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Homo Faber 4.0

Die Natur hat Humor, anders kann ich es nicht sagen. Uns Menschen hat sie beispielsweise eine Riesenportion Ich gewürzt mit einer Prise freien Willens geschenkt, um uns derartig ausgestattet vor die Aufgabe zu stellen, unzählige innere Widersprüche auszuleben, immer auf der Suche nach einer Balance, die das Leben aus unserer Sicht gelingen lässt.
Wir sind überzeugt nach links zu steuern, aber wir torkeln nach rechts. Wir beten etwas an und verraten es im nächsten Moment. Wir mühen uns ab, etwas gut und richtig zu machen, nur um am Ende vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Und meist sind wir angesichts eines solchen erst fähig, einmal genügend lange hinzuschauen um einen Blick hinter den Vorhang der Illusionen zu erhaschen, die wir über uns und unsere Position in der Welt hegen. Manchmal gelingt es uns in solchen heilsamen Momenten sogar, etwas dazu zu lernen, oft ist aber auch dies nur eine Illusion und erst der nächste oder übernächste Scherbenhaufen hilft uns vielleicht auf die Sprünge, immer vorausgesetzt, wir überleben ihn.

Uns Menschen macht diese schmerzhafte Art des Lernens wenig Freude. Also lassen wir uns etwas einfallen und unternehmen alles in unserer Macht stehende, um es das nächste Mal besser zu machen. Mir scheint, gerade daran hat die Natur den meisten Spaß. Hätte sie uns sonst so überreich mit der Fähigkeit gesegnet, immer neue Methoden und Techniken zu ersinnen, mit denen wir unser Drama auf immer neuen Bühnen aufführen können?
Sie will wohl gerne noch einige Stücke von uns erleben, die Natur. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sie Selbsterkenntnis für uns nur in homöopathischer Dosis im Angebot hatte, bei all ihrer sonst üblichen Freigiebigkeit. Aber auch das hat sein Gutes. Denn so lange wir Menschen jede Neuaufführung für eine Uraufführung halten, hat das Ganze auch für uns seinen Reiz, zumindest bis zum nächsten Scherbenhaufen.

Sie ist glaube ich unschwer zu finden, die Bühne auf der wir Menschen heute unsere Stücke inszenieren. Ein Blick in die Richtung, aus der derzeit die großartigsten, faszinierendsten, umfassendsten und vielversprechendsten Entwicklungen erwartet werden genügt, dann ist sie unübersehbar: „Digitaler Wandel“ prangt es in verheißungsvollem Glanz über ihrem Eingang, was glaube ich so etwas wie „Heil durch Fortschritt“ heißen soll.
Mit dem Bau der digitalen Bühne wurde schon vor Jahrzehnten begonnen und während der letzten drei verdiene ich hier meine Brötchen. Als ich anfing war alles noch eine unübersehbare Baustelle, riesige Freiflächen mit ein paar weit im Gelände verstreuten Grundsteinen und Fundamenten. Auch war damals noch völlig offen, was hier einmal entstehen sollte. Und das war, was mich am meisten reizte.
Man konnte Neues ausprobieren ohne dass einem allzu viele Steine in den Weg gelegt wurden, man konnte bauen wonach einem der Sinn stand und sie bezahlten einen sogar noch dafür. Wenn ich mir heute anschaue, was seither hier entstanden ist, so macht mich die Erinnerung an jene Zeit des Anfangs ein bisschen wehmütig.
Schon längst ist auf der digitalen Bühne auch der Spielbetrieb in Gang gekommen. Und neben Bühnenarchitekten, Autoren, Regisseuren, Schauspielern und Zuschauern braucht man nach wie vor auch digitale Bauarbeiter wie mich. Denn die Bühne spielt so erfolgreich, dass immer neue Bereiche angebaut werden müssen. Für mich hat das Vorteile. Denn gemeinsam mit der digitalen Bühne wandelt sich auch meine Arbeit und behält so ihren Reiz. Lange Zeit fesselte dieser mich mehr als das, was auf der digitalen Bühne aufgeführt wird. Und obendrein bringt es eine gewisse Befriedigung mit sich, zu einer Erfolgsgeschichte etwas beizusteuern, sei der Beitrag auch noch so winzig.

Es wäre weise gewesen, sich mit einer solchen Sicht zufrieden zu geben, das weiß ich heute. Vielleicht war es nur Neugierde, vielleicht aber auch unterschwelliges Unbehagen, das mich vor einiger Zeit dazu bewegte, einmal hinzuschauen, was auf der digitalen Bühne gespielt wird.
Was ich sah, hat mich anfangs fasziniert, das muss ich zugeben. Aber diese Faszination hatte ihren Preis. Denn gleich, welches Stück ich mir anschaute, meist regte sich schon nach den ersten Szenen das üble Gefühl, in einen falschen Zug eingestiegen zu sein. Was hatten die Handlungen auf der Bühne mit dem Stück zu tun, das auf dem Spielplan ausgewiesen war? Warum agierten die Schauspieler so anders als ihre Rollen es erwarten ließen? Und nicht zuletzt, wer sind überhaupt die Bühnenarchitekten, Autoren, Regisseure, Schauspieler und wer sind die Zuschauer? Fragen wie diese drängten die anfängliche Faszination bald in den Hintergrund.

Ich will einmal ein Stück als Beispiel herausgreifen. Unter dem Titel „Die Leiden der jungen Digital Natives“ steht es schon seit einiger Zeit auf dem Programm.
In den Hauptrollen sieht man junge Helden, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie den unter­brechungs­freien Konsum digitaler Medien von Kindesbeinen an gewohnt sind. Ihrer Rollenbeschreibung ist zu entnehmen, dass diese jungen Leute in den laufenden Spielbetrieb der digitalen Bühne hineingeboren wurden und dass ihnen dadurch eine digitale Hochbegabung wie ein goldener Löffel in die Wiege gelegt wurde.
In den Nebenrollen sieht man Eltern, die den jungen Genies je nach Bedarfslage bewundernd applaudieren oder ihnen mit Hand- und Spanndiensten Störungen durch noch nicht ausreichend digitalisierte Bereiche der Welt beflissentlich vom Leibe halten. Für Lehrer und Bildungspolitiker sind Nebenrollen vorgesehen. Erstere haben für eine optimale Inklusion der digital Hochbegabten in einen derzeit erst rudimentär digitalisierten Unterricht zu sorgen, eine große Herausforderung für beide Seiten. Denn mangels digitaler Technik müssen die Lehrer den jungen Helden nach wie vor das Überwinden analoger Barrieren zumuten, wie beispielsweise das Erlernen des Schreibens mit Stift auf Papier und andere Überbleibsel archaischer Kulturtechniken. Digital Hochbegabte werden jedoch durch die frustrierende Auseinander­setzung mit analogen Fertigkeiten wie Feinmotorik, Konzentration oder gar einer Kombination daraus nicht nur massiv in ihrer Entwicklung behindert, sondern auch gegenüber anderen Kindern in inakzeptablem Ausmaß benachteiligt.
Regelmäßig ruft dies empörte Eltern auf den Plan, die den gesellschaftlichen Senkrechtstart ihrer Sprösslinge durch schlechte Noten gefährdet sehen. Spannende Dramen entwickeln sich so zwischen Kindern, Eltern und Lehrern. Und spätestens wenn eine auf die Messung jener archaischen Kulturtechniken ausgerichtete Bildungsstudie ein dickes Fragezeichen hinter die Zukunftsaussichten der jungen Helden setzt, treten auch die Bildungspolitiker auf den Plan. Ihre Rolle ist es dann, durch weitere Digitalisierung des Schulbetriebs dafür zu sorgen, digital hochbegabten Kindern eine bedarfsgerechtere Förderung in Aussicht zu stellen.
Außerhalb des Schulbetriebs sind die Leistungen digitaler Eingeborener umso beeindruckender. Man sieht sie belebte Straßen überqueren, Partys feiern und ihren Hobbies nachgehen, ohne jemals ihren Blick vom Smartphone zu heben oder gar die Ohrstöpsel heraus zu nehmen. Und während sich in der Arbeitswelt der Erwachsenen­generation immer mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass ständiges Multitasking Konzentration, Leistungs­fähigkeit und Kreativität zerrüttet, bestaunt das Publikum es bei den „Digital Natives“ mit offenem Mund.

Als das Stück wieder einmal gegeben wurde, mischte auch ich mich unter die Zuschauer. In einer Spielpause hörte ich, wie neben mir ein Vater stolz zu seiner Frau sagte: "Es ist schon erstaunlich, was unser Sohn alles rausholt aus seinem Smartphone ... Und wie schnell er dabei ist!“ - „Ja, da kommen wir Alten nicht mehr mit“, nickte die Frau nachdenklich. Ihre Reaktion schien dem Vater nicht ganz zu genügen. „Die sind das ja von Kindes­beinen an gewohnt, die kennen sich aus!“ setzte er nach.
Unschlüssig zögerte ich, ob ich mich einmischen sollte. „Ja, Ihr Sohn ist ein super Kerl!“ versuchte ich es dann. Zufrieden nickend wandte er sich mir zu. „Und auch Sie selbst sind ja mit vielem groß geworden, das es zu Zeiten Ihrer Großeltern noch nicht gab“. Auch seine Frau begann nun stirnrunzelnd unser Gespräch zu verfolgen. „Haben Sie sich einmal gefragt, mit wie vielen jener Dinge, mit denen Sie aufgewachsen sind, Sie sich auskennen?“ Er schien zu überlegen. „Nehmen wir das Auto. Wahrscheinlich wurden Sie schon als Kind damit herumgefahren und seit Sie selbst den Führerschein haben, sind Sie viele tausend Kilometer hinter dem Steuer gesessen. Was meinen Sie, wie viele Kilometer Sie noch fahren müssen, bis ein KFZ-Mechatroniker oder ein Karosserie-Designer aus Ihnen geworden ist?“ Er schaute verständnislos „Oder nehmen Sie den Wein,“ fuhr ich fort. „Seit ewigen Zeiten gehört er zu unserer Gesellschaft, manche hängen ständig an der Flasche, einige sogar von Jugend an. Was glauben Sie, wie viele jugendliche Säufer durch ihr Trinken schon zu Winzern geworden sind?“ - „So habe ich das noch nicht gesehen ... “ murmelte die Frau da nachdenklich.
Dem Vater jedoch missfiel diese Wendung. „Ach, hören Sie doch auf! Was verstehen Sie denn schon davon!“ polterte er los. „Und überhaupt, was erlauben Sich sich, sich in unsere Erziehung einzumischen!“ - „Sie haben recht, ich verstehe nicht was hier wirklich gespielt wird...“ ruderte ich hastig zurück. Das Interesse der Frau schien aber geweckt zu sein. „Was meinen Sie denn damit?“ hakte sie nach. Ich zögerte, am liebsten hätte ich mich aus dieser unangenehmen Szene, in die ich mich leichtfertig hinein manövriert hatte, wieder verabschiedet. „Also, von Erziehung habe ich wirklich keine Ahnung, ich habe ja keine eigenen Kinder … “ begann ich vorsichtig. „Aber ich bin schon länger vor und hinter den digitalen Kulissen hier unterwegs und weiß daher von vielen Bühnenarchitekten, Autoren und Regisseuren, wie die ihre Kinder erziehen. Zum Beispiel Steve Jobs. In einem Interview der New York Times1 über das IPad sagte einmal ein Journalist zu ihm: 'Ihre Kinder lieben das IPad sicher über alles!' Worauf dieser antwortete: 'Oh, sie haben es noch nie in Händen gehalten!' Und als der Journalist verdutzt nachhakte erklärte Jobs: 'Wir beschränken die Techniknutzung unserer Kinder auf ein Minimum!'. So wie Jobs versprechen sich viele von diesen Leuten² nicht viel Gutes vom Umgang ihrer Kinder mit digitalen Techniken. Teilweise schicken sie ihre Sprösslinge sogar auf teure Waldorfschulen³, die damit werben, digitale Technik soweit wie möglich aus dem Unterricht zu verbannen.“
Auch der Vater schien nun wieder zuzuhören. „Letztlich machen diese Eltern kein Geheimnis aus ihrem Erziehungsstil“, ergänzte ich. „Aber natürlich hängen sie ihn auch nicht an die große Glocke. Schließlich machen sie ihr Geld damit, dass andere Leute ihre Kinder anders erziehen.“ Eine Weile herrschte Schweigen. „Wissen Sie“, sagte der Vater dann, „So etwas hört man sonst eher von Drogenbossen. Die sorgen auch dafür, dass ihre Kinder die Finger von dem Zeug lassen, das sie an die Kinder anderer Leute verkaufen.“ - „Na, jetzt übertreibst Du aber!“ wandte die Frau ein. „Nicht jeder digital Native ist automatisch auch Internet-süchtig!“ - „Das stimmt natürlich“, sagte ich. „Die jungen Leute verbringen jedoch einen enormen Teil ihrer Kindheit und Jugend mit digitaler Technik, Zeit, die sie für nichts anderes mehr zur Verfügung haben. Aber sie sind Menschen aus Fleisch und Blut, deren Gehirn sich nur entwickeln kann, wenn der Körper es fühlen, tasten, riechen, hüpfen, lauschen, beobachten und erzählen lässt4. Ich kann daher nur hoffen, dass diese Jungen sich am Ende wirklich in der Rolle der geboren Digitalgenies wieder finden, die wir Alten ihnen so eilfertig zuschreiben. Und nicht in der, die früher südamerikanische Eingeborene spielten, als sie bei den Spaniern ihr Gold gegen farbenfrohe Glasperlen eintauschten.“
Auf der Bühne kam der Spielbetrieb wieder in Gang und unterbrach unser Gespräch. Es hielt mich nun nichts mehr im Zuschauerraum und als ich mich mit einem stummen Nicken von den beiden verabschiedete, nickten sie nachdenklich zurück. Bis heute ist es mir ein Rätsel geblieben, wie Menschen mit zunehmend verkümmernden Fähigkeiten immer komplexere Technologien beherrschen oder gar gestalten sollen.

Ich könnte hier unzählige weitere Beispiele für die seltsame Dramaturgie, die sich auf der digitalen Bühne abspielt, beschreiben. Und einige davon finde ich weitaus beun­ruhi­gen­der als das hier heraus gegriffene.
Den einzigen Reim, den ich mir bisher darauf machen kann, möchte ich versuchsweise als digitales Homo-Faber-Syndrom umschreiben. Damit meine ich, dass wir heutigen Menschen uns vom mit digitaler Technik befeuerten Machbarkeitswahn derart blenden lassen, dass wir unsere Wirklichkeit als menschliche Lebewesen aus den Augen verlieren und dafür vielleicht einen hohen Preis entrichten müssen.
Die Natur hat sicher Zeit genug zu warten, bis aus dem Homo Faber endlich ein Homo Sapiens geworden ist. Allerdings bekommt Homo Sapiens nur eine Chance, wenn der Scherbenhaufen, den Homo Faber hinterlassen wird, nicht allzu groß ausfällt.

Nach wie vor verdiene ich mit digitalen Bauarbeiten nicht ungern meine Brötchen.
Aber ich beneide jene meiner Kollegen, die weise genug waren, sich die Stücke nie anzuschauen die auf digitalen der Bühne gegeben werden. Denn sie schlafen besser.

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Quellenangaben:

1: Nick Bilton: Steve Jobs was a Low Tech Parent, © New York Times, 10.9.14, https://www.nytimes.com/2014/09/11/fashion/steve-jobs-apple-was-a-low-tech-parent.html

2: Emily Retter: Billionaire tech mogul Bill Gates reveals he banned his children from mobile phones until they turned 14, © UK Mirror, 21.4.2017
https://www.mirror.co.uk/tech/billionaire-tech-mogul-bill-gates-10265298

3: Matt Richtel: A Silicon Valley School That Doesn’t Compute, © New York Times, 22.10.2011, https://www.nytimes.com/2011/10/23/technology/at-waldorf-school-in-silicon-valley-technology-can-wait.html

4: Martin Grunwald: Homo Hapticus© 2017 Droemer Verlag

 

 

© Alice Maier, Mai 2019

 


 

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Von der Kommunikation zum Dialog: Wolfgang Pauli und C.G. Jung

Noch nie gab es eine Zeit, in der Menschen sich so leicht untereinander austauschen, miteinander kommunizieren konnten, wie es uns heute möglich ist. Mittlerweile haben viele in so gut wie jeder Lebenssituation entsprechende Kommunikationsmittel in Reichweite, immer öfter finden sich darunter auch solche, die sofort und auf der Stelle gleich eine weltweite Veröffentlichung dessen, was man da so dringend loswerden muss, ermöglichen.
Und doch scheinen Viele in der Masse der ausgetauschten Telefonate, E-Mails, SMS, Forumsbeiträge und „Kontakte“ etwas Wesentliches zu vermissen. Denn mitten aus der Kommunikationsflut sind zunehmend Klagen über Kommunikationsunfähigkeit, fehlendes Einfühlungsvermögen, Verständnislosigkeit oder gar über eine seltsam diffuse Einsamkeit herauszuhören, die sich trotz aller Kommunikationsmittel einfach nicht verscheuchen lässt. Es scheint, als ob uns Heutigen unsere Kommunikation immer weniger sagt und uns immer weniger berührt, egal ob verbindend oder abstoßend. Je mehr wir davon haben, desto mehr stumpfen wir ab und müssen wie Junkies die Dosis erhöhen, um überhaupt noch etwas zu spüren.

Schaut man sich dagegen probe halber einmal Überbleibsel einer Jahrzehnte zurück liegenden Kommunikation an, so fällt als erstes das vergleichsweise lächerliche Volumen ausgetauschter Briefe oder anderer „Kommunikationsartefakte“ auf. Wir können uns schlichtweg kaum mehr vorstellen, mit wie wenig von dem, was heute als Kommunikation daherkommt, die Menschen vor nur 60 oder 80 Jahren ausgekommen sind. Es ist uns auch nicht mehr präsent, wie aufwändig der Austausch dieses relativ geringen Volumens für alle Beteiligten damals trotzdem noch war.
Auch fällt es uns nicht eben leicht, nachzuempfinden, welcher persönliche menschliche Einsatz zu jener Zeit hinter einem Briefwechsel gesteckt haben muss, der mitten in Europa über 25 Jahre hinweg aufrecht erhalten wurde und dabei die Hitlerdiktatur, den zweiten Weltkrieg und die ersten Etappen des ja nur in Europa „kalten" Krieges überdauerte, ehe er mit dem krankheitsbedingten Tod eines der beiden Schreiber ein gemessen an den äußeren Umständen erstaunlich „natürliches“ Ende fand.

Neben den äußeren hatten es jedoch auch die inneren Bedingungen dieses Briefwechsels in sich. Versucht man nämlich einmal, sich an die großen geistigen Unterschiede heran zu tasten, die zwischen einem Vollblut-Psychologen und einem ebenso tief in seinem Fach verwurzelten Physiker auftauchen, sobald sich das Gespräch von persönlichen Themen wie Gesundheit und Familie wegbewegt um sich hin zu den ureigenen Fachgebieten der beiden weiter zu entwickeln, dann wird es noch erstaunlicher, dass es einen solchen Briefwechsel wirklich gegeben hat. Wie tief die Kluft ist, die hierbei überbrückt worden sein werden muss, das lässt einen ein Blick auf die allen Kommunikationsmitteln zum Trotz heute wie damals weiter bestehenden enormen Gesprächsblockaden zwischen den Vertretern beider Disziplinen erahnen.

Und selbst wenn beide Beteiligten auch dies meistern, wenn sie also über die Barrieren unterschiedlicher geistiger Prägungen hinweg eine gemeinsame Sprache für einen längeren Austausch gefunden haben, hängt die Sache immer noch an einem seidenen Faden. Denn beide werden in der Folge nicht darum herum kommen zu erleben, wie der jeweils andere an fundamentalen, sicher geglaubten „Erkenntnissen“ des ihm fremden Fachgebietes seines Gegenübers rüttelt, und das natürlich ganz ohne selbst irgendwelche besonderen Erfolge darin vorweisen zu können. Wie nahe liegt da die Empörung über die „Frechheit“ dessen, der ja „überhaupt keine Ahnung hat wovon er redet“. Und dies umso mehr, wenn man auf dem eigenen Gebiet eine der international am meisten respektierten Koryphäen ist
Wird dann gar noch eine gemeinsame Veröffentlichung der im Austausch geborenen Gedanken gewagt, so ist obendrein das Risiko einzugehen, seinen bis dahin makellos glänzenden Ruf zu ruinieren. Irgendwie müssen Wolfgang Pauli und C.G. Jung auch diese Hürde der Hybris und der Eitelkeiten ihrer Wissenschaftler-Egos genommen haben.

Was war es aber nun, das diese beiden so faszinierte, dass sie ihren Austausch wider alle Umstände mehr als 25 Jahre ohne jedes Anzeichen eines Überdrusses lebendig halten konnten? Und was vermissen im Gegensatz dazu viele von uns Heutigen, wenn wir wieder einmal leer und ausgelaugt zurücksinkend endlich „abschalten“ konnten nachdem alle anstehenden Telefonate geführt, die 148 Mails „gecheckt“ und die von uns frequentierten „Social Media“ mit unseren Beiträgen bereichert wurden?
Führt es uns vielleicht auf eine hilfreiche Spur, wenn wir über unsere Abstumpfung hinaus einmal einen Blick auf die Frage wagen, warum W. Pauli und C.G. Jung die Gedanken und Fragen des anderen eben nicht einfach „abgearbeitet“ haben, um sie dann mit der für uns Heutige so geläufigen Haltung der als Toleranz maskierten Gleichgültigkeit abzuhaken, immer entlang dem Lieblingsmotto vieler gestresster Alltagsmenschen von heute: „Ich bin o.k., Du bist o.k., es läuft am Ende eh alles auf das Gleiche raus, gegönnt sei daher jedem sein Geschwätz!“?
Wieso machten diese beiden sich ganz im Gegensatz dazu die Mühe, sich dem anderen soweit nur irgend möglich mit zu teilen, ja, wieso rangen sie regelrecht darum, vom anderen verstanden zu werden? Was war es, dass sie die Visiere ihrer Egos herunterklappen, ihr zweifelsohne bestens ausgestattetes rhetorisches Waffenarsenal bei Seite lassen und jene Brücke bauen ließ, auf der ihre Kommunikation zu einem von gegenseitiger Achtung und zwischenmenschlicher Berührung gekennzeichneten Dialog werden konnte?

Auf der Suche nach einer Antwort finden sich in der auf die Veröffentlichung dieses Briefwechsels antwortenden Sekundärliteratur dutzende Erklärungen. Sehr viele davon ranken sich um die persönlichen Charakterzüge und um die Biographien der beiden Schreiber, beleuchten ihre philosophischen Grundüberzeugungen sowie deren Entwicklung oder versuchen, die von W. Pauli und C.G. Jung in ihrem Dialog in Jahrzehnten herausgearbeiteten Denkansätze mit zeitgenössischen Gedanken weiter zu führen.
So spannend und richtig all diese Arbeiten zweifelsohne sind, eine Antwort auf die oben gestellten Fragen nach der Motivation, nach dem Treibstoff, der diesen mehr als 25-jährigen Dialogprozess befeuert hat, die findet sich darin nicht. Aber sie findet sich erstaunlich klar und deutlich in den Briefen selbst sowie in den Veröffentlichungen beider. Hier stößt man nämlich wiederholt auf Stellen, die ein Licht auf die im Untergrund wirksamen Kräfte werfen, mit denen die Brücke dieses Dialogs erbaut wurde.
Eine der Textstellen, an denen dies am deutlichsten geschieht, taucht in C.G. Jungs Beitrag zu einer gemeinsam mit W. Pauli herausgegebenen Veröffentlichung auf. Er stellt hier der Einseitigkeit des westlichen, wissenschaftlich geprägten Weltbilds die Kerngedanken der auf Zusammenhänge und Einheit ausgerichteten taoistischen Lebensweisheit als Ausgleich direkt gegenüber. Zusammenfassend zitiert er dabei Chuang-Tsu mit folgenden Worten:
„… Es klingt wie eine Kritik unserer naturwissenschaftlichen Weltanschauung, wenn Chuang-Tsu sagt: „Der SINN (Tao) wird verdunkelt, wenn man nur kleine fertige Ausschnitte des Daseins ins Auge fasst.“, oder: „Die Begrenzungen sind nicht ursprünglich im Sinn des Daseins begründet. Die festgelegten Bedeutungen sind nicht ursprünglich den Worten eigentümlich. Die Unterscheidungen entstammen erst der subjektiven Betrachtungsweise."
Und wie als Antwort auf diese Passage C.G. Jungs findet sich in einem der Aufsätze von W. Pauli folgender Absatz:
„… Ich glaube, dass es das Schicksal des Abendlands ist, diese beiden Grundhaltungen, die kritisch rationale, verstehen wollende auf der einen Seite und die mystisch irrationale, das Einheitserlebnis suchende auf der anderen Seite immer wieder in Verbindung miteinander zu bringen. In der Seele des Menschen werden immer beide Haltungen wohnen und die eine wird stets die andere als Keim ihres Gegenteils schon in sich tragen. Dadurch entsteht ein dialektischer Prozess, von dem wir nicht wissen, wohin er uns führt."

Zugegeben, diese Sätze von W. Pauli kommen in einer alltagsfernen und reichlich theatralisch klingenden Akademikersprache daher, die uns auf den ersten Blick ebenso fremd anmuten mag wie Zitate von Chuang-Tsu oder gar Lao-Tsu. Und instinktiv taucht die sehr berechtigte Frage auf, ob und wie hier überhaupt eine Verbindung zu unserem Alltag bestehen kann. Lassen wir jedoch einmal die abstrahierende und gleich auf‘’s ganze Abendland verallgemeinernde Tendenz dieses Abschnitts bei Seite, kann unversehens ein Alltagsschuh draus werden.
Eher unerwartet scheint dann nämlich die sehr persönliche Aufforderung an jeden einzelnen von uns „Abendländern“ durch die Zeilen, nebeneinander zwei gegensätzliche Haltungen, die unseres subjektiven Ichs UND die einer Suche nach Vereinendem, neben einander in ein und derselben Seele, unserer eigenen nämlich, wohnen zu lassen.
Ein paradoxes und obendrein anstrengendes Unterfangen, und vielleicht am besten gleich als weltfremdes Akademikergeschwafel abzuhaken? Kann aber nicht gerade diese Reaktion ein Fingerzeig auf etwas sein, das wir in unserem Alltag nur allzu oft ausleben, über dessen Folgen wir aber am liebsten nichts hören oder gar lesen möchten?
Was, wenn unsere Abwehr nur der Tarnspiegel unserer fehlenden Offenheit für das widersprüchliche und fordernde Hin-und-Her zwischen trennendem Ich und verbindendem Du ist, der Boden also, auf dem die bequeme Gleichgültigkeit unseres „Ich bin o.k., Du bist o.k." -Geschwätzes so gut Wurzeln schlägt?
Eines vermeiden wir damit jedenfalls äußerst wirkungsvoll, nämlich uns auf die Spannung und die Paradoxie des emotionalen Wechselbads und des Ringens um Verständnis einzulassen, das sich in jedem echten Dialog zwischen der Abgrenzung des subjektiven Ichs und der Suche nach einer Verbundenheit mit dem Anderen aufbaut. Aber brauchen wir uns dann wirklich zu wundern, wenn uns all unsere Kommunikation zunehmend weniger sagt und gibt, wenn kaum etwas dabei entsteht, das uns selbst befriedigt und inspiriert, geschweige denn andere?

C.G. Jung und W. Pauli haben in ihrem Briefwechsel, im Schutz (rückblickend) vermeintlicher Privatheit, unzählige Möglichkeiten ausprobiert, eigene persönlich-biographische, psychische, physikalische, mathematische und philosophische Begriffe und Ideen über alle Unterschiede hinweg miteinander in Dialog zu bringen. Aber letztlich war es die von beiden immer wieder bewusst vollzogene und sogar direkt ausgesprochene Bewegung zwischen den Positionen ihrer subjektiven Ichs und ihrer Suche nach den vereinenden Elementen, die ihren Dialog so lange lebendig und fruchtbar gemacht hat.
Diese Seite des Vorgangs hat jedoch nur sehr wenig mit der akademischen Prägung der Beteiligten zu tun, viel mehr jedoch mit einer menschlichen Offenheit sowohl für Andere als auch für sich selbst, die bei uns heute am ehesten mit dem Begriff Dialogfähigkeit umschrieben werden kann. Und bei der Vielzahl unserer heute alltäglichen Kommunikationsvorgänge können wir uns mit etwas Aufmerksamkeit sehr wohl Gelegenheiten einräumen, uns einmal ehrlich zu fragen, ob wir wieder nur unsere Kommunikation abarbeiten wollen, oder ob sich das eine oder andere Gegenüber nicht für etwas mehr, für einen kleinen Schritt hin zu einem echten Dialog nämlich, eignen könnte.
Klar, bei solchen Versuchen wird uns auch etwas Mut abverlangt. Denn wie W. Pauli oben schon bemerkte, wir lassen uns damit auf einen Prozess ein, der notwendiger Weise beide Dialogpartner verändern wird. Und instinktiv spüren wir, einen solchen Austausch können wir weder kontrollieren noch können wir sein Ziel vorausahnen. Wagen wir aber den Sprung über diesen Schatten, dann kommunizieren wir nicht mehr nur, sondern wir überlassen uns einer Entwicklung, die die schale Tristesse unseres Kommunikationsalltags in etwas Lebendiges verwandelt.


 © Alice Maier, August 2012, geschrieben für TAGundTAO: www.tonundtao.de/index.php?page=tagundtao