{"id":298,"date":"2022-05-27T14:38:57","date_gmt":"2022-05-27T13:38:57","guid":{"rendered":"http:\/\/alice-maier.eu\/?p=298"},"modified":"2022-05-27T14:39:44","modified_gmt":"2022-05-27T13:39:44","slug":"begegnung-am-meer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/alice-maier.eu\/?p=298","title":{"rendered":"Begegnung am Meer"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-file alignright\"><a href=\"http:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Begegnung-am-Meer_Mai-2022.pdf\">Text als PDF-Datei<\/a><a href=\"http:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Begegnung-am-Meer_Mai-2022.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p>  <br>Was f\u00fcr ein perfekter Strandtag! Zufrieden lie\u00df Eva ihren Blick schweifen. Keine Men\u00adschen\u00adseele weit und breit, eine Brise kr\u00e4uselte die Ostsee, ein paar M\u00f6wen kreisten in der Luft. Sie atmete tief durch und ging zu ihrem Lieblingsplatz am Fu\u00df der D\u00fcnen. Hier war sie vor dem Wind gesch\u00fctzt und hatte doch freien Blick auf Strand und Meer. Sie setzte ihren Rucksack ab, holte ein gro\u00dfes Handtuch heraus und machte es sich mit einem Buch darauf bequem. Bald war sie tief in dem Roman versunken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne stand schon h\u00f6her, als eine Bewegung jenseits der Buchseiten Eva hoch\u00adschau\u00aden lie\u00df. Sie kamen nicht jeden Tag, aber Eva hatte den Mann mit dem kleinen M\u00e4d\u00adchen an der Hand hier ab und zu schon gesehen. Wie die vorigen Male ging er z\u00fcgig Rich\u00adtung Wasser, w\u00e4hrend er die Kleine, die nicht Schritt halten wollte oder konnte, ungeduldig hinter sich her zerrte. Sie war vielleicht f\u00fcnf.<br>In der N\u00e4he des Wassers lie\u00df er das Kind los und rollte ein Handtuch aus. Die Kleine blieb einfach stehen. Er ent\u00adklei\u00addete sich bis auf die Badehose und ging zum Wasser. W\u00e4hrend er immer weiter hinaus schwamm, wagte sie sich bis zum Saum des Wassers vor und hockte sich dort hin. Sie schien mit Steinen, Muscheln oder an\u00adge\u00adschwemm\u00adten Quallen zu spielen, sa\u00df aber immer so, dass sie das Meer und den Schwimmer drau\u00dfen im Blick halten konnte. So blieb sie dann die ganze Zeit sitzen, obwohl es meist bis zu einer Stunde dauerte, ehe er wieder zur\u00fcck war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht einmal dann, wenn andere Menschen ganz nah hinter ihr vorbei gingen, drehte die Kleine sich um. Dies hatte Eva einmal mit Befremden beobachten k\u00f6nnen, als eine junge Familie mit zwei Kindern, die etwa im Alter des M\u00e4dchens waren, den Strand entlang kam. Den beiden Erwachsenen schien das verlassen am Strand hockende Kind aufzufallen. W\u00e4hrend ihre eigenen Kinder lachend voraus tollten, blieben die Eltern hinter der Kleinen stehen. Eva konnte sehen, dass die Frau sich zu ihrem Mann umdrehte, bekam aber nicht mit, was sie zu ihm sagte. Dann sah sie, wie der Mann auf das Meer zeigte, wo der Schwimmer gerade noch sichtbar war. Die Frau schaute daraufhin in die Richtung in die der Mann zeigte, sch\u00fcttelte dann verst\u00e4ndnislos den Kopf. Ihr Mann sagte noch etwas und zuckte mit den Achseln, dann gingen sie weiter. W\u00e4hrenddessen hatte die Kleine erstarrt am Boden gekauert. Erst als sich die Familie schon ein ganzes St\u00fcck entfernt hatte, begann sie wieder, sich mit etwas zu besch\u00e4ftigen, das vor ihr im Sand lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur selten kamen Leute an diesen Strand und die Ungest\u00f6rtheit war der Grund, warum Eva ihn liebte. Auch heute blieb sie hier allein, bis auf das Kind, das am Wasser hockte w\u00e4hrend der Mann drau\u00dfen seinen Bahnen zog.<br>Eva wandte sich wieder ihrem Buch zu aber es wollte ihr nicht mehr gelingen, sich so in den Roman zu vertiefen wie zuvor. Immer wieder bemerkte sie, wie ihr Blick von den Sei\u00adten zu der Kleinen am Wasser glitt und ein paar Augen\u00adblicke an ihr haften blieb, ehe sie ihn zur\u00fcck ins Buch zwingen konnte. <br> Wie die vorigen Male auch konnte es dem Mann nicht schnell genug gehen, als er wieder aus dem Wasser gestiegen war. Hastig trocknete er sich ab, zog sich an, raffte die Sachen zusam\u00admen, packte die Kleine an der Hand und zerrte sie in der Richtung, aus der er ge\u00adkom\u00admen war, aus Evas Blickfeld. Er lie\u00df nicht erkennen, ob er Eva bemerkte oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Evas Gedanken kreisten noch eine ganze Weile um diese seltsame \u2026 ja was war das eigentlich \u2026 Familie? Als sie die beiden das erste Mal sah, hatte sie unwillk\u00fcrlich an\u00adge\u00adnom\u00admen, dass es sich um Vater und Tochter handelte. Sp\u00e4ter waren ihr Zweifel gekom\u00admen. Der Mann war in guter k\u00f6rperlicher Verfassung aber nicht mehr der J\u00fcngste. Vom Alter her m\u00fcsste er der Gro\u00dfvater sein, nicht der Vater. Sp\u00e4testens seit jener Beo\u00adbach\u00adtung mit der jungen Familie war sie sich da sicher. Aber ging ein Gro\u00dfvater so mit seiner Enke\u00adlin um? War er der Stiefvater oder gar ein Onkel? Evas Befremden wuchs von Mal zu Mal, wenn sie ihn mit der Kleinen im Schlepptau zum Wasser gehen sah. Was passierte da, vor ihren Augen?<\/p>\n\n\n\n<p>Eva versuchte erneut, sich mit ihrem Roman abzulenken. Was bisher letztlich immer ge\u00adklappt hatte, funktionierte heute nicht mehr. Nach ein paar Seiten gab sie entnervt auf, packte ebenfalls ihre Sachen zusammen und beschloss, einen l\u00e4ngeren Strand\u00adspazier\u00adgang zu unternehmen. Wenn das so weiter geht, muss ich mir einen ande\u00adren Platz suchen, gr\u00fcbelte sie, w\u00e4hrend sie hinunter zum Wasser ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Tage sp\u00e4ter war der Mann mit der Kleinen schon vor Eva Richtung Strand unter\u00adwegs. W\u00e4h\u00adrend sie dem sandigen Pfad vom Dorf zu den D\u00fcnen folgte, entdeckte sie beide in eini\u00adger Entfernung vor sich auf dem Hohlweg, der \u00fcber den D\u00fcnenkamm f\u00fchrte. Die Kleine hatte wohl wieder nicht Schritt gehalten, Eva meinte sogar, sie schluchzen zu h\u00f6ren. Da blieb der Mann abrupt stehen und schlug ihr ins Gesicht. Eva stockte der Atem. Die Kleine schrie zweimal auf vor Schmerz, da drohte er ihr mit dem n\u00e4chsten Schlag. Das Kind ver\u00adstummte abrupt. Der Mann packte sie erneut an der Hand und zerrte sie weiter.<br> Wieder wusste Eva nicht, ob er sich unbe\u00adob\u00adachtet f\u00fchlte oder ob es ihm gleich\u00adg\u00fcl\u00adtig war, dass sie alles mit angesehen hatte.<br>Als Eva an ihrem Lieblingsplatz das Handtuch ausrollte, sah sie am Strand das bekannte Bild. Der Mann schwamm hinaus, die Kleine hockte am Wasser und hielt ihn im Blick w\u00e4h\u00adrend sie spielte. Wer ist das wirklich, da drau\u00dfen? Die Frage jagte Eva einen kalten Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Erschrocken schaute sie auf das Handtuch zu ihren F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie setzte sich und holte ihr Buch aus dem Rucksack. Aber die Lust zum Lesen war ihr vergangen. Bedr\u00fcckt schaute sie auf\u2018s Meer hi\u00adnaus. Ihr Blick blieb un\u00adwill\u00adk\u00fcr\u00adlich am Kopf des Schwimmers haften, den sie im Wasser gerade noch aus\u00admachen konnte. Sie glaub\u00adte zu sp\u00fcren, dass er trotz der Entfernung alles am Strand be\u00ado\u00adbachtete, auch sie.<br> Eva schaute zu der Kleinen. Langsam glitt ihr Blick den schmalen Kinderr\u00fccken hinauf, sie sah den Wind mit dem vollen Haar spielen. Mutterseelenallein, das Wort bohrte sich in ihr fest. Mutterseelenallein.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist weit drau\u00dfen jetzt, Zeit genug um \u2026 \u201eWas f\u00e4llt Dir ein? Das ist Kindesentf\u00fchrung!\u201c versuchte Eva, den Ge\u00addan\u00adken zu verscheuchen. \u201eAu\u00dferdem, was gehen Dich die Kinder fremder Leute an?\u201c Sie hielt es nicht l\u00e4nger aus und beschloss, einen anderen Platz zu suchen um wenigstens nicht weiter hinschauen zu m\u00fcssen. Eva schob das Buch in den Rucksack und wollte aufstehen. Es ging nicht. An einem anderen Platz w\u00fcrde Eva erst recht keine Ruhe finden, das wusste sie nun. Sie sa\u00df fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Ge\u00addan\u00adken begannen zu rasen. Was, wenn er das M\u00e4dchen entf\u00fchrt hat? Du schaust zu, wie er in aller \u00d6ffentlichkeit Bade\u00adur\u00adlaub mit ihr macht! Entf\u00fchrung oder nicht, spielte das eine Rolle? Eva war kurz davor, auf\u00adzu\u00adsprin\u00adgen.<br>Aber \u2026  w\u00fcrde das Kind einfach so mit ihr weggehen? Eva hielt inne. Die Kleine traut sich ja nicht ein\u00admal dann, wenn er weit drau\u00dfen ist, auch nur eine Sekunde den Blick von ihm ab\u00adzu\u00adwenden. Nein, die Kleine w\u00fcrde nicht mitgehen k\u00f6nnen, das begann Eva zu ahnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich d\u00e4mmerte ihr, dass sie in einer Falle sa\u00df. Sie begann erneut, den Kopf des Man\u00adnes drau\u00dfen zu verfolgen. \u201eGenau wie die Kleine!\u201c J\u00e4h durchflutete der Gedanke sie wie l\u00e4h\u00admendes Gift. Hilflos auf ihr Handtuch gebannt sah sie dem Schwim\u00admer zu, beo\u00adbach\u00adtete wie er nach einiger Zeit wieder n\u00e4her kam, sich in Strandn\u00e4he auf\u00adrich\u00adtete, aus dem Was\u00adser watete, sich abtrocknete und anzog. Wut und Verzweiflung schn\u00fcrten Evas Kehle zu, w\u00e4hrend der Mann nach der Kleinen griff und sie mit sich zerrte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-small-font-size\">\u00a9 Alice Maier, Mai 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein perfekter Strandtag! Zufrieden lie\u00df Eva ihren Blick schweifen. Keine Men\u00adschen\u00adseele weit und breit, eine Brise kr\u00e4uselte die Ostsee, ein paar M\u00f6wen kreisten in der Luft. 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