach einer Weile hatte sich der Inhalt der Schüssel abgekühlt, einer der Geschäftsfreunde öffnete den Deckel und fischte eine weißlich durchscheinende Garnele aus der Soße. Da sah Anna, wie das Tier sich langsam zwischen seinen Stäbchen hin und her krümmte, während er es zum Mund führte. Qiang konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, als er Annas entsetztes Gesicht sah. „Das sind betrunkene Garnelen. Sie werden lebendig in eine Soße aus hochprozentigem Schnaps und Sojasoße gegeben und gleich serviert. Sie schlagen noch eine Weile mit den Schwänzen, während der Alkohol sie langsam lähmt und abtötet.“ Obwohl er Deutsch gesprochen hatte, schienen mittlerweile alle am Tisch mitbekommen zu haben, worum es bei dem Gespräch zwischen Qiang und Anna gerade ging. Prompt fordere der Geschäftsfreund Anna auf Mandarin dazu auf, ebenfalls von den Garnelen zu probieren. Anna erstarrte für einen Moment, während sie in Gedanken fieberhaft nach einem Ausweg suchte. Augen zu und durch schien die einzige Lösung zu sein. Tapfer tauchte sie ihre Stäbchen in die braune Soße und versuchte, eine Garnele zu erwischen, die sich nicht mehr bewegte. Sie schaute das Tier nicht an während sie es hastig in den Mund schob, biss einige Male hektisch darauf herum, schluckte und spülte umgehend mit ein paar kräftigen Zügen Bier nach. Der Geschäftsfreund schlug sich auf die Schenkel und lachte, Qiang fiel ein und während Anna langsam durchatmete begann die ganze Runde, fröhlich in der Schüssel nach den Garnelen zu fischen. Später bemerkte Qiang, Anna sei die einzige Ausländerin gewesen, die er jemals von diesem Gericht hätte essen gesehen.
Nach dem Garnelentest widmete die Runde sich wieder ihren Finanzthemen, die Geschäftsfreunde prosteten sich von Zeit zu Zeit mit Reissschnaps zu und Anna konnte den Rest des Essens in Ruhe genießen, zumindest soweit es ihre nun wieder zurück kehrende Müdigkeit noch zuließ. Es gab offenbar viel zu besprechen, das Essen war vielfältig und reichhaltig und zog sich in die Länge. Aber sie wusste, dass bei chinesischen Essenseinladungen alles Wesentliche während des Essens besprochen wird und die ganze Veranstaltung ihr natürliches Ende findet, sobald der Letzte seine Stäbchen nieder legt. Der westlichen Gewohnheit, die wichtigen Themen erst nach dem Essen beim anschließenden Genuss alkoholischer Getränke anzusprechen, würden diese Geschäftsfreunde hier nicht folgen.
Die Qiangs wohnten in der Innenstadt Shanghais, in einem mit hohen Zäunen und Wachpersonal abgeriegelten Wohnviertel, das sich „Europagarten“ nannte. Fassaden, Balkone und Eingangstüren waren Fassaden nachempfunden, wie sie in den besseren Altstadtvierteln europäischer Hauptstädte zu finden sind. Der einzige ins Auge stechende Unterschied war die Höhe der Häuser, die man in Europa wohl eher als Wolkenkratzer angesehen hätte. Wie Anna mittlerweile fast vermutet hatte, war die Wohnung der Qiangs weitläufig und luxuriös ausgestattet. Man bot ihr ein Gästezimmer mit eigenem Badezimmer an, dessen Ausstattung abgesehen von den vergoldeten Armaturen fast gänzlich aus Marmor bestand. Auch sonst schien Qiangs Mutter Marmor zu lieben, denn Marmorböden dominierten auch den Flur, ihr Gästezimmer und den Rest der Wohnung, soweit sie diese hatte überblicken können.
Nachdem Anna die Tür ihres Gästezimmers hinter sich zu gezogen hatte, bemerkte sie, dass es in dem Raum nicht wärmer war als in der kühlen Frühlingsluft draußen und das Kältegefühl wurde vom Marmorboden noch zusätzlich verstärkt. Die Suche nach einem Heizkörper, den man aufdrehen konnte, verlief jedoch erfolglos. Während sie etwas ratlos begann, ihren Kulturbeutel aus dem Trekking-Rucksack zu kramen, erinnerte sie sich vage daran, irgendwo einmal gelesen zu haben, dass in China südlich des Jangtse-Flusses Wohngebäude grundsätzlich nicht beheizt werden durften, um Energie zu sparen. Anna hatte sich jedoch nie klar gemacht, dass dies auch für Shanghai galt. Die Europa-Ähnlichkeit dieser Luxuswohnanlage hier endete also damit, dass man im Frühling mit dicken Jacken und Hosen schlafen ging. Die Vorstellung, wie Qiang und seine Mutter im Winter zwischen Marmorböden und goldenen Wasserhähnen dick eingemummelt vor sich hin bibberten ließ Anna schmunzeln. Offensichtlich endete an diesem Punkt der sicher nicht geringe Einfluss, den der Reichtum den Qiangs verschaffte.
Am nächsten Tag war Anna schon früh auf den Beinen. Da in der Wohnung der Qiangs noch völlige Stille herrschte, hinterließ sie eine Notiz mit ihren Plänen für den Tag auf einer Kommode in der Diele und machte sich leise auf den Weg. Draußen war die Stadt schon längst erwacht und Anna ließ sich mit einem Taxi in den Lu-Xun-Park fahren. Es war etwa halb sieben morgens und die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie dort anlangte. Trotz der frühen Stunde war der Park voll quirligem Leben, bevölkert von hunderten älterer Menschen, die diesen Ort für ihren morgendlichen Ausflug an die frische Luft nutzten. Dabei handelte es sich jedoch in den seltensten Fällen um bloßes Spazierengehen. Im Gegenteil, die Alten waren mit den verschiedensten Sportarten und Hobbies beschäftigt und konzentriert bei der Sache. Viele machten Tai-Ji-Übungen, andere umarmten Bäume, liefen rückwärts die Parkwege entlang oder nutzten die aufgestellten Fitnessgeräte für ihre Übungen. Einige Grüppchen saßen zusammen und spielten chinesisches Schach, auf einem gepflasterten Platz wurde nach westlichen Melodien Walzer getanzt und in den stilleren Ecken hatten Männer Vogelkäfige in die Bäume gehängt und animierten ihre Vögel zum Singen.
Mit neugierigem Staunen bewegte sich Anna durch die verschiedenen Bereiche des Parks und beobachtete das eifrige Treiben der Alten. Es war offensichtlich, dass sie nicht nur ihren Spaß daran hatten, sondern auch um die heilsame Wirkung ihres Tuns wussten. Viele schienen gelenkiger und körperlich fitter zu sein als sie selbst und die meisten hatten eine selbstbewusste und lebensfrohe Ausstrahlung. „Kaum jemand, der in China ein hohes Alter erreicht hat, kann auf ein angenehmes, leichtes Leben zurückblicken.“ ging es Anna durch den Kopf. „Und trotzdem sind so viele Alte hier körperlich und geistig agil und voller Energie, während alt sein bei uns daheim fast nur mit Leiden, Verfall und Depressionen in Verbindung gebracht wird.“ Anna konnte sich dem Eindruck, den der krasse Gegensatz zwischen der Lebensbejahung vieler alter Menschen in China und der Leidensmiene ihrer Altersgenossen in Europa auf sie machte, nur schwer entziehen.
Nachdem sie einige Zeit durch den Park geschlendert war, suchte sie sich eine Bank, die von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne beschienen wurde und von der aus sie das bunte Treiben um sich herum weiter beobachten konnte. Damit war sie die einzige Person weit und breit, die untätig herumsaß.
Anna genoss die zunehmende Sonnenwärme, musste plötzlich gähnen und merkte, wie sich das Gefühl der Fremdheit langsam auflöste, das sie seit ihrer Ankunft in Shanghai wie durch eine Glasscheibe auf ihre Umwelt hatte blicken lassen. Die Scheibe schien langsam zu zerfließen und an den Rändern auszufransen. Sie blieb einfach sitzen, döste vor sich hin oder schaute den Alten zu bis der Park sich gegen acht Uhr allmählich zu leeren begann.
Anna spürte, wie ihr Magen mit zunehmender Deutlichkeit nach Frühstück verlangte und beschloss, sich nach Shanghais Altstadtviertel aufzumachen. Diese Viertel waren nicht nur wegen ihrer typisch chinesischen Straßenszenen ein Erlebnis, sondern es gab dort auch eine große Auswahl an Straßenverkaufsständen und kleinen Restaurants, in denen man seinen Hunger stillen konnte. Die schmalen Straßen und engen Gassen waren gesäumt mit einem bunten Durcheinander, das aus den meist zwei Stockwerke hohen Altstadthäusern heraus quoll. Auslagen kleiner Läden auf schmalen Tischen oder in Säcken, dazwischen abgestellte Transportdreiräder mit weiteren Säcken voller Ware auf der Tragfläche, mannshohe Kübelpflanzen, Stühle neben Eingangstüren, auf denen Mütter mit Baby auf dem Schoß die Vormittagssonne genossen,  hungrige junge Männer schlürften auf den Stufen vor der Haustür sitzend Bandnudeln aus ihrer Frühstückssuppe, Vogelkäfige baumelten mit ihren zwitschernden Insassen aus den Fenstern im ersten Stock, winzige Ein-Mann-Garküchen auf Rädern boten Dampfbrötchen oder chinesische Maultaschen an und über all dem bildeten quer über die Gassen gespannte, voll behängte Wäscheleinen einen bunt in der Frühlingsluft flatternden Baldachin. In vielen Gassen war in der Mitte kaum mehr als die Hälfte der ursprünglichen Breite für die hindurch eilenden Fußgänger, Fahrrad- oder Mopedfahrer frei. Autos waren hier, wo die Menschen in bescheidenen Verhältnissen lebten, so gut wie keine zu sehen. Auf Anna wirkten die Gassen, deren Anwohner einen Großteil ihres Lebens draußen vor ihrer Haustür zu verbringen schienen, wie große Gemeinschaftswohnzimmer, die nicht für Durchgangsverkehr oder neugierige Touristen gedacht waren. Fast hatte sie das Gefühl, irgendwo klingeln oder anklopfen zu müssen, wenn sie in eine Gasse einbog. Aber die Leute schienen sich nicht weiter an den Passanten zu stören. Nur gelegentlich traf Anna ein neugieriger Blick, den sie mit einem „Ni Hao“ erwiderte. Sie genoss es, durch das bunte Treiben von einer Gasse in die nächste zu schlendern, sich hier und da einen Imbiss zu gönnen und möglichst unauffällig die Menschen bei ihren alltäglichen Verrichtungen zu beobachten.
Es war schon früher Nachmittag, als Anna bemerkte, wie müde sie der ständige Strom neuer Eindrücke und das Durchstreifen der Gassen mittlerweile gemacht hatte. Als sie ein paar Ecken weiter auf eine breite Durchgangsstraße mit Autoverkehr stieß, ergriff sie die Gelegenheit und winkte eines der Taxis heran. Zurück im Europa-Garten öffnete ihr ein Hausmädchen die Tür zur Wohnung der Qiangs. Anna war froh, dass sonst niemand anwesend zu sein schien und verschwand in ihrem Gästezimmer, um sich eine ausgiebige Siesta zu gönnen.
Gegen Abend schienen die Bewohner der Wohnung zurückgekehrt zu sein denn Anna wurde von Geräuschen und Stimmen aus ihrem Dämmerschlaf geholt. Sie wollte gerade den Flur in Richtung Küche überqueren, aus der sie Qiangs Mutter mit dem Hausmädchen diskutieren hörte, da kam Qiang ihr entgegen und lotste sie weiter in Richtung Essraum, wo der Tisch schon gedeckt war. „Heute Abend gibt es ein Gericht, das ich aus Deutschland mitgebracht habe.“ erklärte er Anna. „Und das soll natürlich eine Überraschung sein!“. Nachdem sich wenig später auch Qiangs Mutter zu den beiden hinzu gesellt hatte, schleppte das Hausmädchen eine Riesenschüssel mit Kartoffelsalat herbei, dann eine mit grünen Salat der noch eine Platte mit Buletten folgte. Auch Senf, Ketchup und Qingdao-Bier fehlten nicht. Die Überraschung war gelungen und wie Anna kurz darauf feststellte, war alles so gut zubereitet, dass es sich geschmacklich problemlos mit dem messen konnte, was in deutschen Küchen gekocht wurde. „Wir dachten, wir können Dir nicht immer scheintote Garnelen, Schlangen und Seegurken vorsetzen.“ kommentierte Qiang mit seinem trockenen Humor. Gut gelaunt langten alle zu und Anna musste ausführlich erzählen, wo und wie sie tagsüber ihre Zeit verbracht hatte.
Nach dem Essen schlug Qiang vor, zusammen noch zum Waitan (Bund) zu fahren und von der Uferpromenade aus die nächtliche Skyline des auf der anderen Seite des Huangpu neu entstehenden Geschäftsviertels Pudong zu genießen.
Es war ein krasser Gegensatz, der sich Annas Blicken von der Uferpromenade aus bot. An der Promenade selbst reihte sich ein dezent angestrahlter Prachtbau aus der Kolonialzeit an den anderen und vermittelte den Eindruck eines europäischen Stadtzentrums. Ließ man den Blick jedoch über den Huangpu-Fluß nach Pudong hinüber schweifen, so traf er dort auf in Bonbonfarben erleuchtete Türme verschiedenster Formen, die zusammen mit den rosa gestreiften Perlen des Fernsehturms eine quietschbunte Szenerie abgaben. Einzig der Jinmao-Turm setzte sich davon mit wohltuender Zurückhaltung ab. Qiang schien sich der Wirkung bewusst zu sein, den die Farbwahl der Illumination der Pudong-Türme auf Europäer hatte und meinte mit einem sardonischen Grinsen: „Ja, wir Chinesen lieben es sehr bunt, in manchen Parks strahlen wir nachts sogar die Bäume grün und die Felsen rosa an .“ – „Ach komm, so schlimm wird es schon nicht sein.“ versuchte Anna einzuwenden. „Doch, doch, warte nur ab, früher oder später wirst auch Du so etwas zu sehen bekommen, aber dann bist Du wenigstens vorgewarnt.“ beharrte Qiang, dessen Grinsen nun noch breiter geworden war.
Langsam schlenderten sie weiter die Uferpromenade hinunter, beobachteten die verschiedenen Grüppchen westlicher oder asiatischer Touristen, die offenbar das Gleiche taten wie sie und von Zeit zu Zeit versuchte Anna, etwas von der Atmosphäre mit ihrem Fotoapparat einzufangen.
Am nächsten Tag hatte Anna erst spät aus den Federn gefunden und der Vormittag war schon zur Hälfte vorbei, als sie sich vor dem Europa-Garten ein Taxi heranwinkte. Sie wollte sich die ehemalige Residenz Lu Xuns anschauen, des ersten modernen Schriftstellers und Intellek­tuellen Chinas. Der erste, der Anna etwas über Lu Xuns Leben und Schreiben erzählt hatte, war Xiaomin gewesen. Dadurch aufmerksam geworden, hatte Anna in der Folge gelesen, was immer ihr von und über Lu Xun an Berichten oder Übersetzungen in die Hände gefallen war. Seine in krasse Symbolbilder verpackte Kritik der traditionellen chinesischen Gesellschaft faszinierte sie und viele seiner Gedanken schienen so zeitlos zu sein, dass sie auch bezogen auf moderne westliche Gesellschaften ihre Gültigkeit behielten. Das zweistöckige Backsteinhaus, das sich Lu Xun während seiner letzten Lebensphase mit seinem Sohn geteilt hatte, befand sich in einer ruhigen kleinen Wohnstraße in der Nähe des Lu-Xun-Parks. Es war unmittelbar nach Lu Xuns Tod zum Museum gemacht worden, Wohnungseinrichtung und alle Gegenstände des täglichen Gebrauchs waren originalgetreu erhalten. Anna war die einzige Besucherin an diesem Vormittag und konnte die Räumlichkeiten völlig ungestört auf sich wirken lassen.
Ihr nächstes Ziel war das Viertel der ehemaligen französischen Konzession mit seinen wunderschönen Kolonialbauten und den alten chinesischen Wohnhäusern. Sie genoss es, durch die für Shanghaier Verhältnisse erstaunlich ruhigen, platanengesäumten Straßen zu schlendern und die Fassaden der alten Häuser zu bewundern. Straßenhändler oder gar das in den Altstadtgassen übliche Menschengewimmel gab es hier nicht.
Der benachbarte Bezirk Xintiandi war bekannt für seine typischen Shanghaier Shikumen-Häuser, ein Wohnhaustyp, der sich im 19. Jahrhundert aus westlichen und chinesischen Elementen entwickelt hatte. Außerdem lag hier das Gründungshaus der KPCH, in das Anna ebenfalls einen Blick hinein werfen wollte.
Aber diese Etappe ihres Weges gestaltete sich anders als erwartet. Das gesamte Viertel war eine einzige Baustelle. Die Häuser zu beiden Seiten der Straßen waren durchgehend mit Bambusgerüsten umgeben, viele von ihnen schienen auch innen entkernt und komplett saniert zu werden. Sie konnte kaum erkennen, welche der Häuser Shikumen-Häuser waren und welche nicht. Die schmaleren Seitengassen waren völlig gesperrt und auch die Straßen selbst waren Baustellen, fest gestampfte Schotterpisten ohne Fahrbahn­decken, mit endlos langen, gelben Baustellenzäunen in verschiedene Zonen unterteilt, durch die sich Fußgänger, Radfahrer und einige Autos ihren Weg zu bahnen versuchten.
„Im Sommer wollte ich bei den in Shanghai dann üblichen starken Regenfällen nicht hier durch müssen…“ dachte Anna, während sie sich vorsichtig die Straße hinunter bewegte, an deren Ende das Gründungshaus der KPCH liegen musste.
Das dunkelgraue Backsteinhaus war zwar nicht mehr eingerüstet, aber innen war es ebenfalls noch Baustelle und eine Besichtigung unmöglich. Das einzige fertige Haus weit und breit befand sich gegenüber auf der anderen Straßenseite und beherbergte eines der mittlerweile überall wie Pilze aus dem Boden schießenden Starbucks Coffeeshops. Da Anna noch nicht entschieden hatte, wie sie ihre heutige Tour fortsetzen wollte, ging sie hinüber um bei einem Latte Macchiato eine Verschnaufpause einzulegen.
Schließlich machte sie sich in Richtung des Yu-Gartens auf den Weg, der für seine traditionelle chinesische Gartenkunst und sein in der Mitte eines kleinen Sees gelegenes Teehaus bekannt ist. Der Garten gliederte sich in einen äußeren, weitläufigeren Teil und einen kleinräumig gestalteten inneren Teil. Obwohl sehr viele Besucher ebenfalls darin herum streiften, war Anna der Wirkung der Gartenarchitektur sehr schnell verfallen. Auch auf kleinstem Raum boten sich dem Auge ständig wechselnde Perspektiven und Szenarien. Kleine Seen mit Felsenufern, Pavillons, kleine Brücken und nicht zuletzt die Pflanzen fügten sich so in das Gesamtkonzept des Gartens, dass er viele Male größer wirkte, als er wirklich war. Anna machte sich einen Spaß daraus, alle möglichen Wege vor und zurück zu laufen und die sich bietenden Anblicke wie ein dreidimensionales Kino zu genießen. Eigentlich war es ein vierdimensionales, denn soweit Anna wusste hatten die Gartenarchitekten auch den Wandel der Gartenpanoramen im Lauf der Jahreszeiten bis ins kleinste Detail mit einbezogen.
Anna hätte sich anschließend gerne noch in das nur über Zickzackbrücken erreichbare Teehaus gesetzt, aber es war so überfüllt, so dass sie nur von außen hinein schauen konnte. So blieb ihr noch genügend Zeit übrig, um durch die den Yu-Garten umgebenden Altstadtviertel zu schlendern und das quirlige Leben und Treiben darin zu beobachten, ehe sie sich wieder auf den Weg zurück zur Wohnung der Qiangs machte.
Am Morgen ihres letzten Tages in Shanghai wollte Qiangs Mutter zur Börse fahren, um sich dort mit ihren Geschäftsfreunden zu treffen. Da Anna sich noch einmal ausgiebiger in Pudong, Shanghais neuem Geschäftsbezirk, umschauen wollte, hatte sie in etwa das gleiche Ziel und beide machten sich gemeinsam auf in die U-Bahn. An der Börse angekommen, wollte Anna wenigstens einen flüchtigen Eindruck des Gebäudeinneren erhaschen, bevor sie ihren Weg durch Pudong fortsetzte. Das Börsenparkett war jedoch sehr spartanisch gestaltet und versprühte den Charme einer Bahnhofswartehalle. Lange Reihen orangefarbener Plastikschalensessel füllten die Mitte eines großen, mit Neonröhren erhellten Saales aus. Von den Sitzreihen aus konnte man eine Tafel mit ebenso langen Reihen gelb und rot leuchtender chinesischer Zeichen und Zahlen im Blick halten. An den Seiten des Saales befanden sich mehrere Zeilen in Boxen untergebrachter Computerarbeitsplätze und das war auch schon alles, was es für den Nicht­ein­ge­weih­ten an der noch in den Kinderschuhen steckenden Shanghaier Börse zu sehen gab. Es schien ein ruhiger Tag zu sein, denn die meisten Plätze waren leer. In einer der vorderen Reihen saßen zwei der Geschäftsfreunde von Qiangs Mutter und als sie diese mit Anna hereinkommen sahen, standen sie zur Begrüßung auf. Gemeinsam strebte man über mehrere lange Korridore hinweg einem weiter hinten im Gebäude gelegenen Büroraum zu, wo noch ein weiterer Geschäftsfreund gewartet hatte. Anna beschloss, die vier nun lieber ihren Geschäften zu überlassen, verabschiedete sich und suchte den Weg nach draußen.
Am Tag ihrer Ankunft war Anna schon einmal in Pudong gewesen, hatte damals aber nur wenig von der Umgebung aufnehmen können. Nun wollte sie dies nachholen. Vor allem der Jinmao-Turm mit seiner nach traditionellen chine­sischen Gesichtspunkten gestalteten Architektur hatte es ihr angetan. Vom Aussichtsdeck in der 88. Etage des Turms aus ließ sie ihren Blick über Pudong, den Huangpu-Fluss und die jenseits davon sichtbaren Stadtteile Shanghais gleiten. Sie brauchte lange, um die Dimension dieser Riesenstadt wenigstens ansatzweise zu erfassen. Träge zogen Frachtschiffe auf dem Huangpu-Fluss ihre Bahnen. Am gegenüber liegenden Flussufer konnte sie die Umrisse der Gebäude des Waitan ausmachen. Über allem lag eine feine Dunstglocke, die das Sonnenlicht milchig schimmern ließ. Viele der umliegenden Wolkenkratzer hatten seltsam zusammengesetzte Formen und oft hatten die Architekten ihnen eine Art Dachschmuck aus geometrischen Objekten wie Kugeln, kleinen Pyramiden, Schalen oder Zylindern verpasst. Von oben wirkte das Ganze Ensemble auf Anna, als hätte ein Kind sich hier beim Spiel mit seinen Bauklötzchen verweilt und am Abend vergessen aufzuräumen. Auch der Fernsehturm mit seinen rosa Kugeln am Spieß fügte sich in dieses Bild ungewollt verspielter Komik. Nur dem Jinmao-Turm war dieses Schicksal erspart geblieben. Mit seiner nahezu perfekten Ästhetik ragte er aus der ihn umgebenden Bauklötz­chen­sammlung hervor als wollte er daran erinnern, dass es irgendwo auf der Welt auch noch ein paar erwachsene Architekten geben musste.
Am Nachmittag fuhr Anna zum Shanghaier Bahnhof, um für den nächsten Tag eine Fahrkarte nach Suzhou zu erwerben. Qiang hatte angeboten, sie am Bahnhof zu treffen um ihr dabei behilflich zu sein, aber Anna hatte das Angebot höflich ausgeschlagen, denn sie wollte lernen, ohne fremde Hilfe mit den Herausforderungen, die chinesische Bahnhöfe, Fahrpläne und Fahrkartenschalter für Westler bereit halten, zurecht zu kommen. Am Bahnhof angekommen, nahm sie sich viel Zeit um durch die Halle und an den Fahrkartenschaltern vorbei zu schlen­dern, nach und nach die verschiedenen Plakate, Fahrpläne und sonstigen Schilder zu entziffern und die Menschen zu beobachten, wie sie sich ihren Weg durch das Gewimmel des Bahnhofs suchten. Wäre sie erst am folgenden Tag kurz vor der Abreise und unter Zeitdruck am Bahnhof eingetroffen, hätte sie mit Sicherheit den Zug verpasst. Aber in der entspannten Situation dieses Nachmittags fügte sich langsam Eines zum Anderen und am Ende war es gar nicht mehr so schwer gewesen, am richtigen Schalter die passende Fahrkarte zu erwerben und herauszufinden, auf welchem Gleis der Zug abfahren würde.
Anna beschloss den Tag mit einem späten Bummel durch die Fußgängerzone der Nanjing-Lu, Shanghais großer Einkaufsstraße. Hier säumte eine eigentümliche Mischung aus Bauten im europäischen Stil und modernen chinesischen Häusern die breite Straße. Viele Fassaden waren so mit überdimensionalen Plakaten und Leuchtreklamen beladen, so dass sie fast dahinter verschwanden. Anna ließ sich durch die Masse der Menschen treiben, die nach Feierabend auf dem Heimweg ihre Einkäufe erledigten.
Ab und zu erregte eines der Kaufhäuser ihre Neugierde und sie ließ sich von den Menschen hineinschieben um sich drinnen umzuschauen. Anders als sie es von Peking her in Erinnerung hatte, standen hier in Shanghai weder die Inneneinrichtung noch das Warenangebot der Kaufhäuser westlichen Standards auch nur im geringsten nach.
Als ihre Füße langsam schwerer und ihr Geist müder wurde, verweilte sie noch einige Zeit auf einer der Sitzbänke, die es hin und wieder in der Mitte der Straße gab und sah den vorbei eilenden Menschen zu. Erst als es mit zunehmender Dunkelheit zu kühl dafür wurde, konnte sich sich von Shanghai trennen und machte sich ein letztes Mal auf den Rückweg zur Wohnung der Qiangs.

Brücken und Brücken

Von Suzhou mit seinen bezaubernden chinesischen Gärten aus führte Anna ihre Reise in das als „Venedig Chinas“ bekannte Dorf Zhouzhuang, zum Taihu-See und schließlich weiter nach Hangzhou. Die Ufer von Hangzhous West-See luden zum Spazierengehen oder einem Besuch im Teehaus ein und Anna entspannte sich zunehmend. Sie gönnte sich mehrere Tage in Hangzhou, genoss die Stadt und unternahm Abstecher nach Shaoxing, der Geburtsstadt Lu Xuns und zum Huang-Shan, einem der bekanntesten Gebirge Chinas.
Trotz seiner hohen Bevölkerungsdichte bildete die weiche Verträumtheit des chinesischen „Wasserlands“, das sich von Shanghai aus nach Osten bis hin zum Taihu-See erstreckt, einen interessanten Kontrast zu den schroffen Felswänden des HuangShan-Gebirges. „Ob als traditioneller Malstil im Kleinen, als chinesischer Garten oder als geographische Gegebenheit im Großen, Shan-Shui (Berge und Wasser) scheinen hier ein wieder­keh­rendes Motiv zu sein…“ Die Eindrücke der letzten Tage gingen Anna nach wie vor durch den Kopf, während sie ihre Sachen packte um sich auf den Weg zum Flughafen zu machen.
„Das könnte kompliziert werden hier…“ grübelte sie, während sie nach der Landung in Tianjin durch die Passagierbrücke in Richtung Gepäckausgabe ging.
Vor Annas Abreise hatte Ling, Annas Untermieterin, die Einladung ihrer Eltern überbracht, zu einem Besuch nach Tianjin zu kommen. Anna hatte mit gemischten Gefühlen angenommen, denn Ling hatte nicht verbergen können, dass ihr das Vorhaben ihrer Eltern Unbehagen bereitete. „Nicht wahr, Du erzählst meinen Eltern nichts von meinem Freund?!?“ Dem flehent­lichen Blick der samtbraunen Augen aus dem kindlichen Gesicht der Neunzehnjährigen war schwer standzuhalten. Anna hatte ihre Untermieterin inzwischen jedoch gut genug kennen gelernt, um vor ihren Fähigkeiten, zu bekommen was sie wollte, auf der Hut zu sein. „Wissen Deine Eltern denn noch gar nichts von Deinem Freund?“ – „Ich selbst habe ihnen nichts gesagt, aber ich habe den Eindruck, dass sie es von Anderen wissen und versuchen werden Dich auszufragen.“ gab Ling zu. „Das wird ein schwieriger Besuch… Weißt Du, für mich ist Dein Freund Deine private Angelegenheit, in die ich mich nicht einmischen will.“ Ling schien erleichtert. „Andererseits möchte ich die Gastfreundschaft Deiner Eltern nicht damit vergelten, ihnen ins Gesicht zu lügen, wenn ich an ihrem Tisch sitze… Zumal sie die Sache ja ohnehin schon mitbekommen haben.“ Ling warf Anna einen gequälten Blick zu. „Lehne ich die Einladung aber ab, macht es Deine Lage auch nicht besser. Deine Eltern wissen ja, dass ich von Peking aus zurückfliegen will und Tianjin ist von Peking nur einen Katzensprung entfernt. Sie werden sich erst recht falsche Vorstellungen machen, wenn ich nicht komme.“
Für einige Augenblicke hatte ratloses Schweigen geherrscht. „Ich werde einen Mittelweg versuchen.“ hatte Anna dann beschlossen. „Wenn Deine Eltern mich direkt fragen, ob Du einen Freund hast, werde ich sagen, dass ich das weder bestätigen noch dementieren kann.“ – „Und wenn sie nicht locker lassen, was sagst Du dann?“ – „Dann muss ich sie bitten, zu respektieren, dass ich diese Fragen nicht beantworten kann, weil mir das als Deine Vermieterin nicht zusteht.“ Offensichtlich war das nicht das Resultat, das Ling sich erhofft hatte. Nachdem sie einige Sekunden mit sich gerungen hatte gab sie jedoch zerknirscht nach. „Gut, das muss ich akzeptieren. Aber versprich mir, dass Du ihnen nicht sagst, wie er heißt!“ – „Versprochen!“ hatte Anna sie beruhigt.
Zwei hoch aufgeschossene junge Männer zwischen Pubertät und Erwachsenenalter warteten in der Empfangshalle auf Anna und stellten sich als Lings ehemalige Klassen­kameraden vor. Einer von ihnen verfügte über ein Auto und chauffierte die Drei durch die Stadt zu Lings Eltern.
Soweit Anna es während der Fahrt erkennen konnte, schien die Hafenstadt Tianjin wohl­ha­ben­der und spürbar weiter entwickelt zu sein als Peking. Auch das Viertel, in dem Lings Eltern lebten, vermittelte mit seinen für chinesische Verhältnisse niedrigen, einander Raum lassenden Wohnblocks den Eindruck eines relativ hohen Standards.
Bei Lings Eltern angekommen öffnete eine zierliche, bescheiden wirkende Mittvierzigerin die Wohnungs­tür um die Ankömmlinge herein zu bitten. Durch kräftige Brillengläser, die für ihre feinsinnigen Gesichtszüge viel zu groß geraten waren, fiel ihr fragender Blick auf Anna, wo er prüfend haften blieb. Hier wollte eine besorgte Mutter wissen, bei wem ihr Augapfel gelandet war, Anna konnte es ihr nicht verdenken. „Guten Tag, ich bringe Ihnen Grüße von Ling!“ sagte Anna lächelnd. „Vielen Dank, Willkommen in Tianjin!“ Die erste Anspannung schien langsam von Lings Mutter zu weichen und einem vorsichtigen Wohlwollen Platz zu machen. „Komm, ich zeige Dir Lings Zimmer, dort kannst Du Deine Sachen ablegen und später in Lings Bett übernachten.“
Die Klänge einer Klaviersonate perlten durch das langgezogene Wohnzimmer, während Anna Lings Mutter an Couchgarnitur und Esstisch vorbei zu einer Tür am anderen Ende des Raumes folgte. Lings Zimmer war von ähnlicher Größe und Ausstattung wie das Zimmer, das Anna an sie vermietet hatte. „Wenn man sich die chinesischen Schrift­zeichen von Buchrücken und Bildern wegdenkt, könnte es auch als Jugendzimmer der braven Tochter einer deutschen Mittelschichtfamilie durchgehen…“ dachte Anna.
Etwas später servierte Lings Mutter eine erstklassige Bandnudel­suppe mit Hühnerfleisch und frischem Gemüse als Mittagessen. Sowohl Lings Klassenkameraden als auch Anna sprachen ihr gut zu, nicht ohne die Köchin ausgiebig dafür zu loben. „Nein, nein, ich kann gar nicht kochen!“ wehrte Lings Mutter ab. „In unserer Familie ist mein Mann der Koch. Er ist Architekt von Beruf, aber Kochen ist seine Leidenschaft. Wenn er am Herd steht, darf ich in der Küche nichts anfassen. Diese Suppe hat er gestern Abend schon vorbereitet, ich habe sie vorhin nur aufgewärmt.“ Anna beschlich das Gefühl, dass Lings Eltern ihren Besuch wichtiger nahmen, als es ihr lieb war. „Mein Mann muss unter der Woche meist auf den Baustellen übern­achten. Aber heute Abend wird er hier sein um sein Lieblingsgericht für uns zu kochen.“ fuhr Lings Mutter fort.
„Sind Sie eine Liebhaberin europäischer Klassik?“ fragte Anna, denn nach wie vor war die Klaviermusik im Hintergrund zu hören. „Oh ja, ich bin Dozentin am Tianjiner Konservatorium und die deutsche Klassik ist mein Spezialgebiet.“ Lings Mutter taute nun zusehends auf. „Hat Ling sich deshalb Deutschland für ihren Europaaufenthalt ausgesucht?“ – „Ja, das hat glaube ich eine Rolle gespielt. Aber es gibt auch andere Gründe. Es gibt zum Beispiel keine Schul- oder Studien­gebühren. Nur die Sprachschule, auf die sie jetzt noch geht, ist sehr teuer für uns.“
Nach dem Mittagessen verabschiedeten sich Lings Klassenkameraden. „Zum Abendessen müsst ihr aber wieder kommen!“ rief Lings Mutter ihnen noch nach, dann fiel die Wohnungstür hinter den beiden zu. „Mein Mann kocht immer viel zu viel, da brauchen wir Unterstützung beim Essen!“ erklärte Lings Mutter.
Anna begann sich zu fragen, welche Rolle die beiden „Klassenkameraden“ in Lings Leben gespielt hatten oder noch spielen mochten. Waren sie diejenigen, die Lings Eltern als potentielle Schwiegersöhne favorisierten? Aber gleich zwei… Allerdings war Anna nicht entgangen, dass Ling es auch in Deutschland sehr gut verstand, bei ihren Freunden den Charme spielen zu lassen. „Puh, es wird wirklich kompliziert heute Abend…“ dachte sie bei sich.
„Lings Klassenkameraden können Dir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt morgen Vormittag zeigen, dann gibt es nicht so viel Stau in der Stadt.“ fuhr Lings Mutter fort. „Ich muss heute noch ein paar Einkäufe für den Abend erledigen, hast Du Lust mitzukommen?“ – „Sehr gerne!“ Bewegung war jetzt genau das Richtige für Anna. Lings Mutter schien langsam etwas Zutrauen zu Anna gefasst zu haben. „Komm, ich zeige Dir jetzt mal, wo es hier die besten Garnelen gibt.“ sagte sie, als sie zur Bushaltestelle gingen und hakte sich bei Anna unter.
Als sie am Abend in die Wohnung zurück kamen, war Lings Vater in der Küche schon mit Vorbereitungen beschäftigt. Die Küchentür wurde schwungvoll aufgerissen und ein gut gelaunter Mann in einer blau-weiß gemusterten Küchenschürze begrüßte die beiden. „Endlich kommt ihr, wo bleiben denn meine Garnelen?!?“ Lachend ging er auf Anna zu. „Willkommen, ich bin Lings Vater.“ stellte er sich vor. Er schien die Frohnatur der Familie zu sein und Anna sah auf den ersten Blick, dass Ling ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war. „So, ich muss weitermachen, es ist schon spät!“ Geschäftig nahm er seiner Frau die Einkaufstüten ab und wollte gleich wieder in der Küche verschwinden. „Könne ich Ihnen ein bisschen zuschauen?“ Annas Neugierde war mit ihr durch gegangen. „Ich werde nichts anfassen, versprochen!“ ergänzte sie besänftigend. „Nun gut. Wenn ich nachher mit den Garnelen anfange sage ich Dir Bescheid.“ bot er an, bevor er die Küchentür hinter sich zu zog.
Während aus der Küche bald Hacken, Klopfen und Raspeln zu hören war, begann Lings Mutter den Tisch zu decken. „Komm, mach es Dir bequem.“ sagte sie zu Anna und wies auf die Couch­garnitur. Anna hatte noch nicht lange Platz genommen, als auch Lings Klassenkameraden wieder auftauchten und sich zu ihr setzten. Sie begannen, Anna verschiedene Sehens­würdig­keiten vorzuschlagen, die sie ihr am nächsten Tag in der Stadt zeigen könnten. Und während man noch darüber beriet, wann man sich treffen wollte, meldete sich Lings Vater aus der Küche.
Als Anna sich zu ihm gesellte war er war gerade dabei, die Garnelen in einer Marinade zu wenden. Die Küche war nur ein kurzer Schlauch, auf jeder Seite gab es einen Tresen, der linke schmal und ganz unter Flaschen, Dosen, Schüsseln, Tellern und Tüten voller Zutaten begraben, der rechte breiter, mit einem in die steinerne Arbeitsplatte eingelassenen Spülbecken und einem zweiflammigen Gasherd, der wie ein Camping-Gaskocher auf die Steinplatte gestellt war. Es gab weder Regale noch Hängeschränke an den hell gefliesten Wänden, nur eine klobige Edelstahlesse hing über dem Herd und daneben ein paar Haken mit Sieben und Schöpflöffeln. Ein großer Wok, Schalen mit Fleisch, zerkleinertem Gemüse, den Garnelen und verschiedenen Soßen, eine Schnapsflasche, Gläser mit Gewürzen und ein Messerblock drängelten sich auf und neben dem Herd, an dem Annas Vater nun eine Gasflamme entzündete.
„Ich mache die Garnelen nach meinem eigenen Rezept. Nach dem Marinieren in meiner Spezial­soße werden sie angebraten und mit einer anderen Spezialsoße abgelöscht. Dann stelle ich sie zur Seite und mache die restlichen Gerichte fertig. Zum Schluss karamellisiere ich die Garnelen und kurz vor dem Servieren werden sie flambiert.“ Er war sichtlich in seinem Element. „Wie viele Gerichte gibt es denn?“ – „Acht Gerichte, denn Acht ist die Zahl der Harmonie!“ strahlte er. Anna staunte nicht schlecht. Wie konnte jemand in dieser Enge acht Gerichte zubereiten?!
Nach­dem die Garnelen brutzelnd in den heißen Wok geglitten waren, lief Lings Vater erst richtig zur Hochform auf. Fasziniert wurde sie Zeugin einer virtuos durch­ge­spielten Choreografie aus Rühren, Würzen, Gießen, Schöpfen, Mischen, Ab kosten und Umbetten, in deren Verlauf die Inhalte der auf den Tresen stehenden Schüsseln und Teller in einer wohlgeplanten Reihenfolge zischend und blubbernd in den Wok wanderten um diesen dann eins nach dem anderen als fertiges Gericht zu verlassen. Bratenduft, Kräuter- oder Gewürzaromen kitzelten abwechselnd Annas Nase, während Lings Vater hochkonzentriert zwischen Tresen und Wok wirbelte und als er wieder innehielt, standen sieben Gerichte fertig neben seinem Herd. „So!“ Er strahlte wieder. „Du kannst die Gerichte schon mal raus tragen, und setzt Euch alle an den Tisch. Ich komme dann mit den Garnelen.“ wies er sie an.
Das Essen war eines der besten, das Anna jemals gegessen hatte und abgesehen von Lings Mutter langten alle tüchtig zu. „Endlich habe ich mal Leute am Tisch, die mein Essen zu schätzen wissen!“ Lings Vater klatschte sich lachend auf die Schenkel „Normalerweise ist es so: ich gebe mir die größte Mühe, aber meine Frau isst wenig und meine Tochter fast nichts. Ich esse mich satt und der Rest wird kalt gestellt. Das reicht den beiden dann die ganze Woche, wenn ich auf der Baustelle bin.“ schimpfte er gespielt. „Dafür isst Du auf den Baustellen dann die ganze Woche nichts.“ konterte seine Frau mit einem schelmischen Lächeln.
Als nach einiger Zeit der erste Hunger wohl gesättigter Entspannung wich, begann das Gespräch sich zunächst beiläufig, dann immer zielstrebiger um Ling und ihr Leben in Deutschland zu drehen. Annas Alarmglocken schrillten. „Ling ist ja noch sehr jung!“ zog Lings Mutter ihre Kreise nun langsam enger. „Die meisten Chinesischen Studenten gehen ins Ausland, nachdem sie die ersten Prüfungen an der Universität abgelegt haben. Dann sind sie über Zweiundzwanzig und reifer.“ Sie konnte die Sorgen, die sie sich um ihre Tochter machte, nicht verbergen.
„Ling wollte nicht auf uns hören und hat uns zugesetzt, bis wir nicht mehr anders konnten als nachzugeben.“ ergänzte Lings Vater. Anna konnte sich lebhaft vorstellen, wie Ling ihre Register gezogen hatte, bis sie bekam was sie wollte. Ihre Eltern schienen Lings Hartnäckigkeit nicht gewachsen zu sein. Aber ob sie sich selbst damit wirklich einen Gefallen getan hatte? – „Ling sagt uns oft, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, weil sie in Deutschland schon viele gute Freunde gefunden hat…“ spann Lings Mutter ihren Faden weiter. „Ja, da hat sie recht. Zum Beispiel hat einer ihrer Freunde ihr mein Zimmer vermittelt. Er gibt mir Chinesisch-Unterricht und wusste, dass ich vermieten möchte.“ versuchte Anna die Medaille umzuwenden. „Ja, dumm ist sie nicht.“ bemerkte Lings Vater nicht ohne Stolz. – „Aber in manchen Bereichen ist sie noch viel zu naiv.“ Lings Mutter ließ sich nicht so leicht ablenken. „Kommen ihre Freunde oft zu Besuch?“ wurde sie konkreter. „Seit sie bei mir wohnt, hat sie mich ein, zweimal eingeladen, als sie mit ihren Freunden chinesische Maul­taschen gekocht hat.“ – „Und waren ihre Freunde darüber hinaus noch öfter da?“ bohrte Lings Mutter weiter und hatte damit die rote Linie erreicht, die Anna sie nicht über­schrei­ten lassen wollte. „Ich bin nur an den Wochenenden daheim, und da war es bis auf diese Einladungen ruhig. Unter der Woche bin ich im Büro, muss abends oft Überstunden machen oder habe andere Termine. Daher bekomme ich nicht mit, was Ling macht.“ versuchte sie, sich Luft zu verschaffen.
Für einige Augenblicke herrschte Schweigen, ein Hauch von Ratlosigkeit schien über das Gesicht von Lings Mutter zu huschen. Es schien ihr nicht entgangen zu sein, dass Anna zu weiter gehenden Auskünften nicht bereit war.
„Weißt Du Anna…“ preschte da einer von Lings Klassenkameraden ungeduldig vor. „Lings Mutter macht sich große Sorgen, weil sie vermutet dass Ling einen festen Freund hat. Wir möchten gerne wissen, ob das stimmt und wer er ist.“ Offensichtlich war seine Anspannung mit ihm durch gegangen, denn nun war sie nicht mehr zu übersehen. Verärgert schoss Lings Mutter einen warnenden Blick auf ihn ab, Lings Vater lehnte sich mit einem Schnauben abrupt zurück. Anna witterte eine Chance. „Ich kann Eure Sorgen sehr gut verstehen, auch wenn ich selbst keine Kinder habe.“ sagte sie in die Runde. „Dass Ling so jung schon nach Deutschland gegangen ist, macht die Situation für alle sehr schwierig. Ich selbst schätze Ling sehr und hoffe das Beste für ihre Zukunft. Jedoch bin ich nur ihre Vermieterin und habe nicht das Recht, mich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Aber ich glaube, Ling wird einen guten Weg finden.“ Peinliche Stille senkte sich über den Tisch. „Hoffentlich hat die Harmonie aus den acht Gerichten irgendwie ihren Weg durch den Magen in die Köpfe gefunden…“ dachte Anna. Endlose Augenblicke später brach Lings Vater das Schweigen. „Ling ist bei Dir glaube ich gut aufgehoben.“ sagte er versöhnlich. „Es ist für uns eine Erleichterung, zu wissen bei wem sie wohnt und wir freuen uns, dass Du uns besucht hast.“ fuhr er fort. „Ling wird im Sommer nach Tianjin kommen, dann werden wir versuchen, mit ihr über alles zu sprechen.“ – „Das ist bestimmt die beste Lösung.“ erwiderte Anna und versuchte, sich ihre Erleichterung nicht allzu offensichtlich anmerken zu lassen.
Es war sonniger Spätnachmittag, als Anna zwei Tage später im Pekinger Bahnhof aus dem Zug stieg. Eine frische Frühlingsbrise hatte den Pekinger Wintersmog zur Stadt hinaus geblasen und Anna atmete ein paarmal tief durch, während sie sich durch das Menschengewimmel auf dem Bahnhofsvorplatz hindurch schob, um ein Taxi zu finden. Xiaomin hatte ihr ein kleines Hotel mitten in einem der traditionellen Pekinger Hutong-Viertel empfohlen und sie folgte dieser Empfehlung gerne.
Der Taxifahrer brauchte mehrere Anläufe um die richtige Abzweigung zu finden, die von der dreispurigen Durchgangsstraße aus in das Viertel hinein führte. Zu beiden Seiten säumten nun eng aneinander geschmiegt ein- oder zweistöckige Häuser die schmale Straße. Die Leute waren zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs und wo immer Hauseingänge, Leitungsmasten oder die vereinzelten Bäume Platz ließen, säumten abgestellte Zweiräder aller Art den Straßenrand. Das Taxi schob sich vorsichtig durch das rege Treiben hindurch.
Schaufenster kleiner Geschäfte, Mini-Werkstätten und Restaurants wechselten sich hier ab mit den grau gestrichenen Außenmauern traditioneller Pekinger Hofhäuser, aus denen immer wieder in kräftigem Rot gehaltene Eingangsportale hervor leuchteten. Manche waren zusätzlich mit einem geschwungenen Vordach überdeckt, mit Säulen eingefasst oder mit roten Spruchtafeln oder gar Lampions verziert. Soweit Anna wusste, verbargen sich dahinter stille Innenhöfe, an vier Seiten umgeben von zum Hof hin offenen Wohngebäuden, das Ganze gegen die Nachbarschaft abgeschirmt von der alles umschließenden Außenmauer, jedes Hofhaus eine kleine Welt für sich. Die roten Portale zogen Annas Blicke wie magnetisch auf sich und kitzelten ihre Neugierde auf das Dahinter wach. „Nachher…“ dachte sie, während das Taxi unerbittlich weiter rollte.
Nachdem das Hotel gefunden war und Anna ihre Sachen im Zimmer abgestellt hatte, hielt es sie nicht lange dort. Sie wollte den Rest des Tages nutzen, um das Hutong zu erkunden. Wieder draußen ließ sie sich vom Kreuz und Quer der Sträßchen und Seitengassen leiten, schaute gelegentlich in eines der Geschäfte hinein und stärkte sich in einem kleinen Restaurant. Bald wurde klar, dass die frisch gestrichenen grauen Hofhäuser mit den schmucken roten Portalen, die Anna vom Taxi aus aufgefallen waren, eher die Ausnahme als die Regel darstellten. Sie fanden sich vermehrt in der Hauptstraße des Hutongs, in der auch das Hotel lag. In den Seitengassen tiefer drinnen im Viertel herrschte hingegen ein verschachteltes Kunterbunt kleiner Häuser vor, das die einstmals auch hier angelegte Grundstruktur der vierseitig ummauerten Hofhäuser oft nur noch vage erahnen ließ.
Dafür gab es in diesen Gassen umso mehr Leben auf der Straße. Während Anna sich darin treiben ließ wurde sie sich langsam des vagen Gefühls bewusst, in den Straßenszenen hier irgend etwas zu vermissen. Erst einige durchstreifte Gassen weiter fiel ihr auf, dass sie dabei war, dieses Viertel mit den Shanghaier Altstadtvierteln zu vergleichen, die sie am Anfang ihrer Reise kennen gelernt hatte. Nun konnte sie sich langsam einen Reim auf ihre Wahrnehmung machen. In den Shanghaier Altstadtvierteln gab es in der Regel keine Innenhöfe und so taten die Menschen vieles direkt vor ihrer Haustür, was sich in den Hutongs in die Innenhöfe verlagerte. Hier waren die Gassen Außenwelt und Verkehrsweg, ein öffent­licher Raum, nicht das für Annas Geschmack fast zu private Gemein­schafts­wohn­zimmer, das sie für die Shanghaier waren.
Die ganze Zeit über hatte Anna nach Möglichkeiten Ausschau gehalten, einmal in einen der Innenhöfe hinein spicken zu können. Aber dies schien nicht so einfach zu sein wie sie gehofft hatte. Die Tore der Hofhäuser erfüllten ihren Zweck und als es dunkel zu werden begann musste Anna ihre Neugierde unbefriedigt wieder in Richtung Hotel mitnehmen.
Sie war nur noch zwei, drei Querstraßen vom Hotel entfernt, als sie wider Erwarten über ein Gebäude stolperte, das sie schon von ihrem ersten China-Aufenthalt her kannte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fiel ihr unvermittelt eine kleine weiße Kirche ins Auge, die mit ihrer westlichen Architektur unübersehbar aus der Häuserzeile des Hutongs herausstach. Sie erkannte sie sofort. Hier hatte sie im letzten Sommer mit Xiaomins Schwester den Gottesdienst besucht. Das Gebäude lag verschlossen und dunkel in der hereinbrechenden Abenddämmerung, von der Gemeinde war offensichtlich niemand anwesend. Xiaomin hatte zwar erwähnt, dass die Kirche ebenfalls in diesem Hutong lag, aber Anna hatte nicht damit gerechnet, sie wirklich zu finden. Während ihres damaligen Besuchs hier war sie viel zu abgelenkt gewesen war, um die Umgebung wahrzunehmen in die die Kirche eingebettet war. Umso mehr freute sich sich jetzt darüber, hier doch noch ein Gebäude entdeckt zu haben in dessen Innenleben sie schon einmal hatte einen Blick hinein werfen können.
Xiaomin hatte Anna vor ihrer Abreise geschrieben, er sei zur gleichen Zeit in Peking wie sie und hatte ihr seine Mobilnummer zukommen lassen. Zurück im Hotelzimmer gelang Anna es tatsächlich, ihn zu erreichen. Er schlug vor, sich am nächsten Vormittag beim Qianmen (Vordertor), einem südlich des Tiananmen-Platzes gelegenen historischen Stadttor, zu treffen. In den Vierteln südlich davon gäbe es interessante Straßen zum Bummeln sowie weitere Hutongs, die er ihr zeigen wolle. Auch seine Schwester könne es vielleicht einrichten, mit zu kommen.
Als Anna am nächsten Tag am Qianmen aus der U-Bahnstation stieg, sah sie die beiden schon von weitem auf dem Vorplatz stehen. Während Xiaomins Schwester sich in den Monaten seit ihrer letzten Begegnung nicht verändert hatte, hatte Xiaomin eine Wandlung vollzogen, die Anna die Sprache verschlug. Anstatt der langhaarigen, klapperdürren Abenteurergestalt, die sie in Erinnerung hatte, stand da ein wohlgenährter junger Mann mit korrekt gescheiteltem Kurzhaarschnitt, dessen modisch geschnittenes schwarzes Sakko über dem ebenfalls schwarzen Oberhemd an den Bekleidungsstil kreativer Berufe anknüpfte.
„Gut dass seine Schwester dabei ist, sonst wäre ich vielleicht an ihm vorbei gelaufen…“ dachte Anna, während sie auf die beiden zuging. „Du erkennst mich bestimmt nicht mehr!“ begrüßte er sie auf Deutsch in der vorwitzigen, fröhlichen Art, die sie noch gut von ihm in Erinnerung hatte. „Doch, doch, an Deiner Schwester und an Deiner Fototasche!“ konterte Anna lachend. „Ja, meine Backen sind jetzt genau so dick wie ihre!“ feixte er, wohl wissend, dass seine Schwester kein Deutsch verstand. Offensichtlich war er sich der Wirkung seiner äußeren Veränderung auf Andere wohl bewusst und genoss es, Annas Reaktionen zu beobachten.
„Komm, lasst uns versuchen Chinesisch zu sprechen!“ schlug Anna auf Chinesisch vor. „Du sprichst kein Englisch, Deine Schwester kein Deutsch, aber vielleicht reicht mein Chinesisch ja aus, damit wir alle drei uns verständigen können.“ – „Ich verstehe Dich sehr gut!“ meldete sich da Xiaomins Schwester, erfreut mit einbezogen zu werden. „Ja, lass es uns probieren, Dein Chinesisch ist viel besser geworden seit wir uns zuletzt gesehen haben!“ stimmte Xiaomin zu.
„Wie findest Du das Hotel, das ich Dir empfohlen habe?“ wollte er weiter wissen. „Das war genau das Richtige für mich. Die Zimmer sind gut und die Umgebung ist sehr interessant. Ich war gestern dort schon im Hutong unterwegs und habe auch Eure Kirche wieder entdeckt. Aber ich konnte in kein einziges Hofhaus hinein­schauen, sie waren alle gut verschlossen.“ – „Dann lass uns zuerst das Hutong südlich des Qianmen anschauen, das ist nicht weit weg von hier. Ich kenne ein paar Leute von meiner Arbeit als Fotograf her, die wohnen dort. Mit etwas Glück ist jemand von ihnen daheim und lässt uns in seinen Innenhof hinein schauen.“ Anna war freudig überrascht, ihre Neugierde vielleicht doch noch stillen zu können. „Was hast Du denn noch alles gesehen auf Deiner Reise?“ fragte Xiaomins Schwester. Und während die Drei sich zu Fuß auf den Weg in das Hutong machten, berichtete Anna von ihren bisherigen Reiseerlebnissen.
Dieses Hutong machte einen schlichteren Eindruck als das, in dem Annas Hotel gelegen war, stellen­weise sogar einen heruntergekommenen. Unverputzter Backstein dominierte die Außenmauern der Hofhäuser und dem Holz der Hoftore sah man seine Jahre an. Während sie durch die Gassen schlenderten, versuchte Xiaomin seine Bekannten in dem Viertel per Mobiltelefon zur erreichen. Bei Zweien von ihnen hatte er Glück, jemand war zu Hause und willens, eine neugierige Ausländerin einen Blick hinter das Hoftor werfen zu lassen. Das Innenleben der beiden Hofhäuser, die Anna nun zu sehen bekam, hätte unterschiedlicher nicht sein können.
Vor dem offen stehenden Tor des ersten wurden sie von einem freundlichen älteren Herrn erwartet. Er begrüßte die Drei breit grinsend um danach die Ausländerin in Xiaomins Schlepptau unverhohlen neugierig zu mustern. „Auch ich werde besichtigt…“ dachte Anna und erwiderte seine Begrüßung ebenso breit grinsend. Als Anna hinter den Anderen die Schwelle zum Innenhof überschritten hatte, bot sich ihr ein unerwartetes Bild.
Der Hof war vollständig unter ineinander verschachtelten Hütten und Verschlägen verschwun­den und es war schwer zu erkennen, wo sich die ursprünglichen Gebäude des Hofhauses befanden. Anna konnte sie schließlich an ihren geflickten Ziegeldächern erkennen, die die Dachpappenlandschaft der Hütten im Hof überragten. Gänge, in denen Säcke, Eimer, Fahrräder oder Besen herumstanden, wanden sich zwischen um die Hütten herum und ließen gerade soviel Raum, dass man hindurchgehen konnte. Trotz der Enge hatten in einigen Ecken Topf­pflanzen einen Platz gefunden und Vogelkäfige schaukelten neben der Wäsche auf den Leinen unter den Dachtraufen. Aus verschiedenen Richtungen drangen Stimmen aus dem Labyrinth an Annas Ohren und der Duft frisch gebratenen Essens mischte sich mit dem von Waschlauge und Schmieröl. Wahrscheinlich wurden sie von drinnen neugierig beäugt, aber außer dem freundlichen alten Herrn ließ sich sonst niemand blicken.
Der erzählte, dass sich fünf verschiedene Haushalte den Platz hier teilen mussten. Ursprünglich war jedes Hofhaus für eine Familie gedacht, aber den Luxus, über so viel Platz zu verfügen, konnten sich die wenigsten Leute hier leisten. Der Not gehorchend war der Innenhof mit zusätzlichen Hütten für sanitäre Einrichtungen, Lager- und Unterstellräume bebaut worden, die von allen gemeinsam genutzt wurden. In einer der Hütten gab es sogar eine winzige Fahrrad­werkstatt.
Sie erfuhren, dass die Stadt dieses Hofhaus bald zusammen mit der ganzen Nachbarschaft abreißen und durch ein Wohnhochhaus ersetzen würde. Die Menschen hier seien hin und her gerissen zwischen den Vor- und Nachteilen, die diese Radikalkur für ihre Wohnsituation bedeutete. Natürlich freuten sie sich darauf, bald ebenfalls über zeitgemäßen Wohnkomfort verfügen zu können. Aber während die Jüngeren mit den neuen Wohnungen auch die Hoffnung auf mehr Platz und Privatheit verbanden, fürchteten die Älteren die Anonymität, die genau dies mit sich bringen würde.
Schon von außen war das zweite Hofhaus erkennbar kleiner als das erste. Hier war es eine junge Frau, die den dreien auf Xiaomins Klopfen hin das Tor öffnete und als Annas Blick über den Innenhof schweifte, musste sie fast lachen, so sehr entsprach der Anblick, den er bot, dem Klischee eines Innenhofs, das sie bis vorhin noch mit sich herumgetragen hatte. Ein liebevoll gepflegter Minigarten aus Topfpflanzen verschiedenster Art und Größe umgab einen kleinen Maulbeerbaum in der Hofmitte, die von zusätzlichen Hütten verschont geblieben war. Seiten- und Hauptgebäude waren auch hier renovierungsbedürftig, aber sie waren intakt und mitsamt den leicht geschwungenen grauen Ziegeldächern in der ursprünglichen Form erhalten. Alles, was untergestellt oder gelagert werden musste schien in niedrigen Verschlägen, Regalen oder Truhen entlang der beiden Seitengebäude seinen Platz gefunden zu haben. Von dem Maulbeerbäumchen in der Mitte aus spannten sich locker behängte Wäscheleinen zu den Dachtraufen und das WC-Häuschen, das einzige Gebäude, das zusätzlich in einer Ecke des Hofes errichtet worden war, wurde bis auf Tür- und Fensteröffnungen von einer immergrünen Kletterpflanze verhüllt. Die junge Frau erzählte, dass ihre Familie sich dieses Haus mit nur einer weiteren Familie teilte und man den Innenhof gemeinsam nutzte. Beide Familien schätzten es, so wohnen zu können und konnten in dem auch hier bevorstehenden Abriss nichts Positives erkennen.
Nachdem das Hoftor sich hinter den Dreien wieder geschlossen hatte, schlenderten sie langsam in Richtung einer Geschäftsstraße weiter, in der es laut Xiaomin ein paar interessante Restaurants geben sollte. „Weißt Du, die Hofhäuser in Pekings Hutongs sind fast alle so wie das erste, das wir gesehen haben.“ erzählte er. „Selbst wenn man sie renovieren würde, bleibe zu wenig Platz für die Menschen, die darin leben. Am Ende werden nur noch wenige traditionelle Hofhäuser übrig bleiben, die zu Restaurants, Hotels, Museen oder Gewerbehöfen umgebaut wurden. Der Rest wird verschwinden.“ – „Bis vor drei Jahren haben auch wir noch so gewohnt wie die Leute in dem ersten Hofhaus, das wir gesehen haben.“ erzählte Xiaomins Schwester. „Dann bin ich zusammen mit meinen Eltern und meinem Sohn in eine kleine Neubauwohnung in einem Hochhaus gezogen. Wir haben alle zusammengelegt um die Wohnung kaufen zu können. Nur Xiaomin wohnt jetzt noch in unserem alten Hutong.“ – „Ja, da fällt der Putz von den Wänden, ich muss Eimer aufstellen weil es durch das Dach tropft und die Fenster sind auch kaputt…“ sagte er nachdenklich und es war ihm anzumerken, dass diese Wendung des Gesprächs ihm Unbehagen bereitete. „Aber nicht mehr lange! Letzten Monat habe auch ich eine neue Wohnung gekauft. Ich kann jedoch erst im Juni einziehen, weil sie noch nicht ganz fertig ist. Allerdings muss ich jetzt schon jeden Monat den Kredit bezahlen und viel arbeiten und sparen, um das zu schaffen.“ Der Stolz des frisch gebackenen Immobilien­besitzers war zwischen seinen Worten ebenso so deutlich spürbar wie der Leistungsdruck, unter dem er nun stand. „Wenn Du das nächste Mal in China bist, dann musst Du mich in meiner neuen Wohnung besuchen, dann können wir in meiner Küche etwas kochen.“ – „Gerne, da freue ich mich drauf.“ erwiderte Anna.
„Und ich habe jetzt Hunger!“ warf Xiaomins Schwester da ein. „Ich auch! Xiaomin, wo sind denn nun die interessanten Restaurants, die Du in Aussicht gestellt hast?“ schloss Anna sich an, deren Magen ebenfalls grummelte. „Was ist denn so interessant an denen?“ – „Die sind in der breiten Straße da vorne, wir sind gleich da!“ Während Xiaomin seine Schritte beschleu­nigte, warf er seiner Schwester einen verschwörerischen Seitenblick zu, den diese mit einem verschmitzten Lächeln quittierte.
Mehrere Restaurants säumten die lebhafte Geschäftsstraße, in die sie bald darauf einbogen. Einige waren in liebevoll renovierten traditionellen Gebäuden untergebracht, Tafeln mit den Speisekarten standen neben den Eingängen, davon abgesehen konnte Anna aber nichts Besonderes an den Restaurants erkennen. „Du musst die Speisekarte lesen!“ half Xiaomin ihr auf die Sprünge. Sie blieb vor einer der Tafeln stehen und brauchte einen Augenblick, um die ersten Zeilen zu entziffern. „Hundefleisch…“ sprang es ihr dann ins Gesicht, in allen möglichen Varianten. In diesem Restaurant schien es kaum ein Gericht ohne diese „Delikatesse“ zu geben. Und auch die anderen Restaurants in der Nähe hatten ein ähnliches Angebot. „Oh nein!“ rief Anna erschrocken. „Ihr wollt doch nicht wirklich da reingehen, oder?“ Die beiden kicherten und ließen Anna genüsslich zappeln. Nach einem endlosen Augenblick lenkte Xiaomins Schwester amüsiert ein. „Nein, nein, auch wir essen kein Hundefleisch.“ beruhigte sie Anna, um dann gespielt scheinheilig fortzufahren: „Wir wollten Dir nur die Restaurants zeigen, in denen es welches gibt, falls Du es doch einmal probieren wolltest. Normale Restaurants haben nämlich kein Hundefleisch auf ihrer Speisekarte.“ – „Da habe ich ja gerade nochmal Glück gehabt!“ atmete Anna erleichtert auf. „Kommt jetzt, weiter die Straße runter kenne ich ein anderes gutes Restaurant. „Auch ich habe jetzt Hunger!“ drängelte Xiaomin nun.
Wie funktioniert das hier mit dem Wohnungskauf eigentlich?“ fragte Anna, während sie sich noch einen Löffel von dem aromatisch duftenden Reis im Bambusrohr in ihr Schälchen füllte. Nachdem die Drei in dem Restaurant den ersten Hunger gestillt hatten, meldete sich Annas Neugierde wieder zurück. „Ich dachte es gibt kein Privateigentum in China?“ – „Die Wohnungen kann man höchstens für 70 Jahre erwerben, danach fallen sie automatisch an die Regierung zurück.“ erklärte Xiaomins Schwester. „Die Bauern auf dem Land können ihr Land für 90 Jahre oder länger kaufen, aber auch sie können kein unbefristetes Eigentum besitzen.“ – „Hm, und warum wolltest Du keine Wohnung mieten?“ wollte Anna nun von Xiaomin wissen. „Vielleicht hättest Du dann weniger Stress mit dem Abbezahlen jeden Monat…“ – „Im Gegenteil, dann hätte ich noch viel mehr Stress!“ entgegnete er. „Mietwohnungen sind hier so teuer, dass sich nur Firmen oder Ausländer eine leisten können. Die Regierung möchte, dass die normalen Leute ihre Wohnungen kaufen, deshalb werden Neubauwohnungen fast ausschließlich als Eigentumswohnungen angeboten. “ – „Ach so, verstehe… „ murmelte Anna nachdenklich. „Ja, ich bin jetzt sehr deutsch geworden, immer nur arbeiten, sparen und abbezahlen!“ lachte Xiaomin.
„Ich spare zur Zeit auch Geld.“ griff Anna nach einer Weile seinen Faden wieder auf. „Aber ich will mich damit in die entgegen gesetzte Richtung bewegen…“ – „Wie meinst Du das denn?“ Xiaomins Schwester wurde hellhörig. „Ich will meine Wohnung aufgeben und vorübergehend auch meine Arbeit…“ Zwei Paar Stäbchen wurden abrupt auf den Tisch gelegt, zwei Paar schwarzbraune Augen fixierten Anna. „Mit dem Gesparten will ich für ein Jahr nach China zum Studieren kommen. Vielleicht klappt es ja schon nächstes Jahr zum Herbstsemester.“ ließ Anna die Katze nun vollends aus dem Sack.
„Ach, deshalb hast Du jetzt diese Untermieterin aus Tianjin!“ Xiaomins Schwester hatte Eins und Eins schnell zusammen gezählt. „Das ist verrückt!“ entfuhr es da Xiaomin. „Warum willst Du Deine Arbeit aufgeben?“ – „Nun, wenn das verrückt ist, dann will ich gerne verrückt werden!“ grinste Anna. Sie hatte Xiaomin noch nie dermaßen sprachlos gesehen. Ihre Pläne schienen das Bild, das er sich von ihr gemacht hatte, in den Grundfesten zu erschüttern. Verwirrung und Unverständnis waren ihm so deutlich anzumerken, dass seine Schwester zu kichern begann. Anna riss sich am Riemen, um nicht laut loszulachen.
„Ich weiß nicht, was China mit Euch Ausländern macht…“ Xiaomin schüttelte immer noch fassungslos den Kopf. „Kaum habt ihr einmal euren Fuß auf chinesischen Boden gesetzt, dreht ihr durch.“ – „Ja, zumindest in meinem Fall ist da etwas Wahres dran.“ stimmte Anna ihm unumwunden zu. – „An welcher Uni möchtest Du denn studieren?“ lenkte Xiaomins Schwester das Gespräch wieder in ruhigeres Fahrwasser. „Ich habe mich noch nicht entschieden. Diesen Sommer will ich hier nochmal einen Sprachkurs an der gleichen Uni machen, an der ich letztes Jahr schon war. Danach weiß ich wahrscheinlich mehr.“ – „Warum willst Du denn weiter Chinesisch lernen? Du kannst doch schon gut sprechen?“ Xiaomin schien sich fürs erste gefangen zu haben, seine Skepsis war jedoch nicht gewichen. „Einfach weil es mich interessiert, mehr steckt nicht dahinter.“ versuchte Anna zu erklären. Nachdenklich nahm Xiaomin seine Stäbchen wieder auf. „Verrückt…!“ murmelte er vor sich hin, während er sein Eßschälchen auffüllte.
„Was willst Du auf dieser Reise noch unternehmen?“ wollte Xiaomins Schwester wissen. „Morgen Vormittag will ich zur Uni fahren, um mich für einen Sommerkurs einzuschreiben, dann geht es weiter zum Sommerpalast, der ist von da aus ja nicht mehr weit weg. Und übermorgen muss ich schon wieder nach Hause fliegen.“ – „Gut dass Du noch einen Tag da bist. Ich habe nämlich ein Geschenk für Familie Wu vorbereitet. Kann ich es Dir morgen Abend im Hotel vorbeibringen?“ fragte Xiaomin. „Gerne, ich melde mich wenn ich absehen kann, wann ich wieder dorthin zurück komme.“

Vergissmeinnicht

Schritt um Schritt war Anna dabei, bei ihrem neuen Arbeitgeber einen neuen Weg für sich zu finden. Hatte sie vorher nur für kleine Firmen mit weit weniger als hundert Angestellten gearbeitet, so galt es jetzt, ihren Platz in einen Großkonzern zu finden, dessen Mitarbeiterzahl die Einhunderttausend deutlich überstieg. Inhaltlich unterschied sich ihre neue Tätigkeit ebenfalls von dem, was sie vorher gemacht hatte, auch machte sich der Umstand bemerkbar, dass aus dem geplanten Jahr China-Aufenthalt zweieinhalb Jahre geworden waren, was in Annas Branche einer Ewigkeit gleich kam.
In dieser Zeit war ihr Häuschen für Anna ein stiller Rückzugsort, an dem sie durchatmen und ihre Batterien wieder aufladen konnte. Da sie beruflich viel reisen musste, konnte sie meist nur an Wochenenden oder Urlaubstagen Gebrauch davon machen. Das war der Preis, den sie für ihre Wahl, sich in ihrer ländlichen Heimat niederzulassen, zu entrichten hatte. Aber Anna zahlte ihn gerne. Auf diese Weise konnte sie in ihrem Leben beide Welten verbinden, die Stadt, deren Möglichkeiten sie über Jahrzehnte hinweg kennen und schätzen gelernt hatte, und ihre neu entdeckte Liebe zu dem Land, das sie in ihrer Kindheit geprägt hatte.
Der Feierabend eines sonnigen Frühsommertages war angebrochen. Anna hatte eine der seltenen Gelegenheiten genutzt, um von ihrem Zuhause aus zu arbeiten. Tief atmend und schwitzend joggte sie den Weg hinauf, der sie in der nächsten Stunde durch Wiesen, an Reben vorbei und hinein in den Wald führen würde. Nach den langen Stunden hinter dem PC spürte sie endlich wieder ihren Körper, hörte Atem und Pulsschlag, fühlte ihre Schritte. Noch klebten einige Gedanken an Begebenheiten der letzten Stunden in ihrem Sinn, noch war sie nicht ganz bei sich angekommen.
Bewusst richtete sie den Blick nach vorne auf den Weg, setzte Fuß vor Fuß. Da! Noch einige Schritte entfernt leuchtete etwas aus dem Gras am Wegesrand, machte Anna neugierig und zog sie weiter. Beim Näherkommen schälten sich unzählige kleine Blüten aus dem sumpfigen Grün, strahlendes Himmelblau, mit einem winzigen sonnengelben Stern in der Mitte.
„Mein Gott, dieses unglaublich himmelblaue Himmelblau! Die haben ja wirklich eine Farbe wie die Vergissmeinnicht, die ich als Kind so gerne im Garten gepflückt habe!“ schoss es Anna durch den Kopf. „Dieses himmelblaue Strahlen, das ich unbewusst immer suche, wenn ich Vergissmeinnicht in Gärten blühen sehe, nur um ein ums andere Mal enttäuscht zu werden, das gibt es doch wirklich noch! Da ist es!“ staunte sie.
Bisher hatte sie sich den unterschwelligen Verdruss, den die Vergissmeinnicht aus Hausgärten bei ihr hinterließen, damit erklärt, dass man als Kind Sinneseindrücke intensiver wahrnimmt als im Erwachsenenalter. Aber nein, so konnte das nicht stimmen, wurde ihr nun bewusst Denn dieses Himmelblau hier am Wegesrand, das war wirklich genau so unglaublich himmelblau wie sie es in Erinnerung hatte! Verblüfft blieb sie einige Augenblicke vor den Blüten im Gras stehen. „Wie kann das sein?“ fragte sie sich. Sie saugte den Anblick geradezu in sich hinein und konnte sich nur schwer wieder losreißen.
Nachdenklich geworden machte sie sich wieder auf den Weg. Konnte es sein, grübelte es in ihr weiter, dass die Vergissmeinnicht im Garten der Eltern keine gezüchteten Sorten gewesen waren, sondern wilde Vergissmeinnicht, genau wie die am Wegesrand eben? Sie erinnerte sich, dass es im Garten damals einige Wiesenflecken gegeben hatte, die nur ein oder zweimal im Jahr mit der Sense gemäht wurden und ansonsten wachsen konnten wie sie wollten. Gut möglich also. Offensichtlich hatte sie als Kind den Unterschied zwischen den wilden und den gezüchteten Sorten ganz genau wahrgenommen, staunte sie, während sie weiter Fuß vor Fuß setze.
Als sie etwas später im Wald angekommen war, begann der Weg eben zu verlaufen. Ihre Schritte wurden leichter und sie fing an, jeden einzelnen von ihnen auszukosten während sie tief durchatmete.
„Wie treffend genau Kindheitserinnerungen doch sind… wild und strahlend… ja, so sind sie wirklich, auch jetzt noch!“ Die Vergissmeinnicht schienen ihrem Namen alle Ehre machen zu wollen, denn Anna gelang es nicht, ihnen davon zu joggen.
„Ja, treffend genau habe ich gesehen, gehört, gefühlt und geschmeckt als Kind, nichts ist vergessen, nichts… nicht die Farbe wilder Vergissmeinnicht, nicht die verzweifelten Tränen, die Rutenschläge, die Schreie und Schmerzen, nicht das Verlassen werden, die Lügen und nicht die Bitterkeit des Verrats…“ Abrupt bleib Anna stehen, mitten auf dem Waldweg.
Wie konnte es sein, dass ein hellwaches, empfindsames kleines Menschenwesen, dem man nicht einmal bei der Farbe von Vergissmeinnicht etwas vormachen konnte, dieses alles fühlen und erleben konnte …und überlebte? „Wie habe ich das durchgestanden?“ fragte sie sich, während sie sich langsam und nun völlig geistesabwesend wieder in Bewegung setze, um nicht unangenehm auszukühlen.
Um sie herum begannen Wald, frische Luft und Vogelgesang unbeachtet vorbei zu ziehen, denn Schritt für Schritt trug es sie weiter zurück in die Zeit, in der jenes hellwache, empfindsame kleine Menschenwesen hatte lernen müssen, wie man sich schützt wenn man nicht fliehen kann.
Damals gab es in der Nachbarschaft ein Mädchen, das ein oder zwei Jahre jünger war als Anna. Die beiden waren keine dicken Freundinnen, aber ab und zu spielten sie bei Katja daheim, da Katja nie zu anderen Kindern mit nach Hause durfte. In ihrem Elternhaus wurde alles pingelig in Ordnung gehalten, nichts durfte man anfassen und nirgends durfte man herum springen, normalerweise auch nicht auf dem Rasen.
Bei einem dieser Spielbesuche kam Katja ans Gartentor und hielt stolz ein seltsames Tier in den Händen. So eins hatte Anna bis dahin noch nie gesehen. Aus einem harten, mit braun grünen Feldern bedeckten Panzer lugten ledrige Stummelbeine hervor und ruderten hilflos in der Luft herum. Vorne an dem Tier gab es noch einen weiteren braun grünen Lederstummel mit Augen und Maul, das mussten wohl Hals und Kopf des Tiers sein. Katja platzte fast vor Stolz, als sie Anna ihre neue Schildkröte unter die Nase hielt. Anna traute sich zunächst nicht, das Tier anzufassen und Katja lachte.
Ausnahmsweise durften die beiden den Rasen betreten, wo ein kleines niedriges Gehege für die Schildkröte aufgebaut war. Katja setzte sie hinein und das Tier, nun wieder Bodenhaftung spürend, begann bedächtig sein Gehege zu erkunden. Beide saßen eine Weile um das Gehege herum und sahen zu wie sich die Schildkröte durch das Gras schob. Irgendwann wurde es Katja zu langweilig, und sie begann, mit dem Fingerknöchel auf den Panzer der Schildkröte zu klopfen. Das ließ die Schildkröte völlig kalt, sie krabbelte einfach weiter. Katjas Klopfen wurde kräftiger und als wäre das noch nicht genug, ging sie unvermittelt dazu über, mit der vollen Kraft ihrer flachen Hand auf den Panzer der Schildkröte einzuschlagen dass es nur so klatschte. Aber das terrorisierte Tier wusste sich zu helfen. Erschrocken zog es den Kopf ein, bis er völlig im Panzer verschwunden war und auch die Füße verschwanden, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war. Dann lag die Schildkröte völlig still und reglos im Gras, wie tot. Katja und Anna konnten tun und lassen was sie wollten, das Tier reagierte auf nichts und zeigte keinerlei Regungen mehr. Irgendwann verloren die beiden das Interesse an dem zum „Ding“ gewordenen Lebewesen und suchten sich einen anderen Zeitvertreib.
„Ja, so war’s…“ ging es Anna durch den Sinn, während sie langsam wieder in den Wald zurückfand, die frische Luft wieder zu riechen, das Blätterdach zu sehen und den Vogelgesang zu hören begann.
Das hellwache, empfindsame kleine Menschenwesen konnte nicht fliehen, aber es konnte auch nicht so überleben wie die Natur es geschaffen hatte. Nicht in diesem Haus, in dem es ausharren musste bis es groß genug war um das Weite zu suchen. Also begann es langsam einen Panzer auszubilden, der mit der Zeit immer zuverlässiger vor Schmerzen schützte und Empfindungen und Erinnerungen fest in sich einlagerte. Das einst hellwache, empfindsame Menschenwesen wurde hart. Hart nach außen, vor allem aber hart zu sich selbst, krabbelte Jahre später ein seelisch gepanzertes Wesen hinaus in die Welt, genügsam und hart im Nehmen wie eine Schildkröte.
Langsam näherte Anna sich der Wegbiegung, hinter der ihre Runde sie über eine Bergflanke hinauf zum Scheitelpunkt der Strecke führen würde. „Mein Gott, wie viel Kraft das alles gekostet hat!“ schoss es ihr durch den Kopf, während sie sich innerlich für den Anstieg wappnete. „Ein Pappenstiel, diese Bergflanke hier, ein Pappenstiel gegen das, was die Panzerhärte an Kraft gekostet hat, Tag für Tag, Jahrzehnt um Jahrzehnt… Ein ständiger innerer Blutverlust, unbemerkt, ganz anders als das Schnaufen und Schwitzen an diesem Berghang hier“. Damals wäre es wohl immer weiter so gegangen, wurde ihr klar, weiter und weiter, bis ihr die Kraft ausgegangen wäre.
Und selbst dann hätte sie nicht verstanden was los war mit ihr, wenn ihr nicht Tage nach dem Tod ihrer Mutter jenes Foto in die Hände gefallen wäre. Ihre Mutter hatte es zwischen den wenigen privaten Briefen aufbewahrt, die Anna auf der Suche nach dem Familienstammbuch zwischen ihren Sachen gefunden hatte.
Es war ein Hochzeitsfoto ihrer Eltern, eine schwarzweiß vergilbte Nahaufnahme im Freien, im Hintergrund das damals noch neue Haus, in dem Anna später ihre Kindheit verbringen sollte. Für beide war es ihre zweite Ehe gewesen, sie sahen erkennbar älter aus als die meisten Brautpaare auf ihren Hochzeitsfotos. Aber auf diesem Foto sah man Annas Mutter ihr Alter nicht an. Sie hatte ihrem Zukünftigen den Kopf zugewandt und strahlte ihn glücklich lachend von der Seite an… ganz offensichtlich schwer verliebt. Und er? Er schaute geradeaus in die Kamera, verlegen und verkrampft, als wollte er sich im Objektiv verkriechen.
„Verliebtheit heiratet Verlogenheit…“ sinnierte Anna lakonisch, während sie sich die Bergflanke hinaufarbeite. „Es war ihm wohl bewusst, um was er sie betrog…“
Damals hatte Anna wie hypnotisiert mit dem Foto in der Hand dagesessen, ungläubig, fasziniert, wehrlos, während das glücklich verliebte Lachen ihrer Mutter in sie hinein sank, tiefer und tiefer… und plötzlich hatte sie bemerkt, wie tief drinnen in ihr etwas riss. Sie konnte es körperlich spüren und wusste im selben Augenblick, dass soeben etwas unwiderruflich zerbrochen war.
So lange sie auch auf das Foto schaute, glückliches Lachen und ihre Mutter, das konnte und konnte sie nicht in Eins zusammenbringen. Bis in ihre aller frühesten Kindheitserinnerungen hinein gab es keinerlei Verbindung zwischen Glück, Lachen, Liebe und ihrer Mutter. Sie kannte sie nur als schwer depressive Frau, die sich soweit es ging von Allen und aus Allem zurückzog. Aber da auf dem Foto, da lachte sie wirklich, war verliebt und strahlte voller Leben… Damals begann Anna zu ahnen, dass sie erst am Anfang eines langen schmerzhaften Weges des Verstehens stand.
Wie mechanisch war Anna mittlerweile die Bergflanke hinaufgelaufen. „Geistige Abwesenheit hat manchmal auch etwas Gutes“, dachte sie, während die am Scheitelpunkt der Strecke stehenden Buchen langsam in Sicht kamen. Sie hatte nicht bemerkt, wie sie den Anstieg überwunden hatte, war nun aber ziemlich aus der Puste und ihr Körper zwang sie, ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, die ihm gebührte. Sie drosselte ihr Tempo, noch ein paar Meter, dann hatte sie es geschafft. Ab hier verlief die Strecke nur noch eben oder bergab.
Nach dem Tod ihrer Mutter, die ihren Vater nur kurze Zeit überlebt hatte, hatte Anna in größeren Zeitabständen wiederholt Anlauf genommen, um sich durch den Riesenberg papiernen Giftmülls, der in dem alten Haus auf sie wartete, hindurch zu wühlen. Während ihre Mutter nur zwei, drei kleine Packen hinterlassen hatte, schien der Vater beinah jedes Stück Papier, das er jemals in Händen gehalten hatte, des Aufbewahrens für wert befunden zu haben. Es war eine quälende, bleiern drückende Sisyphusaufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen, denn Anna schaffte es nicht, etwas einfach unbesehen wegzuwerfen. Entsprechend langsam kam sie voran und zwischen den einzelnen Anläufen vergingen manchmal Jahre, in denen sie alles liegen ließ.
Und dennoch. Irgendwann im Laufe des vergangenen Winters, als Anna wieder einmal missmutig und frustriert zwischen verstaubten Papierstapeln, Kisten und Kartons herum gekramt hatte, kam es ihr unvermittelt so vor, als würde ihr das Wegwerfen leichter fallen. Erst wanderten nur einzelne Dokumente unbesehen in die Entsorgungskartons, dann kleine Stapel, größere, dann ganze Packen. Sie hatte nicht mehr geglaubt, diesen Punkt jemals zu erreichen, aber langsam begann sie zu begreifen. Sie konnte noch Jahre damit verbringen, sich durch das längst vergangene Leben ihrer Eltern und all jener, mit denen sie in Kontakt gestanden hatten, hindurch zu wühlen. Aber finden würde sie nichts. Nichts, das es wert war, ihre Lebenskraft darauf zu verschwenden, nichts das überhaupt irgend einen Wert für sie haben würde, nichts, nichts, nichts!
Immer schneller wanderte das Papier nun in die Entsorgungskartons und Anna ertappte sich dabei, wie sie ungeduldig auf den Abend wartete, bevor die grünen Papiermülltonnen in ihrer Straße geleert wurden. Nachdem es endlich dunkel geworden war, nahm Anna Karton um Karton, ging hinunter in die winterkalte Straße und stopfte ihre eigene und die Tonnen der Nachbarn, in denen noch Platz war, voll bis sie die Deckel kaum noch zudrücken konnte.
Am nächsten Morgen kam dann das Allerbeste. In der Straße hörte man die Müllabfuhr schon von weitem kommen und im Winter verlangsamten Eis und Schnee den Ablauf oft zusätzlich. Kaum war das erste Tonnenklappern in der Ferne wahrnehmbar, hing Anna am Fester und sah zu, wie sich der Wagen durch die Häuserreihe arbeitete, wie der Müllmann die Tonnen zurecht schob und der stählerne Greifarm sie packte um den Inhalt in die Füllöffnung des Müllwagens zu kippen.
Da, die erste der Tonnen, die Anna gestern Abend befüllt hatte. Dann noch eine, noch eine und noch eine. Während sie das Schauspiel beobachtete spürte sie, wie sich in ihr Freiräume zu öffnen begannen, wie etwas langsam weit und weiter wurde, das vorher eng verschnürt war. Manchmal liefen Tränen der Erleichterung ihre Wangen hinab und Anna musste tief durchatmen um ihren Blick zu klären. Denn es tat so gut zuzusehen. Am Ende dann Motorengeheul, der Müllmann sprang auf den Tritt am hinteren Ende des Fahrzeugs und der Müllwagen schob sich hinaus aus der Straße, alles mitnehmend, nicht nur das Papier.
Es hatte mehrere solcher Müllabfuhren gebraucht, bis das alte Haus endlich befreit war von der Last einer längst vergangenen Zeit.
Annas Laufrunde ging ihrem Ende entgegen und führte sie zurück zu der Stelle mit den Vergissmeinnicht. Sie konnte es kaum erwarten, die kleinen Wunder wieder zu sehen. Erneut blieb sie bei ihnen stehen und ließ sich von ihren winzigen goldenen Sonnensternen aus dem unglaublichen Himmelblau anstrahlen.
Nein, nichts ist vergessen, dachte sie, nichts… und lächelte zurück.

Zeitschock

Es klingelte. Seit Tagen hatte Anna sich auf Karlas Besuch gefreut. Nach der Rückkehr aus China hatte es unzählige Erlebnisse und Situationen gegeben, über die sie sich in ihrer neuen alten Heimat mit keinem hatte austauschen können. Von gelegent­lichen Urlaubsreisen abgesehen hatte niemand sich jemals auf längere Aufenthalte in einer nicht-westlichen Kultur eingelassen. Man hörte neugierig zu, wenn Anna von ihren Erlebnissen erzählte, aber außer Tante Sofia brachte kaum jemand ein Interesse auf, das über bloßes Kratzen an der exotischen Lackschicht des äußeren Anscheins hinaus ging.
Karla hatte Anna bei einem geselligen Abend mit anderen Westlern während der letzten Monate in China kennen gelernt. Schnell hatte sich herausgestellt, dass beide fast im gleichen Alter waren. Karla absolvierte damals ein Praktikum in einem chinesischen Krankenhaus, was Teil eines interdisziplinären Studiengangs war, den sie an einer deutschen Uni belegt hatte. Beide hatten schon eine längere Zeit der Berufstätigkeit hinter sich und waren dabei, ihrem Leben eine völlig neue Richtung zu geben. Da tat der gegenseitige Austausch gut und schnell war eine lockere Freundschaft entstanden. Der Zufall wollte es, dass Karla ihre Rückkehr nach Deutschland fast auf den Tag genau zur gleichen Zeit eingeplant hatte wie Anna und nach der Rückkehr war der Kontakt zwischen den beiden nicht abgerissen.
„Komm rein, hier drinnen ist es nicht so heiß! Wie war Deine Fahrt?“ – „Puh! Das Auto war die reinste Sauna… und dann gab es wegen eines Unfalls auch noch einen Stau auf der Autobahn, da wurde ich in der Blechbüchse erst recht gebraten.“ Karla beeilte sich, aus der brütenden Nachmittagshitze in die angenehme Kühle hinein zu huschen, die in Annas Häuschen herrschte. „Schau, hier kannst Du Dich frisch machen und erst mal ausruhen.“ erklärte Anna, während sie Karla durch den Flur führte. „Die Schlossführung machen wir besser erst heute Abend. Bis dahin muss ich die Läden sowieso geschlossen halten, damit das Haus sich nicht zu sehr aufheizt. Ich stell‘ Dir noch was zum Trinken ins Zimmer. Meld‘ Dich dann, wenn Dir irgendwann danach ist.“
Als die Hitze auch später kaum nachließ, beschlossen die beiden, zu einer kleinen Abend­wan­de­rung ins kühlere Gebirge hinauf zu fahren.
Als Ausgangspunkt hatte Anna eine Anhöhe gewählt, von der aus man einen beeindruckenden Panoramablick über das gesamte Umland hatte. Eine ganze Weile standen sie schweigend beisammen, genossen die Kühle des hier sanft fächelnden Abendwindes und ließen ihre Blicke schweifen.
„War es nicht in diesem Teehaus in Peking, wo wir uns das letzte Mal gesehen haben?“ fragte Karla dann. „Ja, das war fast auf den Tag genau vor einem Jahr.“ bestätigte Anna. „Ich hatte Geburtstag und Du hattest nichts Besseres zu tun als der Inhaberin das mit zu teilen.“ – „Klar! Sonst hätte sie die Kalligrafie ja nicht für Dich gemalt, die jetzt in Deinem Flur hängt.“ grinste Karla schelmisch.
„Das stimmt wohl…“ Annas Gedanken schweiften weiter. „Ist es nicht ein seltsames Gefühl, hier zu stehen, über diese Landschaft zu schauen und plötzlich ist man innerlich wieder in China? In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr war mir ständig so, als würde ich in zwei Welten leben. Mein Körper lief hier in meiner neuen alten Heimat herum, aber meine Gedanken irrten irgendwo in achttausend Kilometern Entfernung durch die Gegend…“ – „Ja, so etwas kenne ich von der Rückkehr nach meinem ersten längeren Aufenthalt auch. Aber das ist schon einige Jahre her“ erwiderte Karla. „Nach meiner letzten Rückkehr war ich jedoch schnell wieder drin in meinem Uni-Alltag. Ich wusste ja, was mich erwarten würde: Vorlesungen, Hausarbeiten schreiben und das Lernen auf die Masterprüfungen. Es hat sich für mich nur das Studentenzimmer geändert, in das ich eingezogen bin.“
„Wie sind Deine Prüfungen eigentlich gelaufen?“ – „Die sind prima gelaufen, bin zufrieden! Bis auf eine Eins-Minus in Wirtschaftsmathematik alles glatte Einsen!“ Karla lächelte zufrieden. „Auch ein Thema für meine Masterarbeit habe ich schon. Da kann ich gleich weiter verwerten, was ich während meines Praktikums gelernt habe. Aber jetzt mach‘ ich erst mal ein paar Wochen Urlaub, bevor ich damit loslege.“
Anna bewunderte Karla für die Disziplin und Konsequenz, mit der sie ihre Pläne verfolgte. Während sie selbst ihre letzten Wochen in China und die ganzen ersten Monate in Deutschland nur wie eine Blinde tastend und stochernd voran gekommen war, war Karla zielstrebig von Etappe zu Etappe marschiert und wusste genau, wo sie hin wollte.
„Komm, lass uns mal eine Runde laufen, dann können wir gerade zum Sonnenuntergang wieder hier sein.“ – „Klingt gut!“ meinte Karla und die beiden setzten sich in Richtung des nahen Bergwaldes in Bewegung.
„Ja, im Gegensatz zu Dir ist es mir unerwartet schwer gefallen, mich hier einzuleben. Manchmal war ich richtig verwirrt und hatte sogar Schwierigkeiten, mich räumlich zu orientieren.“ fuhr Anna nach einer Weile fort. Karla schaute verwundert zu Anna hinüber. „Was war denn da los mit Dir?“ – „Das habe ich auch lange nicht kapiert. Mir passierten seltsame Sachen, die mich total durcheinander brachten…“ – „Klingt gar nicht gesund… was denn zum Beispiel?“ – „Ganz am Anfang, als ich noch kein Auto hatte, wollte ich in der Stadt zum Beispiel mal zu Fuß vom Bahnhof rüber zu dem Aldi-Markt im Gewerbegebiet gehen. Das Gewerbe­gebiet war während der letzten zehn Jahren irgendwann neu erschlossen worden, so dass ich den Weg dahin noch nicht kannte. Im Zug kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die mir den Fußweg vom Bahnhof zum Aldi genau beschreiben konnte. Also marschierte ich am Bahnhof dann in der festen Überzeugung los, den Weg zu kennen. Nach einiger Zeit merkte ich aber, dass ich dabei war, das große Fabrikareal zu umrunden, das zwischen Bahnhof und Gewerbegebiet liegt und wurde stutzig. Die Fabrik hätte ich eigentlich links liegen lassen müssen, aber nun schob sich der Komplex zu meiner Rechten immer mehr zwischen mich und den Ort, an dem der Aldi-Markt liegen musste.
Plötzlich passte nichts mehr zusammen, zurück gehen wollte ich aber auch nicht mehr und erreichte den Aldi-Markt schließlich auf einem riesigen Umweg. Der Umweg war aber nicht das Schlimme an dieser Sache. Was mir hingegen richtig Sorgen machte war, dass ich mir keinerlei Reim darauf machen konnte, warum und wo ich in die falsche Richtung abgebogen war. Im Gegenteil, ich war überzeugt, alles richtig gemacht zu haben, und doch… Wie konnte das sein?Während meiner Schulzeit war ich doch neun Jahre lang von diesem Bahnhof aus zur Schule gegangen. Gut, man hatte in der Zwischenzeit das alte Bahnhofsgebäude durch ein neues ersetzt, Straßen- und Schienenwege waren ausgebaut und anders verlegt worden und auf den nahe gelegenen Feldern war das neue Gewerbegebiet entstanden. Aber das große Fabrik­gelände hatte es zu meiner Schulzeit schon gegeben, das an den Bahnhof angrenzende Stadtviertel hatte sich kaum verändert und natürlich war das alles umfassende Panorama der Landschaft das gleiche geblieben. Außerdem, in China hatte ich doch auch keine Probleme gehabt, mich in völlig unbekannten Gegenden anhand von Wegbeschreibungen und Karten zurecht zu finden. Wie konnte es sein, dass ich hier, in meiner alten Heimat, einen so kurzen Weg nicht finden konnte?
Zufällig habe ich die Frau bei einer weiteren Bahnfahrt dann noch mal getroffen. Ich erzählte ihr mein Missgeschick. Sie hat sich natürlich ein bisschen amüsiert darüber, mir den Weg aber dann noch mal erklärt. Am Bahnhof angekommen machte ich mich wieder in der Richtung auf den Weg, die sie mir beschrieben hatte. Zumindest glaubte ich das. Diesmal merkte ich aber bald, dass es auf die gleiche falsche Route hinauslief wie vorher. Und wieder verstand ich nicht warum. Beunruhigt bin ich umgekehrt und zurück zum Bahnhof.
Derweil hatte die Frau hinter mir her gesehen und abgewartet, was passieren würde. Als ich wieder auf sie zuging, konnte sie kaum verbergen, dass sie an meiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln begann. Aber sie war wohl ein geduldiger Mensch und bot mir an, mich zu begleiten, bis wir den Aldi-Markt sehen konnten. Dankbar nahm ich ihr Angebot an, woraufhin sie in der entgegen gesetzten Richtung losmarschierte, die ich vorher eingeschlagen hatte. Mir war das natürlich alles ziemlich peinlich… Ungläubig und erleichtert zugleich bin ich neben ihr hergelaufen und schon zwei Ecken weiter sahen wir in einiger Entfernung den Aldi-Markt vor uns liegen.“
„Oh je, da warst Du ja wirklich völlig durch den Wind…“ bemerkte Karla. „Bei unseren Telefonaten ist mir damals wohl aufgefallen, dass Du mit Deiner Situation zu kämpfen hattest. Aber ehrlich gesagt konnte ich mir keinen rechten Reim darauf machen. Ich wusste ja, dass Du davor schon mehr als einmal zwischen China und Deutschland gependelt warst, wunderte mich und dachte, was hat Anna nur? Kulturschock hin, Eigenkulturschock her, eigentlich müsste das alles doch auch für sie von Mal zu Mal leichter werden? Bei mir war’s ja schließlich auch nicht anders?“ In Karlas Worten schwang Besorgnis mit.
„Weißt Du, selbst wenn Du mich direkt danach gefragt hättest, damals hätte ich auch keine Antwort gewusst. Erst diese Geschichte mit dem Aldi-Markt hat mir die Augen dafür geöffnet, warum es ausgerechnet hier, in meiner alten Heimat, so schwer für mich war, in Deutschland neu anzufangen. Dabei hatte ich genau das Gegenteil erwartet.
Mit der Frau am Bahnhof bin ich anschließend noch ein bisschen ins Gespräch gekommen, bevor jede von uns wieder ihrer Wege ging. Sie war wirklich ein Glücksfall für mich, denn sie erinnerte sich genau an den alten Bahnhof mitsamt der Straßen- und Schienenführung, die ich als Schülerin gekannt hatte. Als Berufspendlerin hat sie die gesamte Umbauphase miterlebt und konnte mir beschreiben, welche Veränderungen vorgenommen worden waren. Erst als ich versucht habe, diese Veränderungen so nachzuvollziehen, wie sie sie mir beschrieb, begann mir zu dämmern, dass da so etwas wie eine uralte Landkarte tief in mir vergraben war. Die lenkte die ganze Zeit über unbemerkt meine Schritte und wiegte mich in der Sicherheit des Wohlvertrauten. Zu dumm nur, dass die alte Karte die Wirklichkeit schon seit Jahrzehnten nicht mehr richtig abbildete…“
„Wie lange warst Du denn überhaupt weg gewesen von hier?“ fragte Karla. „Oh, das waren über zwanzig Jahre… nur hatte ich mir bis zu jener Suche nach dem Aldi-Markt nie bewusst gemacht, was zwanzig Jahre Zeitverschiebung bedeuten können. Bei gelegentlichen Heimatbesuchen hab‘ ich wohl die eine oder andere Veränderung wahr­genommen, aber meine inneren Karten waren offensichtlich trotzdem nie auf Stand gebracht worden. Außerdem hatte ich anfangs den Kopf noch so voll von Eindrücken aus China, da ist mir völlig entgangen, wie fremd mir meine alte Heimat geworden war.“ – „Das ist eben nicht so eine offen zu Tage tretende Fremdheit, wie sie einen in China auf Schritt und Tritt anspringt.“ bemerkte Karla. „Ja, da hast Du recht. Es ist eher eine, die sich regelrecht mit dem maskiert, was noch unverändert gebliebenen ist. Man fällt auf die wohlvertraute Maske rein, schaltet unbekümmert auf Autopilot und schon ist man dabei, sich anhand seiner alten Karten steuern zu lassen. Bis man irgendwann merkt, dass man immer woanders rauskommt als da, wo man hin wollte… verschaukelt so zu sagen.“ Anna kicherte. „Heute kann ich darüber lachen, aber damals hatte ich zeitweise das Gefühl, über schwan­kenden Boden zu gehen. Das ist nicht sehr angenehm, glaub mir.“
„Langsam verstehe ich Dich etwas besser.“ sagte Karla, nachdenklich geworden. „Besser mit wachem Verstand in unbekanntem Gelände unterwegs… Oh Schreck!“ Abrupt blieb Karla stehen. „Apropos wacher Verstand und unbekanntes Gelände… Bist Du sicher, dass Du nachher den Weg zurück zum Auto wieder findest?“ fragte sie mit einem spöttischen Lächeln. „Aber sicher, liebe Karla. Dies hier ist doch meine alte Heimat, da kenne ich mich aus!“ Anna spielte die Empörte. „Oh je, das ist ja noch schlimmer! Worauf hab‘ ich mich da nur eingelassen!?“ – „Das wirst Du schon sehen… So ein kleiner Schuß Abenteuer tut Dir sicher auch mal gut!“ kicherte Anna während die beiden sich wieder in Bewegung setzten.
„Sag mal, wie haben denn die Leute aus dem Dorf auf Dich reagiert, als sie gemerkt haben, dass Du auf Dauer zurückgekehrt bist?“ nahm Karla nach einiger Zeit den Faden wieder auf. „Es gibt erstaunlich viele Leute, die mich wieder erkannten, viel mehr sogar als umgekehrt. Das sind manchmal ganz schräge Momente, wenn jemand mich so freundlich erwartungsvoll anschaut und hofft, dass auch ich mich daran erinnere, wer da vor mir steht, ich mir aber beim besten Willen nicht mehr zusammenreimen kann, wer das ist. Am besten bin ich bisher damit gefahren, dann direkt nachzuhaken und zumindest ein kurzes Gespräch in Gang zu bringen.“ – „Das ist bestimmt nicht verkehrt“ meinte Karla. „Zumal auf dem Dorf, wo letztlich alle einander kennen. Wenn Du da mal falsch reagierst, hast Du’s Dir gleich mit wer weiß wie vielen andern Leuten zusätzlich verdorben. Gab es überhaupt alte Freundschaften von ganz früher, an die Du anknüpfen konntest?“ – „Bisher hat sich nur an eine alte Freundschaft aus der Schulzeit anknüpfen lassen. Und davon abgesehen muss ich wohl Geduld mitbringen und schauen, was sich in Zukunft entwickelt. Aber das ist immerhin etwas, mit dem ich von vorne herein gerechnet hatte.“
Ihr Weg hatte die beiden inzwischen wieder aus dem Wald heraus zu einem weiteren Aussichtspunkt geführt. Vor hier aus konnten sie über mit Weideflächen bedeckte Berghänge hinweg bis zu der Stelle zurück schauen, an der Annas Auto auf sie wartete. „Da schau! Unser Auto! Mein Gott, bin ich jetzt aber froh!“ theatralisch schlug Anna sich mit der Hand auf die Brust. „Na, da habe ich heute aber verdammtes Glück gehabt.“ Karla zwinkerte verschmitzt. „Auf dem Rückweg geht es jetzt über die Wiesen dort vorne, das ist kürzer als der Weg, den wir her gekommen sind.“ erklärte Anna, während sie weiter gingen. „Weißt Du, ich erlebe dieses Dorf jetzt völlig anders als früher.“ fuhr sie dann fort „Seitdem ich endlich kapiert habe, wie fremd es mir geworden ist, finde ich es faszinierend, es neu für mich zu entdecken. Manchmal fühle ich mich dabei wie eine Touristin. Und immer wieder passieren Sachen wie die mit dem Elektriker neulich.
Den musste ich bestellen, weil die alte Klingel ihren Geist aufgegeben hatte. Er ist der Sohn des alten Elektrikers aus dem Haus schräg gegenüber und ich wusste natürlich, dass der Alte seinen Betrieb an seinen Sohn übergeben hat. Aber keiner der Männer, die schräg gegenüber manchmal in Elektrikerkluft über den Hof liefen, kam mir bekannt vor. Ich hatte den Sohn als dünnen, schmalgesichtigen Jungen in Erinnerung, der sich immer gerne anschloss, wenn wir Kinder auf der Straße spielten.
Als ich ihm nun die Haustür aufmachte, füllte da ein kleiderschrankbreiter Zweimetermann mit dichtem schwarzem Haar, Vollbart und Brille den Türrahmen aus. Eine bratpfannengroße Pranke schob sich an seinem Bierbauch vorbei mir entgegen und zerquetschte mir fast die Hand, als ich einschlug. Ich begrüßte ihn mit ‚Guten Tag Herr Kühne‘, aber da sah er verdutzt auf mich herunter und sagte gekränkt: ‚Warum sagst Du Sie zu mir, wir haben doch als Kinder zusammen auf der Straße gespielt?!‘.“ – „Na da bist Du ja voll Fettnapf gelandet…“ – „Stimmt, in diesem Fall hat es sich dann aber wieder eingerenkt, als wir auf Geschichten aus Kindertagen zu sprechen kamen, über die wir uns zusammen schief lachen konnten.
Die Begegnungen mit diesen alten neuen Bekannten verlaufen meistens so überraschend. Instinktiv erwarten beide Seiten etwas Altbekanntes, nur um dann fest zu stellen, dass man sich noch einmal ganz von vorne kennen lernen muss.“ – „Aber anstrengend ist das schon auch irgendwie.“ gab Karla zu bedenken. „Zumindest während der ersten Monate, das ist wohl wahr.“
Mittlerweile waren die beiden zum Ausgangspunkt ihrer kleinen Wanderung zurückgekehrt. Sie hatten es tatsächlich geschafft, kurz vor Sonnenuntergang zur Stelle zu sein. Schweigend schauten sie zu, wie die orange goldene Glut fern hinter den Bergen versank.
„Morgen können wir gleich nach dem Frühstück rauf in die Berge fahren.“ schlug Anna vor, als sie wieder ins Auto stiegen. „Was sollen wir uns mit der Hitze da unten rumquälen. Ich kann auch gerne meine neu erstandenen Wanderkarten mitnehmen, wenn es Dir dann wohler ist.“

Scheidewege

Karla und Anna waren schon über eine Stunde auf den Beinen. Für heute hatten sie sich eine längere Wanderung vorgenommen, die sie mit ausgiebigen Pausen über den ganzen Tag ausdehnen wollten. Eine Rückfahrt hinunter in die drückende Hitze der Täler war erst für den Abend vorgesehen.
Der schmale Wanderpfad führte sie durch einen Hochwald steil aufwärts. Weiter oben, wo die hohen Weißtannen spärlicher standen, war er von Sonnenlicht durchflutet und Heidelbeer­sträucher bedeckten den Boden. Beschwingt setzten die beiden Fuß vor Fuß, sogen die kühle Bergluft in ihre Lungen und fanden nach und nach in einen gemeinsamen Wanderrhythmus hinein. Lange hatte die Anstrengung des Aufstiegs kaum ein Gespräch aufkommen lassen. Nun begann der Weg allmählich flacher zu verlaufen.
„Hast Du eigentlich schon eine Vorstellung, was Du nach Abschluss Deines Studiums beruflich machen möchtest?“ fragte Anna die vor ihr her gehende Karla. Diese überlegte einige Augenblicke. „Doch, eine grobe Vorstellung habe ich schon.“ erwiderte sie dann. „Ich möchte auf meinem früheren Beruf aufsetzen, die Branche werde ich daher nicht wechseln. Aber natürlich sollten sich mein Studium und die China-Erfahrungen, die ich inzwischen gesammelt habe, in einer Position niederschlagen, die vorher außerhalb meiner Reichweite gewesen wäre. Mal schauen, während meiner Masterarbeit will ich nebenbei als Praktikantin arbeiten. Vielleicht finde ich ja darüber Wege für einen Einstieg.“ – „Das klingt gut!“ bemerkte Anna. „In meiner Abteilung haben wir auch immer ein oder zwei Praktikanten. Es ist gar nicht selten, dass welche von denen nach Praktikumsende ihren Weg in die Firma hinein finden.“
„Kannst Du Deine China-Erfahrungen denn in Deinem neuen Job nutzen?“ wollte Karla wissen. Anna überlegte eine Weile. „Ja und Nein… Ja, weil ein Auslandsaufenthalt, der inhaltlich und auch von der Dauer her deutlich über Urlaub hinaus ging, eine der Voraussetzungen war, die in der Stellenanzeige gefordert waren.
Aus guten Grund, wie sich herausstellte. Die Kollegen in unserem Team arbeiten über den ganzen Globus verteilt und stammen aus völlig verschiedenen Kulturen. Inder und Ostasiaten sind ebenfalls darunter. Bis auf eine chinesische Praktikantin, die bei uns vor Ort arbeitet, sind bisher allerdings keine Chinesen dabei. Die Arbeits- und Kommunikationsstile dieser Kollegen sind sehr unterschiedlich und ich glaube, es würde mir schwer fallen, mir einen Reim auf ihr Verhalten zu machen, wenn ich in China nicht erlebt hätte, wie tiefgreifend kulturell bedingte Unterschiede zwischen den Menschen sein können.“ Durch das Erzählen geriet Anna zunehmend außer Puste und nutzte die nächsten Meter für ein ausgiebigeres Luftholen, um mit der weiter munter ausschreitenden Karla Schritt halten zu können.
„Und was ist mit Deinen Sprachkenntnissen?“ hakte Karla nach einer Weile nach. „Nun, die gehören zu dem Teil, den ich bei der Arbeit bisher kaum einbringen kann. Wohl haben wir auch Zweigstellen in China, aber solange ich nicht für ein Projekt arbeite, das dort angesiedelt ist, sind die Chancen gering, mit irgend jemandem Chinesisch zu sprechen. Unsere chinesische Praktikantin hat allerdings schnell gemerkt, dass mir ihre Heimat nicht ganz fremd ist. Sie hat sich mir angeschlossen als wäre ich ihre Vorgesetzte, obwohl sie gar nicht für meinem speziellen Bereich arbeitet.
Wir gehen öfter zusammen Mittagessen und ich finde es spannend, wenn sie erzählt, wie sie unseren letztlich doch sehr deutschen Arbeitsalltag erlebt.“ – „Na, da kannst Du Dein Chinesisch ja wenigstens gelegentlich üben.“ meinte Karla. „Im Prinzip schon… ich bin aber bei diesen Gelegenheiten erschrocken, wie viel davon in dem einen Jahr seit meiner Rückkehr schon wieder zwischen den Windungen meines Hirns verloren gegangen ist. Und die Praktikantin wollte natürlich lieber Deutsch mit mir sprechen. Ihr Deutsch ist eher schlechter, als es mein Chinesisch vor einem Jahr mal war, aber dieses Jahr Unterbrechung hat halt seine Spuren hinterlassen. Außerdem hat sie zur Zeit den unschlag­baren Vorteil auf ihrer Seite, in der passenden Sprachumgebung zu leben. Und so sprechen wir dann doch meistens Deutsch, leider.“ Anna klang bedrückt.
„Hm, bei mir sieht es nicht viel anders damit aus.“ bestätigte Karla mit einem Kopfnicken. „Ob von meinem Chinesisch langfristig etwas übrig bleiben wird, hängt davon ab, ob es in meinem späteren Job einmal gebraucht wird. Aber gut, für mich war die Sprache ohnehin eher Mittel zum Zweck. Ich habe sie gelernt, soweit ich es für meinen Alltag in China und für mein Studium brauchte, interessant ist sie ja allemal. Lesen kann ich einigermaßen was ich so benötige, aber zum Schreiben hatte ich nie viel Lust. Letzten Endes würde ich der Sprache keine Träne nachweinen, selbst wenn ich am Ende alles wieder vergessen sollte.“
Karla stapfte zügig weiter, während Anna sich sputen musste, Schritt zu halten. Trotzdem sie in letzter Zeit öfter Joggen gegangen war, ließ ihre Kondition zu wünschen übrig, das war nicht zu übersehen.
Etwas weiter mündete der Wanderpfad in eine befahrbare Forststraße ein, so dass sie neben einander her gehen konnten. „Aber Du hast ja gerade in das Schreiben richtig Herzblut reingesteckt, soweit ich das mitbekommen habe.“ griff Karla den Faden nach einer Weile wieder auf. „Dein Sitzfleisch dabei bewun­dere ich noch heute. Wo hast Du bloß die Motivation dafür her genommen?“ -“Die Schrift hat mich von Beginn an fasziniert. Mein allererster Kontakt mit Chinesisch war ein Kurs in klassischem Chinesisch, den ich während meines Studiums nebenher belegt hatte. Eine reine Schriftsprache, meist weiß man kaum, wie sie mal ausgesprochen wurde, ähnlich wie Latein oder Altgriechisch bei uns in Europa. Mich fesselte es, die Denkweisen, Strukturen und Rhythmen zu entdecken, die in der Schrift und den alten Texten zum Vorschein kamen. Als ich dann viel später mit dem modernen Chinesisch anfing, bin ich erst gar nicht auf die Idee gekommen, dass man diese Sprache lernen könnte, ohne sie zu schreiben. Ich kann mir die Zeichen nicht einprägen, ohne sie eigenhändig zu Papier zu bringen, das Lesen konnte ich daher nur über das Schreiben lernen.“ Anna musste stehen bleiben, um zu Atem zu kommen.
„Bei mir war es genau anders herum, erst die gesprochene Sprache, dann Lesen soviel wie nötig und Schreiben, na ja, so wenig wie möglich eben.“ Auch Karla hielt inne und wandte sich Anna zu „Ja, bei den meisten Westlern läuft es wohl so…“ japste die. „Wenn sie nicht gerade Sinologen sind… Aber Du hast schon recht… Mittlerweile habe ich so viel Herzblut in diese Sprache hinein gesteckt, dass ich den Gedanken nicht ertrage, alles wieder zu vergessen. Sie ist mir buchstäblich ans Herz gewachsen.“
„Schau, der Baumstamm da kommt wie gerufen. Lass uns eine kleine Trinkpause einlegen.“ schlug Karla vor, als sie sah, wie sehr Anna außer Puste war. „Gute Idee!“ gab Anna zu und ließ sich erleichtert auf den Stamm plumpsen, der am Saum der Forststraße auf seinen Abtransport wartete. Auch Karla fand darauf Platz.
„Die Gespräche mit unserer Praktikantin waren der berühmte Tropfen, der das Fass schließlich zum Überlaufen brachte.“ fuhr Anna fort, nachdem ihr erster Durst gestillt war. „Ich habe mich daraufhin in der Stadt nach Unterrichts­möglichkeiten umgeschaut und hatte Glück. Unweit meiner Arbeitsstelle gibt es ein Institut für Übersetzer und Dolmetscher, das auch Abendkurse für die Allgemeinheit anbietet. Den Kurs für Leute mit weiter gehenden Vorkenntnissen habe ich mittlerweile ausprobiert, der passt ganz gut für mich. Und es sitzen da noch mehr Leute drin, die wie ich in Deutschland ihr Chinesisch warm halten möchten. Ich glaube, ich werde mich in den Kurs einschreiben.“ – „Also, irgendwie bist Du schon verrückt, Anna!“ entfuhr es Karla da. „Ja, ich weiß!“ Anna lachte. „Du bist nicht die Erste, die mir das sagt… Aber ich kann halt nicht anders, selbst wenn ich meine Freizeit besser in Sport investieren sollte, wie ich gerade merke.“
„Hm, ein Stück kann ich Dich ja verstehen.“ gab Karla nachdenklich zu. „Andererseits, könnte es manchmal nicht besser sein, etwas los zu lassen, wenn die Zeit dafür gekommen ist?“ – „Schon, nur wie unterscheidet man zwischen dem, woran man fest halten sollte und dem, was man besser loslässt? Zur Zeit habe ich nur mein Bauchgefühl als Kompass, aber das lässt die Nadel leider ständig von Nord nach Süd pendeln und wieder zurück.
Als ich in dem Kurs saß und merkte, wie viel Freude es mir machte, die zugeschüttete Sprache wieder zu aktivieren, war ganz sonnenklar, dass ich das weiter machen will. Zu anderen Zeiten habe ich dagegen den Eindruck, über kurz oder lang wird es mir zu viel werden, neben dem Job, dem wöchentlichen Pendeln zwischen Stadt und Land und der Versorgung von Haus und Garten auch noch den Sprachkurs zu besuchen.“
„Die Zeit für diese Entscheidung ist wohl noch nicht reif bei Dir.“ konstatierte Karla. „Früher oder später wird sie aber ohnehin fallen, sei es dass Du sie selber triffst, sei es dass das Leben sie für Dich fällt.“ Anna hob unschlüssig die Schultern. „An der Sicht ist viel Wahres dran…“ Sie legte den Kopf zur Seite. „Deine Entschiedenheit und Zielstrebigkeit hätte ich manchmal gerne, Karla. So vieles wäre dann leichter. – Zu warten bis das Leben Entschei­dun­gen für einen trifft kann schmerzhaft werden…“ Anna verstummte nachdenklich. „Andererseits,“ fuhr sie nach einer Weile fort, „ist es nicht gerade Schmerz, der Entschei­dungen Kraft verleiht?“ Karla stutzte und sah fragend zu Anna hinüber. „Was geht in Dir bloß vor, Anna!?“ brach es dann aus ihr heraus. Verständnislos schüttelte sie den Kopf. „Da schimmert doch nicht etwa eine versteckte masochistische Ader in Dir durch? Warum sollte man warten bis es schmerzt, wenn man es in der Hand hat, sich vorher anders zu entscheiden?“ Ironie und Fragezeichen rangen in Karlas Worten miteinander und Anna wusste zunächst nicht, wie sie darauf antworten sollte.
„Auf dieser Forststraße, an der wir jetzt sitzen, bin ich zuletzt mit einer Frau gewan­dert, mit der mich seit meiner Jugend eine tiefe Freundschaft verband.“ fuhr sie nach einiger Zeit fort. „Bis das Leben entschied, dass diese Freundschaft keine Zukunft hat…“
Karla merkte, dass Anna das Erzählen schwer fiel, als wäre etwas in ihr aufgewühlt worden. Sie stand auf. „Komm Anna, lass uns weiter gehen, bevor wir uns hier völlig fest quatschen! Und hat der Wetterbericht im Autoradio vorhin nicht auch etwas von gegen Abend zunehmender Gewitterneigung gebracht?“ versuchte sie, Anna abzulenken. „Hm, das muss mir wohl entgangen sein.“ murmelte Anna überrascht.
Schnell waren die Getränke in den Ruck­säcken verstaut und kurz darauf schritten beide mit neuer Energie neben­einander her. Das Gehen schien Annas Zunge jedoch noch mehr zu lösen.
„Wenn ich es recht überlege, ist es Maria zu verdanken, dass ich überhaupt eine Chance hatte, nach meiner Rückkehr aus China in meiner alten Heimat wieder neu anzufangen.“ knüpfte sie nun wieder an, während Karla sich zunehmend wunderte, welche Wendung das Gespräch zu nehmen begann.
„Sie war all die Jahre und Jahrzehnte seit meinem Weggehen von hier diejenige gewesen, über die ich eine lockere Verbindung hierher aufrecht erhalten habe. Klar, anfangs haben auch meine Eltern noch hier gelebt, aber nach ihrem Tod wäre unwiderruflich Schluss für mich gewesen, wenn Maria nicht etwas am Leben erhalten hätte, was mich immer wieder gerne herkommen ließ.
Maria war eine gute Generation älter als ich, aber das schien mir in jener Zeit kaum eine Rolle zu spielen, ich blendete es einfach aus. Wir sind viel zusammen gewandert und haben dabei über Gott und die Welt diskutiert. Gelegentlich konnte ich ihr bei ihren Projekten helfen und ab und zu besuchte sie mich in der Stadt in die ich gezogen war. Viel von dem, was ich in meiner Kindheit daheim schmerzlich vermisst hatte gab sie mir ungefragt, einfach so. Nur manchmal hatte ich den Eindruck, als ginge es ihr dabei nicht nur um die Freundschaft zu mir. Damals konnte ich mir aber keinen Reim auf diesen Eindruck machen. Aus irgend einem Grund schien sie ganz bewusst dazu beitragen zu wollen, dass ich eine Verbin­dung zu meiner alten Heimat aufrecht erhalte. Fast als spürte sie, dass ich mehr als bereit war, etwas von mir weg zu stoßen, das einen unersetzlichen Verlust für mich bedeutet hätte… Wenn ich zu mir selber ehrlich bin, muss ich ihr aus heutiger Sicht da recht geben.“
Aus Karlas Blicken sprach Skepsis „Ich stamme ja auch aus so einem Kuhdorf. Aber ich weine dem keine Träne nach, ganz bestimmt nicht! Gut, meine Eltern und meine ältere Schwester samt Familie leben noch dort, ich könnte also nie auf meine ganz eigene Weise neu anfangen, so wie Du hier. Aber selbst wenn meine Umstände eher wie die Deinen wären, bin ich mir sicher, dass dieses Dorf ein abgeschlossenes Kapitel für mich ist.“
Anna lachte. „Ja, typisch Karla! Schwarz oder Weiß!“ – „Wenn ich mir nur vorstelle, in mein Herkunftsdorf ziehen zu müssen, bekomme ich schon Beklemmungen…“ Karla schüttelte sich. „Das Gefühl kenne ich aber auch nur zu gut.“ Anna nickte. „Es ist noch gar nicht so lange her, dass es mir ebenso ging. Nie hätte ich damals für möglich gehalten, dass sich das so radikal ändern kann. Eine Erfahrung, die ich um keinen Preis missen möchte… Aber einen Preis, den hatte sie wirklich…“
Unvermittelt verlief der Weg nun flach und als der Wald sich ein paar Schritte weiter lichtete, gab er den Blick auf einen runden, aus rotem Sandstein gemauerten Turm frei. Sie waren auf dem Berggipfel angekommen, den sie als Ziel ihrer Wanderung ausgesucht hatten. Neben dem Eingang des Turmes gab es eine Tafel, die einen umfassenden Panoramablick von oben versprach. Das war nicht zu viel versprochen, wie Anna und Karla einhundert zwanzig Stufen später, Karla hatte genau mitgezählt, schwitzend und nach Luft ringend feststellten.
In drei Himmelsrichtungen erstreckten sich schwarz grün bewaldete Bergketten, durchzogen von sanften, mit Städtchen und Dörfern getupften Tälern unter einem makellos blauen Himmel. Nach vorne hin dehnte sich die Ebene bis der Blick an einem weiter entfernten Gebirge hängen blieb. Und darüber thronte sie himmelhoch, eine grauweiße Gewitterfront, schwere, dicht gedrängte Wolkentürme, einer dicker als der andere. „Der Wetterbericht hatte wohl recht.“ meinte Anna. „Hoffentlich hält das noch eine Weile.“ Karla schien unwohl bei dem Anblick. „Ich glaube schon.“ meinte Anna. „Wir sollten uns auf dem Rückweg auf keine Umwege einlassen und nicht so ausgiebig rumtrödeln, wie wir das ursprünglich vor hatten. Aber wenn wir einigermaßen zügig gehen, sollten wir es trockenen Fußes zum Auto schaffen können ohne rennen zu müssen.“ – „Na hoffentlich hast Du recht.“ Karla schien nicht ganz überzeugt zu sein. „Komm, dann lass uns hier nicht lange rumstehen, so schön es auch ist.“ lenkte Anna ein und begann, die Wendeltreppe wieder hinunter zu steigen.

„Was meintest Du vorhin denn mit dem Preis, den Deine Erfahrung mit Maria und Deinem Dorf Dich gekostet hat?“ fragte Karla einige Zeit später. Wider Erwarten wollten ihr Annas Worte nicht aus dem Kopf gehen. „Seit ich begann, mich für China zu interessieren, hatte ich den Eindruck, dass Maria diese Entwicklung auf eine unterschwellige Weise zu schaffen machte, die sie aber nie offen ansprach.“ fuhr Anna daraufhin fort. „Offenes Interesse und hartes Abblocken konnten bei ihr manchmal so abrupt ineinander umschlagen, dass ich nicht wusste, ob ich nun etwas darüber erzählen oder besser ein anderes Thema anschlagen sollte. Das Ganze kam mir sonderbar vor, aber viel mehr dachte ich mir zunächst nicht dabei.
Als ich sie nach der Rückkehr von meiner ersten China-Reise dann einmal besuchte, hatte ich in den ersten Augenblicken unseres Wiedersehens den schwer greifbaren Eindruck, dass sie mich ängstlich musterte wie jemanden, der sich eine ansteckende Krankheit eingefangen hat. Ein beklem­mendes Gefühl, das mich zum ersten Mal stutzig machte. Und als ich ihr später eröffnete, dass ich vor hatte für ein ganzes Jahr nach China zu gehen, versuchte sie sofort, es mir auszureden. Zwar mit faden­scheini­gen Begründungen, dafür aber um so energischer. Sie merkte jedoch schnell, dass sie damit auf taube Ohren stieß und gab schließlich auf.
Ich war überrascht und enttäuscht von ihrer Reaktion. Gerade von ihr hatte ich mir mehr Ver­ständ­nis erhofft und hakte mehrfach bei ihr nach. Aber da kam nicht viel, sie wich aus und irgendwann machte sie bei dem Thema einfach dicht. Mir blieb am Ende nichts anderes übrig, als das hin zu nehmen.“
„Vielleicht hatte sie Angst, dass sie Dich verliert, konnte sich das aber nicht eingestehen?“ rätselte Karla. „Möglich… Rückblickend kommt es mir so vor, als hätte sich ab jenem Zeitpunkt so etwas wie diese Gewitterfront, die wir eben vom Turm aus gesehen haben, über unserer Freundschaft zusammengebraut. Im Hintergrund war eine stetig zunehmende Spannung spürbar, die es vorher nicht gegeben hatte. Mir dämmerte, dass wir langsam aber sicher auf einen Konflikt zu drifteten, aber was tun? Letztlich blieb die Situation bis zum Start in mein China-Jahr in der Schwebe hängen.“
„Und wie hat sie reagiert, als Du dann wieder zurück gekommen bist?“ – „Da war sie die­jeni­ge, die mich vom Bahnhof abgeholt hat. Die ersten paar Tage wohnte ich sogar bei ihr, sie bekochte und umsorgte mich als wäre sie meine Mutter.“ – „Von einem Extrem ins Andere…“ bemerkte Karla. „Ja, ich war von diesem Empfang überwältigt und nahm ihre Gastfreundschaft im Glauben an, dass sich früher oder später genügend Gelegenheiten ergeben würden, bei denen ich mich revanchieren konnte. Das war früher ja nicht anders gewesen. Außer­dem war ich so voll von meinen Erlebnissen, dass ich zu keinem klaren Blick auf die Situation fähig war.
Kaum war ich aber in mein Haus gezogen, wurde die alte Spannung wieder spürbar, intensiver als je zuvor, jedoch genau so ungreifbar. Und wieder gab es Situationen, in denen ich mich von ihr gemustert fühlte, als wäre aus mir ein Alien geworden.
Kleine Missverständnisse passierten, häuften sich, wurden schwerwiegender. Mal kam sie abends, obwohl wir mittags verabredet waren. Ein anderes Mal bat sie mich, bei ihr vorbei zu kommen um ihr mit dem Computer zu helfen. Als ich dann bei ihr klingelte fragte sie überr­ascht, was ich jetzt schon wieder bei ihr wolle, sie hätte erst morgen mit mir gerechnet. Sie zog an mir und schubste mich weg, immer abwechselnd heiß oder kalt.“
„Sie war doch schon älter, oder?“ fragte Karla. „Vielleicht machte sie das Alter langsam wunderlich?“ – „Auch möglich… Ich hatte jedoch eher den Eindruck, dass sie an mir Veränderungen wahrnahm, die ihr aus einem Grund Angst machten, den ich bis heute nicht verstehe. Und dass das Wegfallen der gewohnten Entfernung, die mein Einzug in mein Elternhaus für uns beide bedeutete, ihre Angst noch steigerte. Also beschloss ich, etwas mehr Abstand zwischen uns herzustellen, begann, die Zeit zwischen unseren Treffen so lang wie möglich auszudehnen und versuchte, mich mehr auf meine Jobsuche zu konzentrieren.“
„Was für eine Hängepartie!“ Karla verdrehte die Augen. „Zu dem Zeitpunkt zog sich das also schon Jahre hin! Hast Du denn nie erwogen, einmal einen klaren Schnitt zu machen und ihr zu eurer beider Erlösung die Freundschaft aufzukündigen?“
Anna atmete tief durch. „Letzten Endes habe ich genau das getan. Aber im Gegensatz zu Dir musste ich erst durch das Gewitter hindurch, bis ich diese Entscheidung fällen konnte.“ – „Hab‘ ich’s doch geahnt…“ unkte Karla ironisch.
„Jenes Gewitter hat aber nicht lange auf sich warten lassen.“ fuhr Anna fort. „An einem kalten Novembermorgen fand ich unverhofft einen dicken Brief von Maria in meinem Briefkasten. Er war unfrankiert, sie hatte ihn bei Nacht und Nebel eingeworfen, ohne bei mir zu klingeln. Das verhieß nichts Gutes. Aber auf die unglaublichen Vorwürfe und Schuld­zu­wei­sungen, die sie seitenlang in dem Brief ausgebreitet hatte, war ich dennoch nicht gefasst. Angefangen mit dem Tag, an dem sie mich am Bahnhof abgeholt hatte, listete sie eine Situation nach der anderen auf, in der ich mich ihrer Meinung nach falsch verhalten hatte und deutete das Ganze zu einem Geschehen um, dass ich kaum wieder erkennen konnte. Wie um dem Ganzen die Krone aufzusetzen forderte sie am Schluss des Briefes auch noch eine Entschuldigung von mir.
Mir wurde schlagartig übel, alles drehte sich. Es war, als hätte mir jemand von vorne ein Messer in den Bauch gerammt und dreimal umgedreht. Der Schmerz ging über alles hinaus, was ich mir hatte vorstellen können.
Erst drei Tage später war ich in der Lage zu reagieren und schrieb ihr ebenfalls einen Brief. Darin verwahrte ich mich nur kurz und knapp gegen ihre Vorwürfe und Forderungen, ging aber im Detail nicht darauf ein, dafür waren sie einfach zu absurd. Ich beschloss den Brief mit dem Vorschlag, den Kontakt mit offenem Ausgang für eine längere Bedenkzeit auf Eis zu legen.“
„Ja bist Du denn von allen guten Geistern verlassen!?!“ Karla konnte es nicht fassen. „Was muss denn noch passieren, bis Du endlich kapierst, wann Schluss ist und die Reißleine ziehst?“ „Ein dreiviertel Jahr passierte erst mal gar nichts. Von ihr kam keine Antwort und ich ließ es auf sich beruhen. Es gab in jener Zeit genügend Herausforderungen zu bewältigen, die mich in Atem hielten. So konnte ich die Angelegenheit leichter ertragen.
Erst vor ein paar Wochen, als es im Job einfacher für mich zu werden begann, ging sie mir wieder öfter durch den Kopf. Ich spürte, ganz fertig war ich mit dem Thema noch nicht, aber ich war reif, eine Entscheidung herbei zu führen.
Ich schreib ihr einen Brief, in dem ich ihr anbot, sich bei passender Gelegenheit zu treffen um eine Verständigung zu versuchen. Ich ließ aber auch durchblicken, dass ich die Beziehung nicht um jeden Preis fortsetzen würde.“ – „Na, das hat aber gedauert!“ seufzte Karla. „Und was ist am Ende dabei heraus gekommen?“ – „Sie hat geantwortet. Aber sie wiederholte nur ihre alten Forderungen und im Kern war sie völlig un­nach­giebig. Es war absurd und so sinnlos. Nachdem der Schmerz der ersten Enttäuschung abgeklungen war, konnte ich diese Wahrheit endlich annehmen. Ich schrieb ihr einen endgültigen Abschiedsbrief. Und der war dann eine wirkliche Erlösung für mich. Als ich ihn ins Innere des Briefkastens plumpsen hörte fiel mir ein ganzer Steinbruch vom Herzen und ich wusste, jetzt ist es gut und es ist vorbei.
Heute kann ich ohne Groll an Maria zurückdenken, wenn ich auch vieles von dem, was passiert ist, immer noch nicht verstehe. Auch der Schmerz ist abgeklungen. Ich glaube, diese Haltung wäre mir nicht möglich, wenn ich dem Gewitter ausgewichen wäre, anstatt mitten durch das ganze Drama hindurch zu waten.“ – „Das kann ich zumindest nachvollziehen, auch wenn ich mich wahrscheinlich viel eher zu einer Trennung entschlossen hätte als Du.“ gab Karla nun zu.
„Was ich aber immer noch nicht kapiere ist, was diese Geschichte mit der Frage zu tun hat, ob Du nun den Chinesisch-Abendkurs besuchen sollst oder nicht?“ setzte sie nach.
Anna zögerte. „Ich hab‘ das Gefühl, mit dieser Sprache geht es mir letztlich wie mit Maria.“ erwiderte sie. „Es müsste erst sehr dick kommen, bevor ich sie wirklich loslassen könnte.“ Nachdenklich heftete Karla ihren Blick auf den Weg vor ihren Wanderstiefeln. „Für Dich scheint die Sprache eine völlig andere Bedeutung zu haben als für mich, soviel habe ich jetzt glaube ich doch verstanden.“ sagte sie dann.
„Ja, mag sein dass das verrückt ist…“ Anna hatte ihre gute Laune wieder gefunden. „Aber es ist nun mal was es ist…“ lächelte sie verschmitzt.
In der letzten Zeit hatten die beiden kaum Notiz von der Umgebung genommen, die sie durchwanderten, so sehr waren sie in ihr Gespräch vertieft gewesen. Daher war ihnen auch entgangen, wie über ihnen die Gewitterwolken langsam aber sicher den Himmel eroberten.
Nicht mehr allzu weit von Annas Auto entfernt, ließ ein unerwartetes Donnergrollen sie schließlich doch einmal hoch blicken. Der Schreck fuhr ihnen in die Glieder. Unwillkürlich begannen sie zu rennen, so schnell sie nur konnten. Das Gewitter schien es wirklich wissen zu wollen. Schon bald darauf fielen die ersten Tropfen und um sie herum begannen Windböen mit zunehmender Kraft an den Bäumen zu rütteln. Endlich kam der Wagen in Sicht und sie erreichten ihn im letzten Augenblick. Als das Unwetter mit voller Gewalt losbrach, konnten sie gerade noch rechtzeitig die Autotüren hinter sich zu ziehen. An ein Wegfahren war zunächst jedoch nicht zu denken. Wohl oder übel galt es abzuwarten, bis der erste Ansturm des Gewitters vorüber gezogen war. Sie konnten nur hoffen, dass dort, wo sie im Auto gefangen saßen, kein Baum niederstürzen würde.
Das Ganze dauerte nicht allzu lange, aber die Minuten, die sie inmitten des Hexen­kessels aus prasselndem Regen, zuckenden Blitzen, Sturmböen und Donnerschlägen ausharren mussten, dehnten sich zu einer Ewigkeit.
Nachdem das Unwetter endlich weiter gezogen war, wich der prasselnde Regen einem leichten Nieseln und der Himmel hellte sich auf. Anna kurbelte das Fenster herunter und ließ die kühle, feuchte Luft herein strömen. Erleichtert atmeten beide tief durch.
„Puh, das war aber nicht von schlechten Eltern!“ Karla war die erste, die wieder Worte fand. „Ich hab‘ Hunger.“ stellte Anna fest.

Durch das Tor

Tiefe Stille herrschte im Haus. Nur ab und zu war das leise Fahrgeräusch eines Autos zu hören, das draußen durch die kleine Wohnstraße glitt. Anna wandte sich vom Fenster ab. Die Anspannung der letzten Wochen hatte ein Rauschen in ihren Ohren hinterlassen, das sie nun erst wahrnahm. „Die Zeit ist reif…“ dachte sie, während ihr Blick zum wiederholten Mal über den Koffer, den Rucksack und die Umhängetasche glitt, die fertig gepackt neben der Zimmertür warteten.
Seit der Rückkehr von ihrer letzten China-Reise Anfang September war alles Schlag auf Schlag gegangen: die Kündigung ihrer Stelle, die vielen Überstunden, die ihr Chef unter Verweis auf ihr noch ausstehendes Arbeitszeugnis von ihr einforderte, das Abarbeiten der Vorkehrungen, die bei unzähligen Ämtern und Versicherungen, den Banken und anderen Stellen für den langen Auslandsaufenthalt zu treffen waren, der Transport eines ersten Teils ihrer Habselig­keiten aus der Stadtwohnung in ihr Häuschen, die Abschiedstreffen mit Freunden und Bekannten, die Wohnungsauflösung und schlussendlich der Möbeltransport hierher, der beinahe noch schief gegangen wäre. Sie hätte vielleicht nicht das billigste Umzugs­unter­nehmen mit der Sache beauftragen sollen.
Wohl waren die Möbelpacker wie vereinbart zur Stelle gewesen und hatten die Verladung der Sachen in den Lastwagen zügig erledigt. Guten Mutes schloss Anna die nun leere Wohnung ein letztes Mal hinter sich zu und hinterlegte ihre Schlüssel beim Hausverwalter. Sie genoss die klare Luft und das milde Licht der Dezembersonne, während sie sich auf ihrem Weg zum Bahnhof durch das Menschengewimmel der Stadt bewegte. Gehörte sie hier jetzt nicht mehr dazu? Würde sie das alles hier wieder sehen?
Später, als der Zug sich langsam aus der Bahnhofshalle hinaus schob, blieb ihr Blick an der ästhetisch geschwungenen Stahlkonstruktion kleben. Während die schwarz grau über den Gleisen schwebenden Torbögen mit zunehmender Entfernung immer enger zueinander rückten, begann sich ihr Kehlkopf zu einem harten Kloß zusammen zu ziehen. Erst lange nachdem die Stadt in einem dunklen Punkt am Horizont verloren gegangen war, begann er sich schmerzhaft zu lösen. Anna kämpfte mit den Tränen und war froh, dass die Bahnfahrt zurück in das Dorf, aus dem sie vor vielen Jahren einmal aufgebrochen war, mehrere Stunden dauerte. Sie brauchte die Verschnaufpause dringend.
Am Tag der geplanten Wiederanlieferung wartete Anna vergebens auf den Möbelwagen. Da Anna ihre Telefone alle gekündigt hatte, hatte sie dem Umzugsunternehmen die Telefon­nummer ihrer Nachbarin als Kontaktadresse für den Notfall gegeben. Aber auch dort meldete sich niemand. Stunden nach der vereinbarten Lieferzeit gelang es Anna endlich, den Chef zu erreichen, der aber von keinen Unregelmäßigkeiten wusste. Immerhin versprach er, am Abend seine Fahrer zu kontaktieren und vertröstete Anna auf den nächsten Tag.
Am nächsten Vormittag berichtete er, die Fahrer seien am Vortag zwar in Annas Dorf gewesen, aber sie hätten das Haus nicht finden können, weil angeblich weder Annas Straße und Hausnummer noch die Telefonnummer der Nachbarin in ihren Papieren gestanden hätte. Und da das Dorf zu groß war, um sich mit Durchfragen zu versuchen, waren sie einfach zum nächsten Lieferort ein paar hundert Kilometer weiter gefahren, wo sie am selben Tag noch ein Klavier abzuliefern hatten.
Anna hatte es für einen Moment die Sprache verschlagen. „Und wie lange dauert es jetzt noch, bis sie wieder hier sind?“ wollte sie dann vom Chef wissen. „Also heute fahren die nicht mehr zu Ihnen!“ stellte der mit einer Bestimmtheit fest, als sei das alles selbstverständlich. „Die sind jetzt schon wieder auf dem Rückweg!“ – „Wie bitte?“ Anna starrte entgeistert den Telefonhörer an. „Übermorgen fliege ich für ein Jahr nach China! Was wollen sie dann mit meinen Sachen machen? In den Fluss kippen vielleicht?“ schrie Sie mit sich überschlagender Stimme in die Sprechmuschel. Einige Augenblicke herrschte Schweigen in der Leitung. „Ähm… Ja wenn es so ist… Äh… Ich muss sehen was sich machen lässt… Warten Sie auf meinen Rückruf… Bitte beruhigen Sie sich!“ drang es dann verdattert an Annas Ohr, als ob es dem Chef erst jetzt langsam dämmerte, was er da gerade anrichtete.
Anna blieb nichts anderes übrig als neben dem Telefon sitzen zu bleiben. Nichts passte zusammen an dieser seltsamen Geschichte, die ihr soeben aufgetischt worden war. Was bedeutete das alles? War sie auf betrügerische Machenschaften hereingefallen, die sie nicht durchschaute? Sollte sie besser gleich die Polizei anrufen? Oder steckte wirklich nur Dummheit in einem Ausmaß, das ihr Vorstellungsvermögen sprengte, hinter dieser Pannenserie?
Eine Stunde später schreckte Telefonklingeln Anna aus ihren Grübeleien. Die Fahrer seien umgekehrt, ließ der Chef nun ausrichten. Aber es würde wohl Nachmittag werden, bis seine Leute von da aus, wo er sie gerade noch erwischt hatte, wieder in Annas Dorf kämen. Anna atmete auf. Später aber kehrten die Zweifel zurück und sie schwankte stundenlang zwischen Misstrauen und Erleichterung hin und her. War das nur ein weiterer Trick um sie hinzuhalten? Was wollte der Chef vor ihr verschleiern? Konnte es sein, dass der Traum, auf dessen Verwirklichung sie mehr als zwei lang Jahre hingearbeitet hatte, nun wegen einer üblen Posse zerplatzte wie ein Luftballon in den jemand mit einer Nadel hinein stach? Wie konnte sie von diesem Dorf aus, in dem sie momentan ohne Telefon und PKW fest saß, ihren Flug nach Peking umbuchen?
Als der Transporter gegen vier Uhr endlich wohlbehalten vor ihrem Haus hielt, war sie selbst ein nervliches Wrack. Völlig neben sich stehend schaute sie sich selbst dabei zu, wie sie die Möbelpacker mit den Sachen hierhin und dorthin dirigierte, Kisten schleppte und am Ende die Lieferpapiere gegenzeichnete. Erst am späten Abend, nachdem sie geistesabwesend einige Möbelstücke herum geschoben und ein paar Sachen aus den Kisten heraus gekramt hatte, konnte sie langsam glauben, dass sie nicht träumte und die Anspannung begann, von ihren Schultern zu gleiten.
Es war Anna entgangen, dass eines der Autos draußen nicht vorbei geglitten sondern vor ihrer Hofeinfahrt zum Stehen gekommen war. Das Klingeln der Türglocke fuhr ihr bis ins Knochen­mark und legte dort einen Hebel um. Noch während sie ich in Bewegung setzte löste sich eine unbändige Kindervorfreude aus Annas Innerstem, ließ sie zur Treppe rennen, perlte empor, ließ Anna die letzten Stufen alle auf einmal hinunter springen, schäumte über in ein strahlen­des Lachen und ließ den verdutzten Taxifahrer für einen Moment zögernd im Rahmen der Haustür verharren, die nach einem deutlich vernehmbaren Plumpsen soeben schwungvoll vor seiner Nase aufgerissen worden war.
Während des Fluges ging Annas Vorfreude allmählich in eine wohlige Zufriedenheit über, wie Anna sie selten an sich erlebt hatte. Zu ihrem Erstaunen klang diese Stimmung nur langsam ab und auch der Pekinger Winter, der Anna beim Verlassen des Flughafens in Empfang nahm, konnte sie nicht vertreiben. Anna wärmte sich an ihr, wann immer sie sie spürte und ließ sich von ihr durch die ersten Wochen tragen.
Diesmal war es eine Thailänderin, mit der sie sich an der Uni die zwölf Quadratmeter ihres Studen­ten­zimmers teilte. Gong wohnte schon über ein Jahr in diesem Zimmer, war mit einunddreißig deutlich älter als die meisten ostasiatischen Studentinnen und zu ihrem großen Kummer immer noch nicht verheiratet. Sie schob es auf ihr für Anna unsichtbares Übergewicht und war ohne Unterlass mit Beschaffung und Zubereitung von Nahrung beschäftigt, die sie beim Abnehmen unterstützen sollte. Jeglicher Stauraum in Gongs Zimmerhälfte war bis auf den letzten Kubikzentimeter mit Kochgerät, Vorräten und Krimskrams vollgestopft. Wann immer sie etwas davon benutzen wollte, musste sie zuerst räumen und wühlen, bis sie fand was sie brauchte. Die spartanische Leere, die Annas Zimmerhälfte auch nach dem Einräumen ihrer Siebensachen noch ausstrahlte, bildete dazu einen auffälligen Kontrast.
Das Wohnheim war nicht darauf eingerichtet, dass die Bewohner sich ihr Essen selbst zube­reiteten. Es standen weder Küchen noch Kochnischen dafür zur Verfügung. Auf den Zimmern waren kleine Kühlschränke, Wasserkocher und ein Fernseher erlaubt. Was darüber hinaus ging war jedoch verboten, um Überlastungen des Stromnetzes und die dadurch entstehende Brandgefahr zu vermeiden.
Es gab etliche Studenten, die sich wie Gong darüber hinweg setzten. Sie alle mussten im Foyer unten täglich mit Tüten voller Lebensmittel am Tresen der Wohnheimmanagerin vorbei gehen. Das konnte nur heißen, dass diese resolute aber meist freundliche Dame für Nebeneinkünfte durchaus aufgeschlossen war, zumindest solange sich niemand beschwerte und nichts passierte.
Anfangs hatte Anna befürchtet, dass Gongs Kocherei sich im eng begrenzten Raum des Wohnheimzimmers bald zu einem handfesten Konflikt auswachsen würde. Wenn Anna nach dem Mittagessen zurück ins Zimmer kam, kündete jedoch nur noch ein Hauch von Essensduft, der im soeben gelüfteten Raum hängen geblieben war, von Gongs Aktivitäten. Gong selbst tauchte meist erst gegen Abend wieder auf, schwer bepackt mit Einkaufstüten. Trotz ihres fortge­schrittenen Lebensalters schien sie kindlich geblieben zu sein, wie Anna bald feststellte. Ihr zweit­wichtigster Lebensinhalt waren Freud und Leid der jugendlichen Hauptdarsteller ihrer Lieblingsserie. Wenn das Fernsehen abends die synchronisierten und mit chinesischen Untertiteln versehenen Folgen der koreanischen Seifenoper in Endlosschleife ausstrahlte, klebte sie stundenlang mit Glanz in den Augen und Kopfhörern auf den Ohren davor. „Auch eine Möglichkeit, Chinesisch zu lernen…“ dachte Anna dann, während sie sich am anderen Ende des Zimmers über ihre Bücher beugte.
An den alltäglichen Abläufen auf dem Campus hatte sich seit Annas letztem Aufenthalt im vergangenen August nicht viel geändert. Nur das Hauptgebäude der Uni war verschwunden. Wo es einst gestanden hatte, kündete nun eine gigantische, weiträumig abgesperrte Baugrube von der Dimension des Protzbaus, den man bis zum Spätsommer hier errichten wollte. Wie zum Ausgleich war die Kanalbaustelle, die im Sommer die Durchgangsstraße an der Westseite des Uni-Geländes auf mehreren Kilometern Länge unpassierbar gemacht hatte, unter einer neuen Straßendecke verschwunden.
Und doch waren diese Winterwochen eine neue Erfahrung für Anna. Das erste Mal im Leben war es ihr möglich, alles um sich herum los zu lassen und sich in einer Beschäftigung zu versenken, die vom Hobby zur Leidenschaft geworden war. Anfangs ertappte sie sich wiederholt dabei, wie sie ungläubig in ihren Kalender schaute, um abzuschätzen, wie viele Wochen ihr noch blieben, bis dieser „Urlaub“ wieder vorbei sein würde.
Es dauerte eine Weile, bis ihr Innerstes begriffen hatte, dass sie die kostbare Zeit für ihre Lieblingsbeschäftigung nun nicht mehr in einzelnen Stundenintervallen aus einem mit beruflichen und sonstigen Verpflichtungen voll gepackten Alltag heraus quetschen musste. Aber dann entspannte sie sich zusehends und begann, sich immer unbekümmerter mit dem Unterrichtsstoff voll zu saugen wie ein ausgedörrter Schwamm, der endlich seinen Weg ins Wasser gefunden hatte.
Weihnachten kam und verging, ohne dass Anna viel Notiz davon genommen hätte. Weder für die Chinesen noch für die anderen Ostasiaten hatte dieses Fest eine Bedeutung. Sie kannten es und in einigen der großen Kaufhäuser gab es unglaublich kitschige Weihnachts­dekoration zu kaufen. Am ersten Weihnachtstag fehlten die meisten westlichen Studenten im Unterricht, das war auch schon alles, was man auf dem Campus von Weihnachten mitbekam. Für Anna erschöpfte sich die Beschäftigung damit in ein paar Telefonaten mit Freunden und Verwandten daheim in Deutschland. Der im Westen übliche monatelange Weihnachtsrummel war ihr in den letzten Jahren ohnehin nur noch angewidert. Diese Uni hier schien ein idealer Ort zu sein, wenn man dem entfliehen wollte. Ähnlich lief es an Silvester und Neujahr.
Und danach nahm der Pekinger Winter die Stadt mit Temperaturen bis minus achtzehn Grad und einem kräftigen Nordwestwind erst so richtig in die Zange. Die Menschen reduzierten ihre Ausflüge nach draußen auf ein Minimum und wenn sie doch einmal vor die Tür mussten, stach der staubtrockene Steppenwind ihnen mit winzigen Eisnadeln in die Wangen. Während er nachts heulend durch die Hochhausschluchten fegte, verwandelte er die Erde zu Staub und dörrte die Vegetation so gnadenlos aus, dass jegliche Farbe aus ihr entwich. Der Gegensatz zu dem feucht­heißen Sommermonsun mit seinen täglichen sintflutartigen Regengüssen, den Anna im August hier erlebt hatte, hätte größer kaum sein können.
Auch Anna vermied Abstecher nach draußen so weit es ging. Nur einmal machte sie sich in dieser Zeit auf, um in einem der neuen Riesenkaufhäuser in der Innenstadt Bohnenkaffee samt einer Mühle und Filter zu erwerben. Immer noch galt Kaffee in Peking als exotisches Getränk, das fast nur von Ausländern konsumiert wurde. In den großen Einkaufsstraßen gab es Starbuck’s Coffeeshops und auf dem Campus verkaufte das Ausländerkaffee seinem sündhaft teuren Coffee to Go. In den Kaufhäusern und Supermärkten der näheren Umgebung suchte man jedoch vergeblich nach abgepacktem Kaffee und die Utensilien, die man für seine Zubereitung brauchte, fehlten erst recht.
Den entscheidenden Hinweis auf die Stecknadel im Heuhaufen erhielt Anna schließlich von der Wohnheim­managerin. In der Lebensmittelabteilung des Kaufhauses angekommen war Anna freudig überrascht, dort über fünfzehn Kaffeesorten sowie Mühlen und Filter in verschiedener Ausfertigung im Angebot zu finden. Nichts davon war billig, aber von guter Qualität. Wenn sie dagegen rechnete, wie viel Geld sie für Coffee to Go auszugeben pflegte, lohnte sich die Investition in kurzer Zeit.
Und so war es an diesem Abend ausnahmsweise einmal Anna, die mit mehreren Kilo Kaffee, einer elektrischen Mühle, einem Filterbecher und Filterpapier auf Vorrat voll bepackt an der breit grinsenden Wohnheim­managerin vorbei durchs Foyer des Wohnheims ging.
Auf Annas Stockwerk zog nachmittags nun öfters der Duft frisch gebrühten Kaffees über den Flur. Und wenn Anna sich mit dem dampfenden Becher an ihren kleinen Schreibsekretär setzte um sich in das tägliche Hausaufgabenpensum zu stürzen, konnte sie hin und wieder die zufriedene Wärme spüren, die sie seit ihrem Abflug aus Deutschland nicht mehr verlassen hatte.

Mauern

Der Januar begann für Anna mit einem Erfolgserlebnis. Langsam und von ihr zunächst unbemerkt hatte ihr nach wie vor ungebrochener Lerneifer Früchte zu tragen begonnen. Und eines Tages gelang es ihr, einen ersten kleinen Aufsatz auf Chinesisch zu verfassen. Als Thema war die Frage: „Ist die Anwendung der Prügelstrafe in der Schule gut für die Schüler?“ vorgegeben worden. Anna war über das Thema zunächst erstaunt. War diese Frage nicht schon vor Jahrhunderten abschließend beantwortet worden? Aber wie wirkte sie auf die anderen Studenten?
Die Aufsätze der Studenten sollten am nächsten Unterrichtstag als Aufhänger für eine Diskussion mit der ganzen Klasse verwendet werden. Und das versprach spannend zu werden, gab es in der Klasse doch Studenten aus Japan, Korea, Australien, den USA, Italien und Deutschland. Bei der Vorbereitung fiel es Anna schwer, ihre Aussagen in so schlichte Sätze zu verpacken, dass ihr Chinesisch gerade noch ausreichte, um sie ausdrücken zu können. Sie rang mit dieser Herausforderung bis spät in den Abend hinein, um dann todmüde aber zufrieden ins Bett zu fallen.
Am nächsten Morgen wurden die Aufsätze zunächst der Reihe nach vorgelesen und von der Lehrerin sprachlich korrigiert. Zu einigen sehr typischen Fehlern gab es außerdem detailliertere Erklärungen. Je nach Muttersprache waren die Schwierigkeiten der Studenten ganz unterschiedlich gelagert und Anna fand es spannend zu beobachten, wie sich ihre Herkunftskultur in ihrem Umgang mit dem Chinesischen spiegelte.
Den Japanern fiel das Lesen und Schreiben leicht, da in ihrem Land eine ähnliche, teilweise noch kompliziertere Schrift im Einsatz ist. Aber mit der Aussprache taten sie sich enorm schwer. Bei den Koreanern lag der Fall eher umgekehrt. Während ihnen die Aussprache kaum Probleme bereitete, brachten sie beim Lesen und Schreiben nur ein Grundwissen mit, um das die Westler wiederum sie aber nur beneiden konnten. Für letztere war die Schrift so etwas wie eine chinesische Mauer im übertragenen Sinne, die sie jeden Tag aufs neue zu erklettern hatten. Ging es jedoch darum, das bisher Gelernte in gesprochene Sprache umzusetzen, so fiel es den Westlern meist am leichtesten, ihre Gedanken auszudrücken und sich den anderen mitzuteilen.
Die Diskussion des Aufsatzthemas stand nach der Pause an und zur Überraschung der Studenten gesellte sich zu Beginn ein weiterer Lehrer zur Klasse. Er stellte sich als Forschungs­dozent vor, der sich auf die Erforschung der Auswirkungen verschiedener Unterrichts­methoden auf den Lernerfolg der Studenten spezialisiert hatte. Er sagte, er sei sehr interessiert daran zu erfahren, ob Prügelstrafen in den Herkunftsländern der Studenten zum Einsatz kämen und was die Studenten davon hielten.
Wie so oft, ergriff die Amerikanerin als erste das Wort. „Ich bin selbst Lehrerin für Mathematik an einer Highschool“ begann sie. „In den USA ist die Prügelstrafe in vielen Bundesstaaten noch erlaubt und sie kommt auch zu Anwendung. In der Regel sind die Eltern damit einverstanden.“ Anna war ein wenig schockiert, denn von der Amerikanerin hatte sie eine solche Aussage nicht erwartet.
Der Forschungsdozent wollte es genau wissen und fragte, wann die Prügelstrafen vergeben und wie sie ausgeführt würden. „Meist werden Schläge mit einem Brett oder Paddel verabreicht. Sehr beliebt ist es auch, den Schüler zwischen einer Strafarbeit und den Schlägen wählen zu lassen. Anlässe für die Prügelstrafe sind schwerere Regelverletzungen wie unerlaubtes Verlassen des Klassenzimmers, Hausaufgabenverweigerung oder ähnliche Missetaten.“ – „Hast Du selbst auch schon Schüler geschlagen?“ wollte der australische Student nun wissen. „Nein, noch nie. Zum einen komme ich aus einem Bundesstaat, in dem die Prügelstrafe inzwischen verboten ist. Außerdem halte ich persönlich auch nichts davon. Ich glaube, dass es die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern belastet und den Schülern dadurch mehr schadet als nutzt.“  Der Australier nickte zustimmend. „Bei uns sind Prügelstrafen in der Schule im ganzen Land verboten.“ fuhr er dann fort. „Aber es gibt Eltern, die ihre Kinder zu Hause schlagen. Gott sei Dank habe ich selbst so etwas nie erleben müssen“ schloss er
 „So ist es bei uns auch“ ergänzte Anna. „In der Schule ist das Prügeln landesweit verboten, aber zu Hause schlagen viele Eltern ihre Kinder nach wie vor.“
„Auch bei uns ist die Prügelstrafe in der Schule offiziell verboten, aber sie wird häufig eingesetzt, und das ist auch richtig so!“ meldete sich unvermittelt die japanische Studentin zu Wort, um dann mit Nachdruck zu ergänzen: „Das härtet die Schüler ab und hilft ihnen, Selbstdisziplin zu entwickeln. Ohne Schläge werden sie weich und lernen schlecht.“
Überrascht wanderten die Blicke der anderen zu ihr hinüber. Weder japanische noch koreanische Studenten pflegten in der Klasse aus eigenem Antrieb das Wort zu ergreifen. Sie beantwor­teten die an sie gestellten Fragen, wenn die Lehrer sie dazu aufforderten, um dann für den Rest der Unterrichtszeit wieder zu verstummen.
Diese Japanerin war erkennbar älter als die meisten Studenten der Klasse und dafür bekannt, dass sie sich mit nichts anderem als dem Lernen beschäftige. Immer erschien sie bestens vorbereitet zum Unterricht, aber auch in den Pausen sah man ihre zierliche Gestalt mit dem zum Dutt hochgesteckten Haar und der dick verglasten Hornbrille in ihre Bücher versunken im Unterrichtsraum sitzen. In der Regel ignorierte sie ihre Umwelt völlig und wurde nur nach Unterrichtsende aktiv, wenn sie mit unterwürfigen Trippelschritten zu den Lehrern eilte, um diese mit speziellen Fragen zum Unterrichtsstoff zu bestürmen. Davon abgesehen schien sie keinerlei Kontakte zu pflegen, auch nicht zu dem anderen japanischen Studenten in der Klasse.
Es war nicht zu übersehen, dass die „japanische Jungfer“, wie Anna sie im Stillen getauft hatte, von allen in der Klasse am schnellsten dazu lernte. Davon abgesehen war sie für Anna jedoch ein Rätsel. „Wie eine alte Frau beim Rosenkranz beten… Wenn ich so lernen würde, würde ich binnen einer Woche durchdrehen… “ dachte sie manchmal, wenn sie aus der Pause in den Unterrichtsraum zurück kam und die einsame Gestalt dort vor sich hin murmelnd Vokabeln rezitieren sah.
„Bist Du selbst von Deinen Lehrern geschlagen worden?“ wollte der Forschungsdozent nun von der Japanerin wissen. „Natürlich!“ antwortete diese mit unverhohlenem Stolz im Unterton, um dann nachzusetzen: „Mir hat es geholfen hart zu werden und deshalb bin ich meinen Lehrern dankbar dafür dass sie mich geschlagen haben.“
„Wie kann man stolz darauf sein, dass man geschlagen wurde?“ Anna konnte sich gerade noch beherrschen, mit dieser Frage nicht laut heraus zu platzen. Prügel als fragwürdige Disziplinar­maßnahme zu diskutieren, das war eine Sache. Aber Prügel als heilsame Kneippkur für Kinderseelen hin zu stellen, war da die Grenze zur Perversion nicht schon längst überschritten? Auch den anderen Westlern schien die unerwartete Kompromisslosigkeit, mit der die Japanerin sich geäußert hatte, vorübergehend die Sprache verschlagen zu haben und so herrschte einige Sekunden lang Schweigen im Raum.
„Und wie ist es an Deiner Schule?“ wandte sich die Lehrerin nun an einen der Koreaner. „Bei uns ist es ähnlich wie in Japan.“ kam die einsilbige Antwort.
„Da ich selbst Lehrerin bin, würde ich gerne wissen, welche Haltung Sie beide zur Prügelstrafe haben.“ Wieder war es die Amerikanerin, die als erste Worte fand. Der Forschungs­dozent schaute verdutzt zur Lehrerin hinüber, als hätte er nicht erwartet, dass Studenten die Lehrer nach ihrer Meinung fragen könnten. Die schien mit einer solchen Situation aber gerechnet zu haben. „In China wird die Prügelstrafe in der Schule ebenfalls eingesetzt, an Universitäten ist sie jedoch nicht üblich. Unsere Kultur ist in diesem Punkt der Kultur der Japaner und Koreaner ähnlich. Aber mittlerweile gibt es bei uns einige Leute, die Zweifel an dieser Methode haben und auch in der Öffentlichkeit wird das Thema zur Zeit diskutiert.“ wich sie eloquent aus.
„Ist der Unterricht hier sehr verschieden vom Unterricht an typischen chinesischen Universitäten?“ wollte Anna nun von ihr wissen. Die Lehrerin überlegte einen Moment. „Wir müssen versuchen, allen Studenten gerecht zu werden und gehen Kompromisse ein. Die Unterrichts­methoden hängen bei uns aber auch sehr vom einzelnen Lehrer ab, insbesondere davon, ob er schon Auslandserfahrungen sammeln konnte oder nicht.“ meinte sie dann. „Haben Sie selbst denn im Ausland studiert?“ fragte der Australier. „Ja, ich habe drei Jahre an einer amerikanischen Universität studiert.“ Anna wunderte es nun nicht mehr, dass diese Lehrerin sehr gut mit den westlichen Studenten zurecht kam. Davon abgesehen war Anna jedoch schon bei ihrem ersten Sprachkurs hier aufgefallen, dass chinesische Universitäten Schulen waren und keine Universitäten im klassischen Sinn. Diese Universität hier schien aber so etwas wie ein pädagogisches Versuchslabor zu sein, experimentelle Unterrichtseinheiten für Forschungsdozenten eingeschlossen.
Ab Mitte Januar kam langsam das chinesische Neujahrsfest in Sicht. Der chinesische Neujahrstag würde auf den 1. Februar fallen und das mehrere Tage dauernde chinesische Frühlingsfest einläuten.
Was Anna mittlerweile jedoch viel mehr herbeisehnte als das Fest, das waren die drei Wochen Ferien, die ihm folgten. Denn seit einiger Zeit machten ihr Ermüdungs­erschei­nungen beim Lernen zu schaffen. Nachmittags fiel es ihr zunehmend schwer, sich für das tägliche Hausaufgabenpensum zu motivieren. Morgens wachte sie wie gerädert auf und brauchte bis nach der ersten Pause, um ganz wach zu werden.
Es war jedoch nicht nur der Umfang des Lernpensums, der seinen Tribut einzufordern begann. Die Ausländerklassen waren neu zusammengesetzt worden, außerdem hatten zwei der drei Lehrer gewechselt. Aus der vorigen Klasse waren lediglich die Amerikanerin, der Australier und die „japanische Jungfer“ übrig geblieben, was Anna sehr schade fand. Ohnehin war es ihr ein Rätsel, warum diese Umorganisation so kurz vor dem Semesterende vorgenommen worden war. Mit Hinweis auf die zum Semesterende anstehenden Abschlussprüfungen wurde nun auch noch das Tempo, mit dem der Stoff durchgenommen wurde, spürbar erhöht. Anna konnte nur noch mithalten, indem sei fast ganz auf Freizeit verzichtete. Diese Strategie hatte jedoch ihren Preis, wie sich bald herausstellte.
Eines Morgens bemerkte sie zu Unterrichtsbeginn, dass sie am Vortag versehentlich ganz andere Texte vorbereitet hatte, als die, die heute durchgenommen werden sollten. Bald konnte sie dem Unterricht nur noch mit Mühe folgen und nach einer halben Stunde gab sie es ganz auf. Sie lehnte sich zurück und begann, das Geschehen um sie herum von der Zuschauerbank aus zu betrachten.
Sie schien nicht die einzige zu sein, die sich heute schwer tat, im Gegenteil. Eine dumpfe Müdigkeit herrschte im Raum, an der eine der beiden neu in die Klasse gekommenen Lehrerinnen sich mit zunehmender Ungeduld abarbeitete. Einzig der Australier hing gelassen auf seinem Stuhl und machte den Eindruck als hätte er sich schon länger aufs Zuschauen verlegt. Er lächelte Anna freundlich zu, als ihr umher schweifender Blick den seinen traf. Die Amerikanerin war gar nicht erst zum Unterricht erschienen. Nur die „japanische Jungfer“ war wie immer bestens vorbereitet und nutzte die Gunst der Stunde, um die Situation in einen Einzelunterricht umzuwandeln.
Zu Beginn der zweiten Stunde besserte die Stimmung sich nicht, im Gegenteil. Unruhe begann sich in die anfängliche Lethargie einzuschleichen und als die Lehrerin mit dem Versuch scheiterte, zur Abwechslung einmal von einer Koreanerin eine Antwort zu erhalten, kippte ihre Ungeduld plötzlich in etwas um, das Anna an dieser „Universität“ bisher noch nicht erlebt hatte.
Mit schriller Stimme begann die Lehrerin, die auf ihrem Sitz erstarrte Koreanerin vor der gesamten Klasse abzukanzeln. Sie warf ihr vor, sich nicht anzustrengen und verwies wiederholt auf die „japanische Jungfer“, die Dank ihres vorbildlichen Einsatzes die größten Fortschritte von allen erziele. Damit begann sie, ihre Kritik auf den Rest der Klasse auszudehnen, warf den Studenten Faulheit vor und drohte damit, dass die Abschlussprüfungen am Semesterende schlecht ausfallen würden und alle blamiert seien, wenn es so weiter ginge.
An dieser Stelle stand der Australier mit freundlichem Lächeln auf. Während aller Augen auf ihn gerichtet waren, packte er in Seelenruhe seine Sachen in den Rucksack, ging zur Tür, grüßte in die Runde und ließ die Tür hinter sich zufallen. Die Lehrerin verstummte mitten im Satz, während die übrig gebliebenen Studenten perplex hinter ihren Tischen saßen.
Anna schien es, als sei der Teint der Lehrerin um ein paar Nuancen blasser geworden. Nach einigen quälend langen Augenblicken räusperte sie sich, gab der Klasse ein paar Übungsaufgaben zur Beschäftigung auf und verließ eilig den Raum. Es dauerte über eine Viertelstunde, ehe sie wieder erschien, um sich dann mit dem Abarbeiten der Aufgaben bis zur Mittagspause durch zu hangeln. Zu dem, was vorgefallen war, verlor sie kein einziges Wort.
Anna nahm diese Erfahrung zum Anlass, ihr eigenes Verhältnis zum Lernen, zu dieser Art des Unterrichts und zu dem Prüfungsstress zu überdenken, der hier offensichtlich zielgerichtet aufgebaut wurde. War es das, wofür sie zwei Jahre lang gespart, ihren Job gekündigt und hierher gekommen war? Sicher nicht. Hatte sie nicht schon viel zu lange versucht, sich an etwas anzupassen, das ihr mehr schadete als nutzte? Und war der Versuch, sich als gestandene Frau nach einigen Jahren Berufserfahrung an den Unterrichtsstil einer asiatischen Paukschule anzupassen nicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt?
Wenn es ihr nicht bald gelang, die ganze Sache lockerer anzugehen und weniger wichtig zu nehmen, so würde ihre Motivation zum Weitermachen wohl ganz erlahmen, das spürte sie deutlich.
An diesem Nachmittag rührte Anna kein Buch mehr an. Statt dessen machte sie sich auf den Weg in das kleine Café, das es auf dem Campus gab. Sie war schon lange nicht mehr hier gewesen und als sie sich mit dem Becher in der Hand in dem gut gefüllten Raum nach einem Platz umsah, entdeckte sie, dass auch die Amerikanerin und der Australier schon her gefunden hatten.
Die beiden winkten ihr zu und als sie sich zu ihnen setzte, war der Vorfall vom heutigen Vormittag sofort Gesprächsthema. „Hat die Lehrerin nachträglich zu Dir noch etwas gesagt, als ihr draußen wart?“ wollte Anna vom Australier wissen. „Nein, sie ist ohne mich eines Blickes zu würdigen an mir vorbei gelaufen, fast schon gerannt ist sie…“ meinte er nachdenklich. „Hm, als sie dann wieder in die Klasse zurück kam sagte sie auch zu uns kein Sterbenswort.“ ergänzte Anna.
„Wisst ihr, mir war schon nach der ersten Stunde, die diese Lehrerin bei uns gegeben hat, klar, dass sie keine gute Lehrerin ist.“ sagte die Amerikanerin. „Sie hatte von Anfang an die Neigung, die Studenten bei jedem Anlass zu kritisieren und ich hatte den Eindruck, dass sie sich ständig beherrschen muss, damit die Kritiksucht nicht noch mehr mit ihr durchgeht. Ich bin ihrem Unterricht seither fern geblieben.“ – „Ich glaube, das werde ich ab heute auch tun.“ nickte der Australier zustimmend. „Meinst Du ihr Unterrichtsstil ist für chinesische Verhältnisse normal?“ wollte Anna von der Amerikanerin wissen. „Da kann ich nur mutmaßen… Vielleicht käme sie an einer durchschnittlichen chinesischen Schule sogar zurecht damit. Chinesische Schüler lassen sich ja sehr viel gefallen, wie ich gehört habe. Aber in einem Punkt bin ich mir sicher: eine gute Lehrerin ist sie nicht. Ich glaube sie hat einfach den falschen Beruf gewählt.“ – „Nun, solche Lehrer gibt es wohl in allen Ländern der Welt…“ Anna war nachdenklich geworden. „…Und in gewisser Hinsicht lernt man von diesen manchmal mehr als von den anderen.“ – „Wie meinst Du das denn?“ fragte die Amerikanerin. „Ich glaube ich werde mich in den kommenden Tagen mal drum kümmern, wo ich in den Semesterferien hinreisen will. Es sind ja nur noch zwei Wochen bis dahin, Zeit, ein paar Vorbereitungen zu treffen, Lehrer hin, Prüfungen her.“ – „Hast Du schon eine Idee wo es hingehen soll?“ – „Mich zieht es ans Meer, Qingdao, vielleicht von da aus dann noch weiter nach Süden…“ – „Ja, es wird höchste Zeit, dass wir wieder auf andere Gedanken kommen!“ stimmten die andern beiden ihr lachend zu.

Taumel in den Mai

Der Aufenthalt in Qingdao brachte Anna auf andere Gedanken. Sie wohnte in einem kleinen Hotel in der Nähe einer Villengegend aus der deutschen Kolonialzeit und verbrachte die ersten Tage damit, das Viertel zu erkunden. Die alten Villen, Kirchen und Wohnhäuser waren in ihrer ursprünglichen Gestalt und Anordnung erhalten, einige waren gut in Schuss, die meisten hatten aber eine Sanierung nötig. Kurz nach der Wende war Anna einmal durch das berühmte Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ gewandert und während sie über das Qing­daoer Kopf­stein­pflaster ging, das auch hier viele Straßen bedeckte, wurde der Eindruck eines Déja-vu mit jedem Schritt mächtiger.
War damals im „Weißen Hirsch“ nicht auch gerade Vorfrühling gewesen? Die Erinnerung daran vermischte sich mit den Eindrücken des Augenblicks und verwirrten Annas Gefühl für den Ort, an dem sie sich befand. Manchmal sah sie eine chinesische Familie aus einem der Häuser kommen oder chinesische Rentner, die in einer kleinen Grünanlage die ersten Sonnenstrahlen genossen und war dankbar für diese Orientierungshilfe. Und manchmal musste sie den Blick bewusst auf die chinesischen Straßenschilder oder eines der hin und wieder an den Mauern angebrachten Plakate heften, um nicht ins Trudeln zu geraten.
Bis dahin war Anna noch nie aufgefallen, welch tiefen Eindruck Gebäudearchitektur und Gestaltung von Straßen und Plätzen auf die Menschen macht, die sich darin aufhalten. Je mehr sie jetzt ihre eigene Empfänglichkeit dafür wahr zu nehmen begann, desto mehr kam sie ins Grübeln darüber, welchen Einfluss so genannte moderne Architektur wohl auf die Menschen ausüben mochte. „Wie verändert es uns, wenn wir uns in zigstöckigen Hoch­häusern in Wohnungen zusammen pferchen, die wie Karnickelställe übereinander gestapelt sind, oder wenn wir tagtäglich in Großraumbüros arbeiten gehen, deren Bauweise ausschließlich darauf abzielt, Menschen­massen kostengünstig als Arbeitstiere zu nutzen? Gehen wir mit uns selbst in Sachen Architektur so viel anders um als mit unseren Nutztieren?“
Das Hupen eines Autos fuhr ihr in die Glieder und verscheuchte ihre Gedanken. Geistes­ab­wesend hatte sie begonnen, die Straße zu überqueren und wäre beinahe von einem heran nahenden Santana-Taxi angefahren worden. „Und hier jetzt ausgerechnet von einem VW überfahren werden, das wäre doch passend, oder?!“ schimpfte sie sich selbst aus, nachdem der erste Schreck vorüber war.
Der alte Hafen war ein weiterer Ort, an dem Anna sich gerne aufhielt. Sie schlenderte am Kai entlang, schaute den Leuten beim Angeln oder beim Muscheln sammeln zu und genoss den frischen Wind und die Sonne. Eine angenehme Überraschung waren die sich an das Hafenviertel anschließenden langen Strände mit dem feinen weißen Sand. So etwas hatte sie in einer chinesischen Millionenmetropole nicht erwartet, auch wenn diese eine Küstenstadt war. Stundenlang ging sie an den fast menschenleeren Stränden spazieren, sah den Möwen zu und ließ die Seele baumeln. Es war jammerschade dass es noch viel zu kalt war um Schwimmen zu gehen. Andererseits hatte sie die Strände so fast für sich allein und blendete die Vorstellung, wie es hier im Sommer wohl wimmeln mochte, konsequent aus.
Hielt man sich nur in den Altstadtvierteln, dem alten Hafen oder an den Stränden auf, konnte man den Eindruck gewinnen, Qingdao sei eine verschlafene Provinzstadt am Meer mit viel Altbausubstanz und touristischem Potential. Umso deutlicher sprang Anna jedoch die Wirklichkeit an, als sie einmal den Aussichtspunkt auf dem Hügel erstieg, der sich über den Altstadt­vierteln erhebt. Da war es wieder, das bis an den Horizont reichende Beton­meer chinesischer Riesenstädte, das die städtebaulichen Überbleibsel einer längst vergangenen Epoche mit seinen Wohntürmen und Wolkenkratzern umzingelte wie der Pazifik ein Südsee­atoll. Auch die Gebäude der Bierbrauerei, die sich nicht weit vom Hügel entfernt aus dem Häusermeer erhoben, konnten an diesem Eindruck nicht viel ändern.
Anna nahm eine entspannte Gelassenheit aus Qingdao mit zurück nach Peking, die sie durch die ersten Wochen an der Uni hindurch trug. Wieder gab es neue Gesichter in der Klasse, aber die Anzahl der Westler war auf zwei geschrumpft. Außer Anna war da nur noch Abe, ein Ameri­kaner aus New York, der sich schon seit über einem Jahr in China aufhielt und mittlerweile mit einer Chinesin liiert war. Der Uni-Alltag aus Unterricht und Lernen hatte Anna wieder, aber nun sorgte sie bewusst dafür, dass ihre Freizeit nicht zu kurz kam. Der Einzug haltende Frühling verlockte zu Spritztouren, so dass Anna hin und wieder den Unterricht sausen ließ um den Tag statt dessen in den weitläufigen Anlagen des Sommerpalasts zu verbringen oder um in die Innenstadt zu fahren. Gelegentlich unternahm sie auch gemeinsam mit Abe und seiner Freundin Lin einen Ausflug oder man ging zusammen essen. Es hatte sich heraus­gestellt, dass Abe beruflich in der gleichen Branche tätig gewesen war wie Anna und sich nun ebenfalls ein Sabbatical gönnte. Er stockte seine Finanzen auf, indem er sich an der Uni als Hilfsdozent verdingte und Lin arbeitete als Lektorin des universitäts­eigenen Verlags ebenfalls auf dem Campus.
Annas Zimmer­genossin Gong entwickelte sich zur gleichen Zeit erstaunlicher Weise in die entgegen gesetzte Richtung. „Seltsam, während ich dem Lernen immer entspannter gegenüber stehe, gibt sie immer mehr Gas…“ dachte Anna, als sie Gong bei der Rückkehr von einem ihrer Ausflüge wieder einmal über Büchern sitzend im Zimmer antraf. Gong schien ähnliche Gedanken zu hegen. Kurz darauf begrüßte sie Anna in einer ähnlichen Situation nämlich mit den Worten: „Anna, Du könntest ruhig noch öfter faul sein. Ich kann viel besser lernen, wenn Du nicht so fleißig bist!“ – „Aber gerne doch!“ lachte Anna. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte das Jahr auf diese Weise weiter laufen können denn sie fühlte sich pudelwohl.
Seit ihrer Rückkehr aus Qingdao hatte Anna hin und wieder Berichte über eine Lungen­krank­heit aufgeschnappt, die inzwischen von Hongkong nach Guangdong übergesprungen sein sollte. Anfangs interessierte Anna sich nicht allzu sehr dafür, sowohl Hongkong als auch Guangdong waren weit weg und sie vergaß das Gehörte meist schnell wieder. Chinesische Medien behandelten das Thema gar nicht und obwohl Anna davon ausging dass die chinesische Berichterstattung von der Regierung gesteuert wurde, ließ sie sich davon nicht weiter beunruhigen.
Dann jedoch bekam sie durch E-Mails und Telefonate mit Verwandten und Freunden in Deutschland mit, wie sich ganz langsam ein immer größerer Unterschied zwischen der westlichen und der chinesischen Berichterstattung über SARS, wie die Krankheit von der WHO inzwischen genannt wurde, aufbaute. Innerhalb von drei Wochen schaukelte die westliche Bericht­erstattung sich hoch, bis SARS dort schließlich zu einem der wichtigsten Themen avancierte. „Da, wo es kein SARS gibt, machen sich die Leute verrückt, während wir hier weitermachen als wäre nichts.“ witzelte Abe, als sie ihn in einer Unterrichtspause einmal darauf ansprach. In Bezug auf seine amerikanische Heimat schien er ähnliche Erfahrungen zu machen wie Anna in Bezug auf ihre deutsche. Die Kluft zwischen der sensationslüsternen westlichen Berichterstattung und der alles unter den Teppich kehrenden chinesischen hatte bald bizarre Ausmaße angenommen. Aber auch Abe und Lin schienen die Sache nach wie vor gelassen zu nehmen.
Die Erste, die unruhig wurde, war Annas Zimmergenossin Gong. Eines Abends erzählte sie Anna, ihre Eltern verlangten von ihr, dass sie nach Thailand zurück flöge. Ihre Familie hätte Verwandte in Guangdong und von diesen hätten die Eltern erfahren, dass es dort schon vor mehr als sechs Wochen den Ausbruch einer schweren Lungeninfektion mit über dreihundert Fällen und einigen Toten gegeben habe. Allerdings sei in den dortigen Medien nicht darüber berichtet worden. Außerdem gäbe es jetzt auch in anderen südchinesischen Provinzen Fälle, über die ebenfalls nicht berichtet werde. Ihre Familie fürchte, dass die Krankheit sich als Spätfolge der milliarden­fachen Reisen heim zur Familie, die die Chinesen zum chinesischen Neujahrsfest unternommen hatten, in ganz China ausbreiten werde.
Anna sah auf einmal sich selbst, wie sie sich auf der Rückfahrt von Qingdao im übervollen Holzklasse-Abteil des Zuges zwischen den Wanderarbeitern hindurch gequetscht hatte, die mit Sack und Pack zurück zu ihrer Arbeitsstelle fuhren. Einige waren erkältet gewesen und hatten gehustet, vereinzelt wurde auch auf den Boden gespuckt, obwohl das strikt verboten war. Trotzdem hatte sie die Fahrt genossen ohne sich Gedanken über ansteckende Krankheiten zu machen. Aber jetzt ertappte sie sich doch dabei wie sie nachrechnete, ob die seither verstrichene Zeit die für SARS vermutete Inkubations­zeit schon abgedeckt hatte.
„Und wann willst Du fliegen?“ fragte sie Gong. „Weißt Du, mir geht es gut hier, ich will gar nicht weg. Ich werde es hinauszögern so lange ich kann. Aber wenn meine Familie hart­näckig bleibt, werde ich irgendwann nachgeben müssen.“ kam es nachdenklich zurück.
Annas Gelassenheit bekam erste Risse. In den folgenden Tagen merkte sie es daran, dass sie unvermittelt an SARS denken musste, wenn sie sich in Pekinger Busse oder U-Bahn­abteile hinein zwängte. Und daran, dass gelegentliches Husten anderer Menschen sie plötzlich alarmierte als wäre es das Angriffsgebell eines tollwütigen Hundes. „Wenn der, der da hinten gerade vor sich hin hustet, nun doch keine normale Erkältung hat… weder er noch seine Familie noch die Leute, die jetzt hier im Abteil um ihn herumstehen wüssten Bescheid…“ beschlich es sie in solchen Momenten. Und sie begann auf ganz konkrete Weise zu lernen was es heißt, in einem Land zu leben im dem es keine Pressefreiheit gibt.
Einige Tage später erhielt Anna den Anruf einer chinesischen Freundin. Die Mutter der Freundin war Ärztin in einem chinesischen Militärkrankenhaus und hatte berichtet, dass es mittlerweile auch in Peking einzelne Fälle gäbe. Die Rede war von einer Handvoll. Einige Krankenhäuser waren ange­wiesen worden, besondere Hygienemaßnahmen zu ergreifen, was hieß, dass das Personal jetzt Mundschutz und Hygienehandschuhe tragen sollte. So sehr dieses Telefonat Anna auch beunruhigt hatte, sie war ihrer chinesischen Freundin unendlich dankbar für den Anruf. Und sie erfuhr plötzlich am eigenen Leib, warum Beziehungen in China überlebens­wichtig sind.
Schon am nächsten Tag wurde in westlichen Medien berichtet, in den USA und in Europa seien erste SARS-Verdachtsfälle in Spezialkliniken eingeliefert worden. Die WHO gehe für China inzwischen von hunderten Fällen aus. Außerdem habe es schon im November des Vorjahres Fälle einer neuartigen schweren Lungen­infektion in Guangdong gegeben, weswegen man nun annehme, dass SARS sich von Guangdong aus über Hongkong in den Rest der Welt ausge­breitet hatte. Es war genau diese Aussage, die die chinesische Presse nun endlich hinter dem Ofen hervor lockte.
Am Tag darauf bezog sie zum ersten mal auf Seite Eins Stellung zu SARS, aber auf eine für Anna überraschende Weise. In der englischsprachigen China Daily war zu lesen, es sei medi­zinisch unbewiesen, dass die in Guangdong aufgetretene Lungen­erkrankung die gleiche Krankheit sei, die die WHO SARS nannte. Daher sei die Be­hauptung der WHO, dass SARS sich von China aus in den Rest der Welt ausgebreitet habe, schlichtweg falsch. Insbesondere seien auch die SARS-Fallzahlen falsch, die von der WHO für China genannt wurden, da auch diese Zahlen auf derselben unbewiesenen Annahme basierten.
„Wie bitte?“ fragte sich Anna, als sie das las. „Ist es im Moment nicht völlig zweitrangig, von wo nach wo diese Seuche sich ausgebreitet hat und wie sie heißt?“ Kein Wort zur Ausbreitung der Krankheit in der Bevölkerung, keine Information über Fälle außerhalb Guang­dongs, kein Hinweis, wie man sich vor Ansteckung schützte oder welche Maßnahmen zur Seuchen­bekämpfung die chinesische Regierung plante war dem Artikel zu entnehmen. Selbst wenn die Guangdonger Lungenkrankheit sich wirklich als etwas anderes als SARS entpuppen sollte, wären solche Infor­mationen für die Bevölkerung wichtig gewesen, fand Anna. Aber lang und breit ging es in dem Artikel ausschließlich darum zu beweisen, dass SARS nicht in China seinen Anfang genommen haben konnte. Auch in der chinesisch­sprachigen Presse ging es um nichts anderes, wie Anna kurz darauf erfahren sollte. Der Gesichts­verlust, den eine sich von China aus in die Welt ausbreitende Suche bedeutete, blockierte auf chinesischer Seite offensichtlich jegliche Vernunft. Noch ahnte Anna nicht, wie lang die chinesische Presse diese Art der Berichterstattung aufrecht erhalten sollte.
Mit zunehmender Fassungslosigkeit musste sie zuschauen, wie die WHO China wochenlang mit ihren Berichten vor sich her trieb, ohne dass dies an Chinas Blockadehaltung auch nur das Geringste geändert hätte. Während immer deutlicher wurde, dass eine globale SARS-Epidemie ohne eine Kooperation Chinas nicht in den Griff zu bekommen wäre, vergrub sich die chinesische Presse täglich tiefer in der Erörterung der aus Annas Sicht belanglosen Frage, ob SARS nun in Hongkong oder Singapur zuerst ausgebrochen war. Und für den Aufbau der für die globale SARS-Bekämpfung so wichtigen Kooperation zwischen China und dem Rest der Welt gingen wertvolle Wochen verloren.
Die in allen China-Reiseführen gebetsmühlenartig wiederholte Aussage, dass Gesichtswahrung den Chinesen um viele Dimensionen wichtiger sei als Leuten aus westlichen Kulturen, bekam in dieser Zeit eine handfeste Bedeutung für Anna. „Hätte man von Leuten, die als offizielle Vertreter einer internationalen Organisation wie der WHO auftraten, in diesem wohl bekannten Punkt nicht ein etwas sensibleres Verhalten erwarten können?“ fragte sie sich, wenn sie wieder einmal vergeblich in der chinesischen Presse nach einer Wende Ausschau gehalten hatte. So wenig sie das Verhalten der chinesischen Seite gut heißen konnte, sie ärgerte sich auch über die diplomatische Unprofessionalität der WHO-Leute.
Auf Pekings Straßen tauchten allmählich immer mehr Gesichter mit Atemschutzmasken auf. Informationen über SARS machten also auch in der chinesischen Bevölkerung die Runde, obwohl die Presse sich weiterhin ausschwieg. Auch Anna versuchte, in der nahe gelegenen Apotheke einen Packen solcher Masken zu erstehen. Aber mehr als 10 Stück war man nicht bereit an sie zu verkaufen, das sei eine offizielle Anweisung, wurde ihr erklärt. Verwandte aus Deutschland schickten ihr schließlich ein Care-Paket voller Atemschutz­masken, was Anna sehr zu schätzen wusste.
Bald darauf traten die ersten Ausländer den Rückflug in ihre Herkunftsländer an. Lange bevor die ersten westlichen Regierungen Reisewarnungen für China heraus gegeben hatten, waren es amerikanische Manager und ihre Familien, die als erste die Koffer packten. Die europäischen Manager hielt es nun auch nicht länger und sie folgten ihren amerikanischen Kollegen wie die Lemminge ihren Leittieren.
Auf Anna und ihre Mitstudenten wirkte das befremdlich. Aber auf die chinesische Regierung schien es überraschender Weise Eindruck zu machen. Offensichtlich waren die sich dahinter abzeichnenden wirtschaftlichen Einbußen etwas, das noch schwerer wog als der Gesichts­verlust, den man ohnehin schon erlitten hatte. Endlich stimmte China zu, WHO-Experten zur Erforschung der Guangdonger Lungeninfektion ins Land zu lassen. Als ein Forscherteam des Hamburger Tropeninstituts schon wenig später über erste Beweise berichten konnte, zeigten sich endlich erste Risse in der der chinesischen Mauer des Schweigens und China begann, mit der WHO zu kooperieren.
Äußerlich betrachtet hatte sich im Leben auf dem Campus bis zu diesem Zeitpunkt nicht viel verändert. Der Unterricht wurde nach Plan durch gezogen, sogar Klassenfahrten zur chine­sischen Mauer wurden unternommen. Von der Universität gab es keinerlei Informationen, die über das hinaus gingen, was ohnehin in den Medien verbreitet wurde und wer bei den Lehrern nach bohrte wurde mit dem Hinweis abgespeist, dass das Verbreiten von Gerüchten uner­wünscht sei. Die Studenten mussten zusehen, wie sie mit dieser Situation zurecht kamen.
Erst als auch in der chinesischen Presse die Hinweise auf die Ausbreitung von SARS in China veröffentlicht wurden, zeigte die Universität ebenfalls eine Reaktion. Die Maßnahmen, die Anna in den folgenden Tagen beobachten konnte, bezeugten jedoch mehr die Naivität chinesischer Stellen dieser Seuche gegenüber, als dass sie wirklich etwas brachten, außer vielleicht einen Placeboeffekt.
Die Reinigungskräfte begannen, die Flure der Universitätsgebäude mehrmals am Tag mit Essigwasser feucht aufzuwischen. Der Essiggeruch hatte den ganzen Campus bald fest im Griff. Eine weitere Maßnahme war das Abbrennen von Räucherstäbchen zur Luftverbesserung in den Foyers der Gebäude und in den Büros. Und in einem Gebäude des Campus, in dem hauptsächlich chinesische Studenten unterrichtet wurden, baute man einen Ausschank für chinesische Medizin auf. Neugierig geworden fand auch Anna sich dort ein. Auf einem provisorischen Tresen standen zwei große Elektroplatten mit riesigen Aluminiumbottichen darauf, in denen eine dunkle Flüssigkeit vor sich hin blubberte. Die Schlange vor dem Tresen war nicht lang, offensichtlich schienen sich auch die chinesischen Studenten nicht allzu viel von dieser Medizin zu versprechen. Belustigt stellte Anna sich an. Das Gebräu schmeckte nicht annähernd so fürchterlich wie es aussah und so trank Anna den halben Becher aus, den man ihr eingeschenkt hatte. Einige Zeit später bemerkte sie, dass es in ihrem Bauch vor sich hin zu gluckern begann. Das war jedoch die einzige Wirkung, die sie feststellen konnte.
Mitte April begannen die Ereignisse an der Universität unvermittelt Fahrt aufzunehmen. Die Maifeiertage und die Frühlingsferien standen vor der Tür. Am Freitagvormittag, dem letzten Unterrichtstag vor den Ferien, wurde den Studenten im Unterricht mitgeteilt, dass die ab kommender Woche anstehenden Maifeiertage von der Regierung auf einen einzigen Tag zusammen­gestrichen worden seien. Dies solle verhindern, dass SARS sich durch Reise­aktivitäten weiter im Land ausbreitete. Auch die Universität kürzte die normalerweise zweiwöchigen Maiferien um eine Woche. Man erwarte die Studenten daher schon am übernächsten Montag wieder zurück im Unterricht. Außerdem verlange man von ihnen, sich in der Zwischenzeit in Peking aufzuhalten und jegliche Reisen innerhalb Chinas zu unterlassen. Nur Reisen in ihre Heimatländer seien von dem Reiseverbot ausgenommen.
Noch am Nachmittag des gleichen Tages erhielt Anna einen Anruf von Abe. Er hatte von Lin erfahren, dass es einen ersten SARS-Verdachtsfall an der Uni gegeben hatte. Ein Wachmann der auf dem Campus ansässigen Filiale der Bank of China war trotz hohen Fiebers zur Arbeit erschienen. Es hatte mehrere Tage gedauert, bis Vorgesetzte endlich auf seinen Zustand aufmerksam wurden und dafür sorgten, dass er ins Krankenhaus kam. Die Bankfiliale sei mittler­weile geschlossen. Wieder einmal war Anna um die paar Beziehungen froh, die sie in diesem Land hatte knüpfen können.
Am nächsten Morgen wurden die Studenten beim Verlassen der Wohnheime von den Wohn­heimmanagern abgefangen und darauf aufmerksam gemacht, dass sich alle vor dem Verwaltungs­zentrum auf dem Campus sammeln sollten. Es gäbe neue Anweisungen der Universitätsleitung. Für Langschläfer wie Anna machte man sogar Rundgänge durch die Etagen und trommelte sie durch Rufen und lautes Klopfen an die Zimmertüren aus den Betten. Niemand sollte die Ver­samm­lung verpassen.
Vor dem Verwaltungsgebäude wurden die 4500 ausländischen Studenten von einer Fünfer­gruppe aus Dozenten und anderen Universitätsmitarbeitern erwartet. Eine Dozentin griff zum Megaphon und begann, auf Chinesisch vom Blatt abzulesen. „Die Universität stellt den Lehr­betrieb ab sofort bis Ende Juni ein. Wir fordern alle ausländischen Studenten auf, innerhalb der nächsten fünf Tage Flugtickets zu kaufen, zu packen und in ihre Heimatländer zurück zu kehren. Morgen wird die Universität den Studenten Zertifikate über den Besuch der Vorlesungen des angebrochenen Semesters aushändigen und ihnen die Studiengebühren für das ganze Semester zurück erstatten. Wir haben die Studenten in Gruppen eingeteilt, um alle Formalitäten morgen zügig durchführen zu können. Wir fordern die Studenten auf, sich im Anschluss an diese Versammlung auf den Aushängen in den Fluren des Verwaltungsgebäudes darüber zu informieren, zu welcher Zeit sie sich morgen in welchem Büro einfinden müssen, um ihr Zertifikat und die Exmatrikulationsbescheinigung abzuholen.“ Die Dozentin machte eine kurze Pause und holte tief Luft, um noch eine weitere Anweisung nachzuschieben.
„Wer diesen Empfehlungen nicht folgt, muss statt dessen unterzeichnen, dass er allen noch kommenden Anordnungen chinesischer Behörden zur Seuchenbekämpfung Folge leisten wird. Dies schließt auch die Einwilligung ein, sich in chinesischen Krankenhäusern in Quarantäne zu begeben, wenn das notwendig wird. Im Namen der Universität entschuldige ich mich bei allen ausländischen Studenten für die Unannehmlichkeiten und hoffe, sie im nächsten Semester wieder hier begrüßen zu können“. Die Dozentin trat zurück, ein anderer der fünf Offiziellen ergriff nun auf Englisch das Wort und verlas die Anordnungen erneut. Auf eine koreanische oder eine japanische Version wurde jedoch verzichtet.
Nachdem die Ansage beendet war, machte sich aufgeregtes Gemurmel unter den Studenten breit. Ringsum sah man in verdatterte und ratlose Gesichter, im ersten Augenblick wusste keiner, wie er reagieren sollte. Dann machten sich die Ersten auf in die Flure des Verwaltungs­gebäudes und die Versammlung zerstreute sich.
Während Anna sich auf der Suche nach der richtigen Namensliste durch die Flure schob, drangen hin und wieder Gesprächsfetzen aus den in Grüppchen beisammen stehenden Studenten an ihr Ohr. Überall ging es darum, wie man die Abreise am schnellsten bewerkstelligen konnte. Die Option, unter chinesischer Fuchtel hier zu bleiben, schien niemand ernsthaft zu erwägen, auch Anna nicht. Sie fand das Angebot der Universität fair genug um es annehmen zu können. Außerdem war ihr Bedarf an Nervenkitzel in den letzten Wochen zur Genüge bedient worden.
Als sie schon wieder auf dem Weg nach draußen war, sah sie Abe auf eine der Listen an der Wand schauen. „Hast Du schon eine Entscheidung gefällt?“ fragte sie ihn neugierig. Er war sichtlich unschlüssig. „Wenn es nur um mich ginge, würde ich natürlich abreisen… Aber ich möchte Lin hier nicht alleine lassen. Ihre Familie wohnt in Südchina und Lin kann nicht zu ihnen fahren, denn auch sie ist vom Reiseverbot betroffen und muss in Peking bleiben. Ich muss nachher erst mal mit ihr reden…“ – „Verstehe… das ist schwierig für Euch…“ meinte Anna. „Auch ich werde abreisen und mich nachher gleich um Flugtickets kümmern.“ Abe zögerte.
„Bevor Du abfliegst kommst Du aber noch bei uns vorbei, dann kochen wir chinesische Maultaschen zum Abschied!“ Erst da wurde Anna bewusst, dass es ab jetzt wirklich darum ging, Abschied zu nehmen. „Gerne, lass uns heute Abend kurz telefonieren…“ antwortete sie mit belegter Stimme um sich dann verdächtig schnell dem Ausgang zuzuwenden.
Am nächsten Tag staunte Anna nicht wenig über das offensichtlich sorgfältig im Voraus geplante und gut durchorganisierte Verfahren, mit der die Uni die Exmatrikulation aller 4500 ausländischen Studenten im Verlauf eines Vormittags abwickelte. Zuerst gab es Zertifikate und sonstige Papiere in den Büros, deren Raumnummern gestern hinter jedem Namen auf den Listen gestanden hatten. Vor Annas Büro warteten nur zwei weitere Studenten, als Anna dran war hatte die Verwaltungsangestellte schnell die richtigen Papiere griffbereit und im Nu war Anna wieder draußen.
Als nächstes war die Auszahlung der Studiengebühren dran und hierbei hieß es nun doch noch einmal Schlange stehen. Draußen vor dem Gebäude hatte man einen provi­sorischen Stand errichtet, an dem drei Bankangestellte bewacht von zwei Sicherheitsleuten die Geldausgabe durchzogen. Als wäre alles in bester Ordnung, beschien die Frühlingssonne die lange Schlange aufgeregt schnatternder Studenten aller Herren Länder, die sich vor dem Stand gebildet hatte. Anna reihte sich hinter zwei serbischen Studentinnen ein, mit denen sie im Laufe der letzten Wochen gelegentlich ein paar Worte gewechselt hatte.
Im Gegensatz zu den meisten Anderen schienen die Beiden guter Laune zu sein und sich nicht allzu viel aus der Situation zu machen.
„Wie ist es Euch in den letzten Tagen ergangen?“ sprach Anna sie an. „Ach weißt Du, ich versteh‘ die ganze Aufregung nicht, in die viele sich hier hinein steigern. Wir steigen über­morgen ins Flugzeug und fliegen zurück in unsere Heimat, wo wir uns vor vier Jahren noch vor den Nato-Bomben in die Keller retten mussten. Das bisschen Seuchenalarm hier, das ist doch nichts.“ antwortete die eine. Anna schluckte. „Wenn die Chinesen uns wieder rein lassen kommen wir zurück und studieren weiter.“ meinte die andere und damit war das Thema für die beiden offensichtlich abgehandelt.
Anna hatte nichts dagegen, sich von der Gelassenheit der Serbinnen anstecken zu lassen. Während der provisorische Bankschalter langsam näher rückte, gelang es der Frühlings­sonne endlich, auch zu Anna durch zu dringen. Und noch bevor sie an der Reihe war ertappte sie sich dabei, in Gedanken die Möglichkeiten für eine Rückkehr durch zu spielen.
Annas Abflugtermin fiel auf den Mittwoch und sie verbrachte ihre letzten Tage in Peking zwischen hektischen Besorgungen, Zusammenpacken und Abschiedstreffen. So nahm sie nur am Rande wahr, wie das sonst übliche Menschengedränge in Pekings Straßen von Tag zu Tag weniger wurde und am Ende einer beinahe schon gespenstischen Ruhe Platz machte.
Am Dienstag hatte sich die Pekinger Stadtverwaltung endlich dazu durchringen können, für den Nachmittag eine offizielle Pressekonferenz zur Lage in Peking anzuberaumen. Abe, Lin und Anna nahmen dieses Ereignis zum Anlass, um sich in der kleinen Wohnung, die Abe und Lin sich seit einigen Wochen teilten, zu einem Abschiedsessen zu treffen. Während man die chinesischen Maultaschen zubereitete lief der Fernseher.
„Also ich wette um eine Runde Qingdao-Bier, dass sie 400 Fälle für Peking melden werden!“ witzelte Abe, als der Beginn der Pressekonferenz unmittelbar bevor stand. „Und ich wette 500.“ meinte Lin. „Dann sage ich 700.“ legte Anna noch einen drauf. „Aber ich glaube, sie werden auch heute noch nicht mit der ganzen Wahrheit rausrücken, sondern eine Salamitaktik anwenden und wir knacken die 700 erst morgen in den Abendnachrichten.“ Anna sollte recht behalten damit. Es waren schließlich 480 Fälle für Peking, die der Pressesprecher an diesem Tag zugab, während man vorher wochenlang von einer Handvoll berichtet hatte. Die Wahrheit schien sich immer weniger unter den Teppich kehren zu lassen.
Abe war inzwischen auf den kleinen Balkon hinaus getreten, der zu der im zwölften Stock gelegenen Wohnung gehörte. „Schau Anna, hast Du Peking jemals so gesehen? Wir beide stehen immer wieder hier und staunen. Die meisten Leute haben schon lange vor der Pressekonferenz begriffen, was los ist.“
Vom Balkon aus konnte Annas die vierspurige Durchgangsstraße überblicken, die unten vorbei führte. Die Bürgersteige waren fast menschenleer und die einzige Bewegung, die man auf der Straße ausmachen konnte, war das Fächeln des Frühlingswinds im frischen Grün der Sträucher, die man in der Fahrbahnmitte angepflanzt hatte. Eine angespannte Stille lag über allem, ab und zu wurde sie von der Sirene eines in der Ferne vorbei rasenden Krankenwagens zerschnitten. Nur vereinzelt ging doch jemand den Bürgersteig entlang, aber jeder dieser Passanten fiel auf. Das öffentliche Leben in Peking war vollständig zusammen gebrochen.
Am nächsten Tag wurde Anna vor den Sicherheitskontrollen des Pekinger Flughafens von einer langen Schlange erwartet. Der Grund war die Fiebermessung, der sich jeder Passagier unter­ziehen musste, bevor er passieren konnte. Anschließend blieb Anna noch eine gute Stunde bis zum Abflug übrig und sie war dankbar für jede einzelne Minute der Ruhe, die ihr auf den Sitzbänken vor dem Abflugschalter nun endlich vergönnt war.
„Ich werde heute Abend ankommen, wenn ich die Zeitverschiebung berücksichtige…“ versuchte sie sich zu orientieren. „Morgen ist Donnerstag, da soll dann erster Mai sein… Irgendwie kapiere ich das nicht…“ Es wollte ihr nicht gelingen.

Trittsteine

Anna schlenderte die Uferpromenade entlang. Hin und wider blieb sie stehen, schaute hinüber zu den Hafenanlagen auf der anderen Seite, lauschte den Vögeln, die über ihr unbekümmert den Mai begrüßten oder betrachtete das wirre Schattenspiel, das die Vormittagssonne durch die Äste auf ihren Weg zauberte.
Wie einem kranken Pferd redete sie sich immer wieder zu: „Das ist kein Traum. Das hier ist die Stadt, aus der Du vor fünf Monaten aufgebrochen bist… Gestern bist Du in Peking abgeflogen. Heute ist der erste Mai… Du wohnst im Hotel. Ab morgen musst Du Dir irgendwo ein Zimmer suchen…“. Die Glasglocke, die Anna seit dem Erwachen am Morgen einzuschließen schien, war zäh. Anna sah, hörte und wusste wo sie war, aber sie fühlte es nicht. Konnte sie mehr tun, als geduldig einen Fuß vor den anderen zu setzen, bis die Betäubung langsam wich? Anna ging weiter und hoffte, dass die Gleich­förmigkeit der Bewegung sie irgendwann erden würde. 
Der Wind frischte auf, ohne dass Anna es bemerkte.
Gegen Mittag gelang es einer steifen Brise endlich, den Atem des Flusses zu ihr hinein zu pusten. Lag darin nicht jener unverwechselbare Hauch aus Meer und Schweröl, den Anna an dieser Stadt liebte seit sie sie kannte? War da nicht jenes metallische Klopfen, Pochen und der ferne Signalton rollender Containerterminals, der untrennbar dazu gehörte? Anna sog die Frühlingsluft so tief ein wie sie konnte und atmete ein paar Mal kräftig durch. „War es möglich, dass sogar an diesem Feiertag irgendwo in den Hafenanlagen drüben gearbeitet wurde?“ fragte sie sich. Langsam bekam die Glasglocke Risse. „Das andere Ufer, an dem es weitergeht, das gibt es auch für mich…“ Anna setzte weiter Schritt vor Schritt während ihre Stimmung sich allmählich aufhellte.
Der Wind trieb einen kräftigen Schauer heran, als Anna am Nachmittag an Tinas Wohnungs­tür klingelte. Die Tür wurde aufgerissen und ehe Anna etwas sagen konnte fand sie sich in einer warmherzigen Umarmung wieder. „Gut dass Du da bist! Komm rein, erzähl, wie geht es Dir?“ fragte Tina, während sie Anna in ihre Wohnung zog. – „Ich wollte Dich warnen, dass ich Dich immer noch mit SARS anstecken könnte…“ brachte Anna hervor, nachdem sie wieder Luft bekam. „Quatsch! Das glaube ich nicht! Außerdem wäre es jetzt eh zu spät. Magst Du Kaffee oder Tee?“
Dieser Empfang verpasste der Glasglocke den entscheidenden Schlag. „Tee, irgendwas Beruhi­gendes, wenn Du hast…“ konnte Anna gerade noch los werden, bevor sich ihre Kehle zusam­men zu schnüren begann. „Na, dann setzt Dich mal auf’s Sofa, ich komme gleich mit dem Tee nach…“ Der Kloß in Annas Kehle wurde schmerzhafter, während sie sich in die Sofakissen sinken ließ. Der Couchtisch war gedeckt, Kekse und ein kleines Blumensträußchen standen darauf, eine Kerze brannte… das war zu viel. Als Tina mit der dampfenden Teekanne herein kam, kullerten Anna die Tränen über die Backen.
Tina besorgte Taschentücher, schenkte Tee ein, setzte sich zu Anna und sagte lange nichts.
„Ist das Hotel in Ordnung?“ wollte sie nach einer Weile wissen. „Alles bestens, tausend Dank für’s Buchen, Tina! In der Hektik hätte ich von Peking aus nur eine dieser teuren Unterkünfte in der Innenstadt gebucht. Aber so habe ich etwas weniger Druck im Nacken bei der Zimmersuche.“ Anna fand langsam ihre Fassung wieder. „Morgen muss ich mich zuerst beim Arbeitsamt melden, danach fange ich an, die Zimmerangebote in den Zeitungen durch zu schauen. Die meisten werden jedoch erst in der Samstagsausgabe drin stehen…“
„Ich drücke Dir die Daumen, dass alles gut läuft. Du wirst sehen, das wird schon werden!“ un­ter­brach Tina sie mit sanfter Bestimmtheit. Ihr Optimismus war ansteckend. „Aber sag mal, wie fühlst Du Dich jetzt?“ Anna hielt inne. „Ich kann es noch gar nicht einordnen. Der Boden unter meinen Füßen wird fester, aber das meiste schiebe ich im Moment in den Hintergrund, bis ich mehr Ruhe finde.“ – „Das ist erst mal wohl das Beste.“ meinte Tina.
Die Zimmersuche lief glatter, als Anna erwartet hatte. Schon am Samstag hatte sie zwei Besichtigungstermine. Eines der Zimmer sagte Anna zu und war sogar sofort beziehbar. Und so kam es, dass sie vier Tage nach ihrer Ankunft bei einer Frau in den besten Jahren einzog, die ihre viel zu große Erdgeschosswohnung ansonsten nur noch mit einem gutmütigen aber ebenfalls viel zu großen Hund teilte.
Die nächste Hürde verlangte Anna deutlich mehr Geduld ab. Auf dem Arbeitsamt erklärte man ihr, dass noch Bescheinigungen fehlten, die Annas ehemaliger Arbeitgeber auszustellen habe. Die Vorstellung, in ihrer jetzigen Lage ausgerechnet bei der Firma anklopfen zu müssen, in der sie vor ein paar Monaten ihre Stellung gekündigt hatte, war Anna nicht sehr angenehm. Darüber hinaus wurde ihr ein Bewerbungstraining verordnet, dessen Besuch ebenfalls zur Voraussetzung für einen späteren Leistungsbezug gemacht wurde. „Sie haben Glück!“ strahlte die Mitarbeiterin des Arbeitsamts Anna gegen Ende ihres Gesprächs über den Tisch hinweg an. „Schon nächste Woche findet wieder ein Seminar statt, in dem noch Plätze frei sind!“ – „Na ja…“ ergänzte sie dann, als sie Annas verdutzten Blick bemerkte. „Sie haben einen ziemlichen Ritt hinter sich… Sie werden sehen, das Training wird Ihnen gut tun!“
Fünf Tage nach ihrer Landung fand Anna sich in einem schmucklosen Seminarraum auf einem hölzernen Stapelstuhl wieder und versuchte, dem Schriftzug „So bewerbe ich mich als Akademiker(-in) “, der vor ihr auf einer Leinwand prangte, einen Sinn abzuringen.
Teilnehmer, die gelangweilt hinter grauen Tischen hingen, eine Referentin im taubenblauen Business-Kostüm, die geschäftig in ihren Unterlagen blätterte, die Lüftung des Overheadprojektors, die den Raum mit ihrem Surren erfüllte… Anna hatte bei ihrer überstürzten Abreise aus Peking mit vielem gerechnet. Aber das? Hatte das wirklich etwas mit ihr zu tun? Wiederholt ertappte sie sich, wie ihr Blick ungläubig in die Runde schweifte, als könne jemand der anderen Teilnehmer ihr diese Frage beantworten.
Die Referentin startete das Seminar mit einer Vorstellungsrunde. „Bitte nennen Sie nicht nur ihren Namen, sondern schildern sie kurz, welchen Beruf sie vor ihrer Arbeitslosigkeit ausgeübt haben und wie es zum Verlust Ihres Arbeitsplatzes kam.“ forderte sie die Teilnehmer auf.
Anna kam als letzte an die Reihe, aber sie kam weit. „Wie lange sind Sie jetzt schon auf deutschem Boden?“ unterbrach die Referentin sie unvermittelt mit scharfer Stimme, als Anna gerade die Umstände ihrer Rückkehr schilderte. „Heute ist mein fünfter Tag in Deutschland.“ antwortete Anna perplex. „Wurden Sie bei Ihrer Ankunft am Flughafen ärztlich untersucht?“ – „Nicht in Deutschland, aber es gab eine Fiebermessung beim Abflug in Peking.“
Die Gesichtsfarbe der Referentin wurde blass, dann dunkel, sie holte Luft. „Das ist unverantwortlich, dass Sie sich nur fünf Tage nach Ihrer Rückkehr ohne vorherige ärztliche Untersuchung hierher begeben! Sie gefährden die Gesundheit der anderen Teilnehmer und meine! Man kann mich als Beamtin zu vielem zwingen, aber nicht dazu, dass ich mich von Seminarteilnehmern mit einer gefährlichen Krankheit anstecken lasse!“ – „Aber ich habe keine ansteckende Krankheit!“ versuchte Anna sich zu verteidigen, machte damit jedoch alles nur schlimmer. „Das können Sie doch nicht beurteilen!“ keifte die Referentin nun erst recht los. „Keiner weiß wie lang die Inkubationszeit dieser Krankheit ist! Niemand weiß, wie sie übertragen wird…“ – „Doch! Das weiß man inzwischen!“ unterbrach da einer der anderen Teilnehmer resolut ihre Tirade. „…Und wenn Sie es nicht wissen, dann sollten Sie sich besser informieren, bevor sie anderen Vorwürfe machen!“ Das nahm der Referentin den Wind aus den Segeln.
Sie zögerte und überlegte eine Weile. „Also… in einer so unklaren Situation werde ich das Seminar nicht fortsetzen. Ich werde mich mit meinen Vorgesetzten abstimmen, wie es weiter gehen soll. Bitte lesen Sie diese Unterlagen hier durch, bis ich wieder zurück bin.“ Damit gab sie einen Stapel Kopien in die Runde und verließ eiligen Schrittes den Raum.
Keiner der Seminarteilnehmer warf auch nur einen Blick in die Unterlagen. Statt dessen entspann sich rasch ein reger Austausch, der sich alsbald von Annas Erlebnissen zu allge­mei­ne­ren Themen hin bewegte. Anna war froh darum.
Mir wurde bestätigt, dass es ungefährlich ist, den Unterricht fort zu führen.“ sagte die Referentin trocken, als sie nach einer halben Stunde wieder vor die Gruppe trat. Und dann setzte sie das Seminar fort, als sei nie etwas gewesen.
Dieses Erlebnis hatte Anna ins Gedächtnis gerufen, dass SARS in China nach wie vor nicht unter Kontrolle war. Nachdem sie am frühen Nachmittag dem Seminar entronnen war, suchte sie eine  Postfiliale auf in der es noch Telefonzellen gab.
Sie hatte Glück. „Hi, Anna hier, wie geht es Euch?“ – „Anna! Wie schön dass Du anrufst!“ freute sich Abe. „Uns beiden geht es immer noch gut. Aber die Situation wird härter. Die Fallzahlen steigen weiter und die Stadtverwaltung hat angefangen, außerhalb Pekings ein riesiges Militärlazarett mit sechstausend Betten aufzubauen. Das soll schon Anfang nächster Woche die ersten Patienten aufnehmen und dann wollen sie dort jeden in Quarantäne stecken, der hustet…“ Anna erschrak. „Oh, das klingt schlimm!“ – „Nun, Lin und ich machen das Beste draus!“ Abe witzelte schon wieder. Sein Galgenhumor schien unverwüstlich zu sein.
„Wie meinst Du das denn?“ – „Wir sind gerade dabei, zu heiraten!“ ließ er die Katze aus dem Sack.
Anna hatte es die Sprache verschlagen. „Wir haben diesen Schritt schon vor einiger Zeit besprochen, wollten ihn aber erst zum Ende des Jahres gehen. Aber jetzt…“ er machte eine Pause. „Wenn einer von uns in dieses Militärlazarett eingeliefert wird, bekommt der andere keine Informationen, kein Besuchsrecht und kann auch sonst nichts machen, wenn wir nicht verheiratet sind… Feiern wollen wir natürlich erst, wenn die Epidemie vorbei ist.“ – „Sind die Heiratsformalitäten sehr kompliziert für Euch?“ – „Oh, es ist fürchterlich. Obwohl wir besser daheim bleiben sollten, pendeln wir zwischen Notaren, Konsulaten und Behörden. Aber wir kommen überall gleich dran und die Sachen werden schnell bearbeitet. Zur Zeit will ja niemand etwas von den Ämtern…“ schon wieder blitzte die Ironie zwischen seinen Worten hindurch.  „Hast Du eine Ahnung, wie lange das noch dauert?“ – „Bis das letzte Dokument ausgestellt ist dauert es noch Wochen, genau kann uns das aber niemand sagen.“ – „Was für eine Zerreißprobe! Mit den Glückwünschen muss ich mich dann wohl gedulden. Aber ich drücke ich Euch beide Daumen ganz fest, dass Ihr auf jeden Fall gesund bleibt!“ – „Danke Anna! Und wie läuft es bei Dir?“ – „Gut soweit. Ich habe ein Zimmer gefunden, wo ich bis zu meiner Rückkehr wohnen kann. Diese Woche muss ich noch einige Formalitäten erledigen, danach weiß ich hoffentlich besser, wie es bei mir weiter geht…“ 
„Sagtest Du gerade, Du willst zurückkehren?“ – „Habe ich Euch das noch nicht erzählt? Ich hoffe, das wird zum Beginn des nächsten Semesters kein Problem mehr sein.“ – „WOW! Dann musst Du unbedingt zu unserer Hochzeitsfeier kommen!“ – „Auf jeden Fall! Lass uns in Kontakt bleiben…“ – „Na klar, alles Gute, bis bald!“ – „Klick!“
Anna fühlte einen Schmerz im Brustraum aufsteigen, als würde gerade in großer Angelhaken etwas aus ihr heraus reißen wollen. Zum ersten Mal spürte sie, wie viel von ihr noch dort war, wo Abe gerade den Hörer aufgelegt hatte und wie wenig von ihr hier angekommen war, wo sie gerade auf den Ausgang der Postfiliale zuging, wie verbunden sie war mit dem Dort und wie abgetrennt vom Hier.
Als Anna am darauf folgenden Montag den Leistungsbescheid des Arbeitsamts aus dem Briefkasten fischte, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Es würde noch etwas dauern, bis das erste Geld kam, aber ihre Rückkehr nach Peking war hiermit gesichert.
Langsam konnte sie nun endlich loslassen. Sie schlief viel, ging im nahe gelegenen Park spazieren oder bummelte durch die Stadt. Wenn es sich ergab, traf sie sich mit Tina oder anderen Freunden. Sie freute sich über jeden alten Kontakt, an den sich noch anknüpfen ließ und genoss jede dieser Begegnungen. Und doch fühlte sie die Zwie­spältig­keit ihrer Situation gerade bei solchen Anlässen besonders deutlich. Die Verbundenheit mit ihren alten Freunden war nun viel deutlicher spürbar als früher. Und doch konnte Anna nicht verdrängen, dass sie eine Transitreisende war, die bald wieder Abschied nehmen musste.
Es war schon Ende Mai, als Anna über eine Anzeige stolperte, in der kurzfristig jemand mit ihrem beruflichen Hintergrund für eine temporäre Projektunterstützung gesucht wurde. Anna bewarb sich und bekam den Job. Für die nächsten beiden Monate pendelte sie nun Montags zu ihrem Einsatzort und kehrte Freitags zurück. Sie war froh, ihre Wartezeit mit einer Aufgabe überbrücken zu können und stürzte sich geradezu darauf. Aber auch hier war das Gefühl des dabei Seins ohne dazu zu gehören nicht zu leugnen.
Ende Juli beendete eine E-Mail von Abe endlich die Hängepartie. Lin und er hatten es tatsächlich geschafft. Sie hatten nicht nur ihre Heiratsformalitäten abgeschlossen sondern auch einen Termin für ihre Hochzeitsfeier im Herbst angesetzt. Auch seien die SARS-Fallzahlen in Peking mittlerweile so niedrig, dass die Universität sich entschlossen habe, für das Herbstsemester wieder Einschreibungen ausländischer Studenten anzunehmen, schrieb er.
Für Anna gab es nun kein Halten mehr. Bis zum Semesterstart Anfang September blieben ihr vier Wochen, in denen es von der Fertigstellung letzter Arbeiten für ihren Auftraggeber über die Visa-Beschaffung bis hin zur Abwicklung ihres Zimmers viel zu erledigen gab. Auch in ihre alte Heimat wollte sie noch einmal fahren, um in ihrem Häuschen nach dem Rechten zu sehen bevor sie sich ins Flugzeug nach Peking setzte.
Die letzten Tage vor dem Abflug waren wie ein Déjà-vu. Wieder traf Anna alte Freunde zum Abschied, wieder übergab sie einen Schlüsselbund, bevor sie durch das Gewimmel der Menschen zum Bahnhof ging, wieder blieb ihr Blick an den geschwungenen Torbögen der Bahnhofshalle hängen, während der Zug sich langsam in Bewegung setzte.
Sie hatte jenen Tag im Dezember, als sie glaubte, für immer von dieser Stadt Abschied nehmen zum müssen, noch gut in Erinnerung. „Wer kann schon wissen, wann ich das nächste Mal durch dieses Tor rolle…“ dachte sie diesmal.

Zwei Hochzeiten, kein Tanz

Feuchtheiße Schwüle schlug Anna entgegen, als sie aus der Flugzeugkabine hinaus auf die Gangway trat. Der Transfer zur klimatisierten Ankunftshalle des Pekinger Flughafens dauerte ihr viel zu lang und als der Bus in der Haltebucht endlich seine Türen öffnete, entließ er eine nass geschwitzte Herde Reisender, die sich eilig hinter die Glastüren flüchteten.
Anna war gespannt auf die Taxifahrt zur Uni. Würde man der Stadt noch anmerken, was vor gut vier Monaten hier vorgegangen war? Mehrspurige Autolawinen, Menschentrauben an Bushaltestellen, dauerklingelnde Radfahrer, Passanten mit prallen Einkaufstüten oder schreienden Kindern an den Händen, Drängeln, Hasten, Hupen und über allem ein dicht bewölkter Sommerhimmel empfingen sie. Wenn die Ereignisse dieses Frühlings hier Spuren hinterlassen hatten, so waren sie dem flüchtigen Blick aus einem Taxifenster nicht zugänglich, wie Anna schnell feststellte.
Die ersten Tage an der Uni ließen jedoch bald erkennen, dass SARS nicht nur für Anna ein Einschnitt gewesen war. Wann immer sie in Gängen oder Klassenzimmern auf Bekannte traf, waren die Geschichten rund um SARS Gesprächsthema Nummer Eins. Auch im Unterricht wurde das Thema nun offen angesprochen und als Aufhänger für Sprachübungen genutzt. Am erstaunlichsten fand Anna die Geschichte einer Koreanerin, die im Gegensatz zu den anderen in Peking geblieben war. Da die Wohnheime auf dem Campus geschlossen waren, hatte sie sich in Uni-Nähe ein Zimmer bei einer chinesischen Familie gesucht. Sie erzählte, sie habe täglich mit ihren Eltern telefoniert, die sie in ihrem Wunsch bestärkten durchzuhalten. Und ihre Gastfamilie hatte sie wie ein eigenes Kind unter die Fittiche genommen, so dass sie nur selten von Ängsten geplagt wurde. „Hat Deine Mutter denn keine Angst um Dich gehabt?!“ fragte daraufhin eine andere Koreanerin voll vorwurfsvollen Entsetzens. „Doch, sogar sehr, aber sie hat es sich nicht anmerken lassen.“ war die Antwort. „Erst hinterher hat sie es zugegeben als ich sie einmal danach fragte. Sie habe meinen Mut nicht mit ihrer Angst ersticken wollen, sagte sie. Dafür bin ich ihr dankbar.“
Mitte September wurde das Wetter trockener und kühler, Normalität hielt an der Uni wieder Einzug. Die Unterrichtsroutine, das nachmittägliche Bücher wälzen, gelegentliche Ausflüge oder ein gemeinsames Abendessen mit Freunden ließen Anna die Fäden ihres Pekinger Studentenlebens wieder aufgreifen. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als in Ruhe ihrem Studium nachgehen zu können.
Abe und Lin hatten Anna wissen lassen, dass ihre Hochzeit für Anfang Oktober angesetzt war. Beide waren mit den Vorbereitungen vollauf beschäftigt. „Was war das doch für eine schöne Zeit, als SARS hier für Ruhe gesorgt hat!“ beklagte sich Abe einmal am Telefon. „Lin muss jeden Tag Überstunden machen. In ihrem Verlag sind sie wegen SARS mit vielem im Rückstand und müssen aufholen, nicht einmal unbezahlten Urlaub wollte man ihr geben. Und ich bin rund um die Uhr am Telefonieren, tagsüber mit den Leuten hier in China und nachts mit meinen Leuten drüben in New York. Zum Schlafen komme ich nur noch in der Mittagspause!“ Anna wunderte sich nicht mehr, dass Abe an der Uni noch nicht aufgetaucht war.  Er hatte von vorne herein darauf verzichtet, sich für einen weiteren Kurs einzuschreiben.
Einen Becher dampfenden Kaffees vor sich auf dem Schreibtisch knobelte Anna eines Nachmittags an der Übersetzung eines Zeitungsartikels, als ein Anruf sie hochschrecken ließ. „Hallo, Bailong hier! Anna, wie geht es Dir?“ Es dauerte einen Augenblick, bis Anna die Stimme des chinesischen Studenten wiedererkannte, bei dem sie in Deutschland Chinesischunterricht genommen hatte. Über ein Jahr war seither vergangen. „Bailong, was für eine Überraschung! Danke, mir geht es gut hier. Bist Du noch in Deutschland?“ – „Nein, ich bin zur Zeit bei meinen Eltern in Tianjin und bereite meine Hochzeit vor.“ – „Das sind ja gute Neuigkeiten! Ist Mailin auch in Tianjin?“ – „Nein, sie muss in Deutschland noch zwei Semester durchhalten. Aber ich habe mein Studium abgeschlossen und kann mich um die Hochzeitsvorbereitung kümmern. Wir wollten ursprünglich nach dem Wintersemester heiraten, aber dann ist SARS dazwischen gekommen und wir mussten alles verschieben. Mailin kann nur zur Hochzeit herkommen und fliegt dann wieder zurück.“ – „Herzlichen Glückwunsch zum Studienabschluss, Bailong!“
„Vielen Dank! Anna, wir würden Dich gerne einladen. Die Feier findet Ende Oktober statt. Du kannst bei meinen Eltern wohnen.“ Überrumpelt musste Anna einen Moment Luft holen. Einerseits, eine chinesische Hochzeit machte sie neugierig. Andererseits würde sie auf der ganzen Veranstaltung niemanden kennen außer Bailong und Mailin. Und was wusste sie schon über deren Familien? Nur dass Bailong Sohn eines hochrangigen Tianjiner Politikers war, was darauf schließen ließ, dass auch Mailins Familie sich in ähnlichen Kreisen bewegte. „Vielen Dank für die Einladung, das ist eine große Ehre für mich!“ brachte sie schließlich hervor. „Anna, ich habe meinen Eltern oft von Dir erzählt. Auch sie würden sich freuen, Dich einmal persönlich kennen zu lernen.“ legte Bailong nach, dem Ihr Zaudern offensichtlich nicht entgangen war. „Gerne möchte ich Deine Eltern kennen lernen, aber an einer chinesischen Hochzeit teilzunehmen ist nicht einfach für mich. Ich kenne mich mit Euren Hochzeitsgebräuchen nicht aus und würde mich ständig daneben benehmen.“ – „Du hast recht, zwischen Euren und unseren Hochzeitsbräuchen gibt es viele Unterschiede…“ Annas Einwand machte Bailong nachdenklich, aber er ließ nicht locker. „Wir werden Dir helfen, Dich auf unserer Hochzeit wohl zu fühlen. Mach‘ Dir keine Sorgen, wir kümmern uns darum!“ War ihm wirklich so schnell eine Lösung eingefallen? Anna gingen langsam die Argumente aus. „Wann findet Eure Hochzeit denn statt?“ – „Am letzten Oktoberwochenende. Am besten Du fährst gleich am Freitagmittag nach der Uni mit der Bahn nach Tianjin.“
Offensichtlich war es Bailong ernst mit der Einladung. Warum auch hätte er sie sonst kontaktieren sollen? Sie hätte von seiner Hochzeit wohl niemals erfahren, wenn er sich nicht gemeldet hätte. Vielleicht ist es keine gute Idee, wenn ich mich jetzt drücke, ging es ihr durch den Kopf. „Sicher habt Ihr mit Euren Hochzeits­vorbereitungen sehr viel zu tun.“ sagte sie zögerlich. „Da möchte ich ungern eine zusätzliche Belastung sein…“ – „Das bist Du sicher nicht, Anna! Wir freuen uns wenn Du kommst! Lass mich wissen wann Dein Zug in Tianjin ankommt, wir holen Dich vom Bahnhof ab.“ – „Also gut, ich komme. Wie kann ich Dich in Tianjin denn erreichen?“ – „Meine Mailadresse hat sich nicht geändert. Ich schicke Dir noch die Telefonnummer meiner Eltern. Auch wenn ich nicht da sein sollte, ist immer jemand zu erreichen.“ – „Danke, ich melde mich.“ – „Auf Wiedersehen, Anna!“
Der Kaffee war mittlerweile kalt geworden. Anna stand auf um ihn wegzuschütten und sich neuen aufzubrühen. „SARS scheint eine wahre Hochzeitswelle im Gefolge zu haben… wenn sogar ich in einem Monat gleich auf zweien tanzen muss… dabei war eben gerade alles noch so schön ruhig!“ Sie setzte sich wieder hinter die Bücher.
Abe und Lin hatten sich eine stilgerecht restaurierte traditionelle Pekinger Hofhausanlage für ihre Hochzeitsfeier ausgesucht. Durch ein rot gestrichenes Seitentor trat Anna in einen schattigen Laubengang, von dem aus sie den Innenhof gut überblicken konnte. Die Nachmittagssonne beschien ein knappes Dutzend gut besetzter Stuhlreihen, die zu einer blumengeschmückten Bühne im Vorderteil des Innenhofs hin ausgerichtet waren. Der Bühne gegenüber, im hinteren Bereich der Anlage, war offensichtlich ein Restaurant untergebracht.
Vor der Bühne entdeckte sie den mit Anzug, Hemd und Fliege herausgeputzten Abe. Er stand mit zwei kahl rasierten buddhistischen Mönchen in dunkelroter Robe beisammen. Einer der Mönche war Chinese, der andere hatte jedoch europäische Gesichtszüge. Ein munter schwatzendes Grüppchen Amerikaner in Abendrobe hielt sich beim Restaurant hinten an Sektkelchen fest, während der chinesische Teil der Hochzeitsgesellschaft sich abwartend auf den Stuhlreihen niedergelassen hatte. Lin war nirgends zu sehen.
Anna blieb unschlüssig im Laubengang stehen, aber es dauerte nicht lange, bis Abe sie bemerkte. „Willkommen auf unserer Hochzeit!“ kam er auf sie zu. „Schön dass Du da bist! Hier entlang, ich stelle Dich meinen Eltern vor!“. Neugierige Blicke musterten Anna aus den Zuschauerreihen, während Abe sie zu seiner Familie führte. „Nimen Hao“ grüßte sie im Vorbeigehen in Richtung der Sitzenden und erhielt von vielen ein freundlich nickendes „Ni Hao“ zurück.
„Lasst mich Euch Anna vorstellen. Sie kommt aus Deutschland und wir haben in der gleichen Klasse Chinesisch gelernt.“ stellte Abe Anna vor. „Sie hat sich bereit erklärt, Euch beim Übersetzen zu helfen, wenn Ihr Euch mit Lins Familie unterhalten wollt. Aber treibt es nicht zu weit, ich möchte nicht, dass Anna vor meiner Familie die Flucht ergreifen muss!“ Abe hatte damit offensichtlich den richtigen Ton getroffen. Sein Vater streckte Anna mit einem fröhlichen „Hello!“ die Hand entgegen und bald darauf war sie, nun ebenfalls mit einem Sektglas versehen, in Geplauder verstrickt.
Ein Gong unterbrach den Smalltalk. Während Abes Familie sich zu den wenigen noch freien Sitzplätzen in den vordersten Reihen begab, steuerte Anna einen Platz in der vorletzten Reihe an. Mit einem verschmitzten Lächeln hatte Abe auf einem der beiden Stühle Platz genommen, die in der Mitte der Bühne standen. Die Mönche stellten sich mit einem Skript in den Händen vor der Bühne auf und als es still geworden war, ergriff der chinesische Mönch als erster das Wort. Während er schilderte, wie die bevorstehende Zeremonie ablaufen sollte und welche Bedeutung die einzelnen Elemente hatten, lächelte Abe erwartungsvoll in die Runde. Lampen­fieber schien für ihn ein Fremdwort zu sein. Der europäische Mönch wiederholte die Rede des chinesischen auf Englisch. Wie sich herausstellte, hatten Abe und Lin mit Unterstützung der Mönche eine individuelle Choreographie entworfen, die chinesische, buddhistische und jüdische Elemente miteinander verbinden sollte.
Den Auftakt machte jedoch der Einzug der Braut zu den Klängen eines Hochzeits­marschs, den einstmals ein aus Hamburg stammender Organist komponiert hatte. Hinten öffneten sich die Türen des Restaurants und eine Handvoll chinesischer Mädchen in roten Kleidchen tapste Blumen streuend Richtung Bühne, hinter ihnen kam Lin am Arm ihres Vaters. Mit der chinesischen Tradition brechend hatte sie sich für ein weißes Seidenkleid entschieden, zu dem die roten Rosen ihres Brautstraußes und ihr tief schwarzes Haar einen gelungenen Kontrast bildeten. Im Gegensatz zu Abe wirkte sie angespannt, während sie bedächtig Schritt vor Schritt setzte. Nachdem sie jedoch neben Abe auf der Bühne Platz genommen hatte, entspannten sich ihre Züge und als die Mönche dem Brautpaar bunte Blumengirlanden umhängten lächelte auch sie. Nacheinander traten nun Abes und Lins Vater für eine kurze Ansprache auf die Bühne, jeweils gefolgt von einer Übersetzung durch den passenden Mönch.
Dann war auch schon das Brautpaar an der Reihe. Beide erhoben sich, während einer der Mönche zwei kleine Gläser mit Wein auf die Bühne brachte. Nachdem das Paar Brüderschaft getrunken hatte, trug der andere Mönch ein Kissen herbei, auf dem die Ringe lagen. Sämtliche Augenpaare beider Familien folgten ihren Bewegungen, als Abe und Lin sich gegenseitig die Ringe an die Finger steckten. Als sie sich anschließend küssten, begann Abes Familie laut zu applaudieren. Lins Familie schaute zunächst verdutzt, um sich dem Applaus dann zögerlich anzuschließen.
Bis jetzt hatte die Zeremonie auf Anna nicht sehr exotisch gewirkt. Aber nun brachten die Mönche eine dicke Fußmatte und zwei Wassergläser herbei. Die Matte wurde vor den Brautleuten ausgebreitet und die beiden Gläser so darauf abgelegt, dass sie nicht wegrollen konnten. Abe und Lin hielten sich gegenseitig an den Händen, während jeder von ihnen mit Schwung und lautem Krachen eines der Gläser zertrat.
Wieder war es Abes Familie, die zuerst applaudierte. Leise Musik setzte ein, während Abe und Lin sich auf der Bühne erleichtert umarmten. „Abe war wohl doch nicht so locker, wie er gewirkt hat…“ dachte Anna.
Nach und nach standen die Hochzeitsgäste nun auf und schlenderten zum Restaurant. Auch hier dominierten westliche Hochzeitssitten. Es war ein Buffet angerichtet und drei Tischreihen waren für die Gäste eingedeckt. Dabei hatte man Essteller und Besteck einfach mit Reisschalen und Stäbchen aufgestockt. In der Ecke war ein vierter Tisch aufgebaut, auf dem sich die Hochzeitsgeschenke sammelten. Nur eine Tanzfläche suchte Anna vergebens.
Anna hatte schon oft erlebt, dass die Familien der Brautleute sich auf Hochzeiten fremd gegenüber standen. Auf dieser Hochzeit war es besonders deutlich zu beobachten. Anfangs sorgte nur das Buffet dafür, dass Angehörige beider Parteien einander näher kamen und ein paar Grußformeln austauschten. Für das Brautpaar und die Eltern waren feste Plätze reserviert, davon abgesehen gab es keine Tischordnung. Das kleine Häuflein Westler saß folglich bald geschlossen um eine Tischhälfte herum, während die chinesischen Gäste den großen Rest der Plätze auffüllten.
Als jedoch der erste Hunger gestillt und der Alkoholpegel gestiegen war, erhoben sich einige aus Abes Familie und versuchten, sich zwischen Lins Verwandte zu setzen. Dort gab es keine freien Stühle, unhöflich wollte man aber auch nicht sein. Also stand man auf, einige schleppten Stühle herbei, andere blieben unschlüssig in kleinen Grüppchen beieinander stehen. Während Abe und Lin das Tohuwabohu amüsiert betrach­teten, wurde Anna von einer Tante Abes gebeten, sie als Übersetzerin zu begleiten. War es Zufall, dass Abes Leute in Lins Verwandtschaft immer gerade auf diejenigen trafen, die wenigstens ein bisschen Englisch konnten? „So etwas kann sich eigentlich nur Abe ausdenken…“ dachte Anna schmunzelnd.
Die Eisbrecher-Taktik seiner Leute verfehlte ihre Wirkung nicht. Nachdem die Hochzeits-gesellschaft einmal in Bewegung und der Rückzug auf feste Stammplätze unmöglich geworden war, dauerte es nicht lange, bis man vom höflichen Smalltalk zu lockerem Geplauder überging.
Suchend ging Anna im Menschengewimmel des Tianjiner Bahnhofsvorplatzes auf und ab. Eine steife Meeresbrise ließ sie fröstelnd an den bevorstehenden Winter denken. Ihn würde auch die Oktobersonne nicht aufhalten, die den Platz jetzt noch einmal zu erwärmen versuchte. Nach einer ganzen Weile näherte sich ihr ein offiziell aussehender älterer Herr in taubenblauem Anzug samt Hemd und Krawatte, der ein Schild mit ihrem Nachnamen hochhielt. Nachdem er sich in bestem Englisch als der Chauffeur von Bailongs Familie vorgestellt hatte, dirigierte er Anna höflich aber bestimmt in Richtung einer unweit geparkten schweren Limousine. Von der Windschutzscheibe einmal abgesehen waren die Fenster des auf Hochglanz polierten Fahrzeugs rundum verspiegelt, was Anna Unbehagen einflößte.
Nach einer halben Stunde erreichte die Limousine ein von einem hohen Eisenzaun umgebenes Ensemble aus Mehrfamilienhäusern, deren luxuriöse Bauweise wenig mit den zigstöckigen Plattenbauten gemein hatte, an denen sie bisher entlang gefahren waren. Am Eingang traten zwei Sicherheitsleute aus einem Wachhäuschen und brachten die Limousine zum Anhalten. Der Chauffeur forderte Anna auf, den Wächtern ihren Reisepass zur Sicherheits­über­prüfung auszuhändigen. Beklommen kam Anna der Aufforderung nach und beobachtete, wie der Reisepass im Wachhäuschen eingehend studiert und dann auf ein Fax- oder Kopiergerät gelegt wurde. Zäh vergingen einige Minuten. „Keine Sorge, diese Prüfung müssen wir hier für jeden Fremden durchführen, der zu Besuch kommt.“ Dem Chauffeur war Annas Anspannung nicht entgangen. „Es dauert nur beim ersten Mal so lange, danach kennen die Wachleute Dich.“ versuchte er sie zu beruhigen.
Bailongs Familie nannte eine weitläufige Wohnung im obersten Stockwerk ihr Zuhause, die sogar für chinesische Verhältnisse leer wirkte. Edles Eichenparkett, ein heller Seidenteppich, darauf eine raumgreifende Couchgarnitur aus feinstem Leder und eine großformatige Intarsie an der Wand darüber versuchten vergeblich, in dem riesigen Wohnzimmer den Anstrich von bewohnt Sein zu erwecken. „Du kannst hier warten, Bailongs Mutter kommt gleich.“ Der Chauffeur deutete zur Couch. „Ich bringe Dein Gepäck inzwischen ins Gästezimmer.“ Er packte Annas Reisetasche und verließ den Raum. Leise hallte das Klappen der sich schließenden Zimmertür von den Wänden wieder.
Nach einigen Minuten wurde die Tür erneut geöffnet und eine Chinesin mittleren Alters betrat den Raum. Zügig überwand sie die Distanz zur Couch. „Ich bin Bailongs Mutter, willkommen in unserer Familie!“ Der Umgang mit Westlern konnte nichts Neues für sie sein, denn sie streckte Anna mit einem freundlichen Lächeln die Hand zur Begrüßung hin. „Hattest Du eine gute Anreise?“ – „Vielen Dank! Ja, es lief alles bestens.“ – „Komm mit in die Küche, wir bereiten gerade das Abendessen vor.“ Anna war froh, das Wohnzimmer wieder verlassen zu können und folgte ihr über den langen Flur.
In der Küche wurde Anna von glänzenden Fronten und hochmodernen Geräten überrascht. Der Raum war mit einer Einbauküche des nobelsten deutschen Anbieters ausgestattet, der zur Zeit auf dem Markt war. Zwei chinesische Küchenmädchen machten sich darin zu schaffen und gaben mit ihren schlichten Schürzen einen harten Kontrast ab. „Bailong hat uns so lange von der Qualität deutscher Küchen vorgeschwärmt, bis wir uns diese hier gekauft haben!“ Bailongs Mutter schien Annas Verwunderung nicht entgangen zu sein. „Wir haben sie bei einem Besuch in Deutschland ausgesucht und dann per Schiff nach Tianjin transportieren lassen. Leider komme ich nur selten dazu, selbst darin zu kochen. Ich bin Ärztin und die Arbeit im Krankenhaus lässt mir wenig Freizeit. – Komm, setzt Dich.“ Sie deutete auf einen kleinen Küchentisch am Fenster. Eines der Mädchen entnahm dem mannshohen Kühlschrank einen Krug Limonade und servierte sie mit ein paar Keksen. Bailongs Mutter erwies sich als aufmerksame Zuhörerin, mit der Anna leicht ins Gespräch kam. Bailong musste ihr von Annas Bedenken erzählt haben, sich mit chinesischen Hochzeitssitten nicht auszukennen, denn seine Mutter kam von sich aus auf das Thema zu sprechen. Offensichtlich bereitete es ihr Vergnügen, alles detailliert zu schildern, Annas Fragen zu beantworten und ihr Tipps zu geben.
Annas anfängliche Beklommenheit zerstreute sich langsam. Und als Tags darauf die schwere Limousine mit den Spiegelfenstern vorfuhr um sie gemeinsam mit Bailongs Mutter und deren Schwester zur Feier zu fahren, war nichts mehr davon übrig.
Die Limousine machte vor dem äußerlich schmucklosen Neubau einer Versammlungshalle halt. Im Foyer wurden sie von Bailong und seinem Vater begrüßt. Ein halbes Dutzend junger Leute hatte alle Hände voll zu tun, den Ankömmlingen Garderobe und Geschenke abzunehmen und sie in die Halle zu ihren Plätzen zu führen. Die Halle war größer, als der äußere Eindruck dies vermuten ließ. Dem Eingang gegenüber nahm eine rot eingekleidete Bühne ihre Frontseite ein, darüber prangte ein ebenfalls rotes Spruchband. „Hochzeitsfeier von Liu Bailong und Chen Mailin“ entzifferte Anna. Runde Esstische, an denen zwölf Personen Platz fanden, füllten die Halle davor vollständig aus. Auch hier also keine Tanzfläche, stellte Anna fest. Sie überflog die Tischreihen und kam auf etwa fünfzig Tische, Platz für an die sechshundert Gäste.
Die meisten waren schon eingetroffen, manche hatten Platz genommen, andere standen in kleinen Gruppen beisammen. Erst jetzt fiel Anna auf, wie schlicht die Anwesenden gekleidet waren. Wohl trugen Bailong und sein Vater dunkle Anzüge, Hemd und Krawatte, aber damit waren sie eine Ausnahme. Ältere Männer kamen in legerer Freizeitkleidung, ihre Frauen in Jerseyhosen mit Bluse. Nur die jungen Frauen trugen Kleid, ihre Männer Hemd mit Krawatte zu Jeans. Abendroben und schwarze Anzüge konnte Anna nirgends entdecken, dafür an den vordersten Tischen einige alte Männer in Trainingsanzügen, wie sie für chinesische Schuluniformen typisch waren. Annas für westliche Hochzeiten eher schlichte Aufmachung blieb hier gerade noch im Rahmen. Nachdem sie ihre Tischnachbarn begrüßt und sich die Lage ihres Platzes gut eingeprägt hatte, zog es sie wieder ins Freie, denn sie wollte Mailins Ankunft nicht verpassen.
Es war nur der engere Familienkreis, der sich nach und nach auf dem Bürgersteig vor dem Halleneingang versammelte. Bailong und sein Vater gesellten sich dazu und die jungen Leute, die vorher den Garderobendienst versehen hatten, schleppten Kisten voller Böller herbei um sie in einiger Entfernung an die Bordsteinkante zu stellen. Auch zwei Fotografen hatten sich eingefunden. Bailong war seine Aufregung anzumerken, wiederholt trat er von einem Fuß auf den anderen bis sein Vater ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter legte.
Ein Raunen ging durch die Gruppe, als eine schwarze Limousine mit Blumenschmuck auf der Kühlerhaube in die Straße einbog. Das war das Signal, die Böller zu zünden. Als der Wagen zum Stehen gekommen war, entstieg Mailin ihm in einer langen roten Hochzeitsrobe. Jemand drückte ihr einen üppigen Brautstrauß in die Hände und sie bleib vor der Limousine stehen, um den Fotografen Zeit für ihre Bilder zu geben. Einige Augenblicke lang lächelte sie gelassen in die Runde. Offensichtlich war dies ihr Tag und sie schien den Moment genießen zu können. Die Umstehenden waren hingerissen und als Bailong auf Mailin zuging um sie in die Halle zu führen, kam Applaus auf.
Was nun kam, wirkte auf Anna wie ein Parteitag mit hochzeitlichen Einlassungen und anschließendem Bankett. Während Mailin und Bailong sich an ihren Tisch in der ersten Reihe setzten, nahmen auch die restlichen Gäste ihre Plätze ein. Bailongs Vater spulte die Begrü­ßungs­rede ohne Skript und mit der aalglatten Routine eines Berufspolitikers ab. Mailins Vater, der anschließend an der Reihe war, fiel es deutlich schwerer, vor dem ganzen Saal seine Ansprache zu verlesen. Nacheinander standen nun weitere ältere Herren von den vordersten Tischen auf um die Anwesenden mit ihren Vorträgen zu beglücken. Meist ging es dabei um Fortschritt, Entwicklung und Zukunftsaussichten in Tianjin und China und um die Bedeutung, die diese Rahmenbedingungen für das junge Paar hatten. Von Rede zu Rede wurde deutlicher, welch gewaltigen Berg an Erwartungen beide Familien auf den Schultern des jungen Paares ab luden. Der Druck, der auf ihnen lastete, musste enorm sein.
Gelangweilt ließ Anna ihren Blick durch den Saal schweifen, bis er an der Sitzordnung der beiden zentrale Tischen in der ersten Reihe haften blieb. Mailin und Bailong saßen umgeben von Mailins Familie an dem einen, Bailongs Familie war hier nur durch seine Mutter vertreten. Der andere Tisch aber war wie ein Altherrenstammtisch besetzt mit Bailongs Vater, den Herren mit den Trainingsanzügen und einigen weiteren in Freizeitkleidung. Keine einzige Frau war darunter.
Endlich, Anna hatte fast nicht mehr damit gerechnet, trat auch Bailong auf die Bühne. Nach einer langen Kette von Danksagungen an die Adresse seiner Eltern bat er Mailin neben sich. Auch sie bedankte sich ausführlich für alles, was ihre Familie für sie getan hatte. Beide verneigten sich vor den vordersten Tischen. Bailongs Vater brachte nun zwei kleine Weingläser auf die Bühne, Mailins Vater folgte ihm mit einer kleinen Schmuckschachtel in den Händen. Nach all den schwergewichtigen Ausführungen der letzten Stunde war Anna überrascht, nun doch noch so etwas wie ein Hochzeitsritual zu sehen zu bekommen.
Nachdem Mailin und Bailong Brüderschaft getrunken und die Ringe getauscht hatten, gab es sogar noch einen schüchternen Brautkuss für Mailin. Damit war der offizielle Teil der Feier abgeschlossen und man widmete sich den Speisen, die nach und nach hereingetragen wurden.
Überrascht ging Anna auf Abe zu, als sie ihn an einem grauen Novembernachmittag in der Uni-Caféteria hinter seinem Laptop sitzen sah. „Hallo Anna, wie geht’s? Komm setzt Dich her, wir haben uns schon lange nicht mehr miteinander unterhalten!“ – „Ja, das ist wahr! Mir geht’s gut, danke. Wie kommt es, dass Du an der Uni unterwegs bist?“ – „Wir haben uns von der Hochzeit inzwischen erholt, ich habe wieder Zeit zum Lernen. Die Uni hat mir ausnahmsweise eine Einschreibung mitten im Semester ermöglicht und heute habe ich die Formalitäten erledigt.“ – „Weißt Du schon, in welche Klasse sie Dich stecken?“ – „Nein, noch nicht. Sag mal Anna, wie war es denn auf dieser Hochzeit in Tianjin?“ – „Die Braut war wunderschön, das Essen war sehr gut und Bailongs Mutter bemühte sich sehr, mich durch alles heil hindurch zu dirigieren. Davon abgesehen war es ein Kongress mit anschließendem Abendessen. Es war nicht zu übersehen, dass Bailong aus einer hochrangigen Politikerfamilie stammt.“ – „Stimmt, traditionelle chinesische Feiern sind viel stärker auf die Bedeutung der beiden Familien ausgerichtet als unsere.“ nickte Abe.
„Wie habt ihr es eigentlich geschafft, hier in Peking eine westliche Hochzeit zu feiern, noch dazu mit einer solchen Überzahl an chinesischen Gästen?“ Abe, der sonst selten um Antworten verlegen war, musste nachdenken. „Hm… dafür gab es mehrere Gründe…“ begann er. „Zum einen hat Lin schon eine traditionelle chinesische Hochzeit hinter sich, aber die hat ihr kein Glück gebracht. Ihre erste Ehe zerbrach nach vier Jahren. Diesmal wollte sie etwas anderes, daher musste ich sie nicht lange überreden. Der andere Grund ist viel profaner. Die Hochzeit wurde von meinen Eltern bezahlt und so wollten sie natürlich auch ihre Vorstellungen einbringen.“ – „Gehörte dazu auch diese Eisbrecher-Nummer, die einige Deiner Verwandten nach dem Essen durchgezogen haben?“ Abe kicherte. „Oh, das haben meine Mutter und ich ausgeheckt. Lin hat uns erzählt, wer aus ihrer Familie Englisch kann und dann haben wir in meiner Familie die mutigsten herausgepickt…. Meine Mutter glaubt, dass sich Lins und meine Familie nach der Hochzeit wohl nie wieder treffen werden. Daher wollte sie so viele Kontaktmöglichkeiten schaffen wie möglich. Wie ich sie kenne wird sie daheim jetzt einen Eisbrecher nach dem anderen auszuhorchen versuchen.“ – Anna staunte nicht schlecht über so viel Raffinesse.
„Und wo hast Du die buddhistischen Mönche aufgetrieben, die die Zeremonie geleitet haben?“ – „Oh, das sind alte Freunde von mir. Bevor ich hier an die Uni kam, war ich ein Jahr in einem buddhistischen Kloster zum meditieren, dort habe ich sie kennen gelernt.“ – „Das Jahr im Kloster scheint Dir Glück gebracht zu haben.“ bemerkte Anna. „Hm… da liegst Du vermutlich richtig.“ gab Abe schmunzelnd zu.

Wurzeln

Der Hochzeitstrubel hatte sich gelegt und Anna genoss die relative Gleichförmigkeit ihres Studentenlebens nun umso mehr. Zwischen Unterricht, gelegentlichen Ausflügen und Lernen verging der Herbst wie im Flug und ehe sie es sich versah, war der Winter über Peking hereingebrochen, knochentrockenes Graubraun überall, kahl und kalt.
Eines Nachmittags, Anna kam gerade vom Einkaufen zurück ins Wohnheim, sah sie im Foyer eine kräftig gebaute Asiatin vor dem Empfangstresen stehen, neben sich zwei riesige Koffer. Die Wohnheimmanagerin war dabei, der Neuen die Zimmerschlüssel auszuhändigen und ihr die Wohnheimregeln zu erklären. Es war unschwer erkennbar, dass die Neue nur wenig von dem verstand, was ihr gepredigt wurde. „Das kenn‘ ich nur zur gut… aber leider kann ich weder mit Japanisch noch mit Koreanisch oder gar Thailändisch aushelfen.“ dachte Anna im Vorbeigehen. Im zweiten Stock angekommen, bemerkte sie von weiter unten das Trappeln und Schnaufen von jemand, der es eilig hatte. Aber Anna war in Gedanken schon bei dem Becher dampfenden Kaffees, mit dem sie sich auf ihrem Zimmer aufwärmen wollte und nahm unbeirrt die Treppe zum dritten Stock in Angriff.
„Hallo, konsch‘ mr‘ bidde helfe d‘ Koffr‘ nouf z’schlebbä?“ erklang es kurz darauf atemlos aber mit unverkennbar schwäbischem Akzent hinter ihr. Anna konnte ihr Erstaunen nicht ganz verbergen, als sie hinter sich die Asiatin entdeckte, die unten am Empfang gestanden hatte. Solche Reaktionen schienen dieser jedoch nicht neu zu sein. „Also, i‘ bin die Thuan un‘ komm‘ ous Reutlinge!“ stellte sie sich mit einem verschmitzten Lächeln vor, dabei Annas Reaktion sichtlich auskostend. „Ich heiße Anna…“ erwiderte diese etwas perplex. „Lass mich nur eben noch meine Einkäufe ins Zimmer stellen, dann komme ich runter und helfe Dir.“ – „Dank‘ schön, bis glei’…“
Anna und Thuan freundeten sich schnell an. Wie sich herausstellte war Thuan eine Deutsche mit vietnamesischem Vater und chinesischer Mutter. Als Thuan zwei Jahre alt gewesen war, musste ihre Familie unter katastrophalen Bedingungen aus dem damaligen Saigon fliehen und war durch eine der Hilfsaktionen zur Rettung der „Boat People“ nach Deutschland gekommen. Thuan sprach Deutsch und Vietnamesisch, aber Chinesisch war auch für sie eine Fremd­sprache, die sie nun im Rahmen ihres Studiums erlernen wollte. Für Anna war es immer wieder überraschend zu erleben, wie tief Thuan emotional mit ihrer vietnamesisch-chinesischen Herkunft verwoben war, obwohl sie ihr ganzes bewusstes Leben in Deutschland verbracht hatte.
Sag‘ mal Anna, interessierst Du Dich für Konfuzius?“ wollte sie einmal während eines gemeinsamen Mittagessens wissen. „Ja schon…“ erwiderte Anna zögernd. „Aber wenn ich’s recht überlege, weiß ich erschreckend wenig über ihn.“ – „Ich möchte mir einmal die Residenz seiner Familie in Qufu ansehen.“ sprudelte es da aus Thuan heraus. Dort gibt es auch den Konfuzius-Tempel und den Familienfriedhof der Familie Kong, da muss ich unbedingt bald hinfahren!“ Thuans Augen glänzten. „Davon habe ich auch schon gehört…“ Wieder einmal staunte Anna, wie sehr die kulturellen Wurzeln ihrer Familie Thuan umtrieben. „Was hältst Du davon, wenn wir uns das an einem der nächsten Wochenenden zusammen anschauen?“ bohrte Thuan weiter. „Aber ist das nicht irgendwo ziemlich weit unten in Shandong?“ So interessant Anna die Sehenswürdigkeiten in Qufu auch fand, sie hatte Zweifel, ob ein Wochenendtrip dorthin wirklich eine gute Idee war. „Allein die Zugfahrt da runter kann ja schon an die acht Stunden dauern…“ – „Dann müssen wir eben Freitagmittag gleich nach dem Unterricht los, dann haben wir den ganzen Samstag für Qufu und am Sonntag genügend Zeit für die Rückreise.“ Thuan schien nicht locker lassen zu wollen. „Okay, das ist ein Plan der funktionieren kann…“ Anna streckte die Waffen. „Dann lass es uns auch bald angehen, übernächstes Wochenende hätte ich Zeit.“ schlug sie vor. „Prima, abgemacht!“ Thuan strahlte.
Die Morgensonne brachte den Rauhreif auf dem vertrockneten Gras am Wegrand zum Glitzern, als Thuan und Anna in Qufu die lange Allee hinunter schritten, die direkt auf den Eingang der Konfuzius-Stätten zulief. Fröstelnd beschleunigten sie ihre Schritte und waren die ersten Besucher, die an diesem Tag die Anlage betraten.
Zunächst wandten sie sich den verwinkelten Räumen und Innenhöfen der ehemaligen Residenz der Familie Kong zu, die sich über ein sechzehn Hektar großes Grundstück erstreckten. Konfuzius‘ Nachkommen waren von den Kaisern dazu bestimmt worden, die konfuzianischen Riten im Tempel durchzuführen und bewohnten die vierhundertsechzig Räume bis in die vierziger Jahre hinein. Jahrtausende lang von den Herrschenden beschenkt und alimentiert, nannten sie zum Zeitpunkt ihrer Vertreibung den größten Grundbesitz ganz Chinas ihr Eigen, ebenso einmalig war die Ausstattung ihres Familiensitzes.
Der Ahnentempel des Konfuzius war nur durch eine Mauer davon getrennt und wartete auf seinen zweiundzwanzig Hektar Grundfläche mit weiteren Überraschungen auf. Die Anlage bestand aus neun Höfen, der Tempel selbst war dreigliedrig. Von Größe und Ausstattung her konnten sich neben ihm nur noch die Gebäude der verbotenen Stadt sehen lassen.
Das himmelwärts gebogene Doppeldach der Haupthalle war mit gelben Dachziegeln gedeckt, der Farbe die ansonsten ausschließlich für den Kaiser verwendet werden durfte. Es ruhte auf zehn Steinsäulen, jede aus einem einzigen Stein heraus gehauen. Auf ihnen ringelten sich mit der Sonne spielende Drachen, das Symbol des Himmelssohns, ebenfalls dem Kaiser vorbehalten. Und die Reliefkunst dieser Säulen gab es in dieser Vollendung nicht einmal in der verbotenen Stadt selbst. Das ganze Bauwerk war eine einzige Respektsbezeugung der Kaiser für den Philosophen, der sie das Regieren gelehrt hatte. Anna hatte nicht erwartet, dass es in China einen Ort geben könnte, an dem selbst die Kaiser sich verneigten. Hier war er. Vor ihrer Inthronisation und nach militärischen Siegen waren sie reihenweise hier her gekommen, um dem von ihnen verehrten Weisen zu huldigen.
Nur durch Bildung könne der Mensch zu einem „edlen“ Menschen werden, hatte der gelehrt. Folgerichtig schloss sich gleich an die Haupthalle des Tempels die „Literaturhalle“ mit ihrer steinernen Bibliothek an. Ihr Dach erstreckte sich über die ganze Länge der Tempelanlage, darunter reihte sich Wand an Wand, vollständig bedeckt mit beschrifteten Steintafeln. Generationen angehender kaiserlicher Beamter hatten diese Texte auswendig gelernt um sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten.
Gegen Mittag hatten sich Anna und Thuan durch alle neun Höfe durchgearbeitet und brauchten dringend eine Pause. Sie suchten sich in einem Innenhof eine von der Sonne beschienene Holzbank und packten ihre mitgebrachten Dampfbrötchen aus. Erschlagen von den Superlativen des Tempels aßen sie schweigend und ließen sich von der Sonne aufwärmen. Nachdem die Lebensgeister langsam wieder zurück gekehrt waren, machten sie sich erneut auf den Weg um den Friedhof der Familie Kong zu erkunden.
Schon auf den ersten Schritten war zu erkennen, dass dieses Gräberfeld mit nichts zu vergleichen war, das Anna jemals zuvor gesehen hatte. Zwischen kahlen Laubbäumen und unter dunklen Zypressen reihten sich die Grabhügel, Stelen und Skulpturen der über hunderttausend Gräber der Nachfahren des Konfuzius aneinander soweit das Auge reichte. Wohl hatte Anna gelesen, dass in dieser Anlage sechsundsiebzig Generationen der Familie Kong auf dreißig Quadratkilometern Fläche begraben waren, dennoch war das schiere Ausmaß des Friedhofs unfassbar.
Die schräg stehende Wintersonne warf scharfe Schatten auf das trockene Laub zwischen den Bäumen, Hügeln und Stelen, während Anna und Thuan versuchten, sich zu orientieren. „Komm Anna, lass uns erst einmal das Grab des Konfuzius ansehen!“ schlug Thuan vor. „Gute Idee, fangen wir mit dem ältesten an und laufen dann langsam weiter zu den jüngeren. Dann tappen wir nicht so ratlos hier herum…“
Als sie ihr Ziel erreicht hatten war eine gute halbe Stunde vergangen, in der beide kaum ein Wort gesprochen hatten. Das Grab des 479 v. Chr. verstorbenen Konfuzius war das größte der gesamten Anlage und doch schlicht gehalten. Eine Stele, deren Inschrift den hier Ruhenden als „vollendeten, heiligen König der Kultur“ auswies, ein Altar und ein kleiner Schrein standen auf dem Platz vor dem Grabhügel, an den Seiten ein paar schlanke Zypressen, das war alles. Thuan lief begeistert auf dem Platz hin und her, turnte auf den Altar und ließ sich von Anna in verschiedenen Posen ablichten. Anna hingegen versuchte, alles in Ruhe auf sich wirken zu lassen und ging einmal langsam um Grabhügel und Vorplatz herum.
Nach einer kleinen Rast machten die beiden sich erneut auf den Weg durch die Gräber­landschaft. „Ich frage mich schon die ganze Zeit, was zu Konfuzius Zeiten wohl in Europa so los war…“ sagte Thuan nach einer Weile. „Eigentlich müsste ich von der Schule her wenigstens ein bisschen was darüber wissen, aber da ist nichts hängen geblieben…“ ergänzte sie nachdenklich. Anna lachte. „Mich hat diese Frage auch schon beschäftigt und ich musste auch erst mal nachschauen. Also etwa zehn Jahre nach Konfuzius Tod wurde im antiken Griechenland ein gewisser Sokrates geboren, die beiden waren fast so etwas wie räumlich entfernte Zeitgenossen.“ – „Was die beiden sich wohl zu sagen gehabt hätten, wenn sie sich begegnet wären?“ rätselte Thuan. „Ich glaube da wären die Fetzen geflogen…“ – „Wie kommst Du denn auf so etwas?“ kicherte Thuan. „Na ja, Sokrates muss eine ziemliche Nervensäge gewesen sein. Er stellte ständig unbequeme Fragen und versuchte, die Leute in Dialoge zu verwickeln weil er glaubte, das brächte sie dazu, über ihren Tellerrand hinaus zu denken.“ – „Das ist ja eine super moderne Methode!“ entfuhr es Thuan. „Aber auch eine super konfliktträchtige. Ich könnte mir vorstellen, dass Konfuzius mit seinen Lehren von Harmonie, Hierarchie und Bildung für Sokrates so etwas wie das rote Tuch für den Stier gewesen wäre. Und sogar die Athener hatten am Ende die Schnauze so voll von Sokrates‘ Fragerei, dass sie ihm den Schierlings­becher servierten…“ – „Ein wenig rühmliches Ende, zumindest das hatten die beiden Philosophen dann gemeinsam.“ meinte Thuan nachdenklich. „War Konfuzius‘ denn nicht schon zu Lebzeiten berühmt?“ fragte Anna überrascht. „Nein, ganz und gar nicht. Er hatte wohl einige Schüler, die ihn verehrten, aber an seinem eigentlichen Ziel, der Lehrer der Mächtigen zu werden, scheiterte er. Erst einige Zeit nach seinem Tod entdeckten die Herrscher, wie gut sich ihre Macht mit seiner Lehre festigen ließ und begannen, sie umzusetzen und einen Kult draus zu machen.“ – „Dass Mächtige sie für sich entdecken, das kann mit den Frage- und Dialog­methoden des Sokrates wohl kaum passieren“ meinte Anna. „Nein, das glaub‘ ich auch nicht…“ nickte Thuan. Schweigend schlenderten sie weiter.
Grabhügel, schief eingesunkene Stelen und kahle Bäume lösten einander ab, während die Sonne sich langsam dem Horizont näherte. Die feinen Fäden der Melancholie legten sich sanft wie Spinnweben über das Gemüt der beiden Besucherinnen.
„Wissen wir eigentlich noch, wo wir sind?“ fragte Thuan irgendwann beklommen. „Doch, ich glaube schon. So langsam müssten wir zu den Gräbern der Ming-Zeit kommen…“
Nach einer weiteren endlosen Viertelstunde durchbrachen rechts und links des Weges steinerne Skulpturen die Monotonie. Ihr Anblick ließ Anna und Thuan aufatmen.
Widder und überlebensgroße Katzen bewachten hier paarweise den Zugang zu steinernen Torbögen, gesattelte Pferde standen vor den Öffnungen und träumten in der Abendsonne davon, ihre Besitzer hindurch ins Jenseits zu tragen. Ihre steinernen Körper schimmerten in warmen, beruhigenden Ockertönen als wollten sie dem Betrachter Mut machen, endlich aufzusteigen zum letzten Ritt. Mit verführerischem Sog zogen die Tore die Blicke der beiden Besucherinnen auf sich.
„Jetzt haben wir schon über achtzehn Jahrhunderte hinter uns gebracht.“ Anna durchbrach die Stille um ein wenig Abstand zu ihrer Stimmung zu gewinnen. Auch Thuan atmete durch. „Nun, dann schaffen wir den Rest auch noch… Aber ganz ehrlich, so langsam reicht’s mir.“ – „Komm, lass uns schneller gehen, sonst müssen wir hier noch im Dunkeln unseren Weg suchen.“ Mit beschleunigtem Schritt setzten sie ihren Weg fort.
Nur einmal hielten sie noch inne, bevor sie das Gelände verließen. Sie waren schon in der Nähe des Ausgangs angelangt, als sie plötzlich vor ganz frischen Gräbern standen. Gelbe Papierstreifen und ein paar weiße Chrysanthemen lagen noch auf dem lehmigen Erdhügel vor ihnen. Etwas weiter entfernt gab es weitere Grabhügel neuern Datums, vor denen schon Stelen aufgestellt waren. „Wenn ich die Inschriften richtig entziffere, haben die Beerdigungen hier erst vor wenigen Wochen stattgefunden.“ stellte Anna fest. „Ich wusste wohl, dass Familie Kong nach wie vor existiert und diesen Friedhof nutzt… aber dass ihnen sechsundsiebzig Generationen ihrer Vorfahren dabei über die Schulter schauen, wie sie einen Faden weiter spinnen, der zweitausendfünfhundert Jahre weit in die Vergangenheit reicht, das habe ich erst heute begriffen… “ murmelte sie dann vor sich hin. „Weißt Du Anna,…“ Thuan hatte ihre Beklommenheit immer noch nicht ganz abgeschüttelt, „… diese ganze Familientradition, die für uns so viel schwerer wiegt als für Euch Europäer, ist eben Fluch und Segen zugleich.“

Wintersonnenwende

Eines Nachts Anfang Dezember überzuckerte eine kaum drei Zentimeter hohe Decke aus Pulverschnee den Campus. Für das eher wintertrockene Peking kamen diese Schneefälle früh, waren aber nichts Besonderes. Für viele Studenten der Uni jedoch bedeuteten sie eine Premiere. Eine ganze Reihe von ihnen stammte aus südlicheren Gefilden und hatte offensichtlich noch nie Schnee gesehen. Schon als Anna am frühen Morgen zum Unterricht ging, tollten mehrere Gruppen junger Leute auf den Grünflächen rechts und links des Weges herum, bewarfen sich lachend mit Schneebällen, schlitterten, schubsten sich gegenseitig in den Schnee oder versuchten, aus dem schütteren weißen Belag kleine Schneemännchen zusammen zu schieben. Amüsiert blieb Anna stehen und ließ sich von der kindlichen Freude der sonst so zielstrebig Lernenden anstecken. Das bisschen Weiß hatte bei ihnen offenbar einen versteckten Schalter umgelegt, niemand schien mehr an Unterricht zu denken.
Klatschend landete ein Schneeball auf Annas Rücken. Als sie sich umdrehte entdeckte sie eine kichernde Thuan, die ebenfalls auf dem Weg zum Unterricht war. „Guten morgen Thuan! Sag bloß der Schnee macht auch Dich besoffen?“ – „Keine Sorge, die Winter in Reutlingen sind nicht gerade warm, ich bin’s gewohnt! Aber ich kann gut verstehen warum die hier so ausrasten. Meine Eltern haben auch so reagiert, als sie in Deutschland die ersten Schneefälle ihres Lebens erlebten.“ – „In Vietnam gibt es wohl gar keinen Schnee?“ – „Normalerweise nicht, nur ganz selten mal im Norden des Landes. Viele Leute reisen dann von weit her an, um es einmal mitzuerleben.“
Eine weitere Deutsche, die Anna bisher nur vom Sehen her kannte, gesellte sich zu den beiden hinzu. „Das ist Erika, sie geht hier in die gleiche Klasse wie ich. In Deutschland sind wir Kommilitonen und studieren das gleiche Fach.“ stellte Thuan sie vor. „Guten Morgen Anna, Thuan hat mir schon von Dir erzählt.“ – „Guten Morgen Erika, vom gelegentlichen Sehen her kenne ich Dich auch schon.“ – „Also, der Schnee macht mich zwar nicht besoffen, aber so richtig Bock auf Unterricht habe ich jetzt auch nicht mehr…“ tastete Thuan sich vor. „Jetzt wo Du’s sagst…“ Anna hakte ein. „Wir könnten uns auf einen Kaffee zusammen setzen und unseren Trip nach Shanhaiguan planen… hinterher ist immer noch Zeit für die zweite Stunde.“ schlug Erika vor. „Anna, hast Du nicht auch Lust mitzukommen auf die Tour?“ fragte Thuan. „Wann wollt Ihr denn los?“ – „Übernächstes Wochenende, da hat nämlich auch Karla frei. Sie ist eine weitere Kommilitonin aus Deutschland und macht gerade ihr Praxissemester in einem Krankenhaus hier in Peking.“ – „Übernächstes Wochenende hab‘ ich noch nichts vor, klar komme ich mit!“ Anna hatte schon länger damit geliebäugelt, sich einmal das östliche Ende der chinesischen Mauer anzuschauen und musste nicht lange überlegen. „Das Café hier auf dem Campus hat auch schon auf…“ meinte Erika. „Unterricht im Café schwänzen… ich komm‘ mir vor wie früher in der Schule…“ kicherte Anna, während die drei sich in Richtung Café in Bewegung setzten. „Das heißt Tao-Ke auf Chinesisch.“ ergänzte Erika lachend. „Gut zu wissen, falls man uns in der zweiten Stunde fragt wo wir in der ersten abgeblieben sind.“ feixte Anna.
Weihnachten stand vor der Tür und der Schnee hatte schon längst wieder dem gefrier­ge­trock­neten Graubraun des Pekinger Winters Platz gemacht, als Thuan, Erika und Anna sich vor dem Pekinger Bahnhof mit Karla trafen. Nachdem Thuan Karla und Anna miteinander bekannt gemacht hatte begann das Grüppchen unverzüglich, sich in Richtung Bahnsteig durch das Menschen­gewimmel hindurch zu schieben. Es erwies sich als sehr hilfreich, dass Karla die Fahrkarten für alle schon einige Tage vorher erstanden hatte. Bei dem Andrang, der an diesem Freitagnachmittag vor den Schaltern herrschte, wäre es sonst unmöglich gewesen, den Zug Richtung Shanhaiguan noch rechtzeitig zu erreichen.
An ihrem Ziel angekommen war es für erste Besichtigungen zu dunkel geworden. So checkten sie im Hotel ein und machten sich anschließend auf die Suche nach einem Restaurant, in dem sie ihren Hunger stillen und den Tag ausklingen lassen konnten. Ein Stück die Straße hinunter fanden sie eines, das mit seinem „Feuertopf“, dem chinesischen Brühefondue warb. „Na, das ist doch das perfekte Essen, damit wir uns aufwärmen können!“ schwärmte Thuan. „Und sie haben auch die Sorte mit scharfer und milder Brühe auf der Karte, da kommen wir alle auf unsere Kosten.“ ergänzte Karla. Bald saßen sie um einen runden Tisch herum, der sich unter den Platten und Tellern mit verschiedenen Fleisch- Gemüse- und Beilagensorten geradezu bog. Alles war um den Feuertopf in der Tischmitte herum angeordnet, den eine geschwungene Trennwand so in zwei Hälften teilte, dass milde und scharfe Brühe zusammen im gleichen Topf köcheln konnten.
Es war kein Zufall, dass Karla und Anna nebeneinander zu sitzen kamen, denn sie hatten schon während der Zugfahrt festgestellt, dass es zwischen ihnen viele Gemeinsamkeiten gab. Während Erika und Thuan um einiges jünger und noch dabei waren, ihren Weg zwischen Studium und Berufseinstieg zu finden, hatte Karla, ähnlich wie Anna, schon die erste Hälfte ihres Berufslebens samt Ausstieg aus selbigem hinter sich gebracht.
Nachdem der erste Hunger gestillt war, griff Anna den Gesprächsfaden des vergangenen Nachmittags wieder auf. „Was hat Dich bewogen, nach so vielen Jahren im Beruf ausgerechnet dieses Studium anzugehen?“ wollte sie wissen. „Also, ich war gerne Krankenschwester, aber es gab einiges, das mir mit der Zeit immer mehr gegen den Strich ging… “ Karla überlegte. „…Am meisten der in deutschen Krankenhäusern immer noch übliche Hierarchiekult. Ganze Stationen, auf denen die Ärzte nur glänzen, weil die Krankenschwestern bei den Patienten so gut es geht die Kollateralschäden ärztlicher Karrieresucht oder Unfähigkeit ausbügeln, sind leider keine Seltenheit. Und wenn es mit dem Ausbügeln nicht mehr hinhaut, ist meist Vertuschen und Verschweigen angesagt…“ – „Konntest Du denn den Arbeitsplatz nicht wechseln, wenn es so übel war?“ – „Oh, ich habe oft gewechselt, das ist als Krankenschwester ja recht einfach. Aber am neuen Arbeitsplatz bin ich über kurz oder lang immer wieder auf die gleichen Strukturen gestoßen.“ Nachdenklich spießte Karla ein Stück Rindfleisch auf um es in die scharfe Brühe zu stecken.
Einige Augenblicke verfolgten beide, wie es dort vor sich hin simmerte. „Aber von einen deutschen Krankenhaus aus ist es ein ziemlicher Schritt nach China…“ hakte Anna dann nach. „Da muss ich Dir recht geben!“ Karla lachte auf. „Irgendwann hatte sich eine solche Wut in mir angestaut, dass ich nicht nur kündigte, sondern mich auf eine befristete Stelle an einem kleinen Krankenhaus in Sichuan bewarb. Die suchten damals im Westen gezielt mit Anzeigen nach Krankenschwestern. Kost und Logis wurden gestellt, das erste halbe Jahr war als Praktikum mit Sprachkurs ausgelegt und als Gegenleistung erwarteten sie dann, dass man anschließend noch eineinhalb Jahre für das Krankenhaus arbeitete. China hatte mich schon länger interessiert und so passte plötzlich alles zusammen. Ich schmiss meinen Job hin und ging.“ – „Wow! Alle Achtung, Karla!“ – „Naja, die Wut kann einen ganz schön gar kochen, irgendwann ist man dann fällig!“ Karla angelte in der Brühe nach dem Stück Rindfleisch. „Und heute bin ich froh, dass es so gekommen ist. Diese nervenaufreibenden Dauerkonflikte im Job hätten mich über kurz oder lang krank gemacht. Aber das wurde mir erst im Nachhinein klar. Möglicherweise wäre es dann aber für einen solchen Schritt zu spät gewesen.“
Eine Weile aßen beide schweigend. „Dieses Gefühl, das einem sagt: ‚Mach’s jetzt, später kannst Du’s vielleicht nie mehr machen!‘, das kenne ich…“ bemerkte Anna dann. Vieles aus Karlas Bericht hatte sie an die Zeit vor ihrem eigenen Berufsausstieg zurück denken lassen. „Bei mir musste es sich auch erst länger zusammenbrauen, bevor ich die Kraft zum Absprung fand…“.
Interessiert hatten Erika und Thuan Karlas Bericht mitverfolgt. „Ui, so gesprächig habe ich Dich ja während unseres ganzen Studiums noch nicht erlebt!“ staunte Erika nun. „Stimmt, mir fällt es meist schwer, über mich selber zu reden…“ nickte Karla. Thuan schien die Gunst der Stunde nutzen zu wollen. „Also, was ich Dich schon immer mal fragen wollte: Wie kamst Du schlussendlich darauf, Dich für Wirtschaftssinologie zu entscheiden?“ – „Das war dann nochmal eine Entwicklung von weiteren zwei Jahren. Nach der Rückkehr aus Sichuan musste ich zum Geldverdienen erst mal zurück in meinen alten Job. Dass das nur eine Übergangslösung sein konnte, war mir da aber schon klar. Ich wollte studieren, dieser Wunsch hatte sich in der Zeit in Sichuan herauskristallisiert, ich wusste aber nicht was. Also habe ich in meiner Freizeit recherchiert, bis ich irgendwann einen Bericht über diesen neu eingerichteten Studiengang in die Finger bekam. Damit bin ich zur Studienberatung der Uni gegangen wo sie mir erzählten, dass ich mit meiner langen Berufserfahrung als Krankenschwester und einem Bachelor in Wirtschaftssinologie in der Tasche gute Job-Chancen im Krankenhausmanagement hätte.
Damit war die Sache für mich klar. Ich wollte raus aus der Pflege, Medizin reizte mich auch nicht, aber ich wollte weiter im Krankenhaus arbeiten. Und dies sah nach dem passenden Weg für mich aus. Allerdings musste ich dann noch gute zwei Jahre eisern sparen, bis ich genug Geld beisammen hatte um loszulegen.“ – „Ha, da sind sie ja wieder, die zwei eisernen Jahre!“ warf Anna lachend ein. Karla schaute sie verdutzt von der Seite an. „Ich hab‘ auch zwei Jahre sparen müssen, bis ich in mein Studium nach Peking starten konnte.“ klärte Anna sie auf.
„Wie soll es denn bei Dir nach dem Studium weiter gehen, Anna?“ wollte Erika nun wissen. „Ähm… damit habe ich mich noch gar nicht beschäftigt…“ Anna kam die Frage sichtlich ungelegen. „Irgendwie werde ich wohl an meinen alten Job anknüpfen müssen…“ druckste sie herum. „Momentan habe ich aber noch keinen blassen Schimmer, wie das aussehen könnte. Den Gedanken, früher oder später zurück in den Job zu müssen, habe ich bis jetzt erfolgreich verdrängt…“ – „Wie lange willst Du denn in Peking an der Uni bleiben?“ legte Thuan neugierig nach. „Wenn nichts dazwischen kommt, reicht mein Budget noch bis weit in den Sommer hinein. Bis dahin muss mir dann wohl oder übel etwas zum Thema Zukunft eingefallen sein.“ – „Ach, setz‘ Dich mit der Zukunft bloß nicht unter Druck, Anna. Das bringt nichts! Koste lieber Deine Zeit hier aus so gut Du kannst und halt‘ dabei ganz entspannt die Augen offen. Was für Dich das Beste ist, das zeigt sich dann schon, glaub mir!“ sprang ihr Karla da zu Hilfe. „Wenn ich in den letzten Jahren eines wirklich gründlich gelernt habe, dann dies: Rumgegrübel über die Zukunft bringt nur Falten, graue Haare und vergeudete Zeit!“
Vom Meer her blies den Vieren ein eiskalter Wind entgegen, als sie am nächsten Morgen das Hotel verließen. Die gerade aufgehende Sonne brachte eine dicke Schneedecke zum glitzern, die die Stadt über Nacht in ein Wintermärchen verwandelt hatte. „Schöneres Wetter hätten wir nicht haben können!“ freute sich Thuan, der die klirrende Kälte nicht viel auszumachen schien. „Lasst uns einen Zahn zulegen, ich brauch‘ dringend Bewegung!“ bibberte Anna. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, als sie sich zügigen Schrittes auf den Weg zur Befestigungsanlage machten.
Das Fort auf dem Shanhai-Pass bewachte den am weitesten östlich gelegenen Durchgang der chinesischen Mauer, den „ersten Pass unter dem Himmel“. Die Mauer verlief hier in einigem Abstand entlang des Nordwestufers des Shihe-Flusses und riegelte so den Durchgang zwischen dem Gebirge im Nordwesten und dem Meer im Südosten ab. Festung und Mauer waren in diesem Bereich vollständig wieder hergestellt worden und schon aus der Ferne gut zu erkennen. Als sie an ihrem Fuße angekommen waren, ragten über ihren Köpfen sieben Meter dicke Mauern an die fünfzehn Meter hoch in den makellos blauen Winterhimmel. Mit seinen vier Kilometern Umfang hatte das Fort genügend Platz für eine Armee samt Waffen und Munition geboten. Die große Mauer bildete die nordwestliche Flanke der Festung und war im Bereich des Durchgangs zu einer dreißig Meter breiten Plattform erweitert worden. Diese bot einem imposanten zweistöckigen „Torhaus“ Platz, das den Durchgang sichern sollte. Jedes seiner Stockwerke wies zwei Reihen übereinander liegender quadratischer Schießluken auf, deren leuchtend rot gestrichene Türen einen farbenfrohen Kontrast zum strengen Anthrazit seiner Mauern bildeten. Das Bilderbuchwetter ermunterte die Vier zum Fotografieren und so verabreden sie einen Treffpunkt für später und liefen dann in alle Himmelsrichtungen auseinander.
Oben von der großen Mauer bot sich Anna eine herrliche Aussicht über die Festung, die Stadt und den weiteren Verlauf des „alten Drachen“, wie die Chinesen die Mauer auch nennen. Heute zog sich eine noch unberührte Schneedecke auf seinem Rücken entlang. Das Anthrazit der Mauerbrüstungen fasste das schimmernde Weiß beidseitig ein wie ein Doppelkamm auf dem Rücken eines Urzeitreptils. Fasziniert setzte Anna Schritt um Schritt in den Schnee, eine kindliche Freude ließ sie bald schneller gehen, bald hüpfen. Als sie innehielt um zurück zu schauen, hatte sie sich auf dem Mauerrücken schon ein ganzes Stück weit von der Festung entfernt.
Sie suchte in den Bergen den Punkt, an dem der steinerne Körper des alten Drachen aus der Endlosigkeit Chinas auftauchte und ließ ihren Blick langsam seinen Windungen folgen. Von hier schlängelte er sich hinunter zum Meer, wo er seinen Kopf in die Fluten tauchte. Eine kräftige Dünung verwandelte die Meeresoberfläche dort in einen wallenden Spiegel, auf dem das Licht der Vormittagssonne in gleißenden Reflexen tanzte. Anna musste blinzeln und hielt sich die Hand über die Augen, um die kleine Bastion, die den „Kopf des alten Drachen“ bildete, vor dem grell funkelnden Hintergrund ausmachen zu können. Nachdenklich blieb ihr Blick an dem Schauspiel haften. „Unglaublich… und doch… dort ist unwiderruflich Schluss.“ Diese schlichte Feststellung gefiel Anna nicht. Spürbar stieg Widerwillen gegen die Unerbittlichkeit auf, die ihr inne wohnte. Mit einem Ruck wandte Anna sich um und heftete den Blick auf ihre Fußspur. Auf diesem Mauerabschnitt war sie immer noch die einzige, niemand war ihr gefolgt. Langsam ging Anna auf ihr entlang zurück zur Festung.
Der Vormittag war schon fast um, als die Vier sich wieder beim Kartenhäuschen am Eingang sammelten. Die Bewegung in der Kälte hatte alle hungrig gemacht und so beschloss man, sich in der Stadt zunächst einen Mittagsimbiss zu gönnen, bevor es weiter ging zum „Kopf des alten Drachen“.
Kurz vor der Küste überwand die große Mauer einen letzten Hügel, der fast gänzlich von einer Bastion samt Plattform und Wehrgebäude eingenommen wurde. Von dort zog sie sich hinunter zu einem Wehrturm am Strand, um sich anschließend wie ein Zeigefinger auf einem Felsenriff durch die Brandung hinaus ins Meer zu schieben. Nach weiteren etwa hundert Metern endete sie dort.
Erika, Karla, Thuan und Anna waren auch hier wieder unabhängig voneinander auf Erkundungstour gegangen. Die Bastion auf dem Hügel interessierte Anna kaum, also schlenderte sie auf dem Mauerkamm langsam hinunter zum Wehrturm. Seine Schießscharten gaben Richtung Nordosten den Blick auf einige Frachtschiffe frei, die gemächlich ihrer Route von und zu den Hafenanlagen am Horizont folgten. Richtung Südwesten fing in einiger Entfernung eine malerische Seebrücke den Blick ein. Sie war mit zwei Pavillons bebaut, einem größeren am Ufer und einem kleinen draußen am Meer.
Auf dem Strand in der Nähe fielen Anna einige Kleidungsstücke auf, die säuberlich zusammengefaltet im Sand lagen, daneben ein Paar Schuhe. Es sah ganz danach aus, als wäre hier jemand schwimmen gegangen, aber mitten im Winter? Außerdem war Schwimmen nicht gerade chinesischer Nationalsport, kaum ein Chinese war überhaupt dazu in der Lage. Und doch, ohne Zweifel bewegte sich da ein Kopf zwischen den Wellen auf und ab, nahm langsam Kurs auf den Strand. Wenig später entstieg ein krebsrot angelaufener Chinese der Brandung und rannte so schnell er konnte zu seinen Sachen um sich darin einzumummeln. Schmunzelnd ging Anna weiter.
Lange ließ sie ihren Blick aufs Meer hinaus schweifen, als sie am Ende der Mauer angekommen war. Unwillkürlich pendelte er sich in östlicher Richtung ein, als müsse es ausgerechnet dort ein Ziel geben, das zu suchen sich lohnte.
„Wenn ich von hier aus übers Meer weiter nach Osten fliegen könnte… irgendwann kämen Nordkorea, das japanische Meer, Japan, die endlose Weite des Pazifik… und dann… dann wäre ich wieder zurück im Westen… an der Westküste Oregons vielleicht, dann New York, weiter ginge es über den Atlantik… und dann… Portugal!“ Ein leiser Schrecken durchrieselte sie. Unschlüssig tastete ihr Blick sich vom Horizont zurück bis zu den Schaumkronen der Brandung, die sich unter Anna am Fuß der großen Mauer brach. „Spielt es eine Rolle, in welcher Richtung ich von hier aus weiter gehe?“ spannen ihre Gedanken den Faden unerbittlich weiter. „…Weiter, immer weiter weg, nach Norden, Süden, Osten… oder zurück in die Richtung aus der ich gekommen bin… ist das nicht egal? – Komme ich am Ende nicht immer wieder dort an, wo ich losgegangen bin!?“ 
„Das ist schon ein magischer Ort hier…“ Karlas Stimme riss Anna aus ihren Gedanken. Karla lehnte schon eine ganze Weile neben Anna an der Brüstung am Ende der Mauer, ohne dass Anna dies bemerkt hatte. „Und ein Ort der einen zum Innehalten bringen kann…“ sagte Anna nachdenklich. Karla schaute sie lange von der Seite an. „Ja, irgendwann kommt der Punkt, an dem man umkehrt…“ bemerkte sie dann. Anna nickte. 

Familienfeste

Wie schon im Vorjahr zog Weihnachten am Campus der Pekinger Uni ebenso wie am ganzen Rest des Landes beinah spurlos vorüber. Die kleine Minderheit der westlichen Studenten feierte privat, wenn überhaupt. Anna, die sich zu den Weihnachtsmuffeln zählte, tat es ihren asiatischen Kommilitonen nach und kümmerte sich nicht weiter um das Fest. Insgeheim war sie froh, dem in Deutschland üblichen Weihnachtsrummel entgehen zu können.
Am Spätnachmittag des Vierundzwanzigsten saß sie in ihrer Wohnheimbude versunken über den Büchern, als jemand an die Tür klopfte. Anna öffnete zögerlich. Durch den sich langsam vergrößernden Türspalt lächelte Thuan ihr verschmitzt entgegen. „Fröhliche Weihnachten, Anna!“ Schwungvoll betrat sie den Raum und stellte ein Tablett auf dem Schreibtisch ab. Irgendwie hatte sie einen Teller voller Weih­nachtsgebäck organisiert, außerdem standen zwei große Coffee-to-go-Becher und zwei brennende Kerzen darauf. „Thuan!… Wie kommst ausgerechnet Du auf so eine Idee? Ich dachte Du kommst aus einem buddhistischen Elternhaus?“ – „Ja scho… abbr i han mr‘ denkt a bissle zamma hogga kennda mir drozdem…“ Thuan, die genau zu wissen schien, wann ihr schwäbischer Dialekt am besten zur Wirkung kam, kostete Annas Überraschung sichtlich aus. „Na dann, fröhliche Weihnachten, Thuan! – Meine Mitbewohnerin ist nicht da, komm rein, machen wir’s uns gemütlich.“ Im Stillen musste Anna sich eingestehen, dass sie gerührt war.
Anna nahm sich eins von den Plätzchen. „Mmmhhh… Lecker! Die schmecken ja wie selbstgebacken, wo hast Du die denn her?“ – „Meine Eltern haben mir ein fettes Care-Paket geschickt. Dieses Jahr haben sie die Plätzchen aber beim Bäcker kaufen müssen, denn bei uns daheim bin sonst ich die Plätzchenbäckerin…“ Eine Weile kauten beide schweigend und schauten zu, wie sich die beiden Kerzenflammen im sanften Luftzug wiegten, der das Zimmer durchstrich.
„Sag‘ mal Anna, hast Du schon Pläne für das Frühlingsfest und die anschließenden Semester­ferien? Es ist ja nicht mehr lang bis dahin…“ – „Oh ja, die habe ich. Ich geh‘ mit einer Freundin aus Deutschland auf Reisen…“ Anna wollte Thuan aber noch ein bisschen zappeln lassen. „Und Du, Thuan?“ – „Ich werde auch unterwegs sein, aber weder mit Kommilitonen noch mit Freunden…“ – „Sondern?“ Nun war es Anna, die zappelte. „Ich besuche meine Verwandtschaft…“ – „In Vietnam etwa?“ – „Nein, meine Mutter ist Chinesin, sie stammt aus Quanzhou in der Provinz Fujian. Einer ihrer Brüder lebt mit seiner Familie dort, sogar zwei steinalte Tanten meiner Mutter sind noch am Leben. Sie haben mich zum Frühlingsfest eingeladen.“ – „Kennst Du die Familie Deines Onkels denn gut?“ – „Nein, das ist eine Premiere für uns alle. Seitdem meine Eltern aus Saigon geflohen sind, waren sie weder in China noch in Vietnam, mein Bruder und ich natürlich erst recht nicht.“ – „Und bist Du aufgeregt ?“ – „Und wie! Die Familie meines Onkels natürlich auch. Seit sie wissen, dass ich Chinesisch lerne, setzen sie meine Mutter unter Druck, damit sie dafür sorgt, dass ich einmal nach Quanzhou komme. Und jetzt, wo ich in China bin, kann ich nicht mehr ausweichen.“ Thuan wurde nachdenklich.
„Es wird nicht so einfach werden, wie es von außen vielleicht aussehen mag.“ fuhr sie zögernd fort. „Die Familie meiner Mutter knüpft an meinen Besuch Erwartungen, die ich kaum erfüllen kann. Ich muss mit einem Riesenberg Geschenke hinfahren, denn sie sehen in mir so etwas wie eine Abgesandte aus dem Schlaraffenland.“ – „Das erinnert mich an meine früheren Reisen zu Verwandten in die damalige DDR.“ – „So ähnlich, nur dass in chinesischen Familien solche Denkweisen über zig Generationen hinweg verwurzelt sind, nicht nur über eine. Aber bei diesem Besuch kann ich von Glück sagen, dass es sich nur um die Familie meiner Mutter handelt.“ Thuan schaute bedrückt auf ihre Hände „Bei der Familie meines Vaters ist das alles noch viel schlimmer.“ Annas fragender Blick brachte sie dazu, fortzufahren. „Bei denen kann man nicht mehr von Erwartungen sprechen. Sie fordern von uns Geldgeschenke in einer Höhe, die weder meine Eltern noch ich erbringen können.“ – „Hm… und wie kommt es, dass die Familie Deiner Mutter Euch gegenüber so viel bescheidener auftritt?“ tastete Anna sich weiter vor. „Na ja, zum einen sind sie in der schwächeren Position, denn die Familie des Vaters gilt ja als vorrangig. Und dann sind sie eben Chinesen. Vietnamesische Familien sind in dieser Hinsicht oft viel unbeugsamer und fordernder…“ – „Willst Du die Familie Deines Vaters auch irgendwann besuchen?“ – „Nein, das kann ich mir nicht leisten!“ Thuan war das Thema sichtlich unangenehm geworden, so dass es Anna zunehmend leid tat, nachgefragt zu haben. Thuan hob den Kopf. „Möglicherweise gibt es später einen Weg…“ machte sie sich Hoffnung. „Wenn ich verheiratet wäre, vielleicht sogar selbst Kinder hätte, dann wäre die Situation einfacher für mich. Für meine Eltern aber noch lange nicht…“ – „Puh! Ist das kompliziert bei Euch!“ Anna verdrehte die Augen. „Ja, manchmal beneide ich die Deutschen schon darum, dass ihre Familien so überschaubar und die Beziehungen darin oft unverbindlich sind.“ Thuan überlegte. „Andererseits… für uns fühlt sich das auch kalt an.“ – „Hm… zumindest letzteres kann ich nachvollziehen…“ Nachdenklich griff Anna nach einem weiteren Plätzchen.
„Und wohin zieht es Dich und Deine Freundin denn nun, Anna?“ – „Ähm, also… das ist jetzt hoffentlich nicht schwierig für Dich…“ Anna druckste herum. „Wie meinst Du das denn?“ – „Na ja, wir reisen genau dort hin, wo Du anscheinend nicht so einfach hin kannst…“ – „Nein!“ Thuan schien Annas Reiseziel sofort erraten zu haben. „Doch, wir haben uns Vietnam vorgenommen, und auch ein wenig Kambodscha.“ – „Also mach Dir mal wegen mir keinen Kopf! Erzähl, was genau habt Ihr vor?“ – „Wir wollen uns in Saigon treffen und die ersten Tage samt Tet-Fest dort verbringen, dann eine Woche Sonne und Meer auf einer kleinen Insel nahe der kambodschanischen Grenze genießen, einige Tage Sightseeing im Mekong-Delta und dann noch eine Woche Kambodscha.
Tina will von da aus wieder zurück nach Deutschland und ich werde noch eine Woche Hongkong dran hängen, bevor ich wieder hierher komme.“ – „Wow! Einen richtig dekadenten Touristen-Urlaub willst Du also machen, anstatt Dich brav weiter durch das anstrengende China durchzuarbeiten!“ spöttelte Thuan kichernd. „Ha! Da ist was dran an der Sicht…“ Anna lachte. „Auch vom Ausstieg muss man mal Urlaub machen! – Das Einzige, was ich zu meiner Entschul­digung vorbringen kann ist, dass die Reiseplanung auf Tinas Mist gewachsen ist. In meinem Bekanntenkreis ist sie die unumstrittene Fernreiseweltmeisterin und Vietnam hatte sie für das kommende Jahr schon lange geplant. Als ich während der SARS-Krise in Deutschland war, haben wir dann vage ins Auge gefasst, die Reise gemeinsam anzugehen. Tina hätte sie auf jeden Fall durchgezogen, aber für mich hat sich das erst entschieden, als klar wurde, dass ich hier wahrscheinlich noch ein Semester dran hängen kann. So bleibt mir noch genug Zeit, auch China weiter zu erkunden.“

„Klingt nach einem guten Plan… Also, das Feuerwerk zum Tet-Fest unten am Saigon-Fluss dürft Ihr Euch nicht entgehen lassen, dass ist berühmt!“ Thuan schluckte nun doch. „Und das Essen, das müsst Ihr in allen Variationen ausprobieren!“ fuhr sie schnell fort. „Es ist in Vietnam viel besser als in China. Man legt mehr Wert auf die Qualität und verwendet fast nur frische Zutaten.“ – „Und was isst man typischerweise so?“ – “Ganz wichtig ist Pho, die traditionelle vietnamesische Brühsuppe in allen Varianten, dann viel Meeresfrüchte, Mangos, Papayas, Gewürze, Rollen und Röllchen verschiedener Machart, die vietnamesische Fischsoße natürlich und speziell für Dich, Anna: Vietnam ist Kaffeeanbaugebiet und der Kaffee ist richtig gut dort!“ Anna war überrascht. „Kaffee in Südostasien, wie kommt das denn?“ – „Den Kaffeeanbau haben die Franzosen zur Kolonialzeit eingeführt und die Vietnamesen haben das Kaffeetrinken von ihnen übernommen. Bloß ich nicht, ich komme da mehr nach meiner Mutter…“

„À propos, ist die Heimat Deiner Mutter nicht berühmt für ihren grünen Tee?“ wollte Anna wissen. „Oh ja, gerade die Gegend um Quanzhou, da wird der Tie-Guanyin-Oolong angebaut, ein Zwischending zwischen grünem und schwarzem Tee.“ – „Also, wenn Du die ganzen Geschenke bei Deiner Verwandtschaft abgeladen hast…“ Thuan lachte schelmisch. „Klar habe ich auf dem Rückweg ein bisschen Luft für eine Packung Tie-Guanyin für Dich.“ – „Danke! Wenn Du keinen Kaffee magst, gibt es dann was anderes, das ich Dir aus Vietnam mitbringen kann?“ – „Hm…“ Thuan schien zunächst nichts einzufallen. „Doch, Mondkuchen! Die gibt es in Vietnam traditionell im Herbst zum Mondfest. In Deutschland sind die guten vietnamesischen schwer zu bekommen und die chinesischen schmecken uns nicht… Ich werd‘ meine Eltern fragen, welches die beste Sorte ist…“ – „Am besten ich schicke sie dann von Saigon aus gleich nach Reutlingen.“ schlug Anna vor. „Oh, dann hast Du bei meinen Eltern einen dicken Stein im Brett, Anna“ Thuan lächelte.
Der erste Weihnachtstag war ein ganz normaler Unterrichtstag und da es in Annas Klasse außer ihr selbst nur noch Koreaner und Japaner gab, fehlte auch niemand im Unterricht. Als Anna nach dem Mittagessen ins Wohnheim zurückkehrte, hielt ihre Zimmergenossin ihr mit den Worten „Für Dich, Anna!“ den Telefonhörer entgegen.
„Frohe Weihnachten, Anna!“ drang Abe’s gut gelaunte Stimme aus dem Hörer. „Das ist aber eine nette Überraschung, herzlichen Dank!“ Nach anfänglicher Freude machten Abe’s Weihnachtswünsche Anna jedoch verlegen. „Das Chanukka-Fest habe ich völlig verschlafen…“ – „Oh, das macht nichts, das sind wir gewohnt, außerdem sind jüdische Rituale für mich schon lange unwichtig.“ – „Dann habe ich ja nochmal Glück gehabt.“ – „Es kommt aber noch schlimmer für Dich, Anna!“ sogleich legte Abe feixend nach. „Lin und ich wollen Dich heute Abend zum Essen einladen. Und keine Ausreden bitte, ein Tisch ist schon reserviert!“ – „Au Weia! Da bleibt mir wohl nur die Kapitulation.“ seufze Anna gespielt. „Komm so gegen Sechs zu uns, wir fahren dann zusammen hin.“ – „Gut, bis dann, ich wünsche Euch noch einen schönen Tag!“
„In welches Restaurant geht es denn?“ wollte Anna wissen, nachdem die Drei abends im Taxi Platz genommen hatten. „Wir dachten, ein chinesisches passt nicht zu Weihnachten und die europäischen sind entweder schlecht oder überteuert.“ erwiderte Lin ausweichend. „Also, wir haben einen Kompromiss gesucht, aber lass Dich überraschen, Anna!“ Abe grinste.
Es war schon dunkel, als sie vor dem Restaurant hielten. Bevor es hineinging konnte Anna gerade noch die drei Zeichen „Pang-Zhe-Pu“ auf dem Schild über dem Eingang entziffern, aber dieses Wort sagte ihr zunächst nichts.
Drinnen war nur das Service-Personal und ein Großteil der Besucher chinesisch während die Einrichtung, die Speisen auf den Tischen der anderen Gäste sowie die Gestalt des Managers, der sie an ihren Platz führte, keinen Zweifel daran ließen, dass es sich um ein indisches Restaurant handelte. „Die Überraschung ist Euch wirklich gelungen!“ entfuhr es Anna, die indisches Essen liebte. Beim Anblick der vollen Platten auf den Nachbartischen lief ihr sofort das Wasser im Munde zusammen.
„Wie seid ihr darauf gekommen, ausgerechnet ein indisches Restaurant auszuwählen?“ wollte sie wissen, nachdem die Bestellungen aufgegeben waren. „Also, wir haben ja noch keine Hochzeitsreise gemacht…“ begann Lin. „Bisher war einfach keine Zeit dafür, aber in den Semesterferien wollen wir sie nun nachholen…“ – „Ihr wollt doch nicht etwa nach Indien?“ fragte Anna überrascht. „Erraten!“ bestätigte Abe. „Zum Frühlingsfest sind wir bei Lins Eltern eingeladen, aber danach fliegen wir nach New Delhi.“ – „Wow! Und wie geht die Reise dann weiter?“ – „Wir haben nur für die ersten Tage ein Hotel gebucht, mal schauen, wohin es uns anschließend zieht…“ Lins Augen glänzten vor Vorfreude. „Also ich will unbedingt noch nach Mumbai und Kalkutta…“ Abe schien konkretere Vorstellungen zu haben. Nur wenig später wurde das Essen serviert und drängte das Interesse an Lins und Abes Hochzeitsreise in den Hintergrund.
„Das Essen ist wirklich erstklassig hier!“ bemerkte Anna kauend. „Und es ist das merkwür­digste Weihnachtsessen, an das ich mich erinnern kann.“ fügte sie schmunzelnd hinzu. „Ha! Eine Chinesin, ein Jude und eine Deutsche gehen in Peking zum Inder um Weihnachten zu feiern…“ fing Abe, der sofort verstanden hatte, den Ball auf. „Hihi, so könnte einer von diesen Weihnachtswitzen beginnen, die im Internet kursieren!“ kicherte Anna. „Darauf ein Schluck Qingdao!“ Lachend hoben die drei ihre Biergläser.
„Sag mal, wie wird in Deutschland denn Weihnachten gefeiert, Anna?“ fragte Lin nach einer Weile. „Bei uns gilt Weihnachten als Familienfest, so ähnlich wie das Frühlingsfest bei Euch.“ versuchte Anna zu vergleichen. „Allerdings empfinden Deutsche nur ihre allernächsten Anverwandten als Familie und mit diesen wollen sie an Weihnachten unter sich bleiben, insbesondere am Vierund­zwanzigsten. An diesem Tag gibt es bei uns die Geschenke, aber da feiern meist nur die Eltern mit ihren Kindern. So war es auch in meiner Kindheit.
Am ersten Weihnachtstag ist man etwas offener, bekommt vielleicht Besuch von Großeltern, Onkeln oder Tanten, aber das ist nicht in allen Familien die Regel. Und wer gerade keinen engen Familienanschluss hat, der wäre überall das fünfte Rad am Wagen und bleibt über Weihnachten am besten für sich.“ – „Dann herrscht Weihnachten bei Euch ja geschlossene Gesellschaft, man ist drinnen oder draußen, alles oder nichts.“ resümierte Abe. „Das trifft ins Schwarze,“ nickte Anna. „Hm, ein Frühlingsfest ohne Großeltern, Onkel, Tanten oder Freunde wäre in meiner Familie undenkbar…“ Lin war nachdenklich.
„Stimmt, letztes Jahr war ich zum Frühlingsfest bei der Familie einer chinesischen Freundin eingeladen und auch für dieses Jahr hatte ich eine Einladung, musste jedoch absagen, da ich zu der Zeit auf Reisen sein werde. Daher habe ich chinesische Familien am Frühlingsfest als viel offener erlebt als deutsche Familien zu Weihnachten.“ bestätigte Anna. „In den USA ist es bei den christlichen Familien ebenfalls üblich, an Weihnachten alle möglichen Verwandten oder Freunde zu besuchen, nicht nur die allerengsten.“ ergänzte Abe.
„Hast Du Deine letzten Weihnachten auch alleine verbracht?“ tastete Lin sich nun vor. „Also, letztes Jahr war ich schon hier in Peking, kannte aber noch kaum jemanden näher. Da konnte ich Weihnachten sehr gut einfach ignorieren.“ Anna dachte nach. „Und die Jahre davor gab es zwei Varianten. Als ich noch keine Chinesen kannte, habe ich mir aus Weihnachten nichts gemacht und es einfach als ein paar freie Tage genossen. Und danach war ich mit chinesischen Freunden Essen oder hatte selbst welche zu Besuch.“ – „Dann passt dieses Weihnachten ja wieder ins Bild!“ brachte Abe es grinsend auf den Punkt. „Übrigens, wenn die Christen Weihnachten feierten sind wir immer ins Kino gegangen, es war unser eigenes Weihnachtsritual. Im Kino waren wir Juden dann ausnahmsweise mal in der Überzahl und die Filme waren an dem Tag oft besonders gut.“
Abe nahm einen tiefen Zug aus seinem Bierglas und für eine Weile konnten Speisen und Getränke das Interesse der Drei wieder auf sich lenken.
„Erwähntest Du nicht gerade, dass Du zum Frühlingsfest auf Reisen bist, Anna? Wo geht es denn hin?“ fragte Lin, während sie ein Stück Fladenbrot in eine Fleischsoße tunkte.
Anna erzählte von ihren Reiseplänen. „Vietnam und Kambodscha kennen wir auch noch nicht… es gibt so vieles hier in Asien, das wir noch nie gesehen haben…“ sagte Abe nachdenklich, als Anna ihren Bericht beendet hatte. Dieser schien den sonst meist gut gelaunten Abe melancholisch gestimmt zu haben. „Nun, Ihr habt doch noch so viel Zeit, das alles nachzuholen.“ wollte Anna ihn aufmuntern. Abe zögerte „Hm, vielleicht sollten wir die Katze jetzt aus dem Sack zu lassen…“ Einen Augenblick sah er hinüber zu Lin, als wollte er ihr Einverständnis einholen. Die nickte aufmunternd. „Also, nach unserer Rückkehr aus Indien geht unsere Zeit in Asien ihrem Ende entgegen, Anna.“ Er schluckte. „Wir werden dann beginnen, uns auf die Rückkehr in die USA vorzubereiten. Das heißt, es wird ja nur für mich eine Rückkehr sein.“ Einige Augenblicke herrschte Schweigen am Tisch.
„Und wann soll es soweit sein?“ fragte Anna dann leise. „Im Juni. Dann bleibt uns bis zum Beginn des folgenden Semesters noch ausreichend Zeit, uns neu einzurichten.“ – „Ich muss natürlich zuerst einmal mein Englisch verbessern.“ warf Lin eifrig ein. Im Gegensatz zu Abe schienen diese Zukunftspläne sie mit Vorfreude zu erfüllen. „Vielleicht kann ich nebenher mit Chinesisch-Unterricht Geld verdienen. In San Francisco soll es inzwischen einige amerikanische Familien geben, die ihre Kinder Chinesisch lernen lassen wollen.“ – „Aha, ihr wollt Euch also in San Francisco niederlassen… und was willst Du dann machen, Abe?“ – „Ich will mich beruflich neu orientieren und Psychologie studieren. Mir ist im Verlauf des letzten Jahres immer klarer geworden, dass es für mich keinen Sinn macht, in meinen alten Beruf zurück zu gehen, ich war nie wirklich zufrieden damit.“ Abe schaute nachdenklich auf seinen Teller.
„Ich habe zwar noch Ersparnisse und werde nebenher jobben, aber die Zeit, bis ich im neuen Beruf endlich Geld verdienen kann, wird trotzdem sehr schwer werden für uns.“ – „Das kann ich mir gut vorstellen…“ Anna begann zu verstehen, warum Abe die Aussicht auf die Rückkehr nicht gerade fröhlich stimmte.
„Können Deine Eltern Euch denn unterstützen?“ wollte Anna wissen. „Sie können es sicher und wenn ich sie darum bitte, werden sie es wahrscheinlich tun…“ Er zögerte. „Aber ich habe sie nicht gefragt, denn ich will ihr Geld nicht!“ beendete er das Thema brüsk. Anna wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. „Anna, wir können es schaffen und wir werden es schaffen, davon bin ich überzeugt!“ kam es da von Lin mit einer selbstverständlichen Bestimmtheit, die Anna zuvor an ihr noch nie bemerkt hatte. Abe warf Lin einen bewundernden Blick zu. „Sie ist eben Chinesin…“ sagte er dann langsam.

Die Summende

Abends nach Neun bei fünfundzwanzig Grad und einer lauen Brise auf der Dachterrasse eines Hotels die Füße hochlegen klingt paradiesisch. Aber für Anna, die bis vor ein paar Stunden noch in der trockenen Winterkälte Pekings gelebt hatte, war es ein Schock. Auch Tina, angereist aus dem nasskalten Schmuddelwetter Norddeutschlands, ging es nicht besser. Schlapp und schwitzend hingen beide mehr in den Rattansesseln als dass sie darin saßen, gelegentlich nippte eine von ihnen an ihrem Getränk.
Verhaltener Verkehrslärm drang von der Straße herauf. Nach einiger Zeit gelang es ihm, Annas Neugierde wach zu kitzeln. „Jetzt muss ich doch mal gucken, wie Saigon bei Nacht von oben aussieht…“ Mit dem Getränk in der Hand lehnte sie sich an die Brüstung und ließ ihren Blick schweifen. „Schau mal Tina, da unten ist eine Fußgängerzone… überall hängen bunte Lichterketten von den Ästen der Bäume wie leuchtendes Lametta…“ Tina blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls aus dem Sessel zu wuchten.
Ans Geländer gelehnt schauten sie über hell erleuchtete Straßenzüge und Kreuzungen, sahen lachenden jungen Frauen hinterher, die leicht bekleidet und mit wehenden Haaren auf Rollern vorüber flitzten, beobachteten Familien, die mit Kindern an den Händen durch die Fußgängerzone schlenderten und versuchten, einen ersten Eindruck von Saigons Abendmelodie einzufangen.
„Das Hotel hast Du gut ausgesucht, Tina. Von hier aus können wir morgen direkt zu Fuß loslaufen…“ Das Panorama begann, Annas Vorfreude zu wecken. „Gut dass wir vor dem Tet-Fest noch zwei Tage Zeit haben, um uns einiges anzuschauen. Ich habe eine lange Liste, was ich alles sehen will!“ Auch Tina wurde ein klein wenig munterer. „Dann lass uns heute bald schlafen gehen, damit wir morgen frisch sind. Dein Flug dauerte ja noch viel länger als meiner…“ schlug Anna vor. „Du hast recht, mir steckt die Reise ziemlich in den Knochen.“ Ein paar Minuten schauten sie noch schweigend über das nächtliche Saigon, hielten sich anschließend tapfer an ihren Getränken fest bis diese leer waren, dann schlurften sie todmüde ins Hotelzimmer.
Am nächsten Tag erkundeten Tina und Anna als erstes alte Zentrum Saigons von der Cathédrale Notre Dame bis zum Rathaus. Dominiert von perfekt restaurierten kolonialen Prachtbauten, Kirchen, kleinen Parks und Alleen entfaltete der Stadtkern einen Zauber, der beide überraschte. Die breite Allee, die auf das alte Rathaus zulief, war auf ganzer Länge Fußgängerzone. Sattgrün belaubte Bäume fassten sie zu beiden Seiten ein, davor Rasenflächen, kleine Blumenbeete, Sitzbänke und große Keramikkübel aus denen mannshohe Aprikosenbäume ihre leuchtend gelbe Blütenpracht in den blauen Himmel streckten.
In der Mitte der Allee flanierten gut gelaunte Menschen im Sonntagsstaat auf und ab, andere ließen sich auf den Bänken nieder, kleine Mädchen wurden von ihren Müttern in die Kübel unter die Aprikosenblüten gestellt damit Papa ein Neujahrsfoto schießen konnte und über allem strahlte die Vormittagssonne, als wollte sie den Winter für immer aus Tinas und Annas Gedächtnis löschen.
Die ließen sich bald ebenfalls auf einer Bank nieder um eine kleine Pause einzulegen. „Ahhh… endlich Sonne!“ seufzte Tina, streckte ihr Gesicht in die Sonne und die Füße weit von sich. „Was habe ich mich während der letzten Wochen auf solche Augenblicke gefreut!“ Auch Anna räkelte sich in den wärmenden Strahlen, sah dem Treiben der Leute um sich herum zu und wurde etwas schläfrig dabei. „Es ist nicht zu übersehen, dass sie alle schon in Festtags­stimmung sind…“ murmelte sie nach einer Weile vor sich hin. „Genau das Richtige für uns Winter­flücht­linge! Komm Anna, nicht einschlafen, lass uns wieder losgehen!“
Die Sonne hatte es anscheinend nicht geschafft, Tina ihre Besichtigungsliste vergessen zu lassen. „Was kommt denn als nächstes?“ fragte Anna demonstrativ gähnend. „Also, wir laufen jetzt in Richtung Jade-Tempel. Das führt uns raus aus dem historischen Stadtzentrum und wir kommen durch Viertel, in denen die Menschen wohnen und leben, nicht nur flanieren.“ Schnell gewann Annas Neugierde wieder die Oberhand und so war sie noch vor Tina wieder auf den Beinen.
Als sie die letzten kolonialen Villen hinter sich gelassen hatten, wurden die Straßen schmaler, die Häuser rückten aneinander und in ihren Erdgeschossen gab es nun Geschäfte, Restaurants und kleine Werkstätten, in denen man emsig seinem Tagewerk nachging. Unvermittelt fanden Tina und Anna sich in einer durch und durch asiatischen Großstadt wieder. Viele Häuser hier waren offensichtlich Neubauten und hatten einen frischen Anstrich in leuchtendem Orange, Blau oder Gelb. Die meisten waren aber nur so schmal wie ein Zimmer breit war, dafür fünf bis acht Stockwerke hoch, gekrönt von einer mit Kübelpflanzen bestückten Dachterrasse. „Die Leute bauen hier ihre eigenen Häuser, seit die Regierung wieder Immobilienbesitz erlaubt hat.“ begann Tina zu erzählen. Sie hatte sich gründlich auf die Reise vorbereitet und Anna, die bis kurz vor Reiseantritt noch auf Prüfungen büffelnd über den Büchern gehangen hatte, freute sich über ihre kundige Reiseleitung. „Baugrund ist in Saigons Innenstadt horrend teuer und so legen die Familien zusammen, kaufen eine Miniparzelle und stapeln die Zimmer übereinander, verbunden durch ein Treppenhaus hinten oder an der Seite. Meist ziehen mehrere Generationen gemeinsam ein um eine eine Wohn- und Wirtschafts­gemeinschaft zu bilden. Die Möglichkeit, sich ein eigenes kleines Reich aufzubauen motiviert die Leute natürlich, das Beste aus ihren Möglichkeiten heraus zu kitzeln…“
Und dabei schien ein farbenfroher Hausanstrich noch lange nicht das Ende der Fahnenstange darzustellen. Aus den Stilrichtungen aller Herren Länder kreuz und quer kombinierte Fassadenelemente zogen Annas Blick auf sich. Säulenförmige Fensterlaibungen trugen an griechische Tempel erinnernde Architrave, als Tempelgiebel gestaltete Brüstungen fassten die darüber liegende Dachterrasse ein und von ganz oben spendete ein rund gebogenes Wellblechdach Schatten. Am Nachbarhaus drängten sich massiv gemauerte Balkonbrüstungen mit kitschigen Stuckornamenten vor, dahinter waren romanische Rundbogenfenster mit dicken Butzenscheiben kombiniert, ein Haus weiter dann die schlichten Rechtecke einer modernistisch gestalteten Häuserfront. „Schaffe, schaffe Häusle baue! Die ticken hier wohl ähnlich wie die Schwaben bei uns…“ grinste Anna „Und jeder muss es noch ein bisschen bunter und kitschiger haben als der Nachbar“ kicherte Tina. „Den Vietnamesen kann es nicht schlecht gehen, wenn sie sich so viel Firlefanz an ihren Häusern leisten können.“ resümierte Anna. „Stimmt, man sagt, Vietnam stehe am Anfang eines Wirtschaftsbooms, viele Leute sind optimistisch und trauen sich wieder, auch mal Geld für Luxus auszugeben.“
Während Tina und Anna langsam weiter in Richtung Jade-Tempel schlenderten, wurde bald deutlich, dass die Familien in den Turmhäusern zu einer aufstrebenden Bevölkerungsschicht gehören mussten, deren Wohlstand nicht repräsentativ war. Die bunten Neubauten wichen älteren, niedrigeren Häusern und die Geschäfte und Restaurants wurden schlichter. Noch weiter die Straße hinunter begannen große Mehrfamilienhäuser das Bild zu dominieren, die meisten wieder neueren Datums und in gutem Zustand. Noch weiter des Weges entlang machten die Mehrfamilienhäusern wieder kleineren, zwei oder dreistöckigen Neubauten Platz, deren Besitzer ebenfalls zu einigem Wohlstand gekommen sein mussten.
Der Mittag war schon vorüber, als Tina und Anna ihr Ziel erreichten. Auch der Tempel des Jadekaisers war restauriert. Der Hof vor dem Eingang wurde von einem quadratischen Brunnen mit ziegelrot gestrichener Ummauerung eingenommen, mitten drin ein Keramikkübel mit einer Lotospflanze. „Puh, bevor wir reingehen könnte ich eine Pause gebrauchen“ meinte Tina während sie den Brunnen umrundeten. „Geht mir ähnlich. Schau mal, dort neben dem Eingang können wir uns in den Schatten setzen.“ Von der kühlen Steinbank aus hatten sie das Kommen und Gehen der Leute gut im Blick. Offensichtlich hatte der religiöse Daoismus, zu dessen Götterwelt der Jadekaiser gehörte, viele praktizierende Anhänger hier. Im Tempel herrschte geschäftiges Treiben, die Leute kamen mit Räucherstäbchen und Blumen um für die Erfüllung ihrer Neujahrswünsche zu bitten. Außer Tina und Anna ließen sich keine weiteren Touristen blicken. Einige Zeit später durchstreiften sie neugierig das Innere der Tempelanlage, sahen den Menschen bei ihren Ritualen zu und Tina gab hin und wieder ein paar Erklärungen aus ihrem Reiseführer zum Besten.
„In China gibt es auch daoistische Tempel, auch dort sind die meisten von ihnen inzwischen restauriert worden. Aber die Besucher, auch die chinesischen, sind fast nur Touristen oder Leute auf dem Sonntagsausflug. Nur wenige sieht man mal räuchern oder gar beten…“ bemerkte Anna nachdenklich. „Aber, stammt der Daoismus ursprünglich nicht aus China?“ fragte Tina erstaunt. „Ja schon, aber die zehn Jahre Kulturrevolution haben in China einen harten Bruch verursacht. Für uns ist es nur schwer vorstellbar, wie tief der Graben zwischen Tradition und Moderne ist, den sie den Chinesen hinterlassen hat.“ – „Dann ist diese Religion heute wohl im kommunistischen Vietnam noch lebendiger als in China.“ wunderte sich Tina. „Da hast Du mehr recht als Du vielleicht ahnst. Östlich von Qingdao gibt es auf dem Lao-Shan beispielsweise ein altes daoistisches Kloster, ehemals eines der wichtigsten Klöster des Daoismus überhaupt. Der Legende nach soll der daoistische Mönch Zhang Sanfeng dort die Prinzipen des Taiji entdeckt haben, als er den Kampf eines Kranichs mit einer Schlange beobachtete.“ Anna kam ins Erzählen. „Letztes Jahr um diese Zeit herum habe ich ja einige Zeit in Qingdao verbracht und bin natürlich auch zum Laoshan gefahren. Schon seit einiger Zeit ist das Kloster wieder von Mönchen bewohnt. Neben den Tempeln gibt es dort vor allem Bibliotheken voller alter daoistischer Schriften. Überhaupt wirkte das Ganze eher akademisch auf mich, weniger religiös. Ich hatte den Eindruck die Mönche beschäftigten sich hauptsächlich mit den Büchern, während ihre Gottheiten in den Tempeln als Touristenattraktion das täglich Brot zu verdienen hatten. Und auch auf dem Laoshan sind die Besucher meist nur auf Sightseeing aus. Die Chinesen unter ihnen wissen natürlich, dass sie dort die Wurzeln ihrer Kultur besichtigen, aber nur ganz wenige haben noch einen persönlichen Bezug zu irgendeiner der vielen Facetten des Daoismus.“ – „Was für eine Entwurzelung…“ Tina wirkte nachdenklich.
Unweit der Jade-Pagode gelangten Tina und Anna an die Ufer eines kleinen Nebenflusses, der sich in einiger Entfernung in den Saigon-Fluss ergoss. Die vage Hoffnung auf einen schönen Blick über den Fluss von der nahe gelegenen Brücke oder auf ein Café am Ufer, in dem sie sich erfrischen konnten, hatte sie diesen Weg nehmen lassen. Aber der Anblick, der sich ihnen hier bot, ließ sie geschockt inne halten. Am Flussufer gingen die frisch gestrichenen Neubauten des Stadtviertels abrupt in etwas über, das man nur als Slums bezeichnen konnte. Auf beiden Seiten des Flusses hingen aus verrostetem Wellblech und schimmeligen Holzplatten wackelig zusammen genagelte Hütten auf krummen Pfählen über den Ufern, darunter ein müllübersäter Streifen schwarzen Schlicks, der zur Flussmitte hin in ein seichtes, nach Kloake stinkendes Gewässer überging. „Saigon von hinten…“ brachte Anna nach einiger Zeit hervor. „Anscheinend hat der Wirtschaftsboom noch nicht alle erreicht.“ versuchte Tina sich einen Reim auf den Anblick zu machen. „Oder umgekehrt, er zeigt hier seine Schattenseiten.“ meinte Anna.
Den beiden blieb nichts anderes übrig, als den Rückweg anzutreten. Sie wählten eine andere Route als die, auf der sie hergekommen waren und hatten Glück. Unweit hatte doch noch ein kleines Café geöffnet, in dem sie sich niederlassen konnten.
Es war schon Spätnachmittag, als sie sich in Richtung ihres Hotels wieder in Bewegung setzten. Der nahende Abend schien Saigon erst richtig erwachen zu lassen. Viele der kleinen Läden waren nachmittags geschlossen gewesen, aber nun wurden ihre Rollos mit lautem Scheppern hochgezogen. Kleine Tische wurden an die Fahrbahnkante geschoben und Vasen mit kunstvoll gebundenen Sträußen aus rosa blühenden Pfirsichzweigen, Rüschen und gefärbten Gräsern darauf gestellt. Tina und Anna konnten nicht ergründen, ob die Sträuße als Festtagsschmuck dienten oder ob sie zum Verkauf standen.
Immer mehr Menschen bevölkerten die Bürgersteige und auf den Straßen verwandelte sich der vorher spärlich fließende Verkehr binnen einer halben Stunde in eine wahre Sturzflut aus Rollerfahrern. Ihr ununterbrochener Strom überschwemmte alle Fahrbahnen, sickerte auf die Bürgersteige und erfüllte die Häuserschluchten mit ohrenbetäubendem Gebrumm. Wer zu Fuß, mit dem Auto oder gar mit einem Lastwagen unterwegs war und es nicht verstand, sich von diesem Fluss mittragen lassen, der strandete hilflos am Rand oder schlimmer, mitten drin.
Tina und Anna ließen sich durch das Getümmel treiben, schauten sich die Auslagen in den Läden an, beobachteten Rollerfahrer, die sich mit kleinen Kumquatbäumen voller Früchte auf dem Gepäckträger durch den Verkehr schlängelten oder am Bürgersteig auf ein Schwätzchen mit den Ladenbesitzern halt machten. Die meisten Leute waren sichtlich gut gelaunt, Bekannte grüßten sich von Weitem und gelegentlich klang das Lachen junger Leute von den vorbei flitzenden Rollern herüber. Hin und wieder war es notwendig, die Straße zu überqueren, was auch an Kreuzungen mit Verkehrsampel jedes mal ein kleines Abenteuer war. Erst als sie das koloniale Stadtzentrum, in dem auch ihr Hotel lag, wieder erreicht hatten, nahm auch das Gewimmel in den Straßen etwas ab.
Für das Abendessen hatte Tina ein Restaurant ausgesucht, das in ihrem Reiseführer wegen seiner besonders authentischen vietnamesischen Küche gelobt wurde. Als sie jedoch die Speisekarte musterte dauerte es nicht lange und Tina ließ sie entmutigt auf den Tisch sinken. „Das liest sich alles so toll hier, aber leider sagt es mir gar nichts.“ bemerkte sie resigniert. „Also, meine vietnamesische Freundin hat gesagt, wir müssen auf jeden Fall Pho probieren, am besten mit verschiedenen Gemüsen, Koriander, Sojasprossen und Rindfleisch. Vielleicht noch ein paar Frühlingsröllchen mit Fischsoße dazu… Schau mal hier, da haben sie so etwas auf der Karte. ..“ Eine junge Serviererin hatte sich inzwischen ihrem Tisch genähert. „Do you speak English?“ fragte sie freundlich.
Ab da war es nicht mehr schwierig, sich auf eine Speiseauswahl zu einigen. Und schon nach den ersten Bissen musste Anna Thuan im Stillen recht geben. Das vietnamesische Essen war Klassen besser als alles, das sie jemals in China gegessen hatte. „Mhhh, ist das lecker hier!“ Auch Tina war begeistert. „Ich glaube, wir beide geben ein gutes Reiseteam ab, Anna.“ Anna schaute fragend von ihrer Suppenschüssel auf. „Also, ich suche aus was wir besichtigen und Du sorgst dafür, dass wir abends was Anständiges auf dem Teller haben.“ kicherte Tina.
Bevor sie sich in ihr Hotelzimmer zurück zogen, saßen sie auch an diesem Abend wieder mit einem Getränk auf der Dachterrasse ihres Hotels. Der Ausblick von dort oben war einfach zu bezaubernd, um ihn sich auch nur einmal entgehen zu lassen. Wieder standen sie mit dem Glas in der Hand nebeneinander an der Brüstung und ließen ihren Blick über das immer noch lebhafte Treiben unter sich schweifen. „Also ich glaube, ich bin dabei mich in Saigon zu verlieben…“ gestand Tina nach einer Weile. „Oh ja, mir geht es nicht viel anders. Irgendwie strahlt diese Stadt… sie strahlt und summt.“

Wo der Pfeffer wächst

Seit dem frühen Morgen waren Tina und Anna auf den Beinen und doch waren sie spät dran. Eilig packten sie ihre Koffer um in Richtung Flughafen aufzubrechen. Das morgendliche Saigoner Verkehrschaos stellte den Taxifahrer und seine beiden Fahrgäste auf eine nerven­zehrende Geduldsprobe, an deren Ende sie gerade noch rechtzeitig, verschwitzt und außer Atem am Schalter der vietnamesischen Fluggesellschaft eintrafen.
„Uff, ab jetzt geht es hoffentlich etwas geruhsamer weiter.“ Tina atmete tief durch. „Und ich bin jetzt gespannt, wohin es überhaupt weiter geht“, antwortete Anna. „Ich kann mir den Namen dieser Insel, die Du da ausgesucht hast, einfach nicht merken.“ Sie schaute auf ihr Flugticket. „Phu Quoc – Was der Name wohl bedeutet?“ – „Keine Ahnung“, Tina zuckte mit den Achseln.
Bald nachdem das Flugzeug seine Reisehöhe erreicht hatte, sahen sie unter sich die lehmgelben Flussarme des Mekong in der Sonne glitzern. Seine Fluten suchten sich durch ein weit verzweigtes Flussdelta ihren Weg zum Ozean, wo sie ihre lehmige Fracht mit breiten gelben Zungen in das tiefe Blau spien. In einem Bogen führte ihre Route sie anschließend nach Nordwesten Richtung kambodschanische Grenze auf den Golf von Thailand hinaus. Und eine halbe Stunde später ging das Flugzeug auch schon wieder in den Sinkflug über.
„Ist es vom Flughafen aus weit bis zu dem Hotel, das Du gebucht hast?“, wollte Anna wissen. „Och, ein Stück weit müssen wir schon noch über die Insel fahren. Aber keine Sorge, wir werden am Flughafen abgeholt. Und davon abgesehen, lass Dich doch einfach mal überraschen, Anna. Du kannst jetzt ja eh‘ nichts mehr ändern“, schmunzelte Tina.
Der Taxifahrer, der sie abholte, stand gleich neben dem Ausgang der kleinen Ankunftshalle, hielt ein Schild mit ihren Namen hoch und begrüßte sie mit breitem Grinsen. Schnell wurde deutlich, das eine Verständigung mit ihm nur mit Händen und Füßen möglich war. Also trotteten sie ergeben hinter ihm her, Tina mit großem Reiserucksack und Umhängetasche, Anna mit großem Rollenkoffer und einem Minirucksack auf dem Rücken.
Draußen warteten gut zwei Dutzend Taxis und eine Handvoll Minibusse auf Fahrgäste. Der Taxifahrer durchschritt ihre Reihen jedoch und hielt auf einen weiter entfernt liegenden Parkplatz zu. Dort blieb er, nach wie vor breit grinsend, vor einem zweisitzigen roten Moped stehen. Tina und Anna schauten ihn ratlos an. Er überlegte einen Moment, dann begann er, mit den Armen zu deuten und zu rudern. „Ähem… wie meint der das jetzt, Tina?“ – „Ich glaube er meint, wir sollen aufsteigen…“ erwiderte diese achselzuckend. „Und das Gepäck?“ Anna deutete fragend auf ihren Koffer. Der Taxifahrer schien das als Ermunterung zu verstehen, nahm ihr schnell den Rollenkoffer aus der Hand und wuchtete ihn mit Schwung hochkant in die Mitte des Mopedsattels. Dann bedeutete er ihr, sich hinter ihren Koffer zu setzen und diesen festzuhalten. Anna war zu überrumpelt, um Widerstand zu leisten und tat wie ihr gehießen. Tina wurde hinter Anna auf den Sitz dirigiert, wo ihr nichts anderes übrig blieb, als hinter sich zu greifen um sich am Gepäckträger festzuklammern. Nicht einmal der Fahrer selbst trug einen Sturzhelm, die Frage nach zusätzlichen Helmen für seine Mitfahrerinnen erübrigte sich. Ungerührt grinsend schwang er sich vor Anna auf den Sattel, die ihren Koffer samt Fahrer umarmen musste, um während der Fahrt das Gleichgewicht halten zu können. Der Fahrer startete und steuerte sein vorwurfsvoll knatterndes und qualmendes Maschinchen zur Durchgangsstraße Richtung Südwestküste.
Während das Moped mühsam Fahrt aufnahm, stauchte jede Delle im Asphaltbelag die völlig überlastete Federung bis zum Anschlag zusammen. Die Stöße fuhren Anna den Rücken hinauf, panisch suchte sie einen stabileren Halt für ihre Füße. „Ausblenden, festhalten, mitgehen und nach vorne schauen!“ befahl sie sich immer wieder, als sie merkte, wie tausenderlei Befürchtungen in ihrem Kopf Samba zu tanzen begannen. Es war Jahrzehnte her, seit sie selbst Motorradfahrerin gewesen war, aber das war in einer anderen Welt gewesen.
Langsam gelang es ihr, etwas mehr von der Landschaft zu beiden Seiten der Straße wahrzu­nehmen. Zunächst säumten noch schlichte kleine Vorstadthäuser mit umzäunten Gärten die Straße, bald machten diese jedoch einer lockeren Mischung aus Feldern, Buschwerk und kleinen Wäldchen Platz. Eine Erde aus sienarotem Ocker kontrastierte lebhaft mit dem saftigen Grün, das ihr entspross. Sienaroter Staub lag auf dem Asphalt, bis ein Fahrzeug ihn in Wolken hochwirbelte um die entgegenkommenden Verkehrsteilnehmer damit einzupudern.
Nach wenigen Kilometern endete die Asphaltdecke der Straße in einer hausgroßen Mulde, die der Fahrer gekonnt durchfuhr. „Wir haben richtig Glück!“ schrie Tina da von hinten. „Wieso?“ – „Naja, es könnte ja auch ein Tropenregen niedergehen!“ Anna hatte plötzlich vor Augen, wie das Moped samt Fahrgästen und Gepäck bis über den Sattel in sienarotem Schlamm versank und der Motor hustend darin absoff. „Tina, Du bist wirklich krisenfest!“ prustete sie lachend. Die Spannung war gebrochen. Ab nun begann Anna die Fahrt zu genießen, die in einen Slalom um riesige Schlaglöcher herum überging.
Als sie nach einiger Zeit durch ein kleines Dorf kamen, hielt der Fahrer an um seinen Fahrgästen eine Pause zu gönnen. Weiter ging es anschließend über einen kurvigen Feldweg, der in hügeligem Gelände verstreute kleine Weiler miteinander verband. Und dann, nachdem sie eine Anhöhe erklommen hatten, leuchtete unvermittelt das Türkis des Ozeans unter ihnen, eingefasst von einer mit weißem Sandstrand gesäumten Bucht. Der Fahrer stoppte, um sie den Anblick genießen zu lassen. Unten am Strand sah man ein paar hohe Palmen, eine Handvoll leere Plastikliegestühle stand weit verstreut zwischen ihnen herum. Zurück­gesetzt, am Fuß des Abhangs, ein Restaurant mit Terrasse, am Hang darüber nichts weiter als ein halbwilder Garten mit blühenden Sträuchern, Bäumen und vier palmwedelgedeckten kleinen Holzbungalows mit Balkon.
Das Panorama verschlug Anna für einen Moment die Sprache. „Tina, kneif mich! Das ist doch jetzt kein Traum, oder?“ – „WOW!“ Auch Tina musste erst mal Luft holen. Sie richtete sich auf soweit es auf dem Mopedsitz möglich war, streckte die Arme in die Luft und atmete tief durch. „Ahhhh…. Doch Anna, es ist ein Traum. Warum sollte ich Dich kneifen?“. Der Fahrer setzte wieder sein Grinsen auf, startete sein Maschinchen erneut und schaukelte mit ihnen den Pfad zum Restaurant hinunter.
Es dauerte kaum eine Stunde, und zwei der Liegen am Strand waren belegt. Anna konnte es kaum erwarten, den sienaroten Staub, der sich überall auf Haut und Haare gelegt hatte, im Meer abzuspülen. Als sie es sich anschließend auf ihrer Liege bequem machte, hing die Sonne schon tief am Horizont. Anna schaute zu, wie sie sich vorsichtig dem Ozean näherte, ihr rotgoldenes Gleißen und Funkeln auf ihn schüttete bis er davon überfloss und dann sanft in ihm versank.
Am Abend fanden Tina und Anna sich zum Essen auf der Restaurantterasse ein. Die Köchin und Managerin des Resorts, eine warmherzige Frau in den Fünfzigern, verstand zwar kaum Englisch, umso mehr jedoch vom Kochen. Das Essen bestand aus frischen Meeresfrüchten, Gemüsen und Obst von der Insel und war Genuss pur. Tina und Anna waren die einzigen Gäste. Als der Nachtisch serviert war, tauchte eine junge Frau aus der Küche auf, für die Englisch kein Problem war. Man kam schnell ins Gespräch und später gesellten sich die Managerin und ein junger Mann hinzu, der im Resort für die handwerklichen Tätigkeiten zuständig war. Tina und Anna erzählten von ihrer bisherigen Reise und von ihren weiteren Plänen. Und ihre Gastgeber versorgten sie mit Tipps, was man auf Phu Quoc unbedingt anschauen müsse, was die besten Gerichte seien, welchen Markt man besuchen müsse, wo es die beste Fischsoße gäbe und vieles mehr.
Es war schon spät, als Tina und Anna wieder bei ihrem Bungalow eintrafen. Sie standen auf dem kleinen Balkon, schauten über das nur noch spärlich beleuchtete Restaurant, den in der Dunkelheit verschwindenden Strand, den nachtschwarzen Ozean. Ein Halbmond lugte zwischen schütteren Wolken hervor, unter sich einen silbernen Teppich ausbreitend. „Schau mal Tina, da sind Lichter am Horizont!“ – „Stimmt, eine ganze Lichterkette sogar… Das müssen die Fischerboote sein, von denen die junge Frau vorhin erzählt hat.“ – „Sagte sie nicht, ihr Mann sei Fischer?“ – „Ja, so habe ich sie auch verstanden…“ Schweigend blickten sie hinaus, lauschten dem Rollen der Brandung, spürten dem lauen Wind nach. „Also ich geh‘ jetzt ich rein und träum‘ im Liegen weiter…“ gähnte Anna nach einer Weile.
Auch an den folgenden Tagen verließ Anna das Gefühl nicht, aus der Wirklichkeit gefallen und in einem Traum vom Paradies am Ende der Welt gelandet zu sein. Zwischen Strand, Meer, kleinen Erkundungstouren, köstlichen Mahlzeiten und Sonnenuntergängen verschmolz die Zeit auf der Insel zu einem einzigen langen Augenblick unbeschwerter Leichtigkeit.
Einer ihrer Ausflüge führte Tina und Anna ins nächstgelegene Hafenstädtchen, wo an diesem Tag Wochenmarkt sein sollte. Der Vormittag war schon fortgeschritten, als das Mopedtaxi sie am Hafen absetzte. „Schau, da sind die Fischerboote, die wir in der Nacht auf dem Meer gesehen haben!“ Anna war von dem Anblick der türkis, blau oder weiß gestrichenen Holzboote, die eines neben dem anderen am Kai festgemacht hatten, fasziniert. „Die sind ja noch richtig antik!“ staunte sie, als sie die Boote aus der Nähe betrachtete. – „Und ich habe sie mir viel größer vorgestellt, die Fischer fahren ja ziemlich weit raus damit.“ Auch Tina war von den Booten angetan. Die meisten hatten vorne im Bug ein gut mannshohes Kreuz stehen, den Querbalken mit dicken Seilknäulen behängt. Vor den Kajüten ragte ein kleiner Metallkran auf zu dessen Füßen es meist noch eine Seilwinde gab. Die Kajütendächer und die Holzkreuze waren mit Scheinwerfern verziert, deren schüsselförmige Schirme an Küchenlampen erinnerten. Netze, Seile und Kanister lagen auf den Decks verstreut und einige Boote hatten eine große rote Schleife um den kurzen Stummel gebunden, der den Bugspriet bildete. „Vielleicht ist da jemand frisch verheiratet?“, rätselte Anna. „Rot ist in Ostasien ja die traditionelle Hochzeitsfarbe.“ – „Das können wir heute Abend unsere Gastgeber fragen“, meinte Tina. „Es muss ein Knochenjob sein, mit diesen Booten draußen zentnerweise Fisch aus dem Meer zu holen“, bemerkte Anna. „Und ohne Risiko ist es bestimmt auch nicht.“ Die harte Wirklichkeit, die diese Boote hinter der Fischerromantik aufscheinen ließen hatte sie nachdenklich gemacht.
Sie schlenderten weiter zur Mole, die das Hafenbecken in einiger Entfernung vom Ozean abtrennte. Dort entlud gerade ein Fischerboot seine Fracht, das größer und moderner war als die Holzboote am Hafenkai. Eine kleine Gangway war herunter gelassen, davor standen mehrere Mopeds mit Anhängern. Schon von weitem war zu hören, wie die Mopedfahrer von ihrem Gefährt aus mit den Leuten oben auf dem Boot schimpften und schacherten, jeder schien gleichzeitig mit jedem zu verhandeln. Gelegentlich wurde dann ein Plastikbottich mit frischem Fisch über die Gangway gereicht, der Kunde bezahlte und versuchte, sein Gefährt aus dem Pulk heraus zu manövrieren.
Amüsiert beobachteten Tina und Anna eine Weile das Treiben, schlenderten weiter zum Ende der Mole und kehrten dann wieder um in Richtung Ortskern. Das Hauptsträßchen des Ortes wirkte zunächst verschlafen. Vereinzelt unterbrochen von Werkstätten und kleinen Läden dominierten Kneipen das Straßenbild. Sie bestanden fast nur aus schlichten, mit Plastikstühlen umstellten Tischen, die man zu beiden Seiten der Straße aufgereiht und mit Schutzdächern aus Palmwedeln oder Planen versehen hatte. Es waren kaum Gäste da, vereinzelt sah man vietnamesische Männer hinter einer Tasse Kaffee sitzen. „Seltsam, hier gibt es doch noch so gut wie gar keine Touristen, wovon leben dann diese ganzen Kneipen?“ wunderte sich Anna „Das frag‘ ich mich auch, es können wohl nur die Inselbewohner selber sein, die ihnen ihr Auskommen sichern.“ – „Wieder was, das wir heute Abend unsere Gastgeber fragen müssen“, grinste Anna.
Je weiter sie die Straße hinunter schlenderten, umso lebhafter wurde das Treiben um sie herum und noch bevor sie den Marktplatz erreicht hatten, säumten schon Marktstände zu beiden Seiten die Straße. Die Passenten wurden in die Straßenmitte abgedrängt, wo bald kaum noch ein Durchkommen war, Menschen und Mopeds quirlten hupend und schreiend durcheinander. Die Marktstände boten alles an Lebens­mitteln, was die Insel zu bieten hatte. Neben unzähligen Sorten Obst und Gemüse gab es frischen und getrockneten Fisch, Meeresfrüchte und Gewürze, vereinzelt Frischfleisch, hin und wieder auch einen Stand mit Bekleidung oder Haushaltswaren. Die meisten Stände waren nicht mehr als ein aus Kisten, Plastikhockern und großen Schüsseln zusammengesetztes und mit Ware überladenes Provisorium, hinter dem die Inhaberin Wache hielt oder mit ihren Kundinnen feilschte. Nur im hinteren Teil des Marktplatzes gab es Markttische und in einer Ecke sogar eine kleine Markthalle.
Langsam schoben Tina und Anna sich durch das Gedränge. Ihr Blick hüpfte vom Rot der Tomaten zum Grün frischer Kräuter, von formschönen Kaurischneckenhäusern zu schlappen Tintenfischarmen und von Orangenbergen zu Auberginenpyramiden. Ein unbeschreiblicher Geruchscocktail kitzelte ihre Nasen, Ananasduft mischte sich mit Trockenfischgeruch, Mangofrische mit Pfefferaroma, Honigmelonensüße mit dem Zweitakterparfüm der Mopeds. Lautstark wurde um sie herum gefeilscht, geschrien und geschachert, auch hier schienen alle gleichzeitig mit allen über alles zu verhandeln.
„Der Markt scheint ganz in den Händen der Frauen zu sein“, stellte Tina nach einer Weile fest. „Stimmt, weit und breit fast nur Marktfrauen und deren Kundinnen, Männer scheinen sich hier nicht her zu trauen“, nickte Anna. „Kein Wunder, die Frauen gehen hier ja ziemlich resolut zur Sache!.“ – „Und was für ein Fest für die Sinne! Das macht mir erst so richtig bewusst, wie arm der Alltag eines Büroeuropäers an Sinnesreizen ist“, bemerkte Anna. „Stimmt!“, nickte Tina. „Aber ich glaube, das Leben hier hat auch Schattenseiten, die bekommen Touristen wie wir nur nicht zu sehen“, fügte sie dann hinzu.
Der Mittag war schon vorüber, als Tina und Anna den Markt wieder verließen. „Puh, so langsam könnte ich eine Pause gebrauchen!“ stellte Tina fest. „Ich auch, aber lass uns noch weitergehen bis zu der kleinen Bucht, von der uns unsere Gastgeber erzählt haben. Sie muss hinter dem Rücken des Hügels da hinten liegen. Es gibt da auch ein richtiges Restaurant, während hier im Ort anscheinend nur Kneipen und der Markt im Angebot sind.“
Bald hatten sie das Städtchen durchquert. Am Fuß den Hügels ging die Straße in einen sandigen Feldweg über. Er führte durch lichten Buschwald, der sich hinter dem Hügel zu einer langgezogenen Bucht mit strahlend weißem Sandstrand öffnete. Das Restaurant war nicht viel mehr als ein palmwedelgedecktes Holzhaus mit einer Küche und einer großen, zum Strand hin gelegenen Terrasse. „Das ist fast baugleich wie das Restaurant in unserem Resort“, stellte Anna fest. „Na hoffentlich kochen sie auch genauso gut, ich habe nämlich Hunger!“, bemerkte Tina während sie zügig auf einen freien Tisch zustrebte. Das Restaurant war gut zur Hälfte mit vietnamesischen Familien besetzt, außer Tina und Anna gab es keine Touristen unter den Gästen und auch hier erwies sich das Essen als vorzüglich. „Noch scheint es hier auf der Insel nur wenige Touristen zu geben“, bemerkte Anna. „Es wirkt alles sehr ursprünglich und unberührt.“ – „Ja, das war einer der Gründe, warum ich mich entschieden hatte, dieses Jahr nach Vietnam zu reisen. Die Leute in meinem Reisebüro kennen mich ja und meinten, wenn ich noch etwas vom ursprünglichen Vietnam sehen wolle, solle ich nicht länger zögern. Schon jetzt hat die vietnamesische Regierung erste Programme zur Tourismusentwicklung aufgesetzt. Es ist absehbar, dass auch auf dieser Insel in ein paar Jahren Bagger, Beton und Massentourismus Einzug halten werden.“ – „Schade, schade…“, Anna klang bedrückt. „Ich hatte schon überlegt, in ein paar Jahren mal wieder her zu kommen. Aber wenn die Insel wirklich diesen Weg geht, dann will ich gar nicht mehr sehen, was bis dahin daraus geworden ist.“ – „Geht mir ähnlich“, nickte Tina. „Was wir jetzt hier erleben, wird sich nicht wiederholen lassen.“
Nach dem Essen blieben Tina und Anna noch eine gute Stunde, bis das Mopedtaxi sie beim Restaurant wieder abholen würde. Mit den Schuhen in den Händen spazierten sie langsam Richtung Brandung. Erst jetzt entdeckten sie die Esspavillons direkt am Strand, die ebenfalls zum Restaurant zu gehören schienen. Ihre kreisrunden Palmwedeldächer waren wie überdimensionale Sonnenschirme in die Mitte großer runder Holztische gesteckt, drumherum standen einfache Plastikstühle im Sand und ein schlichtes Holzgeländer fasste das Ganze zusammen. Auch hier herrschte Betrieb, fast alle Pavillons waren von vietnamesischen Familien besetzt, drinnen wurde gegessen und getrunken während draußen die Kinder um die Pavillons herum sprangen.
Davon abgesehen war der Strand noch völlig naturbelassen. Vereinzelt sah man Pärchen am Saum der Brandung auf und ab gehen, Omas suchten mit ihren Enkeln nach Muscheln oder man saß im Schatten der Bäume beim Picknick. Schwimmen oder gar Sonnenbaden schien jedoch nicht zu den Freizeitvergnügungen der Vietnamesen zu gehören. Von vereinzelten jungen Männern in Bermudas abgesehen waren alle voll bekleidet, die Frauen zusätzlich mit Sonnenhüten ausgestattet.
Auch Tina und Anna suchten sich bald einen Platz im Schatten, dösten vor sich hin oder schauten dem Treiben um sie herum zu.
Die Sonne stand schon tief, als Tina und Anna sich hinter den Fahrer auf das Moped quetschen, das sie zurück in ihr Ferienresort bringen würde. Mittlerweile waren sie beide schon so ans Mopedfahren in Dreierbesetzung gewöhnt, dass es sie nicht mehr aus der Ruhe bringen konnte. Sogar auf Anna wirkte das Geknatter und Geruckel nach diesem Tag voller intensiver Eindrücke einschläfernd. Sie waren schon in der Nähe des Resorts angekommen, als der Mopedfahrer unvermittelt auf einen schmalen Pfad einbog, der in den Buschwald hinein führte. „Huch, was macht der denn jetzt?“ Anna fuhr aus ihrem Dämmerzustand hoch. Tina kicherte. „Wart’s ab, es gibt noch eine Überraschung für Dich!“ feixte sie. Einen guten Kilometer ging es mitten durch den Buschwald, der Pfad war stellenweise so schmal, dass sie von Zweigen gestreift wurden. Plötzlich öffnete der Buschwald sich und sie machten vor einem Feld halt, auf dem sich gut vier Meter hohe, dicke Stangen aneinander reihten. Bis obenhin wucherten kräftige dunkelgrüne Rankenpflanzen an den Stangen hinauf. Zwischen ihren herzförmigen Blättern sah man unzählige langgestreckte Rispen, an denen sich grüne Früchte wie kleine Trauben aneinander reihten. Tina und Anna stiegen ab um sich die Pflanzen näher anzuschauen. „Sag bloß, das ist Pfeffer?“ fragte Anna nach einigem Überlegen. „Bingo! Du sagtest doch neulich beim Abendessen, Du würdest gerne mal eine Pfefferplantage sehen. Et voilà, unsere Gastgeber haben den Mopedfahrer entsprechend instruiert“. – „Na, die Überraschung ist Euch aber gut gelungen!“ freute sich Anna. „Pfeffer ist ja ein Allerweltsgewürz und trotzdem hatte ich nie eine Vorstellung, wie die Pflanze aussieht, die dazu gehört.“ Sie gingen ein paar Schritte zwischen den Reihen in das Feld hinein. „Mich erinnert das hier entfernt an Hopfenpflanzen“, meinte Tina, „die klettern auch so hoch.“ – „Es muss eine ordentliche Turnerei sein, den Pfeffer bis ganz oben abzuernten, ohne lange Leitern geht es wohl nicht“, überlegte Anna. „Auch das könnten wir heute Abend mal unsere Gastgeber fragen.“ stellte Tina fest. „Komm, es wird Zeit dass wir weiterfahren, die Sonne ist schon unter gegangen.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Weißt Du Tina, wenn mich mal jemand dahin wünschen sollte wo der Pfeffer wächst, dann hätte ich nichts dagegen einzuwenden. Ich würde einfach sagen: ‚Her mit dem Ticket!‘, und weg wär‘ ich!’“

© Alice Maier, 2016 – 2018