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 Ein Sommermärchen

Am Fuße eines Gebirges, dessen sanft geschwungene Flanken von grünen Wiesen und schwarzen Wäldern überzogenen waren, lebte einst eine Tintenelfe. Sie verbrachte ihre Tage damit, durch das Gebirge zu streifen und den Geschichten zu lauschen, die Wiesen und Wälder ihr erzählten. Wenn sie aber genügend davon zusammen getragen hatte, begab sie sich in den Keller ihres kleinen Häuschens, um tief schwarze Tinte daraus herzustellen.

Am frühen Morgen eines Sommertages, an dem es glühend heiß zu werden versprach, machte sie sich wieder einmal auf den Weg. Sie wollte in eine entfernte Felsenschlucht hinein wandern, die sie noch nie besucht hatte. "Dort drin wird es bestimmt schön kühl bleiben." dachte sie, während sie frohen Mutes vor die Türe ihres kleinen Häuschens trat.

Kaum hatte die Tintenelfe ihr Ziel erreicht und sich am Ufer des Baches nieder gelassen, der auf dem Grund der Schlucht vor sich hin murmelte, da überschütteten die Tiere und Pflanzen sie mit ihren Geschichten. Lange hatten sie hier in der Einsamkeit ausgeharrt, denn es hatte sich kaum je eine Seele in diese Schlucht verirrt. Nun wollte jeder zuerst erzählen und die Tintenelfe hatte Mühe, das Durcheinander ein wenig zu ordnen.

Stunde um Stunde lauschte sie und vergaß darüber die Zeit. Erst als die untergehende Sonne die Schlucht in schwarze Schatten sinken lies, bemerkte sie, wie spät es geworden war. Sie versprach den Pflanzen und Tieren der Schlucht bald wieder zu kommen, bedankte sich für ihre vielen schönen Geschichten und machte sich auf den Heimweg.

Müde vom langen Zuhören stolperte die Tintenelfe durch die schwarzen Schatten. Ohne auf ihren Weg zu achten setzte sie schwerfällig einen Fuß vor den anderen. Plötzlich...

 


 


...schwand der Boden unter ihren Füßen, sie fiel und fiel, Schrecken und Panik durchrasten sie während ein schwarzer Strudel sie gierig immer weiter in sich hinein sog. Sie fühlte ihren letzten Augenblick nahen. Kurz bevor ihre Sinne endgültig schwanden wurde sie jedoch ganz ruhig und dachte wehmütig: „Mist, Du hättest es wissen müssen, kein Sommer ohne Loch!“.

Aber es kam schlimmer. Nach einigen Augenblicken der Besinnungslosigkeit kam sie durch einen unsanften Aufprall zu sich. Sie schlug die Augen auf und sah eine gleißende Sommersonne eine weite Ebene bescheinen. Um sie herum standen unzählige kleine Häuser, die sich an endlosen Straßenzügen aneinander reihten.
Neugierig geworden näherte sie sich geduckt einem der Häuser, lugte vorsichtig durch eines der halb offen stehenden Fenster hinein und erschrak. 

 


Was für eine Verzweiflung! Der Karikaturist tat ihr zutiefst leid. Wie gerne hätte sie ihm etwas von den Tintenvorräten abgegeben, die sie daheim in ihrem Keller lagerte. Aber sie konnte ihm nicht helfen. Selbst wenn sie all ihre Vorräte dabei gehabt hätte, das schwarze Loch in seinem Kopf hätte die Tinte einfach verschluckt.
Beklemmung ergriff sie. Vielleicht konnte sie in den umliegenden Häusern Menschen finden, die etwas für ihn tun konnten? Sie schlich sich zum Fenster des Nachbarhauses. Oh weh! Da hockte eine Romanautorin mutterseelenallein an ihrem Schreibtisch, in ihrem Kopf das gleiche schwarze Loch, das auch schon den Karikaturisten befallen hatte, und blickte verzweifelt auf das weiße Blatt Papier, das vor ihr lag.
Ein gruseliger Verdacht beschlich die Tintenelfe. Hastig bewegte sie sich zum Fenster des nächsten Hauses. Drinnen saß ein Drehbuchautor hinter seinem Laptop, ebenfalls ein schwarzes Loch in seinem Schädel und in seinen Augen die gleiche Verzweiflung, die sie schon bei dem Karikaturisten und der Schriftstellerin bemerkt hatte. Zum nächsten Haus rannte sie schon fast, dann zum übernächsten und weiter zum über-übernächsten, nur um überall eine ähnliche Situation vorzufinden.

Sie hielt inne. In allen Himmelsrichtungen erstrecken sich um sie herum die Häuserzeilen bis zum Horizont, jedes einzelne Haus Folterkammer und Hölle zugleich. Hier gab es weder Ausweg noch Hilfe, diese armen Menschen waren ihrem Martyrium rettungslos ausgeliefert.
Während sie mit zunehmender Beklemmung um sich schaute überfiel sie siedend heiß eine Erkenntnis. Irgend eines dieser Häuser musste noch leer stehen, weil es auf jemanden wartete. Und dieser Jemand, das war sie!

Ein abgrundtiefer Schrecken fuhr in ihre Glieder hinein bis ins Knochenmark. Während Panik in ihren Bauch zu kriechen begann, hob sie ihren Kopf und sah verzweifelt hinauf in die gleißende Sommersonne. Da schleuderte ihr diese unvermittelt einen weißen Wirbel entgegen, ergriff damit die Tintenelfe und zog sie mit rasender Geschwindigkeit zu sich hinauf. Immer schneller schoss die Tintenelfe in das heiße Licht hinein und während ihre Sinne schwanden sah sie voller Sehnsucht ihr kleines Häuschen am Fuße des Gebirges mit den sanft geschwungenen Flanken zwischen grünen Wiesen und schwarzen Wäldern stehen.

Eine harter Schlag brachte sie zu sich. Als sie benommen ihren Kopf hob konnte sie in ein paar Schritten Entfernung ihre Haustüre erkennen. Sie versuchte aufzustehen um darauf zu zugehen, aber der Kampf mit dem Sommerloch hatte sie all ihrer Kräfte beraubt, so dass sie dem Tode nahe war. Sie konnte nur noch ganz langsam und auf allen Vieren auf die Türe zu kriechen.
Als sie ein Stück näher an diese heran gekommen war bemerkte sie, dass just daneben eines jener genialen Geschöpfe friedlich in einem Sonnenflecken döste, das der Schöpfer vor den Elfen und den Menschen erschaffen hatte.

Leider hatte ER dabei etwas voreilig all seine Weisheitsvorräte aufgebraucht, so dass ER später weder den Elfen noch den Menschen etwas davon hatte mit auf ihren Weg geben können. Wie oft hatte ihn dies seither in den langen Jahrhunderttausenden gereut, während ER zusehen musste, wie seine Letztgeschaffenen blind und unbelehrbar über seine geliebte Erde taumelten.
Auch heute war es wieder so weit. Es zerriss ihm das Herz, als ER sah, wie unter ihm die Tintenelfe vor ihrer Haustür kraftlos in sich zusammensank. „Wenn ich ihr doch nur nachträglich noch ein winziges Fünkchen Weisheit hinunterschicken könnte!“ dachte ER betrübt.

In diesem Augenblick drehte sich das geniale Geschöpf träge auf den Rücken, riss seinen Rachen auf so weit es nur konnte und gähnte der Tintenelfe seine Weisheit aus vollem Herzen mitten ins Gesicht.
 


Da erhob sich die Tintenelfe mit letzter Kraft, taumelte auf ihre Schlafstatt im hinteren Kämmerlein ihres kleinen Hauses am Fuße des Gebirges mit den sanft geschwungenen Flanken und fiel in einen tiefen, tiefen Sommerschlaf.

Und weil der Sommerwind in den schwarzen Wäldern durch die Baumwipfel streicht und weil die Sommersonne Lichtflecken und Schmetterlinge über die grünen Wiesen tanzen lässt, deshalb schläft sie da auch heute noch.

 © Alice Maier, August 2016