{"id":186,"date":"2020-10-17T13:08:03","date_gmt":"2020-10-17T12:08:03","guid":{"rendered":"http:\/\/alice-maier.eu\/?p=186"},"modified":"2020-10-17T13:13:55","modified_gmt":"2020-10-17T12:13:55","slug":"der-werkzeugschmied-und-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/alice-maier.eu\/?p=186","title":{"rendered":"Der Werkzeugschmied und die Zukunft"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-file aligncenter\"><a href=\"http:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Werkzeugschmied-Zukunft_Okt-2020_01.odt\">                                                                                                                          Text als PDF herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p>\nAm Rande eines\nwohl\u00adhaben\u00adden Dorfes lebte einst ein Werkzeugschmied. Da er\nflei\u00dfig war und geschickt mit Feuer und Eisen umzugehen wusste,\nn\u00e4hrte ihn sein Handwerk wohl. Aber wenn er abends m\u00fcde von der\nArbeit in seiner Stube sa\u00df, \u00fcberfiel ihn die Schwermut und nichts\nkonnte ihn erheitern.<br>Eine Feuersbrunst hatte vor Jahren im Dorf\ngew\u00fctet und sein Haus und seine Schmiede wa\u00adren ihr zum Opfer\ngefallen. Er war gerade noch rechtzeitig gekommen, um sein kleines\nT\u00f6chterlein aus den Flammen zu retten, f\u00fcr seine junge Frau aber\nkam jede Hilfe zu sp\u00e4t. Nachdem er lange getrauert hatte, baute er\nHaus und Schmiede wieder auf und begann, sich erneut nach einer Frau\numzusehen.<br>Sein T\u00f6chterlein aber hatte sich nach der Katastrophe\nin einer Ecke zusammen gekauert. Stumm sa\u00df es dort tagein tagaus,\nwiegte sich hin und her oder sah zum Fenster hinaus. Es antwor\u00adtete\nnicht, wenn er mit ihm sprach, a\u00df nur selten, spielte und lachte\nnie. Das Schlimmste aber war, es wuchs auch nicht mehr. Als der\nWerkzeugschmied bemerkte, dass es mit dem Kind nicht besser wurde,\nsprach er bei sich: \u201eEi, die Welt ist voller \u00c4rzte, da wird es\nsicher einen geben, der mein T\u00f6ch\u00adter\u00adlein heilen kann. Ich\nmuss ihn nur finden!\u201c Und immer, wenn er von einem guten Arzt oder\neiner heilkundigen Frau erfuhr, raffte er all sein Geld zusammen und\nr\u00fcstete sich f\u00fcr die Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>\nIm selben Dorf lebte eine\nFrau, die w\u00e4hrend jener Feuersbrunst ihr Kind verloren hatte und\ndanach keine weiteren mehr bekommen konnte. Als ihr Mann dies\nbemerkte, verstie\u00df er sie und nahm sich eine andere. Seither bot sie\nals Ziehamme ihre Dienste an. Da die Kin\u00adder gut bei ihr\ngediehen, war sie angesehen im Dorf und fand ein Auskommen.<br>Bevor\nder Werkzeugschmied sich auf den Weg machte, nahm er sein Kind und\nklopfte an ihre T\u00fcr. \u201eGute Frau, kannst Du mein T\u00f6chterlein in\nObhut nehmen bis ich wieder zur\u00fcck bin?\u201c fragte er. \u201eIch will\nDir&#8217;s gut entlohnen!\u201c Als sie beim ersten Mal das sonderbare Kind\nauf seinem Arm sah, z\u00f6gerte sie. \u201eDein Kind ist in Gottes Hand\u201c,\nsagte sie dann mit fester Stimme \u201eIch bin nur seine Magd, ich will\nDein Geld nicht!\u201c<br>Mit diesen Worten nahm sie ihm das Kind vom\nArm, nickte ihm freundlich zu und schloss die T\u00fcr. Der\nWerkzeugschmied ging verwundert nach Hause, sperrte alles ab und\nmachte sich auf den Weg. So ging es jahre\u00adlang, er scheute weder\nM\u00fche noch Kosten und kam viel herum. Mit der Zeit kannte er alle\nHeilkundigen landauf, landab, niemand aber konnte seinem T\u00f6chter\u00adlein\nhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDa er ansehnlich war und\nals gemachter Mann galt, konnte er auf seinen Reisen manch\u00admal\neine junge Frau f\u00fcr sich gewinnen. Wenn sie sich nach einiger Zeit\nder Wer\u00adbung mit ihm verlobt hatte, brachte er sie heim in sein\nHaus. Jedes Mal hoffte er, dass sie auch sei\u00adnem T\u00f6chterlein\neine gute Mutter sei. Aber mit dem unheimlichen Kind hielt es keine\nlange aus. Schon nach kurzer Zeit warfen sie dem Werkzeugschmied den\nVerlo\u00adbungs\u00adring vor die F\u00fc\u00dfe, packten ihre Sachen und\nzogen von dannen.<br>Die Zeit ver\u00adgin\u00adg und ohne dass der\nWerkzeugschmied es bemerkte, zerrannen seine Hoff\u00adnungen, die\nSchwer\u00admut hielt Einzug. Seine Schl\u00e4fen wurden grau und erste\nFalten durchzogen sein Gesicht. Sein T\u00f6chterlein aber ver\u00e4nderte\nsich nicht.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nNachdem wieder einmal\neine Frau mit lautem Knall die T\u00fcr seines Hauses hinter sich\nzu\u00adge\u00adworfen hatte, packte ihn die Verzweiflung und er lief\nin die Stube. Wie im\u00admer sa\u00df sein T\u00f6chterlein in einer Ecke und\nsah zum Fenster hinaus. Als er das Kind so sitzen sah, stieg eine\nm\u00f6rderische Wut in ihm hoch. \u201eTeufelsbalg! Meine Zukunft stiehlst\nDu mir!\u201c schrie er v\u00f6llig au\u00dfer sich und schlug dem Kind ins\nGesicht. Die Kleine aber weinte nicht, sie ver\u00adgrub ihren Kopf\nzwischen den Armen, kauerte sich noch fester zusammen und begann\nwie\u00adder, sich hin und her zu wiegen. Bei\u00dfende Scham durchfuhr\nihn da, er st\u00fcrzte aus dem Haus und lief und lief bis er er\u00adsch\u00f6pft\nzusammen brach. Als er wieder zur Besinnung kam, war es Nacht, der\nTau hatte sich auf ihn gelegt und er fror. Seine Schuld qu\u00e4lte ihn,\nals er schlep\u00adpenden Schrittes nach Hause ging. So kann es nicht\nweiter ge\u00adhen, sprach er bei sich und als er daheim an\u00adlangte,\nstand sein Entschluss fest. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nErneut r\u00fcstete er sich\nf\u00fcr eine Reise, nahm sein T\u00f6chterlein und ging zum Haus der\nZieh\u00adamme. Als sie die T\u00fcr \u00f6ffnete, flehte er sie an: \u201eGute\nFrau, hier hast Du all mein Geld, \u00f6ffne Dein Herz f\u00fcr mein Kind und\nnimm es zur Dir f\u00fcr immer!\u201c Wieder z\u00f6gerte sie einen Moment und\nsah im pr\u00fcfend ins Gesicht. \u201eDein T\u00f6chterlein ist in Gottes Hand\nund ich bin seine Magd, Dein Geld will ich nicht!\u201c sag\u00adte sie\ndann wie immer und nahm ihm das Kind vom Arm. \u201eUnd Du,\nWerkzeug\u00adschmied, pass&#8216; auf Dich auf!\u201c f\u00fcgte sie noch hinzu,\nbevor sie die T\u00fcr schloss. Tr\u00e4nen rannen seine Wangen hinab, als er\nsich auf den Weg machte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nUnterwegs\nsuchte der Werkzeugschmied nicht mehr nach \u00c4rzten f\u00fcr sein Kind. An\ndie K\u00fcnste der Heilkundigen glaubte er nicht mehr und wenn er Leute\nvon ihnen reden h\u00f6rte, hielt er sich die Ohren zu. Ziellos\nvagabundierte er von einem Ort zum ande\u00adren, Jahre vergingen. Er\n\u00fcbernachtete in Scheunen, schloss sich Gesellen auf der Walz an oder\nver\u00addingte sich f\u00fcr einige Zeit. Oft aber wan\u00adderte er\nallein. Wo er hin\u00adkam, war er ein Frem\u00adder und wenn er ging,\nwar er es immer noch.<br>Eines Tages gelangte er an den Rand eines\ngro\u00dfen Waldes, in dem es nicht mit rechten Dingen zugehen sollte.\n\u201eEi\u201c, sprach er bei sich. \u201eWas soll mich noch anfechten!\u201c und\nschritt  unbek\u00fcmmert auf dem Pfad aus, der mitten hinein f\u00fchrte.\nNach drei Tagen aber wur\u00adde der Weg schlecht und verlor sich\nschlie\u00dflich ganz. Der Werksschmied aber ging wei\u00adter, so gut es\nim dichter werdenden Wald ging. Anfangs bemerkte er nicht, dass er\ndie Orien\u00adtierung verlor und als er es bemerkte, war es ihm\ngleichg\u00fcltig. Pl\u00f6tzlich aber stand er vor einer riesigen Tanne, die\ner vor Tagen schon einmal gesehen hatte. Da beschlich ihn\nUn\u00adbe\u00adhagen. Er beschloss, von nun an eine Richtung\neinzuhalten, um dem Wald wieder zu entkommen. Als er Tage sp\u00e4ter\nerneut bei der Tanne eintraf, stieg kalte Panik seinen R\u00fccken\nhinauf. Er ahnte, dass er nun um sein Leben k\u00e4mpfen musste und lief\ner erneut los. Wie er zum dritten Mal unter der Tanne stand, brach er\nersch\u00f6pft zu\u00adsammen und fiel in einen traumlosen Schlaf. Mitten\nin der Nacht aber weckte ihn ein Ger\u00e4usch. Er schreck\u00adte hoch\nund blickte lau\u00adschend um sich.<br>Eine M\u00e4dchengestalt in einem\nwei\u00df schimmernden Gewand stand in einiger Entfernung zwischen den\nB\u00e4umen. Winkend forderte sie ihn auf, ihr zu folgen. \u201eEi, jetzt\nverliere ich end\u00adg\u00fcltig den Verstand\u201c, sagte er sich. \u201eAber\nich wei\u00df ohnehin keine Rettung, da kann ich  auch hinter ihr\nherlaufen.\u201c  W\u00e4hrend er ihr folgte, glaubte er, sein T\u00f6chterlein\nin ihr zu er\u00adken\u00adnen. Er versuchte, sie einzuholen, aber es\ngelang ihm nicht. Stunden\u00adlang stolperte er hinter dem M\u00e4dchen\nher, bis der Morgen anbrach und erste Sonnen\u00adstrah\u00adlen durch\ndas Bl\u00e4tterdach des Waldes drangen. Da war sie pl\u00f6tzlich zwischen\nden St\u00e4mmen ver\u00adschwun\u00adden. Todm\u00fcde sank er an Ort und\nStelle nieder und schlief bis weit in den Mittag.<br>Er wollte sich\ngerade erneut auf den Weg machen, als feiner Rauchgeruch in seine\nNase drang. Mit einem Mal waren seine Sinne hellwach. War es Rauch\naus einem Schorn\u00adstein oder der eines Waldbrandes? Rettung oder\nVerderben? Ange\u00adspannt folgte er der Richtung, aus der der Rauch\nzu kommen schien und fand sich kurz darauf am Rand einer gro\u00dfen\nLichtung wieder. Erleichtert trat er hinaus in die\nNach\u00admit\u00adtags\u00adsonne. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nAm\nWaldrand gegen\u00fcber stand ein altes Steinhaus, aus dessen Schornstein\nes kr\u00e4ftig qualmte. Seitlich davon sah er einen Brunnen und weiter\nhinten einen Schuppen. Vor dem Haus aber sa\u00df eine alte Frau auf\neinem Hocker. Ein Spinnrad stand vor ihr, das sie eifrig surren lie\u00df.\nZu ihrer Rechten gab es einen kniehoch gemauerten Herd, auf dem ein\ngolden schimmernder Kessel stand. Obwohl er mit einem Deckel\nverschlossen war, brodelte es darin so laut, dass der Werkzeugschmied\nes h\u00f6ren konnte. Zur Linken der Alten stand ein Korb mit vollen\nGarnspulen auf dem Boden.<br>\u201eSeid gegr\u00fc\u00dft, Wandersmann!\u201c rief\ndie Alte freundlich her\u00fcber. \u201eSeid gegr\u00fc\u00dft, ehrw\u00fcrdige Frau!\u201c\nantwortete er und ging z\u00f6gerlich auf das Haus zu. \u201eWohin des\nWeges, so sp\u00e4t am Tag?\u201c wollte sie wissen. \u201eWohin, woher, das\nwei\u00df ich nicht!\u201c antwortete er. \u201eEi,\u201c sagte da die Alte, \u201edann\nlasst es genug sein f\u00fcr heute. Setzt Euch her und leistet mir ein\nwenig Gesell\u00adschaft.\u201c Sie unterbrach ihr Spinnen und wies auf\neinen Holzklotz, der ihr gegen\u00fcber im Grase lag. \u201eEine Mahlzeit\nkann ich Euch wohl bieten und auch ein Lager f\u00fcr die Nacht. Morgen\naber m\u00fcsst Ihr beizeiten weiter ziehen, denn ich habe zu tun.\u201c\nf\u00fcgte sie hinzu, als er Platz nahm. Nachdem er seine m\u00fcden Beine\nausgestreckt hatte, begann er die Alte verstohlen zu mustern.<br>Ihr\nschlohwei\u00dfes Haar leuchtete in der Sonne und ihre wettergegerbte\nHaut war von tiefen Runzeln durchzogen. Ihre H\u00e4nde aber, die emsig\nStr\u00e4nge einer durch\u00adsichtigen Wolle aus dem Faserbausch\nauf ihrem Scho\u00df zupften, waren die einer jungen Frau. Und dort, wo\ndie Sonne auf die Fasern fiel, glitzerten diese in allen Farben des\nRegen\u00adbogens. Der Faden aber, den die Alte spann, war so d\u00fcnn,\ndass er ihn kaum sehen konnte. Obwohl der Werkzeugschmied viel herum\ngekommen war, hatte er noch nie eine solche Wolle ge\u00adse\u00adhen.\n\u201eVon welchem Tier stammt die Wolle, die Ihr da spinnt?\u201c fragte er\nneugierig. \u201eOh, sie ist von keinem Tier und keiner Pflanze, ich\nstelle sie selbst her.\u201c war ihre Antwort.<br>Mit dieser Alten\nstimmt etwas nicht, dachte er da bei sich. Im selben Moment lupfte\ndas brodelnde Gebr\u00e4u kurz den Deckel des goldenen Kessels und etwas\nFl\u00fcssigkeit spritzte auf den Boden. Wo die Tropfen auf die Erde\nfielen, zischte es, Funken stoben und blauer Rauch stieg auf. \u201eMach&#8216;\nDir nichts draus, das geh\u00f6rt zu meinem Hand\u00adwerk.\u201c l\u00e4chelte\ndie Alte freundlich. Da sah er, dass sie auch noch alle Z\u00e4hne hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eIhr werdet sicher\nhungrig sein!\u201c lenkte sie ihn ab und als er eifrig nickte, wies sie\nmit dem Kopf auf die offen stehende Haust\u00fcr. \u201eGeht rein, dort\nfindet Ihr Teller und L\u00f6ffel neben dem Herd. Unten im Ofen steht\nGeschmortes f\u00fcr Euch bereit, nehmt, soviel Ihr essen k\u00f6nnt.\u201c Da\ner gro\u00dfen Hunger hatte, kam er schnell auf die F\u00fc\u00dfe. \u201eAber Ihr\nm\u00fcsst mir versprechen, dass Ihr nicht in die T\u00f6pfe guckt, die auf\ndem Herd stehen!\u201c rief sie ihm nach, als er hinein eilte.\nTats\u00e4chlich lagen Teller und L\u00f6ffel neben dem gro\u00dfen Herd bereit,\nder den hinteren Teil des Hauses vollst\u00e4ndig ausf\u00fcllte. Und auf dem\nHerd standen 5 riesige Kessel, jeder dreimal so gro\u00df wie der goldene\ndrau\u00dfen. Auch in diesen brodelte es und er sah, dass sie\nverschiedene Farben hatten. Einen roten, einen schwarzen, einen\nblauen, einen wei\u00dfen und einen gr\u00fcnen konnte er im Halbdunkel\nerkennen. Aha, daraus macht die Alte wohl ihre Fasern, dachte er und\nkonnte seine Neugierde nicht mehr bez\u00e4h\u00admen. Der rote Kessel\nstand ihm am n\u00e4chsten. \u201eEi, was soll schon drin sein!\u201c sagte er\nsich, um\u00adwickel\u00adte flugs seine Hand mit einem Tuch, das auf\nder Herdstange hing und hob den Deckel. Da\nert\u00f6nte ein Heulen, das ihm durch Mark und Bein fuhr, eine\nFeuers\u00adbrunst wir\u00adbelte auf ihn zu, er sah H\u00e4user brennen\nund Mensch und Vieh schreiend fliehen, er sah sein er\u00adstes Haus\nlich\u00adter\u00adloh in Flammen stehen und darin seine Frau, wie sie\nvergeblich ver\u00adsuchte, zu entrinnen.  Entsetzt knallte er den\nDeckel auf den Topf. Er zitterte, kalter Schwei\u00df lief ihm den R\u00fccken\nhinunter und  die Beine versagten ihm den Dienst. Zuckend sank er vor\ndem Herd zu Boden und brauchte lange, bis er sich wieder gefasst\nhatte. Mit Macht melde\u00adte sich dann sein Hunger wieder, seine\nH\u00e4nde aber zitterten immer noch, als er schlie\u00df\u00adlich die\nOfenklappe \u00f6ffnete und den Teller bis zum Rand mit dem k\u00f6stlich\nduftenden Schmor\u00adgericht f\u00fcllte. Gesenkten Hauptes ging er\nwieder hinaus zu seinem Holzklotz und erwartete die Strafpredigt der\nAlten. Die aber lie\u00df unger\u00fchrt ihr Spinnrad surren und sah l\u00e4chelnd\nzu, wie er das Essen gierig in sich hinein schaufelte.<br>Er hatte\nseinen Teller fast geleert, als er sah, wie die Alte den Deckel des\ngol\u00adde\u00adnen Kes\u00adsels hob und zur Seite legte. Dann\nkrempelte sie den \u00c4rmel hoch und fuhr mit der blo\u00dfen Hand in die\nkochende Br\u00fche. Dem Werkzeugschmied fiel beinah der L\u00f6ffel aus der\nHand, die Alte aber tauchte ihren Arm bis zum Ellenbogen in den\nKessel und r\u00fchrte seelen\u00adruhig darin herum, bis sie schlie\u00dflich\neinen dicken Bausch Fasern heraushob. Die dampften und zischten,\nw\u00e4h\u00adrend sie den Bausch \u00fcber dem Kessel abtropfen lie\u00df. Dann\nlegte sie ihn in ihren Scho\u00df und hob den Deckel wieder auf den\nKessel. \u201eDer letzte f\u00fcr heute.\u201c sagte sie l\u00e4chelnd zum\nWerkzeugschmied und begann erneut, Str\u00e4nge aus dem Faserbausch zu\nzupfen um sie dem Spinn\u00adrad zuzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>\nLangsam\nwurde es Abend. Die untergehende Sonne\nwarf ihre letzten Strahlen auf die dicken Garnspulen im Korb auf dem\nBoden. Da began\u00adnen sie in einem Feu\u00ader\u00adwerk aus allen\nFarben zu blitzen und zu strahlen. Der Werk\u00adzeug\u00adschmied\nblin\u00adzelte geblendet. \u201eWelche Stoffe werden aus Ihrem Garn\ngewebt?\u201c fragte er die Alte. \u201eIch habe noch nie ein\u00aden Weber\nmit solchem Garn weben und noch keine Marktfrau Stoffe daraus\nanbieten se\u00adhen.\u201c &#8211; \u201eDa hast Du recht\u201c, antwortete sie.\n\u201eKein Mensch kann die\u00adses Garn verweben, es ist zu fein f\u00fcr\nEuren groben Geist und zu fest f\u00fcr Euer schwa\u00adches Gem\u00fct. Eure\nH\u00e4nde k\u00f6nnen es nicht greifen und die plumpen Gestelle Eurer\nWebst\u00fchle w\u00fcrden davon in St\u00fccke geschnitten, eh&#8216; der Websch\u00fctze\nden Schussfaden das erste Mal durch\u00adgezogen hat.\u201c &#8211; \u201eWozu ist\nes dann n\u00fctze, wenn niemand es verweben kann?\u201c &#8211; \u201eOh, hin und\nwieder habe ich eine Frau in der Lehre, der ich zeigen kann, wie sie\nmit meinem Garn Zwirne f\u00fcr Fischernetze zwirnen kann, die fein und\nfest genug sind um damit in der Zukunft zu fischen und den Fang\neinzuholen.\u201c<br>Der Werkzeug\u00adschmied horchte auf. \u201eSie\nverstehen also etwas von der Zukunft?\u201c fragte er vor\u00adsichtig.\n\u201eKommt drauf an, was Du \u00fcber sie wissen willst.\u201c nickte die Alte\nachsel\u00adzuckend. \u201eDann sagt mir, ehrw\u00fcrdige Frau, werde ich\njemals eine Frau finden, mit der ich gl\u00fccklich sein kann? Wird es\njemals Heilung geben f\u00fcr mein krankes T\u00f6chterlein? Werde ich jemals\nwieder ein Zuhause haben oder werde ich allein durch die Welt\nvagabundieren bis ins Grab?\u201c brach es da ihm heraus. &#8211; \u201eSchon\ngut, schon gut!\u201c beschwichtigte sie ihn. \u201eIch kenne Deine Sorgen!\nUnd weil sie gar so gro\u00df sind, will ich mir M\u00fche geben. Es ist\nn\u00e4m\u00adlich nicht ein\u00adfach, Euch Menschen etwas \u00fcber die\nZukunft zu erz\u00e4hlen.\u201c &#8211; \u201eAber warum denn, wenn Sie so viel\nWeisheit besitzen?\u201c &#8211; \u201eNun, ihr glaubt, wenn ihr alles \u00fcber die\nZukunft wisst, dass Ihr dann Ruhe findet. Aber das ist eine Illusion.\nDenn was n\u00fctzt es einem D\u00fcrstenden, wenn ein Ozean \u00fcber ihm\nzusammen schl\u00e4gt?\u201c &#8211; \u201eAber mich, mich w\u00fcrde es gl\u00fccklich\nmachen!\u201c beharrte der Werkzeugschmied trotzig. \u201eIch kann nur\nver\u00adsuchen, Dir gerade so viel zu erz\u00e4hlen, dass es das zarte\nFl\u00e4mmchen Deines Geistes nicht ausl\u00f6scht.\u201c erwiderte die Alte mit\nfester Stimme und \u00fcberlegte.<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eEs\nbeginnt schon damit, dass Ihr Menschen nach der Zukunft fragt, aber\nes ist nicht die Zukunft, die Euch interessiert.\u201c fuhr sie nach\neiner Weile fort. \u201eIhr wollt nur wissen, ob Eure Pl\u00e4ne aufgehen\nund Eure Erwartungen sich erf\u00fcllen. Darin seid Ihr wie Kinder, die\nwissen wollen, ob alles unter dem Weihnachtsbaum liegen wird, was sie\nauf ihre Wunschzettel geschrieben haben. Wenn Ihr es dann bekommen\nhabt, macht es Euch f\u00fcr ein paar Augen\u00adblicke gl\u00fccklich. Wenn\nnicht, hadert Ihr jahrelang mit Eurem Schicksal. Immer aber setzt Ihr\nEuch hin und schreibt den n\u00e4chsten Wunschzettel. Niemals lasst ihr\ndie Illusion fallen, dass Euch gl\u00fccklich macht, was ihr Euch\nvorstellt.\u201c Der Werkzeug\u00adschmied sah sie an, als h\u00e4tte sie in\nfremden Zungen geredet.<br>Da seufzte die Alte, holte tief Luft und\nversuchte es noch einmal. \u201eWenn Du eine Zukunft haben willst,\nWerkzeugschmied, musst Du Deine Pl\u00e4ne und Erwar\u00adtungen alle\nfallen lassen und die Ungewissheit umarmen, die dann \u00fcbrig bleibt.\nDenn sie ist es, die Deiner Zukunft Platz schafft in Deinem Haus. Und\nDu musst Vertrauen haben, denn das gibt ihr die Zeit, die sie\nbraucht, um darin einzuziehen. Wenn Du das schaffst, Werkzeugschmied,\ndann wird sie sich in Dei\u00adnem Haus ausbreiten wie Morgentau, der\nauf die ersten Sonnen\u00adstrah\u00adlen wartet.\u201c Da begann er zu\nahnen, wie sehr er mit seinen Fragen bei ihr auf dem Holz\u00adweg war\nund schwieg. Er verstand immer noch nicht, was die Alte ihm gesagt\nhatte, ihre Worte hatten aber tief in ihm etwas anger\u00fchrt, das ihn\ntr\u00f6stete.<br>\u201eIch bin m\u00fcde\u201c, sagte er nach einer Weile. Die\nAlte wies auf den Schuppen neben dem Haus. \u201eDort gibt es eine\nKammer, da kannst Du \u00fcbernachten\u201c, sagte sie. \u201eUnd sorge Dich\nnicht, wenn es bei mir heute Nacht laut wird. Wenn Du im Bett\nbleibst, kann Dir nichts passieren\u201c, f\u00fcgte sie hinzu.<br>In der\nKammer stand ein frisch ge\u00admach\u00adtes Bett. Ersch\u00f6pft fiel der\nWerkzeugschmied hinein und sank in tiefen Schlaf. Mitten in der Nacht\naber wurde er von Rumoren aus dem Haus der Alten wach und schlich ans\nFenster. Dr\u00fcben zuckten blaue Blitze hinter den Fensterscheiben, in\ndenen er die Umrisse der Alten erkannte. Sie stand am Herd und\nbe\u00adf\u00fcllte ihre T\u00f6pfe. Es blitzte, krachte, heulte und donnerte,\nwenn sie etwas hinein sch\u00fct\u00adte\u00adte. Und dann sp\u00fcrte er, wie\ndie Erde zu beben begann, erst nur schwach, dann immer st\u00e4rker.\nSchnell sprang er da ins Bett und zog die Decke \u00fcber den Kopf. Nach\neiner Weile wurde es wieder ruhig und er schlief durch bis in den\nMorgen. Als er wieder vor den Schuppen trat, sa\u00df die Alte schon\nneben ihrem goldenen Kessel in der Sonne, l\u00e4chelte ihm zu und lie\u00df\nihr Spinnrad surren.<br>\u201eGuten Morgen werte Frau!\u201c gr\u00fc\u00dfte er\nsie. \u201eErlauben sie mir noch eine Frage, bevor ich gehe?\u201c Die Alte\nschaute auf. \u201eWas sind das f\u00fcr Frauen, die Sie in die Lehre\nnehmen?\u201c Die Alte \u00fcberlegte. \u201eOh, das sind meist schlichte\nGem\u00fcter.\u201c erwiderte sie. \u201eWenn aber ihr Herz gro\u00df genug ist, um\nsich um mehr als nur um die eigne Brut zu sorgen und wenn Ihr\nGlau\u00adben Wurzeln hat, die \u00fcber ihren Gartenzaun hinausreichen,\nkann ich sie lehren. Wenn sie bereit ist, rufe ich sie, ihren Weg zu\nmir wird sie dann schon finden.\u201c Der Werk\u00adzeug\u00adschmied\n\u00fcberlegte und sah zu Boden. \u201eDu aber geh nach Hause, wo Du\nherge\u00adkommen bist.\u201c fuhr sie fort. \u201e\u00d6ffne Deine Schmiede und\nmach&#8216; Dich an die Arbeit. Magst Du dort auch allein sein, so ist doch\nf\u00fcr alles bestens gesorgt. Und wenn Schwermut Dich heim\u00adsucht,\nnimm dies, es wird Dich erinnern, was Du hier gelernt hast.\u201c Sie\ngriff in ihren Korb und reichte ihm die erste volle Garnspule des\nTages.<br>\u201eSiehst Du dort am Waldrand den Vogelbeerbaum? Da findest\nDu das Ende eines Fadens. Folge ihm und er wird Dich aus diesem Wald\nf\u00fchren. Und jetzt gehabt Euch wohl, Werk\u00adzeug\u00adschmied!\u201c.\nDa nahm er die Spule, l\u00fcftete er gr\u00fc\u00dfend seinen Hut und ging auf\nden Vogel\u00adbeerbaum zu. Wirklich, dort war ein Faden an\u00adge\u00adbunden,\ndem er nun Tag und Nacht folgte. Immer, wenn er zur\u00fcck\u00adschaute,\nwar der Faden aber hinter ihm ver\u00adschwun\u00adden, als w\u00e4re er\nnie da ge\u00adwe\u00adsen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls\ner aus dem Wald herauskam, war sein Haus noch fern. Erst nach Jahr\nund Tag stand er wieder davor. Still lag alles noch da wie er es\neinst ver\u00adlas\u00adsen hatte. Er \u00f6ffnete die Haus\u00adt\u00fcr und\nsah drinnen einen kleinen Umschlag auf dem Boden liegen. Als er ihn\nvorsichtig \u00f6ffnete, fiel eine blonde Locke heraus. Tr\u00e4nen standen\nin seinen Augen, als er das Haar seines T\u00f6chterleins erkannte. Den\nkleinen Zettel, der noch im Umschlag gesteckt hatte, konnte er kaum\nlesen. \u201eIch habe mich auf den Weg ge\u00admacht\u201c, stand da in\nwackliger Schrift. \u201eDeinem T\u00f6chterlein geht es gut!\u201c<br>Ein\nSchrecken durchfuhr den Werkzeugschmied. Er lief zum Haus der\nZiehamme und h\u00e4m\u00admerte an ihre T\u00fcr. Niemand \u00f6ffnete, im Haus\nblieb alles totenstill. \u201eSie ist vor Jahr und Tag gegangen!\u201c rief\nihm da eine Nachbarin zu, die alles beobachtet hatte. \u201eDein\nT\u00f6chter\u00adlein hat sie mit sich genom\u00admen.\u201c Verwirrt und\nbesorgt kehrte er nach Haus zur\u00fcck. Als er sich sp\u00e4t am Abend aber\nseiner Kleider entledigte, sp\u00fcrte er eine Beule in der Tasche. Er\ngriff hinein und hatte die Garnspule der Alten in der Hand, die er\nschon fast vergessen hatte. Im Kerzenlicht schimmerte das Garn in\nallen Farben. Er versuchte, den Faden zu grei\u00adfen und abzurollen,\nkonnte ihn aber nicht fassen, er war zu fein. Da kehrte die\nErin\u00adne\u00adrung wieder und er fand ein wenig Trost. Am n\u00e4chsten\nTag aber sperrte er seine Werk\u00adstatt auf und machte sich an die\nArbeit.<\/p>\n\n\n\n<p> Jahre vergingen. Wenn der Werkzeugschmied abends m\u00fcde in der Stube sa\u00df und die Schwermut ihn ansprang, holte er die Garnspule hervor, freute sich an ihrem Farbenspiel und sch\u00f6pfte neuen Mut.<br>An einem Fr\u00fchlingsmorgen, als er wie immer vor sein Haus trat, h\u00f6rte er pl\u00f6tzlich Kinder\u00adlachen von der Stra\u00dfe her. Er schaute zum Gartentor hin\u00fcber und sah eine Frau dort ste\u00adhen. An einer Hand hielt sie ein M\u00e4dchen, in der anderen trug sie einen Korb voll dicker Garn\u00adspulen. \u201eWerkzeugschmied!\u201c rief sie ihm zu, \u201ekennst Du mich nicht mehr?\u201c Da \u00f6ffnete das M\u00e4dchen das Gartentor und sprang auf ihn zu. \u201eVater!\u201c rief sie freudig, da erst er\u00adkann\u00adte er sein T\u00f6chterlein wieder. Er konnte sein Gl\u00fcck nicht fassen, dr\u00fcckte sie und wirbelte sie herum, weinte und lachte zugleich. Sie war gro\u00df geworden, schwerer, als er sie in Erinnerung hatte und er war nicht mehr der J\u00fcngste. Bald war er au\u00dfer Atem und rang nach Luft. \u201eNimm sie wieder zu Dir, sie bringt Dir die Zukunft ins Haus!\u201c sagte lachend die Ziehamme und wandte sich zum Gehen. \u201eHalt, lauf&#8216; nicht weg!\u201c rief er ihr nach, sie aber machte sich auf den Weg zu ihrem Haus.<br>Da fasste er sich ein Herz und lief ihr nach. Als er sie eingeholt hatte ergriff er oh\u00adne zu Z\u00f6gern ihre Hand, kniete an Ort und Stelle nieder und bat sie, seine Frau zu werden. Sie sah ihn pr\u00fcfend an. \u201eDu bist erwachsen geworden.\u201c stellte sie dann fest. \u201eJa, ich will!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-small-font-size\">\u00a9 Alice Maier, Oktober 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Rande eines wohl\u00adhaben\u00adden Dorfes lebte einst ein Werkzeugschmied. Da er flei\u00dfig war und geschickt mit Feuer und Eisen umzugehen wusste, n\u00e4hrte ihn sein Handwerk wohl. 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