{"id":179,"date":"2018-10-06T12:46:21","date_gmt":"2018-10-06T11:46:21","guid":{"rendered":"http:\/\/alice-maier.eu\/?p=179"},"modified":"2020-10-06T12:52:02","modified_gmt":"2020-10-06T11:52:02","slug":"179","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/alice-maier.eu\/?p=179","title":{"rendered":"Zwischenzeit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-file alignright\"><a href=\"http:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Annagraphie-Zwischenzeit.pdf\">Text als PDF zum Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p>\n<strong>Bodenkontakt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nAugusthitze hatte die Temperaturen schon auf \u00fcber drei\u00dfig Grad\nklettern lassen. Die Luft war in den letzten Tagen zunehmend\ndr\u00fcckender geworden, aber noch war es Vormittag. Es blieben ihr\nzwei, drei Stunden, bis in der&nbsp;br\u00fctenden Schw\u00fcle des Mittags\nalles zum Erliegen kommen&nbsp;w\u00fcrde.<br>Jetzt ist wirklich nicht\ndie Jahreszeit f\u00fcr so etwas, dachte&nbsp;Anna, w\u00e4hrend sie Schwung\nholte um den Spaten mit Nachdruck zwischen Grasb\u00fcschel,\nBrombeerwurzeln und Hahnenfu\u00df in die Erde zu treiben. In diesem\nPunkt musste sie den leise kopfsch\u00fcttelnden Blicken der Nachbarn\nrecht geben, die allem, was sich auf dem vorher verlassenen\nGrundst\u00fcck in den letzten Wochen zu regen begonnen hatte, mit\nNeugierde folgten.<\/p>\n\n\n\n<p>\nHier,\nin diesem Garten und&nbsp;in diesem Haus, war es auch fr\u00fcher schon\nso gewesen. Dr\u00fcben umrahmten \u00fcberpflegte Vorg\u00e4rten frisch\ngestrichene Siedlungsh\u00e4uschen, in denen das Leben sich im Takt des\nKirchenjahres entlang vorhersehbarer Biographien abspulte, alles zur\nrechten Zeit und wie es sich geh\u00f6rt. Hier dagegen eine br\u00fcchig vor\nsich hin taumelnde Welt zerr\u00fctteter Beziehungen, deren Kraft eben\ngerade noch reichte, um eine vom Dr\u00fcben akzeptierte Fassade aufrecht\nzu erhalten.<br>Schon damals deutete fast nichts in&nbsp;der Siedlung\nmehr darauf hin, dass sich hier bis Anfang der f\u00fcnfziger Jahre\nObstwiesen und \u00c4cker den Hang hinaufgezogen hatten. Die Umwandlung\nwar von den neuen Bewohnern z\u00fcgig und gr\u00fcndlich vollzogen worden.\nGepflasterte Wege wurden zu den Haust\u00fcren und durch die Vorg\u00e4rten\nverlegt, die Grenzen wurden mit Mauern, J\u00e4ger- oder Metallz\u00e4unen\neingehegt, die Stra\u00dfen wurden geteert und an Unkraut in anderer\nLeute Vorg\u00e4rten konnte Anna sich auch bei noch so gr\u00fcndlichem\nGraben in ihrem&nbsp;Ged\u00e4chtnis nicht erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAber\nhier, wo sie jetzt fortfuhr den lehmigen Erdklumpen mitsamt\nUnkrautb\u00fcscheln aus dem z\u00e4hen Wurzelgeflecht zu hebeln, ihn\nanzuheben bis die Wurzeln widerwillig den Spaten freigaben um ihn\numzuwenden zu k\u00f6nnen, hier war die Entwicklung schon damals anders\nverlaufen.<br>Man sah noch immer, dass es ein Acker gewesen war, auf\ndem einst eine tatkr\u00e4ftige Witwe zusammen mit ihren beiden T\u00f6chtern\nein Haus gebaut hatte. Die kurze Strecke zwischen Grundst\u00fccksgrenze\nund Hauseingang bedeckte ein hingegossener Flickenteppich aus Teer-\nund Betonresten, der auch heute noch seine Aufgabe erf\u00fcllte. Das\nhei\u00dft, man musste bei Regen nicht durch Matsch steigen, wenn man ins\nHaus hinein wollte. F\u00fcr eine ordentliche Hofpflasterung, wie sie auf\nden umliegenden Grundst\u00fccken die Regel war, hatten die Mittel jedoch\nnie gereicht.<br>Nat\u00fcrlich gab es auch sonst keine gepflasterten\nWege auf dem Grundst\u00fcck und die Aufgabe einer Grenzmauer war von\neiner Ligusterhecke \u00fcbernommen worden.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnnas\nBlick schweifte \u00fcber die langen, kr\u00e4ftigen Ruten, die die\nstellenweise \u00fcber Kopf hohe \u00fcppig wuchernde Hecke in die glei\u00dfende\nAugustsonne streckte. Der dahinter liegende \u00f6ffentliche Fu\u00dfweg\nwurde schon zu mehr als der H\u00e4lfte von ihnen eingenommen und\ngelegentlich hatte Anna in letzter Zeit vom Haus aus h\u00f6ren k\u00f6nnen,\nwie Fu\u00dfg\u00e4nger ihrem Unmut \u00fcber Regentropfen oder Spinnweben\nzwischen den Ruten laut und vorwurfsvoll Luft machten, w\u00e4hrend sie\nsich an der Hecke vorbei den Weg entlang schoben.<br>Es gab noch so\nviel zu tun im Garten. Und erst das Haus! Der sich dort immer\ndeutlicher abzeichnende Sanierungsstau war vor allem finanziell eine\nviel gr\u00f6\u00dfere Herausfor\u00adde\u00adrung, als es der verwilderte\nGarten jemals sein konnte. Denn im Haus war handwerkliches K\u00f6nnen\nverschiedenster Gewerke gefragt, wozu Anna selbst nur sehr wenig\nbeitragen konnte. Aber wie sollte sie die Last einer Finanzierung\nschultern, wo sie zur Zeit ja noch nicht einmal auf einen geregelten\nBroterwerb zur\u00fcckgreifen konnte?<br>Klar, einfach alles verkaufen,\ndann w\u00e4re sie auf einen Schlag alle Sorgen los! Ohnehin war es nur\nnoch eine Frage der Zeit, bis der Druck der Umst\u00e4nde sie zu diesem\nSchritt zwingen w\u00fcrde und dann w\u00e4re sie mit einem Mal von all der\nLast befreit, die mit diesem Ort verbunden war.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEs\nwar f\u00fcr sie selbst unerkl\u00e4rlich, aber diese Vorstellung war alles\nandere als befreiend f\u00fcr Anna. Im Gegenteil, f\u00fcr sie war es eher\nso, als sollte sie sich eine Hand abhacken.&nbsp;Der Punkt, an dem\nsie diesen Weg dennoch&nbsp;beschreiten&nbsp;musste,&nbsp;w\u00fcrde\njedoch&nbsp;eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter kommen und ein verwilderter\nVorgarten w\u00e4re bei Verhandlungen mit potentiellen K\u00e4ufern wenig\nhilfreich. Aber ganz gleich,&nbsp;wie&nbsp;hoch der Preis war, den\nsie vielleicht erzielen konnte, f\u00fcr sie&nbsp;w\u00fcrde es sich wie eine\nNiederlage anf\u00fchlen.&nbsp;Mit gedr\u00fcckter Stimmung senkte sie den\nBlick und stach den Spaten erneut in die Erde.<br>Es dauerte nicht\nlange und&nbsp;Schwei\u00df hatte Annas T-Shirt vollst\u00e4ndig durchn\u00e4sst.\nSie musste immer h\u00e4ufiger mit den H\u00e4nden nachhelfen, um die fest\nmiteinander verfilzten Pflanzen aus der Erde zu ziehen und sie mit\nden Wurzeln nach oben der Augustsonne auszusetzen. In der Hitze\nwollte Anna keine Gartenhandschuhe tragen und so sahen ihre H\u00e4nde\nbald aus wie die mit Erde verkrusteten Zinken einer Harke. Verbissen\narbeitete sie weiter. Ab und zu kitzelte der \u00fcber die Haut rinnende\nSchwei\u00df sie im Gesicht. Unwillk\u00fcrlich griff dann eine ihrer\nerdverklebten Harkenh\u00e4nde an die juckende Stelle, eine lehmige\nErdspur nach der anderen im Gesicht hinterlassend. Sie bemerkte es\nnicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nEine\nknappe Stunde sp\u00e4ter hatte der bereits umgegrabene Flecken erst eine\nGr\u00f6\u00dfe von etwas mehr als einem Quadratmeter erreicht. Das\nbedeutete, Anna w\u00fcrde f\u00fcr das ganze St\u00fcck etwa drei Wochen\nbrauchen, denn mehr als drei Stunden Umgraben pro Tag schaffte sie\nbei der Hitze nicht. Frustriert fuhr sie fort, den Spaten in die Erde\nzu treten. Noch war die Energie des heutigen Tages nicht aufgebraucht\naber&nbsp;Tritt&nbsp;um Tritt begann&nbsp;die grobe k\u00f6rperliche\nAnstrengung&nbsp;langsam und von ihr zun\u00e4chst unbemerkt&nbsp;Annas\ninneren&nbsp;Druck&nbsp;abzubauen.<br>Da war also diese mutige Witwe\ngewesen, ging es Anna durch den Kopf, deren Unterschrift den\nausgebleichten Bauplan des alten Hauses besiegelte. Er war ihr vor\nKurzem in die H\u00e4nde gefallen, als sie sich an eine erste Sichtung\nder Ger\u00fcmpelberge gewagt hatte, die im Haus auf Entsorgung\nwarteten.<br>Lange hatte Anna den Plan angesehen. \u201eNeubau eines\nZweifamilienhauses f\u00fcr Frau Anna Hofmann, Wtw, Fabrikarbeiterin\u201c,\nlautete die mittlerweile stark vergilbte \u00dcberschrift. Darunter waren\ndie vier Au\u00dfen\u00adansichten des Hauses nebeneinander abgebildet, in\nder unteren H\u00e4lfte des Planes dann die vier Grundrisse der\nGeschosse. Nicht alles war mit Lineal und Zeichentusche aufgetragen,\nmanches, wie beispielsweise Dachgauben und der Schornstein, war\nnachtr\u00e4glich von Hand und mit Bleistift eingezeichnet. Die\nGrundrisse waren sp\u00e4rlich mit Ma\u00dfangaben versehen, mehr schien man\ndamals nicht ben\u00f6tigt zu haben um ein Haus zu bauen.<br>Ganz unten\nfanden sich links Unterzeichnungsort und -datum, in der rechten Ecke\nhatten hatten Bauleiter und Architekt unterschrieben, letzterer sogar\nmit Stempel. Und in der Mitte dazwischen stand mit vergilbten\nDruckbuchstaben zu lesen: \u201eDer Bauherr:\u201c , darunter in leicht\nungelenker aber gro\u00dfer, gut lesbarer Schrift ihr Name. Sie hatte\ndaf\u00fcr einen Feder\u00adhalter und eine schwarze Tinte verwendet, die\nim Gegensatz zu allem anderen auf dem Plan auch nach all den Jahren\nnoch kein bisschen ausgebleicht war. Noch ein oder zwei Jahrzehnte\nweiter, und ihr Name wird das einzige sein, das auf dem alten Papier\nnoch erkennbar sein wird, war es Anna durch den Kopf\ngegangen.<br>Mittlerweile war das umgegrabene St\u00fcck Garten auf die\ndoppelte Gr\u00f6\u00dfe angewachsen.<br>Anna sah auf und bemerkte nun auch\nselbst, wie ihre Anspannung etwas nachlie\u00df. Eine Schwere begann ihre\nArme hoch zu kriechen und das Kreuz schmerzte vom ungewohnten B\u00fccken\nund Buckeln.<br>Sie g\u00f6nnte sich einige tiefe Z\u00fcge aus der\nWasserflasche, atmete in der flirrenden Augustluft ein paar Mal\nkr\u00e4ftig durch und f\u00fcgte den Erdspuren im Gesicht bei dem\nvergeblichen Versuch, den Schwei\u00df von den Augenh\u00f6hlen fern zu\nhalten, eine weitere hinzu. Komm, ein St\u00fcck schaffst Du noch, redete\nsie sich zu und trat den Spaten erneut in die Erde. Es ging bei\nweitem nicht mehr so z\u00fcgig voran wie noch zu Beginn.<br>Vor diesem\nAcker muss damals auch meine Gro\u00dfmutter gestanden haben, jene Anna\nHofmann deren Vornamen ich trage, spannen sich Annas Gedanken weiter\nfort.<br>Jene Anna, die&nbsp;es gewagt hatte zu tr\u00e4umen, auf Neuland\neinen Anfang zu setzen, trotz aller Schwierigkeiten, trotz\nHindernissen und fehlender Mittel. Wohl hatte sie die Unterst\u00fctzung\nihrer beiden erwachsenen T\u00f6chter gehabt, immerhin. Aber jeder, der\ndie drei Frauen gekannt hatte wusste, wer das Herz dieses Gespanns\ngewesen war.<br>Anna wie Anfang, das passt&nbsp;zusammen, ging es ihr\ndurch den Kopf, w\u00e4hrend sie zunehmend m\u00fcder werdend fortfuhr,\nBrombeerwurzeln aus der Erde ziehen. Wenn sie vorher geahnt h\u00e4tte,\ndass Brombeeren Wurzeln haben, die noch l\u00e4nger und&nbsp;kr\u00e4ftiger\nsind als ihre Ranken, h\u00e4tte sie dann je damit angefangen, dieses\nSt\u00fcck Garten umzugraben? Wahrscheinlich nicht.<br>Konnte es Anna\nHofmann nach ihrem Neuanfang auf diesem Acker soviel anders ergangen\nsein? Wahrscheinlich ebenfalls nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNach\neiner weiteren halben Stunde des Grabens, W\u00fchlens und Zerrens gelang\nes den warmen, klaren Schl\u00e4gen der Kirchturmuhr so weit zu Anna\ndurchzudringen, dass sie sich aufrichtete und ihnen nach lauschte. Es\nwar Mittag geworden und Anna beschloss, dass es genug Plackerei\ngewesen war f\u00fcr den heutigen Tag. Sie stellte die Gartenger\u00e4te im\nKeller ab und stieg die alte, knarrende Holztreppe hinauf bis in den\nersten Stock.<br>Im Badezimmer angekommen sah sie unwillk\u00fcrlich&nbsp;in\nden Spiegel, der \u00fcber dem Waschbecken hing,&nbsp;und&nbsp;erschrak.\nWar das noch ein menschliches Wesen, das ihr da entgegen blickte?<br>Die\nErdspuren im Gesicht von Schwei\u00dfspuren durchzogen, die Haare teils\nstruppig vom Kopf abstehend, teils schwei\u00dfnass im Gesicht klebend,\ndas T-Shirt nass und erdfleckig und die H\u00e4nde&nbsp;so verkrustet,\ndas sie auf allem, das Anna anfasste,\nerdigbraune&nbsp;Spuren&nbsp;hinterlie\u00dfen. All&nbsp;das war es\naber&nbsp;nicht, was ihren Blick nun zunehmend&nbsp;hypnotisiert an\nihr Spiegelbild zu fesseln begann.<\/p>\n\n\n\n<p>\nStrahlende&nbsp;Augen&nbsp;blickten\nihr&nbsp;entgegen, blaugraugoldenes Leuchten&nbsp;zwang Lachf\u00e4ltchen\nin die Augenwinkel und begann,&nbsp;in feinen Linien in die\nschwei\u00dfigen Erdspuren darum herum zu str\u00f6men.&nbsp;War das noch\nsie? Wann hatte sie sich zuletzt so strahlen gesehen? Vielleicht als\nKind? Drogen hatte sie jedenfalls keine genommen. Anna hielt inne.\nW\u00e4hrend sie immer noch fassungslos versuchte, ihr inneres Bild von\nsich selbst mit dem zur Deckung zu bringen, was sie dort aus dem\nSpiegel&nbsp;anleuchtete,&nbsp;begann sie zur ersten Mal zu ahnen was\nes war, das sie mit diesem&nbsp;Ort verband.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Maiausflug im\nWintermantel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nMit\nFrost und dem&nbsp;ersten Schnee&nbsp;hatte sich der Winter\neingenistet.&nbsp;Die Gartenwildnis war einer leer ger\u00e4umten\nLandschaft gewichen, die&nbsp;unter einer d\u00fcnnen, wei\u00dfen Decke dem\nFr\u00fchling entgegen schlummerte. Anna hatte viel Zeit f\u00fcr die\nGartenarbeit gehabt. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr waren jedoch\nnicht&nbsp;erfreulich.&nbsp;Beruflich hatte sich immer noch keine\nPerspektive aufgetan und auch mit&nbsp;der Frage des Hausverkaufs war\nsie&nbsp;nicht voran gekommen.<br>Anna seufzte und schenkte sich eine\nzweite Tasse Tee ein. <br>Immerhin f\u00fchlte sie sich in dem alten Haus\nzunehmend wohl, genoss es, den vielen Ger\u00fcchen nachzusp\u00fcren, die es\nnoch genau so verstr\u00f6mte wie in ihrer Kindheit und liebte es, abends\nvor dem Einschlafen dem Knacken&nbsp;der alten&nbsp;Dielen&nbsp;und\nBalken zu lauschen.<br>Zeit hatte Anna nun mehr, als ihr lieb\nwar.&nbsp;Was der Fr\u00fchling&nbsp;wohl bringen mochte?<br>Sie lehnte\nsich in dem gem\u00fctlichen Schwingsessel zur\u00fcck und lie\u00df Ihren Blick\nhinaus gleiten in die herab sinkende D\u00e4mmerung. Drau\u00dfen schwebten\nvereinzelte, vertr\u00e4umte Schneeflocken vom Himmel, taumelnd\nund&nbsp;z\u00f6gerlich. Sanft schmeichelnd entf\u00fchrten sie Annas\nGedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>\nFr\u00fchling&#8230;\nobwohl es schon&nbsp;Jahre her war, erinnerte Anna sich noch genau an\njenen regnerischen M\u00e4rzabend, an dem er ganz unvermittelt in ihr\nLeben&nbsp;gepoltert war.<br>Einige Tage zuvor hatte Frau Boldt, eine\nMitarbeiterin aus Annas Sprachschule, Anna wissen lassen, dass&nbsp;sich\nein Partner f\u00fcr das Deutsch-Chinesische Sprachtandem gefunden hatte,\nf\u00fcr das sie sich angemeldet hatte.<br>Schon seit einem guten Jahr\nnahm&nbsp;sie sich endlich wieder Zeit f\u00fcr ihr altes,\neingeschlafenes Hobby&nbsp;und hatte sich in den Chinesisch-Kurs\neingeschrieben. Er hatte ihr so viel Spa\u00df gemacht, dass sie diesmal\nbei der Stange geblieben war.&nbsp;Jetzt reizte es sie, die\nerworbenen Kenntnisse einmal mit leibhaftigen Chinesen\nauszuprobieren. Frau Boldt hatte einen Termin zum ersten Kennenlernen\norganisiert und nun sa\u00df Anna in einem leeren Seminarraum der\nSprachschule, zwei Gl\u00e4ser Wasser standen auf dem Tisch und&nbsp;sie\nwartete gespannt, was wohl kommen mochte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEin\nHaust\u00fcrklingeln drang durch die angelehnte T\u00fcr des Seminarraums\nherein. \u201eDeine Tandem-Partnerin ist schon da\u201c h\u00f6rte Anna Frau\nBoldts Stimme. Umgehend polterte jemand die Treppe in den ersten\nStock herauf und schon im n\u00e4chsten Augenblick st\u00fcrmte&nbsp;ein\nschlaksiger junger Mann mit gro\u00dfen Schritten in den Raum. Als er\nAnna erblickte hielt er abrupt inne und sah mit einem etwas\nunsicheren L\u00e4cheln zu ihr her\u00fcber. Er war langhaarig, klapperd\u00fcrr\nund f\u00fcr einen Chinesen sehr gro\u00df gewachsen. Anna stand auf und ging\nihm entgegen. Ein \u00fcbervorsichtiger H\u00e4ndedruck wurde ausgetauscht.\n\u201eNi Hao\u201c sagte er, \u201eNi Hao\u201c erwiderte Anna. Frau Boldt\nwar&nbsp;inzwischen ebenfalls in dem Seminarraum angelangt. Noch\netwas au\u00dfer Puste stellte sie beide einander kurz vor, um sie dann\nf\u00fcr eine Weile ihrem Schicksal zu \u00fcberlassen.<br>Xiaomin, so hie\u00df\ner, nahm seinen Rucksack ab und setzte sich Anna gegen\u00fcber an den\nTisch. Er wirkte sehr jung, so jung, dass sie sich zun\u00e4chst fragte,\nob sie beide \u00fcberhaupt eine gemeinsame Wellenl\u00e4nge finden k\u00f6nnten.\nSeine Ausstrahlung hatte etwas Unstetes, wie die eines Reisenden und\nes lag etwas Vorwitziges darin, etwas, das sie einen Hang zur Show\nvermuten lie\u00df. Xiaomin schien in vielerlei Hinsicht das genaue\nGegenteil zu den korrekten, zur\u00fcckhaltenden und \u00fcberfreundlichen\nChinesen zu sein, die Anna bisher&nbsp;fl\u00fcchtig\nkannte.<br>Dieser&nbsp;Eindruck hatte es ihr&nbsp;wieder leichter\ngemacht und sie begann, recht unbek\u00fcmmert mit ihren drei Brocken\nChinesisch um sich zu werfen. Xiaomin tat das Gleiche mit seinem\nDeutsch, das deutlich besser war als ihr Chinesisch, wie sich schnell\nherausstellte. Er erz\u00e4hlte, er sei Fotograf von Beruf, aber nun\nschon seit \u00fcber einem Jahr auf Reisen. Zun\u00e4chst h\u00e4tte er ganz\nChina und Tibet bereist und nun sei Europa dran. Er wolle m\u00f6glichst\nviele L\u00e4nder sehen und viele Leute kennen lernen, denn das sei ein\ngutes Leben f\u00fcr ihn. Anna am\u00fcsierte sich \u00fcber die\nAbenteurergeschichte, die er ihr da in holprigem Deutsch auftischte\nund begann, ebenfalls \u00fcber&nbsp;ein paar Eckpunkte ihres\nvergleichsweise geregelten Lebens zu erz\u00e4hlen.<br>Das&nbsp;erste Eis\nwar damit gebrochen&nbsp;und als Frau Boldt einige Zeit sp\u00e4ter mit\nder Frage vorbei schaute, ob beide Seiten mit ihrem Tandem-Partner\neinverstanden seien, war die Antwort ein eindeutiges Ja.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nn\u00e4chsten Treffen, an die Anna sich erinnern konnte, hatten nicht\nmehr in der Sprachschule stattgefunden. Bei sch\u00f6nem Wetter waren sie\nstatt dessen lieber zu einem Fr\u00fchlingsspaziergang mit\nSprachunterricht in den Park aufgebrochen, bei schlechtem Wetter war\nAnnas Wohnung zum Treffpunkt geworden. Dann&nbsp;endete der Tag\ngelegentlich auch mit&nbsp;gemeinsamem Kochen und&nbsp;Essen,&nbsp;mal\nkochte Xiaomin etwas Chinesisches, mal Anna etwas Europ\u00e4isches.\nBeiden bereitete es einen Riesenspa\u00df, mit den gro\u00dfen Unterschieden\nzwischen den Koch- und Esskulturen herum zu experimentieren, die da\naufeinander prallten und sich nebenbei neue Vokabeln\nbeizubringen.<br>Anna erfuhr beispielsweise, dass ihr gro\u00dfes,\nschweres Kochmesser f\u00fcr&nbsp;Xiaomins chinesische Kochweise viel zu\nklein und leicht war, die deutsche Pfanne hingegen war ihm viel zu\nschwer. Es war&nbsp;ihm&nbsp;v\u00f6llig unerkl\u00e4rlich, wozu es in einem\ndeutschen Haushalt soviel verschiedenerlei Essbesteck gibt, w\u00e4hrend\nman in China f\u00fcr alles mit einem Paar St\u00e4bchen und einem\nSuppenl\u00f6ffel auskommt. Und er schaute erstaunt, als er Anna einmal\ndabei beobachtete wie sie die Farfalle, die gerade im Nudeltopf vor\nsich hin simmerten,&nbsp;wiederholt auf ihre Bissfestigkeit\nhin&nbsp;testete. \u201eWarum machst Du das?\u201c hatte er gefragt. \u201eDamit\nsie nicht zu Brei werden.\u201c hatte Anna ihm verwunderten Blickes\nerkl\u00e4rt. \u201eDas kann mit chinesischen Nudeln nicht passieren\u201c\nsagte er. \u201eDie kann man sehr lange kochen. Aber diese Nudeln hier,\ndie sehen viel sch\u00f6ner aus als die chinesischen!\u201c. \u201eSie hei\u00dfen\nSchmetterlinge\u201c&nbsp;erwiderte Anna, \u201eWeil sie wie Schmetterlinge\naussehen\u201c. Er kannte das Wort nicht und Anna schrieb es ihm auf.\nAls er es dann im W\u00f6rterbuch gefunden hatte lachte er und begann\nbegeistert, das f\u00fcr ihn schwierig auszusprechende Wort zu \u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p>\nBei\neinem ihrer ersten Treffen hatte Anna&nbsp;einmal gefragt, warum\ner&nbsp;so intensiv Deutsch lerne, obwohl das f\u00fcr seine\nAbenteuerreisen ja gar nicht notwendig sei. Da erfuhr sie, dass\nXiaomin sich zum Wintersemester&nbsp;um einen Studienplatz f\u00fcr ein\nk\u00fcnstlerisches Fach bewerben wollte, das ihm als Zusatzstudium zu\nseiner chinesischen Fotografie-Ausbildung geeignet erschien.\n\u00dcberhaupt verstand er sich voll und ganz als K\u00fcnstler und gab sich\nbetont unkonventionell. Auch hatte er im K\u00fcnstlermilieu der Stadt\neinige Freunde und es war einer von ihnen gewesen, ein Maler, der\nXiaomin w\u00e4hrend seiner ersten Zeit in Deutschland beherbergt und\nunterst\u00fctzt hatte.<br>Ein anderes Mal&nbsp;erw\u00e4hnte Anna,&nbsp;dass\nsie sich sehr f\u00fcr chinesische Kalligrafie interessiere.&nbsp;Damit\nhatte&nbsp;sie ein Thema ber\u00fchrt, auf das er mit Begeisterung\neinstieg. In ihren Gespr\u00e4chen war es nun immer \u00f6fter um Kunst,\nK\u00fcnstler und Kunstwerke gegangen. Mehr noch als im kulinarischen\nBereich boten Gegen\u00fcberstellungen der k\u00fcnstlerischen Welten beider\nKulturen eine schier unersch\u00f6pfliche Quelle f\u00fcr Gespr\u00e4chsstoff.\nLangsam breitete&nbsp;sich eine v\u00f6llig neue Welt vor Anna&nbsp;aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\nGelegentlich&nbsp;hatte\nXiaomin Anna mit dem einen oder anderen&nbsp;seiner Freunde bekannt\ngemacht, unter anderem auch mit Liang, jenem Maler. Der hatte sie\nbeide eines Tages&nbsp;zu einem Besuch in sein&nbsp;Atelier\neingeladen.&nbsp;Es befand sich im Dachgeschoss einer alten\nFabrikhalle aus Backstein, die zu K\u00fcnstlerwerkst\u00e4tten\numfunktioniert worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\nAnna und Xiaomin ankamen, war Liang noch nicht anwesend, daf\u00fcr aber\nseine Frau Ina, die ebenfalls malte. Sie lud Anna und Xiaomin in eine\nkleine Kaffeek\u00fcche im Erdgeschoss der Fabrikhalle zum Plaudern ein.\nAber Anna zog es zun\u00e4chst hinauf in das Atelier. \u201eJa geh&#8216; nur rauf\nund schau&#8216; Dich um!\u201c sagte Ina lachend und verschwand mit Xiaomin\nin Richtung Kaffeek\u00fcche.<br>Anna stieg die Eisengitterstufen hinauf\nund betrat den ersten von mehreren ineinander \u00fcbergehenden hellen\nR\u00e4umen, in die das Dachgeschoss eingeteilt worden war.<br>Die D\u00fcfte\nvon Farben und&nbsp;vielerlei&nbsp;Materialien schw\u00e4ngerten die\nLuft.&nbsp;Annas Blicke&nbsp;glitten&nbsp;\u00fcber Bilder, Staffeleien,\nFarbpaletten, Tuschesteine, Pinsel, Tuben, T\u00f6pfe,&nbsp;Bilder,\nBilder und nochmals Bilder.<br>Von Raum zu Raum unterschieden sich\nMalstile und -techniken so stark voneinander, dass Anna unwillk\u00fcrlich\nannahm, durch&nbsp;ein Gemeinschaftsatelier zu streifen,&nbsp;in dem\nmehrere K\u00fcnstler arbeiteten. Vielleicht sind einige R\u00e4ume auch die\nvon Ina, dachte Anna, w\u00e4hrend sie weiter ging.<br>In einen Raum sah\nsie chinesische Tuschebilder.&nbsp;Tuschesteine,&nbsp;Tuschepinsel&nbsp;und&nbsp;gro\u00dfe\nRollen d\u00fcnnen Papiers lagen herum.&nbsp;Irgendetwas an diesen\nBildern war&nbsp;jedoch anders als&nbsp;bei den klassischen\nchinesischen Bildern, die sie bisher gesehen hatte. Annas laienhafter\nBlick&nbsp;gelang es nicht&nbsp;auszumachen, was diesen Eindruck\nverursachte, aber er blieb ihr im Ged\u00e4chtnis haften.<br>In einem\nanderen Raum standen dicht an dicht \u00d6lbilder im europ\u00e4ischen Stil\nund&nbsp;Farbpaletten, Tuben mit \u00d6lfarben und die passenden Pinsel\nbedeckten ein&nbsp;kleines Tischchen am Fenster.&nbsp;In einem\ndritten Raum waren die Bilder in einem modernen, abstrakten Stil\ngemalt, den Anna keiner&nbsp; der beiden Kulturen zuordnen\nkonnte.<br>Anna ging neugierig durch alle R\u00e4ume, die offen\nzug\u00e4nglich waren, sog&nbsp;jeden Eindruck auf, blieb von Zeit zu\nZeit vertr\u00e4umt vor einzelnen Bildern stehen und musste sich\nirgendwann mit einem Ruck losrei\u00dfen um wieder&nbsp;nach unten zu den\nanderen zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nLiang\nwar inzwischen ebenfalls eingetroffen. Er war deutlich \u00e4lter als\nXiaomin und lebte schon l\u00e4ngere Zeit in Deutschland. Nach seinem\nStudium in China hatter er an der gleichen Universit\u00e4t, an der auch\nXiaomin sich mittlerweile beworben hatte, ein Kunststudium absolviert\nund arbeitete seither als frei schaffender Maler.<br>Sehr schnell\nhatte sich zwischen den vieren ein lebhaftes Gespr\u00e4ch entwickelt.\nNoch ganz&nbsp;ausgef\u00fcllt von den vielen Eindr\u00fccken aus dem Atelier\nhatte Anna gefragt,&nbsp;wer denn noch alles in dem\nGemeinschaftsatelier oben arbeite?<br>Liang schaute sie\ndaraufhin&nbsp;verdutzt an, w\u00e4hrend Ina schnell begriff\nund&nbsp;schmunzelnd sagte: \u201eAnna, dort oben malt niemand au\u00dfer\nLiang. Ich male woanders, die Bilder&nbsp;oben sind alle seine!\u201c\nNun war es Anna, die&nbsp;zun\u00e4chst verbl\u00fcfft inne hielt&nbsp;und\ndann langsam zu ahnen begann, welchen f\u00fcr sie fast unvorstellbaren\nUmfang die k\u00fcnstlerische Kreativit\u00e4t dieses Malers haben musste.<\/p>\n\n\n\n<p>\nInzwischen\nwar es Mai geworden. Unbemerkt hatten sich die Treffen mit Xiaomin\nf\u00fcr Anna immer mehr zu H\u00f6hepunkten ihres Alltags zu entwickelt. Sie\ngenoss die Farbigkeit und Lebendigkeit ihres Austauschs, das\nverspielte Herumprobieren mit der fremden Sprache, die Begegnungen\nmit der anderen Kultur, die&nbsp;Streifz\u00fcge durch die Kunstwelt&nbsp;und\ndie vielen \u00dcberraschungsmomente, die dies alles mit sich brachte.\nWelch ein Gegensatz zu ihrem beruflichen Alltag, in dem es in tief\neingefahrenen Gleisen ausschlie\u00dflich um staubtrockene Zahlenspiele\nund z\u00e4hlebige B\u00fcrointrigen ging. Und was das Chinesischlernen\nanging, so war nun auch Annas Ehrgeiz voll erwacht und sie begann,\nmehr und mehr ihrer Freizeit darauf zu verwenden.<br>Xiaomin&nbsp;hatte\nderweil&nbsp;seine Reisepl\u00e4ne weiter verfolgt und war mit dem Zug\ndurch \u00d6sterreich und Italien gefahren. Nach seiner R\u00fcckkehr erfuhr\nAnna, dass ihm die Pizza in Deutschland besser schmeckte als in\nItalien und dass von allen Europ\u00e4ern, die er bisher kennengelernt\nhatte, das Verhalten der S\u00fcditaliener dem der Chinesen am meisten\n\u00e4hnle. Irgendwann kramte er dann den Prospekt eines\nReiseunternehmens aus der Tasche und erz\u00e4hlte, es sei f\u00fcr ihn ein\nlang gehegter Traum, auch einmal nach Paris zu fahren.<br>In dem\nProspekt hatte er die&nbsp;billigsten&nbsp;Kurzreisen per Bus mit\nZiel&nbsp;Paris markiert und unvermittelt fragte er Anna, ob sie ihn\nam n\u00e4chsten Wochenende auf so eine Bustour begleiten wolle? Obwohl\nAnna \u00dcberraschungen von ihm gewohnt war, f\u00fchlte sie sich nun\ndoch&nbsp;\u00fcberrumpelt. Sie m\u00fcsse zun\u00e4chst mit ihrer Arbeitsstelle\nkl\u00e4ren, ob sie den Freitag so kurzfristig frei bekommen k\u00f6nne, lie\u00df\nsie ihn wissen.<br>Am n\u00e4chsten Tag war Anna im B\u00fcro nicht ganz bei\nder Sache. &#8222;Eigentlich sind&nbsp;solche&nbsp;superbilligen\nBusreisen doch eher&nbsp;etwas f\u00fcr Achtzehnj\u00e4hrige, oder?&#8220;\nfragte sie sich.&nbsp;&#8222;Was f\u00fcr eine Schnapsidee, sich auf so\netwas einzulassen! &#8230; Andererseits, warum nicht auch mal was\nVerr\u00fccktes tun?&#8220;<br>Hin- und herschwankend zwischen der\nmittlerweile&nbsp;in ihr wachgekitzelten Lebenslust und dem, was sie\nals gesunden Menschenverstand ansah, vergingen die Stunden. Dann am\nSp\u00e4tnachmittag, als das B\u00fcro&nbsp;fast einen ganzen Arbeitstag&nbsp;Zeit\ngehabt hatte, sie mit seiner&nbsp;Monotonie zu ersticken, stand Anna\nabrupt auf, ging zu den Kollegen, mit denen sie sich hierf\u00fcr\nabstimmen musste und bekam den Urlaubstag den sie wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nfolgenden Donnerstag fanden sich Anna und Xiaomin gegen Abend am\nzentralen Busbahnhof ein. Die noch warme, langsam untergehende\nMaisonne beschien einen quietschgr\u00fcnen Reisebus \u00e4lteren Baujahrs,\ndessen fragw\u00fcrdigen Zustand der frisch aufgetragene Lack nicht an\nallen Stellen verbergen konnte. Insbesondere die Reifen sahen so aus,\nals m\u00fc\u00dften sie schon l\u00e4nger ohne Profil auskommen.\n\u201eRegegenbogenreisen\u201c, stand auf dem Firmenemlogo unter einem\nfarbenpr\u00e4chtigen Regenbogen zu lesen.<br>Anna gesellte sich zur\nGruppe der \u00fcbrigen Fahrg\u00e4ste, die sich&nbsp;langsam vor dem\nBuseingang&nbsp;sammelten. Zu ihrer \u00dcberraschung bestand die Gruppe\nzu fast zwei Dritteln aus Chinesen, die alle lauthals durcheinander\nschnatterten. Xiaomin, der in einer ger\u00e4umigen H\u00e4ngetasche seine\nFotoausr\u00fcstung mitschleppte, fiel unter ihnen nicht weiter auf,&nbsp;Anna\ndaf\u00fcr umso mehr. Die chinesischen Sprachfetzen, die nun von allen\nSeiten auf sie einprasselten, lie\u00dfen Anna kurzzeitig daran zweifeln,\ndass sie sich noch in Deutschland befand. Sp\u00e4ter,&nbsp;als&nbsp;der\nBus \u00fcber die Autobahn in die Nacht rollte, vertrieben Anna und\nXiaomin sich die Zeit so lange mit Sprachunterricht bis sie zu m\u00fcde\nwaren um noch l\u00e4nger die Augen offen zu halten.<br>Am n\u00e4chsten\nMorgen&nbsp;waren sie nicht mehr weit von Paris entfernt, als\nAnna&nbsp;erwachte. Trotz der unbequemen Sitzposition in dem f\u00fcr\nsolche Reisen kaum geeigneten Bus musste sie tief geschlafen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\nIn\nParis angekommen, beschr\u00e4nkte sich die Reiseleitung auf das\nNotwendigste. Die ganze Gruppe wurde einfach in einer engen\nSeitenstra\u00dfe im Stadtzentrum ausgesetzt. Vorher hatte man noch\nbekannt gegeben, man solle sich am n\u00e4chsten Tag gegen f\u00fcnf Uhr\nnachmittags wieder am selben Ort zur Heimreise einfinden. Diejenigen,\ndie wie Xiaomin und Anna eine Hotel\u00fcbernachtung mitgebucht hatten,\nk\u00f6nnten in dem Hotel jederzeit einchecken, die Rezeption sei auch\nnachts besetzt. Den meisten Chinesen schien dies alles mehr als recht\nzu sein. Ganz offensichtlich verfolgten sie ihre eigenen Pl\u00e4ne und\nkaum ausgestiegen waren sie in wenigen Augenblicken in alle\nHimmelsrichtungen davongeeilt. Xiaomin meinte, dass kaum die H\u00e4lfte\nvon ihnen&nbsp;wieder&nbsp;nach Deutschland zur\u00fcck fahren w\u00fcrde.&nbsp;Er\nsollte recht behalten damit.<br>Er selbst wollte auf dieser Reise\nm\u00f6glichst viele der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt sehen und\nfotografieren: den Eiffelturm, den Triumpfbogen, die Champs Elysees,\ndie Seine, den Place de la Concorde, Sacre Coueur, Montmarte und das\nCentre Pompidou standen auf seiner Wunschliste. Anna, deren\nKenntnisse der Stadt von fr\u00fcheren Besuchen her nur&nbsp;l\u00fcckenhaft\nwaren, hatte sich vor der Abreise einen Stadtplan besorgt und lie\u00df\nsich vom Busfahrer zeigen, wo sie sich gerade befanden. Schnell\neinigte sie sich&nbsp;dann mit Xiaomin auf den Eiffelturm als erstes\nZiel und beide setzten sich in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>\nF\u00fcr\nAnna war bald absehbar gewesen, dass Xiaomins Besichtigungspl\u00e4ne\nauch dann noch viel zu sportlich waren, wenn sie alles mit\ngr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Eile abzuarbeiten versuchten. Aber schon auf dem\nWeg zum Eiffelturm stellte sich heraus, dass es noch weitere Gr\u00fcnde\ngab, die ihre Wanderung durch Paris ganz anders verlaufen lassen\nw\u00fcrden als zuerst gedacht.<br>Xiaomin lie\u00df sich n\u00e4mlich immer\n\u00f6fter von Fotomotiven einfangen, die ihm an den \u00fcberraschendsten\nStellen ihres Weges geradezu in die Augen zu springen schienen. Er\npackte dann seine Kamera aus, manchmal kam zus\u00e4tzlich ein\nKlappstativ zum Einsatz, er suchte die richtige Perspektive und das\nrichtige Licht und verga\u00df dar\u00fcber die Zeit. Mehr und mehr schien er\nin seiner Arbeit aufzugehen, w\u00e4hrend Anna ihn mit zunehmenden\nInteresse zu beobachten begann.<br>Neugierig geworden, begann sie\nnachzufragen, was ihn an diesem oder jenem Motiv gefallen hatte und\nworauf er beim Fotografieren Wert legte. Er begann, ihr von der\nWirkung von Licht und Farbe, von Perspektiven und Blickwinkeln zu\nerz\u00e4hlen und davon, was f\u00fcr ihn Sch\u00f6nheit bedeutete. Anna verstand\nbald, dass es ihm bei der Wahl seiner Motive viel mehr um\nk\u00fcnstslerische Aspekte ging, als darum, Sehensw\u00fcrdigkeiten\nm\u00f6glichst h\u00fcbsch abzulichten. Eine f\u00fcr Anna durchaus willkommene\nNebenwirkung dieser Gespr\u00e4che war, dass ihn die Erkl\u00e4rungsversuche\nmit seinem f\u00fcr solche Themen noch unzul\u00e4nglichen deutschen\nWortschatz vor\u00fcbergehend von der Jagd nach weiteren Fotomotiven\nablenkte und sie so auf ihrem Weg ein St\u00fcck weiter kamen.<br>Am\nEiffelturm angekommen, holte Anna ebenfalls ihre Kamera aus dem\nRucksack. \u201eIrgend jemand muss ja auch die Touristenfotos machen\u201c,\nerkl\u00e4rte sie lachend und \u00fcberlie\u00df ihn f\u00fcr eine Weile seiner\nKamera, w\u00e4hrend sie sich auf die Suche nach Motiven machte, die sie\nselbst interessierten.<\/p>\n\n\n\n<p>\nSo\nsehr Anna sich auch anstrengte, sie konnte sich nicht mehr daran\nerinnern, wie sie anschlie\u00dfend in den Turm hinauf gefahren waren,\nwie es oben gewesen war und welches Ziel sie danach angesteuert\nhatten. Der ganze Rest des Tages verschwamm in einen\nsonnenbeschienenen Reigen aus Place del la Concorde, Champs Elysees,\neinem Caf\u00e9 irgendwo am Stra\u00dfenrand, Invalidendom, Triumpfbogen und\nSacre Coeur, dazwischen ein bi\u00dfchen Metro und viele Kilometer\nFu\u00dfmarsch.<br>Gegen Abend waren sie&nbsp;am Seineufer unterwegs\ngewesen. Beide sp\u00fcrten den zur\u00fcckgelegten Weg in ihren Beinen,\nw\u00e4hrend sie auf eine der alten Seinebr\u00fccken zugingen. Xiaomin\nwollte die Br\u00fccke unbedingt noch fotografieren, bevor das Abendlicht\ndaf\u00fcr nicht mehr ausreichte. Anna hatte schon vor einiger Zeit\nbemerkt, da\u00df er zu hinken begonnen hatte und pl\u00f6tzlich sagte er:\n\u201eDeutsche Frauen&nbsp;marschieren wie chinesische Soldaten!\u201c.\nAnna konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, aber auch ihr reichte\nes f\u00fcr diesen Tag und sie&nbsp;beschlossen, sich von der Br\u00fccke aus\nauf die Suche nach dem Hotel zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAuf\nhalbem Weg dorthin g\u00f6nnten sie sich einen Nachtimbiss in einem\nkleinen Schnellrestaurant und als sie sich danach wieder auf den Weg\nmachten, war es l\u00e4ngst dunkel geworden.<br>Die Orientierung\nwurde&nbsp;schwieriger und sie mussten&nbsp;mehrfach unter einer\nStra\u00dfenlaterne anhalten, um mit Hilfe des Stadtplans die Richtung zu\nfinden. Einmal fragte Xiaomin einen Chinesen nach dem Weg,&nbsp;der\nihnen auf dem B\u00fcrgersteig entgegen geeilt kam.&nbsp;Anna konnte das\nGespr\u00e4ch der beiden nur bruchst\u00fcckhaft verstehen, aber sie bekam\nmit, dass die Antwort des Chinesen sehr verlegen geklungen hatte. Auf\nihr Nachfragen erkl\u00e4rte Xiaominn, nun selbst verlegen, dass das\nHotel im &#8222;schlimmsten&#8220; Viertel von Paris liege und sein\nTonfall lie\u00df wenig Zweifel daran, wie dies zu verstehen war.<br>Bei\ndem geringen Reisepreis, den sie bezahlt hatten, hatte Anna&nbsp;damit\ngerechnet, dass es sich bei dem&nbsp;&#8222;Hotel&#8220; um eine\nheruntergekommene Hinterhofpension&nbsp;handelte. Aber dass es mitten\nim ber\u00fcchtigtsten Rotlichtviertel von Paris lag, das d\u00e4mmerte&nbsp;ihr\nerst jetzt.<br>Trotz aller Verlegenheit&nbsp;blieb ihnen nun jedoch\nnicht viel anderes \u00fcbrig, als in Richtung dieses Hotels weiter zu\ngehen. Als sie es endlich erreicht hatten, wurden sie von einem\nm\u00fcrrischen Nachtportier in einer winzigen Hotellobby empfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNachdem\nsie ihm ihre Reiseunterlagen auf den Rezeptionstresen gelegt hatten,\nschob er ihnen wortlos den Zimmerschl\u00fcsse zu und deutete&nbsp;in\nRichtung einer Treppe, die hinauf zu den Zimmern zu f\u00fchren\nschien.<br>W\u00e4hrend die Hotellobby noch recht neutral ausgesehen\nhatte, wurde beim Hinaufsteigen schnell deutlich, um welche Art von\nHotel es sich hier handelte. Scharlachrote Tapeten zierten die W\u00e4nde\nund der Fu\u00dfboden war mit einem Teppich ausgelegt, der vor langer\nZeit wohl ebenfalls diese Farbe gehabt haben mochte. Xiaomin war vor\nAnna her gegangen, schloss oben am Ende des Gangs die T\u00fcr ihres\nZimmers auf und als sie aufschwang blieb er mit einem erschrockenen\n\u201eOh!\u201c wie angewurzelt im T\u00fcrrahmen stehen.<br>An ihm\nvorbeischauend konnte Anna ein franz\u00f6sisches Bett mit einer\nrosengemusterten, billigen Tagesdecke, darunter ein umgeschlagenes\nLaken und zwei Nackenkissen ausmachen. An&nbsp;der gegen\u00fcber\nliegenden Wand befand sich die Dusche, eine zylinderf\u00f6rmige,\nschrankgro\u00dfe Tonne aus Duschw\u00e4nden,&nbsp;mitten im Zimmer\naufgestellt. Daneben war das sch\u00e4bige Waschbecken montiert und eine\nToilette gab es nur auf dem Flur. Offensichtlich hatte Xiaomin mit so\netwas wie einem franz\u00f6sischen Bett \u00fcberhaupt nicht gerechnet.\nZ\u00f6gerlich betrat er das Zimmer, um dann unschl\u00fcssig und hilflos\ndarin herumzustehen.<br>Anna war hin und her gerissen zwischen\nVerlegenheit und Belustigung. Schlie\u00dflich stellte sie ihren Rucksack\nauf einen der beiden St\u00fchle, die die karge Ausstattung des Zimmers\nvervollst\u00e4ndigten, zog den Trainingsanzug heraus, den sie f\u00fcr die\nNacht mitgenommen hatte und verschwand damit in Richtung\nFlurtoilette. Sie lie\u00df sich mit dem Umziehen l\u00e4nger Zeit als\nn\u00f6tig.&nbsp;Als sie nach ihrer R\u00fcckkehr&nbsp;die&nbsp;Zimmert\u00fcr\n\u00f6ffnete,&nbsp;musste sie an sich halten um nicht laut\nloszulachen.<br>Xiaomin lag kerzengerade und stocksteif im\nBett,&nbsp;hatte sich das Laken bis unter das Kinn hochgezogen und\nAnna hatte den Eindruck dass er einschlie\u00dflich seiner Windjacke nach\nwie vor so angezogen war wir vorhin drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe. Nur\nseine&nbsp;Schuhe standen vor dem Bett. Die Augen hielt er fest\nzugedr\u00fcckt und stellte sich schlafend.<br>Anna schloss&nbsp;die\nZimmert\u00fcr hinter sich.&nbsp;&#8222;Was um Himmels willen erwartet\ner?&#8220; fragte sie sich schmunzelnd. Sie holte ihren Wecker heraus\nund stellte ihn auf sechs Uhr, damit sie auch den n\u00e4chsten Tag noch\ngut ausnutzen konnten. Dann griff sie sich die Rosendecke und kaum\nhatte sie sich auf der noch freien Betth\u00e4lfte darin eingerollt, war\nsie auch schon eingeschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nVom\nganzen n\u00e4chsten Reisetag war Anna nur noch der Besuch beim Centre\nGeorges Pompidou in Erinnerung geblieben. Wie sich dort\nherausstellte, konnte man wegen Sanierungsarbeiten nicht hinein. Aber\nauch von au\u00dfen war das Geb\u00e4ude mit seiner modernistischen\nFassadenarchitektur den Weg wert gewesen&nbsp;und Anna hatten es\ninsbesondere die&nbsp;farbenfrohen&nbsp;Skulpturen im Brunnen vor dem\nGeb\u00e4ude angetan. Xiaomin hatte wieder begonnen, mit seiner Kamera\nauf Motivjagd zu gehen und so schlenderten sie langsam durch die\nStra\u00dfen des Viertels Richtung Louvre.<br>In einer Seitenstra\u00dfe,\nnoch ganz in der N\u00e4he des Centre, fielen Anna ein paar leuchtend\nhimmelblaue Linien ins Auge, die&nbsp;wie ein Graffiti auf\nden&nbsp;B\u00fcrgersteig gespr\u00fcht waren. Xiaomin war schon dar\u00fcber\nhinweg geschritten, w\u00e4hrend er mit seinem Objektiv die Hausfassaden\nins Visier nahm. Anna blieb stehen und entdeckte, dass da jemand mit\neinfachsten gestalterischen Mitteln einen Gullydeckel als\nAusgangspunkt f\u00fcr eine versunken vor sich hin tanzende Figur\ngenommen hatte. Ger\u00fchrt versuchte Anna, den Anblick mit ihrer Kamera\neinzufangen. Im Stillen freute sie sich,&nbsp;dass&nbsp;auch&nbsp;sie\neinmal ein Motiv entdeckt&nbsp;hatte, das nicht nur ein\n&#8222;Touristenfoto&#8220; abgab.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNach\ndieser Reise war Anna die R\u00fcckkehr in ihren Alltag sehr schwer\ngefallen. Es war ihr so vorgekommen, als ob sie 2 Wochen weg gewesen\nw\u00e4re, nicht nur zweieinhalb Tage und es dauerte fast die ganze\nfolgende Arbeitswoche, bis sie wieder in ihr Leben hineingefunden\nhatte.<br>Anna investierte nun noch mehr ihrer ohnehin knappen\nFreizeit ins Chinesisch-Lernen und als sie erfahren hatte, dass Liang\ndemn\u00e4chst einen Kalligrafie-Kurs anbieten wollte, hatte sie sich\nohne Z\u00f6gern bei ihm angemeldet.<br>Auch die Treffen mit Xiaomin\nsetzten sich bis in den Sommer hinein&nbsp;fort. Bis er&nbsp;einmal\nan einem verregneten Nachmittag ungewohnt bedr\u00fcckt und wie ein\nH\u00e4ufchen Elend an Annas&nbsp;K\u00fcchentisch hockte.&nbsp;Sie hatte ihn\nnoch nie in einer solchen Stimmung erlebt und fragte&nbsp;ihn, was\ndenn passiert sei.<br>Da&nbsp;zog er einen Umschlag aus dem Rucksack\nund sagte, die Universit\u00e4t h\u00e4tte seine Bewerbung um einen\nStudienplatz abgelehnt, so viel k\u00f6nne er aus diesem Schreiben\nentnehmen. Dar\u00fcber hinaus st\u00fcnde darin aber noch eine Begr\u00fcndung,\nderen Bedeutung er nicht richtig verstehen k\u00f6nne. Er schob den\nUmschlag zu Anna hin\u00fcber und bat sie, so gut wie m\u00f6glich zu\n\u00fcbersetzen. Sie \u00fcberflog den Brief. \u201e&#8230; unzureichend ausgepr\u00e4gte\nkreative Eigenst\u00e4ndigkeit &#8230;\u201c stand da in der Rubrik Begr\u00fcndung\nzu lesen.<br>Anna&nbsp;z\u00f6gerte. Wie sollte sie ihm das erkl\u00e4ren?\nSie hatte ja selbst kaum einen Begriff davon, was kreative\nEigenst\u00e4ndigkeit sein mochte. Und auch wenn sie&nbsp;das gehabt\nh\u00e4tte,&nbsp;w\u00e4re sie&nbsp;mit ihren begrenzten\nChinesisch-Kenntnissen kl\u00e4glich an&nbsp;einer\n\u00dcbersetzung&nbsp;gescheitert. Au\u00dferdem&nbsp;bedr\u00fcckte es sie,\ndiejenige zu sein, die f\u00fcr ihn ein solches Urteil&nbsp;\u00fcbersetzte.\n\u201eIch kann jedes einzelne dieser W\u00f6rter verstehen\u201c, brachte sie\nschlie\u00dflich hervor, \u201eaber den Sinn dieses Satzes k\u00f6nnte ich dir\nnicht einmal auf Deutsch erkl\u00e4ren.&nbsp;Ich habe selbst kein\nVerst\u00e4ndnis davon, was mit kreativer Eigenst\u00e4ndigkeit&nbsp;gemeint\nist\u201c.<br>Es vergingen einige Augenblicke ratlosen Schweigens, bis\nAnna der Gedanke kam, den Maler Liang als Vermittler&nbsp;einzuschalten.\nXiaomin fand den Vorschlag gut und&nbsp;wollte gleich auf dem\nNachhauseweg noch versuchen, bei Liang vorbei zu schauen.<br>Nach\ndiesem Treffen war&nbsp;alles sehr schnell gegangen. Mangels\nStudienplatz lief Xiaomins Visum zum Ende des folgenden&nbsp;Monats\naus. Innerhalb weniger Tage hatte er seine Bleibe aufgel\u00f6st und war\nin Richtung Griechenland zu einer letzten Reise durch in Europa\naufgebrochen. Zur\u00fcck blieb eine Anna, die lange Zeit brauchte, um\ndas Loch zu f\u00fcllen, das er in ihrem Leben hinterlassen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nInzwischen\nwar es Nacht geworden. Der Wintermond schien fahl durch einen d\u00fcnnen\nWolkenschleier auf den Dielenboden vor Annas Sessel.<br>Der restliche\nTee war kalt geworden und Anna stand auf, um sich die vom Mittagessen\n\u00fcbrig gebliebene Suppe warm zu machen. Wie gegenw\u00e4rtig ihr die\nErinnerungen an jenen Fr\u00fchling&nbsp;doch immer noch waren &#8230;\nnachdenklich r\u00fchrte Anna im Suppentopf.&nbsp;Und h\u00e4tte es\njenen&nbsp;Maiausflug nicht gegeben,&nbsp;ihr Leben w\u00e4re in den\nletzten Jahren v\u00f6llig anders verlaufen, da war sie sich sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Sommersonnenwende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nUnd\nwirklich, der Fr\u00fchling brachte&nbsp;auch dieses Jahr Bewegung in\nAnnas Leben. Sie&nbsp;hatte allerdings ihr Blatt bis zum letzten\nTrumpf ausgereizt,&nbsp;um einen Ausweg aus der l\u00e4hmenden Stagnation\nzu finden, in die sie mit Anbruch des Winters hinein geschlittert\nwar.<br>W\u00e4hrend eines am Ende erfolglosen Bewerbungsgespr\u00e4chs\nhatte&nbsp;sie einmal einen Hinweis auf eine berufliche Weiterbildung\naufgeschnappt, in die sie&nbsp;nun ihre ganze Hoffnung setzte.&nbsp;\nDa das Arbeitsamt eine Kostenbeteiligung verweigerte,\nzehrte&nbsp;der&nbsp;Kurs&nbsp;mit einem Schlag ihre&nbsp;finanziellen\nReserven auf.&nbsp;H\u00e4tte&nbsp;sie&nbsp;danach nicht umgehend eine\nAnstellung gefunden, w\u00e4re der Gang zum Sozialamt noch vor Beginn des\nSommers unumg\u00e4nglich geworden.<br>Anna str\u00e4ubte&nbsp;sich lange\ndagegen, ein so hohes Risiko einzugehen. Irgendwann sah&nbsp;sie\njedoch keinen anderen Ausweg mehr und buchte&nbsp;die\nIntensivkurs-Variante. Sie hoffte, so das&nbsp;Abschlusszeugnis\nschneller in der Hand zu halten.<br>Anna war es nicht&nbsp;leicht\ngefallen, sich unter dem&nbsp;Druck, den&nbsp;ihre Situation auf sie\naus\u00fcbte, auf das Seminar zu konzentrieren,&nbsp;auf die beiden\nsechsst\u00fcndigen Abschlusspr\u00fcfungen zu lernen und auch w\u00e4hrend der\nPr\u00fcfungen noch die Nerven zu behalten. Es zeigte sich jedoch schon\nim ersten Bewerbungsgespr\u00e4ch, zu dem sie anschlie\u00dfend eingeladen\nwurde, dass ihre Entscheidung richtig gewesen war. Noch w\u00e4hrend des\nGespr\u00e4chs wurde ihr die Stelle zugesagt, mit Beginn am 1. Mai, dem\n\u201eTag der Arbeit&#8220;, wie Anna r\u00fcckblickend\nfeststellte.<br>Anschlie\u00dfend dauerte&nbsp;es fast&nbsp;drei Tage,\nbis Anna&nbsp;ganz begriff was passiert war. Aber dann konnte sie das\nerste Mal seit Monaten tief durchatmen. Die wochenlange Anspannung\nglitt von ihren Schultern wie die Lawinen tauenden Altschnees, die\nzum Ende des Winters vom Steildach ihres H\u00e4uschens in den Garten\ngest\u00fcrzt waren. Anna konnte&nbsp;den Fr\u00fchling nun unbeschwert\ngenie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAn\neinem Wochenende im April hatte Annas hoch betagte Tante Sofia ihren\nBesuch angek\u00fcndigt. Sie&nbsp;war das letzte noch lebende der f\u00fcnf\nKinder Anna Hofmanns, deren H\u00e4uschen Anna&nbsp;vorsichtig&nbsp;anfing\nihr Eigen zu nennen. F\u00fcr ihre neunzig Jahre war Sofia k\u00f6rperlich\nsehr r\u00fcstig, am meisten beeindruckten&nbsp;aber ihre Neugierde, ihre\nSchlagfertigkeit und der schiere Umfang ihres&nbsp;Erinnerungsschatzes,\nin den sie bei ihren lebhaften Erz\u00e4hlungen hinein griff&nbsp;wie ein\nvirtuoser Pianist&nbsp;in die Tasten seines Steinway.<br>Nachdem\nSofia von ihrem Sohn bei Anna abgesetzt worden war, wollte sie zuerst\nsehen, wie Anna sich in dem alten Haus eingerichtet hatte, wie sie\ndie Zimmer nutzte, was sie renoviert hatte, welche M\u00f6bel vorhanden\nwaren und ob sie anders standen als fr\u00fcher. Danach&nbsp;sollte auch\nder Garten noch eingehend begutachtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\nW\u00e4hrend\nAnna hinter der alten Dame her durch die R\u00e4ume&nbsp;ging, blieb\ndiese pl\u00f6tzlich vor der alten Pendeluhr stehen, die Anna vor kurzem\naus den Umzugskisten geholt und im Flur aufgeh\u00e4ngt hatte, ohne sie\njedoch in Gang zu setzen. \u201eNicht wahr, die h\u00e4ngt nur zur Zierde\nhier, die ist schon seit Deiner Kindheit immer kaputt bei Euch\nherumgehangen weil man sie nicht mehr reparieren kann.&#8220; stellte\nSofia mit der untr\u00fcglichen Pr\u00e4zision ihres Ged\u00e4chtnisses fest. \u201eJa\nstimmt&#8220; best\u00e4tigte Anna, \u201emeine Eltern brachten&nbsp;sie\nsogar mal zum Uhrmacher hier am Ort zur Reparatur. Hinterher fluchten\nsie \u00fcber die hohe Rechnung, und die Uhr lief immer noch nicht. Und\nob Du&#8217;s glaubst oder nicht, jetzt tickt sie wieder richtig, ich habe\nsie nur noch nicht angesto\u00dfen!&#8220;.<br>Das r\u00fchrte die alte Frau\nsichtlich. \u201eWei\u00dft Du diese Uhr ist wirklich uralt&#8230; Die hing\nschon in meiner Kindheit in Oma Annas Wohnstube. Wir waren ja f\u00fcnf\nKinder damals, und an dieser Uhr haben wir uns gegenseitig die Zahlen\nund die Uhrzeiten beigebracht!&#8220; erz\u00e4hlte sie mit h\u00f6rbar\nbelegter Stimme weiter. &#8222;Und wer hat sie nun wieder in Ordnung\ngebracht?&#8220;<br>Anna \u00f6ffnete die gl\u00e4serne Frontt\u00fcr der Uhr und\nversetzte dem Pendel einen sanften Schubs. Tick, Tack, Tick, Tack&#8230;\nsetzte sich die Mechanik in Bewegung und f\u00fcr einige Sekunden gelangt\nes dem Hin und Her des Pendels, die Blicke der beiden Frauen an sich\nzu fesseln. Auf dem Boden des Uhrkastens fand sich&nbsp;ein\nunf\u00f6rmiger Fl\u00fcgelschl\u00fcssel, mit dem man die Uhr aufziehen musste,\nwenn sie l\u00e4nger durchhalten sollte. Anna setzte den Schl\u00fcssel in\ndie Nabe, die im Ziffernblatt neben der Acht sa\u00df und drehte ihn\nsanft ein paar mal um seine Achse. Der&nbsp;Uhr entlockte dies ein\nmetallisches&nbsp;Schnarren. <br>\u201eDas ist eine l\u00e4ngere\nGeschichte&#8230;&nbsp;&#8220; griff&nbsp;Anna&nbsp;den Faden wieder auf.\nNachdenklich&nbsp;schloss sie den Uhrkasten.&nbsp;\u201eKomm, ich habe\nuns Kuchen besorgt und&nbsp;der Kaffee ist auch schon fertig. Lass\nuns in der K\u00fcche eine Pause einlegen, dann erz\u00e4hl&#8216; ich Dir, wer\nunsere Familienuhr wieder repariert hat. Unser&nbsp;Uhrmacher hier,\nder war&#8217;s jedenfalls nicht!&#8220; f\u00fcgte sie augenzwinkernd hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAuch\nwenn es schon Jahre her war, seit&nbsp;die beiden sich das letzte\nMal&nbsp;begegnet waren, war der Draht zwischen ihnen nie\nunterbrochen worden.&nbsp;Immer wieder hatte sich Tante Sofia in\nlangen Telefonaten \u00fcber das Wichtigste im Leben ihrer Nichte auf den\nneuesten Stand bringen lassen. Sie konnte oft nicht nachvollziehen,\nwas es eigentlich war, das Anna durch ihr&nbsp;Leben trieb und welche\nBeweggr\u00fcnde hinter ihren Entscheidungen standen. Aber sie war eine\nder Wenigen, die auf dem Laufenden&nbsp;waren, ob es Anna gerade gut\nging, welche Ziele sie verfolgte und wer gerade in ihrem Leben eine\nwichtige Rolle spielte. Auch \u00fcber die Ereignisse, die Annas letzte\nJahre gepr\u00e4gt hatten, hatte sie sich so einen groben aber\nl\u00fcckenlosen \u00dcberblick verschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eIch\nhab&#8216; Dir doch mal von diesem Fotografen erz\u00e4hlt, der, den die\nSprachschule mir mal&nbsp;als Sprachpartner vermittelt hatte&#8230;?&#8220;\nsprudelte Anna los, kaum dass die beiden sich an Annas rundem\nK\u00fcchentisch nieder gelassen hatten. \u201eJa, Ja, ich erinnere mich,\nder mit dem Du dann gleich nach Paris gefahren bist&#8230; den meinst Du\ndoch, oder?&#8220; \u201eGenau den meine ich&#8220;, best\u00e4tigte Anna.\n\u201eAber ist der nicht kurz darauf wieder zur\u00fcck nach China?&#8220;\n\u201eJa, ist er, und als er weg war hab ich gemerkt, dass mir mein\nChinesisch-Kurs an der Sprachschule immer weniger gab. Ich fand den\nUnterricht pl\u00f6tzlich fade. Ich merkte, das mir auch die Begegnungen\nmit Chinesen fehlten. Unsere Lehrerin war zwar auch eine Chinesin und\nmachte&nbsp;einen guten Unterricht, aber mit jeder weiteren Woche\nf\u00fchlte sich alles immer mehr an&nbsp;wie Autofahren im\nSimulator.<br>Und dann kam&nbsp;ich auf&nbsp;die Idee,&nbsp;meinen\nJahresurlaub f\u00fcr eine Sprachreise nach China zu nutzen&#8230;&#8220; \u201eHa,\nich wusste doch, Du wolltest&nbsp;diesem&#8230; wie hie\u00df der noch? &#8230;\nhinterher!&#8220; bohrte Tante Sofia prompt in die weiche Flanke, die\nAnna ihr zu bieten schien. Anna musste erst mal Luft holen. \u201eNun\nmach mal langsam, so war es doch gar nicht&#8220; wiegelte&nbsp;sie&nbsp;ab,\n\u201eXiaomin&nbsp;war&nbsp;zu der Zeit beruflich im S\u00fcden Chinas\nunterwegs.&#8220;<br>Tante Sofia war&nbsp;Entt\u00e4uschung anzumerken,\nwas Anna&nbsp;die M\u00f6glichkeit bot, das Gespr\u00e4ch in eine Richtung zu\nlenken, die ihr besser zusagte. \u201eDu hast schon recht,&#8220; gab sie\nzu, \u201eder fehlte mir schon. Vor allem&nbsp;aber wollte&nbsp;ich&nbsp;sein\nLand endlich&nbsp;mit eigenen Augen sehen. Das ist alles&nbsp;so\nvielgestaltig und faszinierend,&nbsp;dieser&nbsp;Schritt war einfach\nnotwendig geworden.&nbsp;Also bin ich ins Reiseb\u00fcro und die hatten\neine Sprachreise an diese Pekinger Universit\u00e4t im Angebot. Ich\nbuchte einen zweiw\u00f6chigen Kurs und noch eine Woche zur freien\nVerf\u00fcgung hintendran. Ab da&nbsp;habe ich nur noch auf diesen Urlaub\nhin gelebt und Reisevorbereitungen getroffen. Sogar der\nChinesisch-Kurs war pl\u00f6tzlich wieder interessant!<\/p>\n\n\n\n<p>\nUnd\nwie aufgeregt ich war, als ich dann endlich im Flugzeug sa\u00df, wie ein\nkleines Kind! Ich musste zuerst nach Amsterdam und dort in den\nLangstreckenflieger umsteigen.&nbsp;Irgendwo \u00fcber Russland&nbsp;wurde\nes&nbsp;Nacht. Oben sah&nbsp;man den Sternenhimmel und unten\nleuchteten die Lichtp\u00fcnktchen von&nbsp;Ortschaften aus dem&nbsp;Schwarz,\ndie&nbsp;sahen auch aus wie kleine Sternhaufen. Alles floss\nineinander und mir wurde fast schwindlig davon. Danach konnte ich\naber&nbsp;ein bisschen schlafen und als ich wieder aufwachte war es\nschon taghell. Unter mir gab es pl\u00f6tzlich nur noch ockerfarbene oder\nr\u00f6tliche Gebirgsz\u00fcge und dazwischen sandfarbene Ebenen soweit ich\nschauen konnte. Einzelne&nbsp;kleine Seen sah man\ngelegentlich&nbsp;t\u00fcrkisfarben schimmern,&nbsp; aber sonst kein\nGr\u00fcn, nichts als W\u00fcste, \u00fcber Stunden hinweg. Das \u00e4nderte sich\nerst kurz vor Peking, ich hatte den Eindruck als best\u00fcnde das ganze\nLand&nbsp;nur aus Sand und Steinen.&#8220;<br>\u201eIch bin noch nie\ngeflogen&#8230;&#8220; bemerkte Tante Sofia. \u201eIch traue mich einfach\nnicht, in so ein Ding einzusteigen. Aber es muss wundersch\u00f6n\nsein&#8230;&#8220; \u201eAch wei\u00dft Du,&nbsp;solche Langstreckenfl\u00fcge sind\noft einfach nur \u00f6de,&nbsp;die meisten vergesse ich gleich wieder.\nAber an diesen kann ich mich noch genau erinnern.&#8220; nahm Anna den\nFaden wieder auf. \u201eAm Flughafen wurde ich abgeholt und was meinst\nDu, wie froh ich war, dass ich den Taxi-Transfer zur Universit\u00e4t\ngleich mit gebucht hatte.&nbsp;Erst beim Verlassen des Flughafens\nhabe ich n\u00e4mlich gemerkt,&nbsp;dass ich hier nicht nur die Sprache\nkaum verstehe, sondern dass ich&nbsp;eben gerade Analphabetin\ngeworden war. Ich war es bisher gewohnt, im Ausland&nbsp;aus der\nSchrift immer noch&nbsp;ein paar&nbsp;Bedeutungsfetzen herauslesen zu\nk\u00f6nnen, auch wenn ich die Sprache nicht konnte. Aber hier?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\n&nbsp;\u201eAber\nh\u00e4ttest Du Dir das nicht denken k\u00f6nnen?&#8220; hakte Tante Sofia\ngleich ein. \u201eDoch, denken schon&#8230; aber wie es&nbsp;wirkt, wenn\nich&nbsp;dann in der Situation drin bin,&nbsp;das habe&nbsp;ich mir\nnicht vorstellen&nbsp;k\u00f6nnen. Und es&nbsp;ging&nbsp;den ganzen\nrestlichen Tag so weiter. Je weiter das Taxi in die Stadt rein fuhr,\numso dichter und lauter wurde das Leben drau\u00dfen. Du kannst Dir das\nGew\u00fchl nicht vorstellen! Autos, Radfahrer, Stra\u00dfenh\u00e4ndler,\nFu\u00dfg\u00e4nger, \u00fcberf\u00fcllte Busse, alles quirlte und schob sich kreuz\nund quer durcheinander, als g\u00e4be es keinerlei Verkehrsregeln. Der\nFahrer hat&nbsp;auf seinem Weg kein Risiko gescheut und mich hat es\nzwischen&nbsp;Panik&nbsp;und Apathie hin und her geworfen.&nbsp;Wei\u00dft\nDu, Stra\u00dfenverkehr in Rom, das ist etwas&nbsp;Geordnetes und\nBeschauliches dagegen, und hier in Deutschland sowieso.<br>Auch an\nder Uni ist es&nbsp;chaotisch weiter gegangen. Nichts war in Englisch\noder irgend einer anderen westlichen Sprache ausgeschildert und ich\nhabe&nbsp;mich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen bis zu dem Geb\u00e4ude\ndurchgefragt, in dem die Anmeldung war.&nbsp;Und als ich endlich&nbsp;in\nmeinem Wohnheimzimmer ankam war ich so erschossen, dass ich mich erst\nmal f\u00fcr eine Stunde aufs Bett geworfen habe.&#8220; \u201eWar es da\nnicht ohnehin schon wieder Nacht?&#8220; wollte&nbsp;Tante Sofia\nwissen. \u201eNein, es war erst Nachmittag und ich hab&#8216; mir den Wecker\ngestellt, weil ich gegen Abend noch raus wollte.<br>Als&nbsp;ich dann\nlos bin hat&nbsp;die Sonne noch geschienen. Ich bin zuerst auf dem\nUni-Gel\u00e4nde herumgelaufen. So ne&nbsp;chinesische Uni ist&nbsp;eine\nkleine Welt f\u00fcr sich, viele langgezogene Backsteingeb\u00e4ude, ein paar\ngr\u00f6\u00dfere und neuere Bauten und&nbsp;ein hoher Eisenzaun&nbsp;um das\nGanze rum.&nbsp;Auf dem Gel\u00e4nde gab es alles, Unterrichtsgeb\u00e4ude,\nWohnheime, mehrere Kantinen, Sportst\u00e4tten, eine Bibliothek, eine\nkleine Parkanlage und sogar eine Bank hatten sie.<br>Die meisten\nLeute, die mir begegnet sind, waren asiatische Studenten, chinesische\nund solche aus anderen asiatischen L\u00e4ndern. Damals konnte ich\ndiese&nbsp;Gruppen noch nicht auseinander halten. Ich hab&#8216; nur\ngewusst, dass etwa die H\u00e4lfte der Studenten dieser Uni Chinesen\nsind,&nbsp;der Rest Ausl\u00e4nder wie ich.&#8220; \u201e Kann man die\nAsiaten denn \u00fcberhaupt auseinander halten?&#8220;&nbsp; \u201eDoch, mit\nder Zeit geht das immer besser, aber hundertprozentig richtig liege\nich auch heute nicht immer. Leute aus dem Westen waren \u00fcbrigens nur\nsehr wenige da und fast alle, denen ich begegnete, waren deutlich\nj\u00fcnger als ich. Alles wirkte ruhig, gepflegt und aufger\u00e4umt.<br>Ich\nhatte noch ein bisschen Zeit und bin dann raus auf die Stra\u00dfe. Das\nHaupttor war von M\u00e4nnern in Uniform bewacht, die&nbsp;erst meinen\nnagelneuen Studentenausweis sehen wollten,&nbsp;bevor sie mich durch\nlie\u00dfen. Und drau\u00dfen brodelte dann wieder das Chaos.<br>Gott sei\nDank gab es einen breiten B\u00fcrgersteig und ich habe mich einfach vom\nStrom der Menschen mitziehen lassen.&#8220; \u201eAlso da h\u00e4tte ich\nAngst gehabt mich zu verlaufen!&#8220; wandte Tante Sofia ein. \u201eDie\nhatte ich auch, aber ich wollte nicht weit von der Uni weg, nur so\nmal einen Block oder zwei die Stra\u00dfe rauf.<br>Es war aber schon\nziemlich viel Fremdheit auf einmal&#8230;&nbsp;Allein die schiere Masse\nfremder Menschen, aber auch die Geb\u00e4ude sahen anders aus als bei\nuns. Bei den meisten konnte ich mir keinerlei Reim drauf machen, ob\nsie nun Wohnh\u00e4user, Gesch\u00e4ftsh\u00e4user oder noch etwas anderes waren.\nManchmal hatte ich beim Gehen den Eindruck, dass der Boden unter\nmeinen F\u00fc\u00dfen schwankt. Als ich dann&nbsp;an der Kreuzung zum\nn\u00e4chsten Block ankam,&nbsp;musste ich ja&nbsp;irgendwie durch das\nGew\u00fchl da r\u00fcber kommen. Ich hab&#8216; ziemlich lange&nbsp;an der\nBordsteinkante gestanden und versucht, irgendwas zu erkennen, das mir\nweiter helfen k\u00f6nnte.&#8220;<br>\u201eGab es denn keine Ampeln, in einer\nStadt wie Peking?&#8220; wunderte sich Tante Sofia. \u201eDoch, da waren\nwohl&nbsp;welche, und die waren auch in Betrieb. Aber niemand hat\nauch nur einen Blick auf sie verschwendet. Nach einer Weile habe ich\nmich dann einem jungen Paar mit kleinem Kind an die Fersen geheftet.\nDie hatten anscheinend&nbsp;verstanden wie es mir ging. Sie&nbsp;l\u00e4chelten\nmich an und schauten sich ein paarmal um ob ich auch gut hinterher\nkomme.<br>Ein paar hundert Meter weiter&nbsp;kam dann&nbsp;ein\nGel\u00e4nde,&nbsp;das war wie eine kleine Plantage in Reih und Glied\nmit&nbsp;Pinien bepflanzt,&nbsp;mitten im H\u00e4usermeer.&nbsp;Es&nbsp;war\nein bisschen ruhiger dort und ich habe zugeschaut, wie hinter den\nB\u00e4umen die Sonne untergeht.<br>Ich war richtig froh, dass wenigstens\ndie Sonne&nbsp;die gleiche ist&nbsp;wie bei uns und&nbsp;dachte: &#8218;Von\ndort, wo sie untergeht,&nbsp;bin ich heute her gekommen.&#8216;&nbsp;Da kam\ndie schwankende Erde unter mir zum Stillstand, als w\u00fcrde sie\nirgendwo einrasten. In meinen Ohren h\u00f6rte&nbsp;ein Rauschen auf, das\ndie ganze Zeit da&nbsp;gewesen war ohne dass ich es bemerkt hatte.\nIch&nbsp;sp\u00fcrte&nbsp;den Abendwind auf meiner Haut,&nbsp;h\u00f6rte&nbsp;die\nLeute um mich rum rufen, lachen und trappeln, es war, als w\u00e4re eine\nBlase geplatzt.&#8220; \u201eJa, da warst Du&nbsp;erst&nbsp;richtig\ngelandet.&#8220; stellte Tante Sofia fest.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eAber\nsag mal, was hat das jetzt alles damit zu tun, wer die alte Uhr\nrepariert hat? Du hast das Ding doch&nbsp;nicht mit nach Peking\ngeschleppt, oder?&#8220; Anna&nbsp;kicherte,&nbsp;als sie sich&nbsp;mit\nder fast einen Meter hohen Pendeluhr unterm Arm durch das Gewimmel\nder Menschen in Pekings Stra\u00dfen stolpern sah. \u201eUm Himmels Willen,\ndas h\u00e4tte die Uhr niemals \u00fcberlebt. Aber ich glaube, ohne diese\nReise h\u00e4tte ich den richtigen Uhrmacher nie gefunden!<br>In der\nletzten Woche hatte ich doch noch ein paar unterrichtsfreie Tage und\nda habe ich&nbsp;Xiaomins&nbsp;Familie&nbsp;kennen gelernt, seine\nSchwester und seine Eltern. Keine Sorge, Sofia, das hat auch was mit\nder Uhr zu tun. In China laufen&nbsp;halt viele Dinge \u00fcber ein paar\nmehr Ecken&nbsp;als bei uns. Ich war&nbsp;\u00fcberrascht,&nbsp;dass\ndiese Familie gl\u00e4ubige Christen sind. Davon hatte Xiaomin mir nie\netwas erz\u00e4hlt.&#8220;<br>Tante Sofia war selbst&nbsp;sehr gl\u00e4ubig\nund nun war sie&nbsp;sprachlos, was bei ihr einiges hie\u00df. \u201eDas\ngibt\u2019s doch gar nicht!&#8220; entfuhr es ihr dann. \u201eJa, sie luden\nmich sogar zu einem Gottesdienst&nbsp;ein. Das war&nbsp;eines\nder&nbsp;erstaunlichsten Erlebnisse der ganzen Reise f\u00fcr mich! Du\nwei\u00dft ja, dass ich mir nicht viel aus Religion mache, aber dieser\nGottesdienst hat mich ber\u00fchrt. Von der Predigt&nbsp;habe&nbsp;ich\nnichts verstanden,&nbsp;die Liedtexte und die chinesische Bibel\nkonnte ich auch nicht lesen. Der ganze Rahmen, das kleine wei\u00dfe\nKirchlein,&nbsp;die Melodien und das Zeremoniell wirkten, als f\u00e4nde\nder Gottesdienst&nbsp;im Westen statt. Nur die&nbsp;Menschen nicht,\ndenn sie nahmen mit so einer stillen, fr\u00f6hlichen Hingabe teil, ganz\nanders als ich das bei uns&nbsp;je erlebt habe.<br>Sp\u00e4ter sind wir\nalle noch zusammen in ein kleines Restaurant gegangen. Xiaomins\nSchwester kann&nbsp;Englisch sprechen und zusammen mit meinem&nbsp;etwas\nbesser gewordenen Chinesisch konnten wir uns einigerma\u00dfen\nunterhalten. Die Familie erz\u00e4hlte, dass es auch im Ausland Ableger\ndieser Gemeinde gibt, unter anderem in meiner Stadt. Sie w\u00fcrden mich\ngerne mit den Freunden bekannt machen, die sie&nbsp;unter den\nGemeindemitgliedern dort h\u00e4tten. Und so schrieb&nbsp;ich&nbsp;mir\nNamen und Adressen einer gewissen Familie Wu auf, mehr aus\nH\u00f6flichkeit als in&nbsp;der Absicht, sie&nbsp;nach meiner R\u00fcckkehr\nwirklich zu kontaktieren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eWie\nwar das \u00fcberhaupt nach Deiner R\u00fcckkehr,&#8220; unterbrach Tante\nSofia da. \u201eWir hatten&nbsp;damals ja einmal telefoniert und Du\nwirktest am Telefon so durcheinander, dass ich mir Sorgen gemacht\nhabe&#8220; fuhr sie mit ihrem untr\u00fcglichen Gesp\u00fcr f\u00fcr Annas weiche\nStellen fort.<br>\u201eJa, Du hast recht, danach wurde es erst richtig\nschwierig f\u00fcr mich.&#8220; gab Anna zu. \u201eIch habe bald gemerkt,\ndass ich nicht mehr in mein altes Leben zur\u00fcckfinden konnte. Es ist\nmir auch fr\u00fcher schon passiert, dass ich nach einer l\u00e4ngeren\nFernreise eine Weile gebraucht habe, bis ich mich wieder an meinen\nAlltag gew\u00f6hnt hatte. Aber sp\u00e4testens nach zwei Wochen war das dann\nvorbei und ich war wieder drin im alten Trott.<br>Diesmal passierte\ndas einfach nicht, im Gegenteil! Ich hatte das Gef\u00fchl, als schaute\nich meinem bisherigen Leben von au\u00dfen zu, als w\u00e4re es nach&nbsp;meinem\nAbflug&nbsp;hinter meinem R\u00fccken in eine riesige Schneekugel\nverwandelt worden, an deren Glaswand ich mir&nbsp;jetzt die Nase\nplatt dr\u00fccken konnte so lange ich wollte, ich kam nicht mehr rein.\nMit der Zeit wurde es&nbsp;eher schlimmer als besser, es war, als\nw\u00fcrde etwas, das vorher fugenlos zusammengepasst hatte langsam\nauseinanderdriften. Und ich konnte es nicht aufhalten.<br>Am meisten\nhabe ich&nbsp;es bei der Arbeit gemerkt, aber da hatte es seine guten\nSeiten. Die Querelen zwischen Kollegen, die&nbsp;Taktiken der Chefs,\nVerz\u00f6gerungen der Projekte, unrealistische Erwartungen der Kunden,\ndas alles&nbsp;hat&nbsp;mich vorher immer&nbsp;schnell gestresst\nund&nbsp;fertig gemacht. Jetzt jedoch lie\u00df es mich pl\u00f6tzlich&nbsp;kalt.\nIch ging hin, machte meine Arbeit und war abends fertig damit. Wei\u00dft\nDu, so gut mir diese pl\u00f6tzliche Gelassenheit tat, sie machte mir\nauch Angst.<br>Und im&nbsp;privaten Kreis passierten Sachen, bei\ndenen mir&nbsp;manche&nbsp;Leute immer sonderbarer vorkamen&#8230;&#8220;\n\u201eWas meinst Du denn damit?&#8220;&nbsp;Tante Sofia schaute\nskeptisch.&nbsp;\u201eDieser China-Aufenthalt scheint Dir wirklich nicht\ngut getan zu haben!&#8220;. \u201eSo w\u00fcrde ich das&nbsp;auch wieder\nnicht sagen&#8230;&#8220;&nbsp;Anna war nachdenklich geworden.&nbsp;\u201eAber\nDu hast&nbsp;recht, ich war nach meiner R\u00fcckkehr&nbsp;ver\u00e4ndert,\nohne dass ich sagen konnte was es&nbsp;war&#8230;&#8220;. Nach wie vor\nsprach Skepsis&nbsp;aus Tante Sofias Blick und Anna versuchte, sich\nan die&nbsp;Erlebnisse&nbsp;zu erinnern,&nbsp;die ihr damals zu\nschaffen gemacht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eEines\nSonntags war ich bei Monika und Franz zum chinesischen Essen\neingeladen. Ich kannte die beiden vom Chinesisch-Kurs und an dem Tag\nwaren&nbsp;au\u00dfer mir auch noch zwei, drei andere Leute eingeladen.\nEs sollte Kanton-Ente geben. Du glaubst gar nicht, wie viel M\u00fche sie\nsich gemacht hatten! Au\u00dfer der Ente gab es noch f\u00fcnf weitere\nGerichte. Als ich ankam, briet die Ente noch im Ofen und Monika\nstrich&nbsp;sie wiederholt mit einer speziellen So\u00dfe ein. Um den\nG\u00e4sten die Zeit bis zum Essen zu vertreiben f\u00fchrte Franz uns durch\nHaus und Garten.<br>Die beiden schienen richtige China-Fetischisten\nzu sein. Das Wohnzimmer war&nbsp;mit chinesischen M\u00f6belst\u00fccken\neingerichtet,&nbsp;ein krummbeiniger Couchtisch, mehrere kleine\nKommoden und dann ein riesiger chinesischer Medizinschrank mit 60\nSchubladen! So einer ist&nbsp;richtig&nbsp;teuer,&nbsp;und leicht zu\nbeschaffen ist er bestimmt auch nicht. Nat\u00fcrlich hatten sie auch\nchinesische Vasen auf den Kommoden und Tuschebilder an den W\u00e4nden.\nSogar im Esszimmer und im Flur gab es noch&nbsp;chinesische\nAccessoires.<br>Aber erst der Garten! Da war zwar einiges noch\nBaustelle, aber man sah schon&nbsp;einen Teich,&nbsp;umgeben\nvon&nbsp;einem&nbsp;kleinen Gebirge aus aufgeschichteten\nFelsbrocken,&nbsp;wie in den alten chinesischen G\u00e4rten.&nbsp;Das\nEssen&nbsp;war vorz\u00fcglich und alles wurde mit chinesischem\nEssgeschirr und St\u00e4bchen serviert.<br>Nat\u00fcrlich haben wir uns auch\n\u00fcber China, die Reisen&nbsp;und \u00fcber Chinesen im Allgemeinen\nunterhalten. Monika und Franz haben schon mehrere lange Reisen durch\nChina unternommen und kennen&nbsp;das ganze Land. Aber w\u00e4hrend sie\nso erz\u00e4hlten fiel mir auf, dass sie nie \u00fcber Kontakte zu Chinesen\nberichteten, jedenfalls keine,&nbsp;die \u00fcber die organisatorische\nAbwicklung ihrer Reisen hinaus gingen.&nbsp;Mir kam das seltsam vor,\ndenn die Beiden sprechen ja viel besser Chinesisch als ich es damals\nkonnte. Aber&nbsp;ich bin in China&nbsp;immer schnell in&nbsp;Kontakt\nmit Chinesen&nbsp;gekommen&#8230;&#8220; \u201eJa vielleicht war es&nbsp;gerade\ndas, was Dir hinterher solche Schwierigkeiten machte&#8230;&#8220;\nr\u00e4tselte Tante Sofia und Anna wusste nicht, was sie darauf erwidern\nsollte.<br>\u201eIrgendwann habe ich Monika dann gefragt, wie sie sich\ndenn merkt, was sie in welcher der 60&nbsp;Schubladen des\nMedizinschranks untergebracht hat. Die sehen ja alle gleich aus.&nbsp;Da\nhat sie gelacht und gesagt, anfangs h\u00e4tte sie den Schrank sehr gerne\nzur Aufbewahrung ihres Hausrats benutzen wollen. Aber als sie dann\ndie Sachen&nbsp;einger\u00e4umt hatte&nbsp;bemerkte sie, dass sie jedes\nMal wenn sie etwas davon herausnehmen wollte, so gut wie alle\nSchubladen durchsuchen musste, bis sie gefunden hatte was sie\nbrauchte. Am Ende&nbsp;hat&nbsp;sie alles wieder ausger\u00e4umt und der\nriesige Schrank steht seither leer.<br>Wie&nbsp;ich&nbsp;das h\u00f6rte,\nf\u00fchlte ich mich in die Loge eines Theaters mit perfekter\nChina-Kulisse versetzt, w\u00e4hrend auf der B\u00fchne \u201eChina ohne\nChinesen&#8220; gespielt wird, unwirklich und ein bi\u00dfchen schr\u00e4g.\nUnd dann mu\u00dfte ich mir Xiaomins Eltern und seine Schwester\nvorstellen, wie sie in einer mit bayrischen Bauernm\u00f6beln, rotwei\u00df\nkarierten Vorh\u00e4ngen und Herrgottswinkel ausgestatteten Wohnstube\nhinter Bierseideln sitzen und Wei\u00dfwurst mit Brezeln\nessen&#8230;&#8220;.<br>\u201eNein, nicht einmal ich glaube, dass Chinesen je\nso etwas machen w\u00fcrden!&#8220; kicherte Tante Sofia dazwischen. \u201eAber\nsag mal, Anna, wenn Du von China erz\u00e4hlst, kommen wir st\u00e4ndig vom\nHundertsten ins Tausendste, du platzt ja schier aus allen N\u00e4hten. Du\nmusst mir unbedingt noch erz\u00e4hlen, was dann auf der China-Reise\nweiter passiert ist, aber jetzt will ich wirklich erst mal wissen,\nwas das alles mit unserer alten Pendeluhr zu tun hat.&#8220; \u201eNun,\nDu hattest ja gefragt, was mir nach meiner R\u00fcckkehr so zu schaffen\ngemacht hat.&#8220; erwiderte Anna augenzwinkernd.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eEs\nmuss bald&nbsp;nach dieser Kanton-Ente bei Monika und Franz gewesen\nsein, als mich Xiaomins Schwester per E-Mail fragte, ob ich Lust\nh\u00e4tte, am n\u00e4chsten Wochenende bei Familie Wu zum Mittagessen vorbei\nzu schauen. Sie hatte den Wus von mir erz\u00e4hlt und diese w\u00fcrden sich\n\u00fcber meinen Besuch freuen!&#8220;&nbsp;&#8222;Was? Das ist aber schon\nerstaunlich!&#8220; Tante Sofia war verwundert.&nbsp; \u201eJa,\nanfangs&nbsp;konnte&nbsp;ich&nbsp;solche Erfahrungen mit\nChinesen&nbsp;auch nicht&nbsp;einordnen. Vielleicht h\u00e4tte ich die\nEinladung auch ausschlagen sollen, aber ich war neugierig geworden\nund bin hin.\u201c<br>\u201eUnd wie war es dann bei den Wus?&#8220;&nbsp;\n\u201eRate mal was es da zu Essen gab?&#8220; lie\u00df Anna sie r\u00e4tseln.\nAber sie hatte Sofias Scharfsinn wieder einmal untersch\u00e4tzt. \u201eNa,\nwenn Du schon so fragst, muss es wohl Kanton-Ente gegeben haben!&#8220;\nkam die Antwort wie aus der Pistole geschossen zur\u00fcck. \u201eGenau so\nwar es, die Wus stammen n\u00e4mlich aus Kanton. Herr&nbsp;Wu hatte die\nEnte zubereitet und seine Frau hatte noch acht weitere Gerichte dazu\ngemacht.<br>Das Wohnzimmer der Wus war \u00fcbrigens ganz anders&nbsp;als\ndas bei Monika und Franz. Schlicht und praktisch, alles Notwendige\nwar vorhanden, aber f\u00fcr unsere Verh\u00e4ltnisse war es leer. Das habe\nich sp\u00e4ter noch oft in chinesischen Wohnungen gesehen. So klein sie\nauch waren, sie waren nie&nbsp;so vollgestopft wie unsere. Zuerst\nhaben wir uns ausf\u00fchrlich \u00fcber das Essen unterhalten,\n\u00fcber&nbsp;die&nbsp;Kniffe&nbsp;bei der Zubereitung der Ente,&nbsp;warum\ndie&nbsp;Gerichte und die Zutaten so ausgew\u00e4hlt waren und nicht\nanders,&nbsp;wo es gute Einkaufsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr chinesische\nLebensmittel gibt und so weiter. \u00dcber Essen k\u00f6nnen sich\nChinesen&nbsp;stundenlang unterhalten.&nbsp;Nach einer Weile hatten\nwir&nbsp;auch pers\u00f6nlichere Themen am Wickel. Warum Familie Wu nach\nDeutschland gekommen war, wer noch alles zur Familie geh\u00f6rt und&nbsp;was\nf\u00fcr Berufe wir haben. Nun erfuhr ich, dass Herr Wu Uhrmachermeister\nist. Er begann richtig zu schw\u00e4rmen, als er auf&nbsp;seine Arbeit zu\nsprechen kam. Das&nbsp;war nicht nur Broterwerb f\u00fcr ihn sondern\nBerufung. Am meisten hatten es ihm&nbsp;alte deutsche und Schweizer\nUhren angetan.&nbsp;Da konnte&nbsp;ich&nbsp;gar nicht anders, ich\nhabe&nbsp;ihm von unserer kaputten alten Pendeluhr erz\u00e4hlt\nund&nbsp;gefragt,&nbsp;ob er einen Reparaturversuch machen\nwolle.&nbsp;Nat\u00fcrlich wollte er. Ich hab&#8216; sie ihm dann gleich am\nn\u00e4chsten Abend hingebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>\nSeine&nbsp;Werkstatt&nbsp;war\nim Keller des&nbsp;Mietshauses, in dem seine Familie auch wohnte.&nbsp;Als\nich hinkam war sonst niemand da und er machte eine kleine\nWerkstattf\u00fchrung f\u00fcr mich. Hier gab es das ganze&nbsp;Gegenteil der\nLeere, die mir&nbsp;im Familienwohnzimmer aufgefallen war.&nbsp;Alle\nW\u00e4nde&nbsp;waren bis unter die Decke mit Regalen, Schubladen,\nGlasvitrinen und mechanischen Uhren ausgef\u00fcllt. Die Uhren pendelten,\ntickten, gongten und schlugen unruhig durcheinander, aber&nbsp;alle\nzeigten&nbsp;die richtige Uhrzeit&nbsp;an. In der Mitte&nbsp;stand&nbsp;ein\ngro\u00dfer Arbeitstresen, auf dem Lupenbrillen, Pinzetten, Zangen,\nHalterungen, Schraubenzieher, Einspannwerkzeuge und weitere\nSpezialwerkzeuge lagen, die ich nicht einordnen konnte. Alles fein\ns\u00e4uberlich in Reih und Glied. \u00dcber allem hing eine meterlange\ndoppelte Neonr\u00f6hre, die laut brummte und&nbsp;den Tisch&nbsp;unter\nsich in glei\u00dfendes Licht tauchte. Dann gab es noch eine weitere T\u00fcr\nim Raum, die offen stand und in einen Lagerraum f\u00fchrte.<br>Anfangs\nsei ein kleiner Laden&nbsp;in der Innenstadt&nbsp;sein Traum gewesen,\nerz\u00e4hlte er. Aber es kam so viel Kundschaft durch\nMund-zu-Mund-Propaganda zu ihm, dass er die Arbeit&nbsp;kaum\nbew\u00e4ltigen konnte. Da&nbsp;entschloss er sich irgenwann, auf den\nLaden&nbsp;zu verzichten, so lange sein Gesch\u00e4ft auch ohne&nbsp;l\u00e4uft&nbsp;und\ner seine Familie damit ern\u00e4hren kann.<br>Dann fing er\nan,&nbsp;verschiedene Schubladen zu \u00f6ffnen und erkl\u00e4rte, wof\u00fcr die\nTeile&nbsp;zu gebrauchen waren, die darin lagen.&nbsp;Ich bin richtig\nerschrocken, wie&nbsp;winzig manche waren. Sie m\u00fcssen so pr\u00e4zise\ngefertigt werden,&nbsp;dass es f\u00fcr einige&nbsp;nur noch\neinen&nbsp;Betrieb weltweit gab,&nbsp;wo Herr Wu sie kaufen konnte.\nUnd f\u00fcr&nbsp;viele gab es gar keine Hersteller mehr. Die\nsammelte&nbsp;Her Wu dann aus&nbsp;schrottreifen Uhren\nzusammen.<br>Er&nbsp;bl\u00fchte richtig auf,&nbsp;als&nbsp;er mir das\nalles zeigte.&nbsp;Nur&nbsp;als ich ihn fragte, ob sein Sohn einmal\nbei ihm&nbsp;in die Lehre gehen wolle,&nbsp;wurde er traurig.&nbsp;Der\nTeenager war n\u00e4mlich&nbsp;nur versessen auf&nbsp; seinen Computer,\nsa\u00df den gr\u00f6\u00dften Teil seiner&nbsp;Freizeit dahinter&nbsp;und wollte\nauch sp\u00e4ter mal \u201eirgendwas mit Computern&#8220; machen. Herr Wu\nfand es&nbsp;nicht schlecht, dass der Sohn&nbsp;mit Computern\nherumspielte. Aber dass er sich T\u00e4tigkeiten in der Werkstatt v\u00f6llig\nverweigerte und&nbsp;die Handhabung der winzigen Teile nicht \u00fcben\nwollte, das machte ihm Sorgen. Er war \u00fcberzeugt, wenn der Sohn&nbsp;seine\nH\u00e4nde nicht jetzt schon&nbsp;trainiere,&nbsp;dann k\u00f6nnte&nbsp;er\nsp\u00e4ter die&nbsp;notwendige Geschicklichkeit f\u00fcr das Handwerk nicht\nmehr aufbauen.&nbsp;Sollte er es sich&nbsp;irgendwann&nbsp;anders\n\u00fcberlegen&nbsp;und&nbsp;doch Uhrmacher werden wollen, dann sei es zu\nsp\u00e4t, dann k\u00f6nne Herr Wu&nbsp;ihm sein Handwerk nur&nbsp;noch\nl\u00fcckenhaft beibringen. Es war ihm&nbsp;anzumerken, wie sehr\nihm&nbsp;diese Aussicht&nbsp;zu schaffen machte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\nich unsere Uhr&nbsp;drei Wochen sp\u00e4ter&nbsp;bei ihm abholte, lie\u00df\ner mich wissen,&nbsp;dass die Uhr \u00fcber&nbsp;hundert Jahre alt sein\nmuss und von bester Qualit\u00e4t ist. Ich hatte&nbsp;ja gar nicht\ngeahnt, dass sie schon&nbsp;so alt ist! Und dann fing er an \u00fcber\nden&nbsp;Uhrmacher zu fluchen, der die Uhr vor ihm in den H\u00e4nden\ngehabt hatte. Der h\u00e4tte&nbsp;n\u00e4mlich das Herzst\u00fcck des\nUhrwerks&nbsp;gegen ein nicht richtig passendes neueres Modul\nausgetauscht und den Rest der Uhrmechanik dann durch Verbiegen\nder&nbsp;Originalteile zu einem Ganzen zusammen gezwungen, das nie\nfunktionieren konnte.<br>Herr Wu war entsetzt, wie man&nbsp;einer\nsolchen Uhr so etwas hatte antun k\u00f6nnen&#8230;&#8220; \u201eVielleicht hat\nes auch sein Gutes f\u00fcr Herrn Wu, wenn sein Sohn&nbsp;sp\u00e4ter&nbsp;irgendwas\nmit Computern macht.&#8220; warf Tante Sofia da ein. \u201eWie meinst Du\ndas denn?&#8220; \u201eNa ja,&nbsp;wer wei\u00df wie es ihm erst ginge, wenn\ner mit ansehen m\u00fcsste wie aus seinem eigenen Sohn so ein Uhrmacher\nw\u00fcrde, wie der, der unsere alte Uhr so zugerichtet hat.&#8220; f\u00fchrte\nsie ihren Gedanken zu Ende. \u201eDa magst Du recht haben.&#8220; Anna\nr\u00fchrte nachdenklich in ihrer Kaffeetasse.<br>\u201eWir hatten&nbsp;wohl\nziemlich Gl\u00fcck, dass&nbsp;noch gen\u00fcgend passende Teile in seinen\nBest\u00e4nden waren,&nbsp;um das Ersatzmodul und die verbogenen\nTeile&nbsp;auszutauschen und das Uhrwerk neu zusammen zu bauen.&nbsp;Und\nstell Dir vor, er war sich nicht&nbsp;zu schade, auch noch das\nZiffernblatt, den Messingkranz und das Pendel zu&nbsp;polieren!<br>Die\nUhr l\u00e4uft bei mir nun schon seit Jahren ohne dass ich\nUngenauigkeiten feststellen kann, ich darf halt nur nicht vergessen,\nsie aufzuziehen.&nbsp;Als ich sie damals das erste Mal in meiner\nWohnung aufgeh\u00e4ngt hatte, h\u00f6rte ich sie gerne ticken und\nschlagen.&nbsp;Es&nbsp;beruhigte&nbsp;und ich&nbsp;hatte dabei so ein\nGef\u00fchl als w\u00e4re in meinem Leben etwas in Bewegung geraten das bis\ndahin blockiert gewesen war&#8230;&#8220;.<br>Als h\u00e4tte sie auf ihren\nEinsatz gewartet, lie\u00df die Pendeluhr sechs&nbsp;klare&nbsp;Schl\u00e4ge\nin die nachdenkliche Stille fallen, die sich in der K\u00fcche\nausgebreitet hatte. Tante Sofia und Anna sahen sich verdutzt an\nund&nbsp;lachten beide&nbsp;laut los, als sie bemerkten,&nbsp;wie\nsehr sie die Zeit vergessen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eDu\nmusst mir&nbsp;noch erz\u00e4hlen,&nbsp;wie&nbsp;die erste\nReise&nbsp;verlaufen ist und wie&nbsp;Du Dich danach&nbsp;wieder\ngefangen hast.&#8220;&nbsp;Tante\nSofias&nbsp;Neugierde&nbsp;schien&nbsp;unersch\u00f6pflich&nbsp;zu\nsein.&nbsp;&#8222;Es ging ja nicht gerade ruhig weiter bei Dir,\nzumindest soweit ich das aus der Ferne mitbekommen habe&#8230; &#8220;\n&#8222;Bist Du denn nicht m\u00fcde geworden vom vielen Zuh\u00f6ren?&#8220;\nwunderte sich Anna. &#8222;Ich? M\u00fcde? Wieso? &#8230;&nbsp;Aber Du siehst\nein bisschen m\u00fcde aus, Anna&#8230;&#8220; lenkte&nbsp;Tante Sofia\nschmunzelnd ein. \u201eKomm, lass uns in den Garten gehen, bevor es zu\ndunkel daf\u00fcr ist, und danach mache ich ein Vesper f\u00fcr uns.&#8220;\nschlug Anna vor. \u201eZum&nbsp;Erz\u00e4hlen ist morgen auch&nbsp;noch ein\nTag&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Springflut<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nn\u00e4chsten Morgen war das Wetter umgeschlagen. Ein kr\u00e4ftiger Wind\nhetzte schwere Wolken \u00fcber den Himmel bis sie sich in kr\u00e4ftigen\nSchauern ihrer Last entledigten. \u201eGut dass wir den Garten gestern\nAbend noch angeschaut haben. Heute w\u00e4re es mir zu ungem\u00fctlich\ndrau\u00dfen.\u201c Tante Sofia strich sich dick Himbeermarmelade auf ihr\nFr\u00fchst\u00fccksbr\u00f6tchen w\u00e4hrend Anna sich Kaffee nachschenkte. \u201eSag\nmal, Anna, was gab es in China denn zum Fr\u00fchst\u00fcck? Fr\u00fchst\u00fccken\ndie Chinesen \u00fcberhaupt etwas?\u201c \u201eUnd ob, das Fr\u00fchst\u00fcck ist\nsogar sehr wichtig. Es wird aber einfach gehalten und auch an\nFeiertagen nicht so zelebriert wie gerade bei uns beiden heute.\u201c\nAnna lie\u00df z\u00e4hfl\u00fcssigen Kastanienhonig auf eine Br\u00f6tchenh\u00e4lfte\ntropfen um dann gen\u00fcsslich abzubei\u00dfen. Sofia musste sich wohl oder\n\u00fcbel ein paar Augenblicke gedulden, bis Anna wieder sprechen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eIn\nder Uni-Kantine habe ich oft \u00d6lstangen gegessen, in \u00d6l aus\ngebratene Teigstreifen. Man konnte auch Reissuppe haben, Tee-Eier\noder einfache Omelettes und nat\u00fcrlich in Dampf gegarte, gef\u00fcllte\nTeigb\u00e4llchen. Die waren immer lecker. Es gab sie mit einer\nherzhaften Fleischf\u00fcllung oder mit einer s\u00fc\u00dfen Maulbeerf\u00fcllung.\nUnd wer es noch s\u00fc\u00dfer wollte, der konnte zum Klebreis in\nBambusbl\u00e4ttern greifen. Die Reissuppe war immer dann erste Wahl,\nwenn die Verdauung mal nicht so gut beieinander war. Das Essen wird\nin der Nordh\u00e4lfte Chinas mit viel \u00d6l zubereitet und gerade anfangs\nkann einem das zu schaffen machen. Manche gew\u00f6hnen sich auch nie\ndaran, vor allem die Japaner nicht. Deren K\u00fcche ist eine der\nfett\u00e4rmsten weltweit und entsprechend schwer tun sie sich mit der\n\u00f6ligen nordchinesischen K\u00fcche. Wenn sie wieder mal im Unterricht\nfehlten weil sie von der Toilette nicht weg kamen, taten sie uns\nanderen manchmal richtig leid.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eJa,\ngab es denn gar kein Brot?\u201c wollte Tante Sofia wissen. \u201eUnd\nkeinen Kaffee?\u201c \u201eNein, wer so etwas unbedingt haben wollte, der\nkonnte Sammies Caf\u00e9 aufsuchen, ein kleines Bistro-Caf\u00e9 das man auf\ndem Campus eingerichtet hatte. Dort gab es halbwegs trinkbaren\nKaffee, Sandwiches oder s\u00fc\u00dfe Teilchen. Auch chinesische Studenten\ngingen gerne dort hin. Allerdings waren nicht nur Speisen und\nGetr\u00e4nke westlich, sondern auch die Preise. Ein Becher Kaffee\nkostete so viel wie 4 einfache Mittagessen in der Kantine. Das\nkonnten sich nur die wenigsten chinesischen Studenten leisten.\u201c\n\u201eUnd was kostete dann ein Kantinenessen umgerechnet?\u201c \u201eMan\nkonnte sich schon f\u00fcr eine Mark satt essen, w\u00e4hrend der Becher\nKaffee vier Mark und mehr kostete. Das fanden auch wir Ausl\u00e4nder\n\u00fcberteuert. Aber Kaffee war in China ein exotisches Getr\u00e4nk\ndamals.\u201c \u201eStimmt, als Du das erste Mal in China warst hatten wir\nhier ja noch die D-Mark.\u201c erinnerte sich Sofia.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eUnd\nwas hatte man f\u00fcr die eine Mark dann auf dem Teller?\u201c &#8211; \u201eDas war\nvielf\u00e4ltig und abwechslungsreich. Es gab drei \u00e4hnlich aufgebaute\nKantinen. Au\u00dfen an der Wand entlang befanden sich Gark\u00fcchen, jede\nmit einer kleinen Kochmannschaft und ihrer eigenen kleinen Auswahl an\nGerichten aus&nbsp;verschiedenen Regionalk\u00fcchen Chinas. Man\nbestellte in der Gark\u00fcche seiner Wahl ein Gericht, das frisch\nzubereitet wurde, zahlte und suchte sich einen Platz an einem der\nlangen Tische in der Mitte der Halle. Der Haken an der Sache waren\ndie Tafeln, auf denen die Gark\u00fcchen ihre Speisekarten ausschrieben.\nSie waren ausschlie\u00dflich auf Chinesisch geschrieben, oft in einer\nunleserlichen Handschrift. Man spielte Speise-Lotto, indem man auf\nirgend ein Gekritzel zeigte und hoffte, dass die Leute hinter dem\nTresen daraufhin etwas zubereiteten, was einem schmeckte. Wenn das\nder Fall war, versuchte man, sich das Gekritzel f\u00fcr den n\u00e4chsten\nTag einzupr\u00e4gen oder abzuschreiben. Oder man deutete auf ein\nGericht, das jemand anders gerade entgegen nahm, wenn man das\nebenfalls bestellen wollte. Wenn wenig los war zeigte eine der\nK\u00f6chinnen dann manchmal breit grinsend auf die entsprechende Stelle\nauf der Tafel, so dass man sich die Zeichen abmalen konnte, w\u00e4hrend\nsie das Gericht zubereitete. Das war spannend und man lernte so\nGerichte aus allen Teilen&nbsp;Chinas kennen.<br>Sp\u00e4ter habe ich\nmitbekommen, dass die K\u00f6che Wanderarbeiter waren, die einfach das\nkochten, was es bei ihnen zu Hause immer gegeben hatte. Gelegentlich\nkonnte man ihnen einen schlichten Erzeugerstolz anmerken, wenn sie\nfeststellten, dass man ihre Gerichte sch\u00e4tzte. Ich hatte nat\u00fcrlich\nbald meine Favoriten, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas\nv\u00f6llig Ungenie\u00dfbares auf dem Teller gehabt zu haben.\u201c<br>\u201eF\u00fcr\njemanden, der sehr w\u00e4hlerisch mit dem Essen ist, w\u00e4re das aber\nnichts.\u201c stellte Tante Sofia fest. &#8211;&nbsp;\u201eStimmt, wir hatten\nnoch&nbsp;eine andere Deutsche in der Klasse, eine junge Frau\nzwischen Abi und Studium, die damit \u00fcberhaupt nicht zurecht kam. Ich\nglaube sie hatte auch eine Nahrungsmittelallergie und hat w\u00e4hrend\nihres Aufenthalts mehrere Kilo abgespeckt, w\u00e4hrend ich aufpassen\nmusste, dass mir nicht das Gegenteil passierte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eUnd\ngab es denn&nbsp;nur St\u00e4bchen als Besteck?\u201c \u201eNa klar, und f\u00fcr\ndie Suppe gab es noch einen L\u00f6ffel dazu. Ich hatte die ersten Tage\nmanchmal Kr\u00e4mpfe in der Hand, weil ich die St\u00e4bchen nicht mehr\nhalten konnte. Zwar hatte ich das Essen mit St\u00e4bchen vorher ge\u00fcbt,\naber als ich dann von heute auf morgen nur noch mit diesen Dingern\nessen sollte, kam ich bald an meine Grenzen. Manche Westler&nbsp;haben\nsich woanders Gabeln organisiert und brachten sie immer mit in die\nKantine. Gegen Ende des Aufenthalts hatte ich mich halbwegs an die\nSt\u00e4bchen gew\u00f6hnt, aber ungelenk war ich damit immer noch.\u201c \u201eNa\nja, das war bestimmt hilfreich, damit Du nicht all zu viel zugelegt\nhast.\u201c Tante Sofia grinste schelmisch.<br>\u201eUnd nach dem Fr\u00fchst\u00fcck\nbist Du dann wohl flei\u00dfig zum Unterricht gegangen?\u201c fragte sie\nweiter. \u201eWie l\u00e4uft der an einer chinesischen Uni denn ab?\u201c &#8211; \u201eEs\nist nicht viel anders als eine Schule bei uns. Wir waren in Klassen\neingeteilt und der Unterricht war sehr gut, aber auch fordernd. In\nunserer Klasse waren wir um die f\u00fcnfzehn Studenten, Koreaner,\nJapaner und ein paar Westler\u201c<br>&#8211; \u201eKonnten denn wenigstens die\nLehrer Englisch sprechen?\u201c &#8211; \u201eDiejenigen, die es konnten, lie\u00dfen\nes sich nicht anmerken oder weigerten sich, es zu verwenden. Der\nUnterricht war von Anfang an aus\u00adschlie\u00df\u00adlich auf\nChinesisch. Es w\u00e4re auch gar nicht anders gegangen, denn den meisten\nasiatischen Mitstudenten h\u00e4tte Englisch nicht viel genutzt. Kaum\neiner der Japaner oder S\u00fcdkoreaner in der Klasse verstand es, obwohl\ndie meisten in ihrer Schulzeit Englischunterricht gehabt\nhatten.<br>Anfangs fand ich die drei Stunden Chinesisch-Unterricht\njeden Morgen anstrengend. An Nachmittag waren noch Hausaufgaben zu\nmachen, ein ungewohntes Lernpensum, w\u00e4hrend die S\u00fcdkoreaner es als\nwenig empfanden. Einige von ihnen nutzten die Freiheit und schienen\nabends st\u00e4ndig Party zu machen. Im Unterricht schliefen sie dann mit\ndem Kopf auf dem Tisch aus.&nbsp;Sp\u00e4ter habe ich erfahren, dass der\nStoffumfang auch im Vergleich zu dem, was den chinesischen Studenten\nin ihren Studienf\u00e4chern abverlangt wird, reduziert war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eWurden\nnicht wenigstens die Vokabeln in den B\u00fcchern auf Englisch erkl\u00e4rt?\u201c\nwollte Tante Sofia weiter wissen. \u201eJa schon, auf Englisch,\nKoreanisch und Japanisch. Aber wir merkten bald, dass die englischen\n\u00dcbersetzungen die Bedeutung oft falsch wiedergaben und uns mehr\nverwirrten als halfen. Da war es am Ende besser, die W\u00f6rter\nselbst&nbsp;im W\u00f6rterbuch nachzuschlagen.\u201c<br>\u201eWie funktioniert\ndas denn bei diesen chinesischen Zeichen?\u201c Wieder einmal war Anna\nverbl\u00fcfft, \u00fcber was Tante Sofia alles informiert sein wollte.&nbsp;\u201eDie\nkomplexeren Zeichen sind wie ein Bau\u00adkastensystem aus einfachen\nGrundsymbolen zusammengesetzt. Im W\u00f6rterbuch sind die Zeichen dann\nnach Grundsymbolen sortiert aufgelistet. Man zerlegt das Zeichen nach\nbestimmten Regeln, bis man das richtige Grundsymbol gefunden hat,\nsucht das Zeichen in der entsprechenden Liste im W\u00f6rterbuch und\nfindet dort die Seitenzahl, auf der die \u00dcbersetzung steht.\u201c &#8211; \u201eHm,\nh\u00f6rt sich nach einem ziemlich langwierigen Verfahren an.\u201c bemerkte\nTante Sofia. \u201eHast Du denn \u00fcberhaupt noch etwas von Land und\nLeuten mitbekommen, wenn Du immer nur geb\u00fcffelt hast?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eIn\nder zweiten Woche fiel es mir leichter und nachmittags blieb mehr\nZeit f\u00fcr Ausfl\u00fcge. Nat\u00fcrlich wollten wir mehr erleben als nur\nUnterricht und Hausaufgaben. Wir Westler fanden uns meist zu kleinen\nGr\u00fcppchen zusammen und quetschen uns in einen der Busse Richtung\nInnenstadt hinein, die drau\u00dfen vor der Uni hielten. Am Anfang h\u00e4tte\nsich das niemand alleine getraut, bald war das aber kein Problem\nmehr. Denn selbst wenn wir uns v\u00f6llig verirrt hatten, konnte immer\neines der allgegenw\u00e4rtigen roten VW-Santana-Taxis als Rettungsboot\nherhalten, vorausgesetzt man hatte die Adresse der Uni auf einem\nZettel parat.\u201c<br>\u201eGanz sch\u00f6n mutig, wo Du am ersten Tag noch\nnicht mal \u00fcber die Kreuzung an der Ecke hin\u00fcber gekommen bist!\u201c\nsagte Sofia anerkennend. \u201eJa, anfangs habe ich mich \u00fcber mich\nselbst gewundert. Nach der allerersten Verwirrung hatte sich n\u00e4mlich\nunerwartet schnell das Gef\u00fchl einer Vertrautheit eingestellt, die\neinfach da war, obwohl das gar nicht sein konnte. Es war paradox.\nEinerseits prasselte dauernd Neues, Ungewohntes und Unverst\u00e4ndliches\nauf mich ein, ein ununterbrochener Strom, so viel, dass ich \u00fcber das\nGejammer \u00fcber Informations\u00fcberflutung, das ich von daheim her\nkannte, bald nur noch lachen konnte. Ich wurde schnell m\u00fcde, konnte\njeden Nachmittag eine Stunde schlafen und nachts noch problemlos neun\nbis zehn Stunden durchschlafen. Aber ich f\u00fchlte kein Bed\u00fcrfnis,\nmich gegen das, was da auf mich einstr\u00f6mte abzuschirmen, im\nGegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p>\nIn\nder zweiten Woche begann ich mich zu fragen, wie es sein kann, dass\nalles sich so wenig fremd anf\u00fchlte, so passend und stimmig, obwohl\nfast nichts so&nbsp;war wie daheim. Ich konnte sp\u00fcren, wie die Flut\nder Eindr\u00fccke langsam D\u00e4mme in mir aufweichte und einen nach dem\nanderen wegsp\u00fclte, wie sie mich mehr und mehr \u00f6ffnete, aufweichte\nund auf eine Weise beschenkte, f\u00fcr die ich keine Worte fand. Ich\nf\u00fchlte mich mittendrin zur richtigen Zeit am richtigen Ort und\nbadete darin als w\u00fcrde ich dort hinein geh\u00f6ren. Dieses Grundgef\u00fchl\nging auch bei sp\u00e4teren Aufenthalten in China nie ganz verloren,\nselbst als es dann durch weniger angenehme Gef\u00fchle \u00fcberlagert\nwurde.\u201c<br>\u201eLangsam verstehe ich Dich etwas besser.\u201c bemerkte\nSofia. \u201eAlles Weitere hat sich also schon damals, auf Deiner\nallerersten Reise abgezeichnet.\u201c Anna war \u00fcberrascht \u201eSo habe\nich das noch gar nicht gesehen. &#8211; Aber ich glaube Du hast mal wieder\nrecht\u201c, erwiderte sie nachdenklich.<br>\u201eNur ich selbst hatte\ndamals nicht begriffen was dieses paradoxe Gef\u00fchl der Vertrautheit\ndes v\u00f6llig Fremden bedeuten mochte. &#8211; Und wenn ich&#8217;s recht \u00fcberlege,\ndann begreife ich es auch heute noch nicht&#8230;\u201c &#8211; \u201eNun, wenn Du so\nschwer von Begriff bist, dann solltest Du vielleicht doch noch einmal\nhinreisen.\u201c Tante Sofias verschmitztem L\u00e4cheln konnte man den Spa\u00df\nanmerken, den es ihr bereitete, Anna ein wenig necken zu k\u00f6nnen.\n\u201eOder eben mit offenen Fragen leben lernen.\u201c konterte Anna eine\nSpur zu heftig. \u201eZur Zeit ist mir jedenfalls nicht nach Fernreisen\nzumute.\u201c &#8211; \u201eSchon gut, schon gut! Zugegeben, immerhin hast Du ja\nauch eine ordentliche Dosis davon abbekommen.\u201c lenkte Tante Sofia\nein.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDrau\u00dfen\nhatten die Regenschauer sich verzogen. Die Wolkendecke riss\nunvermittelt auf und im Garten lie\u00dfen Sonnenstrahlen die letzten\nRegentropfen glitzern, die sich noch unschl\u00fcssig an Knospen und\nBl\u00e4ttern festhielten. Annas Blick wanderte versonnen zum Fenster\nhinaus, w\u00e4hrend Tante Sofia die Pause nutzte, um sich ihrem\nFr\u00fchst\u00fccksei zu widmen.<br>\u201eDu hast immer hier gelebt.\u201c fuhr\nAnna nach einer Weile fort. \u201eSiehst Du \u00fcberhaupt noch, wie sch\u00f6n\nes hier ist? &#8211; Neulich bin ich morgens nach so einem Aprilschauer wie\ndem gerade eben durch die Obstwiesen hierher gefahren. In der klaren\nLuft konnte man von den Anh\u00f6hen aus weit in die Landschaft schauen,\nam Horizont die Berge, die Wiesen mit frisch geduschtem Fr\u00fchlingsgr\u00fcn\n\u00fcberzogen, dar\u00fcber die Kirschb\u00e4ume, ein einziges wei\u00dfes\nBl\u00fctenmeer. Und als die Morgensonne hineinleuchtete strahlten die\nBl\u00fcten zur\u00fcck als wollten sie alle selbst kleine Sonnen werden. &#8211;\nIch wusste gar nicht, dass Sch\u00f6nheit weh tun kann&#8230;\u201c Anna\nverstummte.<br>\u201eVielleicht musstest Du erst in der gelben Flut\ngetauft werden, um sehen zu lernen.\u201c In Tante Sofias Augenwinkeln\nhatte sich schon wieder der Schalk eingenistet.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eDer\nAufenthalt dort hat Dich jedenfalls ver\u00e4ndert, das sieht ein\nBlinder, und nicht zum Schlechteren, wie ich meine. Fr\u00fcher,\nda&nbsp;wolltest Du immer nur weg von hier. Es war Dir alles zu eng,\nzu l\u00e4ndlich, zu kleinkariert. Glaub&#8216; mir, auch ich hatte so meine\nSchwierigkeiten mit dem Landleben und manchmal tut es mir auch heute\nnoch leid, von der Welt nicht viel gesehen zu haben. Aber ich will\nDeiner Frage nicht ausweichen. Wei\u00dft Du, in jungen Jahren habe ich\nfurchtbare Zeiten durchgemacht, an denen viele Menschen zerbrochen\nsind, wenn sie \u00fcberhaupt \u00fcberlebten. Bei mir haben diese\nErfahrungen dazu gef\u00fchrt, dass es mir leicht f\u00e4llt, Sch\u00f6nheit zu\nsehen, wenn ich ihr begegne. Leichter jedenfalls als vielen Jungen,\ndie in Friedenszeiten gro\u00df werden konnten. Ja, ich sehe noch, wie\nsch\u00f6n es hier ist.\u201c Wieder wurde es f\u00fcr eine Weile still.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eNa,\ndann kann ich ja jetzt ein bisschen was von der gro\u00dfen weiten Welt\nzu Dir nach Hause bringen.\u201c Anna hatte sich wieder gefangen.\n\u201eGenau, und wo wir&nbsp;gerade bei der gelben Flut waren, hast Du\neigentlich mal den gelben Fluss gesehen?\u201c Tante Sofias Neugierde\nwar schon wieder aktiviert. \u201eJa, mehr als einmal. Das erste Mal auf\nder Busrundreise, die ich damals im Anschluss an die zwei Wochen\nUnterricht gebucht hatte. Sie wurde von der Uni f\u00fcr die\nausl\u00e4ndischen Studenten veranstaltet.<br>Zwei Busse voller junger\nLeute aus aller Herren L\u00e4nder, die in Schwindel erregenden Tempo von\nSehensw\u00fcrdigkeit zu Sehensw\u00fcrdigkeit verfrachtet wurden. Gro\u00dfe\nMauer bei Peking, Shaolin-Kloster, Xi-An mit Tang-Zeit-Pal\u00e4sten und\nTerrakottaarmee, Tempel in Kaifang, Buddhistische Grotten in Luoyang\nund schlie\u00dflich der gelbe Fluss bei Zhengzhou. Dort ist der gelbe\nFluss schon ein m\u00e4chtiger Strom, lehmfarben und so breit, dass man\nvon einem Ufer aus das andere nicht mehr sehen kann. Auf beiden\nSeiten ziehen sich fruchtbare Schwemmlandg\u00fcrtel den Flusslauf\nentlang und im Fluss gibt es viele lehmige Inseln.<br>Wir wurden mit\neinem Hoovercraft herum geschippert und dann auf eine der Flussinseln\ngebracht, auf der man die angeblich \u00e4ltesten Artefakte der\nBesiedelung Chinas gefunden hatte. Ich wei\u00df gar nicht mehr so recht,\nwas genau wir dann dort besichtigt haben, aber die Fahrt auf dem\nFluss war ein Riesenspa\u00df. \u00dcberhaupt war es spannend, mit so vielen\njungen Leuten unterwegs zu sein.<br>Anfangs gluckten alle&nbsp;nach\nNationalit\u00e4ten getrennt in Gruppen zusammen, aber schon ab dem\nzweiten Tag mischte es sich immer bunter durcheinander. Nur der\nitalienische Block, wie wir anderen die Italienischen Studenten nach\neiner Weile&nbsp;nannten, der lie\u00df sich nicht aufweichen. Mit einer\nJapanerin habe ich mich sogar soweit angefreundet, dass wir uns auch\nbei meinen sp\u00e4teren China-Reisen immer wieder trafen und auch heute\nhalten wir noch Kontakt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eEs\nwundert mich nun gar nicht mehr, dass Du nach der R\u00fcckkehr von\ndieser ersten Reise daheim nicht mehr richtig klar gekommen bist.\u201c\nstellte Tante Sofia fest. \u201eDu hattest geradezu Feuer gefangen und\nsolltest dann wieder brav hinter der B\u00fcrot\u00fcr verschwinden, bis der\nn\u00e4chste Urlaub Dir wieder ein paar kurze Schnapper Frischluft\nzukommen lassen w\u00fcrde.\u201c &#8211; \u201eJa, sp\u00e4testens nach dem Erlebnis mit\ndem leeren Medizinschrank in Monikas Wohnzimmer wurde auch mir\nbewusst, dass es bei mir mit ein paar weiteren Urlaubsreisen nach\nChina, Sprach\u00adkursen und dem Sammeln von Kulturfetischen nicht\ngetan sein w\u00fcrde.<br>Aber eine klare Vorstellung davon, was ich\nmachen wollte, hatte ich da immer noch nicht. Die reifte erst in den\nfolgenden Wochen, als ich merkte, wie ich immer mehr den emotionalen\nKontakt zu meiner alten Lebenswelt verlor. Das Schiff hatte so zu\nsagen schon den Anker gelichtet und driftete aus dem Hafen hinaus,\nder Kapit\u00e4n schlief aber noch in seiner Kaj\u00fcte.\u201c &#8211; \u201eOder\nverkroch sich darin&nbsp;vor lauter Angst, etwas unternehmen zu\nm\u00fcssen.\u201c kicherte Tante Sofia dazwischen. Erneut stellte Anna\nfest, dass sie keine Chance hatte, vor Sofias klarem Blick etwas zu\nverbergen.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eJa,\nirgendwann musste ich dann doch reagieren, wenn das Schiff nicht auf\nGrund laufen sollte. Ich wusste wohl, dass ich f\u00fcr l\u00e4nger nach\nChina wollte, aber wie sollte ich das umsetzen? Damals habe ich f\u00fcr\neine ziemlich kleine Firma gearbeitet und es war von vorne herein\nklar, dass sie jemand Neues einstellen w\u00fcrden, wenn ich l\u00e4nger weg\nwar als es die Urlaubszeiten vorsahen. Aber die Entscheidung, seinen\nJob hin zu schmei\u00dfen, ist nicht so einfach wie es von au\u00dfen\naussehen mag.&nbsp;Als der Handlungsdruck stieg, setzte ich mich&nbsp;an\neinem ruhigen Wochenende&nbsp;dann doch hin und versuchte\nauszurechnen, wie ich mir ein Sabbatjahr in China leisten und f\u00fcr\ndie Zeit der erneuten Arbeitssuche danach noch ein finanzielles\nSicherheitspolster anlegen konnte. Das Ergebnis war nicht sehr\nermutigend. Wenn ich meinen&nbsp;damaligen Lebensstandard beibehalten\nwollte, h\u00e4tte ich f\u00fcnf Jahre sparen m\u00fcssen, bis ich das Geld\nzusammen hatte. Das war aber viel zu lang f\u00fcr mich. Ich musste mir\neine andere L\u00f6sung einfallen lassen.<br>In der Stadt war g\u00fcnstiger\nWohnraum f\u00fcr Studenten knapp und so entschied ich mich, ein Zimmer\nunter zu vermieten. Blieben noch drei Jahre, und auch das war\nmir&nbsp;noch zu lang. Als n\u00e4chstes strich ich dann das Auto von der\nListe der Dinge, die ich unbedingt besitzen musste und landete bei\nzwei Jahren. Das f\u00fchlte sich gut an, nicht zu lang und nicht zu\nkurz. Ich konnte es mir so sogar noch leisten, die Urlaube w\u00e4hrend\nder zwei Jahre Ansparzeit f\u00fcr weitere Reisen nach China zu nutzen.\u201c\n&#8211; \u201eDas ist aber ein heftiger Schnitt, den Du da vorgenommen hast.\u201c\nTante Sofia war nachdenklich geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eWenn\nich mir vorstelle, ich sollte von heute auf morgen meine Wohnung mit\neinem wildfremden Menschen teilen&#8230; Nein, ich glaube, ich k\u00f6nnte\ndas nicht. Aber wie ist es Dir damit ergangen?\u201c<br>\u201eAuch ich\nhatte anfangs&nbsp;meine Zweifel. Aber f\u00fcnf&nbsp;Jahre&nbsp;warten,\ndas&nbsp;konnte ich einfach nicht, etwas Besseres ist mir auch nicht\neingefallen, also habe ich es eben probiert. Und zwei Monate sp\u00e4ter\nist dann dieses junge Ding aus Tianjin bei mir eingezogen, neunzehn\nJahre&nbsp;alt und zum ersten Mal im Ausland.\u201c &#8211; \u201eUnd gleich auch\nnoch eine Chinesin! Wie hat sich das denn ergeben?\u201c &#8211; \u201eDamals\nhabe ich einmal pro Woche Sprachunterricht bei einem chinesischen\nStudenten genommen der&nbsp;aus Tianjin stammte. Nachdem ich ihm von\nmeinem Vorhaben erz\u00e4hlt hatte, dauerte es nicht lange und der\nKontakt zu meiner ersten Untermieterin war hergestellt.\u201c <br>&#8211;\n\u201eHattest Du denn mehrere?\u201c &#8211; \u201eJa, \u00fcber die zwei Jahre hinweg\ninsgesamt vier. Zwei Chinesinnen, eine Deutsche und eine junge Frau\naus der Slowakei.\u201c &#8211; \u201eDa hattest Du ja Leben in der Bude, das\nh\u00f6rt sich schon fast nach einem Taubenschlag an. Waren diese Leute\nnicht alle ganz verschieden? Wie lief es denn mit ihnen?\u201c&nbsp;<br>\u201eJa,\ndie Unterschiede im Verhalten und auch in der Art der Beziehung, die\nsich ganz automatisch entwickelt wenn man sich eine Wohnung teilt,\nwaren enorm. Auch die beiden Chinesinnen waren charakterlich ganz\nunter\u00adschiedlich gestrickt, die zweite war au\u00dferdem ein paar\nJahre \u00e4lter als die erste. Aber mit beiden hat sich ein sehr\nangenehmes, freundschaftliches Verh\u00e4ltnis herstellen lassen. Die\nDeutsche habe ich fast gar nicht mitbekommen. Sie war nur zum\nSchlafen da und ansonsten v\u00f6llig unproblematisch. Richtig \u00c4rger gab\nes nur mit der Slowakin, die jeden Versuch einer Abstimmung \u00fcber\nirgend etwas im Haushalt als pers\u00f6nlichen Angriff wahrnahm und dann\nsofort zur Gegenattacke \u00fcberging. Sie war das reinste\nKontrastprogramm zu den Chinesinnen.\u201c<br>Tante Sofia schaute\nverwundert. \u201eVon der Slowakin hast Du mir gar nichts erz\u00e4hlt&#8230;\n<br>Wenn ich mich recht erinnere, warst Du in jener Zeit st\u00e4ndig von\nChinesen umringt. Auf den Fotos, die Du mir ab und zu von Dir daheim\ngeschickt hast, waren jedenfalls au\u00dfer Dir kaum noch Leute drauf,\ndie nicht chinesisch aussahen. Wenn ich nicht gewusst h\u00e4tte, dass\nder runde Tisch mit der roten Decke wirklich in Deiner K\u00fcche steht,\nh\u00e4tte ich wohl angenommen, dass die Fotos in China geschossen worden\nwaren.\u201c &#8211; \u201eJa, es kam ab und zu vor, dass die Chinesinnen Freunde\nda hatten, vor allem bei der ganz jungen Frau&nbsp;aus Tianjin was\ndas \u00f6fter der Fall.<br>Wenn es sich ergab, bereiteten wir zusammen\nJiaozi zu, die chinesischen Maultaschen. Dieses Gericht wird in China\noft zubereitet, wenn jemand die Familie f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit verl\u00e4sst\noder wenn er wieder zur\u00fcck kommt. Es dauert eine ganze Weile, bis\nTeig und F\u00fcllung vorbereitet sind und der Teig zu kleinen Scheiben\ngewalkt, gef\u00fcllt und kochfertig zusammengefaltet ist. Alle\nAnwesenden machen mit und entsprechend lebhaft geht es dabei zu. Das\nanschlie\u00dfende gemeinsame Essen ist dann der zweite Akt dieses\nFamilienrituals. Solche Erlebnisse haben das Zusammenleben&nbsp;mit\nden Chinesinnen sehr angenehm gemacht.\u201c<br>&#8211; \u201eUnd das war sicher\nkeine schlechte Vor\u00fcbung f\u00fcr Deinen China-Aufenthalt.\u201c erg\u00e4nzte\nTante Sofia. \u201eAber sag mal, war das nicht ein seltsames\nLebensgef\u00fchl, in Deutschland zu leben und gleichzeitig so viel\nFreizeit mit Chinesen zu verbringen? Du hattest doch auch deutsche\nFreunde, was sagten denn die dazu?\u201c &#8211; \u201eJa, meine deutschen\nFreunde taten sich allesamt schwer mit der Entwicklung, die ich in\njener Zeit nahm. Es gab&nbsp;Ausnahmen, die ein begrenztes Interesse\nf\u00fcr das aufbrachten, was sich bei mir da tat. Davon abgesehen lernte\nich aber schnell, dass ich, von oberfl\u00e4chlichen Andeutungen einmal\nabgesehen, das meiste am besten f\u00fcr mich behielt. Ich h\u00e4tte das\nanfangs so nicht erwartet, aber es ergaben sich zwangsl\u00e4ufig zwei\ngetrennte Freundeskreise, einen chinesischen und einen deutschen. Und\nleider es blieb auch nicht aus, dass sich einzelne der deutschen\nFreunde distanzierten, weil sie gar nicht mit der Entwicklung&nbsp;umgehen\nkonnten.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAu\u00dferdem\nwaren da&nbsp;noch die Beziehungen am Arbeitsplatz. Nat\u00fcrlich wusste\nman dort, dass ich neuerdings meine Urlaube in China verbrachte und\nmich f\u00fcr das Land sehr interessierte, aber ich konnte unm\u00f6glich\njahrelang vorher verk\u00fcnden, dass ich beabsichtigte, f\u00fcr ein\nSabbatical in China alles hin zu schmei\u00dfen. Ich f\u00fchrte dort also\nein Doppelleben und das war auf seltsame Weise schwer und leicht\nzugleich.<br>Der leichte Teil ergab sich daraus, dass ich aus meiner\nUnschl\u00fcssigkeit herausgefunden hatte und ein Ziel anstrebte, das\nmich st\u00e4rkte. Meine Arbeit fiel mir leicht und vieles, mit dem ich\nvorher gehadert hatte, l\u00f6ste sich nun wie von selbst. Andererseits\nerschienen mir die Themen, \u00fcber die sich meine Kollegen beim\nMittagessen unterhielten, immer unbedeutender. W\u00e4hrend es ihnen um\ndas neue Auto, die Eigentumswohnung, das Haus oder den\nalles-inklusive Karibik-Urlaub ging, z\u00e4hlte ich die Groschen, fuhr\nmit dem Fahrrad zur Arbeit und \u00fcberlegte, was ich sonst noch alles\neinsparen konnte, um mein Ziel zu erreichen. Schritt f\u00fcr Schritt\nbewegte ich mich so auf ein Studentenleben zu, w\u00e4hrend sie in der\nGegenrichtung unterwegs waren. Ich wunderte mich manchmal selber\ndar\u00fcber, wie gleichg\u00fcltig mir all das war, in was sie ihre gesamten\nmateriellen und geistigen Ressourcen investierten. Und in\nunbeobachteten Momenten holte ich meinen kleinen Kalender aus der\nSchublade, in dem ich die noch verbleibenden Arbeitstage&nbsp;bis zur\nK\u00fcndigung z\u00e4hlte und abstrich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnna\nversank f\u00fcr einige Augenblicke in ihren Erinnerungen. &#8211; \u201eEs muss\neine Erl\u00f6sung gewesen sein, als Du dann endlich k\u00fcndigen konntest.\u201c\nbemerkte Tante Sofia nach einiger Zeit. &#8211; \u201eUnd wie! Ich habe die\nSzene noch lebhaft vor Augen,&nbsp;wie ich meinem damaligen Chef die\nImmatrikulationsbescheinigung f\u00fcr mein erstes Semester an der\nPekinger Universit\u00e4t unter die Nase hielt. Es war in Englisch und\nChinesisch verfasst und er drehte und wendete es erst ein paarmal\nungl\u00e4ubig hin und her, bis er begriff was es bedeutete. Er sagte\nnicht viel, ich kann mich nicht einmal mehr an seine Worte erinnern.\nWas ich aber&nbsp;noch heute sp\u00fcren kann, ist das Plumpsen der\nWagenladung Steine, die mir vom Herzen fielen, als ich die T\u00fcr\nseines B\u00fcros hinter mir schloss.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nWieder\nwurde es still im Raum. \u201eIch glaube, ich sollte langsam mal meine\nSiebensachen packen.\u201c meinte Tante Sofia nach einer Weile. \u201eDieter\nwollte mich gegen Mittag abholen kommen. Schade, dass ich nicht\nl\u00e4nger bleiben kann&#8230; Aber wie w\u00e4re es, wenn Du demn\u00e4chst einmal\nbei mir vorbei schaust? \u201c &#8211; \u201eNa klar, abgemacht!&#8220; stimmte\nAnna zu. \u201eAlleine schon wegen Deiner sensationellen Pfannkuchen mit\nApfelmus!\u201c&nbsp;&#8211; \u201eDie gibt es aber nur wenn Du mir erz\u00e4hlst,\nwie&#8217;s Dir in China weiter ergangen ist!\u201c&nbsp;erwiderte Tante\nSofia.&nbsp;\u201eOh, mit dieser Art von Arbeitsteilung habe ich kein\nProblem!\u201c kicherte Anna. \u201eIch erz\u00e4hle w\u00e4hrend Du am Herd stehst\nund einen Pfannkuchen nach dem andern b\u00e4ckst&#8230;\u201c &#8211;&nbsp;\u201eAha,\nwas das angeht hat China Dich offensichtlich nicht ver\u00e4ndern\nk\u00f6nnen.\u201c schmunzelte Tante Sofia.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Br\u00fccken\n\u2026 <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnnas\nzweite China-Reise unterschied sich deutlich von ihrer ersten. Der\nFr\u00fchling begann gerade Einzug zu halten und sie brannte darauf, Land\nund Leute zum ersten Mal auf eigene Faust erkunden zu k\u00f6nnen. Drei\nWochen Urlaub waren nicht viel f\u00fcr ein Land der Gr\u00f6\u00dfe Europas,\nalso galt es, die wertvolle Zeit zu nutzen. Vorab hatte sie einen\nGabelflug nach Shanghai mit R\u00fcckflug von Peking aus gebucht und sich\neinen groben Plan zurechtgelegt, welche Orte sie auf dem Weg\ndazwischen mit Eisenbahn und Linienbussen ansteuern wollte.<br>F\u00fcr\ndie ersten drei Tage konnte sie in Shanghai in Qiangs Elternhaus\nStation machen. Sie hatte ihn bei dem chinesischen Studenten kennen\ngelernt, der ihr in den letzten Monaten Chinesisch-Unterricht gegeben\nhatte. Qiang studierte Maschinenbau, ein in sich gekehrter\nTechnik-Freak, der seine Freizeit damit verbrachte, in\nElektronikl\u00e4den seinen Rucksack mit Platinen, Speicherchips und\nFestplatten voll zu stopfen um in seinem Studentenzimmer daraus\nComputer der Marke Eigenbau zusammen zu bauen. Nun jedoch hatte er\nSemesterferien, die er daheim in Shanghai verbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnna\nhatte damit gerechnet, dass er sie am Flughafen abholen w\u00fcrde. Als\nsie jedoch in der Ankunftshalle ankam, wurde sie zur ihrer\n\u00dcberraschung von einem Empfangs\u00adkomitee aus vier Personen\nerwartet. Au\u00dfer Qiang waren seine Mutter und ein befreundetes\nEhepaar gekommen, die Anna mit freundlicher Neugierde begr\u00fc\u00dften.\nQiangs Mutter war eine auch f\u00fcr chinesische Verh\u00e4ltnisse klein\ngewachsene, etwas pummelige Frau mit flink hin und her huschenden\nAugen, Minipli-Frisur, einer schlichten grauen Strickjacke \u00fcber\neiner ebenso schlichten schwarzen Leinenhose und einer schwarzen\nSchultertasche. Letztere klemmte sie sich resolut unter den Arm, als\nsie nach der Begr\u00fc\u00dfung mit z\u00fcgigen Schritten vor der Gruppe her in\nRichtung Ausgang strebte.<br>Die n\u00e4chste \u00dcberraschung waren die\nbeiden schwarzen Limousinen mit Fahrer, dunklen Scheiben und\nKlimaanlage, die drau\u00dfen auf sie warteten. Qiang, der neben Anna im\nFond Platz genommen hatte erz\u00e4hlte, dass sie zuerst in ein\nRestaurant zum Essen fahren wollten, bevor es dann zu ihnen nach\nHause ging. Wie sich heraus stellte, handelte es sich um ein sich\nlangsam um seine eigene Achse drehendes Nobelrestaurant im 28. Stock\neines Wolkenkratzers des neuen Schanghaier Gesch\u00e4ftsbezirks Pudong,\ndas sie nun ansteuerten. Trotz ihrer schlicht gehaltenen Erscheinung\nz\u00e4hlten Qiang und seine Mutter ganz offensichtlich zu den\nWohlhabenden.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<br>Anna\nwar vom langen Flug und durch die Zeitumstellung m\u00fcde und\naufgekratzt zugleich und hoffte, das Essen w\u00fcrde nicht allzu lange\ndauern. Sie sehnte sich nach Ruhe und einer M\u00f6glichkeit, f\u00fcr eine\nWeile abzuschalten. Aber Qiangs Mutter hatte ihre eigenen Pl\u00e4ne.<br>Im\nRestaurant wurden sie zu einem gro\u00dfen runden Tisch mit einer\nDrehplatte in der Mitte gef\u00fchrt und bald gesellten sich noch weitere\nFreunde mit ihren Ehefrauen hinzu, die nach der Be\u00adgr\u00fc\u00dfung\nbegannen, lebhaft im Shanghaier Dialekt durcheinander zur schnattern.\nDa dieser Dialekt sich von Mandarin etwa so stark unterscheidet wie\nItalienisch von Schwedisch, hatte Anna keine Chance, auch nur\nBruchst\u00fccke zu verstehen.<br>Qiang hatte neben Anna Platz genommen\nund machte sich einen Spa\u00df daraus, f\u00fcr Anna die Gespr\u00e4che aus\nseiner Sicht zu kommentieren. \u201eDas sind alles Gesch\u00e4ftspartner\nmeiner Mutter.\u201c begann er mit einem ironischen L\u00e4cheln zu\nerkl\u00e4ren. \u201eBei diesen Leuten geht es nur um Gesch\u00e4fte, Geld und\nGewinn. Du verpasst also nicht viel, wenn Du nichts verstehst.\u201c\nAnna war perplex. Offensichtlich hatte sie die Frau, die ihr vorhin\nin der Ankunftshalle des Flughafens mit dem Charme einer resoluten\nHausfrau entgegen getreten war, v\u00f6llig falsch eingesch\u00e4tzt.<br>Was\nmacht Deine Mutter denn beruflich?\u201c &#8211; \u201eNun, sie handelt mit\nAktien. Bis vor einigen Jahren war sie Buchhalterin in einem\nStaatskonzern. Aber das hat sie jetzt nicht mehr n\u00f6tig. Als die\nShanghaier B\u00f6rse \u00f6ffnete, ist sie als eine der ersten\nPrivatpersonen mit ihrem Ersparten dort eingestiegen und mittlerweile\ngeh\u00f6rt sie zu den gr\u00f6\u00dften Fischen im Teich. Alle, die hier mit am\nTisch sitzen, sind mehr oder weniger stark vor ihrer Gunst abh\u00e4ngig,\ndeshalb sind sie heute auch ihrer Einladung gefolgt.<br>Jetzt\nbesprechen sie, welche Strategien sie n\u00e4chste Woche an der B\u00f6rse\nverfolgen wollen, mit welchen Koalitionen sie ihre Konkurrenten\nfertig machen k\u00f6nnen und welche Anlage\u00adm\u00f6glichkeiten\nerfolgversprechend sind.\u201c Qiang schien zum neu erworbenen Reichtum\nseiner Mutter ein gespaltenes Verh\u00e4ltnis zu haben. Anna lauschte\ngespannt. Ihre M\u00fcdigkeit war wie weg geblasen und sie h\u00e4tte ein\nVerm\u00f6gen daf\u00fcr gegeben, direkt verstehen zu k\u00f6nnen, was am Tisch\nerz\u00e4hlt wurde. \u201eDas klingt ja, als w\u00fcrden sie sich wie ein\nWolfsrudel gemeinsam auf die Jagd machen, wenn sie an der B\u00f6rse\nspekulieren.\u201c wunderte sich Anna. Qiang lachte auf. \u201eDieser\nVergleich ist nicht \u00fcbertrieben. Und meine Mutter ist die\nRudelf\u00fchrerin.\u201c Anna war \u00fcber seine Offenheit fast noch mehr\nerstaunt als \u00fcber das, was sie eben \u00fcber seine Mutter und ihre\nGesch\u00e4ftsfreunde erfahren hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\ndie bestellten Gerichte serviert wurden, bemerkte Anna, dass einige\ndarunter waren, die sie zuvor noch nie gegessen hatte. Unverkennbar\nspielten Meeresfr\u00fcchte und Fisch die Hauptrolle in Shanghais K\u00fcche,\nwas Annas Geschmack sehr entgegen kam. Nach und nach wurden \u00fcber\nzwanzig verschiedene Sch\u00fcsseln und Teller auf die Drehplatte\ngestellt, darunter zwei Teller die mit etwas belegt waren, das Anna\nals in St\u00fccke geschnittene H\u00e4lften eines Aals oder einer \u00e4hnlich\nlang gestreckten Fischart ansah. Nachdem sie sich ein St\u00fcck davon in\nihr Sch\u00e4lchen genommen hatte fiel ihr auf, dass die Gr\u00e4ten dieses\nFisches keine spitzen Enden hatten sondern keulenf\u00f6rmige. Auch waren\nsie viel kr\u00e4ftiger und elastischer als sie das von Gr\u00e4ten anderer\nFische her kannte. Geschmack und Konsistenz des Fleisches konnte Anna\nweder Fisch noch Gefl\u00fcgel zuordnen, es schmeckte leicht nach Nuss.\n\u201eWas ist das f\u00fcr ein k\u00f6stlicher Fisch?\u201c fragte sie Qiang nach\nden ersten Bissen. \u201eDas ist kein Fisch, das sind Schlangenfilets,\ndaf\u00fcr ist dieses Restaurant ber\u00fchmt.\u201c meinte er, w\u00e4hrend er\nneugierig ihre Reaktion beobachtete. Vielleicht h\u00e4tte Anna gez\u00f6gert,\n\u00fcberhaupt davon zu essen, wenn sie dies gewusst h\u00e4tte bevor sie\nprobierte. Nun aber hatte der Kopf gegen den Gaumen keine Chance mehr\nund Anna nahm sich sp\u00e4ter noch ein weiteres St\u00fcck Schlangenfilet.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAuf\nder Drehplatte wartete eine weitere \u00dcberraschung auf Anna. Das\nGericht befand sich in einer Glassch\u00fcssel mit Deckel und schien\nkochend hei\u00df zu sein, denn es spritzte und blubberte in einer\ndunkelbraunen So\u00dfe vor sich hin. Nach einer Weile hatte sich der\nInhalt der Sch\u00fcssel abgek\u00fchlt, einer der Gesch\u00e4ftsfreunde \u00f6ffnete\nden Deckel und fischte eine wei\u00dflich durchscheinende Garnele aus der\nSo\u00dfe. Da sah Anna, wie das Tier sich langsam zwischen seinen\nSt\u00e4bchen hin und her kr\u00fcmmte, w\u00e4hrend er es zum Mund f\u00fchrte.\nQiang konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, als er Annas\nentsetztes Gesicht sah. \u201eDas sind betrunkene Garnelen. Sie werden\nlebendig in eine So\u00dfe aus hochprozentigem Schnaps und Sojaso\u00dfe\ngegeben und gleich serviert. Sie schlagen noch eine Weile mit den\nSchw\u00e4nzen, w\u00e4hrend der Alkohol sie langsam l\u00e4hmt und abt\u00f6tet.\u201c\nObwohl er Deutsch gesprochen hatte, schienen mittlerweile alle am\nTisch mitbekommen zu haben, worum es bei dem Gespr\u00e4ch zwischen Qiang\nund Anna gerade ging. Prompt fordere der Gesch\u00e4ftsfreund Anna auf\nMandarin dazu auf, ebenfalls von den Garnelen zu probieren. Anna\nerstarrte f\u00fcr einen Moment, w\u00e4hrend sie in Gedanken fieberhaft nach\neinem Ausweg suchte. Augen zu und durch schien die einzige L\u00f6sung zu\nsein. Tapfer tauchte sie ihre St\u00e4bchen in die braune So\u00dfe und\nversuchte, eine Garnele zu erwischen, die sich nicht mehr bewegte.\nSie schaute das Tier nicht an w\u00e4hrend sie es hastig in den Mund\nschob, biss einige Male hektisch darauf herum, schluckte und sp\u00fclte\numgehend mit ein paar kr\u00e4ftigen Z\u00fcgen Bier nach. Der\nGesch\u00e4ftsfreund schlug sich auf die Schenkel und lachte, Qiang fiel\nein und w\u00e4hrend Anna langsam durchatmete begann die ganze Runde,\nfr\u00f6hlich in der Sch\u00fcssel nach den Garnelen zu fischen. Sp\u00e4ter\nbemerkte Qiang, Anna sei die einzige Ausl\u00e4nderin gewesen, die er\njemals von diesem Gericht h\u00e4tte essen gesehen.<br>Nach dem\nGarnelentest widmete die Runde sich wieder ihren Finanzthemen, die\nGesch\u00e4ftsfreunde prosteten sich von Zeit zu Zeit mit Reissschnaps zu\nund Anna konnte den Rest des Essens in Ruhe genie\u00dfen, zumindest\nsoweit es ihre nun wieder zur\u00fcck kehrende M\u00fcdigkeit noch zulie\u00df.\nEs gab offenbar viel zu besprechen, das Essen war vielf\u00e4ltig und\nreichhaltig und zog sich in die L\u00e4nge. Aber sie wusste, dass bei\nchinesischen Essenseinladungen alles Wesentliche w\u00e4hrend des Essens\nbesprochen wird und die ganze Veranstaltung ihr nat\u00fcrliches Ende\nfindet, sobald der Letzte seine St\u00e4bchen nieder legt. Der westlichen\nGewohnheit, die wichtigen Themen erst nach dem Essen beim\nanschlie\u00dfenden Genuss alkoholischer Getr\u00e4nke anzusprechen, w\u00fcrden\ndiese Gesch\u00e4ftsfreunde hier nicht folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nQiangs wohnten in der Innenstadt Shanghais, in einem mit hohen Z\u00e4unen\nund Wachpersonal abgeriegelten Wohnviertel, das sich \u201eEuropagarten\u201c\nnannte. Fassaden, Balkone und Eingangst\u00fcren waren Fassaden\nnachempfunden, wie sie in den besseren Altstadtvierteln europ\u00e4ischer\nHauptst\u00e4dte zu finden sind. Der einzige ins Auge stechende\nUnterschied war die H\u00f6he der H\u00e4user, die man in Europa wohl eher\nals Wolkenkratzer angesehen h\u00e4tte. Wie Anna mittlerweile fast\nvermutet hatte, war die Wohnung der Qiangs weitl\u00e4ufig und luxuri\u00f6s\nausgestattet. Man bot ihr ein G\u00e4stezimmer mit eigenem Badezimmer an,\ndessen Ausstattung abgesehen von den vergoldeten Armaturen fast\ng\u00e4nzlich aus Marmor bestand. Auch sonst schien Qiangs Mutter Marmor\nzu lieben, denn Marmorb\u00f6den dominierten auch den Flur, ihr\nG\u00e4stezimmer und den Rest der Wohnung, soweit sie diese hatte\n\u00fcberblicken k\u00f6nnen.<br>Nachdem Anna die T\u00fcr ihres G\u00e4stezimmers\nhinter sich zu gezogen hatte, bemerkte sie, dass es in dem Raum nicht\nw\u00e4rmer war als in der k\u00fchlen Fr\u00fchlingsluft drau\u00dfen und das\nK\u00e4ltegef\u00fchl wurde vom Marmorboden noch zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt. Die\nSuche nach einem Heizk\u00f6rper, den man aufdrehen konnte, verlief\njedoch erfolglos. W\u00e4hrend sie etwas ratlos begann, ihren\nKulturbeutel aus dem Trekking-Rucksack zu kramen, erinnerte sie sich\nvage daran, irgendwo einmal gelesen zu haben, dass in China s\u00fcdlich\ndes Jangtse-Flusses Wohngeb\u00e4ude grunds\u00e4tzlich nicht beheizt werden\ndurften, um Energie zu sparen. Anna hatte sich jedoch nie klar\ngemacht, dass dies auch f\u00fcr Shanghai galt. Die Europa-\u00c4hnlichkeit\ndieser Luxuswohnanlage hier endete also damit, dass man im Fr\u00fchling\nmit dicken Jacken und Hosen schlafen ging. Die Vorstellung, wie Qiang\nund seine Mutter im Winter zwischen Marmorb\u00f6den und goldenen\nWasserh\u00e4hnen dick eingemummelt vor sich hin bibberten lie\u00df Anna\nschmunzeln. Offensichtlich endete an diesem Punkt der sicher nicht\ngeringe Einfluss, den der Reichtum den Qiangs verschaffte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nn\u00e4chsten Tag war Anna schon fr\u00fch auf den Beinen. Da in der Wohnung\nder Qiangs noch v\u00f6llige Stille herrschte, hinterlie\u00df sie eine Notiz\nmit ihren Pl\u00e4nen f\u00fcr den Tag auf einer Kommode in der Diele und\nmachte sich leise auf den Weg. Drau\u00dfen war die Stadt schon l\u00e4ngst\nerwacht und Anna lie\u00df sich mit einem Taxi in den Lu-Xun-Park fahren.\nEs war etwa halb sieben morgens und die Sonne war noch nicht\naufgegangen, als sie dort anlangte. Trotz der fr\u00fchen Stunde war der\nPark voll quirligem Leben, bev\u00f6lkert von hunderten \u00e4lterer\nMenschen, die diesen Ort f\u00fcr ihren morgendlichen Ausflug an die\nfrische Luft nutzten. Dabei handelte es sich jedoch in den seltensten\nF\u00e4llen um blo\u00dfes Spazierengehen. Im Gegenteil, die Alten waren mit\nden verschiedensten Sportarten und Hobbies besch\u00e4ftigt und\nkonzentriert bei der Sache. Viele machten Tai-Ji-\u00dcbungen, andere\numarmten B\u00e4ume, liefen r\u00fcckw\u00e4rts die Parkwege entlang oder nutzten\ndie aufgestellten Fitnessger\u00e4te f\u00fcr ihre \u00dcbungen. Einige Gr\u00fcppchen\nsa\u00dfen zusammen und spielten chinesisches Schach, auf einem\ngepflasterten Platz wurde nach westlichen Melodien Walzer getanzt und\nin den stilleren Ecken hatten M\u00e4nner Vogelk\u00e4fige in die B\u00e4ume\ngeh\u00e4ngt und animierten ihre V\u00f6gel zum Singen.<br>Mit neugierigem\nStaunen bewegte sich Anna durch die verschiedenen Bereiche des Parks\nund beobachtete das eifrige Treiben der Alten. Es war offensichtlich,\ndass sie nicht nur ihren Spa\u00df daran hatten, sondern auch um die\nheilsame Wirkung ihres Tuns wussten. Viele schienen gelenkiger und\nk\u00f6rperlich fitter zu sein als sie selbst und die meisten hatten eine\nselbstbewusste und lebensfrohe Ausstrahlung. \u201eKaum jemand, der in\nChina ein hohes Alter erreicht hat, kann auf ein angenehmes, leichtes\nLeben zur\u00fcckblicken.\u201c ging es Anna durch den Kopf. \u201eUnd trotzdem\nsind so viele Alte hier k\u00f6rperlich und geistig agil und voller\nEnergie, w\u00e4hrend alt sein bei uns daheim fast nur mit Leiden,\nVerfall und Depressionen in Verbindung gebracht wird.\u201c Anna konnte\nsich dem Eindruck, den der krasse Gegensatz zwischen der\nLebensbejahung vieler alter Menschen in China und der Leidensmiene\nihrer Altersgenossen in Europa auf sie machte, nur schwer\nentziehen.<br>Nachdem sie einige Zeit durch den Park geschlendert\nwar, suchte sie sich eine Bank, die von den ersten Strahlen der\naufgehenden Sonne beschienen wurde und von der aus sie das bunte\nTreiben um sich herum weiter beobachten konnte. Damit war sie die\neinzige Person weit und breit, die unt\u00e4tig herumsa\u00df.<br>Anna genoss\ndie zunehmende Sonnenw\u00e4rme, musste pl\u00f6tzlich g\u00e4hnen und merkte,\nwie sich das Gef\u00fchl der Fremdheit langsam aufl\u00f6ste, das sie seit\nihrer Ankunft in Shanghai wie durch eine Glasscheibe auf ihre Umwelt\nhatte blicken lassen. Die Scheibe schien langsam zu zerflie\u00dfen und\nan den R\u00e4ndern auszufransen. Sie blieb einfach sitzen, d\u00f6ste vor\nsich hin oder schaute den Alten zu bis der Park sich gegen acht Uhr\nallm\u00e4hlich zu leeren begann.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnna\nsp\u00fcrte, wie ihr Magen mit zunehmender Deutlichkeit nach Fr\u00fchst\u00fcck\nverlangte und beschloss, sich nach Shanghais Altstadtviertel\naufzumachen. Diese Viertel waren nicht nur wegen ihrer typisch\nchinesischen Stra\u00dfenszenen ein Erlebnis, sondern es gab dort auch\neine gro\u00dfe Auswahl an Stra\u00dfenverkaufsst\u00e4nden und kleinen\nRestaurants, in denen man seinen Hunger stillen konnte. Die schmalen\nStra\u00dfen und engen Gassen waren ges\u00e4umt mit einem bunten\nDurcheinander, das aus den meist zwei Stockwerke hohen\nAltstadth\u00e4usern heraus quoll. Auslagen kleiner L\u00e4den auf schmalen\nTischen oder in S\u00e4cken, dazwischen abgestellte Transportdreir\u00e4der\nmit weiteren S\u00e4cken voller Ware auf der Tragfl\u00e4che, mannshohe\nK\u00fcbelpflanzen, St\u00fchle neben Eingangst\u00fcren, auf denen&nbsp;M\u00fctter\nmit Baby auf dem Scho\u00df die Vormittagssonne genossen,&nbsp; hungrige\njunge M\u00e4nner schl\u00fcrften&nbsp;auf den Stufen&nbsp;vor&nbsp;der\nHaust\u00fcr&nbsp;sitzend Bandnudeln aus ihrer\nFr\u00fchst\u00fcckssuppe,&nbsp;Vogelk\u00e4fige baumelten&nbsp;mit ihren\nzwitschernden Insassen aus den Fenstern im ersten\nStock,&nbsp;winzige&nbsp;Ein-Mann-Gark\u00fcchen auf R\u00e4dern\nboten&nbsp;Dampfbr\u00f6tchen oder chinesische Maultaschen an&nbsp;und\n\u00fcber all dem&nbsp;bildeten quer \u00fcber die Gassen gespannte, voll\nbeh\u00e4ngte&nbsp;W\u00e4scheleinen&nbsp;einen&nbsp;bunt in der\nFr\u00fchlingsluft flatternden&nbsp;Baldachin. In vielen&nbsp;Gassen war\nin der Mitte kaum mehr als die H\u00e4lfte der urspr\u00fcnglichen Breite f\u00fcr\ndie hindurch eilenden Fu\u00dfg\u00e4nger, Fahrrad- oder Mopedfahrer frei.\nAutos waren&nbsp;hier, wo&nbsp;die Menschen in&nbsp;bescheidenen\nVerh\u00e4ltnissen lebten, so gut wie keine zu sehen. Auf Anna wirkten\ndie Gassen, deren Anwohner einen Gro\u00dfteil ihres Lebens drau\u00dfen vor\nihrer Haust\u00fcr zu verbringen schienen, wie gro\u00dfe\nGemeinschaftswohnzimmer,&nbsp;die nicht f\u00fcr&nbsp;Durchgangsverkehr\noder&nbsp;neugierige Touristen gedacht waren. Fast&nbsp;hatte sie das\nGef\u00fchl, irgendwo klingeln oder&nbsp;anklopfen zu&nbsp;m\u00fcssen, wenn\nsie in eine Gasse einbog.&nbsp;Aber die Leute schienen\nsich&nbsp;nicht&nbsp;weiter an&nbsp;den Passanten&nbsp;zu st\u00f6ren.\nNur&nbsp;gelegentlich traf Anna ein neugieriger Blick, den sie mit\neinem &#8222;Ni Hao&#8220; erwiderte.&nbsp;Sie&nbsp;genoss es,&nbsp;durch\ndas bunte Treiben von einer Gasse in die n\u00e4chste&nbsp;zu schlendern,\nsich hier und da einen Imbiss zu g\u00f6nnen und m\u00f6glichst unauff\u00e4llig\ndie Menschen bei ihren allt\u00e4glichen Verrichtungen zu beobachten.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEs\nwar schon fr\u00fcher Nachmittag, als Anna bemerkte, wie m\u00fcde sie der\nst\u00e4ndige Strom neuer Eindr\u00fccke und das Durchstreifen der Gassen\nmittlerweile gemacht hatte. Als sie&nbsp;ein paar&nbsp;Ecken weiter\nauf eine breite Durchgangsstra\u00dfe mit Autoverkehr stie\u00df, ergriff sie\ndie Gelegenheit und winkte eines der Taxis heran. Zur\u00fcck im\nEuropa-Garten \u00f6ffnete ihr ein Hausm\u00e4dchen die T\u00fcr zur Wohnung der\nQiangs. Anna war froh, dass sonst niemand anwesend zu sein schien und\nverschwand in ihrem G\u00e4stezimmer, um sich eine ausgiebige Siesta zu\ng\u00f6nnen.<br>Gegen Abend schienen die Bewohner der Wohnung\nzur\u00fcckgekehrt zu sein denn Anna wurde von Ger\u00e4uschen und Stimmen\naus ihrem D\u00e4mmerschlaf geholt. Sie wollte gerade den Flur in\nRichtung K\u00fcche \u00fcberqueren, aus der sie Qiangs Mutter mit dem\nHausm\u00e4dchen diskutieren h\u00f6rte, da kam Qiang ihr entgegen und lotste\nsie weiter in Richtung Essraum, wo der Tisch schon gedeckt war.\n\u201eHeute Abend gibt es ein Gericht, das ich aus Deutschland\nmitgebracht habe.\u201c erkl\u00e4rte er Anna. \u201eUnd das soll nat\u00fcrlich\neine \u00dcberraschung sein!\u201c. Nachdem sich wenig sp\u00e4ter auch Qiangs\nMutter zu den beiden hinzu gesellt hatte, schleppte das Hausm\u00e4dchen\neine Riesensch\u00fcssel mit Kartoffelsalat herbei, dann eine mit gr\u00fcnen\nSalat der noch eine Platte mit Buletten folgte. Auch Senf, Ketchup\nund Qingdao-Bier fehlten nicht. Die \u00dcberraschung war gelungen und\nwie Anna kurz darauf feststellte, war alles so gut zubereitet, dass\nes sich geschmacklich problemlos mit dem messen konnte, was in\ndeutschen K\u00fcchen gekocht wurde. \u201eWir dachten, wir k\u00f6nnen Dir\nnicht immer scheintote Garnelen, Schlangen und Seegurken vorsetzen.\u201c\nkommentierte Qiang mit seinem trockenen Humor. Gut gelaunt langten\nalle zu und Anna musste ausf\u00fchrlich erz\u00e4hlen, wo und wie sie\ntags\u00fcber ihre Zeit verbracht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNach\ndem Essen schlug Qiang vor, zusammen noch zum Waitan (Bund) zu fahren\nund von der Uferpromenade aus die n\u00e4chtliche Skyline des auf der\nanderen Seite des Huangpu neu entstehenden Gesch\u00e4ftsviertels Pudong\nzu genie\u00dfen.<br>Es war ein krasser Gegensatz, der sich Annas Blicken\nvon der Uferpromenade aus bot. An der Promenade selbst reihte sich\nein dezent angestrahlter Prachtbau aus der Kolonialzeit an den\nanderen und vermittelte den Eindruck eines europ\u00e4ischen\nStadtzentrums. Lie\u00df man den Blick jedoch \u00fcber den Huangpu-Flu\u00df\nnach Pudong hin\u00fcber schweifen, so traf er dort auf in Bonbonfarben\nerleuchtete T\u00fcrme verschiedenster Formen, die zusammen mit den rosa\ngestreiften Perlen des Fernsehturms eine quietschbunte Szenerie\nabgaben. Einzig der Jinmao-Turm setzte sich davon mit wohltuender\nZur\u00fcckhaltung ab. Qiang schien sich der Wirkung bewusst zu sein, den\ndie Farbwahl der Illumination der Pudong-T\u00fcrme auf Europ\u00e4er hatte\nund meinte mit einem sardonischen Grinsen: \u201eJa, wir Chinesen lieben\nes sehr bunt, in manchen Parks strahlen wir nachts sogar die B\u00e4ume\ngr\u00fcn und die Felsen rosa an .\u201c &#8211; \u201eAch komm, so schlimm wird es\nschon nicht sein.\u201c versuchte Anna einzuwenden. \u201eDoch, doch, warte\nnur ab, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wirst auch Du so etwas zu sehen\nbekommen, aber dann bist Du wenigstens vorgewarnt.\u201c beharrte Qiang,\ndessen Grinsen nun noch breiter geworden war.<br>Langsam schlenderten\nsie weiter die Uferpromenade hinunter, beobachteten die verschiedenen\nGr\u00fcppchen westlicher oder asiatischer Touristen, die offenbar das\nGleiche taten wie sie und von Zeit zu Zeit versuchte Anna, etwas von\nder Atmosph\u00e4re mit ihrem Fotoapparat einzufangen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nn\u00e4chsten Tag hatte Anna erst sp\u00e4t aus den Federn gefunden und der\nVormittag war schon zur H\u00e4lfte vorbei, als sie sich vor dem\nEuropa-Garten ein Taxi heranwinkte. Sie wollte sich die ehemalige\nResidenz Lu Xuns anschauen, des ersten modernen Schriftstellers und\nIntellek\u00adtuellen Chinas. Der erste, der Anna etwas \u00fcber Lu Xuns\nLeben und Schreiben erz\u00e4hlt hatte, war Xiaomin gewesen. Dadurch\naufmerksam geworden, hatte Anna in der Folge gelesen, was immer ihr\nvon und \u00fcber Lu Xun an Berichten oder \u00dcbersetzungen in die H\u00e4nde\ngefallen war. Seine in krasse Symbolbilder verpackte Kritik der\ntraditionellen chinesischen Gesellschaft faszinierte sie und viele\nseiner Gedanken schienen so zeitlos zu sein, dass sie auch bezogen\nauf moderne westliche Gesellschaften ihre G\u00fcltigkeit behielten. Das\nzweist\u00f6ckige Backsteinhaus, das sich Lu Xun w\u00e4hrend seiner letzten\nLebensphase mit seinem Sohn geteilt hatte, befand sich in einer\nruhigen kleinen Wohnstra\u00dfe in der N\u00e4he des Lu-Xun-Parks. Es war\nunmittelbar nach Lu Xuns Tod zum Museum gemacht worden,\nWohnungseinrichtung und alle Gegenst\u00e4nde des t\u00e4glichen Gebrauchs\nwaren originalgetreu erhalten. Anna war die einzige Besucherin an\ndiesem Vormittag und konnte die R\u00e4umlichkeiten v\u00f6llig ungest\u00f6rt\nauf sich wirken lassen.<br>Ihr n\u00e4chstes Ziel war das Viertel der\nehemaligen franz\u00f6sischen Konzession mit seinen wundersch\u00f6nen\nKolonialbauten und den alten chinesischen Wohnh\u00e4usern. Sie genoss\nes, durch die f\u00fcr Shanghaier Verh\u00e4ltnisse erstaunlich ruhigen,\nplatanenges\u00e4umten Stra\u00dfen zu schlendern und die Fassaden der alten\nH\u00e4user zu bewundern. Stra\u00dfenh\u00e4ndler oder gar das in den\nAltstadtgassen \u00fcbliche Menschengewimmel gab es hier nicht.<br>Der\nbenachbarte Bezirk Xintiandi war bekannt f\u00fcr seine typischen\nShanghaier Shikumen-H\u00e4user, ein Wohnhaustyp, der sich im 19.\nJahrhundert aus westlichen und chinesischen Elementen entwickelt\nhatte. Au\u00dferdem lag hier das Gr\u00fcndungshaus der KPCH, in das Anna\nebenfalls einen Blick hinein werfen wollte.<br>Aber diese Etappe\nihres Weges gestaltete sich anders als erwartet. Das gesamte Viertel\nwar eine einzige Baustelle. Die H\u00e4user zu beiden Seiten der Stra\u00dfen\nwaren durchgehend mit Bambusger\u00fcsten umgeben, viele von ihnen\nschienen auch innen entkernt und komplett saniert zu werden. Sie\nkonnte kaum erkennen, welche der H\u00e4user Shikumen-H\u00e4user waren und\nwelche nicht. Die schmaleren Seitengassen waren v\u00f6llig gesperrt und\nauch die Stra\u00dfen selbst waren Baustellen, fest gestampfte\nSchotterpisten ohne Fahrbahn\u00addecken, mit endlos langen, gelben\nBaustellenz\u00e4unen in verschiedene Zonen unterteilt, durch die sich\nFu\u00dfg\u00e4nger, Radfahrer und einige Autos ihren Weg zu bahnen\nversuchten.<br>\u201eIm Sommer wollte ich bei den in Shanghai dann\n\u00fcblichen starken Regenf\u00e4llen nicht hier durch m\u00fcssen&#8230;\u201c dachte\nAnna, w\u00e4hrend sie sich vorsichtig die Stra\u00dfe hinunter bewegte, an\nderen Ende das Gr\u00fcndungshaus der KPCH liegen musste.<br>Das\ndunkelgraue Backsteinhaus war zwar nicht mehr einger\u00fcstet, aber\ninnen war es ebenfalls noch Baustelle und eine Besichtigung\nunm\u00f6glich. Das einzige fertige Haus weit und breit befand sich\ngegen\u00fcber auf der anderen Stra\u00dfenseite und beherbergte eines der\nmittlerweile \u00fcberall wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfenden Starbucks\nCoffeeshops. Da Anna noch nicht entschieden hatte, wie sie ihre\nheutige Tour fortsetzen wollte, ging sie hin\u00fcber um&nbsp;bei einem\nLatte Macchiato eine Verschnaufpause einzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nSchlie\u00dflich\nmachte sie sich in Richtung des Yu-Gartens auf den Weg, der f\u00fcr\nseine traditionelle chinesische Gartenkunst und sein in der Mitte\neines kleinen Sees gelegenes Teehaus bekannt ist. Der Garten\ngliederte sich in einen \u00e4u\u00dferen, weitl\u00e4ufigeren Teil und einen\nkleinr\u00e4umig gestalteten inneren Teil. Obwohl sehr viele Besucher\nebenfalls darin herum streiften, war Anna der Wirkung der\nGartenarchitektur sehr schnell verfallen. Auch auf kleinstem Raum\nboten sich dem Auge st\u00e4ndig wechselnde Perspektiven und Szenarien.\nKleine Seen mit Felsenufern, Pavillons, kleine Br\u00fccken und nicht\nzuletzt die Pflanzen f\u00fcgten sich so in das Gesamtkonzept des\nGartens, dass er viele Male gr\u00f6\u00dfer wirkte, als er wirklich war.\nAnna machte sich einen Spa\u00df daraus, alle m\u00f6glichen Wege vor und\nzur\u00fcck zu laufen und die sich bietenden Anblicke wie ein\ndreidimensionales Kino zu genie\u00dfen. Eigentlich war es ein\nvierdimensionales, denn soweit Anna wusste hatten die\nGartenarchitekten auch den Wandel der Gartenpanoramen im Lauf der\nJahreszeiten bis ins kleinste Detail mit einbezogen.<br>Anna h\u00e4tte\nsich anschlie\u00dfend gerne noch in das nur \u00fcber Zickzackbr\u00fccken\nerreichbare Teehaus gesetzt, aber es war so \u00fcberf\u00fcllt, so dass sie\nnur von au\u00dfen hinein schauen konnte. So blieb ihr noch gen\u00fcgend\nZeit \u00fcbrig, um durch die den Yu-Garten umgebenden Altstadtviertel zu\nschlendern und das quirlige Leben und Treiben darin zu beobachten,\nehe sie sich wieder auf den Weg zur\u00fcck zur Wohnung der Qiangs\nmachte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nMorgen ihres letzten Tages in Shanghai wollte Qiangs Mutter zur B\u00f6rse\nfahren, um sich dort mit ihren Gesch\u00e4ftsfreunden zu treffen. Da Anna\nsich noch einmal ausgiebiger in Pudong, Shanghais neuem\nGesch\u00e4ftsbezirk, umschauen wollte, hatte sie in etwa das gleiche\nZiel und beide machten sich gemeinsam auf in die U-Bahn. An der B\u00f6rse\nangekommen, wollte Anna wenigstens einen fl\u00fcchtigen Eindruck des\nGeb\u00e4udeinneren erhaschen, bevor sie ihren Weg durch Pudong\nfortsetzte. Das B\u00f6rsenparkett war jedoch sehr spartanisch gestaltet\nund verspr\u00fchte den Charme einer Bahnhofswartehalle. Lange Reihen\norangefarbener Plastikschalensessel f\u00fcllten die Mitte eines gro\u00dfen,\nmit Neonr\u00f6hren erhellten Saales aus. Von den Sitzreihen aus konnte\nman eine Tafel mit ebenso langen Reihen gelb und rot leuchtender\nchinesischer Zeichen und Zahlen im Blick halten. An den Seiten des\nSaales befanden sich mehrere Zeilen in Boxen untergebrachter\nComputerarbeitspl\u00e4tze und das war auch schon alles, was es f\u00fcr den\nNicht\u00adein\u00adge\u00adweih\u00adten an der noch in den\nKinderschuhen steckenden Shanghaier B\u00f6rse zu sehen gab. Es schien\nein ruhiger Tag zu sein, denn die meisten Pl\u00e4tze waren leer. In\neiner der vorderen Reihen sa\u00dfen zwei der Gesch\u00e4ftsfreunde von\nQiangs Mutter und als sie diese mit Anna hereinkommen sahen, standen\nsie zur Begr\u00fc\u00dfung auf. Gemeinsam strebte man \u00fcber mehrere lange\nKorridore hinweg einem weiter hinten im Geb\u00e4ude gelegenen B\u00fcroraum\nzu, wo noch ein weiterer Gesch\u00e4ftsfreund gewartet hatte. Anna\nbeschloss, die vier nun lieber ihren Gesch\u00e4ften zu \u00fcberlassen,\nverabschiedete sich und suchte den Weg nach drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nTag ihrer Ankunft war Anna schon einmal in Pudong gewesen, hatte\ndamals aber nur wenig von der Umgebung aufnehmen k\u00f6nnen. Nun wollte\nsie dies nachholen. Vor allem der Jinmao-Turm mit seiner nach\ntraditionellen chine\u00adsischen Gesichtspunkten gestalteten\nArchitektur hatte es ihr angetan. Vom Aussichtsdeck in der 88. Etage\ndes Turms aus lie\u00df sie ihren Blick \u00fcber Pudong, den Huangpu-Fluss\nund die jenseits davon sichtbaren Stadtteile Shanghais gleiten. Sie\nbrauchte lange, um die Dimension dieser Riesenstadt wenigstens\nansatzweise zu erfassen. Tr\u00e4ge zogen Frachtschiffe auf dem\nHuangpu-Fluss ihre Bahnen. Am gegen\u00fcber liegenden Flussufer konnte\nsie die Umrisse der Geb\u00e4ude des Waitan ausmachen. \u00dcber allem lag\neine feine Dunstglocke, die das Sonnenlicht milchig schimmern lie\u00df.\nViele der umliegenden Wolkenkratzer hatten seltsam zusammengesetzte\nFormen und oft hatten die Architekten ihnen eine Art Dachschmuck aus\ngeometrischen Objekten wie Kugeln, kleinen Pyramiden, Schalen oder\nZylindern verpasst. Von oben wirkte das Ganze Ensemble auf Anna, als\nh\u00e4tte ein Kind sich hier beim Spiel mit seinen Baukl\u00f6tzchen\nverweilt und am Abend vergessen aufzur\u00e4umen. Auch der Fernsehturm\nmit seinen rosa Kugeln am Spie\u00df f\u00fcgte sich in dieses Bild ungewollt\nverspielter Komik. Nur dem Jinmao-Turm war dieses Schicksal erspart\ngeblieben. Mit seiner nahezu perfekten \u00c4sthetik ragte er aus der ihn\numgebenden Baukl\u00f6tz\u00adchen\u00adsammlung hervor als wollte er daran\nerinnern, dass es irgendwo auf der Welt auch noch ein paar erwachsene\nArchitekten geben musste.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nNachmittag fuhr Anna zum Shanghaier Bahnhof, um f\u00fcr den n\u00e4chsten\nTag eine Fahrkarte nach Suzhou zu erwerben. Qiang hatte angeboten,\nsie am Bahnhof zu treffen um ihr dabei behilflich zu sein, aber Anna\nhatte das Angebot h\u00f6flich ausgeschlagen, denn sie wollte lernen,\nohne fremde Hilfe mit den Herausforderungen, die chinesische\nBahnh\u00f6fe, Fahrpl\u00e4ne und Fahrkartenschalter f\u00fcr Westler bereit\nhalten, zurecht zu kommen. Am Bahnhof angekommen, nahm sie sich viel\nZeit um durch die Halle und an den Fahrkartenschaltern vorbei zu\nschlen\u00addern, nach und nach die verschiedenen Plakate, Fahrpl\u00e4ne\nund sonstigen Schilder zu entziffern und die Menschen zu beobachten,\nwie sie sich ihren Weg durch das Gewimmel des Bahnhofs suchten. W\u00e4re\nsie erst am folgenden Tag kurz vor der Abreise und unter Zeitdruck am\nBahnhof eingetroffen, h\u00e4tte sie mit Sicherheit den Zug verpasst.\nAber in der entspannten Situation dieses Nachmittags f\u00fcgte sich\nlangsam Eines zum Anderen und am Ende war es gar nicht mehr so schwer\ngewesen, am richtigen Schalter die passende Fahrkarte zu erwerben und\nherauszufinden, auf welchem Gleis der Zug abfahren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnna\nbeschloss den Tag mit einem sp\u00e4ten Bummel durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone\nder Nanjing-Lu, Shanghais gro\u00dfer Einkaufsstra\u00dfe. Hier s\u00e4umte eine\neigent\u00fcmliche Mischung aus Bauten im europ\u00e4ischen Stil und modernen\nchinesischen H\u00e4usern die breite Stra\u00dfe. Viele Fassaden waren so mit\n\u00fcberdimensionalen Plakaten und Leuchtreklamen beladen, so dass sie\nfast dahinter verschwanden. Anna lie\u00df sich durch die Masse der\nMenschen treiben, die nach Feierabend auf dem Heimweg ihre Eink\u00e4ufe\nerledigten.<br>Ab und zu erregte eines der Kaufh\u00e4user ihre Neugierde\nund&nbsp;sie&nbsp;lie\u00df sich von den Menschen hineinschieben um sich\ndrinnen umzuschauen. Anders als sie es von Peking her in Erinnerung\nhatte, standen hier in Shanghai weder die Inneneinrichtung noch das\nWarenangebot der Kaufh\u00e4user westlichen Standards auch nur im\ngeringsten nach.<br>Als ihre F\u00fc\u00dfe langsam schwerer und ihr Geist\nm\u00fcder wurde, verweilte sie noch einige Zeit auf einer der Sitzb\u00e4nke,\ndie es hin und wieder in der Mitte der Stra\u00dfe gab und sah den vorbei\neilenden Menschen zu. Erst als es mit zunehmender Dunkelheit zu k\u00fchl\ndaf\u00fcr wurde, konnte sich sich von Shanghai trennen und machte sich\nein letztes Mal auf den R\u00fcckweg zur Wohnung der Qiangs.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Br\u00fccken\nund  Br\u00fccken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nVon\nSuzhou mit seinen bezaubernden chinesischen G\u00e4rten aus f\u00fchrte Anna\nihre Reise in das als \u201eVenedig Chinas\u201c bekannte Dorf Zhouzhuang,\nzum Taihu-See und schlie\u00dflich weiter nach Hangzhou. Die Ufer von\nHangzhous West-See luden&nbsp;zum Spazierengehen oder einem Besuch im\nTeehaus ein und Anna entspannte sich zunehmend. Sie g\u00f6nnte sich\nmehrere Tage in Hangzhou, genoss die Stadt und unternahm Abstecher\nnach Shaoxing, der Geburtsstadt Lu Xuns und zum Huang-Shan, einem der\nbekanntesten Gebirge Chinas.<br>Trotz seiner hohen Bev\u00f6lkerungsdichte\nbildete die weiche Vertr\u00e4umtheit des chinesischen \u201eWasserlands\u201c,\ndas sich von Shanghai aus nach Osten bis hin zum Taihu-See erstreckt,\neinen interessanten Kontrast zu den schroffen Felsw\u00e4nden des\nHuangShan-Gebirges. \u201eOb als traditioneller Malstil im Kleinen, als\nchinesischer Garten oder als geographische Gegebenheit im Gro\u00dfen,\nShan-Shui (Berge und Wasser) scheinen hier&nbsp;ein&nbsp;wieder\u00adkeh\u00adrendes\nMotiv zu sein&#8230;\u201c Die Eindr\u00fccke der letzten Tage gingen Anna nach\nwie vor durch den Kopf, w\u00e4hrend sie ihre Sachen packte um sich auf\nden Weg zum Flughafen zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eDas\nk\u00f6nnte kompliziert werden hier&#8230;\u201c gr\u00fcbelte sie, w\u00e4hrend sie\nnach der Landung in Tianjin durch die Passagierbr\u00fccke in Richtung\nGep\u00e4ckausgabe ging.<br>Vor Annas Abreise hatte Ling, Annas\nUntermieterin, die Einladung ihrer Eltern \u00fcberbracht, zu einem\nBesuch nach Tianjin zu kommen. Anna hatte mit gemischten Gef\u00fchlen\nangenommen, denn Ling hatte nicht verbergen k\u00f6nnen, dass ihr das\nVorhaben ihrer Eltern Unbehagen bereitete. \u201eNicht wahr, Du erz\u00e4hlst\nmeinen Eltern nichts von meinem Freund?!?\u201c Dem flehent\u00adlichen\nBlick der samtbraunen Augen aus dem kindlichen Gesicht der\nNeunzehnj\u00e4hrigen war schwer standzuhalten. Anna hatte ihre\nUntermieterin inzwischen jedoch gut genug kennen gelernt, um vor\nihren F\u00e4higkeiten, zu bekommen was sie wollte, auf der Hut zu sein.\n\u201eWissen Deine Eltern denn noch gar nichts von Deinem Freund?\u201c &#8211;\n\u201eIch selbst habe ihnen nichts gesagt, aber ich habe den Eindruck,\ndass sie es von Anderen wissen und versuchen werden Dich\nauszufragen.\u201c gab Ling zu. \u201eDas wird ein schwieriger Besuch&#8230;\nWei\u00dft Du, f\u00fcr mich ist Dein Freund Deine private Angelegenheit, in\ndie ich mich nicht einmischen will.\u201c Ling schien erleichtert.\n\u201eAndererseits m\u00f6chte ich die Gastfreundschaft Deiner Eltern nicht\ndamit vergelten, ihnen ins Gesicht zu l\u00fcgen, wenn ich an ihrem Tisch\nsitze&#8230; Zumal sie die Sache ja ohnehin schon mitbekommen haben.\u201c\nLing warf Anna einen gequ\u00e4lten Blick zu. \u201eLehne ich die Einladung\naber ab, macht es Deine Lage auch nicht besser. Deine Eltern wissen\nja, dass ich von Peking aus zur\u00fcckfliegen will und Tianjin ist von\nPeking nur einen Katzensprung entfernt. Sie werden sich erst recht\nfalsche Vorstellungen machen, wenn ich nicht komme.\u201c<br>F\u00fcr einige\nAugenblicke hatte ratloses Schweigen geherrscht. \u201eIch werde einen\nMittelweg versuchen.\u201c hatte Anna dann beschlossen. \u201eWenn Deine\nEltern mich direkt fragen, ob Du einen Freund hast, werde ich sagen,\ndass ich das weder best\u00e4tigen noch dementieren kann.\u201c &#8211; \u201eUnd\nwenn sie nicht locker lassen, was sagst Du dann?\u201c &#8211; \u201eDann muss\nich sie bitten, zu respektieren, dass ich diese Fragen nicht\nbeantworten kann, weil mir das als Deine Vermieterin nicht zusteht.\u201c\nOffensichtlich war das nicht das Resultat, das Ling sich erhofft\nhatte. Nachdem sie einige Sekunden mit sich gerungen hatte gab sie\njedoch zerknirscht nach. \u201eGut, das muss ich akzeptieren. Aber\nversprich mir, dass Du ihnen nicht sagst, wie er hei\u00dft!\u201c &#8211;\n\u201eVersprochen!\u201c hatte Anna sie beruhigt.<\/p>\n\n\n\n<p>\nZwei\nhoch aufgeschossene junge M\u00e4nner zwischen Pubert\u00e4t und\nErwachsenenalter warteten in der Empfangshalle auf Anna und stellten\nsich als Lings ehemalige Klassen\u00adkameraden vor. Einer von ihnen\nverf\u00fcgte \u00fcber ein Auto und chauffierte die Drei durch die Stadt zu\nLings Eltern.<br>Soweit Anna es w\u00e4hrend der Fahrt erkennen konnte,\nschien die Hafenstadt Tianjin wohl\u00adha\u00adben\u00adder und sp\u00fcrbar\nweiter entwickelt zu sein als Peking. Auch das Viertel, in dem Lings\nEltern lebten, vermittelte mit seinen f\u00fcr chinesische Verh\u00e4ltnisse\nniedrigen, einander Raum lassenden Wohnblocks den Eindruck eines\nrelativ hohen Standards.<br>Bei Lings Eltern angekommen \u00f6ffnete eine\nzierliche, bescheiden wirkende Mittvierzigerin die Wohnungs\u00adt\u00fcr\num die Ank\u00f6mmlinge herein zu bitten. Durch kr\u00e4ftige Brillengl\u00e4ser,\ndie f\u00fcr ihre feinsinnigen Gesichtsz\u00fcge viel zu gro\u00df geraten waren,\nfiel ihr fragender Blick auf Anna, wo er pr\u00fcfend haften blieb. Hier\nwollte eine besorgte Mutter wissen, bei wem ihr Augapfel gelandet\nwar, Anna konnte es ihr nicht verdenken. \u201eGuten Tag, ich bringe\nIhnen Gr\u00fc\u00dfe von Ling!\u201c sagte Anna l\u00e4chelnd. \u201eVielen Dank,\nWillkommen in Tianjin!\u201c Die erste Anspannung schien langsam von\nLings Mutter zu weichen und einem vorsichtigen Wohlwollen Platz zu\nmachen. \u201eKomm, ich zeige Dir Lings Zimmer, dort kannst Du Deine\nSachen ablegen und sp\u00e4ter in Lings Bett \u00fcbernachten.\u201c<br>Die\nKl\u00e4nge einer Klaviersonate perlten durch das langgezogene\nWohnzimmer, w\u00e4hrend Anna Lings Mutter an Couchgarnitur und Esstisch\nvorbei zu einer T\u00fcr am anderen Ende des Raumes folgte. Lings Zimmer\nwar von \u00e4hnlicher Gr\u00f6\u00dfe und Ausstattung wie das Zimmer, das Anna\nan sie vermietet hatte. \u201eWenn man sich die chinesischen\nSchrift\u00adzeichen von Buchr\u00fccken und Bildern wegdenkt, k\u00f6nnte es\nauch als Jugendzimmer der braven Tochter einer deutschen\nMittelschichtfamilie durchgehen&#8230;\u201c dachte Anna.<br>Etwas sp\u00e4ter\nservierte Lings Mutter eine erstklassige Bandnudel\u00adsuppe mit\nH\u00fchnerfleisch und frischem Gem\u00fcse als Mittagessen. Sowohl Lings\nKlassenkameraden als auch Anna sprachen ihr gut zu, nicht ohne die\nK\u00f6chin ausgiebig daf\u00fcr zu loben. \u201eNein, nein, ich kann gar nicht\nkochen!\u201c wehrte Lings Mutter ab. \u201eIn unserer Familie ist mein\nMann der Koch. Er ist Architekt von Beruf, aber Kochen ist seine\nLeidenschaft. Wenn er am Herd steht, darf ich in der K\u00fcche nichts\nanfassen. Diese Suppe hat er gestern Abend schon vorbereitet, ich\nhabe sie vorhin nur aufgew\u00e4rmt.\u201c Anna beschlich das Gef\u00fchl, dass\nLings Eltern ihren Besuch wichtiger nahmen, als es ihr lieb war.\n\u201eMein Mann muss unter der Woche meist auf den Baustellen\n\u00fcbern\u00adachten. Aber heute Abend wird er hier sein um sein\nLieblingsgericht f\u00fcr uns zu kochen.\u201c fuhr Lings Mutter fort.<br>\u201eSind\nSie eine Liebhaberin europ\u00e4ischer Klassik?\u201c fragte Anna, denn nach\nwie vor war die Klaviermusik im Hintergrund zu h\u00f6ren. \u201eOh ja, ich\nbin Dozentin am Tianjiner Konservatorium und die deutsche Klassik ist\nmein Spezialgebiet.\u201c Lings Mutter taute nun zusehends auf. \u201eHat\nLing sich deshalb Deutschland f\u00fcr ihren Europaaufenthalt\nausgesucht?\u201c &#8211; \u201eJa, das hat glaube ich eine Rolle gespielt. Aber\nes gibt auch andere Gr\u00fcnde. Es gibt zum Beispiel keine Schul- oder\nStudien\u00adgeb\u00fchren. Nur die Sprachschule, auf die sie jetzt noch\ngeht, ist sehr teuer f\u00fcr uns.\u201c<br>Nach dem Mittagessen\nverabschiedeten sich Lings Klassenkameraden. \u201eZum Abendessen m\u00fcsst\nihr aber wieder kommen!\u201c rief Lings Mutter ihnen noch nach, dann\nfiel die Wohnungst\u00fcr hinter den beiden zu. \u201eMein Mann kocht immer\nviel zu viel, da brauchen wir Unterst\u00fctzung beim Essen!\u201c erkl\u00e4rte\nLings Mutter.<br>Anna begann sich zu fragen, welche Rolle die beiden\n\u201eKlassenkameraden\u201c in Lings Leben gespielt hatten oder noch\nspielen mochten. Waren sie diejenigen, die Lings Eltern als\npotentielle Schwiegers\u00f6hne favorisierten? Aber gleich zwei&#8230;\nAllerdings war Anna nicht entgangen, dass Ling es auch in Deutschland\nsehr gut verstand, bei ihren Freunden den Charme spielen zu lassen.\n\u201ePuh, es wird wirklich kompliziert heute Abend&#8230;\u201c dachte sie bei\nsich.<br>\u201eLings Klassenkameraden k\u00f6nnen Dir die wichtigsten\nSehensw\u00fcrdigkeiten der Stadt morgen Vormittag zeigen, dann gibt es\nnicht so viel Stau in der Stadt.\u201c fuhr Lings Mutter fort. \u201eIch\nmuss heute noch ein paar Eink\u00e4ufe f\u00fcr den Abend erledigen, hast Du\nLust mitzukommen?\u201c &#8211; \u201eSehr gerne!\u201c Bewegung war jetzt genau das\nRichtige f\u00fcr Anna. Lings Mutter schien langsam etwas Zutrauen zu\nAnna gefasst zu haben. \u201eKomm, ich zeige Dir jetzt mal, wo es hier\ndie besten Garnelen gibt.\u201c sagte sie, als sie zur Bushaltestelle\ngingen und hakte sich bei Anna unter.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\nsie am Abend in die Wohnung zur\u00fcck kamen, war Lings Vater in der\nK\u00fcche schon mit Vorbereitungen besch\u00e4ftigt. Die K\u00fcchent\u00fcr wurde\nschwungvoll aufgerissen und ein gut gelaunter Mann in einer blau-wei\u00df\ngemusterten K\u00fcchensch\u00fcrze begr\u00fc\u00dfte die beiden. \u201eEndlich kommt\nihr, wo bleiben denn meine Garnelen?!?\u201c Lachend ging er auf Anna\nzu. \u201eWillkommen, ich bin Lings Vater.\u201c stellte er sich vor. Er\nschien die Frohnatur der Familie zu sein und Anna sah auf den ersten\nBlick, dass Ling ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war. \u201eSo, ich\nmuss weitermachen, es ist schon sp\u00e4t!\u201c Gesch\u00e4ftig nahm er seiner\nFrau die Einkaufst\u00fcten ab und wollte gleich wieder in der K\u00fcche\nverschwinden. \u201eK\u00f6nne ich Ihnen ein bisschen zuschauen?\u201c Annas\nNeugierde war mit ihr durch gegangen. \u201eIch werde nichts anfassen,\nversprochen!\u201c erg\u00e4nzte sie bes\u00e4nftigend. \u201eNun gut. Wenn ich\nnachher mit den Garnelen anfange sage ich Dir Bescheid.\u201c bot er an,\nbevor er die K\u00fcchent\u00fcr hinter sich zu zog.<br>W\u00e4hrend aus der\nK\u00fcche bald Hacken, Klopfen und Raspeln zu h\u00f6ren war, begann Lings\nMutter den Tisch zu decken. \u201eKomm, mach es Dir bequem.\u201c sagte sie\nzu Anna und wies auf die Couch\u00adgarnitur. Anna hatte noch nicht\nlange Platz genommen, als auch Lings Klassenkameraden wieder\nauftauchten und sich zu ihr setzten. Sie begannen, Anna verschiedene\nSehens\u00adw\u00fcrdig\u00adkeiten vorzuschlagen, die sie ihr am n\u00e4chsten\nTag in der Stadt zeigen k\u00f6nnten. Und w\u00e4hrend man noch dar\u00fcber\nberiet, wann man sich treffen wollte, meldete sich Lings Vater aus\nder K\u00fcche.<br>Als Anna sich zu ihm gesellte war er war gerade dabei,\ndie Garnelen in einer Marinade zu wenden. Die K\u00fcche war nur ein\nkurzer Schlauch, auf jeder Seite gab es einen Tresen, der linke\nschmal und ganz unter Flaschen, Dosen, Sch\u00fcsseln, Tellern und T\u00fcten\nvoller Zutaten begraben, der rechte breiter, mit einem in die\nsteinerne Arbeitsplatte eingelassenen Sp\u00fclbecken und einem\nzweiflammigen Gasherd, der wie ein Camping-Gaskocher auf die\nSteinplatte gestellt war. Es gab weder Regale noch H\u00e4ngeschr\u00e4nke an\nden hell gefliesten W\u00e4nden, nur eine klobige Edelstahlesse hing \u00fcber\ndem Herd und daneben ein paar Haken mit Sieben und Sch\u00f6pfl\u00f6ffeln.\nEin gro\u00dfer Wok, Schalen mit Fleisch, zerkleinertem Gem\u00fcse, den\nGarnelen und verschiedenen So\u00dfen, eine Schnapsflasche, Gl\u00e4ser mit\nGew\u00fcrzen und ein Messerblock dr\u00e4ngelten sich auf und neben dem\nHerd, an dem Annas Vater nun eine Gasflamme entz\u00fcndete.<br>\u201eIch\nmache die Garnelen nach meinem eigenen Rezept. Nach dem Marinieren in\nmeiner Spezial\u00adso\u00dfe werden sie angebraten und mit einer anderen\nSpezialso\u00dfe abgel\u00f6scht. Dann stelle ich sie zur Seite und mache die\nrestlichen Gerichte fertig. Zum Schluss karamellisiere ich die\nGarnelen und kurz vor dem Servieren werden sie flambiert.\u201c Er war\nsichtlich in seinem Element. \u201eWie viele Gerichte gibt es denn?\u201c &#8211;\n\u201eAcht Gerichte, denn Acht ist die Zahl der Harmonie!\u201c strahlte\ner. Anna staunte nicht schlecht. Wie konnte jemand in dieser Enge\nacht Gerichte zubereiten?!<br>Nach\u00addem die Garnelen brutzelnd in\nden hei\u00dfen Wok geglitten waren, lief Lings Vater erst richtig zur\nHochform auf. Fasziniert wurde sie Zeugin einer virtuos\ndurch\u00adge\u00adspielten Choreografie aus R\u00fchren, W\u00fcrzen, Gie\u00dfen,\nSch\u00f6pfen, Mischen, Ab kosten und Umbetten, in deren Verlauf die\nInhalte der auf den Tresen stehenden Sch\u00fcsseln und Teller in einer\nwohlgeplanten Reihenfolge zischend und blubbernd in den Wok wanderten\num diesen dann eins nach dem anderen als fertiges Gericht zu\nverlassen. Bratenduft, Kr\u00e4uter- oder Gew\u00fcrzaromen kitzelten\nabwechselnd Annas Nase, w\u00e4hrend Lings Vater hochkonzentriert\nzwischen Tresen und Wok wirbelte und als er wieder innehielt, standen\nsieben Gerichte fertig neben seinem Herd. \u201eSo!\u201c Er strahlte\nwieder. \u201eDu kannst die Gerichte schon mal raus tragen, und setzt\nEuch alle an den Tisch. Ich komme dann mit den Garnelen.\u201c wies er\nsie an.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDas\nEssen war eines der besten, das Anna jemals gegessen hatte und\nabgesehen von Lings Mutter langten alle t\u00fcchtig zu. \u201eEndlich habe\nich mal Leute am Tisch, die mein Essen zu sch\u00e4tzen wissen!\u201c Lings\nVater klatschte sich lachend auf die Schenkel \u201eNormalerweise ist es\nso: ich gebe mir die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, aber meine Frau isst wenig und\nmeine Tochter fast nichts. Ich esse mich satt und der Rest wird kalt\ngestellt. Das reicht den beiden dann die ganze Woche, wenn ich auf\nder Baustelle bin.\u201c schimpfte er gespielt. \u201eDaf\u00fcr isst Du auf\nden Baustellen dann die ganze Woche nichts.\u201c konterte seine Frau\nmit einem schelmischen L\u00e4cheln.<br>Als nach einiger Zeit der erste\nHunger wohl ges\u00e4ttigter Entspannung wich, begann das Gespr\u00e4ch sich\nzun\u00e4chst beil\u00e4ufig, dann immer zielstrebiger um Ling und ihr Leben\nin Deutschland zu drehen. Annas Alarmglocken schrillten. \u201eLing ist\nja noch sehr jung!\u201c zog Lings Mutter ihre Kreise nun langsam enger.\n\u201eDie meisten Chinesischen Studenten gehen ins Ausland, nachdem sie\ndie ersten Pr\u00fcfungen an der Universit\u00e4t abgelegt haben. Dann sind\nsie \u00fcber Zweiundzwanzig und reifer.\u201c Sie konnte die Sorgen, die\nsie sich um ihre Tochter machte, nicht verbergen.<br>\u201eLing wollte\nnicht auf uns h\u00f6ren und hat uns zugesetzt, bis wir nicht mehr anders\nkonnten als nachzugeben.\u201c erg\u00e4nzte Lings Vater. Anna konnte sich\nlebhaft vorstellen, wie Ling ihre Register gezogen hatte, bis sie\nbekam was sie wollte. Ihre Eltern schienen Lings Hartn\u00e4ckigkeit\nnicht gewachsen zu sein. Aber ob sie sich selbst damit wirklich einen\nGefallen getan hatte? &#8211; \u201eLing sagt uns oft, dass wir uns keine\nSorgen machen sollen, weil sie in Deutschland schon viele gute\nFreunde gefunden hat&#8230;\u201c spann Lings Mutter ihren Faden weiter.\n\u201eJa, da hat sie recht. Zum Beispiel hat einer ihrer Freunde ihr\nmein Zimmer vermittelt. Er gibt mir Chinesisch-Unterricht und wusste,\ndass ich vermieten m\u00f6chte.\u201c versuchte Anna die Medaille\numzuwenden. \u201eJa, dumm ist sie nicht.\u201c bemerkte Lings Vater nicht\nohne Stolz. &#8211; \u201eAber in manchen Bereichen ist sie noch viel zu\nnaiv.\u201c Lings Mutter lie\u00df sich nicht so leicht ablenken. \u201eKommen\nihre Freunde oft zu Besuch?\u201c wurde sie konkreter. \u201eSeit sie bei\nmir wohnt, hat sie mich ein, zweimal eingeladen, als sie mit ihren\nFreunden chinesische Maul\u00adtaschen gekocht hat.\u201c &#8211; \u201eUnd waren\nihre Freunde dar\u00fcber hinaus noch \u00f6fter da?\u201c bohrte Lings Mutter\nweiter und hatte damit die rote Linie erreicht, die Anna sie nicht\n\u00fcber\u00adschrei\u00adten lassen wollte. \u201eIch bin nur an den\nWochenenden daheim, und da war es bis auf diese Einladungen ruhig.\nUnter der Woche bin ich im B\u00fcro, muss abends oft \u00dcberstunden machen\noder habe andere Termine. Daher bekomme ich nicht mit, was Ling\nmacht.\u201c versuchte sie, sich Luft zu verschaffen.<br>F\u00fcr einige\nAugenblicke herrschte Schweigen, ein Hauch von Ratlosigkeit schien\n\u00fcber das Gesicht von Lings Mutter zu huschen. Es schien ihr nicht\nentgangen zu sein, dass Anna zu weiter gehenden Ausk\u00fcnften nicht\nbereit war.<br>\u201eWei\u00dft Du Anna&#8230;\u201c preschte da einer von Lings\nKlassenkameraden ungeduldig vor. \u201eLings Mutter macht sich gro\u00dfe\nSorgen, weil sie vermutet dass Ling einen festen Freund hat. Wir\nm\u00f6chten gerne wissen, ob das stimmt und wer er ist.\u201c\nOffensichtlich war seine Anspannung mit ihm durch gegangen, denn nun\nwar sie nicht mehr zu \u00fcbersehen. Ver\u00e4rgert schoss Lings Mutter\neinen warnenden Blick auf ihn ab, Lings Vater lehnte sich mit einem\nSchnauben abrupt zur\u00fcck. Anna witterte eine Chance. \u201eIch kann Eure\nSorgen sehr gut verstehen, auch wenn ich selbst keine Kinder habe.\u201c\nsagte sie in die Runde. \u201eDass Ling so jung schon nach Deutschland\ngegangen ist, macht die Situation f\u00fcr alle sehr schwierig. Ich\nselbst sch\u00e4tze Ling sehr und hoffe das Beste f\u00fcr ihre Zukunft.\nJedoch bin ich nur ihre Vermieterin und habe nicht das Recht, mich in\nihre Angelegenheiten einzumischen. Aber ich glaube, Ling wird einen\nguten Weg finden.\u201c Peinliche Stille senkte sich \u00fcber den Tisch.\n\u201eHoffentlich hat die Harmonie aus den acht Gerichten irgendwie\nihren Weg durch den Magen in die K\u00f6pfe gefunden&#8230;\u201c dachte Anna.\nEndlose Augenblicke sp\u00e4ter brach Lings Vater das Schweigen. \u201eLing\nist bei Dir glaube ich gut aufgehoben.\u201c sagte er vers\u00f6hnlich. \u201eEs\nist f\u00fcr uns eine Erleichterung, zu wissen bei wem sie wohnt und wir\nfreuen uns, dass Du uns besucht hast.\u201c fuhr er fort. \u201eLing wird\nim Sommer nach Tianjin kommen, dann werden wir versuchen, mit ihr\n\u00fcber alles zu sprechen.\u201c &#8211; \u201eDas ist bestimmt die beste L\u00f6sung.\u201c\nerwiderte Anna und versuchte, sich ihre Erleichterung nicht allzu\noffensichtlich anmerken zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEs\nwar&nbsp;sonniger Sp\u00e4tnachmittag, als Anna zwei Tage sp\u00e4ter im\nPekinger Bahnhof aus dem Zug stieg. Eine frische Fr\u00fchlingsbrise\nhatte den Pekinger Wintersmog zur Stadt hinaus geblasen und Anna\natmete ein paarmal tief durch, w\u00e4hrend sie sich durch das\nMenschengewimmel auf dem Bahnhofsvorplatz hindurch schob, um ein Taxi\nzu finden. Xiaomin hatte ihr ein kleines Hotel mitten in einem der\ntraditionellen Pekinger Hutong-Viertel empfohlen und sie folgte\ndieser Empfehlung gerne. <br>Der Taxifahrer brauchte mehrere Anl\u00e4ufe\num die richtige Abzweigung zu finden, die von der dreispurigen\nDurchgangsstra\u00dfe aus in das Viertel hinein f\u00fchrte. Zu beiden Seiten\ns\u00e4umten nun eng aneinander geschmiegt ein- oder zweist\u00f6ckige H\u00e4user\ndie schmale Stra\u00dfe. Die Leute waren zu Fu\u00df oder mit dem Fahrrad\nunterwegs und wo immer Hauseing\u00e4nge, Leitungsmasten oder die\nvereinzelten B\u00e4ume Platz lie\u00dfen, s\u00e4umten abgestellte Zweir\u00e4der\naller Art den Stra\u00dfenrand. Das Taxi schob sich vorsichtig durch das\nrege Treiben hindurch.<br>Schaufenster kleiner Gesch\u00e4fte,\nMini-Werkst\u00e4tten und Restaurants wechselten sich hier ab mit den\ngrau gestrichenen Au\u00dfenmauern traditioneller Pekinger Hofh\u00e4user,\naus denen immer wieder in kr\u00e4ftigem Rot gehaltene Eingangsportale\nhervor leuchteten. Manche waren zus\u00e4tzlich mit einem geschwungenen\nVordach \u00fcberdeckt, mit S\u00e4ulen eingefasst oder mit roten\nSpruchtafeln oder gar Lampions verziert. Soweit Anna wusste,\nverbargen sich dahinter stille Innenh\u00f6fe, an vier Seiten umgeben von\nzum Hof hin offenen Wohngeb\u00e4uden, das Ganze gegen die Nachbarschaft\nabgeschirmt von der alles umschlie\u00dfenden Au\u00dfenmauer, jedes Hofhaus\neine kleine Welt f\u00fcr sich. Die roten Portale zogen Annas Blicke wie\nmagnetisch auf sich und kitzelten ihre Neugierde auf das Dahinter\nwach. \u201eNachher&#8230;\u201c dachte sie, w\u00e4hrend das Taxi unerbittlich\nweiter rollte.<br>Nachdem das Hotel gefunden war und Anna ihre Sachen\nim Zimmer abgestellt hatte, hielt es sie nicht lange dort. Sie wollte\nden Rest des Tages nutzen, um das Hutong zu erkunden. Wieder drau\u00dfen\nlie\u00df sie sich vom Kreuz und Quer der Str\u00e4\u00dfchen und Seitengassen\nleiten, schaute gelegentlich in eines der Gesch\u00e4fte hinein und\nst\u00e4rkte sich in einem kleinen Restaurant. Bald wurde klar, dass die\nfrisch gestrichenen grauen Hofh\u00e4user mit den schmucken roten\nPortalen, die Anna vom Taxi aus aufgefallen waren, eher die Ausnahme\nals die Regel darstellten. Sie fanden sich vermehrt in der\nHauptstra\u00dfe des Hutongs, in der auch das Hotel lag. In den\nSeitengassen tiefer drinnen im Viertel herrschte hingegen ein\nverschachteltes Kunterbunt kleiner H\u00e4user vor, das die einstmals\nauch hier angelegte Grundstruktur der vierseitig ummauerten Hofh\u00e4user\noft nur noch vage erahnen lie\u00df.<br>Daf\u00fcr gab es in diesen Gassen\numso mehr Leben auf der Stra\u00dfe. W\u00e4hrend Anna sich darin treiben\nlie\u00df wurde sie sich langsam des vagen Gef\u00fchls bewusst, in den\nStra\u00dfenszenen hier irgend etwas zu vermissen. Erst einige\ndurchstreifte Gassen weiter fiel ihr auf, dass sie&nbsp;dabei war,\ndieses Viertel mit den Shanghaier Altstadtvierteln zu vergleichen,\ndie sie am Anfang ihrer Reise kennen gelernt hatte. Nun konnte sie\nsich langsam einen Reim auf ihre Wahrnehmung machen. In den\nShanghaier Altstadtvierteln gab es in der Regel keine Innenh\u00f6fe und\nso taten die Menschen vieles direkt vor ihrer Haust\u00fcr, was sich in\nden Hutongs in die Innenh\u00f6fe verlagerte. Hier waren die Gassen\nAu\u00dfenwelt und Verkehrsweg, ein \u00f6ffent\u00adlicher Raum, nicht das\nf\u00fcr Annas Geschmack fast zu private Gemein\u00adschafts\u00adwohn\u00adzimmer,\ndas sie f\u00fcr die Shanghaier waren.<br>Die ganze Zeit \u00fcber hatte Anna\nnach M\u00f6glichkeiten Ausschau gehalten, einmal in einen der Innenh\u00f6fe\nhinein spicken zu k\u00f6nnen. Aber dies schien nicht so einfach zu sein\nwie sie gehofft hatte. Die Tore der Hofh\u00e4user erf\u00fcllten ihren Zweck\nund als es dunkel zu werden begann musste Anna ihre Neugierde\nunbefriedigt wieder in Richtung Hotel mitnehmen.<br>Sie war nur noch\nzwei, drei Querstra\u00dfen vom Hotel entfernt, als sie wider Erwarten\n\u00fcber ein Geb\u00e4ude stolperte, das sie schon von ihrem ersten\nChina-Aufenthalt her kannte. Auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite\nfiel ihr unvermittelt eine kleine wei\u00dfe Kirche ins Auge, die mit\nihrer westlichen Architektur un\u00fcbersehbar aus der H\u00e4userzeile des\nHutongs herausstach. Sie erkannte sie sofort. Hier hatte sie im\nletzten Sommer mit Xiaomins Schwester den Gottesdienst besucht. Das\nGeb\u00e4ude lag verschlossen und dunkel in der hereinbrechenden\nAbendd\u00e4mmerung, von der Gemeinde war offensichtlich niemand\nanwesend. Xiaomin hatte zwar erw\u00e4hnt, dass die Kirche ebenfalls in\ndiesem Hutong lag, aber Anna hatte nicht damit gerechnet, sie\nwirklich zu finden. W\u00e4hrend ihres damaligen Besuchs hier war sie\nviel zu abgelenkt gewesen war, um die Umgebung wahrzunehmen in die\ndie Kirche eingebettet war. Umso mehr freute sich sich jetzt dar\u00fcber,\nhier doch noch ein Geb\u00e4ude entdeckt zu haben in dessen Innenleben\nsie schon einmal hatte einen Blick hinein werfen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nXiaomin\nhatte Anna vor ihrer Abreise geschrieben, er sei zur gleichen Zeit in\nPeking wie sie und hatte ihr seine Mobilnummer zukommen lassen.\nZur\u00fcck im Hotelzimmer gelang Anna es tats\u00e4chlich, ihn zu erreichen.\nEr schlug vor, sich am n\u00e4chsten Vormittag beim Qianmen (Vordertor),\neinem s\u00fcdlich des Tiananmen-Platzes gelegenen historischen Stadttor,\nzu treffen. In den Vierteln s\u00fcdlich davon g\u00e4be es interessante\nStra\u00dfen zum Bummeln sowie weitere Hutongs, die er ihr zeigen wolle.\nAuch seine Schwester k\u00f6nne es vielleicht einrichten, mit zu\nkommen.<br>Als Anna am n\u00e4chsten Tag am Qianmen aus der U-Bahnstation\nstieg, sah sie die beiden schon von weitem auf dem Vorplatz stehen.\nW\u00e4hrend Xiaomins Schwester sich in den Monaten seit ihrer letzten\nBegegnung nicht ver\u00e4ndert hatte, hatte Xiaomin eine Wandlung\nvollzogen, die Anna die Sprache verschlug. Anstatt der langhaarigen,\nklapperd\u00fcrren Abenteurergestalt, die sie in Erinnerung hatte, stand\nda ein wohlgen\u00e4hrter junger Mann mit korrekt gescheiteltem\nKurzhaarschnitt, dessen modisch geschnittenes schwarzes Sakko \u00fcber\ndem ebenfalls schwarzen Oberhemd an den Bekleidungsstil kreativer\nBerufe ankn\u00fcpfte.<br>\u201eGut dass seine Schwester dabei ist, sonst\nw\u00e4re ich vielleicht&nbsp;an ihm vorbei gelaufen&#8230;\u201c dachte Anna,\nw\u00e4hrend sie auf die beiden zuging. \u201eDu erkennst mich bestimmt\nnicht mehr!\u201c begr\u00fc\u00dfte er sie auf Deutsch in der vorwitzigen,\nfr\u00f6hlichen Art, die sie noch gut von ihm in Erinnerung hatte. \u201eDoch,\ndoch, an Deiner Schwester und an Deiner Fototasche!\u201c konterte Anna\nlachend. \u201eJa, meine Backen sind jetzt genau so dick wie ihre!\u201c\nfeixte er, wohl wissend, dass&nbsp;seine Schwester kein Deutsch\nverstand. Offensichtlich war er sich der Wirkung seiner \u00e4u\u00dferen\nVer\u00e4nderung auf Andere wohl bewusst und genoss es, Annas Reaktionen\nzu beobachten.<br>\u201eKomm, lasst uns versuchen Chinesisch zu\nsprechen!\u201c schlug Anna auf Chinesisch vor. \u201eDu sprichst kein\nEnglisch, Deine Schwester kein Deutsch, aber vielleicht reicht mein\nChinesisch ja aus, damit wir alle drei uns verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen.\u201c\n&#8211; \u201eIch verstehe Dich sehr gut!\u201c meldete sich da Xiaomins\nSchwester, erfreut mit einbezogen zu werden. \u201eJa, lass es uns\nprobieren, Dein Chinesisch ist viel besser geworden seit wir uns\nzuletzt gesehen haben!\u201c stimmte Xiaomin zu.<br>\u201eWie findest Du\ndas Hotel, das ich Dir empfohlen habe?\u201c wollte er weiter wissen.\n\u201eDas war genau das Richtige f\u00fcr mich. Die Zimmer sind gut und die\nUmgebung ist sehr interessant. Ich war gestern dort schon im Hutong\nunterwegs und habe auch Eure Kirche wieder entdeckt. Aber ich konnte\nin kein einziges Hofhaus hinein\u00adschauen, sie waren alle gut\nverschlossen.\u201c &#8211; \u201eDann lass uns zuerst das Hutong s\u00fcdlich des\nQianmen anschauen, das ist nicht weit weg von hier. Ich kenne ein\npaar Leute von meiner Arbeit als Fotograf her, die wohnen dort. Mit\netwas Gl\u00fcck ist jemand von ihnen daheim und l\u00e4sst uns in seinen\nInnenhof hinein schauen.\u201c Anna war freudig \u00fcberrascht, ihre\nNeugierde vielleicht doch noch stillen zu k\u00f6nnen. \u201eWas hast Du\ndenn noch alles gesehen auf Deiner Reise?\u201c fragte Xiaomins\nSchwester. Und w\u00e4hrend die Drei sich zu Fu\u00df auf den Weg in das\nHutong machten, berichtete Anna von ihren bisherigen\nReiseerlebnissen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDieses\nHutong machte einen schlichteren Eindruck als das, in dem Annas Hotel\ngelegen war, stellen\u00adweise sogar einen heruntergekommenen.\nUnverputzter Backstein dominierte die Au\u00dfenmauern der Hofh\u00e4user und\ndem Holz der Hoftore sah man seine Jahre an. W\u00e4hrend sie durch die\nGassen schlenderten, versuchte Xiaomin seine Bekannten in dem Viertel\nper Mobiltelefon zur erreichen. Bei Zweien von ihnen hatte er Gl\u00fcck,\njemand war zu Hause und willens, eine neugierige Ausl\u00e4nderin einen\nBlick hinter das Hoftor werfen zu lassen. Das Innenleben der beiden\nHofh\u00e4user, die Anna nun zu sehen bekam, h\u00e4tte unterschiedlicher\nnicht sein k\u00f6nnen.<br>Vor dem offen stehenden Tor des ersten wurden\nsie von einem freundlichen \u00e4lteren Herrn erwartet. Er begr\u00fc\u00dfte die\nDrei breit grinsend um danach die Ausl\u00e4nderin in Xiaomins Schlepptau\nunverhohlen neugierig zu mustern. \u201eAuch ich werde besichtigt&#8230;\u201c\ndachte Anna und erwiderte seine Begr\u00fc\u00dfung ebenso breit grinsend.\nAls Anna hinter den Anderen die Schwelle zum Innenhof \u00fcberschritten\nhatte, bot sich ihr ein unerwartetes Bild.<br>Der Hof war vollst\u00e4ndig\nunter ineinander verschachtelten H\u00fctten und Verschl\u00e4gen\nverschwun\u00adden und es war schwer zu erkennen, wo sich die\nurspr\u00fcnglichen Geb\u00e4ude des Hofhauses befanden. Anna konnte sie\nschlie\u00dflich an ihren geflickten Ziegeld\u00e4chern erkennen, die die\nDachpappenlandschaft der H\u00fctten im Hof \u00fcberragten. G\u00e4nge, in denen\nS\u00e4cke, Eimer, Fahrr\u00e4der oder Besen herumstanden, wanden sich\nzwischen um die H\u00fctten herum und lie\u00dfen gerade soviel Raum, dass\nman hindurchgehen konnte. Trotz der Enge hatten in einigen Ecken\nTopf\u00adpflanzen einen Platz gefunden und Vogelk\u00e4fige schaukelten\nneben der W\u00e4sche auf den Leinen unter den Dachtraufen. Aus\nverschiedenen Richtungen drangen Stimmen aus dem Labyrinth an Annas\nOhren und der Duft frisch gebratenen Essens mischte sich mit dem von\nWaschlauge und Schmier\u00f6l. Wahrscheinlich wurden sie von drinnen\nneugierig be\u00e4ugt, aber au\u00dfer dem freundlichen alten Herrn lie\u00df\nsich sonst niemand blicken.<br>Der erz\u00e4hlte, dass sich f\u00fcnf\nverschiedene Haushalte den Platz hier teilen mussten. Urspr\u00fcnglich\nwar jedes Hofhaus f\u00fcr eine Familie gedacht, aber den Luxus, \u00fcber so\nviel Platz zu verf\u00fcgen, konnten sich die wenigsten Leute hier\nleisten. Der Not gehorchend war der Innenhof mit zus\u00e4tzlichen H\u00fctten\nf\u00fcr sanit\u00e4re Einrichtungen, Lager- und Unterstellr\u00e4ume bebaut\nworden, die von allen gemeinsam genutzt wurden. In einer der H\u00fctten\ngab es sogar eine winzige Fahrrad\u00adwerkstatt.<br>Sie erfuhren,\ndass die Stadt dieses Hofhaus bald zusammen mit der ganzen\nNachbarschaft abrei\u00dfen und durch ein Wohnhochhaus ersetzen w\u00fcrde.\nDie Menschen hier seien hin und her gerissen zwischen den Vor- und\nNachteilen, die diese Radikalkur f\u00fcr ihre Wohnsituation bedeutete.\nNat\u00fcrlich freuten sie sich darauf, bald ebenfalls \u00fcber zeitgem\u00e4\u00dfen\nWohnkomfort verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen. Aber w\u00e4hrend die J\u00fcngeren mit den\nneuen Wohnungen auch die Hoffnung auf mehr Platz und Privatheit\nverbanden, f\u00fcrchteten die \u00c4lteren die Anonymit\u00e4t, die genau dies\nmit sich bringen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\nSchon\nvon au\u00dfen war das zweite Hofhaus erkennbar kleiner als das erste.\nHier war es eine junge Frau, die den dreien auf Xiaomins Klopfen hin\ndas Tor \u00f6ffnete und als Annas Blick \u00fcber den Innenhof schweifte,\nmusste sie fast lachen, so sehr entsprach der Anblick, den er bot,\ndem Klischee eines Innenhofs, das sie bis vorhin noch mit sich\nherumgetragen hatte. Ein liebevoll gepflegter Minigarten aus\nTopfpflanzen verschiedenster Art und Gr\u00f6\u00dfe umgab einen kleinen\nMaulbeerbaum in der Hofmitte, die von zus\u00e4tzlichen H\u00fctten verschont\ngeblieben war. Seiten- und Hauptgeb\u00e4ude waren auch hier\nrenovierungsbed\u00fcrftig, aber sie waren intakt und mitsamt den leicht\ngeschwungenen grauen Ziegeld\u00e4chern in der urspr\u00fcnglichen Form\nerhalten. Alles, was untergestellt oder gelagert werden musste schien\nin niedrigen Verschl\u00e4gen, Regalen oder Truhen entlang der beiden\nSeitengeb\u00e4ude seinen Platz gefunden zu haben. Von dem\nMaulbeerb\u00e4umchen in der Mitte aus spannten sich locker beh\u00e4ngte\nW\u00e4scheleinen zu den Dachtraufen und das WC-H\u00e4uschen, das einzige\nGeb\u00e4ude, das zus\u00e4tzlich in einer Ecke des Hofes errichtet worden\nwar, wurde bis auf T\u00fcr- und Fenster\u00f6ffnungen von einer immergr\u00fcnen\nKletterpflanze verh\u00fcllt. Die junge Frau erz\u00e4hlte, dass ihre Familie\nsich dieses Haus mit nur einer weiteren Familie teilte und man den\nInnenhof gemeinsam nutzte. Beide Familien sch\u00e4tzten es, so wohnen zu\nk\u00f6nnen und konnten in dem auch hier bevorstehenden Abriss nichts\nPositives erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNachdem\ndas Hoftor sich hinter den Dreien wieder geschlossen hatte,\nschlenderten sie langsam in Richtung einer Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe weiter,\nin der es laut Xiaomin ein paar interessante Restaurants geben\nsollte. \u201eWei\u00dft Du, die Hofh\u00e4user in Pekings Hutongs sind fast\nalle so wie das erste, das wir gesehen haben.\u201c erz\u00e4hlte er.\n\u201eSelbst wenn man sie renovieren w\u00fcrde, bleibe zu wenig Platz f\u00fcr\ndie Menschen, die darin leben. Am Ende werden nur noch wenige\ntraditionelle Hofh\u00e4user \u00fcbrig bleiben, die zu Restaurants, Hotels,\nMuseen oder Gewerbeh\u00f6fen umgebaut wurden. Der Rest wird\nverschwinden.\u201c &#8211; \u201eBis vor drei Jahren haben auch wir noch so\ngewohnt wie die Leute in dem ersten Hofhaus, das wir gesehen haben.\u201c\nerz\u00e4hlte Xiaomins Schwester. \u201eDann bin ich zusammen mit meinen\nEltern und meinem Sohn in eine kleine Neubauwohnung in einem Hochhaus\ngezogen. Wir haben alle zusammengelegt um die Wohnung kaufen zu\nk\u00f6nnen. Nur Xiaomin wohnt jetzt noch in unserem alten Hutong.\u201c &#8211;\n\u201eJa, da f\u00e4llt der Putz von den W\u00e4nden, ich muss Eimer aufstellen\nweil es durch das Dach tropft und die Fenster sind auch kaputt&#8230;\u201c\nsagte er nachdenklich und es war ihm anzumerken, dass diese Wendung\ndes Gespr\u00e4chs ihm Unbehagen bereitete. \u201eAber nicht mehr lange!\nLetzten Monat habe auch ich eine neue Wohnung gekauft. Ich kann\njedoch erst im Juni einziehen, weil sie noch nicht ganz fertig ist.\nAllerdings muss ich jetzt schon jeden Monat den Kredit bezahlen und\nviel arbeiten und sparen, um das zu schaffen.\u201c Der Stolz des frisch\ngebackenen Immobilien\u00adbesitzers war zwischen seinen Worten ebenso\nso deutlich sp\u00fcrbar wie der Leistungsdruck, unter dem er nun stand.\n\u201eWenn Du das n\u00e4chste Mal in China bist, dann musst Du mich in\nmeiner neuen Wohnung besuchen, dann k\u00f6nnen wir in meiner K\u00fcche\netwas kochen.\u201c &#8211; \u201eGerne, da freue ich mich drauf.\u201c erwiderte\nAnna.<br>\u201eUnd ich habe jetzt Hunger!\u201c warf Xiaomins Schwester da\nein. \u201eIch auch! Xiaomin, wo sind denn nun die interessanten\nRestaurants, die Du in Aussicht gestellt hast?\u201c schloss Anna sich\nan, deren Magen ebenfalls grummelte. \u201eWas ist denn so interessant\nan denen?\u201c &#8211; \u201eDie sind in der breiten Stra\u00dfe da vorne, wir sind\ngleich da!\u201c W\u00e4hrend Xiaomin seine Schritte beschleu\u00adnigte,\nwarf er seiner Schwester einen verschw\u00f6rerischen Seitenblick zu, den\ndiese mit einem verschmitzten L\u00e4cheln quittierte.<br>Mehrere\nRestaurants s\u00e4umten die lebhafte Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe, in die sie bald\ndarauf einbogen. Einige waren in liebevoll renovierten traditionellen\nGeb\u00e4uden untergebracht, Tafeln mit den Speisekarten standen neben\nden Eing\u00e4ngen, davon abgesehen konnte Anna aber nichts Besonderes an\nden Restaurants erkennen. \u201eDu musst die Speisekarte lesen!\u201c half\nXiaomin ihr auf die Spr\u00fcnge. Sie blieb vor einer der Tafeln stehen\nund brauchte einen Augenblick, um die ersten Zeilen zu entziffern.\n\u201eHundefleisch&#8230;\u201c sprang es ihr dann ins Gesicht, in allen\nm\u00f6glichen Varianten. In diesem Restaurant schien es kaum ein Gericht\nohne diese \u201eDelikatesse\u201c zu geben. Und auch die anderen\nRestaurants in der N\u00e4he hatten ein \u00e4hnliches Angebot. \u201eOh nein!\u201c\nrief Anna erschrocken. \u201eIhr wollt doch nicht wirklich da reingehen,\noder?\u201c Die beiden kicherten und lie\u00dfen Anna gen\u00fcsslich zappeln.\nNach einem endlosen Augenblick lenkte Xiaomins Schwester am\u00fcsiert\nein. \u201eNein, nein, auch wir essen kein Hundefleisch.\u201c beruhigte\nsie Anna, um dann gespielt scheinheilig fortzufahren: \u201eWir wollten\nDir nur die Restaurants zeigen, in denen es welches gibt, falls Du es\ndoch einmal probieren wolltest. Normale Restaurants haben n\u00e4mlich\nkein Hundefleisch auf ihrer Speisekarte.\u201c &#8211; \u201eDa habe ich ja\ngerade nochmal Gl\u00fcck gehabt!\u201c atmete Anna erleichtert auf. \u201eKommt\njetzt, weiter die Stra\u00dfe runter kenne ich ein anderes gutes\nRestaurant. \u201eAuch ich habe jetzt Hunger!\u201c dr\u00e4ngelte Xiaomin nun.<\/p>\n\n\n\n<p>\nWie\nfunktioniert das hier mit dem Wohnungskauf eigentlich?\u201c fragte\nAnna, w\u00e4hrend sie sich noch einen L\u00f6ffel von dem aromatisch\nduftenden Reis im Bambusrohr in ihr Sch\u00e4lchen f\u00fcllte. Nachdem die\nDrei in dem Restaurant den ersten Hunger gestillt hatten, meldete\nsich Annas Neugierde wieder zur\u00fcck. \u201eIch dachte es gibt kein\nPrivateigentum in China?\u201c &#8211; \u201eDie Wohnungen kann man h\u00f6chstens\nf\u00fcr 70 Jahre erwerben, danach fallen sie automatisch an die\nRegierung zur\u00fcck.\u201c erkl\u00e4rte Xiaomins Schwester. \u201eDie Bauern auf\ndem Land k\u00f6nnen ihr Land f\u00fcr 90 Jahre oder l\u00e4nger kaufen, aber\nauch sie k\u00f6nnen kein unbefristetes Eigentum besitzen.\u201c &#8211; \u201eHm,\nund warum wolltest Du keine Wohnung mieten?\u201c wollte Anna nun von\nXiaomin wissen. \u201eVielleicht h\u00e4ttest Du dann weniger Stress mit dem\nAbbezahlen jeden Monat&#8230;\u201c &#8211; \u201eIm Gegenteil, dann h\u00e4tte ich noch\nviel mehr Stress!\u201c entgegnete er. \u201eMietwohnungen sind hier so\nteuer, dass sich nur Firmen oder Ausl\u00e4nder eine leisten k\u00f6nnen. Die\nRegierung m\u00f6chte, dass die normalen Leute ihre Wohnungen kaufen,\ndeshalb werden Neubauwohnungen fast ausschlie\u00dflich als\nEigentumswohnungen angeboten. \u201c &#8211; \u201eAch so, verstehe&#8230; \u201e\nmurmelte Anna nachdenklich. \u201eJa, ich bin jetzt sehr deutsch\ngeworden, immer nur arbeiten, sparen und abbezahlen!\u201c lachte\nXiaomin.<br>\u201eIch spare zur Zeit auch Geld.\u201c griff&nbsp;Anna nach\neiner Weile seinen Faden&nbsp;wieder auf.&nbsp;\u201eAber ich will mich\ndamit in die entgegen gesetzte Richtung bewegen&#8230;\u201c &#8211; \u201eWie meinst\nDu das denn?\u201c Xiaomins Schwester wurde hellh\u00f6rig. \u201eIch will\nmeine Wohnung aufgeben und vor\u00fcbergehend auch meine Arbeit&#8230;\u201c\nZwei Paar St\u00e4bchen wurden abrupt auf den Tisch gelegt, zwei Paar\nschwarzbraune Augen fixierten Anna. \u201eMit&nbsp;dem Gesparten will\nich f\u00fcr ein Jahr nach China zum Studieren kommen. Vielleicht klappt\nes ja schon n\u00e4chstes Jahr zum Herbstsemester.\u201c lie\u00df Anna die\nKatze nun vollends aus dem Sack.<br>\u201eAch,&nbsp;deshalb hast Du\njetzt diese Untermieterin aus Tianjin!\u201c Xiaomins Schwester hatte\nEins und Eins schnell zusammen gez\u00e4hlt. \u201eDas ist verr\u00fcckt!\u201c\nentfuhr es da Xiaomin. \u201eWarum willst Du Deine Arbeit aufgeben?\u201c &#8211;\n\u201eNun, wenn das verr\u00fcckt ist, dann will ich gerne verr\u00fcckt\nwerden!\u201c&nbsp;grinste Anna. Sie hatte Xiaomin noch nie derma\u00dfen\nsprachlos gesehen. Ihre Pl\u00e4ne schienen das Bild, das er sich von ihr\ngemacht hatte, in den Grundfesten zu ersch\u00fcttern. Verwirrung und\nUnverst\u00e4ndnis waren ihm so deutlich anzumerken, dass seine Schwester\nzu kichern begann. Anna riss sich am Riemen, um nicht&nbsp;laut\nloszulachen.<br>\u201eIch wei\u00df nicht, was China mit Euch Ausl\u00e4ndern\nmacht&#8230;\u201c Xiaomin sch\u00fcttelte immer noch fassungslos den Kopf.\n\u201eKaum habt ihr einmal euren Fu\u00df auf chinesischen Boden gesetzt,\ndreht ihr durch.\u201c &#8211; \u201eJa, zumindest in meinem Fall ist da etwas\nWahres dran.\u201c stimmte Anna ihm unumwunden zu. &#8211; \u201eAn welcher Uni\nm\u00f6chtest Du denn studieren?\u201c lenkte Xiaomins Schwester das\nGespr\u00e4ch wieder in ruhigeres Fahrwasser. \u201eIch habe mich noch nicht\nentschieden. Diesen Sommer will ich hier nochmal einen Sprachkurs an\nder gleichen Uni&nbsp;machen, an der ich letztes Jahr schon war.\nDanach wei\u00df ich wahrscheinlich mehr.\u201c &#8211; \u201eWarum willst Du denn\nweiter Chinesisch lernen? Du kannst doch schon gut sprechen?\u201c\nXiaomin schien sich f\u00fcrs erste gefangen zu haben, seine Skepsis war\njedoch nicht gewichen. \u201eEinfach weil es mich interessiert, mehr\nsteckt nicht dahinter.\u201c versuchte Anna zu erkl\u00e4ren. Nachdenklich\nnahm Xiaomin seine St\u00e4bchen wieder auf. \u201eVerr\u00fcckt&#8230;!\u201c murmelte\ner vor sich hin, w\u00e4hrend er sein E\u00dfsch\u00e4lchen\nauff\u00fcllte.<br>\u201eWas&nbsp;willst Du auf dieser Reise&nbsp;noch\nunternehmen?\u201c wollte Xiaomins Schwester wissen. \u201eMorgen\nVormittag&nbsp;will ich&nbsp;zur Uni fahren, um mich f\u00fcr einen\nSommerkurs einzuschreiben, dann&nbsp;geht es weiter&nbsp;zum\nSommerpalast, der ist von da aus ja nicht mehr&nbsp;weit weg. Und\n\u00fcbermorgen muss ich&nbsp;schon wieder nach Hause fliegen.\u201c &#8211; \u201eGut\ndass Du noch einen Tag da bist. Ich habe n\u00e4mlich ein Geschenk f\u00fcr\nFamilie Wu vorbereitet. Kann ich es Dir morgen Abend im Hotel\nvorbeibringen?\u201c fragte Xiaomin.&nbsp;\u201eGerne, ich melde mich wenn\nich absehen kann, wann ich wieder dorthin zur\u00fcck komme.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Vergissmeinnicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nSchritt\num Schritt war Anna&nbsp;dabei, bei ihrem neuen Arbeitgeber einen\nneuen Weg f\u00fcr sich zu finden. Hatte sie vorher nur f\u00fcr kleine\nFirmen mit weit weniger als hundert Angestellten gearbeitet, so galt\nes jetzt, ihren Platz in einen Gro\u00dfkonzern zu finden, dessen\nMitarbeiterzahl die Einhunderttausend deutlich \u00fcberstieg. Inhaltlich\nunterschied sich ihre neue T\u00e4tigkeit ebenfalls von dem, was sie\nvorher gemacht hatte, auch machte sich der Umstand bemerkbar, dass\naus dem geplanten Jahr China-Aufenthalt zweieinhalb Jahre geworden\nwaren, was in Annas Branche einer Ewigkeit gleich kam.<br>In dieser\nZeit war ihr H\u00e4uschen f\u00fcr Anna ein stiller R\u00fcckzugsort, an dem sie\ndurchatmen und ihre Batterien wieder aufladen konnte. Da sie\nberuflich viel reisen musste, konnte sie&nbsp;meist nur an\nWochenenden oder Urlaubstagen Gebrauch davon machen. Das war der\nPreis, den sie f\u00fcr&nbsp;ihre Wahl,&nbsp;sich in ihrer\nl\u00e4ndlichen&nbsp;Heimat niederzulassen, zu entrichten hatte. Aber\nAnna zahlte ihn gerne. Auf diese Weise konnte sie&nbsp;in ihrem Leben\nbeide Welten&nbsp;verbinden, die Stadt, deren M\u00f6glichkeiten sie \u00fcber\nJahrzehnte hinweg kennen und sch\u00e4tzen gelernt hatte, und ihre neu\nentdeckte Liebe zu dem&nbsp;Land, das&nbsp;sie in ihrer Kindheit\ngepr\u00e4gt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nFeierabend eines sonnigen Fr\u00fchsommertages war angebrochen. Anna\nhatte eine der seltenen Gelegenheiten genutzt, um von ihrem Zuhause\naus zu arbeiten. Tief atmend und schwitzend joggte sie den Weg\nhinauf, der sie in der n\u00e4chsten Stunde durch Wiesen, an Reben vorbei\nund hinein in den Wald f\u00fchren w\u00fcrde. Nach den langen Stunden hinter\ndem PC sp\u00fcrte sie endlich wieder ihren K\u00f6rper, h\u00f6rte Atem und\nPulsschlag, f\u00fchlte ihre Schritte. Noch klebten einige Gedanken an\nBegebenheiten der letzten Stunden in ihrem Sinn, noch war sie nicht\nganz bei sich angekommen.<br>Bewusst richtete sie den Blick nach\nvorne auf den Weg, setzte Fu\u00df vor Fu\u00df. Da!&nbsp;Noch einige\nSchritte entfernt leuchtete etwas aus dem Gras am Wegesrand, machte\nAnna neugierig und zog sie weiter. Beim N\u00e4herkommen sch\u00e4lten sich\nunz\u00e4hlige kleine Bl\u00fcten aus dem sumpfigen Gr\u00fcn, strahlendes\nHimmelblau, mit einem winzigen sonnengelben Stern in der Mitte.<br>\u201eMein\nGott, dieses unglaublich himmelblaue Himmelblau! Die haben ja\nwirklich eine Farbe wie die Vergissmeinnicht, die ich als Kind so\ngerne im Garten gepfl\u00fcckt habe!\u201c schoss es Anna durch den Kopf.\n\u201eDieses himmelblaue Strahlen, das ich unbewusst immer suche, wenn\nich Vergissmeinnicht in G\u00e4rten bl\u00fchen sehe, nur um ein ums andere\nMal entt\u00e4uscht zu werden, das gibt es doch wirklich noch! Da ist\nes!\u201c staunte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\nBisher\nhatte sie sich den unterschwelligen Verdruss, den die\nVergissmeinnicht aus&nbsp;Hausg\u00e4rten bei ihr hinterlie\u00dfen, damit\nerkl\u00e4rt, dass man als Kind Sinneseindr\u00fccke&nbsp;intensiver\nwahrnimmt als im Erwachsenenalter. Aber nein, so konnte das nicht\nstimmen, wurde ihr nun bewusst Denn dieses Himmelblau hier am\nWegesrand, das war wirklich genau so unglaublich himmelblau wie sie\nes in Erinnerung hatte! Verbl\u00fcfft&nbsp;blieb sie einige Augenblicke\nvor den Bl\u00fcten im Gras stehen. \u201eWie kann das sein?\u201c fragte sie\nsich. Sie saugte den Anblick geradezu in sich hinein und konnte sich\nnur schwer wieder losrei\u00dfen.<br>Nachdenklich geworden machte sie\nsich wieder auf den Weg. Konnte es sein, gr\u00fcbelte es in ihr weiter,\ndass die Vergissmeinnicht im Garten der Eltern keine gez\u00fcchteten\nSorten gewesen waren, sondern wilde Vergissmeinnicht, genau wie die\nam Wegesrand eben? Sie erinnerte sich, dass es im Garten damals\neinige Wiesenflecken gegeben hatte, die nur ein oder zweimal im Jahr\nmit der Sense gem\u00e4ht wurden und ansonsten wachsen konnten wie sie\nwollten. Gut m\u00f6glich also. Offensichtlich hatte sie als Kind den\nUnterschied zwischen den wilden und den gez\u00fcchteten Sorten ganz\ngenau wahrgenommen, staunte sie, w\u00e4hrend sie weiter Fu\u00df vor Fu\u00df\nsetze.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\nsie etwas sp\u00e4ter im Wald angekommen war, begann der Weg eben zu\nverlaufen. Ihre Schritte wurden leichter und sie fing an, jeden\neinzelnen von ihnen auszukosten w\u00e4hrend sie tief durchatmete.<br>\u201eWie\ntreffend genau Kindheitserinnerungen doch sind&#8230; wild und\nstrahlend&#8230; ja, so sind sie wirklich, auch jetzt noch!\u201c Die\nVergissmeinnicht schienen ihrem Namen alle Ehre machen zu wollen,\ndenn Anna gelang es nicht, ihnen davon zu joggen.<br>\u201eJa, treffend\ngenau habe ich gesehen, geh\u00f6rt, gef\u00fchlt und geschmeckt als Kind,\nnichts ist vergessen, nichts&#8230; nicht die Farbe wilder\nVergissmeinnicht, nicht die verzweifelten Tr\u00e4nen, die Rutenschl\u00e4ge,\ndie Schreie und Schmerzen, nicht das Verlassen werden, die L\u00fcgen und\nnicht die Bitterkeit des Verrats&#8230;\u201c Abrupt bleib Anna stehen,\nmitten auf dem Waldweg.<br>Wie konnte es sein, dass ein hellwaches,\nempfindsames kleines Menschenwesen, dem man nicht einmal bei der\nFarbe von Vergissmeinnicht etwas vormachen konnte, dieses alles\nf\u00fchlen und erleben konnte &#8230;und \u00fcberlebte? \u201eWie habe ich das\ndurchgestanden?\u201c fragte sie sich, w\u00e4hrend sie sich langsam und nun\nv\u00f6llig geistesabwesend wieder in Bewegung setze, um nicht unangenehm\nauszuk\u00fchlen.<br>Um sie herum begannen Wald, frische Luft und\nVogelgesang unbeachtet vorbei zu ziehen, denn Schritt f\u00fcr Schritt\ntrug es sie weiter zur\u00fcck in die Zeit, in der jenes hellwache,\nempfindsame kleine Menschenwesen hatte lernen m\u00fcssen, wie man sich\nsch\u00fctzt wenn man nicht fliehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDamals\ngab es in der Nachbarschaft ein M\u00e4dchen, das ein oder zwei Jahre\nj\u00fcnger war als Anna. Die beiden waren keine dicken Freundinnen, aber\nab und zu spielten sie bei Katja daheim, da Katja nie zu anderen\nKindern mit nach Hause durfte. In ihrem Elternhaus wurde alles\npingelig in Ordnung gehalten, nichts durfte man anfassen und nirgends\ndurfte man herum springen, normalerweise auch nicht auf dem\nRasen.<br>Bei einem dieser Spielbesuche kam Katja ans Gartentor und\nhielt stolz ein seltsames Tier in den H\u00e4nden. So eins hatte Anna bis\ndahin noch nie gesehen. Aus einem harten, mit&nbsp;braun gr\u00fcnen\nFeldern bedeckten Panzer lugten ledrige Stummelbeine hervor und\nruderten hilflos in der Luft herum. Vorne an dem Tier gab es noch\neinen weiteren braun gr\u00fcnen Lederstummel mit Augen und Maul, das\nmussten wohl Hals und Kopf des Tiers sein. Katja platzte fast vor\nStolz, als sie Anna ihre neue Schildkr\u00f6te unter die Nase hielt. Anna\ntraute sich zun\u00e4chst nicht, das Tier anzufassen und Katja\nlachte.<br>Ausnahmsweise durften die beiden den Rasen betreten, wo\nein kleines niedriges Gehege f\u00fcr die Schildkr\u00f6te aufgebaut war.\nKatja setzte sie hinein und das Tier, nun wieder Bodenhaftung\nsp\u00fcrend, begann bed\u00e4chtig sein Gehege zu erkunden. Beide sa\u00dfen\neine Weile um das Gehege herum und sahen zu wie sich die Schildkr\u00f6te\ndurch das Gras schob. Irgendwann wurde es Katja zu langweilig, und\nsie begann, mit dem Fingerkn\u00f6chel auf den Panzer der Schildkr\u00f6te zu\nklopfen. Das lie\u00df die Schildkr\u00f6te v\u00f6llig kalt, sie krabbelte\neinfach weiter. Katjas Klopfen wurde kr\u00e4ftiger und als w\u00e4re das\nnoch nicht genug, ging sie unvermittelt dazu \u00fcber, mit der vollen\nKraft ihrer flachen Hand auf den Panzer der Schildkr\u00f6te\neinzuschlagen dass es nur so klatschte. Aber das&nbsp;terrorisierte\nTier wusste sich zu helfen. Erschrocken&nbsp;zog es den Kopf ein, bis\ner v\u00f6llig im Panzer verschwunden war und auch die F\u00fc\u00dfe\nverschwanden, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war. Dann lag die\nSchildkr\u00f6te v\u00f6llig still und reglos im Gras, wie tot. Katja und\nAnna konnten tun und lassen was sie wollten, das Tier reagierte auf\nnichts und zeigte keinerlei Regungen mehr. Irgendwann verloren die\nbeiden das Interesse an dem zum \u201eDing\u201c gewordenen Lebewesen und\nsuchten sich einen anderen Zeitvertreib.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eJa,\nso war\u2019s&#8230;\u201c ging es Anna durch den Sinn, w\u00e4hrend sie langsam\nwieder in den Wald zur\u00fcckfand, die frische Luft wieder zu riechen,\ndas Bl\u00e4tterdach zu sehen und den Vogelgesang zu h\u00f6ren begann.<br>Das\nhellwache, empfindsame kleine Menschenwesen konnte nicht fliehen,\naber es konnte auch nicht so \u00fcberleben wie die Natur es geschaffen\nhatte. Nicht in diesem Haus, in dem es ausharren musste bis es gro\u00df\ngenug war um das Weite zu suchen. Also begann es langsam einen Panzer\nauszubilden, der mit der Zeit immer zuverl\u00e4ssiger vor Schmerzen\nsch\u00fctzte und Empfindungen und Erinnerungen fest in sich einlagerte.\nDas einst hellwache, empfindsame Menschenwesen wurde hart. Hart nach\nau\u00dfen, vor allem aber hart zu sich selbst, krabbelte Jahre sp\u00e4ter\nein seelisch gepanzertes Wesen hinaus in die Welt, gen\u00fcgsam und hart\nim Nehmen wie eine Schildkr\u00f6te.<\/p>\n\n\n\n<p>\nLangsam\nn\u00e4herte Anna sich der Wegbiegung, hinter der ihre Runde sie \u00fcber\neine Bergflanke hinauf zum Scheitelpunkt der Strecke f\u00fchren w\u00fcrde.\n\u201eMein Gott, wie viel Kraft das alles gekostet hat!\u201c schoss es ihr\ndurch den Kopf, w\u00e4hrend sie sich innerlich f\u00fcr den Anstieg\nwappnete. \u201eEin Pappenstiel, diese Bergflanke hier, ein Pappenstiel\ngegen das, was die Panzerh\u00e4rte an Kraft gekostet hat, Tag f\u00fcr Tag,\nJahrzehnt um Jahrzehnt&#8230; Ein st\u00e4ndiger innerer Blutverlust,\nunbemerkt, ganz anders als das Schnaufen und Schwitzen an diesem\nBerghang hier\u201c. Damals w\u00e4re es wohl immer weiter so gegangen,\nwurde ihr klar, weiter und weiter, bis ihr die Kraft ausgegangen\nw\u00e4re.<br>Und selbst dann h\u00e4tte sie nicht verstanden was los war mit\nihr, wenn ihr nicht Tage nach dem Tod ihrer Mutter jenes Foto in die\nH\u00e4nde gefallen w\u00e4re. Ihre Mutter hatte es zwischen den wenigen\nprivaten Briefen aufbewahrt, die Anna auf der Suche nach dem\nFamilienstammbuch zwischen ihren Sachen gefunden hatte.<br>Es war ein\nHochzeitsfoto ihrer Eltern, eine schwarzwei\u00df vergilbte Nahaufnahme\nim Freien, im Hintergrund das damals noch neue Haus, in dem Anna\nsp\u00e4ter ihre Kindheit verbringen sollte. F\u00fcr beide war es ihre\nzweite Ehe gewesen, sie sahen erkennbar \u00e4lter aus als die meisten\nBrautpaare auf ihren Hochzeitsfotos. Aber auf diesem Foto sah man\nAnnas Mutter ihr Alter nicht an. Sie hatte ihrem Zuk\u00fcnftigen den\nKopf zugewandt und strahlte ihn gl\u00fccklich lachend von der Seite\nan&#8230; ganz offensichtlich schwer verliebt. Und er? Er schaute\ngeradeaus in die Kamera, verlegen und verkrampft, als wollte er sich\nim Objektiv verkriechen.<br>\u201eVerliebtheit heiratet Verlogenheit&#8230;\u201c\nsinnierte Anna lakonisch, w\u00e4hrend sie sich die Bergflanke\nhinaufarbeite. \u201eEs war ihm&nbsp;wohl bewusst, um was er sie\nbetrog&#8230;\u201c<br>Damals hatte Anna wie hypnotisiert mit dem Foto in\nder Hand dagesessen, ungl\u00e4ubig, fasziniert, wehrlos, w\u00e4hrend das\ngl\u00fccklich verliebte Lachen ihrer Mutter in sie hinein sank, tiefer\nund tiefer&#8230; und pl\u00f6tzlich hatte sie bemerkt, wie tief drinnen in\nihr etwas riss. Sie konnte es k\u00f6rperlich sp\u00fcren und wusste im\nselben Augenblick, dass soeben etwas unwiderruflich zerbrochen\nwar.<br>So lange sie auch auf das Foto schaute, gl\u00fcckliches Lachen\nund ihre Mutter, das konnte und konnte sie nicht in Eins\nzusammenbringen. Bis in ihre aller fr\u00fchesten Kindheitserinnerungen\nhinein gab es keinerlei Verbindung zwischen Gl\u00fcck, Lachen, Liebe und\nihrer Mutter. Sie kannte sie nur als schwer depressive Frau, die sich\nsoweit es ging von Allen und aus Allem zur\u00fcckzog. Aber da auf dem\nFoto, da lachte sie wirklich, war verliebt und strahlte voller\nLeben&#8230; Damals begann Anna zu ahnen, dass sie erst am Anfang eines\nlangen schmerzhaften Weges des Verstehens stand.<\/p>\n\n\n\n<p>\nWie&nbsp;mechanisch\nwar Anna&nbsp;mittlerweile die Bergflanke hinaufgelaufen. \u201eGeistige\nAbwesenheit hat manchmal auch etwas Gutes\u201c, dachte sie, w\u00e4hrend\ndie am Scheitelpunkt der Strecke stehenden Buchen langsam in Sicht\nkamen. Sie hatte nicht bemerkt, wie sie den Anstieg \u00fcberwunden\nhatte, war nun aber ziemlich aus der Puste und ihr K\u00f6rper zwang sie,\nihm die Aufmerksamkeit zu schenken, die ihm geb\u00fchrte. Sie drosselte\nihr Tempo, noch ein paar Meter, dann hatte sie es geschafft. Ab hier\nverlief die Strecke nur noch eben oder bergab.<br>Nach dem Tod ihrer\nMutter, die ihren Vater nur kurze Zeit&nbsp;\u00fcberlebt hatte,\nhatte&nbsp;Anna in gr\u00f6\u00dferen Zeitabst\u00e4nden wiederholt Anlauf\ngenommen, um sich durch den Riesenberg papiernen Giftm\u00fclls, der in\ndem alten Haus auf sie wartete, hindurch zu w\u00fchlen. W\u00e4hrend ihre\nMutter nur zwei, drei kleine Packen hinterlassen hatte, schien der\nVater beinah jedes St\u00fcck Papier, das er jemals in H\u00e4nden gehalten\nhatte, des Aufbewahrens f\u00fcr wert befunden&nbsp;zu haben. Es war eine\nqu\u00e4lende, bleiern dr\u00fcckende Sisyphusaufgabe, die Spreu vom Weizen\nzu trennen, denn Anna schaffte es nicht, etwas einfach unbesehen\nwegzuwerfen. Entsprechend langsam kam sie voran und zwischen den\neinzelnen Anl\u00e4ufen vergingen manchmal Jahre, in denen sie alles\nliegen lie\u00df.<br>Und dennoch. Irgendwann im Laufe des vergangenen\nWinters, als Anna wieder einmal missmutig und frustriert zwischen\nverstaubten Papierstapeln, Kisten und Kartons herum gekramt hatte,\nkam es ihr unvermittelt so vor, als w\u00fcrde ihr das Wegwerfen leichter\nfallen. Erst wanderten nur einzelne Dokumente unbesehen in die\nEntsorgungskartons, dann kleine Stapel, gr\u00f6\u00dfere, dann ganze Packen.\nSie hatte nicht mehr geglaubt, diesen Punkt jemals zu erreichen, aber\nlangsam begann sie zu begreifen. Sie konnte noch Jahre damit\nverbringen, sich durch das l\u00e4ngst vergangene Leben ihrer Eltern und\nall jener, mit denen sie in Kontakt gestanden hatten, hindurch zu\nw\u00fchlen. Aber finden w\u00fcrde sie nichts. Nichts, das es wert war, ihre\nLebenskraft darauf zu verschwenden, nichts das \u00fcberhaupt irgend\neinen Wert f\u00fcr sie haben w\u00fcrde, nichts, nichts, nichts!<\/p>\n\n\n\n<p>\nImmer\nschneller wanderte das Papier nun in die Entsorgungskartons und&nbsp;Anna\nertappte sich dabei, wie sie ungeduldig auf den Abend wartete, bevor\ndie gr\u00fcnen Papierm\u00fclltonnen in ihrer Stra\u00dfe geleert wurden.\nNachdem es endlich dunkel geworden war, nahm Anna Karton um Karton,\nging hinunter in die winterkalte Stra\u00dfe und stopfte ihre eigene und\ndie Tonnen der Nachbarn, in denen noch Platz war, voll bis sie die\nDeckel kaum noch zudr\u00fccken konnte.<br>Am n\u00e4chsten Morgen kam dann\ndas Allerbeste. In der Stra\u00dfe h\u00f6rte man die M\u00fcllabfuhr schon von\nweitem kommen und im Winter verlangsamten Eis und Schnee den Ablauf\noft zus\u00e4tzlich. Kaum war das erste Tonnenklappern in der Ferne\nwahrnehmbar, hing Anna am Fester und sah zu, wie sich der Wagen durch\ndie H\u00e4userreihe arbeitete, wie der M\u00fcllmann die Tonnen zurecht\nschob und der st\u00e4hlerne Greifarm sie packte um den Inhalt in die\nF\u00fcll\u00f6ffnung des M\u00fcllwagens zu kippen.<br>Da, die erste der Tonnen,\ndie Anna gestern Abend bef\u00fcllt hatte. Dann noch eine, noch eine und\nnoch eine. W\u00e4hrend sie das Schauspiel beobachtete sp\u00fcrte sie, wie\nsich in ihr Freir\u00e4ume zu \u00f6ffnen begannen, wie etwas langsam weit\nund weiter wurde, das vorher eng verschn\u00fcrt war. Manchmal liefen\nTr\u00e4nen der Erleichterung ihre Wangen hinab und Anna musste tief\ndurchatmen um ihren Blick zu kl\u00e4ren. Denn es tat so gut zuzusehen.\nAm Ende dann Motorengeheul, der M\u00fcllmann sprang auf den Tritt am\nhinteren Ende des Fahrzeugs und der M\u00fcllwagen schob sich hinaus aus\nder Stra\u00dfe, alles mitnehmend, nicht nur das Papier.<br>Es hatte\nmehrere solcher M\u00fcllabfuhren gebraucht, bis das alte Haus endlich\nbefreit war von der Last einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnnas\nLaufrunde ging ihrem Ende entgegen und f\u00fchrte sie zur\u00fcck zu der\nStelle mit den Vergissmeinnicht.&nbsp;Sie konnte es kaum erwarten,\ndie kleinen Wunder wieder zu sehen. Erneut blieb sie bei ihnen stehen\nund lie\u00df sich von ihren winzigen goldenen Sonnensternen aus dem\nunglaublichen Himmelblau anstrahlen.<br>Nein, nichts ist vergessen,\ndachte sie, nichts&#8230; und l\u00e4chelte zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Zeitschock<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nEs\nklingelte. Seit Tagen hatte Anna sich auf Karlas Besuch gefreut. Nach\nder R\u00fcckkehr aus China hatte es unz\u00e4hlige Erlebnisse und\nSituationen gegeben, \u00fcber die sie sich in ihrer neuen alten Heimat\nmit keinem hatte austauschen k\u00f6nnen. Von gelegent\u00adlichen\nUrlaubsreisen abgesehen hatte niemand sich jemals auf l\u00e4ngere\nAufenthalte in einer nicht-westlichen Kultur eingelassen. Man h\u00f6rte\nneugierig zu, wenn Anna von ihren Erlebnissen erz\u00e4hlte, aber au\u00dfer\nTante Sofia brachte kaum jemand ein Interesse auf, das \u00fcber blo\u00dfes\nKratzen an der exotischen Lackschicht des \u00e4u\u00dferen Anscheins hinaus\nging.<br>Karla hatte Anna bei einem geselligen Abend mit anderen\nWestlern w\u00e4hrend der letzten Monate in China kennen gelernt. Schnell\nhatte sich herausgestellt, dass beide fast im gleichen Alter waren.\nKarla absolvierte damals ein Praktikum in einem chinesischen\nKrankenhaus, was Teil eines interdisziplin\u00e4ren Studiengangs war, den\nsie an einer deutschen Uni belegt hatte. Beide hatten schon eine\nl\u00e4ngere Zeit der Berufst\u00e4tigkeit hinter sich und waren dabei, ihrem\nLeben eine v\u00f6llig neue Richtung zu geben. Da tat der gegenseitige\nAustausch gut und schnell war eine lockere Freundschaft entstanden.\nDer Zufall wollte es, dass Karla ihre R\u00fcckkehr nach Deutschland fast\nauf den Tag genau zur gleichen Zeit eingeplant hatte wie Anna und\nnach der R\u00fcckkehr war der Kontakt zwischen den beiden nicht\nabgerissen.<\/p>\n\n\n\n<p>\n&#8222;Komm\nrein, hier drinnen ist es nicht so hei\u00df! Wie war Deine Fahrt?\u201c &#8211;\n\u201ePuh! Das Auto war die reinste Sauna&#8230; und dann gab es wegen eines\nUnfalls auch noch einen Stau auf der Autobahn, da wurde ich in der\nBlechb\u00fcchse erst recht gebraten.\u201c Karla beeilte sich, aus der\nbr\u00fctenden Nachmittagshitze in die angenehme K\u00fchle hinein zu\nhuschen, die in Annas H\u00e4uschen herrschte. \u201eSchau, hier kannst Du\nDich frisch machen und erst mal ausruhen.\u201c erkl\u00e4rte Anna, w\u00e4hrend\nsie Karla durch den Flur f\u00fchrte. \u201eDie Schlossf\u00fchrung machen wir\nbesser erst heute Abend. Bis dahin muss ich die L\u00e4den sowieso\ngeschlossen halten, damit das Haus sich nicht zu sehr aufheizt. Ich\nstell&#8216; Dir noch was zum Trinken ins Zimmer. Meld&#8216; Dich dann, wenn Dir\nirgendwann danach ist.\u201c<br>Als die Hitze auch sp\u00e4ter kaum\nnachlie\u00df, beschlossen die beiden, zu einer kleinen Abend\u00adwan\u00adde\u00adrung\nins k\u00fchlere Gebirge hinauf zu fahren.<br>Als Ausgangspunkt hatte\nAnna eine Anh\u00f6he gew\u00e4hlt, von der aus man einen beeindruckenden\nPanoramablick \u00fcber das gesamte Umland hatte. Eine ganze Weile\nstanden sie schweigend beisammen, genossen die K\u00fchle des hier sanft\nf\u00e4chelnden Abendwindes und lie\u00dfen ihre Blicke schweifen.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eWar\nes nicht in diesem Teehaus in Peking, wo wir uns das letzte Mal\ngesehen haben?\u201c fragte Karla dann. \u201eJa, das war fast auf den Tag\ngenau vor einem Jahr.\u201c best\u00e4tigte Anna. \u201eIch hatte Geburtstag\nund Du hattest nichts Besseres zu tun als der Inhaberin das mit zu\nteilen.\u201c &#8211; \u201eKlar! Sonst h\u00e4tte sie die Kalligrafie ja nicht f\u00fcr\nDich gemalt, die jetzt in Deinem Flur h\u00e4ngt.\u201c grinste Karla\nschelmisch.<br>\u201eDas stimmt wohl&#8230;\u201c Annas Gedanken schweiften\nweiter. \u201eIst es nicht ein seltsames Gef\u00fchl, hier zu stehen, \u00fcber\ndiese Landschaft zu schauen und pl\u00f6tzlich ist man innerlich wieder\nin China? In den ersten Wochen nach meiner R\u00fcckkehr war mir st\u00e4ndig\nso, als w\u00fcrde ich in zwei Welten leben. Mein K\u00f6rper lief hier in\nmeiner neuen alten Heimat herum, aber meine Gedanken irrten irgendwo\nin achttausend Kilometern Entfernung durch die Gegend&#8230;\u201c &#8211; \u201eJa,\nso etwas kenne ich von der R\u00fcckkehr nach meinem ersten l\u00e4ngeren\nAufenthalt auch. Aber das ist schon einige Jahre her\u201c erwiderte\nKarla. \u201eNach meiner letzten R\u00fcckkehr war ich jedoch schnell wieder\ndrin in meinem Uni-Alltag. Ich wusste ja, was mich erwarten w\u00fcrde:\nVorlesungen, Hausarbeiten schreiben und das Lernen auf die\nMasterpr\u00fcfungen. Es hat sich f\u00fcr mich nur das Studentenzimmer\nge\u00e4ndert, in das ich eingezogen bin.\u201c<br>\u201eWie sind Deine\nPr\u00fcfungen eigentlich gelaufen?\u201c &#8211; \u201eDie sind prima gelaufen, bin\nzufrieden! Bis auf eine Eins-Minus in Wirtschaftsmathematik alles\nglatte Einsen!\u201c Karla l\u00e4chelte zufrieden. \u201eAuch ein Thema f\u00fcr\nmeine Masterarbeit habe ich schon. Da kann ich gleich weiter\nverwerten, was ich w\u00e4hrend meines Praktikums gelernt habe. Aber\njetzt mach&#8216; ich erst mal ein paar Wochen Urlaub, bevor ich damit\nloslege.\u201c<br>Anna bewunderte Karla f\u00fcr die Disziplin und\nKonsequenz, mit der sie ihre Pl\u00e4ne verfolgte. W\u00e4hrend sie selbst\nihre letzten Wochen in China und die ganzen ersten Monate in\nDeutschland nur wie eine Blinde tastend und stochernd voran gekommen\nwar, war Karla zielstrebig von Etappe zu Etappe marschiert und wusste\ngenau, wo sie hin wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\n&#8222;Komm,\nlass uns mal eine Runde laufen, dann k\u00f6nnen wir gerade zum\nSonnenuntergang wieder hier sein.\u201c &#8211; \u201eKlingt gut!\u201c meinte Karla\nund die beiden setzten sich in Richtung des nahen Bergwaldes in\nBewegung.<br>\u201eJa, im Gegensatz zu Dir ist es mir unerwartet schwer\ngefallen, mich hier einzuleben. Manchmal war ich richtig verwirrt und\nhatte sogar Schwierigkeiten, mich r\u00e4umlich zu orientieren.\u201c fuhr\nAnna nach einer Weile fort. Karla schaute verwundert zu Anna hin\u00fcber.\n\u201eWas war denn da los mit Dir?\u201c &#8211; \u201eDas habe ich auch lange nicht\nkapiert. Mir passierten seltsame Sachen, die mich total durcheinander\nbrachten&#8230;\u201c &#8211; \u201eKlingt gar nicht gesund&#8230; was denn zum\nBeispiel?\u201c &#8211; \u201eGanz am Anfang, als ich noch kein Auto hatte,\nwollte ich in der Stadt zum Beispiel mal zu Fu\u00df vom Bahnhof r\u00fcber\nzu dem Aldi-Markt im Gewerbegebiet gehen. Das Gewerbe\u00adgebiet war\nw\u00e4hrend der letzten zehn Jahren irgendwann neu erschlossen worden,\nso dass ich den Weg dahin noch nicht kannte. Im Zug kam ich mit einer\nFrau ins Gespr\u00e4ch, die mir den Fu\u00dfweg vom Bahnhof zum Aldi genau\nbeschreiben konnte. Also marschierte ich am Bahnhof dann in der\nfesten \u00dcberzeugung los, den Weg zu kennen. Nach einiger Zeit merkte\nich aber, dass ich dabei war, das gro\u00dfe Fabrikareal zu umrunden, das\nzwischen Bahnhof und Gewerbegebiet liegt und wurde stutzig. Die\nFabrik h\u00e4tte ich eigentlich links liegen lassen m\u00fcssen, aber nun\nschob sich der Komplex zu meiner Rechten immer mehr zwischen mich und\nden Ort, an dem der Aldi-Markt liegen musste.<br>Pl\u00f6tzlich passte\nnichts mehr zusammen, zur\u00fcck gehen wollte ich aber auch nicht mehr\nund erreichte den Aldi-Markt schlie\u00dflich auf einem riesigen Umweg.\nDer Umweg war aber nicht das Schlimme an dieser Sache. Was mir\nhingegen richtig Sorgen machte war, dass ich mir keinerlei Reim\ndarauf machen konnte, warum und wo ich in die falsche Richtung\nabgebogen war. Im Gegenteil, ich war \u00fcberzeugt, alles richtig\ngemacht zu haben, und doch&#8230; Wie konnte das sein?W\u00e4hrend meiner\nSchulzeit war ich doch neun Jahre lang von diesem Bahnhof aus zur\nSchule gegangen. Gut, man hatte in der Zwischenzeit das alte\nBahnhofsgeb\u00e4ude durch ein neues ersetzt, Stra\u00dfen- und Schienenwege\nwaren ausgebaut und anders verlegt worden und auf den nahe gelegenen\nFeldern war das neue Gewerbegebiet entstanden. Aber das gro\u00dfe\nFabrik\u00adgel\u00e4nde hatte es zu meiner Schulzeit schon gegeben, das\nan den Bahnhof angrenzende Stadtviertel hatte sich kaum ver\u00e4ndert\nund nat\u00fcrlich war das alles umfassende Panorama der Landschaft das\ngleiche geblieben. Au\u00dferdem, in China hatte ich doch auch keine\nProbleme gehabt, mich in v\u00f6llig unbekannten Gegenden anhand von\nWegbeschreibungen und Karten zurecht zu finden. Wie konnte es sein,\ndass ich hier, in meiner alten Heimat, einen so kurzen Weg nicht\nfinden konnte?<\/p>\n\n\n\n<p>\nZuf\u00e4llig\nhabe ich die Frau bei einer weiteren Bahnfahrt dann noch mal\ngetroffen. Ich erz\u00e4hlte ihr mein Missgeschick. Sie hat sich\nnat\u00fcrlich ein bisschen am\u00fcsiert dar\u00fcber, mir den Weg aber dann\nnoch mal erkl\u00e4rt. Am Bahnhof angekommen machte ich mich wieder in\nder Richtung auf den Weg, die sie mir beschrieben hatte. Zumindest\nglaubte ich das. Diesmal merkte ich aber bald, dass es auf die\ngleiche falsche Route hinauslief wie vorher. Und wieder verstand ich\nnicht warum. Beunruhigt bin ich umgekehrt und zur\u00fcck zum\nBahnhof.<br>Derweil hatte die Frau hinter mir her gesehen und\nabgewartet, was passieren w\u00fcrde. Als ich wieder auf sie zuging,\nkonnte sie kaum verbergen, dass sie an meiner Zurechnungsf\u00e4higkeit\nzu zweifeln begann. Aber sie war wohl ein geduldiger Mensch und bot\nmir an, mich zu begleiten, bis wir den Aldi-Markt sehen konnten.\nDankbar nahm ich ihr Angebot an, woraufhin sie in der entgegen\ngesetzten Richtung losmarschierte, die ich vorher eingeschlagen\nhatte. Mir war das nat\u00fcrlich alles ziemlich peinlich&#8230; Ungl\u00e4ubig\nund erleichtert zugleich bin ich neben ihr hergelaufen und schon zwei\nEcken weiter sahen wir in einiger Entfernung den Aldi-Markt vor uns\nliegen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eOh\nje, da warst Du ja wirklich v\u00f6llig durch den Wind&#8230;\u201c bemerkte\nKarla. \u201eBei unseren Telefonaten ist mir damals wohl aufgefallen,\ndass Du mit Deiner Situation zu k\u00e4mpfen hattest. Aber ehrlich gesagt\nkonnte ich mir keinen rechten Reim darauf machen. Ich wusste ja, dass\nDu davor schon mehr als einmal zwischen China und Deutschland\ngependelt warst, wunderte mich und dachte, was hat Anna nur?\nKulturschock hin, Eigenkulturschock her, eigentlich m\u00fcsste das alles\ndoch auch f\u00fcr sie von Mal zu Mal leichter werden? Bei mir war&#8217;s ja\nschlie\u00dflich auch nicht anders?\u201c In Karlas Worten schwang Besorgnis\nmit.<br>\u201eWei\u00dft Du, selbst wenn Du mich direkt danach gefragt\nh\u00e4ttest, damals h\u00e4tte ich auch keine Antwort gewusst. Erst diese\nGeschichte mit dem Aldi-Markt hat mir die Augen daf\u00fcr ge\u00f6ffnet,\nwarum es ausgerechnet hier, in meiner alten Heimat, so schwer f\u00fcr\nmich war, in Deutschland neu anzufangen. Dabei hatte ich genau das\nGegenteil erwartet.<br>Mit der Frau am Bahnhof bin ich anschlie\u00dfend\nnoch ein bisschen ins Gespr\u00e4ch gekommen, bevor jede von uns wieder\nihrer Wege ging. Sie war wirklich ein Gl\u00fccksfall f\u00fcr mich, denn sie\nerinnerte sich genau an den alten Bahnhof mitsamt der Stra\u00dfen- und\nSchienenf\u00fchrung, die ich als Sch\u00fclerin gekannt hatte. Als\nBerufspendlerin hat sie die gesamte Umbauphase miterlebt und konnte\nmir beschreiben, welche Ver\u00e4nderungen vorgenommen worden waren. Erst\nals ich versucht habe, diese Ver\u00e4nderungen so nachzuvollziehen, wie\nsie sie mir beschrieb, begann mir zu d\u00e4mmern, dass da so etwas wie\neine uralte Landkarte tief in mir vergraben war. Die lenkte die ganze\nZeit \u00fcber unbemerkt meine Schritte und wiegte mich in der Sicherheit\ndes Wohlvertrauten. Zu dumm nur, dass die alte Karte die Wirklichkeit\nschon seit Jahrzehnten nicht mehr richtig abbildete&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eWie\nlange warst Du denn \u00fcberhaupt weg gewesen von hier?\u201c fragte Karla.\n\u201eOh, das waren \u00fcber zwanzig Jahre&#8230; nur hatte ich mir bis zu\njener Suche nach dem Aldi-Markt nie bewusst gemacht, was zwanzig\nJahre Zeitverschiebung bedeuten k\u00f6nnen. Bei gelegentlichen\nHeimatbesuchen hab&#8216; ich wohl die eine oder andere Ver\u00e4nderung\nwahr\u00adgenommen, aber meine inneren Karten waren offensichtlich\ntrotzdem nie auf Stand gebracht worden. Au\u00dferdem hatte ich anfangs\nden Kopf noch so voll von Eindr\u00fccken aus China, da ist mir v\u00f6llig\nentgangen, wie fremd mir meine alte Heimat geworden war.\u201c &#8211; \u201eDas\nist eben nicht so eine offen zu Tage tretende Fremdheit, wie sie\neinen in China auf Schritt und Tritt anspringt.\u201c bemerkte Karla.\n\u201eJa, da hast Du recht. Es ist eher eine, die sich regelrecht mit\ndem maskiert, was noch unver\u00e4ndert gebliebenen ist. Man f\u00e4llt auf\ndie wohlvertraute Maske rein, schaltet unbek\u00fcmmert auf Autopilot und\nschon ist man dabei, sich anhand seiner alten Karten steuern zu\nlassen. Bis man irgendwann merkt, dass man immer woanders rauskommt\nals da, wo man hin wollte&#8230; verschaukelt so zu sagen.\u201c Anna\nkicherte. \u201eHeute kann ich dar\u00fcber lachen, aber damals hatte ich\nzeitweise das Gef\u00fchl, \u00fcber schwan\u00adkenden Boden zu gehen. Das\nist nicht sehr angenehm, glaub mir.\u201c<br>\u201eLangsam verstehe ich\nDich etwas besser.\u201c sagte Karla, nachdenklich geworden. \u201eBesser\nmit wachem Verstand in unbekanntem Gel\u00e4nde unterwegs&#8230; Oh Schreck!\u201c\nAbrupt blieb Karla stehen. \u201eApropos wacher Verstand und unbekanntes\nGel\u00e4nde&#8230; Bist Du sicher, dass Du nachher den Weg zur\u00fcck zum Auto\nwieder findest?\u201c fragte sie mit einem sp\u00f6ttischen L\u00e4cheln. \u201eAber\nsicher, liebe Karla. Dies hier ist doch meine alte Heimat, da kenne\nich mich aus!\u201c Anna spielte die Emp\u00f6rte. \u201eOh je, das ist ja noch\nschlimmer! Worauf hab&#8216; ich mich da nur eingelassen!?\u201c &#8211; \u201eDas\nwirst Du schon sehen&#8230; So ein kleiner Schu\u00df Abenteuer tut Dir\nsicher auch mal gut!\u201c kicherte Anna w\u00e4hrend die beiden sich wieder\nin Bewegung setzten.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eSag\nmal, wie haben denn die Leute aus dem Dorf auf Dich reagiert, als sie\ngemerkt haben, dass Du auf Dauer zur\u00fcckgekehrt bist?\u201c nahm Karla\nnach einiger Zeit den Faden wieder auf. \u201eEs gibt erstaunlich viele\nLeute, die mich wieder erkannten, viel mehr sogar als umgekehrt. Das\nsind manchmal ganz schr\u00e4ge Momente, wenn jemand mich so freundlich\nerwartungsvoll anschaut und hofft, dass auch ich mich daran erinnere,\nwer da vor mir steht, ich mir aber beim besten Willen nicht mehr\nzusammenreimen kann, wer das ist. Am besten bin ich bisher damit\ngefahren, dann direkt nachzuhaken und zumindest ein kurzes Gespr\u00e4ch\nin Gang zu bringen.\u201c &#8211; \u201eDas ist bestimmt nicht verkehrt\u201c meinte\nKarla. \u201eZumal auf dem Dorf, wo letztlich alle einander kennen. Wenn\nDu da mal falsch reagierst, hast Du&#8217;s Dir gleich mit wer wei\u00df wie\nvielen andern Leuten zus\u00e4tzlich verdorben. Gab es \u00fcberhaupt alte\nFreundschaften von ganz fr\u00fcher, an die Du ankn\u00fcpfen konntest?\u201c &#8211;\n\u201eBisher hat sich nur an eine alte Freundschaft aus der Schulzeit\nankn\u00fcpfen lassen. Und davon abgesehen muss ich wohl Geduld\nmitbringen und schauen, was sich in Zukunft entwickelt. Aber das ist\nimmerhin etwas, mit dem ich von vorne herein gerechnet hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nIhr\nWeg hatte die beiden inzwischen wieder aus dem Wald heraus zu einem\nweiteren Aussichtspunkt gef\u00fchrt. Vor hier aus konnten sie \u00fcber mit\nWeidefl\u00e4chen bedeckte Bergh\u00e4nge hinweg bis zu der Stelle zur\u00fcck\nschauen, an der Annas Auto auf sie wartete. \u201eDa schau! Unser Auto!\nMein Gott, bin ich jetzt aber froh!\u201c theatralisch schlug Anna sich\nmit der Hand auf die Brust. \u201eNa, da habe ich heute aber verdammtes\nGl\u00fcck gehabt.\u201c Karla zwinkerte verschmitzt. \u201eAuf dem R\u00fcckweg\ngeht es jetzt \u00fcber die Wiesen dort vorne, das ist k\u00fcrzer als der\nWeg, den wir her gekommen sind.\u201c erkl\u00e4rte Anna, w\u00e4hrend sie\nweiter gingen. \u201eWei\u00dft Du, ich erlebe dieses Dorf jetzt v\u00f6llig\nanders als fr\u00fcher.\u201c fuhr sie dann fort \u201eSeitdem ich endlich\nkapiert habe, wie fremd es mir geworden ist, finde ich es\nfaszinierend, es neu f\u00fcr mich zu entdecken. Manchmal f\u00fchle ich mich\ndabei wie eine Touristin. Und immer wieder passieren Sachen wie die\nmit dem Elektriker neulich.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDen\nmusste ich bestellen, weil die alte Klingel ihren Geist aufgegeben\nhatte. Er ist der Sohn des alten Elektrikers aus dem Haus schr\u00e4g\ngegen\u00fcber und ich wusste nat\u00fcrlich, dass der Alte seinen Betrieb an\nseinen Sohn \u00fcbergeben hat. Aber keiner der M\u00e4nner, die schr\u00e4g\ngegen\u00fcber manchmal in Elektrikerkluft \u00fcber den Hof liefen, kam mir\nbekannt vor. Ich hatte den Sohn als d\u00fcnnen, schmalgesichtigen Jungen\nin Erinnerung, der sich immer gerne anschloss, wenn wir Kinder auf\nder Stra\u00dfe spielten.<br>Als ich ihm nun die Haust\u00fcr aufmachte,\nf\u00fcllte da ein kleiderschrankbreiter Zweimetermann mit dichtem\nschwarzem Haar, Vollbart und Brille den T\u00fcrrahmen aus. Eine\nbratpfannengro\u00dfe Pranke schob sich an seinem Bierbauch vorbei mir\nentgegen und zerquetschte mir fast die Hand, als ich einschlug. Ich\nbegr\u00fc\u00dfte ihn mit &#8218;Guten Tag Herr K\u00fchne&#8216;, aber da sah er verdutzt\nauf mich herunter und sagte gekr\u00e4nkt: &#8218;Warum sagst Du Sie zu mir,\nwir haben doch als Kinder zusammen auf der Stra\u00dfe gespielt?!&#8216;.\u201c &#8211;\n\u201eNa da bist Du ja voll Fettnapf gelandet&#8230;\u201c &#8211; \u201eStimmt, in\ndiesem Fall hat es sich dann aber wieder eingerenkt, als wir auf\nGeschichten aus Kindertagen zu sprechen kamen, \u00fcber die wir uns\nzusammen schief lachen konnten.<br>Die Begegnungen mit diesen alten\nneuen Bekannten verlaufen meistens so \u00fcberraschend. Instinktiv\nerwarten beide Seiten etwas Altbekanntes, nur um dann fest zu\nstellen, dass man sich noch einmal ganz von vorne kennen lernen\nmuss.\u201c &#8211; \u201eAber anstrengend ist das schon auch irgendwie.\u201c gab\nKarla zu bedenken. \u201eZumindest w\u00e4hrend der ersten Monate, das ist\nwohl wahr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nMittlerweile\nwaren die beiden zum Ausgangspunkt ihrer kleinen Wanderung\nzur\u00fcckgekehrt. Sie hatten es tats\u00e4chlich geschafft, kurz vor\nSonnenuntergang zur Stelle zu sein. Schweigend schauten sie zu, wie\ndie orange goldene Glut fern hinter den Bergen versank.<br>\u201eMorgen\nk\u00f6nnen wir gleich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck rauf in die Berge fahren.\u201c\nschlug Anna vor, als sie wieder ins Auto stiegen. \u201eWas sollen wir\nuns mit der Hitze da unten rumqu\u00e4len. Ich kann auch gerne meine neu\nerstandenen Wanderkarten mitnehmen, wenn es Dir dann wohler ist.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Scheidewege<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nKarla\nund Anna waren schon \u00fcber eine Stunde auf den Beinen. F\u00fcr heute\nhatten sie sich eine l\u00e4ngere Wanderung vorgenommen, die sie mit\nausgiebigen Pausen \u00fcber den ganzen Tag ausdehnen wollten. Eine\nR\u00fcckfahrt hinunter in die dr\u00fcckende Hitze der T\u00e4ler war erst f\u00fcr\nden Abend vorgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nschmale Wanderpfad f\u00fchrte sie durch einen Hochwald steil aufw\u00e4rts.\nWeiter oben, wo die hohen Wei\u00dftannen sp\u00e4rlicher standen, war er von\nSonnenlicht durchflutet und Heidelbeer\u00adstr\u00e4ucher bedeckten den\nBoden. Beschwingt setzten die beiden Fu\u00df vor Fu\u00df, sogen die k\u00fchle\nBergluft in ihre Lungen und fanden nach und nach in einen gemeinsamen\nWanderrhythmus hinein. Lange hatte die Anstrengung des Aufstiegs kaum\nein Gespr\u00e4ch aufkommen lassen. Nun begann der Weg allm\u00e4hlich\nflacher zu verlaufen.<br>\u201eHast Du eigentlich schon eine\nVorstellung, was Du nach Abschluss Deines Studiums beruflich machen\nm\u00f6chtest?\u201c fragte Anna die vor ihr her gehende Karla. Diese\n\u00fcberlegte einige Augenblicke. \u201eDoch, eine grobe Vorstellung habe\nich schon.\u201c erwiderte sie dann. \u201eIch m\u00f6chte auf meinem fr\u00fcheren\nBeruf aufsetzen, die Branche werde ich daher nicht wechseln. Aber\nnat\u00fcrlich sollten sich mein Studium und die China-Erfahrungen, die\nich inzwischen gesammelt habe, in einer Position niederschlagen, die\nvorher au\u00dferhalb meiner Reichweite gewesen w\u00e4re. Mal schauen,\nw\u00e4hrend meiner Masterarbeit will ich nebenbei als Praktikantin\narbeiten. Vielleicht finde ich ja dar\u00fcber Wege f\u00fcr einen Einstieg.\u201c\n&#8211; \u201eDas klingt gut!\u201c bemerkte Anna. \u201eIn meiner Abteilung haben\nwir auch immer ein oder zwei Praktikanten. Es ist gar nicht selten,\ndass welche von denen nach Praktikumsende ihren Weg in die Firma\nhinein finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eKannst\nDu Deine China-Erfahrungen denn in Deinem neuen Job nutzen?\u201c wollte\nKarla wissen. Anna \u00fcberlegte eine Weile. \u201eJa und Nein&#8230; Ja, weil\nein Auslandsaufenthalt, der inhaltlich und auch von der Dauer her\ndeutlich \u00fcber Urlaub hinaus ging, eine der Voraussetzungen war, die\nin der Stellenanzeige gefordert waren.<br>Aus guten Grund, wie sich\nherausstellte. Die Kollegen in unserem Team arbeiten \u00fcber den ganzen\nGlobus verteilt und stammen aus v\u00f6llig verschiedenen Kulturen. Inder\nund Ostasiaten sind ebenfalls darunter. Bis auf eine chinesische\nPraktikantin, die bei uns vor Ort arbeitet, sind bisher allerdings\nkeine Chinesen dabei. Die Arbeits- und Kommunikationsstile dieser\nKollegen sind sehr unterschiedlich und ich glaube, es w\u00fcrde mir\nschwer fallen, mir einen Reim auf ihr Verhalten zu machen, wenn ich\nin China nicht erlebt h\u00e4tte, wie tiefgreifend kulturell bedingte\nUnterschiede zwischen den Menschen sein k\u00f6nnen.\u201c Durch das\nErz\u00e4hlen geriet Anna zunehmend au\u00dfer Puste und nutzte die n\u00e4chsten\nMeter f\u00fcr ein ausgiebigeres Luftholen, um mit der weiter munter\nausschreitenden Karla Schritt halten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eUnd\nwas ist mit Deinen Sprachkenntnissen?\u201c hakte Karla nach einer Weile\nnach. \u201eNun, die geh\u00f6ren zu dem Teil, den ich bei der Arbeit bisher\nkaum einbringen kann. Wohl haben wir auch Zweigstellen in China, aber\nsolange ich nicht f\u00fcr ein Projekt arbeite, das dort angesiedelt ist,\nsind die Chancen gering, mit irgend jemandem Chinesisch zu sprechen.\nUnsere chinesische Praktikantin hat allerdings schnell gemerkt, dass\nmir ihre Heimat nicht ganz fremd ist. Sie hat sich mir angeschlossen\nals w\u00e4re ich ihre Vorgesetzte, obwohl sie gar nicht f\u00fcr meinem\nspeziellen Bereich arbeitet.<br>Wir gehen \u00f6fter zusammen Mittagessen\nund ich finde es spannend, wenn sie erz\u00e4hlt, wie sie unseren\nletztlich doch sehr deutschen Arbeitsalltag erlebt.\u201c &#8211; \u201eNa, da\nkannst Du Dein Chinesisch ja wenigstens gelegentlich \u00fcben.\u201c meinte\nKarla. \u201eIm Prinzip schon&#8230; ich bin aber bei diesen Gelegenheiten\nerschrocken, wie viel davon in dem einen Jahr seit meiner R\u00fcckkehr\nschon wieder zwischen den Windungen meines Hirns verloren gegangen\nist. Und die Praktikantin wollte nat\u00fcrlich lieber Deutsch mit mir\nsprechen. Ihr Deutsch ist eher schlechter, als es mein Chinesisch vor\neinem Jahr mal war, aber dieses Jahr Unterbrechung hat halt seine\nSpuren hinterlassen. Au\u00dferdem hat sie zur Zeit den unschlag\u00adbaren\nVorteil auf ihrer Seite, in der passenden Sprachumgebung zu leben.\nUnd so sprechen wir dann doch meistens Deutsch, leider.\u201c Anna klang\nbedr\u00fcckt.<br>\u201eHm, bei mir sieht es nicht viel anders damit aus.\u201c\nbest\u00e4tigte Karla mit einem Kopfnicken. \u201eOb von meinem Chinesisch\nlangfristig etwas \u00fcbrig bleiben wird, h\u00e4ngt davon ab, ob es in\nmeinem sp\u00e4teren Job einmal gebraucht wird. Aber gut, f\u00fcr mich war\ndie Sprache ohnehin eher Mittel zum Zweck. Ich habe sie gelernt,\nsoweit ich es f\u00fcr meinen Alltag in China und f\u00fcr mein Studium\nbrauchte, interessant ist sie ja allemal. Lesen kann ich einigerma\u00dfen\nwas ich so ben\u00f6tige, aber zum Schreiben hatte ich nie viel Lust.\nLetzten Endes w\u00fcrde ich der Sprache keine Tr\u00e4ne nachweinen, selbst\nwenn ich am Ende alles wieder vergessen sollte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nKarla\nstapfte z\u00fcgig weiter, w\u00e4hrend Anna sich sputen musste, Schritt zu\nhalten. Trotzdem sie in letzter Zeit \u00f6fter Joggen gegangen war, lie\u00df\nihre Kondition zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, das war nicht zu \u00fcbersehen.<br>Etwas\nweiter m\u00fcndete der Wanderpfad in eine befahrbare Forststra\u00dfe ein,\nso dass sie neben einander her gehen konnten. \u201eAber Du hast ja\ngerade in das Schreiben richtig Herzblut reingesteckt, soweit ich das\nmitbekommen habe.\u201c griff Karla den Faden nach einer Weile wieder\nauf. \u201eDein Sitzfleisch dabei bewun\u00addere ich noch heute. Wo hast\nDu blo\u00df die Motivation daf\u00fcr her genommen?\u201c -\u201cDie Schrift hat\nmich von Beginn an fasziniert. Mein allererster Kontakt mit\nChinesisch war ein Kurs in klassischem Chinesisch, den ich w\u00e4hrend\nmeines Studiums nebenher belegt hatte. Eine reine Schriftsprache,\nmeist wei\u00df man kaum, wie sie mal ausgesprochen wurde, \u00e4hnlich wie\nLatein oder Altgriechisch bei uns in Europa. Mich fesselte es, die\nDenkweisen, Strukturen und Rhythmen zu entdecken, die in der Schrift\nund den alten Texten zum Vorschein kamen. Als ich dann viel sp\u00e4ter\nmit dem modernen Chinesisch anfing, bin ich erst gar nicht auf die\nIdee gekommen, dass man diese Sprache lernen k\u00f6nnte, ohne sie zu\nschreiben. Ich kann mir die Zeichen nicht einpr\u00e4gen, ohne sie\neigenh\u00e4ndig zu Papier zu bringen, das Lesen konnte ich daher nur\n\u00fcber das Schreiben lernen.\u201c Anna musste stehen bleiben, um zu Atem\nzu kommen.<br>\u201eBei mir war es genau anders herum, erst die\ngesprochene Sprache, dann Lesen soviel wie n\u00f6tig und Schreiben, na\nja, so wenig wie m\u00f6glich eben.\u201c Auch Karla hielt inne und wandte\nsich Anna zu \u201eJa, bei den meisten Westlern l\u00e4uft es wohl so&#8230;\u201c\njapste die. \u201eWenn sie nicht gerade Sinologen sind&#8230; Aber Du hast\nschon recht&#8230; Mittlerweile habe ich so viel Herzblut in diese\nSprache hinein gesteckt, dass ich den Gedanken nicht ertrage, alles\nwieder zu vergessen. Sie ist mir buchst\u00e4blich ans Herz\ngewachsen.\u201c<br>\u201eSchau, der Baumstamm da kommt wie gerufen. Lass\nuns eine kleine Trinkpause einlegen.\u201c schlug Karla vor, als sie\nsah, wie sehr Anna au\u00dfer Puste war. \u201eGute Idee!\u201c gab Anna zu und\nlie\u00df sich erleichtert auf den Stamm plumpsen, der am Saum der\nForststra\u00dfe auf seinen Abtransport wartete. Auch Karla fand darauf\nPlatz.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eDie\nGespr\u00e4che mit unserer Praktikantin waren der ber\u00fchmte Tropfen, der\ndas Fass schlie\u00dflich zum \u00dcberlaufen brachte.\u201c fuhr Anna fort,\nnachdem ihr erster Durst gestillt war. \u201eIch habe mich daraufhin in\nder Stadt nach Unterrichts\u00adm\u00f6glichkeiten umgeschaut und hatte\nGl\u00fcck. Unweit meiner Arbeitsstelle gibt es ein Institut f\u00fcr\n\u00dcbersetzer und Dolmetscher, das auch Abendkurse f\u00fcr die\nAllgemeinheit anbietet. Den Kurs f\u00fcr Leute mit weiter gehenden\nVorkenntnissen habe ich mittlerweile ausprobiert, der passt ganz gut\nf\u00fcr mich. Und es sitzen da noch mehr Leute drin, die wie ich in\nDeutschland ihr Chinesisch warm halten m\u00f6chten. Ich glaube, ich\nwerde mich in den Kurs einschreiben.\u201c &#8211; \u201eAlso, irgendwie bist Du\nschon verr\u00fcckt, Anna!\u201c entfuhr es Karla da. \u201eJa, ich wei\u00df!\u201c\nAnna lachte. \u201eDu bist nicht die Erste, die mir das sagt&#8230; Aber ich\nkann halt nicht anders, selbst wenn ich meine Freizeit besser in\nSport investieren sollte, wie ich gerade merke.\u201c<br>\u201eHm,&nbsp;ein\nSt\u00fcck kann ich Dich ja&nbsp;verstehen.\u201c gab Karla nachdenklich zu.\n\u201eAndererseits, k\u00f6nnte es manchmal nicht besser sein, etwas los zu\nlassen, wenn die Zeit daf\u00fcr gekommen ist?\u201c &#8211; \u201eSchon, nur wie\nunterscheidet man zwischen dem, woran man fest halten sollte und dem,\nwas man besser losl\u00e4sst? Zur Zeit habe ich nur mein Bauchgef\u00fchl als\nKompass, aber das l\u00e4sst die Nadel leider st\u00e4ndig von Nord nach S\u00fcd\npendeln und wieder zur\u00fcck.<br>Als ich in dem Kurs sa\u00df und merkte,\nwie viel Freude es mir machte, die zugesch\u00fcttete Sprache wieder zu\naktivieren, war ganz sonnenklar, dass ich das weiter machen will. Zu\nanderen Zeiten habe ich dagegen den Eindruck, \u00fcber kurz oder lang\nwird es mir zu viel werden, neben dem Job, dem w\u00f6chentlichen Pendeln\nzwischen Stadt und Land und der Versorgung von Haus und Garten auch\nnoch den Sprachkurs zu besuchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eDie\nZeit f\u00fcr diese Entscheidung ist wohl noch nicht reif bei Dir.\u201c\nkonstatierte Karla. \u201eFr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird sie aber ohnehin\nfallen, sei es dass Du sie selber triffst, sei es dass das Leben sie\nf\u00fcr Dich f\u00e4llt.\u201c Anna hob unschl\u00fcssig die Schultern. \u201eAn der\nSicht ist viel Wahres dran&#8230;\u201c Sie legte den Kopf zur Seite. \u201eDeine\nEntschiedenheit und Zielstrebigkeit h\u00e4tte ich manchmal gerne, Karla.\nSo vieles w\u00e4re dann leichter. &#8211; Zu warten bis das Leben\nEntschei\u00addun\u00adgen f\u00fcr einen trifft kann schmerzhaft\nwerden&#8230;\u201c Anna verstummte nachdenklich. \u201eAndererseits,\u201c fuhr\nsie nach einer Weile fort, \u201eist es nicht gerade Schmerz, der\nEntschei\u00addungen Kraft verleiht?\u201c Karla stutzte und sah fragend\nzu Anna hin\u00fcber. \u201eWas geht in Dir blo\u00df vor, Anna!?\u201c brach es\ndann aus ihr heraus. Verst\u00e4ndnislos sch\u00fcttelte sie den Kopf. \u201eDa\nschimmert doch nicht etwa eine versteckte masochistische Ader in Dir\ndurch? Warum sollte man warten bis es schmerzt, wenn man es in der\nHand hat, sich vorher anders zu entscheiden?\u201c Ironie und\nFragezeichen rangen in Karlas Worten miteinander und Anna wusste\nzun\u00e4chst nicht, wie sie darauf antworten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eAuf\ndieser Forststra\u00dfe, an der wir jetzt sitzen, bin ich zuletzt mit\neiner Frau gewan\u00addert, mit der mich seit meiner Jugend eine tiefe\nFreundschaft verband.\u201c fuhr sie nach einiger Zeit fort. \u201eBis das\nLeben entschied, dass diese Freundschaft keine Zukunft hat&#8230;\u201c<br>Karla\nmerkte, dass Anna das Erz\u00e4hlen schwer fiel, als w\u00e4re etwas in ihr\naufgew\u00fchlt worden. Sie stand auf. \u201eKomm Anna, lass uns weiter\ngehen, bevor wir uns hier v\u00f6llig fest quatschen! Und hat der\nWetterbericht im Autoradio vorhin nicht auch etwas von gegen Abend\nzunehmender Gewitterneigung gebracht?\u201c versuchte sie, Anna\nabzulenken. \u201eHm, das muss mir wohl entgangen sein.\u201c murmelte Anna\n\u00fcberrascht.<br>Schnell waren die Getr\u00e4nke in den Ruck\u00ads\u00e4cken\nverstaut und kurz darauf schritten beide mit neuer Energie\nneben\u00adeinander her. Das Gehen schien Annas Zunge jedoch noch mehr\nzu l\u00f6sen.<br>\u201eWenn ich es recht \u00fcberlege, ist es Maria zu\nverdanken, dass ich \u00fcberhaupt eine Chance hatte, nach meiner\nR\u00fcckkehr aus China in meiner alten Heimat wieder neu anzufangen.\u201c\nkn\u00fcpfte sie nun wieder an, w\u00e4hrend Karla sich zunehmend wunderte,\nwelche Wendung das Gespr\u00e4ch zu nehmen begann.<br>\u201eSie war all die\nJahre und Jahrzehnte seit meinem Weggehen von hier diejenige gewesen,\n\u00fcber die ich eine lockere Verbindung hierher aufrecht erhalten habe.\nKlar, anfangs haben auch meine Eltern noch hier gelebt, aber nach\nihrem Tod w\u00e4re unwiderruflich Schluss f\u00fcr mich gewesen, wenn Maria\nnicht etwas am Leben erhalten h\u00e4tte, was mich immer wieder gerne\nherkommen lie\u00df.<br>Maria war eine gute Generation \u00e4lter als ich,\naber das schien mir in jener Zeit kaum eine Rolle zu spielen, ich\nblendete es einfach aus. Wir sind viel zusammen gewandert und haben\ndabei \u00fcber Gott und die Welt diskutiert. Gelegentlich konnte ich ihr\nbei ihren Projekten helfen und ab und zu besuchte sie mich in der\nStadt in die ich gezogen war. Viel von dem, was ich in meiner\nKindheit daheim schmerzlich vermisst hatte gab sie mir ungefragt,\neinfach so. Nur manchmal hatte ich den Eindruck, als ginge es ihr\ndabei nicht nur um die Freundschaft zu mir. Damals konnte ich mir\naber keinen Reim auf diesen Eindruck machen. Aus irgend einem Grund\nschien sie ganz bewusst dazu beitragen zu wollen, dass ich eine\nVerbin\u00addung zu meiner alten Heimat aufrecht erhalte. Fast als\nsp\u00fcrte sie, dass ich mehr als bereit war, etwas von mir weg zu\nsto\u00dfen, das einen unersetzlichen Verlust f\u00fcr mich bedeutet h\u00e4tte&#8230;\nWenn ich zu mir selber ehrlich bin, muss ich ihr aus heutiger Sicht\nda recht geben.\u201c<br>Aus Karlas Blicken sprach Skepsis \u201eIch stamme\nja auch aus so einem Kuhdorf. Aber ich weine dem keine Tr\u00e4ne nach,\nganz bestimmt nicht! Gut, meine Eltern und meine \u00e4ltere Schwester\nsamt Familie leben noch dort, ich k\u00f6nnte also nie auf meine ganz\neigene Weise neu anfangen, so wie Du hier. Aber selbst wenn meine\nUmst\u00e4nde eher wie die Deinen w\u00e4ren, bin ich mir sicher, dass dieses\nDorf ein abgeschlossenes Kapitel f\u00fcr mich ist.\u201c<br>Anna lachte.\n\u201eJa, typisch Karla! Schwarz oder Wei\u00df!\u201c &#8211; \u201eWenn ich mir nur\nvorstelle, in mein Herkunftsdorf ziehen zu m\u00fcssen, bekomme ich schon\nBeklemmungen&#8230;\u201c Karla sch\u00fcttelte sich. \u201eDas Gef\u00fchl kenne ich\naber auch nur zu gut.\u201c Anna nickte. \u201eEs ist noch gar nicht so\nlange her, dass es mir ebenso ging. Nie h\u00e4tte ich damals f\u00fcr\nm\u00f6glich gehalten, dass sich das so radikal \u00e4ndern kann. Eine\nErfahrung, die ich um keinen Preis missen m\u00f6chte&#8230; Aber einen\nPreis, den hatte sie wirklich&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nUnvermittelt\nverlief der Weg nun flach und als der Wald sich ein paar Schritte\nweiter lichtete, gab er den Blick auf einen runden, aus rotem\nSandstein gemauerten Turm frei. Sie waren auf dem Berggipfel\nangekommen, den sie als Ziel ihrer Wanderung ausgesucht hatten. Neben\ndem Eingang des Turmes gab es eine Tafel, die einen umfassenden\nPanoramablick von oben versprach. Das war nicht zu viel versprochen,\nwie Anna und Karla einhundert zwanzig Stufen sp\u00e4ter, Karla hatte\ngenau mitgez\u00e4hlt, schwitzend und nach Luft ringend feststellten.<br>In\ndrei Himmelsrichtungen erstreckten sich schwarz gr\u00fcn bewaldete\nBergketten, durchzogen von sanften, mit St\u00e4dtchen und D\u00f6rfern\ngetupften T\u00e4lern unter einem makellos blauen Himmel. Nach vorne hin\ndehnte sich die Ebene bis der Blick an einem weiter entfernten\nGebirge h\u00e4ngen blieb. Und dar\u00fcber thronte sie himmelhoch, eine\ngrauwei\u00dfe Gewitterfront, schwere, dicht gedr\u00e4ngte Wolkent\u00fcrme,\neiner dicker als der andere. \u201eDer Wetterbericht hatte wohl recht.\u201c\nmeinte Anna. \u201eHoffentlich h\u00e4lt das noch eine Weile.\u201c Karla\nschien unwohl bei dem Anblick. \u201eIch glaube schon.\u201c meinte Anna.\n\u201eWir sollten uns auf dem R\u00fcckweg auf keine Umwege einlassen und\nnicht so ausgiebig rumtr\u00f6deln, wie wir das urspr\u00fcnglich vor hatten.\nAber wenn wir einigerma\u00dfen z\u00fcgig gehen, sollten wir es trockenen\nFu\u00dfes zum Auto schaffen k\u00f6nnen ohne rennen zu m\u00fcssen.\u201c &#8211; \u201eNa\nhoffentlich hast Du recht.\u201c Karla schien nicht ganz \u00fcberzeugt zu\nsein. \u201eKomm, dann lass uns hier nicht lange rumstehen, so sch\u00f6n es\nauch ist.\u201c lenkte Anna ein und begann, die Wendeltreppe wieder\nhinunter zu steigen.<br><br>\u201eWas meintest Du vorhin denn mit dem\nPreis, den Deine Erfahrung mit Maria und Deinem Dorf Dich gekostet\nhat?\u201c fragte Karla einige Zeit sp\u00e4ter. Wider Erwarten wollten ihr\nAnnas Worte nicht aus dem Kopf gehen. \u201eSeit ich begann, mich f\u00fcr\nChina zu interessieren, hatte ich den Eindruck, dass Maria diese\nEntwicklung auf eine unterschwellige Weise zu schaffen machte, die\nsie aber nie offen ansprach.\u201c fuhr Anna daraufhin fort. \u201eOffenes\nInteresse und hartes Abblocken konnten bei ihr manchmal so abrupt\nineinander umschlagen, dass ich nicht wusste, ob ich nun etwas\ndar\u00fcber erz\u00e4hlen oder besser ein anderes Thema anschlagen sollte.\nDas Ganze kam mir sonderbar vor, aber viel mehr dachte ich mir\nzun\u00e4chst nicht dabei.<br>Als ich sie nach der R\u00fcckkehr von meiner\nersten China-Reise dann einmal besuchte, hatte ich in den ersten\nAugenblicken unseres Wiedersehens den schwer greifbaren Eindruck,\ndass sie mich \u00e4ngstlich musterte wie jemanden, der sich eine\nansteckende Krankheit eingefangen hat. Ein beklem\u00admendes Gef\u00fchl,\ndas mich zum ersten Mal stutzig machte. Und als ich ihr sp\u00e4ter\ner\u00f6ffnete, dass ich vor hatte f\u00fcr ein ganzes Jahr nach China zu\ngehen, versuchte sie sofort, es mir auszureden. Zwar mit\nfaden\u00adscheini\u00adgen Begr\u00fcndungen, daf\u00fcr aber um so\nenergischer. Sie merkte jedoch schnell, dass sie damit auf taube\nOhren stie\u00df und gab schlie\u00dflich auf.<br>Ich war \u00fcberrascht und\nentt\u00e4uscht von ihrer Reaktion. Gerade von ihr hatte ich mir mehr\nVer\u00adst\u00e4nd\u00adnis erhofft und hakte mehrfach bei ihr nach. Aber\nda kam nicht viel, sie wich aus und irgendwann machte sie bei dem\nThema einfach dicht. Mir blieb am Ende nichts anderes \u00fcbrig, als das\nhin zu nehmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eVielleicht\nhatte sie Angst, dass sie Dich verliert, konnte sich das aber nicht\neingestehen?\u201c r\u00e4tselte Karla. \u201eM\u00f6glich&#8230; R\u00fcckblickend kommt\nes mir so vor, als h\u00e4tte sich ab jenem Zeitpunkt so etwas wie diese\nGewitterfront, die wir eben vom Turm aus gesehen haben, \u00fcber unserer\nFreundschaft zusammengebraut. Im Hintergrund war eine stetig\nzunehmende Spannung sp\u00fcrbar, die es vorher nicht gegeben hatte. Mir\nd\u00e4mmerte, dass wir langsam aber sicher auf einen Konflikt zu\ndrifteten, aber was tun? Letztlich blieb die Situation bis zum Start\nin mein China-Jahr in der Schwebe h\u00e4ngen.\u201c<br>\u201eUnd wie hat sie\nreagiert, als Du dann wieder zur\u00fcck gekommen bist?\u201c &#8211; \u201eDa war\nsie die\u00adjeni\u00adge, die mich vom Bahnhof abgeholt hat. Die\nersten paar Tage wohnte ich sogar bei ihr, sie bekochte und umsorgte\nmich als w\u00e4re sie meine Mutter.\u201c &#8211; \u201eVon einem Extrem ins\nAndere&#8230;\u201c bemerkte Karla. \u201eJa, ich war von diesem Empfang\n\u00fcberw\u00e4ltigt und nahm ihre Gastfreundschaft im Glauben an, dass sich\nfr\u00fcher oder sp\u00e4ter gen\u00fcgend Gelegenheiten ergeben w\u00fcrden, bei\ndenen ich mich revanchieren konnte. Das war fr\u00fcher ja nicht anders\ngewesen. Au\u00dfer\u00addem war ich so voll von meinen Erlebnissen, dass\nich zu keinem klaren Blick auf die Situation f\u00e4hig war.<br>Kaum war\nich aber in mein Haus gezogen, wurde die alte Spannung wieder\nsp\u00fcrbar, intensiver als je zuvor, jedoch genau so ungreifbar. Und\nwieder gab es Situationen, in denen ich mich von ihr gemustert\nf\u00fchlte, als w\u00e4re aus mir ein Alien geworden.<br>Kleine\nMissverst\u00e4ndnisse passierten, h\u00e4uften sich, wurden schwerwiegender.\nMal kam sie abends, obwohl wir mittags verabredet waren. Ein anderes\nMal bat sie mich, bei ihr vorbei zu kommen um ihr mit dem Computer zu\nhelfen. Als ich dann bei ihr klingelte fragte sie \u00fcberr\u00adascht,\nwas ich jetzt schon wieder bei ihr wolle, sie h\u00e4tte erst morgen mit\nmir gerechnet. Sie zog an mir und schubste mich weg, immer\nabwechselnd hei\u00df oder kalt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eSie\nwar doch schon \u00e4lter, oder?\u201c fragte Karla. \u201eVielleicht machte\nsie das Alter langsam wunderlich?\u201c &#8211; \u201eAuch m\u00f6glich&#8230; Ich hatte\njedoch eher den Eindruck, dass sie an mir Ver\u00e4nderungen wahrnahm,\ndie ihr aus einem Grund Angst machten, den ich bis heute nicht\nverstehe. Und dass das Wegfallen der gewohnten Entfernung, die mein\nEinzug in mein Elternhaus f\u00fcr uns beide bedeutete, ihre Angst noch\nsteigerte. Also beschloss ich, etwas mehr Abstand zwischen uns\nherzustellen, begann, die Zeit zwischen unseren Treffen so lang wie\nm\u00f6glich auszudehnen und versuchte, mich mehr auf meine Jobsuche zu\nkonzentrieren.\u201c<br>\u201eWas f\u00fcr eine H\u00e4ngepartie!\u201c Karla\nverdrehte die Augen. \u201eZu dem Zeitpunkt zog sich das also schon\nJahre hin! Hast Du denn nie erwogen, einmal einen klaren Schnitt zu\nmachen und ihr zu eurer beider Erl\u00f6sung die Freundschaft\naufzuk\u00fcndigen?\u201c<br>Anna atmete tief durch. \u201eLetzten Endes habe\nich genau das getan. Aber im Gegensatz zu Dir musste ich erst durch\ndas Gewitter hindurch, bis ich diese Entscheidung f\u00e4llen konnte.\u201c\n&#8211; \u201eHab&#8216; ich&#8217;s doch geahnt&#8230;\u201c unkte Karla ironisch.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eJenes\nGewitter hat aber nicht lange auf sich warten lassen.\u201c fuhr Anna\nfort. \u201eAn einem kalten Novembermorgen fand ich unverhofft einen\ndicken Brief von Maria in meinem Briefkasten. Er war unfrankiert, sie\nhatte ihn bei Nacht und Nebel eingeworfen, ohne bei mir zu klingeln.\nDas verhie\u00df nichts Gutes. Aber auf die unglaublichen Vorw\u00fcrfe und\nSchuld\u00adzu\u00adwei\u00adsungen, die sie seitenlang in dem Brief\nausgebreitet hatte, war ich dennoch nicht gefasst. Angefangen mit dem\nTag, an dem sie mich am Bahnhof abgeholt hatte, listete sie eine\nSituation nach der anderen auf, in der ich mich ihrer Meinung nach\nfalsch verhalten hatte und deutete das Ganze zu einem Geschehen um,\ndass ich kaum wieder erkennen konnte. Wie um dem Ganzen die Krone\naufzusetzen forderte sie am Schluss des Briefes auch noch eine\nEntschuldigung von mir.<br>Mir wurde schlagartig \u00fcbel, alles drehte\nsich. Es war, als h\u00e4tte mir jemand von vorne ein Messer in den Bauch\ngerammt und dreimal umgedreht. Der Schmerz ging \u00fcber alles hinaus,\nwas ich mir hatte vorstellen k\u00f6nnen.<br>Erst drei Tage sp\u00e4ter war\nich in der Lage zu reagieren und schrieb ihr ebenfalls einen Brief.\nDarin verwahrte ich mich nur kurz und knapp gegen ihre Vorw\u00fcrfe und\nForderungen, ging aber im Detail nicht darauf ein, daf\u00fcr waren sie\neinfach zu absurd. Ich beschloss den Brief mit dem Vorschlag, den\nKontakt mit offenem Ausgang f\u00fcr eine l\u00e4ngere Bedenkzeit auf Eis zu\nlegen.\u201c<br>\u201eJa bist Du denn von allen guten Geistern\nverlassen!?!\u201c Karla konnte es nicht fassen. \u201eWas muss denn noch\npassieren, bis Du endlich kapierst, wann Schluss ist und die\nRei\u00dfleine ziehst?\u201c \u201eEin dreiviertel Jahr passierte erst mal gar\nnichts. Von ihr kam keine Antwort und ich lie\u00df es auf sich beruhen.\nEs gab in jener Zeit gen\u00fcgend Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen, die\nmich in Atem hielten. So konnte ich die Angelegenheit leichter\nertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nErst\nvor ein paar Wochen, als es im Job einfacher f\u00fcr mich zu werden\nbegann, ging sie mir wieder \u00f6fter durch den Kopf. Ich sp\u00fcrte, ganz\nfertig war ich mit dem Thema noch nicht, aber ich war reif, eine\nEntscheidung herbei zu f\u00fchren.<br>Ich schreib ihr einen Brief, in\ndem ich ihr anbot, sich bei passender Gelegenheit zu treffen um eine\nVerst\u00e4ndigung zu versuchen. Ich lie\u00df aber auch durchblicken, dass\nich die Beziehung nicht um jeden Preis fortsetzen w\u00fcrde.\u201c &#8211; \u201eNa,\ndas hat aber gedauert!\u201c seufzte Karla. \u201eUnd was ist am Ende dabei\nheraus gekommen?\u201c &#8211; \u201eSie hat geantwortet. Aber sie wiederholte\nnur ihre alten Forderungen und im Kern war sie v\u00f6llig\nun\u00adnach\u00adgiebig. Es war absurd und so sinnlos. Nachdem der\nSchmerz der ersten Entt\u00e4uschung abgeklungen war, konnte ich diese\nWahrheit endlich annehmen. Ich schrieb ihr einen endg\u00fcltigen\nAbschiedsbrief. Und der war dann eine wirkliche Erl\u00f6sung f\u00fcr mich.\nAls ich ihn ins Innere des Briefkastens plumpsen h\u00f6rte fiel mir ein\nganzer Steinbruch vom Herzen und ich wusste, jetzt ist es gut und es\nist vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>\nHeute\nkann ich ohne Groll an Maria zur\u00fcckdenken, wenn ich auch vieles von\ndem, was passiert ist, immer noch nicht verstehe. Auch der Schmerz\nist abgeklungen. Ich glaube, diese Haltung w\u00e4re mir nicht m\u00f6glich,\nwenn ich dem Gewitter ausgewichen w\u00e4re, anstatt mitten durch das\nganze Drama hindurch zu waten.\u201c &#8211; \u201eDas kann ich zumindest\nnachvollziehen, auch wenn ich mich wahrscheinlich viel eher zu einer\nTrennung entschlossen h\u00e4tte als Du.\u201c gab Karla nun zu.<br>\u201eWas\nich aber immer noch nicht kapiere ist, was diese Geschichte mit der\nFrage zu tun hat, ob Du nun den Chinesisch-Abendkurs besuchen sollst\noder nicht?\u201c setzte&nbsp;sie nach.<br>Anna z\u00f6gerte. \u201eIch hab&#8216;\ndas Gef\u00fchl, mit dieser Sprache geht es mir letztlich wie mit Maria.\u201c\nerwiderte sie. \u201eEs m\u00fcsste erst sehr dick kommen, bevor ich sie\nwirklich loslassen k\u00f6nnte.\u201c Nachdenklich heftete Karla ihren Blick\nauf den Weg vor ihren Wanderstiefeln. \u201eF\u00fcr Dich scheint die\nSprache eine v\u00f6llig andere Bedeutung zu haben als f\u00fcr mich, soviel\nhabe ich jetzt glaube ich doch verstanden.\u201c sagte sie dann.<br>\u201eJa,\nmag sein dass das verr\u00fcckt ist&#8230;\u201c Anna hatte ihre gute Laune\nwieder gefunden. \u201eAber es ist nun mal was es ist&#8230;\u201c l\u00e4chelte\nsie verschmitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>\nIn\nder letzten Zeit hatten die beiden kaum Notiz von der Umgebung\ngenommen, die sie durchwanderten, so sehr waren sie in ihr Gespr\u00e4ch\nvertieft gewesen. Daher war ihnen auch entgangen, wie \u00fcber ihnen die\nGewitterwolken langsam aber sicher den Himmel eroberten.<br>Nicht\nmehr allzu weit von Annas Auto entfernt, lie\u00df ein unerwartetes\nDonnergrollen sie schlie\u00dflich doch einmal hoch blicken. Der Schreck\nfuhr ihnen in die Glieder. Unwillk\u00fcrlich begannen sie zu rennen, so\nschnell sie nur konnten. Das Gewitter schien es wirklich wissen zu\nwollen. Schon bald darauf fielen die ersten Tropfen und um sie herum\nbegannen Windb\u00f6en mit zunehmender Kraft an den B\u00e4umen zu r\u00fctteln.\nEndlich kam der Wagen in Sicht und sie erreichten ihn im letzten\nAugenblick. Als das Unwetter mit voller Gewalt losbrach, konnten sie\ngerade noch rechtzeitig die Autot\u00fcren hinter sich zu ziehen. An ein\nWegfahren war zun\u00e4chst jedoch nicht zu denken. Wohl oder \u00fcbel galt\nes abzuwarten, bis der erste Ansturm des Gewitters vor\u00fcber gezogen\nwar. Sie konnten nur hoffen, dass dort, wo sie im Auto gefangen\nsa\u00dfen, kein Baum niederst\u00fcrzen w\u00fcrde. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDas\nGanze dauerte nicht allzu lange, aber die Minuten, die sie inmitten\ndes Hexen\u00adkessels aus prasselndem Regen, zuckenden Blitzen,\nSturmb\u00f6en und Donnerschl\u00e4gen ausharren mussten, dehnten sich zu\neiner Ewigkeit.<br>Nachdem das Unwetter endlich weiter gezogen war,\nwich der prasselnde Regen einem leichten Nieseln und der Himmel\nhellte sich auf. Anna kurbelte das Fenster herunter und lie\u00df die\nk\u00fchle, feuchte Luft herein str\u00f6men. Erleichtert atmeten beide tief\ndurch.<br>\u201ePuh, das war aber nicht von schlechten Eltern!\u201c Karla\nwar die erste, die wieder Worte fand. \u201eIch hab&#8216; Hunger.\u201c stellte\nAnna fest.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Durch\ndas Tor<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nTiefe\nStille herrschte im Haus. Nur ab und zu war das leise Fahrger\u00e4usch\neines Autos zu h\u00f6ren, das drau\u00dfen durch die kleine Wohnstra\u00dfe\nglitt. Anna wandte sich vom Fenster ab. Die Anspannung der letzten\nWochen hatte ein Rauschen in ihren Ohren hinterlassen, das sie nun\nerst wahrnahm. \u201eDie Zeit ist reif&#8230;\u201c dachte sie, w\u00e4hrend ihr\nBlick zum wiederholten Mal \u00fcber den Koffer, den Rucksack und die\nUmh\u00e4ngetasche glitt, die fertig gepackt neben der Zimmert\u00fcr\nwarteten.<\/p>\n\n\n\n<p>\nSeit\nder R\u00fcckkehr von ihrer letzten China-Reise Anfang September war\nalles Schlag auf Schlag gegangen: die K\u00fcndigung ihrer Stelle, die\nvielen \u00dcberstunden, die ihr Chef unter Verweis auf ihr noch\nausstehendes Arbeitszeugnis von ihr einforderte, das Abarbeiten der\nVorkehrungen, die bei unz\u00e4hligen \u00c4mtern und Versicherungen, den\nBanken und anderen Stellen f\u00fcr den langen Auslandsaufenthalt zu\ntreffen waren, der Transport eines ersten Teils ihrer Habselig\u00adkeiten\naus der Stadtwohnung in ihr H\u00e4uschen, die Abschiedstreffen mit\nFreunden und Bekannten, die Wohnungsaufl\u00f6sung und schlussendlich der\nM\u00f6beltransport hierher, der beinahe noch schief gegangen w\u00e4re. Sie\nh\u00e4tte vielleicht nicht das billigste Umzugs\u00adunter\u00adnehmen mit\nder Sache beauftragen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nWohl\nwaren die M\u00f6belpacker wie vereinbart zur Stelle gewesen und hatten\ndie Verladung der Sachen in den Lastwagen z\u00fcgig erledigt. Guten\nMutes schloss Anna die nun leere Wohnung ein letztes Mal hinter sich\nzu und hinterlegte ihre Schl\u00fcssel beim Hausverwalter. Sie genoss die\nklare Luft und das milde Licht der Dezembersonne, w\u00e4hrend sie sich\nauf ihrem Weg zum Bahnhof durch das Menschengewimmel der Stadt\nbewegte. Geh\u00f6rte sie hier jetzt nicht mehr dazu? W\u00fcrde sie das\nalles hier wieder sehen?<br>Sp\u00e4ter, als der Zug sich langsam aus der\nBahnhofshalle hinaus schob, blieb ihr Blick an der \u00e4sthetisch\ngeschwungenen Stahlkonstruktion kleben. W\u00e4hrend die schwarz grau\n\u00fcber den Gleisen schwebenden Torb\u00f6gen mit zunehmender Entfernung\nimmer enger zueinander r\u00fcckten, begann sich ihr Kehlkopf zu einem\nharten Klo\u00df zusammen zu ziehen. Erst lange nachdem die Stadt in\neinem dunklen Punkt am Horizont verloren gegangen war, begann er sich\nschmerzhaft zu l\u00f6sen. Anna k\u00e4mpfte mit den Tr\u00e4nen und war froh,\ndass die Bahnfahrt zur\u00fcck in das Dorf, aus dem sie vor vielen Jahren\neinmal aufgebrochen war, mehrere Stunden dauerte. Sie brauchte die\nVerschnaufpause dringend.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nTag der geplanten Wiederanlieferung wartete Anna&nbsp;vergebens auf\nden M\u00f6belwagen. Da Anna ihre Telefone alle gek\u00fcndigt hatte, hatte\nsie dem Umzugsunternehmen die Telefon\u00adnummer ihrer Nachbarin als\nKontaktadresse f\u00fcr den Notfall gegeben. Aber auch dort meldete sich\nniemand. Stunden nach der vereinbarten Lieferzeit gelang es Anna\nendlich, den Chef zu erreichen, der aber von keinen\nUnregelm\u00e4\u00dfigkeiten wusste. Immerhin versprach er, am Abend seine\nFahrer zu kontaktieren und vertr\u00f6stete Anna auf den n\u00e4chsten\nTag.<br>Am n\u00e4chsten Vormittag berichtete er, die Fahrer seien am\nVortag zwar in Annas Dorf gewesen, aber sie h\u00e4tten das Haus nicht\nfinden k\u00f6nnen, weil angeblich weder Annas Stra\u00dfe und Hausnummer\nnoch die Telefonnummer der Nachbarin in ihren Papieren gestanden\nh\u00e4tte. Und da das Dorf zu gro\u00df war, um sich mit Durchfragen zu\nversuchen, waren sie einfach zum n\u00e4chsten Lieferort ein paar hundert\nKilometer weiter gefahren, wo sie am selben Tag noch ein Klavier\nabzuliefern hatten.<br>Anna hatte es f\u00fcr einen Moment die Sprache\nverschlagen. \u201eUnd wie lange dauert es jetzt noch, bis sie wieder\nhier sind?\u201c wollte sie dann vom Chef wissen. \u201eAlso heute fahren\ndie nicht mehr zu Ihnen!\u201c stellte der mit einer Bestimmtheit fest,\nals sei das alles selbstverst\u00e4ndlich. \u201eDie sind jetzt schon wieder\nauf dem R\u00fcckweg!\u201c &#8211; \u201eWie bitte?\u201c Anna starrte entgeistert den\nTelefonh\u00f6rer an. \u201e\u00dcbermorgen fliege ich f\u00fcr ein Jahr nach China!\nWas wollen sie dann mit meinen Sachen machen? In den Fluss kippen\nvielleicht?\u201c schrie Sie mit sich \u00fcberschlagender Stimme in die\nSprechmuschel. Einige Augenblicke herrschte Schweigen in der Leitung.\n\u201e\u00c4hm&#8230; Ja wenn es so ist&#8230; \u00c4h&#8230; Ich muss sehen was sich machen\nl\u00e4sst&#8230; Warten Sie auf meinen R\u00fcckruf&#8230; Bitte beruhigen Sie\nsich!\u201c drang es dann verdattert an Annas Ohr, als ob es dem Chef\nerst jetzt langsam d\u00e4mmerte, was er da gerade anrichtete.<br>Anna\nblieb nichts anderes \u00fcbrig als neben dem Telefon sitzen zu bleiben.\nNichts passte zusammen an dieser seltsamen Geschichte, die ihr soeben\naufgetischt worden war. Was bedeutete das alles? War sie auf\nbetr\u00fcgerische Machenschaften hereingefallen, die sie nicht\ndurchschaute? Sollte sie besser gleich die Polizei anrufen? Oder\nsteckte wirklich nur Dummheit in einem Ausma\u00df, das ihr\nVorstellungsverm\u00f6gen sprengte, hinter dieser Pannenserie?<br>Eine\nStunde sp\u00e4ter schreckte Telefonklingeln Anna aus ihren Gr\u00fcbeleien.\nDie Fahrer seien umgekehrt, lie\u00df der Chef nun ausrichten. Aber es\nw\u00fcrde wohl Nachmittag werden, bis seine Leute von da aus, wo er sie\ngerade noch erwischt hatte, wieder in Annas Dorf k\u00e4men. Anna atmete\nauf. Sp\u00e4ter aber kehrten die Zweifel zur\u00fcck und sie schwankte\nstundenlang zwischen Misstrauen und Erleichterung hin und her. War\ndas nur ein weiterer Trick um sie hinzuhalten? Was wollte der Chef\nvor ihr verschleiern? Konnte es sein, dass der Traum, auf dessen\nVerwirklichung sie mehr als zwei lang Jahre hingearbeitet hatte, nun\nwegen einer \u00fcblen Posse zerplatzte wie ein Luftballon in den jemand\nmit einer Nadel hinein stach? Wie konnte sie von diesem Dorf aus, in\ndem sie momentan ohne Telefon und PKW fest sa\u00df, ihren Flug nach\nPeking umbuchen?<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\nder Transporter gegen vier Uhr endlich wohlbehalten vor ihrem Haus\nhielt, war sie selbst ein nervliches Wrack. V\u00f6llig neben sich\nstehend schaute sie sich selbst dabei zu, wie sie die M\u00f6belpacker\nmit den Sachen hierhin und dorthin dirigierte, Kisten schleppte und\nam Ende die Lieferpapiere gegenzeichnete. Erst am sp\u00e4ten Abend,\nnachdem sie geistesabwesend einige M\u00f6belst\u00fccke herum geschoben und\nein paar Sachen aus den Kisten heraus gekramt hatte, konnte sie\nlangsam glauben, dass sie nicht tr\u00e4umte und die Anspannung begann,\nvon ihren Schultern zu gleiten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nEs\nwar Anna entgangen, dass&nbsp;eines der Autos drau\u00dfen nicht vorbei\ngeglitten sondern vor ihrer Hofeinfahrt zum Stehen gekommen war. Das\nKlingeln der T\u00fcrglocke fuhr ihr bis ins Knochen\u00admark und legte\ndort einen Hebel um. Noch w\u00e4hrend sie&nbsp;ich in Bewegung setzte\nl\u00f6ste sich eine unb\u00e4ndige Kindervorfreude aus Annas&nbsp;Innerstem,\nlie\u00df sie zur Treppe rennen, perlte empor, lie\u00df Anna die letzten\nStufen alle auf einmal hinunter springen, sch\u00e4umte \u00fcber in ein\nstrahlen\u00addes Lachen und lie\u00df den verdutzten Taxifahrer f\u00fcr\neinen Moment z\u00f6gernd im Rahmen der Haust\u00fcr verharren, die nach\neinem deutlich vernehmbaren Plumpsen soeben schwungvoll vor seiner\nNase aufgerissen worden war.<br>W\u00e4hrend des Fluges ging Annas\nVorfreude allm\u00e4hlich in eine wohlige Zufriedenheit \u00fcber, wie Anna\nsie selten an sich erlebt hatte. Zu ihrem Erstaunen klang\ndiese&nbsp;Stimmung nur langsam ab und auch der Pekinger Winter, der\nAnna beim Verlassen des Flughafens in Empfang nahm, konnte sie nicht\nvertreiben. Anna w\u00e4rmte sich an ihr, wann immer sie sie sp\u00fcrte und\nlie\u00df sich von ihr durch die ersten Wochen tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDiesmal\nwar es eine Thail\u00e4nderin, mit der sie sich an der Uni die zw\u00f6lf\nQuadratmeter ihres Studen\u00adten\u00adzimmers teilte. Gong wohnte\nschon \u00fcber ein Jahr in diesem Zimmer, war mit einunddrei\u00dfig\ndeutlich \u00e4lter als die meisten ostasiatischen Studentinnen und zu\nihrem gro\u00dfen Kummer immer noch nicht verheiratet. Sie schob es auf\nihr f\u00fcr Anna unsichtbares \u00dcbergewicht und war ohne Unterlass mit\nBeschaffung und Zubereitung von Nahrung besch\u00e4ftigt, die sie beim\nAbnehmen unterst\u00fctzen sollte. Jeglicher Stauraum in Gongs\nZimmerh\u00e4lfte war bis auf den letzten Kubikzentimeter mit Kochger\u00e4t,\nVorr\u00e4ten und Krimskrams vollgestopft. Wann immer sie etwas davon\nbenutzen wollte, musste sie zuerst r\u00e4umen und w\u00fchlen, bis sie fand\nwas sie brauchte. Die spartanische Leere, die Annas Zimmerh\u00e4lfte\nauch nach dem Einr\u00e4umen ihrer Siebensachen noch ausstrahlte, bildete\ndazu einen auff\u00e4lligen Kontrast.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDas\nWohnheim war nicht darauf eingerichtet, dass die Bewohner sich ihr\nEssen selbst zube\u00adreiteten. Es standen weder K\u00fcchen noch\nKochnischen daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung. Auf den Zimmern waren kleine\nK\u00fchlschr\u00e4nke, Wasserkocher und ein Fernseher erlaubt. Was dar\u00fcber\nhinaus ging war jedoch verboten, um \u00dcberlastungen des Stromnetzes\nund die dadurch entstehende Brandgefahr zu vermeiden.<br>Es gab\netliche Studenten, die sich wie Gong dar\u00fcber hinweg setzten. Sie\nalle mussten im Foyer unten t\u00e4glich mit T\u00fcten voller Lebensmittel\nam Tresen der Wohnheimmanagerin vorbei gehen. Das konnte nur hei\u00dfen,\ndass diese resolute aber meist freundliche Dame f\u00fcr Nebeneink\u00fcnfte\ndurchaus aufgeschlossen war, zumindest solange sich niemand\nbeschwerte und nichts passierte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnfangs\nhatte Anna bef\u00fcrchtet, dass Gongs Kocherei sich im eng begrenzten\nRaum des Wohnheimzimmers bald zu einem handfesten Konflikt auswachsen\nw\u00fcrde. Wenn Anna nach dem Mittagessen zur\u00fcck ins Zimmer kam,\nk\u00fcndete jedoch nur noch ein Hauch von Essensduft, der im soeben\ngel\u00fcfteten Raum h\u00e4ngen geblieben war, von Gongs Aktivit\u00e4ten. Gong\nselbst tauchte meist erst gegen Abend wieder auf, schwer bepackt mit\nEinkaufst\u00fcten. Trotz ihres fortge\u00adschrittenen Lebensalters\nschien sie kindlich geblieben zu sein, wie Anna bald feststellte. Ihr\nzweit\u00adwichtigster Lebensinhalt waren Freud und Leid der\njugendlichen Hauptdarsteller ihrer Lieblingsserie. Wenn das Fernsehen\nabends die synchronisierten und mit chinesischen Untertiteln\nversehenen Folgen der koreanischen Seifenoper in Endlosschleife\nausstrahlte, klebte sie stundenlang mit Glanz in den Augen und\nKopfh\u00f6rern auf den Ohren davor. \u201eAuch eine M\u00f6glichkeit,\nChinesisch zu lernen&#8230;\u201c dachte Anna dann, w\u00e4hrend sie sich am\nanderen Ende des Zimmers \u00fcber ihre B\u00fccher beugte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAn\nden allt\u00e4glichen Abl\u00e4ufen auf dem Campus hatte sich seit Annas\nletztem Aufenthalt im vergangenen August nicht viel ge\u00e4ndert. Nur\ndas Hauptgeb\u00e4ude der Uni war verschwunden. Wo es einst gestanden\nhatte, k\u00fcndete nun eine gigantische, weitr\u00e4umig abgesperrte\nBaugrube von der Dimension des Protzbaus, den man bis zum Sp\u00e4tsommer\nhier errichten wollte. Wie zum Ausgleich war die Kanalbaustelle, die\nim Sommer die Durchgangsstra\u00dfe an der Westseite des Uni-Gel\u00e4ndes\nauf mehreren Kilometern L\u00e4nge unpassierbar gemacht hatte, unter\neiner neuen Stra\u00dfendecke verschwunden.<br>Und doch waren diese\nWinterwochen eine neue Erfahrung f\u00fcr Anna. Das erste Mal im Leben\nwar es ihr m\u00f6glich, alles um sich herum los zu lassen und sich in\neiner Besch\u00e4ftigung zu versenken, die vom Hobby zur Leidenschaft\ngeworden war. Anfangs ertappte sie sich wiederholt dabei, wie sie\nungl\u00e4ubig in ihren Kalender schaute, um abzusch\u00e4tzen, wie viele\nWochen ihr noch blieben, bis dieser \u201eUrlaub\u201c wieder vorbei sein\nw\u00fcrde.<br>Es dauerte&nbsp;eine Weile, bis ihr Innerstes begriffen\nhatte, dass sie die kostbare Zeit f\u00fcr ihre Lieblingsbesch\u00e4ftigung\nnun nicht mehr in einzelnen Stundenintervallen aus einem mit\nberuflichen und sonstigen Verpflichtungen voll gepackten Alltag\nheraus quetschen musste. Aber dann entspannte sie sich zusehends und\nbegann, sich immer unbek\u00fcmmerter mit dem Unterrichtsstoff voll zu\nsaugen wie ein ausged\u00f6rrter Schwamm, der endlich seinen Weg ins\nWasser gefunden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nWeihnachten\nkam und verging, ohne dass Anna viel Notiz davon genommen h\u00e4tte.\nWeder f\u00fcr die Chinesen noch f\u00fcr die anderen Ostasiaten hatte dieses\nFest eine Bedeutung. Sie kannten es und in einigen der gro\u00dfen\nKaufh\u00e4user gab es unglaublich kitschige Weihnachts\u00addekoration zu\nkaufen. Am ersten Weihnachtstag fehlten die meisten westlichen\nStudenten im Unterricht, das war auch schon alles, was man auf dem\nCampus von Weihnachten mitbekam. F\u00fcr Anna ersch\u00f6pfte sich die\nBesch\u00e4ftigung damit in ein paar Telefonaten mit Freunden und\nVerwandten daheim in Deutschland. Der im Westen \u00fcbliche monatelange\nWeihnachtsrummel war ihr in den letzten Jahren ohnehin nur noch\nangewidert. Diese Uni hier schien ein idealer Ort zu sein, wenn man\ndem entfliehen wollte. \u00c4hnlich lief es an&nbsp;Silvester und\nNeujahr.<\/p>\n\n\n\n<p>\nUnd\ndanach nahm der Pekinger Winter die Stadt mit Temperaturen bis minus\nachtzehn Grad und einem kr\u00e4ftigen Nordwestwind erst so richtig in\ndie Zange. Die Menschen reduzierten ihre Ausfl\u00fcge nach drau\u00dfen auf\nein Minimum und wenn sie doch einmal vor die T\u00fcr mussten, stach der\nstaubtrockene Steppenwind ihnen mit winzigen Eisnadeln in die Wangen.\nW\u00e4hrend er nachts heulend durch die Hochhausschluchten fegte,\nverwandelte er die Erde zu Staub und d\u00f6rrte die Vegetation so\ngnadenlos aus, dass jegliche Farbe aus ihr entwich. Der Gegensatz zu\ndem feucht\u00adhei\u00dfen Sommermonsun mit seinen t\u00e4glichen\nsintflutartigen Regeng\u00fcssen, den Anna im August hier erlebt hatte,\nh\u00e4tte gr\u00f6\u00dfer kaum sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAuch\nAnna vermied Abstecher nach drau\u00dfen so weit es ging. Nur einmal\nmachte sie sich in dieser Zeit auf, um in einem der neuen\nRiesenkaufh\u00e4user in der Innenstadt Bohnenkaffee samt einer M\u00fchle\nund Filter zu erwerben. Immer noch galt Kaffee in Peking als\nexotisches Getr\u00e4nk, das fast nur von Ausl\u00e4ndern konsumiert wurde.\nIn den gro\u00dfen Einkaufsstra\u00dfen gab es Starbuck&#8217;s Coffeeshops und auf\ndem Campus verkaufte das Ausl\u00e4nderkaffee seinem s\u00fcndhaft teuren\nCoffee to Go. In den Kaufh\u00e4usern und Superm\u00e4rkten der n\u00e4heren\nUmgebung suchte man jedoch vergeblich nach abgepacktem Kaffee und die\nUtensilien, die man f\u00fcr seine Zubereitung brauchte, fehlten erst\nrecht.<br>Den entscheidenden Hinweis auf die Stecknadel im Heuhaufen\nerhielt Anna schlie\u00dflich von der Wohnheim\u00admanagerin. In der\nLebensmittelabteilung des Kaufhauses angekommen war Anna freudig\n\u00fcberrascht, dort \u00fcber f\u00fcnfzehn Kaffeesorten sowie M\u00fchlen und\nFilter in verschiedener Ausfertigung im Angebot zu finden. Nichts\ndavon war billig, aber von guter Qualit\u00e4t. Wenn sie dagegen\nrechnete, wie viel Geld sie f\u00fcr Coffee to Go auszugeben pflegte,\nlohnte sich die Investition in kurzer Zeit.<br>Und so war es an\ndiesem Abend ausnahmsweise einmal Anna, die mit mehreren Kilo Kaffee,\neiner elektrischen M\u00fchle, einem Filterbecher und Filterpapier auf\nVorrat voll bepackt an der breit grinsenden Wohnheim\u00admanagerin\nvorbei durchs Foyer des Wohnheims ging.<br>Auf Annas Stockwerk zog\nnachmittags nun \u00f6fters der Duft frisch gebr\u00fchten Kaffees \u00fcber den\nFlur. Und wenn Anna sich mit dem dampfenden Becher an ihren kleinen\nSchreibsekret\u00e4r setzte um sich in das t\u00e4gliche Hausaufgabenpensum\nzu st\u00fcrzen, konnte sie hin und wieder die zufriedene W\u00e4rme sp\u00fcren,\ndie sie seit ihrem Abflug aus Deutschland nicht mehr verlassen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Mauern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nJanuar begann f\u00fcr Anna mit einem Erfolgserlebnis. Langsam und von\nihr zun\u00e4chst unbemerkt hatte ihr nach wie vor ungebrochener\nLerneifer Fr\u00fcchte zu tragen begonnen. Und eines Tages gelang es ihr,\neinen ersten kleinen Aufsatz auf Chinesisch zu verfassen. Als Thema\nwar die Frage: \u201eIst die Anwendung der Pr\u00fcgelstrafe in der Schule\ngut f\u00fcr die Sch\u00fcler?\u201c vorgegeben worden. Anna war \u00fcber das Thema\nzun\u00e4chst erstaunt. War diese Frage nicht schon vor Jahrhunderten\nabschlie\u00dfend beantwortet worden? Aber wie wirkte sie auf die anderen\nStudenten?<br>Die Aufs\u00e4tze der Studenten sollten am n\u00e4chsten\nUnterrichtstag als Aufh\u00e4nger f\u00fcr eine Diskussion mit der ganzen\nKlasse verwendet werden. Und das versprach spannend zu werden, gab es\nin der Klasse doch Studenten aus Japan, Korea, Australien, den USA,\nItalien und Deutschland. Bei der Vorbereitung fiel es Anna schwer,\nihre Aussagen in so schlichte S\u00e4tze zu verpacken, dass ihr\nChinesisch gerade noch ausreichte, um sie ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen. Sie\nrang mit dieser Herausforderung bis sp\u00e4t in den Abend hinein, um\ndann todm\u00fcde aber zufrieden ins Bett zu fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nn\u00e4chsten Morgen wurden die Aufs\u00e4tze zun\u00e4chst der Reihe nach\nvorgelesen und von der Lehrerin sprachlich korrigiert. Zu einigen\nsehr typischen Fehlern gab es au\u00dferdem detailliertere Erkl\u00e4rungen.\nJe nach Muttersprache waren die Schwierigkeiten der Studenten ganz\nunterschiedlich gelagert und Anna fand es spannend zu beobachten, wie\nsich ihre Herkunftskultur in ihrem Umgang mit dem Chinesischen\nspiegelte.<br>Den Japanern fiel das Lesen und Schreiben leicht, da in\nihrem Land eine \u00e4hnliche, teilweise noch kompliziertere Schrift im\nEinsatz ist. Aber mit der Aussprache taten sie sich enorm schwer. Bei\nden Koreanern lag der Fall eher umgekehrt. W\u00e4hrend ihnen die\nAussprache kaum Probleme bereitete, brachten sie beim Lesen und\nSchreiben nur ein Grundwissen mit, um das die Westler wiederum sie\naber nur beneiden konnten. F\u00fcr letztere war die Schrift so etwas wie\neine chinesische Mauer im \u00fcbertragenen Sinne, die sie jeden Tag aufs\nneue zu erklettern hatten. Ging es jedoch darum, das bisher Gelernte\nin gesprochene Sprache umzusetzen, so fiel es den Westlern meist am\nleichtesten, ihre Gedanken auszudr\u00fccken und sich den anderen\nmitzuteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nDiskussion des Aufsatzthemas stand nach der Pause an und zur\n\u00dcberraschung der Studenten gesellte sich zu Beginn ein weiterer\nLehrer zur Klasse. Er stellte sich als Forschungs\u00addozent vor, der\nsich auf die Erforschung der Auswirkungen verschiedener\nUnterrichts\u00admethoden auf den Lernerfolg der Studenten\nspezialisiert hatte. Er sagte, er sei sehr interessiert daran zu\nerfahren, ob Pr\u00fcgelstrafen in den Herkunftsl\u00e4ndern der Studenten\nzum Einsatz k\u00e4men und was die Studenten davon hielten.<br>Wie so\noft, ergriff die Amerikanerin als erste das Wort. \u201eIch bin\nselbst&nbsp;Lehrerin f\u00fcr Mathematik an einer Highschool\u201c begann\nsie. \u201eIn den USA ist die Pr\u00fcgelstrafe in vielen Bundesstaaten noch\nerlaubt und sie kommt auch zu Anwendung. In der Regel sind die Eltern\ndamit einverstanden.\u201c Anna war ein wenig schockiert, denn von der\nAmerikanerin hatte sie eine solche Aussage nicht&nbsp;erwartet.<br>Der\nForschungsdozent wollte es genau wissen und fragte, wann die\nPr\u00fcgelstrafen vergeben und wie sie ausgef\u00fchrt w\u00fcrden. \u201eMeist\nwerden Schl\u00e4ge mit einem Brett oder Paddel verabreicht. Sehr beliebt\nist es auch, den Sch\u00fcler zwischen einer Strafarbeit und den Schl\u00e4gen\nw\u00e4hlen zu lassen. Anl\u00e4sse f\u00fcr die Pr\u00fcgelstrafe sind schwerere\nRegelverletzungen wie unerlaubtes Verlassen des Klassenzimmers,\nHausaufgabenverweigerung oder \u00e4hnliche Missetaten.\u201c &#8211; \u201eHast Du\nselbst auch schon Sch\u00fcler geschlagen?\u201c wollte der australische\nStudent nun wissen. \u201eNein, noch nie. Zum einen komme ich aus einem\nBundesstaat, in dem die Pr\u00fcgelstrafe inzwischen verboten ist.\nAu\u00dferdem halte ich pers\u00f6nlich auch nichts davon. Ich glaube, dass\nes die Beziehung zwischen Lehrern und Sch\u00fclern belastet und den\nSch\u00fclern dadurch mehr schadet als nutzt.\u201c&nbsp; Der Australier\nnickte zustimmend. \u201eBei uns sind Pr\u00fcgelstrafen in der Schule im\nganzen Land verboten.\u201c fuhr er&nbsp;dann&nbsp;fort. \u201eAber es gibt\nEltern, die ihre Kinder zu Hause schlagen. Gott sei Dank habe ich\nselbst so etwas nie erleben m\u00fcssen\u201c schloss er<br>&nbsp;\u201eSo ist\nes bei uns auch\u201c erg\u00e4nzte Anna. \u201eIn der Schule ist das Pr\u00fcgeln\nlandesweit verboten, aber zu Hause schlagen viele Eltern ihre Kinder\nnach wie vor.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eAuch\nbei uns ist die Pr\u00fcgelstrafe in der Schule offiziell verboten, aber\nsie wird h\u00e4ufig eingesetzt, und das ist auch richtig so!\u201c meldete\nsich unvermittelt die japanische Studentin&nbsp;zu Wort, um dann mit\nNachdruck zu erg\u00e4nzen: &#8222;Das&nbsp;h\u00e4rtet die Sch\u00fcler ab und\nhilft ihnen, Selbstdisziplin zu entwickeln. Ohne Schl\u00e4ge werden sie\nweich und lernen schlecht.\u201c<br>\u00dcberrascht wanderten die Blicke der\nanderen zu ihr hin\u00fcber. Weder japanische noch koreanische Studenten\npflegten in der Klasse aus eigenem Antrieb das Wort zu ergreifen. Sie\nbeantwor\u00adteten die an sie gestellten Fragen, wenn die Lehrer sie\ndazu aufforderten, um dann f\u00fcr den Rest der Unterrichtszeit wieder\nzu verstummen.<br>Diese Japanerin war erkennbar \u00e4lter als die\nmeisten Studenten der Klasse und daf\u00fcr bekannt, dass sie sich mit\nnichts anderem als dem Lernen besch\u00e4ftige. Immer erschien sie\nbestens vorbereitet zum Unterricht, aber auch in den Pausen sah man\nihre zierliche Gestalt mit dem zum Dutt hochgesteckten Haar und der\ndick verglasten Hornbrille in ihre B\u00fccher versunken im\nUnterrichtsraum sitzen. In der Regel ignorierte sie ihre Umwelt\nv\u00f6llig und wurde nur nach Unterrichtsende aktiv, wenn sie mit\nunterw\u00fcrfigen Trippelschritten zu den Lehrern eilte, um diese mit\nspeziellen Fragen zum Unterrichtsstoff zu best\u00fcrmen. Davon abgesehen\nschien sie keinerlei Kontakte zu pflegen, auch nicht zu dem anderen\njapanischen Studenten in der Klasse.<br>Es war nicht zu \u00fcbersehen,\ndass die \u201ejapanische Jungfer\u201c, wie Anna sie im Stillen getauft\nhatte, von allen in der Klasse am schnellsten dazu lernte. Davon\nabgesehen war sie f\u00fcr Anna jedoch ein R\u00e4tsel. \u201eWie eine alte Frau\nbeim Rosenkranz beten&#8230; Wenn ich so lernen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich binnen\neiner Woche durchdrehen&#8230; \u201c dachte sie manchmal, wenn sie aus der\nPause in den Unterrichtsraum zur\u00fcck kam und die einsame Gestalt dort\nvor sich&nbsp;hin murmelnd Vokabeln rezitieren sah.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eBist\nDu selbst von Deinen Lehrern geschlagen worden?\u201c wollte der\nForschungsdozent nun von der Japanerin wissen. \u201eNat\u00fcrlich!\u201c\nantwortete diese mit unverhohlenem Stolz im Unterton, um dann\nnachzusetzen: \u201eMir hat es geholfen hart zu werden und deshalb bin\nich meinen Lehrern dankbar daf\u00fcr dass sie mich geschlagen\nhaben.\u201c<br>\u201eWie kann man stolz darauf sein, dass man geschlagen\nwurde?\u201c Anna konnte sich gerade noch beherrschen, mit dieser Frage\nnicht laut heraus zu platzen. Pr\u00fcgel als fragw\u00fcrdige\nDisziplinar\u00adma\u00dfnahme zu diskutieren, das war eine Sache. Aber\nPr\u00fcgel als heilsame Kneippkur f\u00fcr Kinderseelen hin zu stellen, war\nda die Grenze zur Perversion nicht schon l\u00e4ngst \u00fcberschritten? Auch\nden anderen Westlern schien die unerwartete Kompromisslosigkeit, mit\nder die Japanerin sich ge\u00e4u\u00dfert hatte, vor\u00fcbergehend die Sprache\nverschlagen zu haben und so herrschte einige Sekunden lang Schweigen\nim Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eUnd\nwie ist es an Deiner Schule?\u201c wandte sich die Lehrerin nun an einen\nder Koreaner. \u201eBei uns ist es \u00e4hnlich wie in Japan.\u201c kam die\neinsilbige Antwort.<br>\u201eDa ich selbst Lehrerin bin, w\u00fcrde ich\ngerne wissen, welche Haltung Sie beide zur Pr\u00fcgelstrafe haben.\u201c\nWieder war es die Amerikanerin, die als erste Worte fand. Der\nForschungs\u00addozent schaute verdutzt zur Lehrerin hin\u00fcber, als\nh\u00e4tte er nicht erwartet, dass Studenten die Lehrer nach ihrer\nMeinung fragen k\u00f6nnten. Die schien mit einer solchen Situation aber\ngerechnet zu haben. \u201eIn China wird die Pr\u00fcgelstrafe in der Schule\nebenfalls eingesetzt, an Universit\u00e4ten ist sie jedoch nicht \u00fcblich.\nUnsere Kultur ist in diesem Punkt der Kultur der Japaner und Koreaner\n\u00e4hnlich. Aber mittlerweile gibt es bei uns einige Leute, die Zweifel\nan dieser Methode haben und auch in der \u00d6ffentlichkeit wird das\nThema zur Zeit diskutiert.\u201c wich sie eloquent aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eIst\nder Unterricht hier sehr verschieden vom Unterricht an typischen\nchinesischen Universit\u00e4ten?\u201c wollte Anna nun von ihr wissen. Die\nLehrerin \u00fcberlegte einen Moment. \u201eWir m\u00fcssen versuchen, allen\nStudenten gerecht zu werden und gehen Kompromisse ein. Die\nUnterrichts\u00admethoden h\u00e4ngen bei uns aber auch sehr vom einzelnen\nLehrer ab, insbesondere davon, ob er schon Auslandserfahrungen\nsammeln konnte oder nicht.\u201c meinte sie dann. \u201eHaben Sie selbst\ndenn im Ausland studiert?\u201c fragte der Australier. \u201eJa, ich habe\ndrei Jahre an einer amerikanischen Universit\u00e4t studiert.\u201c Anna\nwunderte es nun nicht mehr, dass diese Lehrerin sehr gut mit den\nwestlichen Studenten zurecht kam. Davon abgesehen war Anna jedoch\nschon bei ihrem ersten Sprachkurs hier aufgefallen, dass chinesische\nUniversit\u00e4ten Schulen waren und keine Universit\u00e4ten im klassischen\nSinn. Diese Universit\u00e4t hier schien aber so etwas wie ein\np\u00e4dagogisches Versuchslabor zu sein, experimentelle\nUnterrichtseinheiten f\u00fcr Forschungsdozenten eingeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAb\nMitte Januar kam langsam das chinesische Neujahrsfest in Sicht. Der\nchinesische Neujahrstag w\u00fcrde auf den 1. Februar fallen und das\nmehrere Tage dauernde chinesische Fr\u00fchlingsfest einl\u00e4uten.<br>Was\nAnna mittlerweile jedoch viel mehr herbeisehnte als das Fest, das\nwaren die drei Wochen Ferien, die ihm folgten. Denn seit einiger Zeit\nmachten ihr Erm\u00fcdungs\u00aderschei\u00adnungen beim Lernen zu\nschaffen. Nachmittags fiel es ihr zunehmend schwer, sich f\u00fcr das\nt\u00e4gliche Hausaufgabenpensum zu motivieren. Morgens wachte sie wie\nger\u00e4dert auf und brauchte bis nach der ersten Pause, um ganz wach zu\nwerden.<br>Es war jedoch nicht nur der Umfang des Lernpensums, der\nseinen Tribut&nbsp;einzufordern begann. Die Ausl\u00e4nderklassen waren\nneu zusammengesetzt worden, au\u00dferdem hatten zwei der drei Lehrer\ngewechselt. Aus der vorigen Klasse waren lediglich die Amerikanerin,\nder Australier und die \u201ejapanische Jungfer\u201c \u00fcbrig geblieben, was\nAnna sehr schade fand. Ohnehin war es ihr ein R\u00e4tsel, warum diese\nUmorganisation so kurz vor dem Semesterende vorgenommen worden war.\nMit Hinweis auf die zum Semesterende anstehenden Abschlusspr\u00fcfungen\nwurde nun auch noch&nbsp;das Tempo, mit dem der Stoff durchgenommen\nwurde, sp\u00fcrbar erh\u00f6ht. Anna konnte nur noch mithalten, indem sei\nfast ganz auf Freizeit verzichtete. Diese Strategie hatte jedoch\nihren Preis, wie sich bald herausstellte.<br>Eines Morgens bemerkte\nsie zu Unterrichtsbeginn, dass sie am Vortag versehentlich ganz\nandere Texte vorbereitet hatte, als die, die heute durchgenommen\nwerden sollten. Bald konnte sie dem Unterricht nur noch mit M\u00fche\nfolgen und nach einer halben Stunde gab sie es ganz auf. Sie lehnte\nsich zur\u00fcck und begann, das Geschehen um sie herum von der\nZuschauerbank aus zu betrachten.<br>Sie schien nicht die einzige zu\nsein, die sich heute schwer tat, im Gegenteil. Eine dumpfe M\u00fcdigkeit\nherrschte im Raum, an der eine der beiden neu in die Klasse\ngekommenen Lehrerinnen sich mit zunehmender Ungeduld abarbeitete.\nEinzig der Australier hing gelassen auf seinem Stuhl und machte den\nEindruck als h\u00e4tte er&nbsp;sich schon l\u00e4nger aufs Zuschauen\nverlegt. Er&nbsp;l\u00e4chelte Anna freundlich zu, als ihr umher\nschweifender Blick den seinen traf. Die Amerikanerin war gar nicht\nerst zum Unterricht erschienen. Nur&nbsp;die \u201ejapanische Jungfer\u201c\nwar wie immer bestens vorbereitet und nutzte die Gunst der Stunde, um\ndie Situation in einen Einzelunterricht umzuwandeln.<br>Zu Beginn der\nzweiten Stunde besserte die Stimmung sich nicht, im Gegenteil. Unruhe\nbegann sich in die anf\u00e4ngliche Lethargie einzuschleichen und als die\nLehrerin mit dem Versuch scheiterte, zur Abwechslung einmal von einer\nKoreanerin eine Antwort zu erhalten, kippte ihre Ungeduld pl\u00f6tzlich\nin etwas um, das Anna an dieser \u201eUniversit\u00e4t\u201c bisher noch nicht\nerlebt hatte.<br>Mit schriller Stimme begann die Lehrerin, die auf\nihrem Sitz erstarrte Koreanerin vor der gesamten Klasse abzukanzeln.\nSie warf ihr vor, sich nicht anzustrengen und verwies wiederholt auf\ndie \u201ejapanische Jungfer\u201c, die Dank ihres vorbildlichen Einsatzes\ndie gr\u00f6\u00dften Fortschritte von allen erziele. Damit begann sie, ihre\nKritik auf den Rest der Klasse auszudehnen, warf den Studenten\nFaulheit vor und drohte damit, dass die Abschlusspr\u00fcfungen am\nSemesterende schlecht ausfallen w\u00fcrden und alle blamiert seien, wenn\nes so weiter ginge.<br>An dieser Stelle stand der Australier mit\nfreundlichem L\u00e4cheln auf. W\u00e4hrend aller Augen auf ihn gerichtet\nwaren, packte er in Seelenruhe seine Sachen in den Rucksack, ging zur\nT\u00fcr, gr\u00fc\u00dfte in die Runde und lie\u00df die T\u00fcr hinter sich zufallen.\nDie Lehrerin verstummte mitten im Satz, w\u00e4hrend die \u00fcbrig\ngebliebenen Studenten perplex hinter ihren Tischen sa\u00dfen.<br>Anna\nschien es, als sei der Teint der Lehrerin um ein paar Nuancen blasser\ngeworden. Nach einigen qu\u00e4lend langen Augenblicken r\u00e4usperte sie\nsich, gab der Klasse ein paar \u00dcbungsaufgaben zur Besch\u00e4ftigung auf\nund verlie\u00df eilig den Raum. Es dauerte \u00fcber eine Viertelstunde, ehe\nsie wieder erschien, um sich dann mit dem Abarbeiten der Aufgaben bis\nzur Mittagspause durch zu hangeln. Zu dem, was vorgefallen war,\nverlor sie kein einziges Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnna\nnahm diese Erfahrung zum Anlass, ihr eigenes Verh\u00e4ltnis zum Lernen,\nzu dieser Art des Unterrichts und zu dem Pr\u00fcfungsstress zu\n\u00fcberdenken, der hier offensichtlich zielgerichtet aufgebaut wurde.\nWar es das, wof\u00fcr sie zwei Jahre lang gespart, ihren Job gek\u00fcndigt\nund hierher gekommen war? Sicher nicht. Hatte sie nicht schon viel zu\nlange versucht, sich an etwas anzupassen, das ihr mehr schadete als\nnutzte? Und war der Versuch, sich als gestandene Frau nach einigen\nJahren Berufserfahrung an den Unterrichtsstil einer asiatischen\nPaukschule anzupassen nicht von vorneherein zum Scheitern\nverurteilt?<br>Wenn es ihr nicht bald gelang, die ganze Sache\nlockerer anzugehen und weniger wichtig zu nehmen, so w\u00fcrde ihre\nMotivation zum Weitermachen wohl ganz erlahmen, das sp\u00fcrte sie\ndeutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAn\ndiesem Nachmittag r\u00fchrte Anna kein Buch mehr an. Statt dessen machte\nsie sich auf den Weg in das kleine Caf\u00e9, das es auf dem Campus gab.\nSie war schon lange nicht mehr hier gewesen und als sie sich mit dem\nBecher in der Hand in dem gut gef\u00fcllten Raum nach einem Platz umsah,\nentdeckte sie, dass auch die Amerikanerin und der Australier schon\nher gefunden hatten.<br>Die beiden winkten ihr zu und als sie sich zu\nihnen setzte, war der Vorfall vom heutigen Vormittag sofort\nGespr\u00e4chsthema. \u201eHat die Lehrerin nachtr\u00e4glich zu Dir noch etwas\ngesagt, als ihr drau\u00dfen wart?\u201c wollte Anna vom Australier wissen.\n\u201eNein, sie ist ohne mich eines Blickes zu w\u00fcrdigen an mir vorbei\ngelaufen, fast schon gerannt ist sie&#8230;\u201c meinte er nachdenklich.\n\u201eHm, als sie dann wieder in die Klasse zur\u00fcck kam sagte sie auch\nzu uns kein Sterbenswort.\u201c erg\u00e4nzte Anna.<br>\u201eWisst ihr, mir war\nschon nach der ersten Stunde, die diese Lehrerin bei uns gegeben hat,\nklar, dass sie keine gute Lehrerin ist.\u201c sagte die Amerikanerin.\n\u201eSie hatte von Anfang an die Neigung, die Studenten bei jedem\nAnlass zu kritisieren und ich hatte den Eindruck, dass sie sich\nst\u00e4ndig beherrschen muss, damit die Kritiksucht nicht noch mehr mit\nihr durchgeht. Ich bin ihrem Unterricht seither fern geblieben.\u201c &#8211;\n\u201eIch glaube, das werde ich ab heute auch tun.\u201c nickte der\nAustralier zustimmend. \u201eMeinst Du ihr Unterrichtsstil ist f\u00fcr\nchinesische Verh\u00e4ltnisse normal?\u201c wollte Anna von der Amerikanerin\nwissen. \u201eDa kann ich nur mutma\u00dfen&#8230;&nbsp;Vielleicht k\u00e4me sie an\neiner durchschnittlichen chinesischen Schule sogar zurecht damit.\nChinesische Sch\u00fcler lassen sich ja sehr viel gefallen, wie ich\ngeh\u00f6rt habe. Aber in einem Punkt bin ich mir sicher: eine gute\nLehrerin ist sie nicht. Ich glaube sie hat einfach den falschen Beruf\ngew\u00e4hlt.\u201c &#8211; \u201eNun, solche Lehrer gibt es wohl in allen L\u00e4ndern\nder Welt&#8230;\u201c Anna war nachdenklich geworden. \u201e&#8230;Und in gewisser\nHinsicht lernt man von diesen manchmal mehr als von den anderen.\u201c &#8211;\n\u201eWie meinst Du das denn?\u201c fragte die Amerikanerin. \u201eIch glaube\nich werde mich in den kommenden Tagen mal drum k\u00fcmmern, wo ich in\nden Semesterferien hinreisen will. Es sind ja nur noch zwei Wochen\nbis dahin, Zeit, ein paar Vorbereitungen zu treffen, Lehrer hin,\nPr\u00fcfungen her.\u201c &#8211; \u201eHast Du schon eine Idee wo es hingehen soll?\u201c\n&#8211; \u201eMich zieht es ans Meer, Qingdao, vielleicht von da aus dann noch\nweiter nach S\u00fcden&#8230;\u201c &#8211; \u201eJa, es wird h\u00f6chste Zeit, dass wir\nwieder auf andere Gedanken kommen!\u201c stimmten die andern beiden ihr\nlachend zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Taumel\nin den Mai<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nAufenthalt in Qingdao brachte Anna auf andere Gedanken. Sie wohnte in\neinem kleinen Hotel in der N\u00e4he einer Villengegend aus der deutschen\nKolonialzeit und verbrachte die ersten Tage damit, das Viertel zu\nerkunden. Die alten Villen, Kirchen und Wohnh\u00e4user waren in ihrer\nurspr\u00fcnglichen Gestalt und Anordnung erhalten, einige waren gut in\nSchuss, die meisten hatten aber eine Sanierung n\u00f6tig. Kurz nach der\nWende war Anna einmal durch das ber\u00fchmte Dresdner Villenviertel\n\u201eWei\u00dfer Hirsch\u201c gewandert und w\u00e4hrend sie \u00fcber das Qing\u00addaoer\nKopf\u00adstein\u00adpflaster ging, das auch hier viele Stra\u00dfen\nbedeckte, wurde der Eindruck eines D\u00e9ja-vu mit jedem Schritt\nm\u00e4chtiger.<br>War damals im \u201eWei\u00dfen Hirsch\u201c nicht auch gerade\nVorfr\u00fchling gewesen? Die Erinnerung daran vermischte sich mit den\nEindr\u00fccken des Augenblicks und verwirrten Annas Gef\u00fchl f\u00fcr den\nOrt, an dem sie sich befand. Manchmal sah sie eine chinesische\nFamilie aus einem der H\u00e4user kommen oder chinesische Rentner, die in\neiner kleinen Gr\u00fcnanlage die ersten Sonnenstrahlen genossen und war\ndankbar f\u00fcr diese Orientierungshilfe. Und manchmal musste sie den\nBlick bewusst auf die chinesischen Stra\u00dfenschilder oder eines der\nhin und wieder an den Mauern angebrachten Plakate heften, um nicht\nins Trudeln zu geraten.<br>Bis dahin war Anna noch nie aufgefallen,\nwelch tiefen Eindruck Geb\u00e4udearchitektur und Gestaltung von Stra\u00dfen\nund Pl\u00e4tzen auf die Menschen macht, die sich darin aufhalten. Je\nmehr sie jetzt ihre eigene Empf\u00e4nglichkeit daf\u00fcr wahr zu nehmen\nbegann, desto mehr kam sie ins Gr\u00fcbeln dar\u00fcber, welchen Einfluss so\ngenannte moderne Architektur wohl auf die Menschen aus\u00fcben mochte.\n\u201eWie ver\u00e4ndert es uns, wenn wir uns in zigst\u00f6ckigen Hoch\u00adh\u00e4usern\nin Wohnungen zusammen pferchen, die wie Karnickelst\u00e4lle \u00fcbereinander\ngestapelt sind, oder wenn wir tagt\u00e4glich in Gro\u00dfraumb\u00fcros arbeiten\ngehen, deren Bauweise ausschlie\u00dflich darauf abzielt, Menschen\u00admassen\nkosteng\u00fcnstig als Arbeitstiere zu nutzen? Gehen wir mit uns selbst\nin Sachen Architektur so viel anders um als mit unseren\nNutztieren?\u201c<br>Das Hupen eines Autos fuhr ihr in die Glieder und\nverscheuchte ihre Gedanken. Geistes\u00adab\u00adwesend hatte sie\nbegonnen, die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren und w\u00e4re beinahe von einem\nheran nahenden Santana-Taxi angefahren worden. \u201eUnd hier jetzt\nausgerechnet von einem VW \u00fcberfahren werden, das w\u00e4re doch passend,\noder?!\u201c schimpfte sie sich selbst aus, nachdem der erste Schreck\nvor\u00fcber war.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nalte Hafen war ein weiterer Ort, an dem Anna sich gerne aufhielt. Sie\nschlenderte am Kai entlang, schaute den Leuten beim Angeln oder beim\nMuscheln sammeln zu und genoss den frischen Wind und die Sonne. Eine\nangenehme \u00dcberraschung waren die sich an das Hafenviertel\nanschlie\u00dfenden langen Str\u00e4nde mit dem feinen wei\u00dfen Sand. So etwas\nhatte sie in einer chinesischen Millionenmetropole nicht erwartet,\nauch wenn diese eine K\u00fcstenstadt war. Stundenlang ging sie an den\nfast menschenleeren Str\u00e4nden spazieren, sah den M\u00f6wen zu und lie\u00df\ndie Seele baumeln. Es war jammerschade dass es noch viel zu kalt war\num Schwimmen zu gehen. Andererseits hatte sie die Str\u00e4nde so fast\nf\u00fcr sich allein und blendete die Vorstellung, wie es hier im Sommer\nwohl wimmeln mochte, konsequent aus.<br>Hielt man sich nur in den\nAltstadtvierteln, dem alten Hafen oder an den Str\u00e4nden auf, konnte\nman den Eindruck gewinnen, Qingdao sei eine verschlafene Provinzstadt\nam Meer mit viel Altbausubstanz und touristischem Potential. Umso\ndeutlicher sprang Anna jedoch die Wirklichkeit an, als sie einmal den\nAussichtspunkt auf dem H\u00fcgel erstieg, der sich \u00fcber den\nAltstadt\u00advierteln erhebt. Da war es wieder, das bis an den\nHorizont reichende Beton\u00admeer chinesischer Riesenst\u00e4dte, das die\nst\u00e4dtebaulichen \u00dcberbleibsel einer l\u00e4ngst vergangenen Epoche mit\nseinen Wohnt\u00fcrmen und Wolkenkratzern umzingelte wie der Pazifik ein\nS\u00fcdsee\u00adatoll. Auch die Geb\u00e4ude der Bierbrauerei, die sich nicht\nweit vom H\u00fcgel entfernt aus dem H\u00e4usermeer erhoben, konnten an\ndiesem Eindruck nicht viel \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnna\nnahm eine entspannte Gelassenheit aus Qingdao mit zur\u00fcck nach\nPeking, die sie durch die ersten Wochen an der Uni hindurch trug.\nWieder gab es neue Gesichter in der Klasse, aber die Anzahl der\nWestler war auf zwei geschrumpft. Au\u00dfer Anna war da nur noch Abe,\nein Ameri\u00adkaner aus New York, der sich schon seit \u00fcber einem\nJahr in China aufhielt und mittlerweile mit einer Chinesin liiert\nwar. Der Uni-Alltag aus Unterricht und Lernen hatte Anna wieder, aber\nnun sorgte sie bewusst daf\u00fcr, dass ihre Freizeit nicht zu kurz kam.\nDer Einzug haltende Fr\u00fchling verlockte zu Spritztouren, so dass Anna\nhin und wieder den Unterricht sausen lie\u00df um den Tag statt dessen in\nden weitl\u00e4ufigen Anlagen des Sommerpalasts zu verbringen oder um in\ndie Innenstadt zu fahren. Gelegentlich unternahm sie auch gemeinsam\nmit Abe und seiner Freundin Lin einen Ausflug oder man ging zusammen\nessen. Es hatte sich heraus\u00adgestellt, dass Abe beruflich in der\ngleichen Branche t\u00e4tig gewesen war wie Anna und sich nun ebenfalls\nein Sabbatical g\u00f6nnte. Er stockte seine Finanzen auf, indem er sich\nan der Uni als Hilfsdozent verdingte und Lin arbeitete als Lektorin\ndes universit\u00e4ts\u00adeigenen Verlags ebenfalls auf dem Campus.<br>Annas\nZimmer\u00adgenossin Gong entwickelte sich zur gleichen Zeit\nerstaunlicher Weise in die entgegen gesetzte Richtung. \u201eSeltsam,\nw\u00e4hrend ich dem Lernen immer entspannter gegen\u00fcber stehe, gibt sie\nimmer mehr Gas&#8230;\u201c dachte Anna, als sie Gong bei der R\u00fcckkehr von\neinem ihrer Ausfl\u00fcge wieder einmal \u00fcber B\u00fcchern sitzend im Zimmer\nantraf. Gong schien \u00e4hnliche Gedanken zu hegen. Kurz darauf begr\u00fc\u00dfte\nsie Anna in einer \u00e4hnlichen Situation n\u00e4mlich mit den Worten:\n\u201eAnna, Du k\u00f6nntest ruhig noch \u00f6fter faul sein. Ich kann viel\nbesser lernen, wenn Du nicht so flei\u00dfig bist!\u201c &#8211; \u201eAber gerne\ndoch!\u201c lachte Anna. Wenn es nach ihr gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte das\nJahr auf diese Weise weiter laufen k\u00f6nnen denn sie f\u00fchlte sich\npudelwohl.<\/p>\n\n\n\n<p>\nSeit\nihrer R\u00fcckkehr aus Qingdao hatte Anna hin und wieder Berichte \u00fcber\neine Lungen\u00adkrank\u00adheit aufgeschnappt, die inzwischen von\nHongkong nach Guangdong \u00fcbergesprungen sein sollte. Anfangs\ninteressierte Anna sich nicht allzu sehr daf\u00fcr, sowohl Hongkong als\nauch Guangdong waren weit weg und sie verga\u00df das Geh\u00f6rte meist\nschnell wieder. Chinesische Medien behandelten das Thema gar nicht\nund obwohl Anna davon ausging dass die chinesische Berichterstattung\nvon der Regierung gesteuert wurde, lie\u00df sie sich davon nicht weiter\nbeunruhigen.<br>Dann jedoch bekam sie durch E-Mails und Telefonate\nmit Verwandten und Freunden in Deutschland mit, wie sich ganz langsam\nein immer gr\u00f6\u00dferer Unterschied zwischen der westlichen und der\nchinesischen Berichterstattung \u00fcber SARS, wie die Krankheit von der\nWHO inzwischen genannt wurde, aufbaute. Innerhalb von drei Wochen\nschaukelte die westliche Bericht\u00aderstattung sich hoch, bis SARS\ndort schlie\u00dflich zu einem der wichtigsten Themen avancierte. \u201eDa,\nwo es kein SARS gibt, machen sich die Leute verr\u00fcckt, w\u00e4hrend wir\nhier weitermachen als w\u00e4re nichts.\u201c witzelte Abe, als sie ihn in\neiner Unterrichtspause einmal darauf ansprach. In Bezug auf seine\namerikanische Heimat schien er \u00e4hnliche Erfahrungen zu machen wie\nAnna in Bezug auf ihre deutsche. Die Kluft zwischen der\nsensationsl\u00fcsternen westlichen Berichterstattung und der alles unter\nden Teppich kehrenden chinesischen hatte bald bizarre Ausma\u00dfe\nangenommen. Aber auch Abe und Lin schienen die Sache nach wie vor\ngelassen zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nErste, die unruhig wurde, war Annas Zimmergenossin Gong. Eines Abends\nerz\u00e4hlte sie Anna, ihre Eltern verlangten von ihr, dass sie nach\nThailand zur\u00fcck fl\u00f6ge. Ihre Familie h\u00e4tte Verwandte in Guangdong\nund von diesen h\u00e4tten die Eltern erfahren, dass es dort schon vor\nmehr als sechs Wochen den Ausbruch einer schweren Lungeninfektion mit\n\u00fcber dreihundert F\u00e4llen und einigen Toten gegeben habe. Allerdings\nsei in den dortigen Medien nicht dar\u00fcber berichtet worden. Au\u00dferdem\ng\u00e4be es jetzt auch in anderen s\u00fcdchinesischen Provinzen F\u00e4lle,\n\u00fcber die ebenfalls nicht berichtet werde. Ihre Familie f\u00fcrchte,\ndass die Krankheit sich als Sp\u00e4tfolge der milliarden\u00adfachen\nReisen heim zur Familie, die die Chinesen zum chinesischen\nNeujahrsfest unternommen hatten, in ganz China ausbreiten werde.<br>Anna\nsah auf einmal sich selbst, wie sie sich auf der R\u00fcckfahrt von\nQingdao im \u00fcbervollen Holzklasse-Abteil des Zuges zwischen den\nWanderarbeitern hindurch gequetscht hatte, die mit Sack und Pack\nzur\u00fcck zu ihrer Arbeitsstelle fuhren. Einige waren erk\u00e4ltet gewesen\nund hatten gehustet, vereinzelt wurde auch auf den Boden gespuckt,\nobwohl das strikt verboten war. Trotzdem hatte sie die Fahrt genossen\nohne sich Gedanken \u00fcber ansteckende Krankheiten zu machen. Aber\njetzt ertappte sie sich doch dabei wie sie nachrechnete, ob die\nseither verstrichene Zeit die f\u00fcr SARS vermutete Inkubations\u00adzeit\nschon abgedeckt hatte.<br>\u201eUnd wann willst Du fliegen?\u201c fragte\nsie Gong. \u201eWei\u00dft Du, mir geht es gut hier, ich will gar nicht weg.\nIch werde es hinausz\u00f6gern so lange ich kann. Aber wenn meine Familie\nhart\u00adn\u00e4ckig bleibt, werde ich irgendwann nachgeben m\u00fcssen.\u201c\nkam es nachdenklich zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnnas\nGelassenheit bekam erste Risse. In den folgenden Tagen merkte sie es\ndaran, dass sie unvermittelt an SARS denken musste, wenn sie sich in\nPekinger Busse oder U-Bahn\u00adabteile hinein zw\u00e4ngte. Und daran,\ndass gelegentliches Husten anderer Menschen sie pl\u00f6tzlich alarmierte\nals w\u00e4re es das Angriffsgebell eines tollw\u00fctigen Hundes. \u201eWenn\nder, der da hinten gerade vor sich hin hustet, nun doch keine normale\nErk\u00e4ltung hat&#8230; weder er noch seine Familie noch die Leute, die\njetzt hier im Abteil um ihn herumstehen w\u00fcssten Bescheid&#8230;\u201c\nbeschlich es sie in solchen Momenten. Und sie begann auf ganz\nkonkrete Weise zu lernen was es hei\u00dft, in einem Land zu leben im dem\nes keine Pressefreiheit gibt.<br>Einige Tage sp\u00e4ter erhielt Anna den\nAnruf einer chinesischen Freundin. Die Mutter der Freundin war \u00c4rztin\nin einem chinesischen Milit\u00e4rkrankenhaus und hatte berichtet, dass\nes mittlerweile auch in Peking einzelne F\u00e4lle g\u00e4be. Die Rede war\nvon einer Handvoll. Einige Krankenh\u00e4user waren ange\u00adwiesen\nworden, besondere Hygienema\u00dfnahmen zu ergreifen, was hie\u00df, dass das\nPersonal jetzt Mundschutz und Hygienehandschuhe tragen sollte. So\nsehr dieses Telefonat Anna auch beunruhigt hatte, sie war ihrer\nchinesischen Freundin unendlich dankbar f\u00fcr den Anruf. Und sie\nerfuhr pl\u00f6tzlich am eigenen Leib, warum Beziehungen in China\n\u00fcberlebens\u00adwichtig sind.<br>Schon am n\u00e4chsten Tag wurde in\nwestlichen Medien berichtet, in den USA und in Europa seien erste\nSARS-Verdachtsf\u00e4lle in Spezialkliniken eingeliefert worden. Die WHO\ngehe f\u00fcr China inzwischen von hunderten F\u00e4llen aus. Au\u00dferdem habe\nes schon im November des Vorjahres F\u00e4lle einer neuartigen schweren\nLungen\u00adinfektion in Guangdong gegeben, weswegen man nun annehme,\ndass SARS sich von Guangdong aus \u00fcber Hongkong in den Rest der Welt\nausge\u00adbreitet hatte. Es war genau diese Aussage, die die\nchinesische Presse nun endlich hinter dem Ofen hervor lockte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nTag darauf bezog sie zum ersten mal auf Seite Eins Stellung zu SARS,\naber auf eine f\u00fcr Anna \u00fcberraschende Weise. In der\nenglischsprachigen China Daily war zu lesen, es sei medi\u00adzinisch\nunbewiesen, dass die in Guangdong aufgetretene Lungen\u00aderkrankung\ndie gleiche Krankheit sei, die die WHO SARS nannte. Daher sei die\nBe\u00adhauptung der WHO, dass SARS sich von China aus in den Rest der\nWelt ausgebreitet habe, schlichtweg falsch. Insbesondere seien auch\ndie SARS-Fallzahlen falsch, die von der WHO f\u00fcr China genannt\nwurden, da auch diese Zahlen auf derselben unbewiesenen Annahme\nbasierten.<br>\u201eWie bitte?\u201c fragte sich Anna, als sie das las.\n\u201eIst es im Moment nicht v\u00f6llig zweitrangig, von wo nach wo diese\nSeuche sich ausgebreitet hat und wie sie hei\u00dft?\u201c Kein Wort zur\nAusbreitung der Krankheit in der Bev\u00f6lkerung, keine Information \u00fcber\nF\u00e4lle au\u00dferhalb Guang\u00addongs, kein Hinweis, wie man sich vor\nAnsteckung sch\u00fctzte oder welche Ma\u00dfnahmen zur Seuchen\u00adbek\u00e4mpfung\ndie chinesische Regierung plante war dem Artikel zu entnehmen. Selbst\nwenn die Guangdonger Lungenkrankheit sich wirklich als etwas anderes\nals SARS entpuppen sollte, w\u00e4ren solche Infor\u00admationen f\u00fcr die\nBev\u00f6lkerung wichtig gewesen, fand Anna. Aber lang und breit ging es\nin dem Artikel ausschlie\u00dflich darum zu beweisen, dass SARS nicht in\nChina seinen Anfang genommen haben konnte. Auch in der\nchinesisch\u00adsprachigen Presse ging es um nichts anderes, wie Anna\nkurz darauf erfahren sollte. Der Gesichts\u00adverlust, den eine sich\nvon China aus in die Welt ausbreitende Suche bedeutete, blockierte\nauf chinesischer Seite offensichtlich jegliche Vernunft. Noch ahnte\nAnna nicht, wie lang die chinesische Presse diese Art der\nBerichterstattung aufrecht erhalten sollte.<br>Mit zunehmender\nFassungslosigkeit musste sie zuschauen, wie die WHO China wochenlang\nmit ihren Berichten vor sich her trieb, ohne dass dies an Chinas\nBlockadehaltung auch nur das Geringste ge\u00e4ndert h\u00e4tte. W\u00e4hrend\nimmer deutlicher wurde, dass eine globale SARS-Epidemie ohne eine\nKooperation Chinas nicht in den Griff zu bekommen w\u00e4re, vergrub sich\ndie chinesische Presse t\u00e4glich tiefer in der Er\u00f6rterung der aus\nAnnas Sicht belanglosen Frage, ob SARS nun in Hongkong oder Singapur\nzuerst ausgebrochen war. Und f\u00fcr den Aufbau der f\u00fcr die globale\nSARS-Bek\u00e4mpfung so wichtigen Kooperation zwischen China und dem Rest\nder Welt gingen wertvolle Wochen verloren.<br>Die in allen\nChina-Reisef\u00fchren gebetsm\u00fchlenartig wiederholte Aussage, dass\nGesichtswahrung den Chinesen um viele Dimensionen wichtiger sei als\nLeuten aus westlichen Kulturen, bekam in dieser Zeit eine handfeste\nBedeutung f\u00fcr Anna. \u201eH\u00e4tte man von Leuten, die als offizielle\nVertreter einer internationalen Organisation wie der WHO auftraten,\nin diesem wohl bekannten Punkt nicht ein etwas sensibleres Verhalten\nerwarten k\u00f6nnen?\u201c fragte sie sich, wenn sie wieder einmal\nvergeblich in der chinesischen Presse nach einer Wende Ausschau\ngehalten hatte. So wenig sie das Verhalten der chinesischen Seite gut\nhei\u00dfen konnte, sie \u00e4rgerte sich auch \u00fcber die diplomatische\nUnprofessionalit\u00e4t der WHO-Leute.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAuf\nPekings Stra\u00dfen tauchten allm\u00e4hlich immer mehr Gesichter mit\nAtemschutzmasken auf. Informationen \u00fcber SARS machten also auch in\nder chinesischen Bev\u00f6lkerung die Runde, obwohl die Presse sich\nweiterhin ausschwieg. Auch Anna versuchte, in der nahe gelegenen\nApotheke einen Packen solcher Masken zu erstehen. Aber mehr als 10\nSt\u00fcck war man nicht bereit an sie zu verkaufen, das sei eine\noffizielle Anweisung, wurde ihr erkl\u00e4rt. Verwandte aus Deutschland\nschickten ihr schlie\u00dflich ein Care-Paket voller Atemschutz\u00admasken,\nwas Anna sehr zu sch\u00e4tzen wusste.<br>Bald darauf traten die ersten\nAusl\u00e4nder den R\u00fcckflug in ihre Herkunftsl\u00e4nder an. Lange bevor die\nersten westlichen Regierungen Reisewarnungen f\u00fcr China heraus\ngegeben hatten, waren es amerikanische Manager und ihre Familien, die\nals erste die Koffer packten. Die europ\u00e4ischen Manager hielt es nun\nauch nicht l\u00e4nger und sie folgten ihren amerikanischen Kollegen wie\ndie Lemminge ihren Leittieren.<br>Auf Anna und ihre Mitstudenten\nwirkte das befremdlich. Aber auf die chinesische Regierung schien es\n\u00fcberraschender Weise Eindruck zu machen. Offensichtlich waren die\nsich dahinter abzeichnenden wirtschaftlichen Einbu\u00dfen etwas, das\nnoch schwerer wog als der Gesichts\u00adverlust, den man ohnehin schon\nerlitten hatte. Endlich stimmte China zu, WHO-Experten zur\nErforschung der Guangdonger Lungeninfektion ins Land zu lassen. Als\nein Forscherteam des Hamburger Tropeninstituts schon wenig sp\u00e4ter\n\u00fcber erste Beweise berichten konnte, zeigten sich endlich erste\nRisse in der der chinesischen Mauer des Schweigens und China begann,\nmit der WHO zu kooperieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u00c4u\u00dferlich\nbetrachtet hatte sich im Leben auf dem Campus bis zu diesem Zeitpunkt\nnicht viel ver\u00e4ndert. Der Unterricht wurde nach Plan durch\ngezogen,&nbsp;sogar Klassenfahrten zur chine\u00adsischen Mauer wurden\nunternommen. Von der Universit\u00e4t gab es keinerlei Informationen, die\n\u00fcber das hinaus gingen, was ohnehin in den Medien verbreitet wurde\nund wer bei den Lehrern nach bohrte wurde mit dem Hinweis abgespeist,\ndass das Verbreiten von Ger\u00fcchten uner\u00adw\u00fcnscht sei. Die\nStudenten mussten zusehen, wie sie mit dieser Situation zurecht\nkamen.<br>Erst als auch in der chinesischen Presse die&nbsp;Hinweise\nauf die Ausbreitung von SARS in China ver\u00f6ffentlicht wurden,\nzeigte&nbsp;die Universit\u00e4t ebenfalls eine Reaktion. Die Ma\u00dfnahmen,\ndie Anna in den folgenden Tagen beobachten konnte, bezeugten jedoch\nmehr die Naivit\u00e4t chinesischer Stellen dieser Seuche gegen\u00fcber, als\ndass sie wirklich etwas brachten, au\u00dfer vielleicht einen\nPlaceboeffekt.<br>Die Reinigungskr\u00e4fte begannen, die Flure der\nUniversit\u00e4tsgeb\u00e4ude mehrmals am Tag mit Essigwasser feucht\naufzuwischen. Der Essiggeruch hatte den ganzen Campus bald fest im\nGriff. Eine weitere Ma\u00dfnahme war das Abbrennen von R\u00e4ucherst\u00e4bchen\nzur Luftverbesserung in den Foyers der Geb\u00e4ude und in den B\u00fcros.\nUnd in einem Geb\u00e4ude des Campus, in dem haupts\u00e4chlich chinesische\nStudenten unterrichtet wurden, baute man&nbsp;einen Ausschank f\u00fcr\nchinesische Medizin auf. Neugierig geworden fand auch Anna sich dort\nein. Auf einem provisorischen Tresen standen zwei gro\u00dfe\nElektroplatten mit riesigen Aluminiumbottichen darauf, in denen eine\ndunkle Fl\u00fcssigkeit vor sich hin blubberte. Die Schlange vor dem\nTresen war nicht lang, offensichtlich schienen sich auch die\nchinesischen Studenten nicht allzu viel von dieser Medizin zu\nversprechen. Belustigt stellte Anna sich an. Das Gebr\u00e4u schmeckte\nnicht ann\u00e4hernd so f\u00fcrchterlich wie es aussah und so trank Anna den\nhalben Becher aus, den man ihr eingeschenkt hatte. Einige Zeit sp\u00e4ter\nbemerkte sie, dass es in ihrem Bauch vor sich hin zu gluckern begann.\nDas war jedoch die einzige Wirkung, die sie feststellen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nMitte\nApril begannen die Ereignisse an der Universit\u00e4t unvermittelt Fahrt\naufzunehmen. Die Maifeiertage und die Fr\u00fchlingsferien standen vor\nder T\u00fcr. Am Freitagvormittag, dem letzten Unterrichtstag vor den\nFerien, wurde den Studenten im Unterricht mitgeteilt, dass die ab\nkommender Woche anstehenden Maifeiertage von der Regierung auf einen\neinzigen Tag zusammen\u00adgestrichen worden seien. Dies solle\nverhindern, dass SARS sich durch Reise\u00adaktivit\u00e4ten weiter im\nLand ausbreitete.&nbsp;Auch die Universit\u00e4t k\u00fcrzte die\nnormalerweise zweiw\u00f6chigen Maiferien um eine Woche. Man erwarte die\nStudenten daher schon am \u00fcbern\u00e4chsten Montag wieder zur\u00fcck im\nUnterricht. Au\u00dferdem verlange man von ihnen, sich in der\nZwischenzeit in Peking aufzuhalten und jegliche Reisen innerhalb\nChinas zu unterlassen. Nur Reisen in ihre Heimatl\u00e4nder seien von dem\nReiseverbot ausgenommen.<br>Noch am Nachmittag des gleichen Tages\nerhielt Anna einen Anruf von Abe. Er hatte von Lin erfahren, dass es\neinen ersten SARS-Verdachtsfall an der Uni gegeben hatte. Ein\nWachmann der auf dem Campus ans\u00e4ssigen Filiale der Bank of China war\ntrotz hohen Fiebers zur Arbeit erschienen. Es hatte mehrere Tage\ngedauert, bis Vorgesetzte endlich auf seinen Zustand aufmerksam\nwurden und daf\u00fcr sorgten, dass er ins Krankenhaus kam. Die\nBankfiliale sei mittler\u00adweile geschlossen. Wieder einmal war Anna\num die paar Beziehungen froh, die sie in diesem Land hatte kn\u00fcpfen\nk\u00f6nnen.<br>Am n\u00e4chsten Morgen wurden die Studenten beim Verlassen\nder Wohnheime von den Wohn\u00adheimmanagern abgefangen und darauf\naufmerksam gemacht, dass sich alle vor dem Verwaltungs\u00adzentrum\nauf dem Campus sammeln sollten. Es g\u00e4be neue Anweisungen&nbsp;der\nUniversit\u00e4tsleitung. F\u00fcr Langschl\u00e4fer wie Anna machte man sogar\nRundg\u00e4nge durch die Etagen und trommelte sie durch Rufen und lautes\nKlopfen an die Zimmert\u00fcren aus den Betten. Niemand sollte die\nVer\u00adsamm\u00adlung verpassen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nVor\ndem Verwaltungsgeb\u00e4ude wurden die 4500 ausl\u00e4ndischen Studenten von\neiner F\u00fcnfer\u00adgruppe aus Dozenten und anderen\nUniversit\u00e4tsmitarbeitern erwartet. Eine Dozentin griff zum Megaphon\nund begann, auf Chinesisch vom Blatt abzulesen. \u201eDie Universit\u00e4t\nstellt den Lehr\u00adbetrieb ab sofort bis Ende Juni ein. Wir fordern\nalle ausl\u00e4ndischen Studenten auf, innerhalb der n\u00e4chsten f\u00fcnf Tage\nFlugtickets zu kaufen, zu packen und in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcck zu\nkehren. Morgen wird die Universit\u00e4t den Studenten Zertifikate \u00fcber\nden Besuch der Vorlesungen des angebrochenen Semesters aush\u00e4ndigen\nund ihnen die Studiengeb\u00fchren f\u00fcr das ganze Semester zur\u00fcck\nerstatten. Wir haben die Studenten in Gruppen eingeteilt, um alle\nFormalit\u00e4ten morgen z\u00fcgig durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Wir fordern die\nStudenten auf, sich im Anschluss an diese Versammlung auf den\nAush\u00e4ngen in den Fluren des Verwaltungsgeb\u00e4udes dar\u00fcber zu\ninformieren, zu welcher Zeit sie sich morgen in welchem B\u00fcro\neinfinden m\u00fcssen, um ihr Zertifikat und die\nExmatrikulationsbescheinigung abzuholen.\u201c Die Dozentin machte eine\nkurze Pause und holte tief Luft, um noch eine weitere Anweisung\nnachzuschieben.<br>\u201eWer diesen Empfehlungen nicht folgt, muss statt\ndessen unterzeichnen, dass er allen noch kommenden Anordnungen\nchinesischer Beh\u00f6rden zur Seuchenbek\u00e4mpfung Folge leisten wird.\nDies schlie\u00dft auch die Einwilligung ein, sich in chinesischen\nKrankenh\u00e4usern in Quarant\u00e4ne zu begeben, wenn das notwendig&nbsp;wird.\nIm Namen der Universit\u00e4t entschuldige ich mich bei allen\nausl\u00e4ndischen Studenten f\u00fcr die Unannehmlichkeiten und hoffe, sie\nim n\u00e4chsten Semester wieder hier begr\u00fc\u00dfen zu k\u00f6nnen\u201c. Die\nDozentin trat zur\u00fcck, ein anderer der f\u00fcnf Offiziellen ergriff nun\nauf Englisch das Wort und verlas die Anordnungen erneut. Auf eine\nkoreanische oder eine japanische Version wurde jedoch\nverzichtet.<br>Nachdem die Ansage beendet war, machte sich\naufgeregtes Gemurmel unter den Studenten breit. Ringsum sah man in\nverdatterte und ratlose Gesichter, im ersten Augenblick wusste\nkeiner, wie er reagieren sollte. Dann machten sich die Ersten auf in\ndie Flure des Verwaltungs\u00adgeb\u00e4udes und die Versammlung\nzerstreute sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\nW\u00e4hrend\nAnna sich auf der Suche nach der richtigen Namensliste durch die\nFlure schob, drangen hin und wieder Gespr\u00e4chsfetzen aus den&nbsp;in\nGr\u00fcppchen beisammen stehenden Studenten an ihr Ohr. \u00dcberall ging es\ndarum, wie man die Abreise am schnellsten bewerkstelligen konnte. Die\nOption, unter chinesischer Fuchtel hier zu bleiben, schien niemand\nernsthaft zu erw\u00e4gen, auch Anna nicht. Sie fand das Angebot der\nUniversit\u00e4t fair genug um es annehmen zu k\u00f6nnen. Au\u00dferdem war ihr\nBedarf an Nervenkitzel in den letzten Wochen zur Gen\u00fcge bedient\nworden.<br>Als sie schon wieder auf dem Weg nach drau\u00dfen war, sah\nsie Abe auf eine der Listen an der Wand schauen. \u201eHast Du schon\neine Entscheidung gef\u00e4llt?\u201c fragte sie ihn neugierig. Er war\nsichtlich unschl\u00fcssig. \u201eWenn es nur um mich ginge, w\u00fcrde ich\nnat\u00fcrlich abreisen&#8230; Aber ich m\u00f6chte Lin hier nicht alleine\nlassen. Ihre Familie wohnt in S\u00fcdchina und Lin kann nicht zu ihnen\nfahren, denn auch sie ist vom Reiseverbot betroffen und muss in\nPeking bleiben. Ich muss nachher erst mal mit ihr reden&#8230;\u201c &#8211;\n\u201eVerstehe&#8230; das ist schwierig f\u00fcr Euch&#8230;\u201c meinte Anna. \u201eAuch\nich werde abreisen und mich nachher gleich um Flugtickets k\u00fcmmern.\u201c\nAbe z\u00f6gerte.<br>\u201eBevor Du abfliegst kommst Du aber noch bei uns\nvorbei, dann kochen wir chinesische Maultaschen zum Abschied!\u201c Erst\nda wurde Anna bewusst, dass es ab jetzt wirklich darum ging, Abschied\nzu nehmen. \u201eGerne, lass uns heute Abend kurz telefonieren&#8230;\u201c\nantwortete sie mit belegter Stimme um sich dann verd\u00e4chtig schnell\ndem Ausgang zuzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nn\u00e4chsten Tag staunte Anna nicht wenig \u00fcber das offensichtlich\nsorgf\u00e4ltig im Voraus geplante und gut durchorganisierte Verfahren,\nmit der die Uni die Exmatrikulation aller 4500 ausl\u00e4ndischen\nStudenten im Verlauf eines Vormittags abwickelte. Zuerst gab es\nZertifikate und sonstige Papiere in den B\u00fcros, deren Raumnummern\ngestern hinter jedem Namen auf den Listen gestanden hatten. Vor Annas\nB\u00fcro warteten nur zwei weitere Studenten, als Anna dran war hatte\ndie Verwaltungsangestellte schnell die richtigen Papiere griffbereit\nund im Nu war Anna wieder drau\u00dfen.<br>Als n\u00e4chstes war die\nAuszahlung der Studiengeb\u00fchren dran und hierbei hie\u00df es nun doch\nnoch einmal Schlange stehen. Drau\u00dfen vor dem Geb\u00e4ude hatte man\neinen provi\u00adsorischen Stand errichtet, an dem drei\nBankangestellte bewacht von zwei Sicherheitsleuten die Geldausgabe\ndurchzogen. Als w\u00e4re alles in bester Ordnung, beschien die\nFr\u00fchlingssonne die lange Schlange aufgeregt schnatternder Studenten\naller Herren L\u00e4nder, die sich vor dem Stand gebildet hatte. Anna\nreihte sich hinter zwei serbischen Studentinnen ein, mit denen sie im\nLaufe der letzten Wochen gelegentlich ein paar Worte gewechselt\nhatte.<br>Im Gegensatz zu den meisten Anderen schienen die Beiden\nguter Laune zu sein und sich nicht allzu viel aus der Situation zu\nmachen.<br>\u201eWie ist es Euch in den letzten Tagen ergangen?\u201c\nsprach Anna sie an. \u201eAch wei\u00dft Du, ich versteh&#8216; die ganze\nAufregung nicht, in die viele sich hier hinein steigern. Wir steigen\n\u00fcber\u00admorgen ins Flugzeug und fliegen zur\u00fcck in unsere Heimat,\nwo wir uns vor vier Jahren noch vor den Nato-Bomben in die Keller\nretten mussten. Das bisschen Seuchenalarm hier, das ist doch nichts.\u201c\nantwortete die eine. Anna schluckte. \u201eWenn die Chinesen uns wieder\nrein lassen kommen wir zur\u00fcck und studieren weiter.\u201c meinte die\nandere und damit war das Thema f\u00fcr die beiden offensichtlich\nabgehandelt.<br>Anna hatte nichts dagegen, sich von der Gelassenheit\nder Serbinnen anstecken zu lassen. W\u00e4hrend der provisorische\nBankschalter langsam n\u00e4her r\u00fcckte, gelang es der Fr\u00fchlings\u00adsonne\nendlich, auch zu Anna durch zu dringen. Und noch bevor sie an der\nReihe war ertappte sie sich dabei, in Gedanken die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr\neine R\u00fcckkehr durch zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnnas\nAbflugtermin&nbsp;fiel auf den Mittwoch und sie verbrachte ihre\nletzten Tage in Peking zwischen hektischen Besorgungen,\nZusammenpacken und Abschiedstreffen. So nahm sie nur am Rande wahr,\nwie das sonst \u00fcbliche Menschengedr\u00e4nge in Pekings Stra\u00dfen von Tag\nzu Tag weniger wurde und am Ende einer beinahe schon gespenstischen\nRuhe Platz machte.<br>Am Dienstag&nbsp;hatte sich die Pekinger\nStadtverwaltung endlich dazu durchringen k\u00f6nnen, f\u00fcr den Nachmittag\neine offizielle Pressekonferenz zur Lage in Peking anzuberaumen. Abe,\nLin und Anna nahmen dieses Ereignis zum Anlass, um sich in der\nkleinen Wohnung, die Abe und Lin sich seit einigen Wochen teilten, zu\neinem Abschiedsessen zu treffen. W\u00e4hrend man die chinesischen\nMaultaschen zubereitete lief der Fernseher.<br>\u201eAlso ich wette um\neine Runde Qingdao-Bier, dass sie 400 F\u00e4lle f\u00fcr Peking melden\nwerden!\u201c witzelte Abe, als der Beginn der Pressekonferenz\nunmittelbar bevor stand. \u201eUnd ich wette 500.\u201c meinte Lin. \u201eDann\nsage ich 700.\u201c legte Anna noch einen drauf. \u201eAber ich glaube, sie\nwerden auch heute noch nicht mit der ganzen Wahrheit rausr\u00fccken,\nsondern eine Salamitaktik anwenden und wir knacken die 700 erst\nmorgen in den Abendnachrichten.\u201c Anna sollte recht behalten damit.\nEs waren schlie\u00dflich 480 F\u00e4lle f\u00fcr Peking, die der Pressesprecher\nan diesem Tag zugab, w\u00e4hrend man vorher wochenlang von einer\nHandvoll berichtet hatte. Die Wahrheit schien sich immer weniger\nunter den Teppich kehren zu lassen.<br>Abe war inzwischen auf den\nkleinen Balkon hinaus getreten, der zu der im zw\u00f6lften Stock\ngelegenen Wohnung geh\u00f6rte. \u201eSchau Anna, hast Du Peking jemals so\ngesehen? Wir beide stehen immer wieder hier und staunen. Die meisten\nLeute haben schon lange vor der Pressekonferenz begriffen, was los\nist.\u201c<br>Vom Balkon aus konnte Annas die vierspurige\nDurchgangsstra\u00dfe \u00fcberblicken, die unten vorbei f\u00fchrte. Die\nB\u00fcrgersteige waren fast menschenleer und die einzige Bewegung, die\nman auf der Stra\u00dfe ausmachen konnte, war das F\u00e4cheln des\nFr\u00fchlingswinds im frischen Gr\u00fcn der Str\u00e4ucher, die man in der\nFahrbahnmitte angepflanzt hatte. Eine angespannte Stille lag \u00fcber\nallem, ab und zu wurde sie von der Sirene eines in der Ferne vorbei\nrasenden Krankenwagens zerschnitten. Nur vereinzelt ging doch jemand\nden B\u00fcrgersteig entlang, aber jeder dieser Passanten fiel auf. Das\n\u00f6ffentliche Leben in Peking war vollst\u00e4ndig zusammen gebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nn\u00e4chsten Tag wurde Anna vor den Sicherheitskontrollen des Pekinger\nFlughafens von einer langen Schlange erwartet. Der Grund war die\nFiebermessung, der sich jeder Passagier unter\u00adziehen musste,\nbevor er passieren konnte.&nbsp;Anschlie\u00dfend blieb Anna noch eine\ngute Stunde bis zum Abflug \u00fcbrig und sie war dankbar f\u00fcr jede\neinzelne Minute der Ruhe, die ihr auf den Sitzb\u00e4nken vor dem\nAbflugschalter nun endlich&nbsp;verg\u00f6nnt war.<br>\u201eIch werde heute\nAbend ankommen, wenn ich die Zeitverschiebung ber\u00fccksichtige&#8230;\u201c\nversuchte sie sich zu orientieren. \u201eMorgen ist Donnerstag, da soll\ndann erster Mai sein&#8230; Irgendwie kapiere ich das nicht&#8230;\u201c Es\nwollte ihr nicht gelingen.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Trittsteine<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nAnna\nschlenderte die Uferpromenade entlang. Hin und wider blieb sie\nstehen, schaute hin\u00fcber zu den Hafenanlagen auf der&nbsp;anderen\nSeite, lauschte den V\u00f6geln, die&nbsp;\u00fcber ihr unbek\u00fcmmert den Mai\nbegr\u00fc\u00dften oder betrachtete das wirre Schattenspiel, das die\nVormittagssonne durch die \u00c4ste auf ihren Weg&nbsp;zauberte.<br>Wie\neinem kranken Pferd redete sie sich immer wieder zu: \u201eDas ist kein\nTraum. Das hier ist die Stadt, aus der Du vor f\u00fcnf Monaten\naufgebrochen bist&#8230; Gestern bist Du in Peking abgeflogen. Heute ist\nder erste Mai&#8230; Du wohnst im Hotel. Ab morgen musst Du Dir irgendwo\nein Zimmer suchen&#8230;\u201c. Die Glasglocke, die Anna seit dem Erwachen\nam Morgen einzuschlie\u00dfen schien, war z\u00e4h. Anna sah, h\u00f6rte und\nwusste wo sie war, aber sie f\u00fchlte es nicht. Konnte sie mehr tun,\nals geduldig einen Fu\u00df vor den anderen zu setzen, bis die Bet\u00e4ubung\nlangsam wich? Anna ging weiter und hoffte, dass die Gleich\u00adf\u00f6rmigkeit\nder Bewegung&nbsp;sie&nbsp;irgendwann erden w\u00fcrde.&nbsp;<br>Der&nbsp;Wind\nfrischte auf, ohne dass Anna es bemerkte.<br>Gegen Mittag&nbsp;gelang\nes einer&nbsp;steifen Brise endlich, den Atem des Flusses zu\nihr&nbsp;hinein zu pusten.&nbsp;Lag darin nicht jener\nunverwechselbare Hauch aus Meer und Schwer\u00f6l, den Anna an&nbsp;dieser\nStadt liebte&nbsp;seit sie sie kannte? War&nbsp;da nicht jenes\nmetallische Klopfen, Pochen und der ferne Signalton rollender\nContainerterminals, der untrennbar dazu geh\u00f6rte? Anna sog die\nFr\u00fchlingsluft so tief ein wie sie konnte und atmete ein paar Mal\nkr\u00e4ftig durch. \u201eWar es m\u00f6glich, dass sogar an diesem Feiertag\nirgendwo in den Hafenanlagen dr\u00fcben gearbeitet wurde?\u201c fragte sie\nsich. Langsam bekam die Glasglocke Risse. \u201eDas andere Ufer, an dem\nes weitergeht, das gibt es auch f\u00fcr mich&#8230;\u201c Anna setzte weiter\nSchritt vor Schritt w\u00e4hrend ihre Stimmung sich allm\u00e4hlich\naufhellte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nWind trieb&nbsp;einen kr\u00e4ftigen Schauer&nbsp;heran,&nbsp;als Anna am\nNachmittag an Tinas Wohnungs\u00adt\u00fcr klingelte. Die T\u00fcr wurde\naufgerissen und ehe Anna etwas sagen konnte fand sie sich in einer\nwarmherzigen Umarmung wieder. \u201eGut dass Du da bist! Komm rein,\nerz\u00e4hl, wie geht es Dir?\u201c fragte Tina, w\u00e4hrend sie Anna in ihre\nWohnung zog. &#8211; \u201eIch wollte Dich warnen, dass ich Dich immer\nnoch&nbsp;mit SARS anstecken k\u00f6nnte&#8230;\u201c brachte Anna hervor,\nnachdem sie wieder Luft bekam. \u201eQuatsch! Das glaube ich nicht!\nAu\u00dferdem w\u00e4re es jetzt eh zu sp\u00e4t. Magst Du Kaffee oder\nTee?\u201c<br>Dieser Empfang verpasste der Glasglocke den entscheidenden\nSchlag. \u201eTee, irgendwas Beruhi\u00adgendes, wenn Du hast&#8230;\u201c\nkonnte Anna gerade noch los werden, bevor sich ihre Kehle zusam\u00admen\nzu schn\u00fcren begann. \u201eNa, dann setzt Dich mal auf&#8217;s Sofa, ich komme\ngleich mit dem Tee nach&#8230;\u201c Der Klo\u00df in Annas Kehle wurde\nschmerzhafter, w\u00e4hrend sie sich in die Sofakissen sinken lie\u00df. Der\nCouchtisch war gedeckt, Kekse und ein kleines Blumenstr\u00e4u\u00dfchen\nstanden darauf, eine Kerze brannte&#8230; das war zu viel. Als Tina mit\nder dampfenden Teekanne herein kam, kullerten Anna die Tr\u00e4nen \u00fcber\ndie Backen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nTina\nbesorgte Taschent\u00fccher, schenkte Tee ein, setzte sich zu Anna und\nsagte lange nichts.<br>\u201eIst das Hotel in Ordnung?\u201c wollte sie\nnach einer Weile wissen. \u201eAlles bestens, tausend Dank f\u00fcr&#8217;s\nBuchen, Tina! In der Hektik h\u00e4tte ich&nbsp;von Peking aus nur eine\ndieser teuren Unterk\u00fcnfte in der Innenstadt gebucht. Aber so habe\nich etwas weniger Druck im Nacken bei der Zimmersuche.\u201c Anna fand\nlangsam ihre Fassung wieder. \u201eMorgen muss ich mich zuerst beim\nArbeitsamt melden, danach fange ich an, die Zimmerangebote in den\nZeitungen durch zu schauen. Die meisten werden jedoch erst in der\nSamstagsausgabe drin stehen&#8230;\u201c<br>\u201eIch dr\u00fccke Dir die Daumen,\ndass alles gut l\u00e4uft. Du wirst sehen, das wird schon werden!\u201c\nun\u00adter\u00adbrach Tina sie mit sanfter Bestimmtheit. Ihr\nOptimismus war ansteckend. \u201eAber sag mal, wie f\u00fchlst Du Dich\njetzt?\u201c Anna hielt inne. \u201eIch kann es noch gar nicht einordnen.\nDer Boden unter meinen F\u00fc\u00dfen wird fester, aber das meiste schiebe\nich im Moment in den Hintergrund, bis ich mehr Ruhe finde.\u201c &#8211; \u201eDas\nist erst mal wohl&nbsp;das Beste.\u201c meinte Tina.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nZimmersuche lief glatter, als Anna erwartet hatte. Schon am Samstag\nhatte sie zwei Besichtigungstermine. Eines der Zimmer sagte Anna zu\nund war sogar sofort beziehbar. Und so kam es, dass sie vier Tage\nnach ihrer Ankunft bei einer Frau in den besten Jahren einzog, die\nihre viel zu gro\u00dfe Erdgeschosswohnung ansonsten nur noch mit einem\ngutm\u00fctigen aber ebenfalls viel zu gro\u00dfen Hund teilte.<br>Die\nn\u00e4chste H\u00fcrde verlangte Anna deutlich mehr Geduld ab. Auf dem\nArbeitsamt erkl\u00e4rte man ihr, dass noch Bescheinigungen fehlten, die\nAnnas ehemaliger Arbeitgeber auszustellen habe. Die Vorstellung, in\nihrer jetzigen Lage ausgerechnet bei der Firma anklopfen zu m\u00fcssen,\nin der sie vor ein paar Monaten ihre Stellung gek\u00fcndigt hatte, war\nAnna nicht sehr&nbsp;angenehm. Dar\u00fcber hinaus wurde ihr ein\nBewerbungstraining verordnet, dessen Besuch ebenfalls zur\nVoraussetzung f\u00fcr einen sp\u00e4teren Leistungsbezug gemacht wurde. \u201eSie\nhaben Gl\u00fcck!\u201c strahlte die Mitarbeiterin des Arbeitsamts Anna\ngegen Ende ihres Gespr\u00e4chs&nbsp;\u00fcber den Tisch hinweg an. \u201eSchon\nn\u00e4chste Woche findet wieder ein Seminar statt, in dem noch Pl\u00e4tze\nfrei sind!\u201c &#8211; \u201eNa ja&#8230;\u201c erg\u00e4nzte sie dann, als sie Annas\nverdutzten Blick bemerkte. \u201eSie haben einen ziemlichen Ritt hinter\nsich&#8230; Sie werden sehen, das Training wird Ihnen gut tun!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nF\u00fcnf\nTage nach ihrer Landung fand Anna sich in einem schmucklosen\nSeminarraum auf einem h\u00f6lzernen Stapelstuhl wieder und versuchte,\ndem Schriftzug \u201eSo bewerbe ich mich als Akademiker(-in) \u201c, der\nvor ihr auf einer Leinwand prangte, einen Sinn\nabzuringen.<br>Teilnehmer, die gelangweilt hinter grauen Tischen\nhingen, eine Referentin im taubenblauen Business-Kost\u00fcm, die\ngesch\u00e4ftig in ihren Unterlagen bl\u00e4tterte, die L\u00fcftung des\nOverheadprojektors, die den Raum mit ihrem Surren erf\u00fcllte&#8230; Anna\nhatte bei ihrer \u00fcberst\u00fcrzten Abreise aus Peking mit vielem\ngerechnet. Aber das? Hatte das wirklich etwas mit ihr zu tun?\nWiederholt ertappte sie sich, wie ihr Blick ungl\u00e4ubig in die Runde\nschweifte, als k\u00f6nne jemand der anderen Teilnehmer ihr diese Frage\nbeantworten.<br>Die Referentin startete das Seminar mit einer\nVorstellungsrunde. \u201eBitte nennen Sie nicht nur ihren Namen, sondern\nschildern sie kurz, welchen Beruf sie vor ihrer Arbeitslosigkeit\nausge\u00fcbt haben und wie es zum Verlust Ihres Arbeitsplatzes kam.\u201c\nforderte sie die Teilnehmer auf.<br>Anna kam als letzte an die Reihe,\naber sie kam weit. \u201eWie lange sind Sie jetzt schon auf deutschem\nBoden?\u201c unterbrach die Referentin sie unvermittelt mit scharfer\nStimme, als Anna gerade die Umst\u00e4nde ihrer R\u00fcckkehr schilderte.\n\u201eHeute ist mein f\u00fcnfter Tag in Deutschland.\u201c antwortete Anna\nperplex. \u201eWurden Sie bei Ihrer Ankunft am Flughafen \u00e4rztlich\nuntersucht?\u201c &#8211; \u201eNicht in Deutschland, aber es gab eine\nFiebermessung beim Abflug in Peking.\u201c<br>Die Gesichtsfarbe der\nReferentin wurde blass, dann dunkel, sie holte Luft. \u201eDas ist\nunverantwortlich, dass Sie sich nur f\u00fcnf Tage nach Ihrer R\u00fcckkehr\nohne vorherige \u00e4rztliche Untersuchung hierher begeben! Sie gef\u00e4hrden\ndie Gesundheit der anderen Teilnehmer und meine! Man kann mich als\nBeamtin zu vielem zwingen, aber nicht dazu, dass ich mich von\nSeminarteilnehmern mit einer gef\u00e4hrlichen Krankheit anstecken\nlasse!\u201c &#8211; \u201eAber ich habe keine ansteckende Krankheit!\u201c\nversuchte Anna sich zu verteidigen, machte damit jedoch alles nur\nschlimmer. \u201eDas k\u00f6nnen Sie doch nicht beurteilen!\u201c keifte die\nReferentin nun erst recht los. \u201eKeiner wei\u00df wie lang die\nInkubationszeit dieser Krankheit ist! Niemand wei\u00df, wie sie\n\u00fcbertragen wird&#8230;\u201c &#8211; \u201eDoch! Das wei\u00df man inzwischen!\u201c\nunterbrach da einer der anderen Teilnehmer resolut ihre Tirade.\n\u201e&#8230;Und wenn Sie es nicht wissen, dann sollten Sie sich besser\ninformieren, bevor sie anderen Vorw\u00fcrfe machen!\u201c Das nahm der\nReferentin den Wind aus den Segeln.<br>Sie z\u00f6gerte und \u00fcberlegte\neine Weile. \u201eAlso&#8230; in einer so unklaren Situation werde ich das\nSeminar nicht fortsetzen. Ich werde mich mit meinen Vorgesetzten\nabstimmen, wie es weiter gehen soll. Bitte lesen Sie diese Unterlagen\nhier durch, bis ich wieder zur\u00fcck bin.\u201c Damit gab sie einen Stapel\nKopien in die Runde und verlie\u00df eiligen Schrittes den Raum.<br>Keiner\nder Seminarteilnehmer warf auch nur einen Blick in die Unterlagen.\nStatt dessen entspann sich rasch ein reger Austausch, der&nbsp;sich\nalsbald von Annas Erlebnissen&nbsp;zu allge\u00admei\u00adne\u00adren\nThemen hin bewegte. Anna war froh darum.<br>Mir wurde best\u00e4tigt,\ndass es ungef\u00e4hrlich ist, den Unterricht fort zu f\u00fchren.\u201c sagte\ndie Referentin trocken, als sie nach einer halben Stunde wieder vor\ndie Gruppe trat. Und dann setzte sie das Seminar fort, als sei nie\netwas gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDieses\nErlebnis hatte Anna ins Ged\u00e4chtnis gerufen, dass SARS in China nach\nwie vor nicht unter Kontrolle war. Nachdem sie am fr\u00fchen Nachmittag\ndem&nbsp;Seminar entronnen war, suchte sie eine&nbsp; Postfiliale auf\nin der es noch&nbsp;Telefonzellen gab.<br>Sie hatte Gl\u00fcck. \u201eHi,\nAnna hier, wie geht es Euch?\u201c &#8211; \u201eAnna! Wie sch\u00f6n dass Du\nanrufst!&#8220; freute sich Abe.&nbsp;&#8222;Uns beiden&nbsp;geht es\nimmer noch gut. Aber die Situation wird h\u00e4rter. Die Fallzahlen\nsteigen&nbsp;weiter und die Stadtverwaltung&nbsp;hat angefangen,\nau\u00dferhalb Pekings ein riesiges Milit\u00e4rlazarett&nbsp;mit\nsechstausend Betten aufzubauen. Das soll schon Anfang n\u00e4chster Woche\ndie ersten Patienten aufnehmen und dann wollen sie dort&nbsp;jeden&nbsp;in\nQuarant\u00e4ne stecken,&nbsp;der hustet&#8230;\u201c Anna erschrak. \u201eOh, das\nklingt schlimm!\u201c &#8211; \u201eNun, Lin und ich machen das Beste draus!\u201c&nbsp;Abe\nwitzelte schon wieder. Sein Galgenhumor schien unverw\u00fcstlich zu\nsein.<br>\u201eWie meinst Du das denn?\u201c &#8211; \u201eWir sind gerade dabei, zu\nheiraten!\u201c lie\u00df er die Katze aus dem Sack.<br>Anna hatte es die\nSprache verschlagen. \u201eWir haben diesen Schritt schon vor einiger\nZeit besprochen, wollten ihn aber erst zum Ende des Jahres gehen.\nAber jetzt&#8230;&#8220; er machte eine Pause. &#8222;Wenn einer von uns in\ndieses Milit\u00e4rlazarett eingeliefert wird, bekommt der andere keine\nInformationen, kein Besuchsrecht&nbsp;und kann auch sonst nichts\nmachen, wenn wir nicht verheiratet sind&#8230; Feiern wollen wir\nnat\u00fcrlich erst, wenn die Epidemie vorbei ist.\u201c &#8211; \u201eSind die\nHeiratsformalit\u00e4ten sehr kompliziert f\u00fcr Euch?\u201c &#8211; \u201eOh, es ist\nf\u00fcrchterlich. Obwohl wir besser daheim bleiben sollten, pendeln wir\nzwischen Notaren, Konsulaten und Beh\u00f6rden. Aber wir kommen \u00fcberall\ngleich dran und die Sachen werden schnell bearbeitet. Zur Zeit will\nja niemand etwas von den \u00c4mtern&#8230;\u201c schon wieder blitzte\ndie&nbsp;Ironie zwischen seinen Worten hindurch.&nbsp; \u201eHast Du\neine Ahnung, wie lange das noch dauert?\u201c &#8211; \u201eBis das letzte\nDokument ausgestellt ist dauert es noch Wochen, genau kann uns das\naber niemand sagen.\u201c &#8211; \u201eWas f\u00fcr eine Zerrei\u00dfprobe! Mit den\nGl\u00fcckw\u00fcnschen muss ich mich dann wohl&nbsp;gedulden. Aber ich\ndr\u00fccke ich Euch beide Daumen ganz fest, dass Ihr auf jeden Fall\ngesund bleibt!\u201c &#8211; \u201eDanke Anna! Und wie l\u00e4uft es bei Dir?\u201c &#8211;\n\u201eGut soweit. Ich habe ein Zimmer gefunden, wo ich bis zu meiner\nR\u00fcckkehr wohnen kann. Diese Woche muss ich noch einige Formalit\u00e4ten\nerledigen, danach wei\u00df ich hoffentlich besser, wie es bei mir weiter\ngeht&#8230;\u201c&nbsp;<br>\u201eSagtest Du gerade, Du willst zur\u00fcckkehren?\u201c\n&#8211; \u201eHabe ich Euch das noch nicht erz\u00e4hlt? Ich hoffe, das wird zum\nBeginn des n\u00e4chsten Semesters kein Problem mehr sein.\u201c &#8211; \u201eWOW!\nDann musst Du unbedingt zu unserer Hochzeitsfeier kommen!\u201c &#8211; \u201eAuf\njeden Fall! Lass uns in Kontakt bleiben&#8230;\u201c &#8211;&nbsp;\u201eNa klar,\nalles Gute, bis bald!\u201c &#8211; &#8222;Klick!&#8220;<br>Anna f\u00fchlte\neinen&nbsp;Schmerz im Brustraum&nbsp;aufsteigen, als w\u00fcrde&nbsp;gerade\nin gro\u00dfer Angelhaken&nbsp;etwas&nbsp;aus ihr heraus&nbsp;rei\u00dfen\nwollen.&nbsp;Zum ersten Mal sp\u00fcrte sie, wie viel von ihr noch dort\nwar, wo Abe gerade den H\u00f6rer aufgelegt hatte und wie wenig von ihr\nhier angekommen war, wo sie gerade auf den Ausgang der Postfiliale\nzuging,&nbsp;wie verbunden&nbsp;sie war mit dem Dort und wie\nabgetrennt vom Hier.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\nAnna am darauf folgenden Montag den Leistungsbescheid des Arbeitsamts\naus dem Briefkasten fischte, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Es w\u00fcrde\nnoch etwas dauern, bis das erste Geld kam, aber ihre R\u00fcckkehr nach\nPeking war hiermit gesichert.<br>Langsam&nbsp;konnte sie nun endlich\nloslassen. Sie schlief viel, ging im nahe gelegenen Park spazieren\noder bummelte durch die Stadt. Wenn es sich ergab, traf sie sich mit\nTina oder anderen Freunden. Sie freute sich \u00fcber jeden alten\nKontakt, an den sich noch ankn\u00fcpfen lie\u00df und genoss jede dieser\nBegegnungen. Und doch f\u00fchlte sie die Zwie\u00adsp\u00e4ltig\u00adkeit\nihrer Situation gerade bei solchen Anl\u00e4ssen besonders deutlich.\nDie&nbsp;Verbundenheit mit&nbsp;ihren alten Freunden war nun viel\ndeutlicher&nbsp;sp\u00fcrbar als fr\u00fcher. Und doch konnte Anna nicht\nverdr\u00e4ngen, dass sie&nbsp;eine Transitreisende war, die bald wieder\nAbschied nehmen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEs\nwar schon Ende Mai, als Anna \u00fcber eine Anzeige stolperte, in der\nkurzfristig jemand mit ihrem beruflichen Hintergrund f\u00fcr eine\ntempor\u00e4re Projektunterst\u00fctzung gesucht wurde. Anna bewarb sich und\nbekam den Job.&nbsp;F\u00fcr die n\u00e4chsten beiden Monate pendelte sie nun\nMontags zu ihrem Einsatzort und kehrte Freitags zur\u00fcck. Sie war\nfroh, ihre Wartezeit mit einer&nbsp;Aufgabe \u00fcberbr\u00fccken zu k\u00f6nnen\nund st\u00fcrzte sich geradezu darauf. Aber auch hier war das Gef\u00fchl des\ndabei Seins ohne dazu zu geh\u00f6ren nicht zu leugnen.<br>Ende Juli\nbeendete eine E-Mail von Abe endlich die H\u00e4ngepartie. Lin und er\nhatten es tats\u00e4chlich geschafft. Sie hatten nicht nur ihre\nHeiratsformalit\u00e4ten abgeschlossen sondern auch einen Termin f\u00fcr\nihre Hochzeitsfeier im Herbst angesetzt. Auch seien die\nSARS-Fallzahlen in Peking mittlerweile so niedrig, dass die\nUniversit\u00e4t sich entschlossen habe, f\u00fcr das Herbstsemester wieder\nEinschreibungen ausl\u00e4ndischer Studenten anzunehmen, schrieb er.<br>F\u00fcr\nAnna gab es nun kein Halten mehr. Bis zum Semesterstart Anfang\nSeptember blieben ihr vier Wochen, in denen es von der Fertigstellung\nletzter Arbeiten f\u00fcr ihren Auftraggeber \u00fcber die Visa-Beschaffung\nbis hin zur Abwicklung ihres Zimmers viel zu erledigen gab. Auch in\nihre alte Heimat wollte sie noch einmal fahren, um in ihrem H\u00e4uschen\nnach dem Rechten zu sehen bevor sie sich ins Flugzeug nach Peking\nsetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nletzten Tage vor dem Abflug waren wie ein D\u00e9j\u00e0-vu. Wieder traf Anna\nalte Freunde zum Abschied, wieder \u00fcbergab sie einen Schl\u00fcsselbund,\nbevor sie durch das Gewimmel der Menschen zum Bahnhof ging, wieder\nblieb ihr Blick an den geschwungenen Torb\u00f6gen der Bahnhofshalle\nh\u00e4ngen, w\u00e4hrend der Zug sich langsam in Bewegung setzte.<br>Sie\nhatte jenen Tag im Dezember, als sie glaubte, f\u00fcr immer von dieser\nStadt Abschied nehmen zum m\u00fcssen, noch gut in Erinnerung. \u201eWer\nkann schon wissen, wann ich das n\u00e4chste Mal durch dieses Tor\nrolle&#8230;\u201c dachte sie diesmal.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Zwei\nHochzeiten, kein Tanz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nFeuchthei\u00dfe\nSchw\u00fcle schlug Anna entgegen, als sie aus der Flugzeugkabine hinaus\nauf die Gangway trat. Der Transfer zur klimatisierten Ankunftshalle\ndes Pekinger Flughafens dauerte ihr viel zu lang und als der Bus in\nder Haltebucht endlich seine T\u00fcren \u00f6ffnete, entlie\u00df er eine nass\ngeschwitzte Herde Reisender, die sich eilig hinter die Glast\u00fcren\nfl\u00fcchteten.<br>Anna war gespannt auf die Taxifahrt zur Uni. W\u00fcrde\nman der Stadt noch anmerken, was vor gut vier Monaten hier\nvorgegangen war? Mehrspurige Autolawinen, Menschentrauben an\nBushaltestellen, dauerklingelnde Radfahrer, Passanten mit prallen\nEinkaufst\u00fcten oder schreienden Kindern an den H\u00e4nden, Dr\u00e4ngeln,\nHasten, Hupen und \u00fcber allem ein dicht bew\u00f6lkter Sommerhimmel\nempfingen sie. Wenn die Ereignisse dieses Fr\u00fchlings hier Spuren\nhinterlassen hatten, so waren sie dem fl\u00fcchtigen Blick aus einem\nTaxifenster nicht zug\u00e4nglich, wie Anna schnell feststellte.<br>Die\nersten Tage an der Uni lie\u00dfen&nbsp;jedoch bald erkennen, dass\nSARS&nbsp;nicht nur f\u00fcr Anna ein Einschnitt gewesen war. Wann immer\nsie in&nbsp;G\u00e4ngen oder&nbsp;Klassenzimmern auf Bekannte traf, waren\ndie Geschichten rund um SARS Gespr\u00e4chsthema Nummer Eins. Auch im\nUnterricht wurde das Thema nun offen angesprochen und als Aufh\u00e4nger\nf\u00fcr Sprach\u00fcbungen genutzt. Am erstaunlichsten fand Anna die\nGeschichte einer Koreanerin, die im Gegensatz zu den anderen in\nPeking geblieben war. Da die Wohnheime auf dem Campus geschlossen\nwaren, hatte sie sich in Uni-N\u00e4he ein Zimmer bei einer chinesischen\nFamilie gesucht. Sie erz\u00e4hlte, sie habe t\u00e4glich mit ihren Eltern\ntelefoniert, die sie in ihrem Wunsch best\u00e4rkten durchzuhalten. Und\nihre Gastfamilie hatte sie wie ein eigenes Kind unter die Fittiche\ngenommen, so dass sie nur selten von \u00c4ngsten geplagt wurde. \u201eHat\nDeine Mutter denn keine Angst um Dich gehabt?!\u201c fragte daraufhin\neine andere Koreanerin voll vorwurfsvollen Entsetzens. \u201eDoch, sogar\nsehr, aber sie hat es sich nicht anmerken lassen.\u201c war die Antwort.\n\u201eErst hinterher hat sie es zugegeben als ich sie einmal danach\nfragte. Sie&nbsp;habe meinen Mut nicht mit ihrer Angst ersticken\nwollen, sagte sie. Daf\u00fcr bin ich ihr&nbsp;dankbar.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nMitte\nSeptember wurde das Wetter&nbsp;trockener und k\u00fchler,\nNormalit\u00e4t&nbsp;hielt an der Uni wieder Einzug. Die\nUnterrichtsroutine, das nachmitt\u00e4gliche B\u00fccher w\u00e4lzen,\ngelegentliche Ausfl\u00fcge oder ein gemeinsames Abendessen mit Freunden\nlie\u00dfen Anna die F\u00e4den ihres Pekinger Studentenlebens&nbsp;wieder\naufgreifen. Sie w\u00fcnschte sich nichts sehnlicher, als&nbsp;in Ruhe\nihrem Studium nachgehen&nbsp;zu k\u00f6nnen.<br>Abe und Lin hatten Anna\nwissen lassen, dass ihre Hochzeit f\u00fcr Anfang Oktober angesetzt war.\nBeide waren mit den Vorbereitungen vollauf besch\u00e4ftigt. \u201eWas war\ndas doch f\u00fcr eine sch\u00f6ne Zeit, als SARS hier f\u00fcr Ruhe gesorgt\nhat!\u201c beklagte sich Abe einmal am Telefon. \u201eLin muss jeden Tag\n\u00dcberstunden machen. In ihrem Verlag sind sie wegen SARS mit vielem\nim R\u00fcckstand und m\u00fcssen aufholen, nicht einmal unbezahlten Urlaub\nwollte man ihr geben. Und ich bin rund um die Uhr am Telefonieren,\ntags\u00fcber mit den Leuten hier in China und nachts mit meinen Leuten\ndr\u00fcben in New York. Zum Schlafen komme ich nur noch in der\nMittagspause!\u201c Anna wunderte sich&nbsp;nicht mehr, dass Abe&nbsp;an\nder Uni noch nicht aufgetaucht war.&nbsp; Er hatte von vorne herein\ndarauf verzichtet, sich f\u00fcr einen weiteren Kurs einzuschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEinen\nBecher dampfenden Kaffees vor sich auf dem Schreibtisch knobelte Anna\neines Nachmittags an der \u00dcbersetzung eines Zeitungsartikels, als ein\nAnruf sie hochschrecken lie\u00df. \u201eHallo, Bailong hier! Anna, wie geht\nes Dir?\u201c Es dauerte einen Augenblick, bis Anna die Stimme des\nchinesischen Studenten wiedererkannte, bei dem sie in Deutschland\nChinesischunterricht genommen hatte. \u00dcber ein Jahr war seither\nvergangen. \u201eBailong, was f\u00fcr eine \u00dcberraschung! Danke, mir geht\nes gut hier. Bist Du noch in Deutschland?\u201c &#8211; \u201eNein, ich bin zur\nZeit bei meinen Eltern in Tianjin und bereite meine Hochzeit vor.\u201c\n&#8211; \u201eDas sind ja gute Neuigkeiten! Ist Mailin auch in Tianjin?\u201c &#8211;\n\u201eNein, sie muss in Deutschland noch zwei Semester durchhalten. Aber\nich habe mein Studium abgeschlossen und kann mich um die\nHochzeitsvorbereitung k\u00fcmmern. Wir wollten&nbsp;urspr\u00fcnglich&nbsp;nach\ndem Wintersemester heiraten, aber dann ist SARS dazwischen gekommen\nund wir mussten alles verschieben. Mailin kann nur zur Hochzeit\nherkommen und fliegt&nbsp;dann wieder zur\u00fcck.\u201c &#8211; \u201eHerzlichen\nGl\u00fcckwunsch zum Studienabschluss, Bailong!\u201c<br>\u201eVielen Dank!\nAnna, wir w\u00fcrden Dich gerne einladen. Die Feier findet Ende Oktober\nstatt. Du kannst bei meinen Eltern wohnen.\u201c \u00dcberrumpelt musste\nAnna einen Moment Luft holen. Einerseits, eine chinesische Hochzeit\nmachte sie neugierig. Andererseits w\u00fcrde sie auf der ganzen\nVeranstaltung niemanden kennen au\u00dfer Bailong und Mailin. Und was\nwusste sie schon \u00fcber deren Familien? Nur dass Bailong Sohn eines\nhochrangigen Tianjiner Politikers war, was darauf schlie\u00dfen lie\u00df,\ndass auch Mailins Familie sich in \u00e4hnlichen Kreisen bewegte. \u201eVielen\nDank f\u00fcr die Einladung, das ist eine gro\u00dfe Ehre f\u00fcr mich!\u201c\nbrachte sie schlie\u00dflich hervor. \u201eAnna, ich habe meinen Eltern oft\nvon Dir erz\u00e4hlt. Auch sie w\u00fcrden sich freuen, Dich einmal\npers\u00f6nlich kennen zu lernen.\u201c legte Bailong nach, dem Ihr Zaudern\noffensichtlich nicht entgangen war. \u201eGerne&nbsp;m\u00f6chte ich Deine\nEltern kennen lernen, aber an einer chinesischen Hochzeit\nteilzunehmen ist nicht einfach f\u00fcr mich. Ich kenne mich mit Euren\nHochzeitsgebr\u00e4uchen nicht aus und w\u00fcrde mich st\u00e4ndig daneben\nbenehmen.\u201c &#8211; \u201eDu hast recht, zwischen Euren und unseren\nHochzeitsbr\u00e4uchen gibt es viele Unterschiede&#8230;\u201c Annas Einwand\nmachte&nbsp;Bailong nachdenklich, aber er lie\u00df nicht locker. \u201eWir\nwerden Dir helfen, Dich auf unserer Hochzeit wohl zu f\u00fchlen. Mach&#8216;\nDir keine Sorgen, wir k\u00fcmmern uns darum!\u201c War ihm wirklich so\nschnell eine L\u00f6sung eingefallen? Anna gingen langsam die Argumente\naus. \u201eWann findet Eure Hochzeit denn statt?\u201c &#8211; \u201eAm letzten\nOktoberwochenende. Am besten Du f\u00e4hrst gleich am Freitagmittag nach\nder Uni mit der Bahn nach Tianjin.\u201c<br>Offensichtlich war es\nBailong ernst mit der Einladung. Warum auch h\u00e4tte er sie sonst\nkontaktieren sollen? Sie h\u00e4tte von seiner Hochzeit wohl niemals\nerfahren, wenn er sich nicht gemeldet h\u00e4tte. Vielleicht ist es keine\ngute Idee, wenn ich mich jetzt dr\u00fccke, ging es ihr durch den Kopf.\n\u201eSicher habt Ihr mit Euren Hochzeits\u00advorbereitungen sehr viel\nzu tun.\u201c sagte sie z\u00f6gerlich. \u201eDa m\u00f6chte ich ungern eine\nzus\u00e4tzliche Belastung sein&#8230;\u201c &#8211; \u201eDas bist Du sicher nicht,\nAnna! Wir freuen uns wenn Du kommst! Lass mich wissen wann Dein Zug\nin Tianjin ankommt, wir holen Dich vom Bahnhof ab.\u201c &#8211; \u201eAlso gut,\nich komme. Wie kann ich Dich in Tianjin denn erreichen?\u201c &#8211; \u201eMeine\nMailadresse hat sich nicht ge\u00e4ndert. Ich schicke Dir noch die\nTelefonnummer meiner Eltern. Auch wenn ich nicht da sein sollte, ist\nimmer jemand zu erreichen.\u201c &#8211; \u201eDanke, ich melde mich.\u201c &#8211; \u201eAuf\nWiedersehen, Anna!\u201c<br>Der Kaffee war mittlerweile kalt geworden.\nAnna stand auf um ihn wegzusch\u00fctten und sich neuen aufzubr\u00fchen.\n\u201eSARS scheint eine wahre Hochzeitswelle im Gefolge&nbsp;zu haben&#8230;\nwenn sogar ich in einem Monat gleich auf zweien tanzen muss&#8230; dabei\nwar eben gerade alles noch so sch\u00f6n ruhig!\u201c&nbsp;Sie&nbsp;setzte&nbsp;sich\nwieder hinter die B\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAbe\nund Lin hatten sich&nbsp;eine stilgerecht restaurierte traditionelle\nPekinger Hofhausanlage f\u00fcr&nbsp;ihre Hochzeitsfeier&nbsp;ausgesucht.\nDurch ein rot gestrichenes Seitentor trat Anna in einen schattigen\nLaubengang, von dem aus sie den Innenhof gut \u00fcberblicken konnte. Die\nNachmittagssonne beschien ein knappes Dutzend gut besetzter\nStuhlreihen, die zu einer blumengeschm\u00fcckten B\u00fchne im Vorderteil\ndes Innenhofs hin ausgerichtet waren. Der B\u00fchne gegen\u00fcber, im\nhinteren Bereich der Anlage, war offensichtlich ein Restaurant\nuntergebracht. <br>Vor der B\u00fchne entdeckte sie den mit Anzug, Hemd\nund Fliege herausgeputzten Abe. Er stand mit zwei kahl rasierten\nbuddhistischen M\u00f6nchen in dunkelroter Robe beisammen. Einer der\nM\u00f6nche war Chinese, der andere hatte jedoch europ\u00e4ische\nGesichtsz\u00fcge. Ein munter schwatzendes Gr\u00fcppchen Amerikaner in\nAbendrobe hielt sich beim Restaurant hinten an Sektkelchen fest,\nw\u00e4hrend der chinesische Teil der Hochzeitsgesellschaft sich\nabwartend auf den Stuhlreihen niedergelassen hatte. Lin war nirgends\nzu sehen.<br>Anna blieb unschl\u00fcssig im Laubengang stehen, aber es\ndauerte nicht lange, bis Abe sie bemerkte. \u201eWillkommen auf unserer\nHochzeit!\u201c kam er auf sie zu. \u201eSch\u00f6n dass Du da bist! Hier\nentlang, ich stelle Dich meinen Eltern vor!\u201c. Neugierige Blicke\nmusterten Anna aus den Zuschauerreihen, w\u00e4hrend Abe sie zu seiner\nFamilie f\u00fchrte. \u201eNimen Hao\u201c gr\u00fc\u00dfte sie im Vorbeigehen in\nRichtung der Sitzenden und erhielt von vielen ein freundlich\nnickendes \u201eNi Hao\u201c zur\u00fcck.<br>\u201eLasst mich Euch Anna\nvorstellen. Sie kommt aus Deutschland und wir haben in der gleichen\nKlasse Chinesisch gelernt.\u201c stellte Abe Anna vor. \u201eSie hat sich\nbereit erkl\u00e4rt, Euch beim \u00dcbersetzen zu helfen, wenn Ihr Euch mit\nLins Familie unterhalten wollt. Aber treibt es nicht zu weit, ich\nm\u00f6chte nicht, dass Anna vor meiner Familie die Flucht ergreifen\nmuss!\u201c Abe hatte damit offensichtlich den richtigen Ton getroffen.\nSein Vater streckte Anna mit einem fr\u00f6hlichen \u201eHello!\u201c die Hand\nentgegen und bald darauf war sie, nun ebenfalls mit einem Sektglas\nversehen, in Geplauder verstrickt.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEin\nGong unterbrach den Smalltalk. W\u00e4hrend Abes Familie sich zu den\nwenigen noch freien Sitzpl\u00e4tzen in den vordersten Reihen begab,\nsteuerte Anna einen Platz in der vorletzten Reihe an. Mit einem\nverschmitzten L\u00e4cheln hatte Abe auf einem der beiden St\u00fchle Platz\ngenommen, die in der Mitte der B\u00fchne standen. Die M\u00f6nche\nstellten&nbsp;sich mit einem Skript in den H\u00e4nden vor der B\u00fchne auf\nund als es still geworden war, ergriff der chinesische M\u00f6nch als\nerster das Wort. W\u00e4hrend er schilderte, wie die bevorstehende\nZeremonie ablaufen sollte und welche Bedeutung die einzelnen Elemente\nhatten, l\u00e4chelte Abe erwartungsvoll in die Runde. Lampen\u00adfieber\nschien f\u00fcr ihn ein Fremdwort zu sein. Der europ\u00e4ische M\u00f6nch\nwiederholte die Rede des chinesischen auf Englisch. Wie sich\nherausstellte, hatten Abe und Lin mit Unterst\u00fctzung der M\u00f6nche eine\nindividuelle Choreographie entworfen, die chinesische, buddhistische\nund j\u00fcdische Elemente miteinander verbinden sollte.<br>Den Auftakt\nmachte jedoch der Einzug der Braut zu den Kl\u00e4ngen eines\nHochzeits\u00admarschs, den einstmals ein aus Hamburg stammender\nOrganist komponiert hatte. Hinten \u00f6ffneten sich die T\u00fcren des\nRestaurants und eine Handvoll chinesischer M\u00e4dchen in roten\nKleidchen tapste Blumen streuend&nbsp;Richtung B\u00fchne, hinter ihnen\nkam Lin am Arm ihres Vaters. Mit der chinesischen Tradition brechend\nhatte sie sich f\u00fcr ein wei\u00dfes Seidenkleid entschieden, zu dem die\nroten Rosen ihres Brautstrau\u00dfes und ihr tief schwarzes Haar&nbsp;einen\ngelungenen Kontrast bildeten. Im Gegensatz zu Abe wirkte sie\nangespannt, w\u00e4hrend sie bed\u00e4chtig Schritt vor Schritt setzte.\nNachdem sie jedoch neben Abe auf der B\u00fchne Platz genommen hatte,\nentspannten sich ihre Z\u00fcge und als die M\u00f6nche dem Brautpaar&nbsp;bunte\nBlumengirlanden umh\u00e4ngten l\u00e4chelte auch sie. Nacheinander traten\nnun Abes und Lins Vater f\u00fcr eine kurze Ansprache auf die B\u00fchne,\njeweils gefolgt von einer \u00dcbersetzung durch den passenden\nM\u00f6nch.<br>Dann war auch schon das Brautpaar an der Reihe. Beide\nerhoben sich, w\u00e4hrend einer der M\u00f6nche zwei kleine Gl\u00e4ser mit Wein\nauf die B\u00fchne brachte. Nachdem das Paar Br\u00fcderschaft getrunken\nhatte, trug der andere M\u00f6nch ein&nbsp;Kissen herbei, auf dem die\nRinge lagen. S\u00e4mtliche Augenpaare beider Familien folgten&nbsp;ihren\nBewegungen, als&nbsp;Abe und Lin sich gegenseitig die Ringe an die\nFinger steckten. Als sie sich anschlie\u00dfend k\u00fcssten, begann Abes\nFamilie laut zu applaudieren. Lins Familie schaute zun\u00e4chst\nverdutzt, um sich dem Applaus dann z\u00f6gerlich anzuschlie\u00dfen.<br>Bis\njetzt hatte die Zeremonie auf Anna nicht sehr exotisch gewirkt. Aber\nnun brachten die M\u00f6nche eine dicke Fu\u00dfmatte und zwei Wassergl\u00e4ser\nherbei. Die Matte wurde vor den Brautleuten ausgebreitet und die\nbeiden Gl\u00e4ser so darauf abgelegt, dass sie nicht wegrollen konnten.\nAbe und Lin hielten sich gegenseitig an den H\u00e4nden, w\u00e4hrend jeder\nvon ihnen mit Schwung und lautem Krachen eines der Gl\u00e4ser\nzertrat.<br>Wieder war es Abes Familie, die zuerst applaudierte.\nLeise Musik setzte ein, w\u00e4hrend Abe und Lin sich auf der B\u00fchne\nerleichtert umarmten. \u201eAbe war wohl doch nicht so locker, wie er\ngewirkt hat&#8230;\u201c dachte Anna.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNach\nund nach standen die Hochzeitsg\u00e4ste nun auf und schlenderten zum\nRestaurant. Auch hier dominierten westliche Hochzeitssitten. Es war\nein Buffet angerichtet und drei Tischreihen waren f\u00fcr die G\u00e4ste\neingedeckt. Dabei hatte man Essteller und Besteck einfach mit\nReisschalen und St\u00e4bchen aufgestockt. In der Ecke war ein vierter\nTisch aufgebaut, auf dem sich die Hochzeitsgeschenke sammelten. Nur\neine Tanzfl\u00e4che suchte Anna vergebens.<br>Anna hatte schon oft\nerlebt, dass die Familien der Brautleute sich auf Hochzeiten fremd\ngegen\u00fcber standen. Auf dieser Hochzeit war es besonders deutlich zu\nbeobachten. Anfangs sorgte nur das Buffet daf\u00fcr, dass Angeh\u00f6rige\nbeider&nbsp;Parteien einander n\u00e4her kamen und ein paar Gru\u00dfformeln\naustauschten. F\u00fcr das Brautpaar und die Eltern waren feste Pl\u00e4tze\nreserviert, davon abgesehen gab es&nbsp;keine\nTischordnung.&nbsp;Das&nbsp;kleine H\u00e4uflein Westler sa\u00df folglich\nbald geschlossen um eine Tischh\u00e4lfte herum,&nbsp;w\u00e4hrend\ndie&nbsp;chinesischen G\u00e4ste den gro\u00dfen&nbsp;Rest der Pl\u00e4tze\nauff\u00fcllten.<br>Als jedoch&nbsp;der erste Hunger gestillt und der\nAlkoholpegel gestiegen war, erhoben sich&nbsp;einige aus Abes&nbsp;Familie\nund versuchten, sich zwischen Lins Verwandte zu setzen. Dort gab es\nkeine freien St\u00fchle, unh\u00f6flich wollte man aber auch nicht sein.\nAlso stand man auf, einige schleppten St\u00fchle herbei, andere&nbsp;blieben\nunschl\u00fcssig&nbsp;in kleinen Gr\u00fcppchen beieinander stehen. W\u00e4hrend\nAbe und Lin das Tohuwabohu am\u00fcsiert betrach\u00adteten, wurde Anna\nvon einer Tante Abes gebeten, sie als \u00dcbersetzerin zu begleiten. War\nes Zufall, dass Abes Leute in Lins Verwandtschaft immer gerade auf\ndiejenigen trafen, die wenigstens ein bisschen Englisch konnten? \u201eSo\netwas kann sich eigentlich nur Abe ausdenken&#8230;\u201c dachte&nbsp;Anna\nschmunzelnd.<br>Die Eisbrecher-Taktik seiner Leute verfehlte ihre\nWirkung nicht. Nachdem die Hochzeits-gesellschaft einmal in Bewegung\nund der R\u00fcckzug auf feste Stammpl\u00e4tze unm\u00f6glich geworden war,\ndauerte es nicht lange, bis man vom h\u00f6flichen Smalltalk zu lockerem\nGeplauder \u00fcberging.<\/p>\n\n\n\n<p>\nSuchend\nging Anna im Menschengewimmel des Tianjiner Bahnhofsvorplatzes auf\nund ab. Eine steife Meeresbrise lie\u00df sie fr\u00f6stelnd an den\nbevorstehenden Winter denken. Ihn w\u00fcrde auch die Oktobersonne nicht\naufhalten, die den Platz jetzt noch einmal zu erw\u00e4rmen versuchte.\nNach einer ganzen Weile n\u00e4herte sich ihr ein offiziell aussehender\n\u00e4lterer Herr in taubenblauem Anzug samt Hemd und Krawatte, der ein\nSchild mit ihrem Nachnamen hochhielt. Nachdem er sich in bestem\nEnglisch als der Chauffeur von Bailongs Familie vorgestellt hatte,\ndirigierte er Anna h\u00f6flich aber bestimmt in Richtung einer unweit\ngeparkten schweren Limousine. Von der Windschutzscheibe einmal\nabgesehen waren die Fenster des auf Hochglanz polierten Fahrzeugs\nrundum verspiegelt, was Anna Unbehagen einfl\u00f6\u00dfte.<br>Nach\neiner&nbsp;halben Stunde erreichte die Limousine ein von einem hohen\nEisenzaun umgebenes Ensemble aus Mehrfamilienh\u00e4usern, deren\nluxuri\u00f6se Bauweise wenig mit den zigst\u00f6ckigen Plattenbauten gemein\nhatte, an denen sie bisher entlang gefahren waren. Am Eingang traten\nzwei Sicherheitsleute aus einem Wachh\u00e4uschen und brachten die\nLimousine zum Anhalten. Der Chauffeur forderte Anna auf, den W\u00e4chtern\nihren Reisepass zur Sicherheits\u00ad\u00fcber\u00adpr\u00fcfung auszuh\u00e4ndigen.\nBeklommen kam Anna der Aufforderung nach und beobachtete, wie der\nReisepass im Wachh\u00e4uschen eingehend studiert und dann auf ein Fax-\noder Kopierger\u00e4t gelegt wurde. Z\u00e4h vergingen einige Minuten. \u201eKeine\nSorge, diese Pr\u00fcfung m\u00fcssen wir hier f\u00fcr jeden Fremden\ndurchf\u00fchren, der zu Besuch kommt.\u201c Dem Chauffeur war Annas\nAnspannung&nbsp;nicht entgangen. \u201eEs dauert nur beim ersten Mal so\nlange, danach kennen die Wachleute Dich.\u201c versuchte er sie zu\nberuhigen.<br>Bailongs Familie nannte eine weitl\u00e4ufige Wohnung im\nobersten Stockwerk ihr Zuhause, die sogar f\u00fcr chinesische\nVerh\u00e4ltnisse leer wirkte. Edles Eichenparkett, ein heller\nSeidenteppich, darauf eine raumgreifende Couchgarnitur aus feinstem\nLeder und eine gro\u00dfformatige Intarsie an der Wand dar\u00fcber\nversuchten vergeblich, in dem riesigen Wohnzimmer den Anstrich von\nbewohnt Sein zu erwecken. \u201eDu kannst hier warten, Bailongs Mutter\nkommt gleich.\u201c Der Chauffeur deutete zur Couch. \u201eIch bringe Dein\nGep\u00e4ck inzwischen ins G\u00e4stezimmer.\u201c Er packte Annas Reisetasche\nund verlie\u00df den Raum. Leise hallte das Klappen der sich schlie\u00dfenden\nZimmert\u00fcr von den W\u00e4nden wieder.<br>Nach einigen Minuten wurde die\nT\u00fcr erneut ge\u00f6ffnet und eine Chinesin mittleren Alters betrat den\nRaum. Z\u00fcgig \u00fcberwand sie die Distanz zur Couch. \u201eIch bin Bailongs\nMutter, willkommen in unserer Familie!\u201c Der Umgang mit Westlern\nkonnte nichts Neues f\u00fcr sie sein, denn sie streckte Anna mit einem\nfreundlichen L\u00e4cheln die Hand zur Begr\u00fc\u00dfung hin. \u201eHattest Du\neine gute Anreise?\u201c &#8211; \u201eVielen Dank! Ja, es lief alles bestens.\u201c\n&#8211; \u201eKomm mit in die K\u00fcche, wir bereiten gerade das Abendessen vor.\u201c\nAnna war froh, das Wohnzimmer wieder verlassen zu k\u00f6nnen und folgte\nihr \u00fcber den langen Flur.<br>In der K\u00fcche wurde Anna von gl\u00e4nzenden\nFronten und hochmodernen Ger\u00e4ten \u00fcberrascht. Der Raum war mit einer\nEinbauk\u00fcche des nobelsten deutschen Anbieters ausgestattet, der zur\nZeit auf dem Markt war. Zwei chinesische K\u00fcchenm\u00e4dchen machten sich\ndarin zu schaffen und gaben mit ihren schlichten Sch\u00fcrzen einen\nharten Kontrast ab. \u201eBailong hat uns so lange von der Qualit\u00e4t\ndeutscher K\u00fcchen vorgeschw\u00e4rmt, bis wir uns diese hier gekauft\nhaben!\u201c Bailongs Mutter schien Annas Verwunderung nicht entgangen\nzu sein. \u201eWir haben sie bei einem Besuch in Deutschland ausgesucht\nund dann per Schiff nach Tianjin transportieren lassen. Leider komme\nich nur selten dazu, selbst darin zu kochen. Ich bin \u00c4rztin und die\nArbeit im Krankenhaus l\u00e4sst mir wenig Freizeit. &#8211; Komm, setzt Dich.\u201c\nSie deutete auf einen kleinen K\u00fcchentisch am Fenster. Eines der\nM\u00e4dchen entnahm dem mannshohen K\u00fchlschrank einen Krug Limonade und\nservierte sie mit ein paar Keksen. Bailongs Mutter erwies sich als\naufmerksame Zuh\u00f6rerin, mit der Anna leicht ins Gespr\u00e4ch kam.\nBailong musste ihr von Annas Bedenken erz\u00e4hlt haben, sich mit\nchinesischen Hochzeitssitten nicht auszukennen, denn seine Mutter kam\nvon sich aus auf das Thema zu sprechen. Offensichtlich bereitete es\nihr Vergn\u00fcgen, alles detailliert zu schildern, Annas Fragen zu\nbeantworten und ihr Tipps zu geben.<br>Annas anf\u00e4ngliche\nBeklommenheit zerstreute sich langsam. Und als Tags darauf die\nschwere Limousine mit den Spiegelfenstern vorfuhr um sie gemeinsam\nmit Bailongs Mutter und deren Schwester zur Feier zu fahren, war\nnichts mehr davon \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nLimousine machte vor dem \u00e4u\u00dferlich schmucklosen Neubau einer\nVersammlungshalle halt. Im Foyer wurden sie von Bailong und seinem\nVater begr\u00fc\u00dft. Ein halbes Dutzend junger Leute hatte alle H\u00e4nde\nvoll zu tun, den Ank\u00f6mmlingen Garderobe und Geschenke abzunehmen und\nsie in die Halle zu ihren Pl\u00e4tzen zu f\u00fchren. Die Halle war gr\u00f6\u00dfer,\nals der \u00e4u\u00dfere Eindruck dies vermuten lie\u00df. Dem Eingang gegen\u00fcber\nnahm eine rot eingekleidete B\u00fchne ihre Frontseite ein, dar\u00fcber\nprangte ein ebenfalls rotes Spruchband. \u201eHochzeitsfeier von Liu\nBailong und Chen Mailin\u201c entzifferte Anna. Runde Esstische, an\ndenen zw\u00f6lf Personen Platz fanden, f\u00fcllten die Halle davor\nvollst\u00e4ndig aus. Auch hier also&nbsp;keine Tanzfl\u00e4che, stellte Anna\nfest. Sie \u00fcberflog die Tischreihen und kam auf etwa f\u00fcnfzig Tische,\nPlatz f\u00fcr an die sechshundert G\u00e4ste.<br>Die meisten waren schon\neingetroffen, manche hatten Platz genommen, andere standen in kleinen\nGruppen beisammen. Erst jetzt fiel Anna auf, wie schlicht die\nAnwesenden gekleidet waren. Wohl trugen Bailong und sein Vater dunkle\nAnz\u00fcge, Hemd und Krawatte, aber damit waren sie eine Ausnahme.\n\u00c4ltere M\u00e4nner kamen in legerer Freizeitkleidung, ihre Frauen in\nJerseyhosen mit Bluse. Nur die jungen Frauen trugen Kleid, ihre\nM\u00e4nner Hemd mit Krawatte zu Jeans. Abendroben und schwarze Anz\u00fcge\nkonnte Anna nirgends entdecken, daf\u00fcr an den vordersten Tischen\neinige alte M\u00e4nner in Trainingsanz\u00fcgen, wie sie f\u00fcr chinesische\nSchuluniformen typisch waren. Annas f\u00fcr westliche Hochzeiten eher\nschlichte Aufmachung blieb hier gerade noch im Rahmen. Nachdem sie\nihre Tischnachbarn begr\u00fc\u00dft und sich die Lage ihres Platzes gut\neingepr\u00e4gt hatte, zog es sie wieder ins Freie, denn sie wollte\nMailins Ankunft nicht verpassen.<br>Es war nur der engere\nFamilienkreis, der sich nach und nach auf dem B\u00fcrgersteig vor dem\nHalleneingang versammelte. Bailong und sein Vater gesellten sich dazu\nund die jungen Leute, die vorher den Garderobendienst versehen\nhatten, schleppten Kisten voller B\u00f6ller herbei um sie in einiger\nEntfernung an die Bordsteinkante zu stellen.&nbsp;Auch zwei\nFotografen hatten sich eingefunden.&nbsp;Bailong war seine Aufregung\nanzumerken, wiederholt trat er von einem Fu\u00df auf den anderen bis\nsein Vater ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter legte.<br>Ein\nRaunen ging durch die Gruppe, als eine schwarze Limousine mit\nBlumenschmuck auf der K\u00fchlerhaube in die Stra\u00dfe einbog.&nbsp;Das\nwar das Signal, die B\u00f6ller zu z\u00fcnden. Als der Wagen zum Stehen\ngekommen war,&nbsp;entstieg&nbsp;Mailin&nbsp;ihm in einer langen\nroten Hochzeitsrobe.&nbsp;Jemand dr\u00fcckte ihr einen \u00fcppigen\nBrautstrau\u00df in die H\u00e4nde und sie bleib vor der Limousine stehen, um\nden Fotografen Zeit f\u00fcr ihre Bilder zu geben. Einige Augenblicke\nlang l\u00e4chelte sie gelassen in die Runde. Offensichtlich war dies ihr\nTag und sie schien den Moment&nbsp;genie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Die\nUmstehenden waren hingerissen und als Bailong auf Mailin zuging um\nsie in die Halle zu f\u00fchren, kam Applaus auf.<br>Was nun kam, wirkte\nauf Anna wie ein Parteitag mit hochzeitlichen Einlassungen und\nanschlie\u00dfendem Bankett. W\u00e4hrend Mailin und Bailong sich an ihren\nTisch in der ersten Reihe setzten, nahmen auch die restlichen G\u00e4ste\nihre Pl\u00e4tze ein. Bailongs Vater spulte die Begr\u00fc\u00ad\u00dfungs\u00adrede\nohne Skript und mit der aalglatten Routine eines Berufspolitikers ab.\nMailins Vater, der anschlie\u00dfend an der Reihe war, fiel es deutlich\nschwerer, vor dem ganzen Saal seine Ansprache zu verlesen.\nNacheinander standen nun weitere \u00e4ltere Herren von den vordersten\nTischen auf um die Anwesenden mit ihren Vortr\u00e4gen zu begl\u00fccken.\nMeist ging es dabei um Fortschritt, Entwicklung und\nZukunftsaussichten in Tianjin und China und um die Bedeutung, die\ndiese Rahmenbedingungen f\u00fcr das junge Paar hatten. Von Rede zu Rede\nwurde deutlicher, welch gewaltigen Berg an Erwartungen beide Familien\nauf den Schultern des jungen Paares ab luden. Der Druck, der auf\nihnen lastete, musste enorm sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\nGelangweilt\nlie\u00df Anna ihren Blick durch den Saal schweifen, bis er an der\nSitzordnung der beiden zentrale Tischen in der ersten Reihe haften\nblieb. Mailin und Bailong sa\u00dfen umgeben von Mailins Familie an&nbsp;dem\neinen,&nbsp;Bailongs Familie&nbsp;war hier nur durch\nseine&nbsp;Mutter&nbsp;vertreten.&nbsp;Der andere Tisch aber\nwar&nbsp;wie&nbsp;ein Altherrenstammtisch&nbsp;besetzt mit&nbsp;Bailongs\nVater, den&nbsp;Herren mit den Trainingsanz\u00fcgen und einigen weiteren\nin Freizeitkleidung. Keine einzige Frau war darunter.<br>Endlich,\nAnna hatte fast nicht mehr damit gerechnet, trat auch Bailong auf die\nB\u00fchne. Nach einer langen Kette von Danksagungen an die Adresse\nseiner Eltern bat er Mailin neben sich. Auch sie bedankte sich\nausf\u00fchrlich f\u00fcr alles, was ihre Familie f\u00fcr sie getan hatte. Beide\nverneigten sich vor den vordersten Tischen.&nbsp;Bailongs Vater\nbrachte nun zwei kleine Weingl\u00e4ser auf die B\u00fchne, Mailins Vater\nfolgte ihm mit einer kleinen Schmuckschachtel in den H\u00e4nden. Nach\nall den schwergewichtigen Ausf\u00fchrungen der letzten Stunde war Anna\n\u00fcberrascht, nun doch noch so etwas wie ein Hochzeitsritual zu sehen\nzu bekommen.<br>Nachdem Mailin und Bailong Br\u00fcderschaft getrunken\nund die Ringe getauscht hatten, gab es sogar noch einen sch\u00fcchternen\nBrautkuss f\u00fcr Mailin. Damit war der offizielle Teil der Feier\nabgeschlossen und man widmete sich den Speisen, die nach und nach\nhereingetragen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u00dcberrascht\nging Anna auf Abe zu, als sie ihn an einem grauen Novembernachmittag\nin der Uni-Caf\u00e9teria hinter seinem Laptop sitzen sah. \u201eHallo Anna,\nwie geht\u2019s? Komm setzt Dich her, wir haben uns schon lange nicht\nmehr miteinander unterhalten!\u201c &#8211; \u201eJa, das ist wahr! Mir geht\u2019s\ngut, danke. Wie kommt es, dass Du&nbsp;an der Uni unterwegs bist?\u201c\n&#8211; \u201eWir haben uns von der Hochzeit inzwischen erholt, ich habe\nwieder Zeit zum Lernen. Die Uni hat mir ausnahmsweise eine\nEinschreibung mitten im Semester erm\u00f6glicht und heute habe ich die\nFormalit\u00e4ten erledigt.\u201c &#8211; \u201eWei\u00dft Du schon, in welche Klasse sie\nDich stecken?\u201c &#8211; \u201eNein, noch nicht. Sag mal Anna, wie war es denn\nauf dieser Hochzeit in Tianjin?\u201c &#8211; \u201eDie Braut war wundersch\u00f6n,\ndas Essen war sehr gut und Bailongs Mutter bem\u00fchte sich sehr, mich\ndurch alles heil hindurch zu dirigieren. Davon abgesehen war es&nbsp;ein\nKongress mit anschlie\u00dfendem Abendessen. Es war nicht zu \u00fcbersehen,\ndass Bailong aus einer hochrangigen Politikerfamilie stammt.\u201c &#8211;\n\u201eStimmt, traditionelle chinesische Feiern sind viel st\u00e4rker auf\ndie&nbsp;Bedeutung der&nbsp;beiden Familien ausgerichtet als\nunsere.\u201c&nbsp;nickte Abe.<br>\u201eWie habt ihr es eigentlich\ngeschafft, hier in Peking eine westliche Hochzeit zu feiern, noch\ndazu mit einer solchen \u00dcberzahl an&nbsp;chinesischen G\u00e4sten?\u201c\nAbe, der sonst selten um Antworten verlegen war, musste nachdenken.\n\u201eHm&#8230; daf\u00fcr gab es mehrere Gr\u00fcnde&#8230;\u201c begann er. \u201eZum einen\nhat Lin schon eine traditionelle chinesische Hochzeit hinter sich,\naber die hat ihr kein Gl\u00fcck gebracht. Ihre erste Ehe zerbrach nach\nvier Jahren. Diesmal wollte sie etwas anderes, daher musste ich sie\nnicht lange \u00fcberreden. Der andere Grund ist viel profaner. Die\nHochzeit wurde von meinen Eltern bezahlt und so wollten sie nat\u00fcrlich\nauch ihre Vorstellungen einbringen.\u201c &#8211; \u201eGeh\u00f6rte dazu auch diese\nEisbrecher-Nummer, die einige Deiner Verwandten nach dem Essen\ndurchgezogen haben?\u201c Abe kicherte. \u201eOh,&nbsp;das haben&nbsp;meine\nMutter und ich&nbsp;ausgeheckt. Lin hat uns erz\u00e4hlt, wer aus ihrer\nFamilie Englisch kann und dann haben wir in meiner Familie die\nmutigsten herausgepickt&#8230;. Meine Mutter&nbsp;glaubt, dass sich Lins\nund meine Familie nach der Hochzeit wohl nie wieder treffen werden.\nDaher&nbsp;wollte sie so viele Kontaktm\u00f6glichkeiten schaffen wie\nm\u00f6glich. Wie ich sie kenne wird sie daheim&nbsp;jetzt&nbsp;einen\nEisbrecher nach dem anderen auszuhorchen versuchen.\u201c &#8211; Anna staunte\nnicht schlecht \u00fcber so viel Raffinesse.<br>\u201eUnd wo hast Du die\nbuddhistischen M\u00f6nche aufgetrieben, die die Zeremonie geleitet\nhaben?\u201c &#8211; \u201eOh, das sind alte Freunde von mir. Bevor ich hier an\ndie Uni kam, war ich ein Jahr in einem buddhistischen Kloster zum\nmeditieren, dort habe ich sie kennen gelernt.\u201c &#8211; \u201eDas Jahr im\nKloster scheint Dir&nbsp;Gl\u00fcck gebracht zu haben.\u201c bemerkte Anna.\n\u201eHm&#8230; da liegst Du vermutlich&nbsp;richtig.\u201c gab Abe schmunzelnd\nzu.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Wurzeln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nHochzeitstrubel hatte sich gelegt und Anna genoss die relative\nGleichf\u00f6rmigkeit ihres Studentenlebens nun umso mehr. Zwischen\nUnterricht, gelegentlichen Ausfl\u00fcgen und Lernen verging der Herbst\nwie im Flug und ehe sie es sich versah, war der Winter \u00fcber Peking\nhereingebrochen, knochentrockenes Graubraun \u00fcberall, kahl und kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEines\nNachmittags, Anna kam gerade vom Einkaufen zur\u00fcck ins Wohnheim, sah\nsie im Foyer eine kr\u00e4ftig gebaute Asiatin vor dem Empfangstresen\nstehen, neben sich zwei riesige Koffer. Die Wohnheimmanagerin war\ndabei, der Neuen die Zimmerschl\u00fcssel auszuh\u00e4ndigen und ihr die\nWohnheimregeln zu erkl\u00e4ren. Es war unschwer erkennbar, dass die Neue\nnur wenig von dem verstand, was ihr gepredigt wurde. \u201eDas kenn&#8216; ich\nnur zur gut&#8230; aber leider kann ich weder mit Japanisch noch mit\nKoreanisch oder gar Thail\u00e4ndisch aushelfen.\u201c dachte Anna im\nVorbeigehen. Im zweiten Stock angekommen, bemerkte sie von weiter\nunten das Trappeln und Schnaufen von jemand, der es eilig hatte. Aber\nAnna war in Gedanken schon bei dem Becher dampfenden Kaffees, mit dem\nsie sich auf ihrem Zimmer aufw\u00e4rmen wollte und nahm unbeirrt die\nTreppe zum dritten Stock in Angriff.<br>\u201eHallo, konsch&#8216; mr&#8216; bidde\nhelfe d&#8216; Koffr&#8216; nouf z&#8217;schlebb\u00e4?\u201c erklang es kurz darauf atemlos\naber mit unverkennbar schw\u00e4bischem Akzent hinter ihr. Anna konnte\nihr Erstaunen nicht ganz verbergen, als sie hinter sich die Asiatin\nentdeckte, die unten am Empfang gestanden hatte. Solche Reaktionen\nschienen dieser jedoch nicht neu zu sein. \u201eAlso, i&#8216; bin die Thuan\nun&#8216; komm&#8216; ous Reutlinge!\u201c stellte sie sich mit einem verschmitzten\nL\u00e4cheln vor, dabei Annas Reaktion sichtlich auskostend. \u201eIch hei\u00dfe\nAnna&#8230;\u201c erwiderte diese etwas perplex. \u201eLass mich nur eben noch\nmeine Eink\u00e4ufe ins Zimmer stellen, dann komme ich runter und helfe\nDir.\u201c &#8211; \u201eDank&#8216; sch\u00f6n, bis glei&#8217;&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnna\nund Thuan freundeten sich schnell an. Wie sich herausstellte war\nThuan eine Deutsche mit vietnamesischem Vater und chinesischer\nMutter. Als Thuan zwei Jahre alt gewesen war, musste ihre Familie\nunter katastrophalen Bedingungen aus dem damaligen Saigon fliehen und\nwar durch eine der Hilfsaktionen zur Rettung der \u201eBoat People\u201c\nnach Deutschland gekommen. Thuan sprach Deutsch und Vietnamesisch,\naber Chinesisch war auch f\u00fcr sie eine Fremd\u00adsprache, die sie nun\nim Rahmen ihres Studiums erlernen wollte. F\u00fcr Anna war es immer\nwieder \u00fcberraschend zu erleben, wie tief Thuan emotional mit ihrer\nvietnamesisch-chinesischen Herkunft verwoben war, obwohl sie ihr\nganzes bewusstes Leben in Deutschland verbracht hatte.<br>Sag&#8216; mal\nAnna, interessierst Du Dich f\u00fcr Konfuzius?\u201c wollte sie einmal\nw\u00e4hrend eines gemeinsamen Mittagessens wissen. \u201eJa schon&#8230;\u201c\nerwiderte Anna z\u00f6gernd. \u201eAber wenn ich&#8217;s recht \u00fcberlege, wei\u00df\nich erschreckend wenig \u00fcber ihn.\u201c &#8211; \u201eIch m\u00f6chte mir einmal die\nResidenz seiner Familie in Qufu ansehen.\u201c sprudelte es da aus Thuan\nheraus. Dort gibt es auch den Konfuzius-Tempel und den\nFamilienfriedhof der Familie Kong, da muss ich unbedingt bald\nhinfahren!\u201c Thuans Augen gl\u00e4nzten. \u201eDavon habe ich auch schon\ngeh\u00f6rt&#8230;\u201c Wieder einmal staunte Anna, wie sehr die kulturellen\nWurzeln ihrer Familie Thuan umtrieben. \u201eWas h\u00e4ltst Du davon, wenn\nwir uns das an einem der n\u00e4chsten Wochenenden zusammen anschauen?\u201c\nbohrte Thuan weiter. \u201eAber ist das nicht irgendwo ziemlich weit\nunten in Shandong?\u201c So interessant Anna die Sehensw\u00fcrdigkeiten in\nQufu auch fand, sie hatte Zweifel, ob ein Wochenendtrip dorthin\nwirklich eine gute Idee war. \u201eAllein die Zugfahrt da runter kann ja\nschon an die acht Stunden dauern&#8230;\u201c &#8211; \u201eDann m\u00fcssen wir eben\nFreitagmittag gleich nach dem Unterricht los, dann haben wir den\nganzen Samstag f\u00fcr Qufu und am Sonntag gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr die\nR\u00fcckreise.\u201c Thuan schien nicht locker lassen zu wollen. \u201eOkay,\ndas ist ein Plan der funktionieren kann&#8230;\u201c Anna streckte die\nWaffen. \u201eDann lass es uns auch bald angehen, \u00fcbern\u00e4chstes\nWochenende h\u00e4tte ich Zeit.\u201c schlug sie vor. \u201ePrima, abgemacht!\u201c\nThuan strahlte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nMorgensonne brachte den Rauhreif auf dem vertrockneten Gras am\nWegrand zum Glitzern, als Thuan und Anna in Qufu die lange Allee\nhinunter schritten, die direkt auf den Eingang der Konfuzius-St\u00e4tten\nzulief. Fr\u00f6stelnd beschleunigten sie ihre Schritte und waren die\nersten Besucher, die an diesem Tag die Anlage betraten.<br>Zun\u00e4chst\nwandten sie sich den verwinkelten R\u00e4umen und Innenh\u00f6fen der\nehemaligen Residenz der Familie Kong zu, die sich \u00fcber ein sechzehn\nHektar gro\u00dfes Grundst\u00fcck erstreckten. Konfuzius&#8216; Nachkommen waren\nvon den Kaisern dazu bestimmt worden, die konfuzianischen Riten im\nTempel durchzuf\u00fchren und bewohnten die vierhundertsechzig R\u00e4ume&nbsp;bis\nin die vierziger Jahre hinein. Jahrtausende lang von den\nHerrschenden&nbsp;beschenkt und alimentiert, nannten sie zum\nZeitpunkt ihrer Vertreibung den gr\u00f6\u00dften Grundbesitz ganz Chinas ihr\nEigen, ebenso einmalig war die Ausstattung ihres Familiensitzes.<br>Der\nAhnentempel des Konfuzius war nur durch eine Mauer davon getrennt und\nwartete auf seinen zweiundzwanzig Hektar Grundfl\u00e4che mit weiteren\n\u00dcberraschungen auf. Die Anlage bestand aus neun H\u00f6fen, der Tempel\nselbst war dreigliedrig. Von Gr\u00f6\u00dfe und Ausstattung her konnten sich\nneben ihm nur noch die Geb\u00e4ude der verbotenen Stadt sehen\nlassen.<br>Das himmelw\u00e4rts gebogene Doppeldach der Haupthalle war\nmit gelben Dachziegeln gedeckt, der Farbe die ansonsten\nausschlie\u00dflich f\u00fcr den Kaiser verwendet werden durfte. Es ruhte auf\nzehn Steins\u00e4ulen, jede aus einem einzigen Stein heraus gehauen. Auf\nihnen ringelten sich mit der Sonne spielende Drachen,&nbsp;das Symbol\ndes Himmelssohns, ebenfalls dem Kaiser vorbehalten. Und die\nReliefkunst dieser S\u00e4ulen gab es in dieser Vollendung nicht einmal\nin der verbotenen Stadt selbst. Das ganze Bauwerk war eine einzige\nRespektsbezeugung der Kaiser f\u00fcr den Philosophen, der sie das\nRegieren gelehrt hatte. Anna hatte nicht erwartet, dass es in China\neinen Ort geben k\u00f6nnte, an dem selbst die Kaiser sich verneigten.\nHier war er. Vor ihrer Inthronisation und nach milit\u00e4rischen Siegen\nwaren sie reihenweise hier her gekommen, um dem von ihnen verehrten\nWeisen zu huldigen.<br>Nur durch Bildung k\u00f6nne der Mensch zu einem\n\u201eedlen\u201c Menschen werden, hatte der gelehrt. Folgerichtig schloss\nsich gleich an die Haupthalle des Tempels die \u201eLiteraturhalle\u201c\nmit ihrer steinernen Bibliothek an. Ihr Dach erstreckte sich \u00fcber\ndie ganze L\u00e4nge der Tempelanlage, darunter reihte sich Wand an Wand,\nvollst\u00e4ndig bedeckt mit beschrifteten Steintafeln. Generationen\nangehender kaiserlicher Beamter hatten diese Texte auswendig gelernt\num sich auf ihre Pr\u00fcfungen vorzubereiten.<\/p>\n\n\n\n<p>\nGegen\nMittag hatten sich Anna und Thuan durch alle neun H\u00f6fe\ndurchgearbeitet und brauchten dringend eine Pause. Sie suchten sich\nin einem Innenhof eine von der Sonne beschienene Holzbank und packten\nihre mitgebrachten Dampfbr\u00f6tchen aus. Erschlagen von den\nSuperlativen des Tempels a\u00dfen sie schweigend und lie\u00dfen sich von\nder Sonne aufw\u00e4rmen. Nachdem die Lebensgeister langsam wieder zur\u00fcck\ngekehrt waren, machten sie sich erneut auf den Weg um den Friedhof\nder Familie Kong zu erkunden.<br>Schon auf den ersten Schritten war\nzu erkennen, dass dieses Gr\u00e4berfeld mit nichts zu vergleichen war,\ndas Anna jemals zuvor gesehen hatte. Zwischen kahlen Laubb\u00e4umen und\nunter dunklen Zypressen reihten sich die Grabh\u00fcgel, Stelen und\nSkulpturen der \u00fcber hunderttausend Gr\u00e4ber der Nachfahren des\nKonfuzius aneinander soweit das Auge reichte. Wohl hatte Anna\ngelesen, dass in dieser Anlage sechsundsiebzig Generationen der\nFamilie Kong auf drei\u00dfig Quadratkilometern Fl\u00e4che begraben waren,\ndennoch war das schiere Ausma\u00df des Friedhofs unfassbar.<br>Die\nschr\u00e4g stehende Wintersonne warf scharfe Schatten auf das trockene\nLaub zwischen den B\u00e4umen, H\u00fcgeln und Stelen, w\u00e4hrend Anna und\nThuan versuchten, sich zu orientieren. \u201eKomm Anna, lass uns erst\neinmal das Grab des Konfuzius ansehen!\u201c schlug Thuan vor. \u201eGute\nIdee, fangen wir mit dem \u00e4ltesten an und laufen dann langsam weiter\nzu den j\u00fcngeren. Dann tappen wir nicht so ratlos hier herum&#8230;\u201c<br>Als\nsie ihr Ziel erreicht hatten war eine gute halbe Stunde vergangen, in\nder beide kaum ein Wort gesprochen hatten. Das Grab des 479 v. Chr.\nverstorbenen Konfuzius war das gr\u00f6\u00dfte der gesamten Anlage und doch\nschlicht gehalten. Eine Stele, deren Inschrift den hier Ruhenden als\n\u201evollendeten, heiligen K\u00f6nig der Kultur\u201c auswies, ein Altar und\nein kleiner Schrein standen auf dem Platz vor dem Grabh\u00fcgel, an den\nSeiten ein paar schlanke Zypressen, das war alles. Thuan lief\nbegeistert auf dem Platz hin und her, turnte auf den Altar und lie\u00df\nsich von Anna in verschiedenen Posen ablichten. Anna hingegen\nversuchte, alles in Ruhe auf sich wirken zu lassen und ging einmal\nlangsam um Grabh\u00fcgel und Vorplatz herum.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNach\neiner kleinen Rast machten die beiden sich&nbsp;erneut auf den Weg\ndurch die Gr\u00e4ber\u00adlandschaft. \u201eIch frage mich schon die ganze\nZeit, was zu Konfuzius Zeiten wohl in Europa so los war&#8230;\u201c sagte\nThuan nach einer Weile. \u201eEigentlich m\u00fcsste ich von der Schule her\nwenigstens ein bisschen was dar\u00fcber wissen, aber da ist nichts\nh\u00e4ngen geblieben&#8230;\u201c erg\u00e4nzte sie nachdenklich. Anna lachte.\n\u201eMich hat diese Frage auch schon besch\u00e4ftigt und ich musste auch\nerst mal nachschauen. Also etwa zehn Jahre nach Konfuzius Tod wurde\nim antiken Griechenland ein gewisser Sokrates geboren, die beiden\nwaren fast so etwas wie r\u00e4umlich entfernte Zeitgenossen.\u201c &#8211; \u201eWas\ndie beiden sich wohl zu sagen gehabt h\u00e4tten, wenn sie sich begegnet\nw\u00e4ren?\u201c r\u00e4tselte Thuan. \u201eIch glaube da w\u00e4ren die Fetzen\ngeflogen&#8230;\u201c &#8211; \u201eWie kommst Du denn auf so etwas?\u201c kicherte\nThuan. \u201eNa ja, Sokrates muss eine ziemliche Nervens\u00e4ge gewesen\nsein. Er stellte st\u00e4ndig unbequeme Fragen und versuchte, die Leute\nin Dialoge zu verwickeln weil er glaubte, das br\u00e4chte sie dazu, \u00fcber\nihren Tellerrand hinaus zu denken.\u201c &#8211; \u201eDas ist ja eine super\nmoderne Methode!\u201c entfuhr es Thuan. \u201eAber auch eine super\nkonflikttr\u00e4chtige. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass Konfuzius mit\nseinen Lehren von Harmonie, Hierarchie und Bildung f\u00fcr Sokrates so\netwas wie das rote Tuch f\u00fcr den Stier gewesen w\u00e4re. Und sogar die\nAthener hatten am Ende die Schnauze so voll von Sokrates&#8216; Fragerei,\ndass sie ihm den Schierlings\u00adbecher servierten&#8230;\u201c &#8211; \u201eEin\nwenig r\u00fchmliches Ende, zumindest das hatten die beiden Philosophen\ndann gemeinsam.\u201c meinte Thuan nachdenklich. \u201eWar Konfuzius&#8216; denn\nnicht schon zu Lebzeiten ber\u00fchmt?\u201c fragte Anna \u00fcberrascht. \u201eNein,\nganz und gar nicht. Er hatte wohl einige Sch\u00fcler, die ihn verehrten,\naber an seinem eigentlichen Ziel, der Lehrer der M\u00e4chtigen zu\nwerden, scheiterte er. Erst einige Zeit nach seinem Tod entdeckten\ndie Herrscher, wie gut sich ihre Macht mit seiner Lehre festigen lie\u00df\nund begannen, sie umzusetzen und einen Kult draus zu machen.\u201c &#8211;\n\u201eDass M\u00e4chtige sie f\u00fcr sich entdecken, das kann mit den Frage-\nund Dialog\u00admethoden des Sokrates wohl kaum passieren\u201c meinte\nAnna. \u201eNein, das glaub&#8216; ich auch nicht&#8230;\u201c&nbsp;nickte Thuan.\nSchweigend schlenderten sie weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>\nGrabh\u00fcgel,\nschief eingesunkene Stelen und kahle B\u00e4ume l\u00f6sten einander ab,\nw\u00e4hrend die Sonne sich langsam dem Horizont n\u00e4herte. Die feinen\nF\u00e4den der Melancholie legten sich sanft wie Spinnweben \u00fcber das\nGem\u00fct der beiden Besucherinnen.<br>\u201eWissen wir eigentlich noch, wo\nwir sind?\u201c fragte Thuan irgendwann beklommen. \u201eDoch, ich glaube\nschon. So langsam m\u00fcssten wir zu den Gr\u00e4bern der Ming-Zeit\nkommen&#8230;&#8220;<br>Nach einer weiteren endlosen Viertelstunde\ndurchbrachen rechts&nbsp;und links des Weges&nbsp;steinerne\nSkulpturen die Monotonie. Ihr Anblick lie\u00df Anna und Thuan\naufatmen.<br>Widder und \u00fcberlebensgro\u00dfe Katzen bewachten hier\npaarweise den Zugang zu steinernen Torb\u00f6gen, gesattelte Pferde\nstanden vor den \u00d6ffnungen und tr\u00e4umten in der Abendsonne davon,\nihre Besitzer hindurch ins Jenseits zu tragen. Ihre steinernen K\u00f6rper\nschimmerten in warmen, beruhigenden Ockert\u00f6nen als wollten sie dem\nBetrachter Mut machen, endlich aufzusteigen zum letzten Ritt. Mit\nverf\u00fchrerischem Sog zogen die&nbsp;Tore die Blicke der beiden\nBesucherinnen auf sich.<br>\u201eJetzt haben wir schon \u00fcber achtzehn\nJahrhunderte hinter uns gebracht.\u201c Anna durchbrach die&nbsp;Stille\num ein wenig Abstand zu ihrer Stimmung zu gewinnen. Auch&nbsp;Thuan\natmete durch. \u201eNun, dann schaffen wir den Rest auch noch&#8230; Aber\nganz ehrlich, so langsam reicht&#8217;s mir.\u201c &#8211; \u201eKomm, lass uns\nschneller gehen, sonst m\u00fcssen wir hier noch im Dunkeln unseren Weg\nsuchen.\u201c Mit beschleunigtem Schritt setzten sie ihren Weg fort.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNur\neinmal hielten sie noch inne, bevor sie das Gel\u00e4nde verlie\u00dfen. Sie\nwaren schon in der N\u00e4he des Ausgangs angelangt, als sie pl\u00f6tzlich\nvor&nbsp;ganz frischen Gr\u00e4bern&nbsp;standen. Gelbe Papierstreifen\nund ein paar wei\u00dfe Chrysanthemen&nbsp;lagen noch auf dem&nbsp;lehmigen\nErdh\u00fcgel vor ihnen.&nbsp;Etwas weiter entfernt gab es\nweitere&nbsp;Grabh\u00fcgel neuern Datums, vor denen schon&nbsp;Stelen\naufgestellt waren. &#8222;Wenn ich&nbsp;die Inschriften\nrichtig&nbsp;entziffere, haben die&nbsp;Beerdigungen hier erst vor\nwenigen Wochen stattgefunden.&#8220; stellte Anna fest.&nbsp;\u201eIch\nwusste wohl, dass Familie Kong nach wie vor existiert und diesen\nFriedhof nutzt&#8230; aber dass ihnen sechsundsiebzig Generationen ihrer\nVorfahren dabei \u00fcber die Schulter schauen, wie sie einen Faden\nweiter spinnen, der zweitausendf\u00fcnfhundert Jahre weit in die\nVergangenheit reicht, das habe ich erst heute begriffen&#8230; \u201c\nmurmelte sie dann&nbsp;vor sich hin. \u201eWei\u00dft Du Anna,&#8230;\u201c Thuan\nhatte ihre Beklommenheit&nbsp;immer noch nicht ganz abgesch\u00fcttelt,\n\u201e&#8230; diese ganze Familientradition, die f\u00fcr uns so viel schwerer\nwiegt als f\u00fcr Euch Europ\u00e4er, ist eben Fluch und Segen zugleich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Wintersonnenwende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nEines\nNachts Anfang Dezember \u00fcberzuckerte eine kaum drei Zentimeter hohe\nDecke aus Pulverschnee den Campus. F\u00fcr das eher wintertrockene\nPeking kamen diese Schneef\u00e4lle fr\u00fch, waren aber nichts Besonderes.\nF\u00fcr viele Studenten der Uni jedoch bedeuteten sie eine Premiere.\nEine ganze Reihe von ihnen stammte aus s\u00fcdlicheren Gefilden und\nhatte offensichtlich noch nie Schnee gesehen. Schon als Anna am\nfr\u00fchen Morgen zum Unterricht ging, tollten mehrere Gruppen junger\nLeute auf den Gr\u00fcnfl\u00e4chen rechts und links des Weges herum,\nbewarfen sich lachend mit Schneeb\u00e4llen, schlitterten, schubsten sich\ngegenseitig in den Schnee oder versuchten, aus dem sch\u00fctteren wei\u00dfen\nBelag kleine Schneem\u00e4nnchen zusammen zu schieben. Am\u00fcsiert blieb\nAnna stehen und lie\u00df sich von der kindlichen Freude der sonst so\nzielstrebig Lernenden anstecken. Das bisschen Wei\u00df hatte bei ihnen\noffenbar einen versteckten Schalter umgelegt, niemand schien mehr an\nUnterricht zu denken.<br>Klatschend landete ein Schneeball auf Annas\nR\u00fccken. Als sie sich umdrehte entdeckte sie eine kichernde Thuan,\ndie ebenfalls auf dem Weg zum Unterricht war. \u201eGuten morgen Thuan!\nSag blo\u00df der Schnee macht auch Dich besoffen?\u201c &#8211; \u201eKeine Sorge,\ndie Winter in Reutlingen sind nicht gerade warm, ich bin&#8217;s gewohnt!\nAber ich kann gut verstehen warum die hier so ausrasten. Meine Eltern\nhaben auch so reagiert, als sie in Deutschland die ersten Schneef\u00e4lle\nihres Lebens erlebten.\u201c &#8211; \u201eIn Vietnam gibt es wohl gar keinen\nSchnee?\u201c &#8211; \u201eNormalerweise nicht, nur ganz selten mal im Norden\ndes Landes. Viele Leute reisen dann von weit her an, um es einmal\nmitzuerleben.\u201c<br>Eine weitere Deutsche, die Anna bisher nur vom\nSehen her kannte, gesellte sich zu den beiden hinzu. \u201eDas ist\nErika, sie geht hier in die gleiche Klasse wie ich. In Deutschland\nsind wir Kommilitonen und studieren das gleiche Fach.\u201c stellte\nThuan sie vor. \u201eGuten Morgen Anna, Thuan hat mir schon von Dir\nerz\u00e4hlt.\u201c &#8211; \u201eGuten Morgen Erika, vom gelegentlichen Sehen her\nkenne ich Dich auch schon.\u201c &#8211; \u201eAlso, der Schnee macht mich zwar\nnicht besoffen, aber so richtig Bock auf Unterricht habe ich jetzt\nauch nicht mehr&#8230;\u201c tastete Thuan sich vor. \u201eJetzt wo Du&#8217;s\nsagst&#8230;\u201c Anna hakte ein. \u201eWir k\u00f6nnten uns auf einen Kaffee\nzusammen setzen und unseren Trip nach Shanhaiguan planen&#8230; hinterher\nist immer noch Zeit f\u00fcr die zweite Stunde.\u201c schlug Erika vor.\n\u201eAnna, hast Du nicht auch Lust mitzukommen auf die Tour?\u201c fragte\nThuan. \u201eWann wollt Ihr denn los?\u201c &#8211; \u201e\u00dcbern\u00e4chstes Wochenende,\nda hat n\u00e4mlich auch Karla frei. Sie ist eine weitere Kommilitonin\naus Deutschland und macht gerade ihr Praxissemester in einem\nKrankenhaus hier in Peking.\u201c &#8211; \u201e\u00dcbern\u00e4chstes Wochenende hab&#8216;\nich noch nichts vor, klar komme ich mit!\u201c Anna hatte schon l\u00e4nger\ndamit gelieb\u00e4ugelt, sich einmal das \u00f6stliche Ende der chinesischen\nMauer anzuschauen und musste nicht lange \u00fcberlegen. \u201eDas Caf\u00e9\nhier auf dem Campus hat auch schon auf&#8230;\u201c meinte Erika.\n\u201eUnterricht im Caf\u00e9 schw\u00e4nzen&#8230; ich komm&#8216; mir vor wie fr\u00fcher in\nder Schule&#8230;\u201c kicherte Anna, w\u00e4hrend die drei sich in Richtung\nCaf\u00e9 in Bewegung setzten. \u201eDas hei\u00dft Tao-Ke auf Chinesisch.\u201c\nerg\u00e4nzte Erika lachend. \u201eGut zu wissen, falls man uns in der\nzweiten Stunde fragt wo wir in der ersten abgeblieben sind.\u201c feixte\nAnna.<\/p>\n\n\n\n<p>\nWeihnachten\nstand vor der T\u00fcr und der Schnee hatte schon l\u00e4ngst wieder dem\ngefrier\u00adge\u00adtrock\u00adneten Graubraun des Pekinger Winters\nPlatz gemacht, als Thuan, Erika und Anna sich vor dem Pekinger\nBahnhof mit Karla trafen. Nachdem Thuan Karla und Anna miteinander\nbekannt gemacht hatte begann das Gr\u00fcppchen unverz\u00fcglich, sich in\nRichtung Bahnsteig durch das Menschen\u00adgewimmel hindurch zu\nschieben. Es erwies sich als sehr hilfreich, dass Karla die\nFahrkarten f\u00fcr alle schon einige Tage vorher erstanden hatte. Bei\ndem Andrang, der an diesem Freitagnachmittag vor den Schaltern\nherrschte, w\u00e4re es sonst unm\u00f6glich gewesen, den Zug Richtung\nShanhaiguan noch rechtzeitig zu erreichen.<br>An ihrem Ziel\nangekommen war es f\u00fcr erste Besichtigungen zu dunkel geworden. So\ncheckten sie im Hotel ein und machten sich anschlie\u00dfend auf die\nSuche nach einem Restaurant, in dem sie ihren Hunger stillen und den\nTag ausklingen lassen konnten. Ein St\u00fcck die Stra\u00dfe hinunter fanden\nsie eines, das mit seinem \u201eFeuertopf\u201c, dem chinesischen\nBr\u00fchefondue warb. \u201eNa, das ist doch das perfekte Essen, damit wir\nuns aufw\u00e4rmen k\u00f6nnen!\u201c schw\u00e4rmte Thuan. \u201eUnd sie haben auch\ndie Sorte mit scharfer und milder Br\u00fche auf der Karte, da kommen wir\nalle auf unsere Kosten.\u201c erg\u00e4nzte Karla. Bald sa\u00dfen sie um einen\nrunden Tisch herum, der sich unter den Platten und Tellern mit\nverschiedenen Fleisch- Gem\u00fcse- und Beilagensorten geradezu bog.\nAlles war um den Feuertopf in der Tischmitte herum angeordnet, den\neine geschwungene Trennwand so in zwei H\u00e4lften teilte, dass milde\nund scharfe Br\u00fche zusammen im gleichen Topf k\u00f6cheln konnten.<br>Es\nwar kein Zufall, dass Karla und Anna nebeneinander zu sitzen kamen,\ndenn sie hatten schon w\u00e4hrend der Zugfahrt festgestellt, dass es\nzwischen ihnen viele Gemeinsamkeiten gab. W\u00e4hrend Erika und Thuan um\neiniges j\u00fcnger und noch dabei waren, ihren Weg zwischen Studium und\nBerufseinstieg zu finden, hatte Karla, \u00e4hnlich wie Anna, schon die\nerste H\u00e4lfte ihres Berufslebens samt Ausstieg aus selbigem hinter\nsich gebracht.<br>Nachdem der erste Hunger gestillt war, griff Anna\nden Gespr\u00e4chsfaden des vergangenen Nachmittags wieder auf. \u201eWas\nhat Dich bewogen, nach so vielen Jahren im Beruf ausgerechnet dieses\nStudium anzugehen?\u201c wollte sie wissen. \u201eAlso, ich war gerne\nKrankenschwester, aber es gab einiges, das mir mit der Zeit immer\nmehr gegen den Strich ging&#8230; \u201c Karla \u00fcberlegte. \u201e&#8230;Am meisten\nder in deutschen Krankenh\u00e4usern immer noch \u00fcbliche Hierarchiekult.\nGanze Stationen, auf denen die \u00c4rzte nur gl\u00e4nzen, weil die\nKrankenschwestern bei den Patienten so gut es geht die\nKollateralsch\u00e4den \u00e4rztlicher Karrieresucht oder Unf\u00e4higkeit\nausb\u00fcgeln, sind leider keine Seltenheit. Und wenn es mit dem\nAusb\u00fcgeln nicht mehr hinhaut, ist meist Vertuschen und Verschweigen\nangesagt&#8230;\u201c &#8211; \u201eKonntest Du denn den Arbeitsplatz nicht wechseln,\nwenn es so \u00fcbel war?\u201c &#8211; \u201eOh, ich habe oft gewechselt, das ist\nals Krankenschwester ja recht einfach. Aber am neuen Arbeitsplatz bin\nich \u00fcber kurz oder lang immer wieder auf die gleichen Strukturen\ngesto\u00dfen.\u201c Nachdenklich spie\u00dfte Karla ein St\u00fcck Rindfleisch auf\num es in die scharfe Br\u00fche zu stecken.<br>Einige Augenblicke\nverfolgten beide, wie es dort vor sich hin simmerte. \u201eAber von\neinen deutschen Krankenhaus aus ist es ein ziemlicher Schritt nach\nChina&#8230;\u201c hakte Anna dann nach. \u201eDa muss ich Dir recht geben!\u201c\nKarla lachte auf. \u201eIrgendwann hatte sich eine solche Wut in mir\nangestaut, dass ich nicht nur k\u00fcndigte, sondern mich auf eine\nbefristete Stelle an einem kleinen Krankenhaus in Sichuan bewarb. Die\nsuchten damals im Westen gezielt mit Anzeigen nach Krankenschwestern.\nKost und Logis wurden gestellt, das erste halbe Jahr war als\nPraktikum mit Sprachkurs ausgelegt und als Gegenleistung erwarteten\nsie dann, dass man anschlie\u00dfend noch eineinhalb Jahre f\u00fcr das\nKrankenhaus arbeitete. China hatte mich schon l\u00e4nger interessiert\nund so passte pl\u00f6tzlich alles zusammen. Ich schmiss meinen Job hin\nund ging.\u201c &#8211; \u201eWow! Alle Achtung, Karla!\u201c &#8211; \u201eNaja, die Wut\nkann einen ganz sch\u00f6n gar kochen, irgendwann ist man dann f\u00e4llig!\u201c\nKarla angelte in der Br\u00fche nach dem St\u00fcck Rindfleisch. \u201eUnd heute\nbin ich froh, dass es so gekommen ist. Diese nervenaufreibenden\nDauerkonflikte im Job h\u00e4tten mich \u00fcber kurz oder lang krank\ngemacht. Aber das wurde mir erst im Nachhinein klar. M\u00f6glicherweise\nw\u00e4re es dann aber f\u00fcr einen solchen Schritt zu sp\u00e4t gewesen.\u201c<br>Eine\nWeile a\u00dfen beide schweigend. \u201eDieses Gef\u00fchl, das einem sagt:\n&#8218;Mach&#8217;s jetzt, sp\u00e4ter kannst Du&#8217;s vielleicht nie mehr machen!&#8216;, das\nkenne ich&#8230;\u201c bemerkte Anna dann. Vieles aus Karlas Bericht hatte\nsie an die Zeit vor ihrem eigenen Berufsausstieg zur\u00fcck denken\nlassen. \u201eBei mir musste es sich auch erst l\u00e4nger zusammenbrauen,\nbevor ich die Kraft zum Absprung fand&#8230;\u201c.<br>Interessiert hatten\nErika und Thuan Karlas Bericht mitverfolgt. \u201eUi, so gespr\u00e4chig\nhabe ich Dich ja w\u00e4hrend unseres ganzen Studiums noch nicht erlebt!\u201c\nstaunte Erika nun. \u201eStimmt, mir f\u00e4llt es meist schwer, \u00fcber mich\nselber zu reden&#8230;\u201c nickte Karla. Thuan schien die Gunst der Stunde\nnutzen zu wollen. \u201eAlso, was ich Dich schon immer mal fragen\nwollte: Wie kamst Du schlussendlich darauf, Dich f\u00fcr\nWirtschaftssinologie zu entscheiden?\u201c &#8211; \u201eDas war dann nochmal\neine Entwicklung von weiteren zwei Jahren. Nach der R\u00fcckkehr aus\nSichuan musste ich zum Geldverdienen erst mal zur\u00fcck in meinen alten\nJob. Dass das nur eine \u00dcbergangsl\u00f6sung sein konnte, war mir da aber\nschon klar. Ich wollte studieren, dieser Wunsch hatte sich in der\nZeit in Sichuan herauskristallisiert, ich wusste aber nicht was. Also\nhabe ich in meiner Freizeit recherchiert, bis ich irgendwann einen\nBericht \u00fcber diesen neu eingerichteten Studiengang in die Finger\nbekam. Damit bin ich zur Studienberatung der Uni gegangen wo sie mir\nerz\u00e4hlten, dass ich mit meiner langen Berufserfahrung als\nKrankenschwester und einem Bachelor in Wirtschaftssinologie in der\nTasche gute Job-Chancen im Krankenhausmanagement h\u00e4tte.<br>Damit war\ndie Sache f\u00fcr mich klar. Ich wollte raus aus der Pflege, Medizin\nreizte mich auch nicht, aber ich wollte weiter im Krankenhaus\narbeiten. Und dies sah nach dem passenden Weg f\u00fcr mich aus.\nAllerdings musste ich dann noch gute zwei Jahre eisern sparen, bis\nich genug Geld beisammen hatte um loszulegen.\u201c &#8211; \u201eHa, da sind sie\nja wieder, die zwei eisernen Jahre!\u201c warf Anna lachend ein. Karla\nschaute sie verdutzt von der Seite an. \u201eIch hab&#8216; auch zwei Jahre\nsparen m\u00fcssen, bis ich in mein Studium nach Peking starten konnte.\u201c\nkl\u00e4rte Anna sie auf.<br>\u201eWie soll es denn bei Dir nach dem Studium\nweiter gehen, Anna?\u201c wollte Erika nun wissen. \u201e\u00c4hm&#8230; damit habe\nich mich noch gar nicht besch\u00e4ftigt&#8230;\u201c Anna kam die Frage\nsichtlich ungelegen. \u201eIrgendwie werde ich wohl an meinen alten Job\nankn\u00fcpfen m\u00fcssen&#8230;\u201c druckste sie herum. \u201eMomentan habe ich\naber noch keinen blassen Schimmer, wie das aussehen k\u00f6nnte. Den\nGedanken, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur\u00fcck in den Job zu m\u00fcssen, habe\nich bis jetzt erfolgreich verdr\u00e4ngt&#8230;\u201c &#8211; \u201eWie lange willst Du\ndenn in Peking an der Uni bleiben?\u201c legte Thuan neugierig nach.\n\u201eWenn nichts dazwischen kommt, reicht mein Budget noch bis weit in\nden Sommer hinein. Bis dahin muss mir dann wohl oder \u00fcbel etwas zum\nThema Zukunft eingefallen sein.\u201c &#8211; \u201eAch, setz&#8216; Dich mit der\nZukunft blo\u00df nicht unter Druck, Anna. Das bringt nichts! Koste\nlieber Deine Zeit hier aus so gut Du kannst und halt&#8216; dabei ganz\nentspannt die Augen offen. Was f\u00fcr Dich das Beste ist, das zeigt\nsich dann schon, glaub mir!\u201c sprang ihr Karla da zu Hilfe. \u201eWenn\nich in den letzten Jahren eines wirklich gr\u00fcndlich gelernt habe,\ndann dies: Rumgegr\u00fcbel \u00fcber die Zukunft bringt nur Falten, graue\nHaare und vergeudete Zeit!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nVom\nMeer her blies den Vieren ein eiskalter Wind entgegen, als sie am\nn\u00e4chsten Morgen das Hotel verlie\u00dfen. Die gerade aufgehende Sonne\nbrachte eine dicke Schneedecke zum glitzern, die die Stadt \u00fcber\nNacht in ein Winterm\u00e4rchen verwandelt hatte. \u201eSch\u00f6neres Wetter\nh\u00e4tten wir nicht haben k\u00f6nnen!\u201c freute sich Thuan, der die\nklirrende K\u00e4lte nicht viel auszumachen schien. \u201eLasst uns einen\nZahn zulegen, ich brauch&#8216; dringend Bewegung!\u201c bibberte Anna. Der\nSchnee knirschte unter ihren F\u00fc\u00dfen, als sie sich z\u00fcgigen Schrittes\nauf den Weg zur Befestigungsanlage machten. <br>Das Fort auf dem\nShanhai-Pass bewachte den am weitesten \u00f6stlich gelegenen Durchgang\nder chinesischen Mauer, den \u201eersten Pass unter dem Himmel\u201c. Die\nMauer verlief hier in einigem Abstand entlang des Nordwestufers des\nShihe-Flusses und riegelte so den Durchgang zwischen dem Gebirge im\nNordwesten und dem Meer im S\u00fcdosten ab. Festung und Mauer waren in\ndiesem Bereich vollst\u00e4ndig wieder hergestellt worden und schon aus\nder Ferne gut zu erkennen. Als sie an ihrem Fu\u00dfe angekommen waren,\nragten \u00fcber ihren K\u00f6pfen sieben Meter dicke Mauern an die f\u00fcnfzehn\nMeter hoch in den makellos blauen Winterhimmel. Mit seinen vier\nKilometern Umfang hatte das Fort gen\u00fcgend Platz f\u00fcr eine Armee samt\nWaffen und Munition geboten. Die gro\u00dfe Mauer bildete die\nnordwestliche Flanke der Festung und war im Bereich des Durchgangs zu\neiner drei\u00dfig Meter breiten Plattform erweitert worden. Diese bot\neinem imposanten zweist\u00f6ckigen \u201eTorhaus\u201c Platz, das den\nDurchgang sichern sollte. Jedes seiner Stockwerke wies zwei Reihen\n\u00fcbereinander liegender quadratischer Schie\u00dfluken auf, deren\nleuchtend rot gestrichene T\u00fcren einen farbenfrohen Kontrast zum\nstrengen Anthrazit seiner Mauern bildeten. Das Bilderbuchwetter\nermunterte die Vier zum Fotografieren und so verabreden sie einen\nTreffpunkt f\u00fcr sp\u00e4ter und liefen dann in alle Himmelsrichtungen\nauseinander.<\/p>\n\n\n\n<p>\nOben\nvon der gro\u00dfen Mauer bot sich Anna eine herrliche Aussicht \u00fcber die\nFestung, die Stadt und den weiteren Verlauf des \u201ealten Drachen\u201c,\nwie die Chinesen die Mauer auch nennen. Heute zog sich eine noch\nunber\u00fchrte Schneedecke auf seinem R\u00fccken entlang. Das Anthrazit der\nMauerbr\u00fcstungen fasste das schimmernde Wei\u00df beidseitig ein wie ein\nDoppelkamm auf dem R\u00fccken eines Urzeitreptils. Fasziniert setzte\nAnna Schritt um Schritt in den Schnee, eine kindliche Freude lie\u00df\nsie bald schneller gehen, bald h\u00fcpfen. Als sie innehielt um zur\u00fcck\nzu schauen, hatte sie sich auf dem Mauerr\u00fccken schon ein ganzes\nSt\u00fcck weit von der Festung entfernt.<br>Sie suchte in den Bergen den\nPunkt, an dem der steinerne K\u00f6rper des alten Drachen aus der\nEndlosigkeit Chinas auftauchte und lie\u00df ihren Blick langsam seinen\nWindungen folgen. Von hier schl\u00e4ngelte er sich hinunter zum Meer, wo\ner seinen Kopf in die Fluten tauchte. Eine kr\u00e4ftige D\u00fcnung\nverwandelte die Meeresoberfl\u00e4che dort in einen wallenden Spiegel,\nauf dem das Licht der Vormittagssonne in glei\u00dfenden Reflexen tanzte.\nAnna musste blinzeln und hielt sich die Hand \u00fcber die Augen, um die\nkleine Bastion, die den \u201eKopf des alten Drachen\u201c bildete, vor dem\ngrell funkelnden Hintergrund ausmachen zu k\u00f6nnen. Nachdenklich blieb\nihr Blick an dem Schauspiel haften. \u201eUnglaublich&#8230; und doch&#8230;\ndort ist unwiderruflich Schluss.\u201c Diese schlichte Feststellung\ngefiel Anna nicht. Sp\u00fcrbar stieg Widerwillen gegen die\nUnerbittlichkeit auf, die ihr inne wohnte. Mit einem Ruck wandte Anna\nsich um und heftete den Blick auf ihre Fu\u00dfspur. Auf diesem\nMauerabschnitt war sie immer noch die einzige, niemand war ihr\ngefolgt. Langsam ging Anna auf ihr entlang zur\u00fcck zur Festung.<br>Der\nVormittag war schon fast um, als die Vier sich wieder beim\nKartenh\u00e4uschen am Eingang sammelten. Die Bewegung in der K\u00e4lte\nhatte alle hungrig gemacht und so beschloss man, sich in der Stadt\nzun\u00e4chst einen Mittagsimbiss zu g\u00f6nnen, bevor es weiter ging zum\n\u201eKopf des alten Drachen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\nKurz\nvor der K\u00fcste \u00fcberwand die gro\u00dfe Mauer einen letzten H\u00fcgel, der\nfast g\u00e4nzlich von einer Bastion samt Plattform und Wehrgeb\u00e4ude\neingenommen wurde. Von dort zog sie sich hinunter zu einem Wehrturm\nam Strand, um sich anschlie\u00dfend wie ein Zeigefinger auf einem\nFelsenriff durch die Brandung hinaus ins Meer zu schieben. Nach\nweiteren etwa hundert Metern endete sie dort.<br>Erika, Karla, Thuan\nund Anna waren auch hier wieder unabh\u00e4ngig voneinander auf\nErkundungstour gegangen. Die Bastion auf dem H\u00fcgel interessierte\nAnna kaum, also schlenderte sie auf dem Mauerkamm langsam hinunter\nzum Wehrturm. Seine Schie\u00dfscharten gaben Richtung Nordosten den\nBlick auf einige Frachtschiffe frei, die gem\u00e4chlich ihrer Route von\nund zu den Hafenanlagen am Horizont folgten. Richtung S\u00fcdwesten fing\nin einiger Entfernung eine malerische Seebr\u00fccke den Blick ein. Sie\nwar mit zwei Pavillons bebaut, einem gr\u00f6\u00dferen am Ufer und einem\nkleinen drau\u00dfen am Meer.<br>Auf dem Strand in der N\u00e4he fielen Anna\neinige Kleidungsst\u00fccke auf, die s\u00e4uberlich zusammengefaltet im Sand\nlagen, daneben ein Paar Schuhe. Es sah ganz danach aus, als w\u00e4re\nhier jemand schwimmen gegangen, aber mitten im Winter? Au\u00dferdem war\nSchwimmen nicht gerade chinesischer Nationalsport, kaum ein Chinese\nwar \u00fcberhaupt dazu in der Lage. Und doch, ohne Zweifel bewegte sich\nda ein Kopf zwischen den Wellen auf und ab, nahm langsam Kurs auf den\nStrand. Wenig sp\u00e4ter entstieg ein krebsrot angelaufener Chinese der\nBrandung und rannte so schnell er konnte zu seinen Sachen um sich\ndarin einzumummeln. Schmunzelnd ging Anna weiter.<br>Lange lie\u00df sie\nihren Blick&nbsp;aufs&nbsp;Meer hinaus schweifen, als sie am Ende der\nMauer angekommen war. Unwillk\u00fcrlich pendelte er sich in \u00f6stlicher\nRichtung ein, als m\u00fcsse es ausgerechnet dort ein Ziel geben, das zu\nsuchen sich lohnte.<br>\u201eWenn ich von hier aus \u00fcbers Meer weiter\nnach Osten fliegen k\u00f6nnte&#8230; irgendwann k\u00e4men Nordkorea, das\njapanische Meer, Japan, die endlose Weite des Pazifik&#8230; und dann&#8230;\ndann w\u00e4re&nbsp;ich wieder zur\u00fcck im Westen&#8230; an der Westk\u00fcste\nOregons vielleicht, dann New York, weiter ginge es \u00fcber den\nAtlantik&#8230; und dann&#8230; Portugal!\u201c Ein leiser Schrecken\ndurchrieselte sie. Unschl\u00fcssig tastete ihr Blick sich vom Horizont\nzur\u00fcck bis zu den Schaumkronen der Brandung, die sich unter Anna am\nFu\u00df der gro\u00dfen Mauer brach. \u201eSpielt es eine Rolle, in welcher\nRichtung ich von hier aus weiter gehe?&#8220; spannen ihre Gedanken\nden Faden unerbittlich weiter. &#8222;&#8230;Weiter, immer weiter weg,\nnach Norden, S\u00fcden, Osten&#8230; oder zur\u00fcck in die Richtung aus der\nich gekommen bin&#8230; ist das nicht egal? &#8211; Komme ich am Ende nicht\nimmer wieder dort an, wo ich losgegangen bin!?\u201c&nbsp;<br>\u201eDas ist\nschon ein magischer Ort hier&#8230;\u201c Karlas Stimme riss Anna aus ihren\nGedanken. Karla lehnte schon eine ganze Weile neben Anna an der\nBr\u00fcstung am Ende der Mauer, ohne dass Anna dies bemerkt hatte. \u201eUnd\nein Ort der einen zum Innehalten bringen kann&#8230;\u201c sagte Anna\nnachdenklich. Karla schaute sie lange von der Seite an. &#8222;Ja,\nirgendwann kommt der Punkt, an dem man umkehrt&#8230;&#8220; bemerkte sie\ndann. Anna nickte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Familienfeste<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nWie\nschon im Vorjahr zog Weihnachten am Campus der Pekinger Uni ebenso\nwie am ganzen Rest des Landes beinah spurlos vor\u00fcber. Die kleine\nMinderheit der westlichen Studenten feierte privat, wenn \u00fcberhaupt.\nAnna, die sich zu den Weihnachtsmuffeln z\u00e4hlte, tat es ihren\nasiatischen Kommilitonen nach und k\u00fcmmerte sich nicht weiter um das\nFest. Insgeheim war sie froh, dem in Deutschland \u00fcblichen\nWeihnachtsrummel entgehen zu k\u00f6nnen.<br>Am Sp\u00e4tnachmittag des\nVierundzwanzigsten sa\u00df sie in ihrer Wohnheimbude versunken \u00fcber den\nB\u00fcchern, als jemand an die T\u00fcr klopfte. Anna \u00f6ffnete z\u00f6gerlich.\nDurch den sich langsam vergr\u00f6\u00dfernden T\u00fcrspalt  l\u00e4chelte Thuan ihr\nverschmitzt entgegen. \u201eFr\u00f6hliche Weihnachten, Anna!\u201c Schwungvoll\nbetrat sie den Raum und stellte ein Tablett auf dem Schreibtisch ab.\nIrgendwie hatte sie einen Teller voller Weih\u00adnachtsgeb\u00e4ck\norganisiert, au\u00dferdem standen zwei gro\u00dfe Coffee-to-go-Becher und\nzwei brennende Kerzen darauf. \u201eThuan!&#8230; Wie kommst ausgerechnet Du\nauf so eine Idee? Ich dachte Du kommst aus einem buddhistischen\nElternhaus?\u201c &#8211; \u201eJa scho&#8230; abbr i han mr&#8216; denkt a bissle zamma\nhogga kennda mir drozdem&#8230;\u201c Thuan, die genau zu wissen schien,\nwann ihr schw\u00e4bischer Dialekt am besten zur Wirkung kam, kostete\nAnnas \u00dcberraschung sichtlich aus. \u201eNa dann, fr\u00f6hliche\nWeihnachten, Thuan!  &#8211; Meine Mitbewohnerin ist nicht da, komm rein,\nmachen wir&#8217;s uns gem\u00fctlich.\u201c Im Stillen musste Anna sich\neingestehen, dass sie ger\u00fchrt war.<br>Anna nahm sich eins von den\nPl\u00e4tzchen. \u201eMmmhhh&#8230; Lecker! Die schmecken ja wie selbstgebacken,\nwo hast Du die denn her?\u201c &#8211; \u201eMeine Eltern haben mir ein fettes\nCare-Paket geschickt. Dieses Jahr haben sie die Pl\u00e4tzchen aber beim\nB\u00e4cker kaufen m\u00fcssen, denn bei uns daheim bin sonst ich die\nPl\u00e4tzchenb\u00e4ckerin&#8230;\u201c Eine Weile kauten beide schweigend und\nschauten zu, wie sich die beiden Kerzenflammen im sanften Luftzug\nwiegten, der das Zimmer durchstrich. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eSag&#8216;\nmal Anna, hast Du schon Pl\u00e4ne f\u00fcr das Fr\u00fchlingsfest und die\nanschlie\u00dfenden Semester\u00adferien? Es  ist ja nicht mehr lang bis\ndahin&#8230;\u201c &#8211; \u201eOh ja, die habe ich. Ich geh&#8216; mit einer Freundin aus\nDeutschland auf Reisen&#8230;\u201c Anna wollte Thuan aber noch ein bisschen\nzappeln lassen. \u201eUnd Du, Thuan?\u201c &#8211; \u201eIch werde auch unterwegs\nsein, aber weder mit Kommilitonen noch mit Freunden&#8230;\u201c &#8211;\n\u201eSondern?\u201c Nun war es Anna, die zappelte. \u201eIch besuche meine\nVerwandtschaft&#8230;\u201c &#8211; \u201eIn Vietnam etwa?\u201c &#8211; \u201eNein, meine Mutter\nist Chinesin, sie stammt aus Quanzhou in der Provinz Fujian. Einer\nihrer Br\u00fcder lebt mit seiner Familie dort, sogar zwei steinalte\nTanten meiner Mutter sind noch am Leben. Sie haben mich zum\nFr\u00fchlingsfest eingeladen.\u201c &#8211; \u201eKennst Du die Familie Deines\nOnkels denn gut?\u201c  &#8211; \u201eNein, das ist eine Premiere f\u00fcr uns alle.\nSeitdem meine Eltern aus Saigon geflohen sind, waren sie weder in\nChina noch in Vietnam, mein Bruder und ich nat\u00fcrlich erst recht\nnicht.\u201c &#8211; \u201eUnd bist Du aufgeregt ?\u201c &#8211; \u201eUnd wie! Die Familie\nmeines Onkels nat\u00fcrlich auch. Seit sie wissen, dass ich Chinesisch\nlerne, setzen sie meine Mutter unter Druck, damit sie daf\u00fcr sorgt,\ndass ich einmal nach Quanzhou komme. Und jetzt, wo ich in China bin,\nkann ich nicht mehr ausweichen.\u201c Thuan wurde nachdenklich.<br>\u201eEs\nwird nicht so einfach werden, wie es von au\u00dfen vielleicht aussehen\nmag.\u201c fuhr sie z\u00f6gernd fort. \u201eDie Familie meiner Mutter kn\u00fcpft\nan meinen Besuch Erwartungen, die ich kaum erf\u00fcllen kann. Ich muss\nmit einem Riesenberg Geschenke hinfahren, denn sie sehen in mir so\netwas wie eine Abgesandte aus dem Schlaraffenland.\u201c &#8211; \u201eDas\nerinnert mich an meine fr\u00fcheren Reisen zu Verwandten in die damalige\nDDR.\u201c &#8211; \u201eSo \u00e4hnlich, nur dass in chinesischen Familien solche\nDenkweisen \u00fcber zig Generationen hinweg verwurzelt sind, nicht nur\n\u00fcber eine. Aber bei diesem Besuch kann ich von Gl\u00fcck sagen, dass es\nsich nur um die Familie meiner Mutter handelt.\u201c Thuan schaute\nbedr\u00fcckt auf ihre H\u00e4nde \u201eBei der Familie meines Vaters ist das\nalles noch viel schlimmer.\u201c Annas fragender Blick brachte sie dazu,\nfortzufahren.  \u201eBei denen kann man nicht mehr von Erwartungen\nsprechen. Sie fordern von uns Geldgeschenke in einer H\u00f6he, die weder\nmeine Eltern noch ich erbringen k\u00f6nnen.\u201c &#8211;  \u201eHm&#8230; und wie kommt\nes, dass die Familie Deiner Mutter Euch gegen\u00fcber so viel\nbescheidener auftritt?\u201c  tastete Anna sich weiter vor.  \u201eNa ja,\nzum einen sind sie in der schw\u00e4cheren Position, denn die Familie des\nVaters gilt ja als vorrangig. Und dann sind sie eben Chinesen.\nVietnamesische Familien sind in dieser Hinsicht oft viel unbeugsamer\nund fordernder&#8230;\u201c &#8211;  \u201eWillst Du die Familie Deines Vaters auch\nirgendwann besuchen?\u201c &#8211; \u201eNein, das kann ich mir nicht leisten!\u201c\nThuan war das Thema sichtlich unangenehm geworden, so dass es Anna\nzunehmend leid tat, nachgefragt zu haben. Thuan hob den Kopf.\n\u201eM\u00f6glicherweise gibt es sp\u00e4ter einen Weg&#8230;\u201c machte sie sich\nHoffnung. \u201eWenn ich verheiratet  w\u00e4re, vielleicht sogar selbst\nKinder h\u00e4tte, dann w\u00e4re die Situation einfacher f\u00fcr mich. F\u00fcr\nmeine Eltern aber noch lange nicht&#8230;\u201c &#8211; \u201ePuh! Ist das\nkompliziert bei Euch!\u201c Anna verdrehte die Augen. \u201eJa, manchmal\nbeneide ich die Deutschen schon darum, dass ihre Familien so\n\u00fcberschaubar und die Beziehungen darin oft unverbindlich sind.\u201c\nThuan \u00fcberlegte. \u201eAndererseits&#8230; f\u00fcr uns f\u00fchlt sich das auch\nkalt an.\u201c &#8211; \u201eHm&#8230; zumindest letzteres kann ich\nnachvollziehen&#8230;\u201c Nachdenklich griff Anna nach einem weiteren\nPl\u00e4tzchen.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eUnd\nwohin zieht es Dich und Deine Freundin denn nun, Anna?\u201c &#8211; \u201e\u00c4hm,\nalso&#8230; das ist jetzt hoffentlich nicht schwierig f\u00fcr Dich&#8230;\u201c\nAnna druckste herum. \u201eWie meinst Du das denn?\u201c &#8211; \u201eNa ja, wir\nreisen genau dort hin, wo Du anscheinend nicht so einfach hin\nkannst&#8230;\u201c &#8211; \u201eNein!\u201c Thuan schien Annas Reiseziel sofort\nerraten zu haben.  \u201eDoch, wir haben uns Vietnam vorgenommen, und\nauch ein wenig Kambodscha.\u201c &#8211; \u201eAlso mach Dir mal wegen mir keinen\nKopf! Erz\u00e4hl, was genau habt Ihr vor?\u201c &#8211; \u201eWir wollen uns in\nSaigon treffen und die ersten Tage samt Tet-Fest dort verbringen,\ndann eine Woche Sonne und Meer auf einer kleinen Insel nahe der\nkambodschanischen Grenze genie\u00dfen, einige Tage Sightseeing im\nMekong-Delta und dann noch eine Woche Kambodscha.<br>Tina will von da\naus wieder zur\u00fcck nach Deutschland und ich werde noch eine Woche\nHongkong dran h\u00e4ngen, bevor ich wieder hierher komme.\u201c &#8211; \u201eWow!\nEinen richtig dekadenten Touristen-Urlaub willst Du also machen,\nanstatt Dich brav weiter durch das anstrengende China\ndurchzuarbeiten!\u201c sp\u00f6ttelte Thuan kichernd. \u201eHa! Da ist was dran\nan der Sicht&#8230;\u201c Anna lachte. \u201eAuch vom Ausstieg muss man mal\nUrlaub machen! &#8211; Das Einzige, was ich zu meiner Entschul\u00addigung\nvorbringen kann ist, dass die Reiseplanung auf Tinas Mist gewachsen\nist. In meinem Bekanntenkreis ist sie die unumstrittene\nFernreiseweltmeisterin und Vietnam hatte sie f\u00fcr das kommende Jahr\nschon lange geplant. Als ich w\u00e4hrend der SARS-Krise in Deutschland\nwar, haben wir dann vage ins Auge gefasst, die Reise gemeinsam\nanzugehen. Tina h\u00e4tte sie auf jeden Fall durchgezogen, aber f\u00fcr\nmich hat sich das erst entschieden, als klar wurde, dass ich hier\nwahrscheinlich noch ein Semester dran h\u00e4ngen kann. So bleibt mir\nnoch genug Zeit, auch China weiter zu erkunden.\u201c<br>&#8211; \u201eKlingt\nnach einem guten Plan&#8230; Also, das Feuerwerk zum Tet-Fest unten am\nSaigon-Fluss d\u00fcrft Ihr Euch nicht entgehen lassen, dass ist\nber\u00fchmt!\u201c Thuan schluckte nun doch. \u201eUnd das Essen, das m\u00fcsst\nIhr in allen Variationen ausprobieren!\u201c fuhr sie schnell fort. \u201eEs\nist in Vietnam viel besser als in China. Man legt mehr Wert auf die\nQualit\u00e4t und verwendet fast nur frische Zutaten.\u201c  &#8211; \u201eUnd was\nisst man typischerweise so?\u201c &#8211; \u201cGanz wichtig ist Pho, die\ntraditionelle vietnamesische Br\u00fchsuppe in allen Varianten, dann viel\nMeeresfr\u00fcchte, Mangos, Papayas, Gew\u00fcrze, Rollen und R\u00f6llchen\nverschiedener Machart, die vietnamesische Fischso\u00dfe nat\u00fcrlich und\nspeziell f\u00fcr Dich, Anna: Vietnam ist Kaffeeanbaugebiet und der\nKaffee ist richtig gut dort!\u201c  Anna war \u00fcberrascht. \u201eKaffee in\nS\u00fcdostasien, wie kommt das denn?\u201c &#8211; \u201eDen Kaffeeanbau haben die\nFranzosen zur Kolonialzeit eingef\u00fchrt und die Vietnamesen haben das\nKaffeetrinken von ihnen \u00fcbernommen. Blo\u00df ich nicht, ich komme da\nmehr nach meiner Mutter&#8230;\u201c <br>&#8211;  \u201e\u00c0 propos, ist die Heimat\nDeiner Mutter nicht ber\u00fchmt f\u00fcr ihren gr\u00fcnen Tee?\u201c wollte Anna\nwissen. \u201eOh ja, gerade die Gegend um Quanzhou, da wird der\nTie-Guanyin-Oolong angebaut, ein Zwischending zwischen gr\u00fcnem und\nschwarzem Tee.\u201c &#8211; \u201eAlso, wenn Du die ganzen Geschenke bei Deiner\nVerwandtschaft abgeladen hast&#8230;\u201c Thuan lachte schelmisch. \u201eKlar\nhabe ich auf dem R\u00fcckweg ein bisschen Luft f\u00fcr eine Packung\nTie-Guanyin f\u00fcr Dich.\u201c &#8211; \u201eDanke! Wenn Du keinen Kaffee magst,\ngibt es dann was anderes, das ich Dir aus Vietnam mitbringen kann?\u201c\n &#8211; \u201eHm&#8230;\u201c Thuan schien zun\u00e4chst nichts einzufallen. \u201eDoch,\nMondkuchen! Die gibt es in Vietnam traditionell im Herbst zum\nMondfest. In Deutschland sind die guten vietnamesischen schwer zu\nbekommen und die chinesischen schmecken uns nicht&#8230; Ich werd&#8216; meine\nEltern fragen, welches die beste Sorte ist&#8230;\u201c &#8211; \u201eAm besten ich\nschicke sie dann von Saigon aus gleich nach Reutlingen.\u201c schlug\nAnna vor. \u201eOh, dann hast Du bei meinen Eltern einen dicken Stein im\nBrett, Anna\u201c Thuan l\u00e4chelte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nerste Weihnachtstag war ein ganz normaler Unterrichtstag und da es in\nAnnas Klasse  au\u00dfer ihr selbst nur noch Koreaner und Japaner gab,\nfehlte auch niemand im Unterricht. Als Anna nach dem Mittagessen ins\nWohnheim zur\u00fcckkehrte, hielt ihre Zimmergenossin ihr mit den Worten\n\u201eF\u00fcr Dich, Anna!\u201c den Telefonh\u00f6rer entgegen.<br>\u201eFrohe\nWeihnachten, Anna!\u201c drang Abe&#8217;s gut gelaunte Stimme aus dem H\u00f6rer.\n\u201eDas ist aber eine nette \u00dcberraschung, herzlichen Dank!\u201c Nach\nanf\u00e4nglicher Freude machten Abe&#8217;s Weihnachtsw\u00fcnsche Anna jedoch\nverlegen. \u201eDas Chanukka-Fest habe ich v\u00f6llig verschlafen&#8230;\u201c &#8211;\n\u201eOh, das macht nichts, das sind wir gewohnt, au\u00dferdem sind\nj\u00fcdische Rituale f\u00fcr mich schon lange unwichtig.\u201c  &#8211; \u201eDann habe\nich ja nochmal Gl\u00fcck gehabt.\u201c &#8211; \u201eEs kommt aber noch schlimmer\nf\u00fcr Dich, Anna!\u201c sogleich legte Abe feixend nach. \u201eLin und ich\nwollen Dich heute Abend zum Essen einladen. Und keine Ausreden bitte,\nein Tisch ist schon reserviert!\u201c &#8211; \u201eAu Weia! Da bleibt mir wohl\nnur die Kapitulation.\u201c seufze Anna gespielt. \u201eKomm so gegen Sechs\nzu uns, wir fahren dann zusammen hin.\u201c &#8211; \u201eGut, bis dann, ich\nw\u00fcnsche Euch noch einen sch\u00f6nen Tag!\u201c<br>\u201eIn welches Restaurant\ngeht es denn?\u201c wollte Anna wissen, nachdem die Drei abends im Taxi\nPlatz genommen hatten. \u201eWir dachten, ein chinesisches passt nicht\nzu Weihnachten und die europ\u00e4ischen sind entweder schlecht oder\n\u00fcberteuert.\u201c erwiderte Lin ausweichend. \u201eAlso, wir haben einen\nKompromiss gesucht, aber lass Dich \u00fcberraschen, Anna!\u201c  Abe\ngrinste.<br>Es war schon dunkel, als sie vor dem Restaurant hielten.\nBevor es hineinging konnte Anna gerade noch die drei Zeichen\n\u201ePang-Zhe-Pu\u201c auf dem Schild \u00fcber dem Eingang entziffern, aber\ndieses Wort sagte ihr zun\u00e4chst nichts.<br>Drinnen war nur das\nService-Personal und ein Gro\u00dfteil der Besucher chinesisch w\u00e4hrend\ndie Einrichtung, die Speisen auf den Tischen der anderen G\u00e4ste sowie\ndie Gestalt des Managers, der sie an ihren Platz f\u00fchrte, keinen\nZweifel daran lie\u00dfen, dass es sich um ein indisches Restaurant\nhandelte. \u201eDie \u00dcberraschung ist Euch wirklich gelungen!\u201c entfuhr\nes Anna, die indisches Essen liebte. Beim Anblick der vollen Platten\nauf den Nachbartischen lief ihr sofort das Wasser im Munde\nzusammen.<br>\u201eWie seid ihr darauf gekommen, ausgerechnet ein\nindisches Restaurant auszuw\u00e4hlen?\u201c wollte sie wissen, nachdem die\nBestellungen aufgegeben waren. \u201eAlso, wir haben ja noch keine\nHochzeitsreise gemacht&#8230;\u201c begann Lin. \u201eBisher war einfach keine\nZeit daf\u00fcr, aber in den Semesterferien wollen wir sie nun\nnachholen&#8230;\u201c &#8211; \u201eIhr wollt doch nicht etwa nach Indien?\u201c fragte\nAnna \u00fcberrascht. \u201eErraten!\u201c best\u00e4tigte Abe. \u201eZum\nFr\u00fchlingsfest sind wir bei Lins Eltern eingeladen, aber danach\nfliegen wir nach New Delhi.\u201c &#8211; \u201eWow! Und wie geht die Reise dann\nweiter?\u201c &#8211; \u201eWir haben nur f\u00fcr die ersten Tage ein Hotel gebucht,\nmal schauen, wohin es uns anschlie\u00dfend zieht&#8230;\u201c Lins Augen\ngl\u00e4nzten vor Vorfreude. \u201eAlso  ich will unbedingt noch nach Mumbai\nund Kalkutta&#8230;\u201c Abe schien konkretere Vorstellungen zu haben. Nur\nwenig sp\u00e4ter wurde das Essen serviert und dr\u00e4ngte das Interesse an\nLins und Abes Hochzeitsreise in den Hintergrund.<br>\u201eDas Essen ist\nwirklich erstklassig hier!\u201c bemerkte Anna kauend. \u201eUnd es ist das\nmerkw\u00fcr\u00addigste Weihnachtsessen, an das ich mich erinnern kann.\u201c\nf\u00fcgte sie schmunzelnd hinzu. \u201eHa! Eine Chinesin, ein Jude und eine\nDeutsche gehen in Peking zum Inder um Weihnachten zu feiern&#8230;\u201c\nfing Abe, der sofort verstanden hatte, den Ball auf. \u201eHihi, so\nk\u00f6nnte einer von diesen Weihnachtswitzen beginnen, die im Internet\nkursieren!\u201c kicherte Anna. \u201eDarauf ein Schluck Qingdao!\u201c\nLachend hoben die drei ihre Biergl\u00e4ser. <br>\u201eSag mal, wie wird in\nDeutschland denn Weihnachten gefeiert, Anna?\u201c fragte Lin nach einer\nWeile. \u201eBei uns gilt Weihnachten als Familienfest, so \u00e4hnlich wie\ndas Fr\u00fchlingsfest bei Euch.\u201c versuchte Anna zu vergleichen.\n\u201eAllerdings empfinden Deutsche nur ihre allern\u00e4chsten Anverwandten\nals Familie und mit diesen wollen sie an Weihnachten unter sich\nbleiben, insbesondere am Vierund\u00adzwanzigsten. An diesem Tag gibt\nes bei uns die Geschenke, aber da feiern meist nur die Eltern mit\nihren Kindern. So war es auch in meiner Kindheit.<br>Am ersten\nWeihnachtstag ist man etwas offener, bekommt vielleicht Besuch von\nGro\u00dfeltern, Onkeln oder Tanten, aber das ist nicht in allen Familien\ndie Regel. Und wer gerade keinen engen Familienanschluss hat, der\nw\u00e4re \u00fcberall das f\u00fcnfte Rad am Wagen und bleibt \u00fcber Weihnachten\nam besten f\u00fcr sich.\u201c &#8211; \u201eDann herrscht Weihnachten bei Euch ja\ngeschlossene Gesellschaft, man ist drinnen oder drau\u00dfen, alles oder\nnichts.\u201c res\u00fcmierte Abe. \u201eDas trifft ins Schwarze,\u201c nickte\nAnna. \u201eHm, ein Fr\u00fchlingsfest ohne Gro\u00dfeltern, Onkel, Tanten oder\nFreunde w\u00e4re in meiner Familie undenkbar&#8230;\u201c Lin war\nnachdenklich.<br>\u201eStimmt, letztes Jahr war ich zum Fr\u00fchlingsfest\nbei der Familie einer chinesischen Freundin eingeladen und auch f\u00fcr\ndieses Jahr hatte ich eine Einladung, musste jedoch absagen, da ich\nzu der Zeit auf Reisen sein werde. Daher habe ich chinesische\nFamilien am Fr\u00fchlingsfest als viel offener erlebt als deutsche\nFamilien zu Weihnachten.\u201c best\u00e4tigte Anna. \u201eIn den USA ist es\nbei den christlichen Familien ebenfalls \u00fcblich, an Weihnachten alle\nm\u00f6glichen Verwandten oder Freunde zu besuchen, nicht nur die\nallerengsten.\u201c erg\u00e4nzte Abe.<br>\u201eHast Du Deine letzten\nWeihnachten auch alleine verbracht?\u201c tastete Lin sich nun vor.\n\u201eAlso, letztes Jahr war ich schon hier in Peking, kannte aber noch\nkaum jemanden n\u00e4her. Da konnte ich Weihnachten sehr gut einfach\nignorieren.\u201c Anna dachte nach. \u201eUnd die Jahre davor gab es zwei\nVarianten. Als ich noch keine Chinesen kannte, habe ich mir aus\nWeihnachten nichts gemacht und es einfach als ein paar freie Tage\ngenossen. Und danach war ich mit chinesischen Freunden Essen oder\nhatte selbst welche zu Besuch.\u201c &#8211; \u201eDann passt dieses Weihnachten\nja wieder ins Bild!\u201c brachte Abe es grinsend auf den Punkt.\n\u201e\u00dcbrigens, wenn die Christen Weihnachten feierten sind wir immer\nins Kino gegangen, es war unser eigenes Weihnachtsritual. Im Kino\nwaren wir Juden dann ausnahmsweise mal in der \u00dcberzahl und die Filme\nwaren an dem Tag oft besonders gut.\u201c<br>Abe nahm einen tiefen Zug\naus seinem Bierglas und f\u00fcr eine Weile konnten Speisen und Getr\u00e4nke\ndas Interesse der Drei wieder auf sich lenken.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eErw\u00e4hntest\nDu nicht gerade, dass Du zum Fr\u00fchlingsfest auf Reisen bist, Anna? Wo\ngeht es denn hin?\u201c fragte Lin, w\u00e4hrend sie ein St\u00fcck Fladenbrot\nin eine Fleischso\u00dfe tunkte.<br>Anna erz\u00e4hlte von ihren Reisepl\u00e4nen.\n\u201eVietnam und Kambodscha kennen wir auch noch nicht&#8230; es gibt so\nvieles hier in Asien, das wir noch nie gesehen haben&#8230;\u201c sagte Abe\nnachdenklich,  als Anna ihren Bericht beendet hatte. Dieser schien\nden sonst meist gut gelaunten Abe melancholisch gestimmt zu haben.\n\u201eNun, Ihr habt doch noch so viel Zeit, das alles nachzuholen.\u201c\nwollte Anna ihn aufmuntern. Abe z\u00f6gerte \u201eHm, vielleicht sollten\nwir die  Katze jetzt aus dem Sack zu lassen&#8230;\u201c Einen Augenblick\nsah er hin\u00fcber zu Lin, als wollte er ihr Einverst\u00e4ndnis einholen.\nDie nickte aufmunternd. \u201eAlso, nach unserer R\u00fcckkehr aus Indien\ngeht unsere Zeit in Asien ihrem Ende entgegen, Anna.\u201c Er schluckte.\n\u201eWir werden dann beginnen, uns auf die R\u00fcckkehr in die USA\nvorzubereiten. Das hei\u00dft, es wird ja nur f\u00fcr mich eine R\u00fcckkehr\nsein.\u201c  Einige Augenblicke herrschte Schweigen am Tisch.<br>\u201eUnd\nwann soll es soweit sein?\u201c fragte Anna dann leise. \u201eIm Juni. Dann\nbleibt uns bis zum Beginn des folgenden Semesters noch ausreichend\nZeit, uns neu einzurichten.\u201c &#8211; \u201eIch muss nat\u00fcrlich zuerst einmal\nmein Englisch verbessern.\u201c warf Lin eifrig ein. Im Gegensatz zu Abe\nschienen diese Zukunftspl\u00e4ne sie mit Vorfreude zu erf\u00fcllen.\n\u201eVielleicht kann ich nebenher mit Chinesisch-Unterricht Geld\nverdienen. In San Francisco soll es inzwischen einige amerikanische\nFamilien geben, die ihre Kinder Chinesisch lernen lassen wollen.\u201c &#8211;\n\u201eAha, ihr wollt Euch also in San Francisco niederlassen&#8230; und was\nwillst Du dann machen, Abe?\u201c &#8211; \u201eIch will mich beruflich neu\norientieren und Psychologie studieren. Mir ist im Verlauf des letzten\nJahres immer klarer geworden, dass es f\u00fcr mich keinen Sinn macht, in\nmeinen alten Beruf zur\u00fcck zu gehen, ich war nie wirklich zufrieden\ndamit.\u201c Abe schaute nachdenklich auf seinen Teller.<br>\u201eIch habe\nzwar noch Ersparnisse und werde nebenher jobben, aber die Zeit, bis\nich im neuen Beruf endlich Geld verdienen kann, wird trotzdem sehr\nschwer werden f\u00fcr uns.\u201c &#8211; \u201eDas kann ich mir gut vorstellen&#8230;\u201c\nAnna begann zu verstehen, warum Abe die Aussicht auf die R\u00fcckkehr\nnicht gerade fr\u00f6hlich stimmte.<br>\u201eK\u00f6nnen Deine Eltern Euch denn\nunterst\u00fctzen?\u201c wollte Anna wissen. \u201eSie k\u00f6nnen es sicher und\nwenn ich sie darum bitte, werden sie es wahrscheinlich tun&#8230;\u201c Er\nz\u00f6gerte. \u201eAber ich habe sie nicht gefragt, denn ich will ihr Geld\nnicht!\u201c beendete er das Thema br\u00fcsk. Anna wusste nicht, was sie\ndazu sagen sollte. \u201eAnna, wir k\u00f6nnen es schaffen und wir werden es\nschaffen, davon bin ich \u00fcberzeugt!\u201c kam es da von Lin mit einer\nselbstverst\u00e4ndlichen Bestimmtheit, die Anna zuvor an ihr noch nie\nbemerkt hatte. Abe warf Lin einen bewundernden Blick zu. \u201eSie ist\neben Chinesin&#8230;\u201c sagte er dann langsam. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Die\nSummende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nAbends\nnach Neun bei f\u00fcnfundzwanzig Grad und einer lauen Brise auf der\nDachterrasse eines Hotels die F\u00fc\u00dfe hochlegen klingt paradiesisch.\nAber f\u00fcr Anna, die bis vor ein paar Stunden noch in der trockenen\nWinterk\u00e4lte Pekings gelebt hatte, war es ein Schock. Auch Tina,\nangereist aus dem nasskalten Schmuddelwetter Norddeutschlands, ging\nes nicht besser. Schlapp und schwitzend hingen beide mehr in den\nRattansesseln als dass sie darin sa\u00dfen, gelegentlich nippte eine von\nihnen an ihrem Getr\u00e4nk.<br>Verhaltener Verkehrsl\u00e4rm drang von der\nStra\u00dfe herauf. Nach einiger Zeit gelang es ihm, Annas Neugierde wach\nzu kitzeln. &#8222;Jetzt muss ich doch mal gucken, wie Saigon bei\nNacht von oben aussieht&#8230;&#8220; Mit dem Getr\u00e4nk in der Hand lehnte\nsie sich an die Br\u00fcstung und lie\u00df ihren Blick schweifen. &#8222;Schau\nmal Tina, da unten ist eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone&#8230; \u00fcberall h\u00e4ngen bunte\nLichterketten von den \u00c4sten der B\u00e4ume wie leuchtendes Lametta&#8230;&#8220;\nTina blieb nichts anderes \u00fcbrig, als sich ebenfalls aus dem Sessel\nzu wuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAns\nGel\u00e4nder gelehnt schauten sie \u00fcber hell erleuchtete Stra\u00dfenz\u00fcge\nund Kreuzungen, sahen lachenden jungen Frauen hinterher, die leicht\nbekleidet und mit wehenden Haaren auf Rollern vor\u00fcber flitzten,\nbeobachteten Familien, die mit Kindern an den H\u00e4nden durch die\nFu\u00dfg\u00e4ngerzone schlenderten und versuchten, einen ersten Eindruck\nvon Saigons Abendmelodie einzufangen.<br>&#8222;Das Hotel hast Du gut\nausgesucht, Tina. Von hier aus k\u00f6nnen wir morgen direkt zu Fu\u00df\nloslaufen&#8230;&#8220; Das Panorama begann, Annas Vorfreude zu wecken.\n&#8222;Gut dass wir vor dem Tet-Fest noch zwei Tage Zeit haben, um uns\neiniges anzuschauen. Ich habe eine lange Liste, was ich alles sehen\nwill!&#8220; Auch Tina wurde ein klein wenig munterer. &#8222;Dann lass\nuns heute bald schlafen gehen, damit wir morgen frisch sind. Dein\nFlug dauerte ja noch viel l\u00e4nger als meiner&#8230;&#8220; schlug Anna\nvor. &#8222;Du hast recht, mir steckt die Reise ziemlich in den\nKnochen.&#8220; Ein paar Minuten schauten sie noch schweigend \u00fcber\ndas n\u00e4chtliche Saigon, hielten sich anschlie\u00dfend tapfer an ihren\nGetr\u00e4nken fest bis diese leer waren, dann schlurften sie todm\u00fcde\nins Hotelzimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nn\u00e4chsten Tag erkundeten Tina und Anna als erstes alte Zentrum\nSaigons von der Cath\u00e9drale Notre Dame bis zum Rathaus. Dominiert von\nperfekt restaurierten kolonialen Prachtbauten, Kirchen, kleinen Parks\nund Alleen entfaltete der Stadtkern einen Zauber, der beide\n\u00fcberraschte. Die breite Allee, die auf das alte Rathaus zulief, war\nauf ganzer L\u00e4nge Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Sattgr\u00fcn belaubte B\u00e4ume fassten\nsie zu beiden Seiten ein, davor Rasenfl\u00e4chen, kleine Blumenbeete,\nSitzb\u00e4nke und gro\u00dfe Keramikk\u00fcbel aus denen mannshohe\nAprikosenb\u00e4ume ihre leuchtend gelbe Bl\u00fctenpracht in den blauen\nHimmel streckten.<br>In der Mitte der Allee flanierten gut gelaunte\nMenschen im Sonntagsstaat auf und ab, andere lie\u00dfen sich auf den\nB\u00e4nken nieder, kleine M\u00e4dchen wurden von ihren M\u00fcttern in die\nK\u00fcbel unter die Aprikosenbl\u00fcten gestellt damit Papa ein\nNeujahrsfoto schie\u00dfen konnte und \u00fcber allem strahlte die\nVormittagssonne, als wollte sie den Winter f\u00fcr immer aus Tinas und\nAnnas Ged\u00e4chtnis l\u00f6schen.<br>Die lie\u00dfen sich bald ebenfalls auf\neiner Bank nieder um eine kleine Pause einzulegen. \u201eAhhh&#8230; endlich\nSonne!\u201c seufzte Tina, streckte ihr Gesicht in die Sonne und die\nF\u00fc\u00dfe weit von sich. \u201eWas habe ich mich w\u00e4hrend der letzten\nWochen auf solche Augenblicke gefreut!\u201c Auch Anna r\u00e4kelte sich in\nden w\u00e4rmenden Strahlen, sah dem Treiben der Leute um sich herum zu\nund wurde etwas schl\u00e4frig dabei. \u201eEs ist nicht zu \u00fcbersehen, dass\nsie alle schon in Festtags\u00adstimmung sind&#8230;\u201c murmelte sie nach\neiner Weile vor sich hin. \u201eGenau das Richtige f\u00fcr uns\nWinter\u00adfl\u00fccht\u00adlinge! Komm Anna, nicht einschlafen, lass uns\nwieder losgehen!\u201c<br>Die Sonne hatte es anscheinend nicht\ngeschafft, Tina ihre Besichtigungsliste vergessen zu lassen. \u201eWas\nkommt denn als n\u00e4chstes?\u201c fragte Anna demonstrativ g\u00e4hnend.\n\u201eAlso, wir laufen jetzt in Richtung Jade-Tempel. Das f\u00fchrt uns\nraus aus dem historischen Stadtzentrum und wir kommen durch Viertel,\nin denen die Menschen wohnen und leben, nicht nur flanieren.\u201c\nSchnell gewann Annas Neugierde wieder die Oberhand und so war sie\nnoch vor Tina wieder auf den Beinen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\nsie die letzten kolonialen Villen hinter sich gelassen hatten, wurden\ndie Stra\u00dfen schmaler, die H\u00e4user r\u00fcckten aneinander und in ihren\nErdgeschossen gab es nun Gesch\u00e4fte, Restaurants und kleine\nWerkst\u00e4tten, in denen man emsig seinem Tagewerk nachging.\nUnvermittelt fanden Tina und Anna sich in einer durch und durch\nasiatischen Gro\u00dfstadt wieder. Viele H\u00e4user hier waren\noffensichtlich Neubauten und hatten einen frischen Anstrich in\nleuchtendem Orange, Blau oder Gelb. Die meisten waren aber nur so\nschmal wie ein Zimmer breit war, daf\u00fcr f\u00fcnf bis acht Stockwerke\nhoch, gekr\u00f6nt von einer mit K\u00fcbelpflanzen best\u00fcckten Dachterrasse.\n\u201eDie Leute bauen hier ihre eigenen H\u00e4user, seit die Regierung\nwieder Immobilienbesitz erlaubt hat.\u201c begann Tina zu erz\u00e4hlen. Sie\nhatte sich gr\u00fcndlich auf die Reise vorbereitet und Anna, die bis\nkurz vor Reiseantritt noch auf Pr\u00fcfungen b\u00fcffelnd \u00fcber den B\u00fcchern\ngehangen hatte, freute sich \u00fcber ihre kundige Reiseleitung.\n\u201eBaugrund ist in Saigons Innenstadt horrend teuer und so legen die\nFamilien zusammen, kaufen eine Miniparzelle und stapeln die Zimmer\n\u00fcbereinander, verbunden durch ein Treppenhaus hinten oder an der\nSeite. Meist ziehen mehrere Generationen gemeinsam ein um eine eine\nWohn- und Wirtschafts\u00adgemeinschaft zu bilden. Die M\u00f6glichkeit,\nsich ein eigenes kleines Reich aufzubauen motiviert die Leute\nnat\u00fcrlich, das Beste aus ihren M\u00f6glichkeiten heraus zu\nkitzeln&#8230;\u201c<br>Und dabei schien ein farbenfroher Hausanstrich noch\nlange nicht das Ende der Fahnenstange darzustellen. Aus den\nStilrichtungen aller Herren L\u00e4nder kreuz und quer kombinierte\nFassadenelemente zogen Annas Blick auf sich. S\u00e4ulenf\u00f6rmige\nFensterlaibungen trugen an griechische Tempel erinnernde Architrave,\nals Tempelgiebel gestaltete Br\u00fcstungen fassten die dar\u00fcber liegende\nDachterrasse ein und von ganz oben spendete ein rund gebogenes\nWellblechdach Schatten. Am Nachbarhaus dr\u00e4ngten sich massiv\ngemauerte Balkonbr\u00fcstungen mit kitschigen Stuckornamenten vor,\ndahinter waren romanische Rundbogenfenster mit dicken Butzenscheiben\nkombiniert, ein Haus weiter dann die schlichten Rechtecke einer\nmodernistisch gestalteten H\u00e4userfront. \u201eSchaffe, schaffe H\u00e4usle\nbaue! Die ticken hier wohl \u00e4hnlich wie die Schwaben bei uns&#8230;\u201c\ngrinste Anna \u201eUnd jeder muss es noch ein bisschen bunter und\nkitschiger haben als der Nachbar\u201c kicherte Tina. \u201eDen Vietnamesen\nkann es nicht schlecht gehen, wenn sie sich so viel Firlefanz an\nihren H\u00e4usern leisten k\u00f6nnen.\u201c res\u00fcmierte Anna. \u201eStimmt, man\nsagt, Vietnam stehe am Anfang eines Wirtschaftsbooms, viele Leute\nsind optimistisch und trauen sich wieder, auch mal Geld f\u00fcr Luxus\nauszugeben.\u201c<br>W\u00e4hrend Tina und Anna langsam weiter in Richtung\nJade-Tempel schlenderten, wurde bald deutlich, dass die Familien in\nden Turmh\u00e4usern zu einer aufstrebenden Bev\u00f6lkerungsschicht geh\u00f6ren\nmussten, deren Wohlstand nicht repr\u00e4sentativ war. Die bunten\nNeubauten wichen \u00e4lteren, niedrigeren H\u00e4usern und die Gesch\u00e4fte\nund Restaurants wurden schlichter. Noch weiter die Stra\u00dfe hinunter\nbegannen gro\u00dfe Mehrfamilienh\u00e4user das Bild zu dominieren, die\nmeisten wieder neueren Datums und in gutem Zustand. Noch weiter des\nWeges entlang machten die Mehrfamilienh\u00e4usern wieder kleineren, zwei\noder dreist\u00f6ckigen Neubauten Platz, deren Besitzer ebenfalls zu\neinigem Wohlstand gekommen sein mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nMittag war schon vor\u00fcber, als Tina und Anna ihr Ziel erreichten.\nAuch der Tempel des Jadekaisers war restauriert. Der Hof vor dem\nEingang wurde von einem quadratischen Brunnen mit ziegelrot\ngestrichener Ummauerung eingenommen, mitten drin ein Keramikk\u00fcbel\nmit einer Lotospflanze. \u201ePuh, bevor wir reingehen k\u00f6nnte ich eine\nPause gebrauchen\u201c meinte Tina w\u00e4hrend sie den Brunnen umrundeten.\n\u201eGeht mir \u00e4hnlich. Schau mal, dort neben dem Eingang k\u00f6nnen wir\nuns in den Schatten setzen.\u201c Von der k\u00fchlen Steinbank aus hatten\nsie das Kommen und Gehen der Leute gut im Blick. Offensichtlich hatte\nder religi\u00f6se Daoismus, zu dessen G\u00f6tterwelt der Jadekaiser\ngeh\u00f6rte, viele praktizierende Anh\u00e4nger hier. Im Tempel herrschte\ngesch\u00e4ftiges Treiben, die Leute kamen mit R\u00e4ucherst\u00e4bchen und\nBlumen um f\u00fcr die Erf\u00fcllung ihrer Neujahrsw\u00fcnsche zu bitten. Au\u00dfer\nTina und Anna lie\u00dfen sich keine weiteren Touristen blicken. Einige\nZeit sp\u00e4ter durchstreiften sie neugierig das Innere der\nTempelanlage, sahen den Menschen bei ihren Ritualen zu und Tina gab\nhin und wieder ein paar Erkl\u00e4rungen aus ihrem Reisef\u00fchrer zum\nBesten.<br>\u201eIn China gibt es auch daoistische Tempel, auch dort\nsind die meisten von ihnen inzwischen restauriert worden. Aber die\nBesucher, auch die chinesischen, sind fast nur Touristen oder Leute\nauf dem Sonntagsausflug. Nur wenige sieht man mal r\u00e4uchern oder gar\nbeten&#8230;\u201c bemerkte Anna nachdenklich. \u201eAber, stammt der Daoismus\nurspr\u00fcnglich nicht aus China?\u201c fragte Tina erstaunt. \u201eJa schon,\naber die zehn Jahre Kulturrevolution haben in China einen harten\nBruch verursacht. F\u00fcr uns ist es nur schwer vorstellbar, wie tief\nder Graben zwischen Tradition und Moderne ist, den sie den Chinesen\nhinterlassen hat.\u201c &#8211; \u201eDann ist diese Religion heute wohl im\nkommunistischen Vietnam noch lebendiger als in China.\u201c wunderte\nsich Tina. \u201eDa hast Du mehr recht als Du vielleicht ahnst. \u00d6stlich\nvon Qingdao gibt es auf dem Lao-Shan beispielsweise ein altes\ndaoistisches Kloster, ehemals eines der wichtigsten Kl\u00f6ster des\nDaoismus \u00fcberhaupt. Der Legende nach soll der daoistische M\u00f6nch\nZhang Sanfeng dort die Prinzipen des Taiji entdeckt haben, als er den\nKampf eines Kranichs mit einer Schlange beobachtete.\u201c Anna kam ins\nErz\u00e4hlen. \u201eLetztes Jahr um diese Zeit herum habe ich ja einige\nZeit in Qingdao verbracht und bin nat\u00fcrlich auch zum Laoshan\ngefahren. Schon seit einiger Zeit ist das Kloster wieder von M\u00f6nchen\nbewohnt. Neben den Tempeln gibt es dort vor allem Bibliotheken voller\nalter daoistischer Schriften. \u00dcberhaupt wirkte das Ganze eher\nakademisch auf mich, weniger religi\u00f6s. Ich hatte den Eindruck die\nM\u00f6nche besch\u00e4ftigten sich haupts\u00e4chlich mit den B\u00fcchern, w\u00e4hrend\nihre Gottheiten in den Tempeln als Touristenattraktion das t\u00e4glich\nBrot zu verdienen hatten. Und auch auf dem Laoshan sind die Besucher\nmeist nur auf Sightseeing aus. Die Chinesen unter ihnen wissen\nnat\u00fcrlich, dass sie dort die Wurzeln ihrer Kultur besichtigen, aber\nnur ganz wenige haben noch einen pers\u00f6nlichen Bezug zu irgendeiner\nder vielen Facetten des Daoismus.\u201c &#8211; \u201eWas f\u00fcr eine\nEntwurzelung&#8230;\u201c Tina wirkte nachdenklich.<\/p>\n\n\n\n<p>\nUnweit\nder Jade-Pagode gelangten Tina und Anna an die Ufer eines kleinen\nNebenflusses, der sich in einiger Entfernung in den Saigon-Fluss\nergoss. Die vage Hoffnung auf einen sch\u00f6nen Blick \u00fcber den Fluss\nvon der nahe gelegenen Br\u00fccke oder auf ein Caf\u00e9 am Ufer, in dem sie\nsich erfrischen konnten, hatte sie diesen Weg nehmen lassen. Aber der\nAnblick, der sich ihnen hier bot, lie\u00df sie geschockt inne halten. Am\nFlussufer gingen die frisch gestrichenen Neubauten des Stadtviertels\nabrupt in etwas \u00fcber, das man nur als Slums bezeichnen konnte. Auf\nbeiden Seiten des Flusses hingen aus verrostetem Wellblech und\nschimmeligen Holzplatten wackelig zusammen genagelte H\u00fctten auf\nkrummen Pf\u00e4hlen \u00fcber den Ufern, darunter ein m\u00fcll\u00fcbers\u00e4ter\nStreifen schwarzen Schlicks, der zur Flussmitte hin in ein seichtes,\nnach Kloake stinkendes Gew\u00e4sser \u00fcberging. \u201eSaigon von hinten&#8230;\u201c\nbrachte Anna nach einiger Zeit hervor. \u201eAnscheinend hat der\nWirtschaftsboom noch nicht alle erreicht.\u201c versuchte Tina sich\neinen Reim auf den Anblick zu machen. \u201eOder umgekehrt, er zeigt\nhier seine Schattenseiten.\u201c meinte Anna. <br>Den beiden blieb\nnichts anderes \u00fcbrig, als den R\u00fcckweg anzutreten. Sie w\u00e4hlten eine\nandere Route als die, auf der sie hergekommen waren und hatten Gl\u00fcck.\nUnweit hatte doch noch ein kleines Caf\u00e9 ge\u00f6ffnet, in dem sie sich\nniederlassen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEs\nwar schon Sp\u00e4tnachmittag, als sie sich in Richtung ihres Hotels\nwieder in Bewegung setzten. Der nahende Abend schien Saigon erst\nrichtig erwachen zu lassen. Viele der kleinen L\u00e4den waren\nnachmittags geschlossen gewesen, aber nun wurden ihre Rollos mit\nlautem Scheppern hochgezogen. Kleine Tische wurden an die\nFahrbahnkante geschoben und Vasen mit kunstvoll gebundenen Str\u00e4u\u00dfen\naus rosa bl\u00fchenden Pfirsichzweigen, R\u00fcschen und gef\u00e4rbten Gr\u00e4sern\ndarauf gestellt. Tina und Anna konnten nicht ergr\u00fcnden, ob die\nStr\u00e4u\u00dfe als Festtagsschmuck dienten oder ob sie zum Verkauf\nstanden.<br>Immer mehr Menschen bev\u00f6lkerten die B\u00fcrgersteige und\nauf den Stra\u00dfen verwandelte sich der vorher sp\u00e4rlich flie\u00dfende\nVerkehr binnen einer halben Stunde in eine wahre Sturzflut aus\nRollerfahrern. Ihr ununterbrochener Strom \u00fcberschwemmte alle\nFahrbahnen, sickerte auf die B\u00fcrgersteige und erf\u00fcllte die\nH\u00e4userschluchten mit ohrenbet\u00e4ubendem Gebrumm. Wer zu Fu\u00df, mit dem\nAuto oder gar mit einem Lastwagen unterwegs war und es nicht\nverstand, sich von diesem Fluss mittragen lassen, der strandete\nhilflos am Rand oder schlimmer, mitten drin.<br>Tina und Anna lie\u00dfen\nsich durch das Get\u00fcmmel treiben, schauten sich die Auslagen in den\nL\u00e4den an, beobachteten Rollerfahrer, die sich mit kleinen\nKumquatb\u00e4umen voller Fr\u00fcchte auf dem Gep\u00e4cktr\u00e4ger durch den\nVerkehr schl\u00e4ngelten oder am B\u00fcrgersteig auf ein Schw\u00e4tzchen mit\nden Ladenbesitzern halt machten. Die meisten Leute waren sichtlich\ngut gelaunt, Bekannte gr\u00fc\u00dften sich von Weitem und gelegentlich\nklang das Lachen junger Leute von den vorbei flitzenden Rollern\nher\u00fcber. Hin und wieder war es notwendig, die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren,\nwas auch an Kreuzungen mit Verkehrsampel jedes mal ein kleines\nAbenteuer war. Erst als sie das koloniale Stadtzentrum, in dem auch\nihr Hotel lag, wieder erreicht hatten, nahm auch das Gewimmel in den\nStra\u00dfen etwas ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\nF\u00fcr\ndas Abendessen hatte Tina ein Restaurant ausgesucht, das in ihrem\nReisef\u00fchrer wegen seiner besonders authentischen vietnamesischen\nK\u00fcche gelobt wurde. Als sie jedoch die Speisekarte musterte dauerte\nes nicht lange und Tina lie\u00df sie entmutigt auf den Tisch sinken.\n\u201eDas liest sich alles so toll hier, aber leider sagt es mir gar\nnichts.\u201c bemerkte sie resigniert. \u201eAlso, meine vietnamesische\nFreundin hat gesagt, wir m\u00fcssen auf jeden Fall Pho probieren, am\nbesten mit verschiedenen Gem\u00fcsen, Koriander, Sojasprossen und\nRindfleisch. Vielleicht noch ein paar Fr\u00fchlingsr\u00f6llchen mit\nFischso\u00dfe dazu&#8230; Schau mal hier, da haben sie so etwas auf der\nKarte. ..\u201c Eine junge Serviererin hatte sich inzwischen ihrem Tisch\ngen\u00e4hert. \u201eDo you speak English?\u201c fragte sie freundlich.<br>Ab\nda war es nicht mehr schwierig, sich auf eine Speiseauswahl zu\neinigen. Und schon nach den ersten Bissen musste Anna Thuan im\nStillen recht geben. Das vietnamesische Essen war Klassen besser als\nalles, das sie jemals in China gegessen hatte. \u201eMhhh, ist das\nlecker hier!\u201c Auch Tina war begeistert. \u201eIch glaube, wir beide\ngeben ein gutes Reiseteam ab, Anna.\u201c Anna schaute fragend von ihrer\nSuppensch\u00fcssel auf. \u201eAlso, ich suche aus was wir besichtigen und\nDu sorgst daf\u00fcr, dass wir abends was Anst\u00e4ndiges auf dem Teller\nhaben.\u201c kicherte Tina.<br>Bevor sie sich in ihr Hotelzimmer zur\u00fcck\nzogen, sa\u00dfen sie auch an diesem Abend wieder mit einem Getr\u00e4nk auf\nder Dachterrasse ihres Hotels. Der Ausblick von dort oben war einfach\nzu bezaubernd, um ihn sich auch nur einmal entgehen zu lassen. Wieder\nstanden sie mit dem Glas in der Hand nebeneinander an der Br\u00fcstung\nund lie\u00dfen ihren Blick \u00fcber das immer noch lebhafte Treiben unter\nsich schweifen. \u201eAlso ich glaube, ich bin dabei mich in Saigon zu\nverlieben&#8230;\u201c gestand Tina nach einer Weile. \u201eOh ja, mir geht es\nnicht viel anders. Irgendwie strahlt diese Stadt&#8230; sie strahlt und\nsummt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Wo\nder Pfeffer w\u00e4chst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nSeit\ndem fr\u00fchen Morgen waren Tina und Anna auf den Beinen und doch waren\nsie sp\u00e4t dran. Eilig packten sie ihre Koffer um in Richtung\nFlughafen aufzubrechen. Das morgendliche Saigoner Verkehrschaos\nstellte den Taxifahrer und seine beiden Fahrg\u00e4ste auf eine\nnerven\u00adzehrende Geduldsprobe, an deren Ende sie gerade noch\nrechtzeitig, verschwitzt und au\u00dfer Atem am Schalter der\nvietnamesischen Fluggesellschaft eintrafen.<br>\u201eUff, ab jetzt geht\nes hoffentlich etwas geruhsamer weiter.\u201c Tina atmete tief durch.\n\u201eUnd ich bin jetzt gespannt, wohin es \u00fcberhaupt weiter geht\u201c,\nantwortete Anna. \u201eIch kann mir den Namen dieser Insel, die Du da\nausgesucht hast, einfach nicht merken.\u201c Sie schaute auf ihr\nFlugticket. \u201ePhu Quoc &#8211; Was der Name wohl bedeutet?\u201c &#8211; \u201eKeine\nAhnung\u201c, Tina zuckte mit den Achseln. <br>Bald nachdem das Flugzeug\nseine Reiseh\u00f6he erreicht hatte, sahen sie unter sich die lehmgelben\nFlussarme des Mekong in der Sonne glitzern. Seine Fluten suchten sich\ndurch ein weit verzweigtes Flussdelta ihren Weg zum Ozean, wo sie\nihre lehmige Fracht mit breiten gelben Zungen in das tiefe Blau\nspien. In einem Bogen f\u00fchrte ihre Route sie anschlie\u00dfend nach\nNordwesten Richtung kambodschanische Grenze auf den Golf von Thailand\nhinaus. Und eine halbe Stunde sp\u00e4ter ging das Flugzeug auch schon\nwieder in den Sinkflug \u00fcber.  <br>\u201eIst es vom Flughafen aus weit\nbis zu dem Hotel, das Du gebucht hast?\u201c, wollte Anna wissen. \u201eOch,\nein St\u00fcck weit m\u00fcssen wir schon noch \u00fcber die Insel fahren. Aber\nkeine Sorge, wir werden am Flughafen abgeholt. Und davon abgesehen,\nlass Dich doch einfach mal \u00fcberraschen, Anna. Du kannst jetzt ja eh&#8216;\nnichts mehr \u00e4ndern\u201c, schmunzelte Tina. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nTaxifahrer, der sie abholte, stand gleich neben dem Ausgang der\nkleinen Ankunftshalle, hielt ein Schild mit ihren Namen hoch und\nbegr\u00fc\u00dfte sie mit breitem Grinsen. Schnell wurde deutlich, das eine\nVerst\u00e4ndigung mit ihm nur mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen m\u00f6glich war. Also\ntrotteten sie ergeben hinter ihm her, Tina mit gro\u00dfem Reiserucksack\nund Umh\u00e4ngetasche, Anna mit gro\u00dfem Rollenkoffer und einem\nMinirucksack auf dem R\u00fccken. <br>Drau\u00dfen warteten gut zwei Dutzend\nTaxis und eine Handvoll Minibusse auf Fahrg\u00e4ste. Der Taxifahrer\ndurchschritt ihre Reihen jedoch und hielt auf einen weiter entfernt\nliegenden Parkplatz zu. Dort blieb er, nach wie vor breit grinsend,\nvor einem zweisitzigen roten Moped stehen. Tina und Anna schauten ihn\nratlos an. Er \u00fcberlegte einen Moment, dann begann er, mit den Armen\nzu deuten und zu rudern.  \u201e\u00c4hem&#8230; wie meint der das jetzt, Tina?\u201c\n&#8211;  \u201eIch glaube er meint, wir sollen aufsteigen&#8230;\u201c erwiderte\ndiese achselzuckend. \u201eUnd das Gep\u00e4ck?\u201c Anna deutete fragend auf\nihren Koffer. Der Taxifahrer schien das als Ermunterung zu verstehen,\nnahm ihr schnell den Rollenkoffer aus der Hand und wuchtete ihn mit\nSchwung hochkant in die Mitte des Mopedsattels. Dann bedeutete er\nihr, sich hinter ihren Koffer zu setzen und diesen festzuhalten. Anna\nwar zu \u00fcberrumpelt, um Widerstand zu leisten und tat wie ihr\ngehie\u00dfen. Tina wurde hinter Anna auf den Sitz dirigiert, wo ihr\nnichts anderes \u00fcbrig blieb, als hinter sich zu greifen um sich am\nGep\u00e4cktr\u00e4ger festzuklammern. Nicht einmal der Fahrer selbst trug\neinen Sturzhelm, die Frage nach zus\u00e4tzlichen Helmen f\u00fcr seine\nMitfahrerinnen er\u00fcbrigte sich. Unger\u00fchrt grinsend schwang er sich\nvor Anna auf den Sattel, die ihren Koffer samt Fahrer umarmen musste,\num w\u00e4hrend der Fahrt das Gleichgewicht halten zu k\u00f6nnen. Der Fahrer\nstartete und steuerte sein vorwurfsvoll knatterndes und qualmendes\nMaschinchen zur Durchgangsstra\u00dfe Richtung S\u00fcdwestk\u00fcste.<br>W\u00e4hrend\ndas Moped m\u00fchsam Fahrt aufnahm, stauchte jede Delle im Asphaltbelag\ndie v\u00f6llig \u00fcberlastete Federung bis zum Anschlag zusammen. Die\nSt\u00f6\u00dfe fuhren Anna den R\u00fccken hinauf, panisch suchte sie einen\nstabileren Halt f\u00fcr ihre F\u00fc\u00dfe. \u201eAusblenden, festhalten, mitgehen\nund nach vorne schauen!\u201c befahl sie sich immer wieder, als sie\nmerkte, wie tausenderlei Bef\u00fcrchtungen in ihrem Kopf Samba zu tanzen\nbegannen. Es war Jahrzehnte her, seit sie selbst Motorradfahrerin\ngewesen war, aber das war in einer anderen Welt gewesen.<br>Langsam\ngelang es ihr, etwas mehr von der Landschaft zu beiden Seiten der\nStra\u00dfe wahrzu\u00adnehmen. Zun\u00e4chst s\u00e4umten noch schlichte kleine\nVorstadth\u00e4user mit umz\u00e4unten G\u00e4rten die Stra\u00dfe, bald machten\ndiese jedoch einer lockeren Mischung aus Feldern, Buschwerk und\nkleinen W\u00e4ldchen Platz. Eine Erde aus sienarotem Ocker kontrastierte\nlebhaft mit dem saftigen Gr\u00fcn, das ihr entspross. Sienaroter Staub\nlag auf dem Asphalt, bis ein Fahrzeug ihn in Wolken hochwirbelte um\ndie entgegenkommenden Verkehrsteilnehmer damit einzupudern. <br>Nach\nwenigen Kilometern endete die Asphaltdecke der Stra\u00dfe in einer\nhausgro\u00dfen Mulde, die der Fahrer gekonnt durchfuhr. \u201eWir haben\nrichtig Gl\u00fcck!\u201c schrie Tina da von hinten. \u201eWieso?\u201c &#8211; \u201eNaja,\nes k\u00f6nnte ja auch ein Tropenregen niedergehen!\u201c Anna hatte\npl\u00f6tzlich vor Augen, wie das Moped samt Fahrg\u00e4sten und Gep\u00e4ck bis\n\u00fcber den Sattel in sienarotem Schlamm versank und der Motor hustend\ndarin absoff. \u201eTina, Du bist wirklich krisenfest!\u201c prustete sie\nlachend. Die Spannung war gebrochen. Ab nun begann Anna die Fahrt zu\ngenie\u00dfen, die in einen Slalom um riesige Schlagl\u00f6cher herum\n\u00fcberging.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\nsie nach einiger Zeit durch ein kleines Dorf kamen, hielt der Fahrer\nan um seinen Fahrg\u00e4sten eine Pause zu g\u00f6nnen. Weiter ging es\nanschlie\u00dfend \u00fcber einen kurvigen Feldweg, der in h\u00fcgeligem Gel\u00e4nde\nverstreute kleine Weiler miteinander verband. Und dann, nachdem sie\neine Anh\u00f6he erklommen hatten, leuchtete unvermittelt das T\u00fcrkis des\nOzeans unter ihnen, eingefasst von einer mit wei\u00dfem Sandstrand\nges\u00e4umten Bucht. Der Fahrer stoppte, um sie den Anblick genie\u00dfen zu\nlassen. Unten am Strand sah man ein paar hohe Palmen, eine Handvoll\nleere Plastikliegest\u00fchle stand weit verstreut zwischen ihnen herum.\nZur\u00fcck\u00adgesetzt, am Fu\u00df des Abhangs, ein Restaurant mit\nTerrasse, am Hang dar\u00fcber nichts weiter als ein halbwilder Garten\nmit bl\u00fchenden Str\u00e4uchern, B\u00e4umen und vier palmwedelgedeckten\nkleinen Holzbungalows mit Balkon.<br>Das Panorama verschlug Anna f\u00fcr\neinen Moment die Sprache. \u201eTina, kneif mich! Das ist doch jetzt\nkein Traum, oder?\u201c &#8211; \u201eWOW!\u201c Auch Tina musste erst mal Luft\nholen. Sie richtete sich auf soweit es auf dem Mopedsitz m\u00f6glich\nwar, streckte die Arme in die Luft und atmete tief durch. \u201eAhhhh&#8230;.\nDoch Anna, es ist ein Traum. Warum sollte ich Dich kneifen?\u201c. Der\nFahrer setzte wieder sein Grinsen auf, startete sein Maschinchen\nerneut und schaukelte mit ihnen den Pfad zum Restaurant hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEs\ndauerte kaum eine Stunde, und zwei der Liegen am Strand waren belegt.\nAnna konnte es kaum erwarten, den sienaroten Staub, der sich \u00fcberall\nauf Haut und Haare gelegt hatte, im Meer abzusp\u00fclen. Als sie es sich\nanschlie\u00dfend auf ihrer Liege bequem machte, hing die Sonne schon\ntief am Horizont. Anna schaute zu, wie sie sich vorsichtig dem Ozean\nn\u00e4herte, ihr rotgoldenes Glei\u00dfen und Funkeln auf ihn sch\u00fcttete bis\ner davon \u00fcberfloss und dann sanft in  ihm versank. <br>Am Abend\nfanden Tina und Anna sich zum Essen auf der Restaurantterasse ein.\nDie K\u00f6chin und Managerin des Resorts, eine warmherzige Frau in den\nF\u00fcnfzigern, verstand zwar kaum Englisch, umso mehr jedoch vom\nKochen. Das Essen bestand aus frischen Meeresfr\u00fcchten, Gem\u00fcsen und\nObst von der Insel und war Genuss pur. Tina und Anna waren die\neinzigen G\u00e4ste. Als der Nachtisch serviert war, tauchte eine junge\nFrau aus der K\u00fcche auf, f\u00fcr die Englisch kein Problem war. Man kam\nschnell ins Gespr\u00e4ch und sp\u00e4ter gesellten sich die Managerin und\nein junger Mann hinzu, der im Resort f\u00fcr die handwerklichen\nT\u00e4tigkeiten zust\u00e4ndig war. Tina und Anna erz\u00e4hlten von ihrer\nbisherigen Reise und von ihren weiteren Pl\u00e4nen. Und ihre Gastgeber\nversorgten sie mit Tipps, was man auf Phu Quoc unbedingt anschauen\nm\u00fcsse, was die besten Gerichte seien, welchen Markt man besuchen\nm\u00fcsse, wo es die beste Fischso\u00dfe g\u00e4be und vieles mehr. <br>Es war\nschon sp\u00e4t, als Tina und Anna wieder bei ihrem Bungalow eintrafen.\nSie standen auf dem kleinen Balkon, schauten \u00fcber das nur noch\nsp\u00e4rlich beleuchtete Restaurant, den in der Dunkelheit\nverschwindenden Strand, den nachtschwarzen Ozean. Ein Halbmond lugte\nzwischen sch\u00fctteren Wolken hervor, unter sich einen silbernen\nTeppich ausbreitend. \u201eSchau mal Tina, da sind Lichter am Horizont!\u201c\n&#8211; \u201eStimmt, eine ganze Lichterkette sogar&#8230; Das m\u00fcssen die\nFischerboote sein, von denen die junge Frau vorhin erz\u00e4hlt hat.\u201c &#8211;\n\u201eSagte sie nicht, ihr Mann sei Fischer?\u201c &#8211; \u201eJa, so habe ich sie\nauch verstanden&#8230;\u201c Schweigend blickten sie hinaus, lauschten dem\nRollen der Brandung, sp\u00fcrten dem lauen Wind nach. \u201eAlso ich geh&#8216;\njetzt ich rein und tr\u00e4um&#8216; im Liegen weiter&#8230;\u201c g\u00e4hnte Anna nach\neiner Weile.<br>Auch an den folgenden Tagen verlie\u00df Anna das Gef\u00fchl\nnicht, aus der Wirklichkeit gefallen und in einem Traum vom Paradies\nam Ende der Welt gelandet zu sein. Zwischen Strand, Meer, kleinen\nErkundungstouren, k\u00f6stlichen Mahlzeiten und Sonnenunterg\u00e4ngen\nverschmolz die Zeit auf der Insel zu einem einzigen langen Augenblick\nunbeschwerter Leichtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEiner\nihrer Ausfl\u00fcge f\u00fchrte Tina und Anna ins n\u00e4chstgelegene\nHafenst\u00e4dtchen, wo an diesem Tag Wochenmarkt sein sollte. Der\nVormittag war schon fortgeschritten, als das Mopedtaxi sie am Hafen\nabsetzte. \u201eSchau, da sind die Fischerboote, die wir in der Nacht\nauf dem Meer gesehen haben!\u201c Anna war von dem Anblick der t\u00fcrkis,\nblau oder wei\u00df gestrichenen Holzboote, die eines neben dem anderen\nam Kai festgemacht hatten, fasziniert. \u201eDie sind ja noch richtig\nantik!\u201c staunte sie, als sie die Boote aus der N\u00e4he betrachtete. &#8211;\n\u201eUnd ich habe sie mir viel gr\u00f6\u00dfer vorgestellt, die Fischer fahren\nja ziemlich weit raus damit.\u201c Auch Tina war von den Booten angetan.\nDie meisten hatten vorne im Bug ein gut mannshohes Kreuz stehen, den\nQuerbalken mit dicken Seilkn\u00e4ulen beh\u00e4ngt. Vor den Kaj\u00fcten ragte\nein kleiner Metallkran auf zu dessen F\u00fc\u00dfen es meist noch eine\nSeilwinde gab. Die Kaj\u00fctend\u00e4cher und die Holzkreuze waren mit\nScheinwerfern verziert, deren sch\u00fcsself\u00f6rmige Schirme an\nK\u00fcchenlampen erinnerten. Netze, Seile und Kanister lagen auf den\nDecks verstreut und einige Boote hatten eine gro\u00dfe rote Schleife um\nden kurzen Stummel gebunden, der den Bugspriet bildete. \u201eVielleicht\nist da jemand frisch verheiratet?\u201c, r\u00e4tselte Anna. \u201eRot ist in\nOstasien ja die traditionelle Hochzeitsfarbe.\u201c &#8211; \u201eDas k\u00f6nnen wir\nheute Abend unsere Gastgeber fragen\u201c, meinte Tina. \u201eEs muss ein\nKnochenjob sein, mit diesen Booten drau\u00dfen zentnerweise Fisch aus\ndem Meer zu holen\u201c, bemerkte Anna. \u201eUnd ohne Risiko ist es\nbestimmt auch nicht.\u201c Die harte Wirklichkeit, die diese Boote\nhinter der Fischerromantik aufscheinen lie\u00dfen hatte sie nachdenklich\ngemacht.<br>Sie schlenderten weiter zur Mole, die das Hafenbecken in\neiniger Entfernung vom Ozean abtrennte. Dort entlud gerade ein\nFischerboot seine Fracht, das gr\u00f6\u00dfer und moderner war als die\nHolzboote am Hafenkai. Eine kleine Gangway war herunter gelassen,\ndavor standen mehrere Mopeds mit Anh\u00e4ngern. Schon von weitem war zu\nh\u00f6ren, wie die Mopedfahrer von ihrem Gef\u00e4hrt aus mit den Leuten\noben auf dem Boot schimpften und schacherten, jeder schien\ngleichzeitig mit jedem zu verhandeln. Gelegentlich wurde dann ein\nPlastikbottich mit frischem Fisch \u00fcber die Gangway gereicht, der\nKunde bezahlte und versuchte, sein Gef\u00e4hrt aus dem Pulk heraus zu\nman\u00f6vrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\u00fcsiert\nbeobachteten Tina und Anna eine Weile das Treiben, schlenderten\nweiter zum Ende der Mole und kehrten dann wieder um in Richtung\nOrtskern. Das Hauptstr\u00e4\u00dfchen des Ortes wirkte zun\u00e4chst\nverschlafen. Vereinzelt unterbrochen von Werkst\u00e4tten und kleinen\nL\u00e4den dominierten Kneipen das Stra\u00dfenbild. Sie bestanden fast nur\naus schlichten, mit Plastikst\u00fchlen umstellten Tischen, die man zu\nbeiden Seiten der Stra\u00dfe aufgereiht und mit Schutzd\u00e4chern aus\nPalmwedeln oder Planen versehen hatte. Es waren kaum G\u00e4ste da,\nvereinzelt sah man vietnamesische M\u00e4nner hinter einer Tasse Kaffee\nsitzen. \u201eSeltsam, hier gibt es doch noch so gut wie gar keine\nTouristen, wovon leben dann diese ganzen Kneipen?\u201c wunderte sich\nAnna \u201eDas frag&#8216; ich mich auch, es k\u00f6nnen wohl nur die\nInselbewohner selber sein, die ihnen ihr Auskommen sichern.\u201c &#8211;\n\u201eWieder was, das wir heute Abend unsere Gastgeber fragen m\u00fcssen\u201c,\ngrinste Anna. <br>Je weiter sie die Stra\u00dfe hinunter schlenderten,\numso lebhafter wurde das Treiben um sie herum und noch bevor sie den\nMarktplatz erreicht hatten, s\u00e4umten schon Marktst\u00e4nde zu beiden\nSeiten die Stra\u00dfe. Die Passenten wurden in die Stra\u00dfenmitte\nabgedr\u00e4ngt, wo bald kaum noch ein Durchkommen war, Menschen und\nMopeds quirlten hupend und schreiend durcheinander. Die Marktst\u00e4nde\nboten alles an Lebens\u00admitteln, was die Insel zu bieten hatte.\nNeben unz\u00e4hligen Sorten Obst und Gem\u00fcse gab es frischen und\ngetrockneten Fisch, Meeresfr\u00fcchte und Gew\u00fcrze, vereinzelt\nFrischfleisch, hin und wieder auch einen Stand mit Bekleidung oder\nHaushaltswaren. Die meisten St\u00e4nde waren nicht mehr als ein aus\nKisten, Plastikhockern und gro\u00dfen Sch\u00fcsseln zusammengesetztes und\nmit Ware \u00fcberladenes Provisorium, hinter dem die Inhaberin Wache\nhielt oder mit ihren Kundinnen feilschte. Nur im hinteren Teil des\nMarktplatzes gab es Markttische und in einer Ecke sogar eine kleine\nMarkthalle.<br>Langsam schoben Tina und Anna sich durch das Gedr\u00e4nge.\nIhr Blick h\u00fcpfte vom Rot der Tomaten zum Gr\u00fcn frischer Kr\u00e4uter,\nvon formsch\u00f6nen Kaurischneckenh\u00e4usern zu schlappen Tintenfischarmen\nund von Orangenbergen zu Auberginenpyramiden. Ein unbeschreiblicher\nGeruchscocktail kitzelte ihre Nasen, Ananasduft mischte sich mit\nTrockenfischgeruch, Mangofrische mit Pfefferaroma, Honigmelonens\u00fc\u00dfe\nmit dem Zweitakterparf\u00fcm der Mopeds. Lautstark wurde um sie herum\ngefeilscht, geschrien und geschachert, auch hier schienen alle\ngleichzeitig mit allen \u00fcber alles zu verhandeln. <br>\u201eDer Markt\nscheint ganz in den H\u00e4nden der Frauen zu sein\u201c, stellte Tina nach\neiner Weile fest. \u201eStimmt, weit und breit fast nur Marktfrauen und\nderen Kundinnen, M\u00e4nner scheinen sich hier nicht her zu trauen\u201c,\nnickte Anna. \u201eKein Wunder, die Frauen gehen hier ja ziemlich\nresolut zur Sache!.\u201c &#8211; \u201eUnd was f\u00fcr ein Fest f\u00fcr die Sinne! Das\nmacht mir erst so richtig bewusst, wie arm der Alltag eines\nB\u00fcroeurop\u00e4ers an Sinnesreizen ist\u201c, bemerkte Anna. \u201eStimmt!\u201c,\nnickte Tina. \u201eAber ich glaube, das Leben hier hat auch\nSchattenseiten, die bekommen Touristen wie wir nur nicht zu sehen\u201c,\nf\u00fcgte sie dann hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nMittag war schon vor\u00fcber, als Tina und Anna den Markt wieder\nverlie\u00dfen. \u201ePuh, so langsam k\u00f6nnte ich eine Pause gebrauchen!\u201c\nstellte Tina fest. \u201eIch auch, aber lass uns noch weitergehen bis zu\nder kleinen Bucht, von der uns unsere Gastgeber erz\u00e4hlt haben. Sie\nmuss hinter dem R\u00fccken des H\u00fcgels da hinten liegen. Es gibt da auch\nein richtiges Restaurant, w\u00e4hrend hier im Ort anscheinend nur\nKneipen und der Markt im Angebot sind.\u201c <br>Bald hatten sie das\nSt\u00e4dtchen durchquert. Am Fu\u00df den H\u00fcgels ging die Stra\u00dfe in einen\nsandigen Feldweg \u00fcber. Er f\u00fchrte durch lichten Buschwald, der sich\nhinter dem H\u00fcgel zu einer langgezogenen Bucht mit strahlend wei\u00dfem\nSandstrand \u00f6ffnete. Das Restaurant war nicht viel mehr als ein\npalmwedelgedecktes Holzhaus mit einer K\u00fcche und einer gro\u00dfen, zum\nStrand hin gelegenen Terrasse. \u201eDas ist fast baugleich wie das\nRestaurant in unserem Resort\u201c, stellte Anna fest. \u201eNa hoffentlich\nkochen sie auch genauso gut, ich habe n\u00e4mlich Hunger!\u201c, bemerkte\nTina w\u00e4hrend sie z\u00fcgig auf einen freien Tisch zustrebte. Das\nRestaurant war gut zur H\u00e4lfte mit vietnamesischen Familien besetzt,\nau\u00dfer Tina und Anna gab es keine Touristen unter den G\u00e4sten und\nauch hier erwies sich das Essen als vorz\u00fcglich. \u201eNoch scheint es\nhier auf der Insel nur wenige Touristen zu geben\u201c, bemerkte Anna.\n\u201eEs wirkt alles sehr urspr\u00fcnglich und unber\u00fchrt.\u201c &#8211; \u201eJa, das\nwar einer der Gr\u00fcnde, warum ich mich entschieden hatte, dieses Jahr\nnach Vietnam zu reisen. Die Leute in meinem Reiseb\u00fcro kennen mich ja\nund meinten, wenn ich noch etwas vom urspr\u00fcnglichen Vietnam sehen\nwolle, solle ich nicht l\u00e4nger z\u00f6gern. Schon jetzt hat die\nvietnamesische Regierung erste Programme zur Tourismusentwicklung\naufgesetzt. Es ist absehbar, dass auch auf dieser Insel in ein paar\nJahren Bagger, Beton und Massentourismus Einzug halten werden.\u201c \u2013\n\u201eSchade, schade&#8230;\u201c, Anna klang bedr\u00fcckt. \u201eIch hatte schon\n\u00fcberlegt, in ein paar Jahren mal wieder her zu kommen. Aber wenn die\nInsel wirklich diesen Weg geht, dann will ich gar nicht mehr sehen,\nwas bis dahin daraus geworden ist.\u201c &#8211; \u201eGeht mir \u00e4hnlich\u201c,\nnickte Tina. \u201eWas wir jetzt hier erleben, wird sich nicht\nwiederholen lassen.\u201c<br>Nach dem Essen blieben Tina und Anna noch\neine gute Stunde, bis das Mopedtaxi sie beim Restaurant wieder\nabholen w\u00fcrde. Mit den Schuhen in den H\u00e4nden spazierten sie langsam\nRichtung Brandung. Erst jetzt entdeckten sie die Esspavillons direkt\nam Strand, die ebenfalls zum Restaurant zu geh\u00f6ren schienen. Ihre\nkreisrunden Palmwedeld\u00e4cher waren wie \u00fcberdimensionale\nSonnenschirme in die Mitte gro\u00dfer runder Holztische gesteckt,\ndrumherum standen einfache Plastikst\u00fchle im Sand und ein schlichtes\nHolzgel\u00e4nder fasste das Ganze zusammen. Auch hier herrschte Betrieb,\nfast alle Pavillons waren von vietnamesischen Familien besetzt,\ndrinnen wurde gegessen und getrunken w\u00e4hrend drau\u00dfen die Kinder um\ndie Pavillons herum sprangen.<br>Davon abgesehen war der Strand noch\nv\u00f6llig naturbelassen. Vereinzelt sah man P\u00e4rchen am Saum der\nBrandung auf und ab gehen, Omas suchten mit ihren Enkeln nach\nMuscheln oder man sa\u00df im Schatten der B\u00e4ume beim Picknick.\nSchwimmen oder gar Sonnenbaden schien jedoch nicht zu den\nFreizeitvergn\u00fcgungen der Vietnamesen zu geh\u00f6ren. Von vereinzelten\njungen M\u00e4nnern in Bermudas abgesehen waren alle voll bekleidet, die\nFrauen zus\u00e4tzlich mit Sonnenh\u00fcten ausgestattet. <br>Auch Tina und\nAnna suchten sich bald einen Platz im Schatten, d\u00f6sten vor sich hin\noder schauten dem Treiben um sie herum zu. \n<\/p>\n\n\n\n<p> Die Sonne stand schon tief, als Tina und Anna sich hinter den Fahrer auf das Moped quetschen, das sie zur\u00fcck in ihr Ferienresort bringen w\u00fcrde. Mittlerweile waren sie beide schon so ans Mopedfahren in Dreierbesetzung gew\u00f6hnt, dass es sie nicht mehr aus der Ruhe bringen konnte. Sogar auf Anna wirkte das Geknatter und Geruckel nach diesem Tag voller intensiver Eindr\u00fccke einschl\u00e4fernd. Sie waren schon in der N\u00e4he des Resorts angekommen, als der Mopedfahrer unvermittelt auf einen schmalen Pfad einbog, der in den Buschwald hinein f\u00fchrte. \u201eHuch, was macht der denn jetzt?\u201c Anna fuhr aus ihrem D\u00e4mmerzustand hoch. Tina kicherte. \u201eWart&#8217;s ab, es gibt noch eine \u00dcberraschung f\u00fcr Dich!\u201c feixte sie. Einen guten Kilometer ging es mitten durch den Buschwald, der Pfad war stellenweise so schmal, dass  sie von Zweigen gestreift wurden. Pl\u00f6tzlich \u00f6ffnete der Buschwald sich und sie machten vor einem Feld halt, auf dem sich gut vier Meter hohe, dicke Stangen aneinander reihten. Bis obenhin wucherten kr\u00e4ftige dunkelgr\u00fcne Rankenpflanzen an den Stangen hinauf. Zwischen ihren herzf\u00f6rmigen Bl\u00e4ttern sah man unz\u00e4hlige langgestreckte Rispen, an denen sich gr\u00fcne Fr\u00fcchte wie kleine Trauben aneinander reihten. Tina und Anna stiegen ab um sich die Pflanzen n\u00e4her anzuschauen. \u201eSag blo\u00df, das ist Pfeffer?\u201c fragte Anna nach einigem \u00dcberlegen. \u201eBingo! Du sagtest doch neulich beim Abendessen, Du w\u00fcrdest gerne mal eine Pfefferplantage sehen. Et voil\u00e0, unsere Gastgeber haben den Mopedfahrer entsprechend instruiert\u201c. &#8211; \u201eNa, die \u00dcberraschung ist Euch aber gut gelungen!\u201c freute sich Anna. \u201ePfeffer ist ja ein Allerweltsgew\u00fcrz und trotzdem hatte ich nie eine Vorstellung, wie die Pflanze aussieht, die dazu geh\u00f6rt.\u201c Sie gingen ein paar Schritte zwischen den Reihen in das Feld hinein. \u201eMich erinnert das hier entfernt an Hopfenpflanzen\u201c, meinte Tina, \u201edie klettern auch so hoch.\u201c &#8211; \u201eEs muss eine ordentliche Turnerei sein, den Pfeffer bis ganz oben abzuernten, ohne lange Leitern geht es wohl nicht\u201c, \u00fcberlegte Anna. \u201eAuch das k\u00f6nnten wir heute Abend mal unsere Gastgeber fragen.\u201c stellte Tina fest. \u201eKomm, es wird Zeit dass wir weiterfahren,  die Sonne ist schon unter gegangen.\u201c Sie wandte sich zum Gehen. \u201eWei\u00dft Du Tina, wenn mich mal jemand dahin w\u00fcnschen sollte wo der Pfeffer w\u00e4chst, dann h\u00e4tte ich nichts dagegen einzuwenden. Ich w\u00fcrde einfach sagen: &#8218;Her mit dem Ticket!&#8216;, und weg w\u00e4r&#8216; ich!&#8217;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-small-font-size\">\u00a9\nAlice\nMaier, 2016 \u2013 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bodenkontakt Die Augusthitze hatte die Temperaturen schon auf \u00fcber drei\u00dfig Grad klettern lassen. Die Luft war in den letzten Tagen zunehmend dr\u00fcckender geworden, aber noch war es Vormittag. 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