{"id":292,"date":"2022-01-17T19:54:31","date_gmt":"2022-01-17T18:54:31","guid":{"rendered":"http:\/\/alice-maier.eu\/?p=292"},"modified":"2022-01-17T19:54:31","modified_gmt":"2022-01-17T18:54:31","slug":"das-lied-der-singdrossel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alice-maier.eu\/?p=292","title":{"rendered":"Das Lied der Singdrossel"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-file alignright\"><a href=\"http:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Singdrossel_Jan-2022.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Lied der Singdrossel<\/a><a href=\"http:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Singdrossel_Jan-2022.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es war sp\u00e4ter Nachmittag und f\u00fcr Ende Februar viel zu warm. Ich hatte das Home-Office verlassen, um bei einem Waldspaziergang etwas Entspannung zu suchen. Kahl stand eine hohe Eiche in einiger Entfernung am Wegrand. Aus ihrem Ge\u00e4st war das Lied einer Sing\u00addros\u00adsel zu h\u00f6ren. Lauschend n\u00e4herte ich mich dem Baum und die Stimme des kleinen S\u00e4n\u00adgers zog mich bei jedem Schritt tiefer in ihren Bann. Manchmal wiederholte der Vogel eine Strophe ein oder zweimal. Meist aber f\u00fcgte er eine neu komponierte Strophe nach der anderen zu kleinen Liedern zusammen, die von etwas l\u00e4ngeren Pausen ab\u00adge\u00adschlos\u00adsen wurden. So lange ich auch zuh\u00f6rte, ich konnte keine \u00c4hnlichkeiten zwischen seinen Liedern feststellen. Meine Verwunderung wuchs. Irgendwann muss er doch mal auf fr\u00fc\u00adhe\u00adres Material zur\u00fcck\u00adgrei\u00adfen, oder es zumindest variieren? Je auf\u00admerk\u00adsamer ich zuh\u00f6rte, umso erstaunter stellte ich fest, dass er sich st\u00e4ndig etwas neues einfallen lie\u00df.<br> Kann das eine normale Singdrossel sein? Oder habe ich einer Singdrossel nur noch nie richtig zugeh\u00f6rt? Ich schaute hinauf, aber der Vogel war hoch oben in der Eiche nicht aus\u00adzu\u00admachen.<\/p>\n\n\n\n<p> Schlie\u00dflich kramte ich mein Handy heraus und f\u00fctterte eine App mit den Strophen des Vo\u00adgels. \u201eBlauer Kernbei\u00dfer, Azurbischof (Passerina caerulea), Vorkommen Nord\u00adame\u00adrika, Be\u00adstim\u00admungs\u00adwahr\u00adscheinlichkeit sehr sicher!\u201c verk\u00fcndete sie. Ungl\u00e4ubig zeich\u00adnete ich eine wei\u00adtere Strophenfolge auf und lies sie analysieren. \u201eZaunk\u00f6nig (Trog\u00adlodytes tro\u00adglo\u00addy\u00adtes), Vorkommen Eurasien, Bestimmungswahrscheinlichkeit sehr sicher!\u201c beschied sie mir nun. Ein Zaunk\u00f6nig, hoch oben in einer Eiche \u2013 kopfsch\u00fcttelnd wiederholte ich den Ver\u00adsuch ein drittes Mal. Es gab kaum Hintergrundger\u00e4usche, der kleine S\u00e4nger war laut und deutlich zu h\u00f6ren und die App hatte sich bisher auch unter schlechteren Be\u00addin\u00adgun\u00adgen als zu\u00adver\u00adl\u00e4s\u00adsig gewesen. Nun sollte es ein Bluth\u00e4nfling sein, dessen war sich die App \u201esehr sicher\u201c. Eine Vogelart, die bei uns in der hei\u00dfen Jahreszeit gastiert und dabei Kul\u00adtur\u00adland dem Wald vorzieht. Erst beim vierten Versuch hatte die App doch noch eine Sing\u00addrossel im Angebot, allerdings nur mit mittlerer Sicherheit. Und bei weiteren Ver\u00adsu\u00adchen m\u00e4anderten ihre Ergebnisse erneut \u201esehr sicher\u201c kreuz und quer durch die Orni\u00adtho\u00adlogie.<\/p>\n\n\n\n<p>Belustigt steckte ich das Handy weg und lie\u00df mich erneut vom Gesang des kleinen K\u00fcnst\u00adlers forttragen. Unvermittelt \u00fcberflutete mich tiefes Gl\u00fcck, ungl\u00e4ubiges Staunen, strahlende Freude. Ich schnappte nach Luft, Tr\u00e4nen standen in meinen Augen. Kaum 100 Gramm Fleisch, Knochen und Gefieder hatten mir mitten ins Herz gegriffen. \u201eWie kann so etwas sein!\u201c, mehr konnte mein verdatterter Kopf dazu nicht beisteuern.<br> Es dauerte eine Weile, bis ich meine Fassung wieder fand. Als ich mich schlie\u00dflich auf den Heimweg machte, klangen Vogel\u00adge\u00adsang und Gl\u00fccksgef\u00fchl noch lange in mir nach. Auch Tage sp\u00e4ter konnte ich es noch sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig begannen Fragen wie diese sich in mir fest zu bei\u00dfen: wie kann mich ein klei\u00adnes Gesch\u00f6pf von v\u00f6llig anderer Art als ich es bin, so tief ber\u00fchren? Mehr als eine Vier\u00adtel\u00admilli\u00adarde Jahre evolution\u00e4rer Brodelk\u00fcche liegen zwischen uns, ein unvorstellbar tiefer Graben \u2026 und doch gelingt es ihm im Hand\u00adumdrehen, wie kann das sein?<br> Und: ein Vogel hat gesungen, es hat mich f\u00fcr einen Moment gl\u00fccklich gemacht, das habe ich auch fr\u00fcher schon erlebt \u2026 was zum Teufel war diesmal so anders, dass es mir ta\u00adge\u00adlang keine Ruhe l\u00e4sst? Oder so: warum qu\u00e4le ich mich mit solchen Fragen herum, wo es vielleicht gar nichts zu verstehen gibt? Ist das neuro\u00adtisch<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa vierzehn Tage sp\u00e4ter trieb es mich erneut in jenen Wald. Das Handy hatte ich da\u00adheim gelassen und daf\u00fcr mein Fernglas mit\u00adge\u00adnom\u00admen. Die B\u00e4ume waren immer noch kahl, aber diesmal gab es gleich mehrere Singdrosseln zu belauschen. Zun\u00e4chst stellte ich fest, dass die Vielfalt der Ges\u00e4nge von Vogel zu Vogel sehr unterschiedlich ausfiel. Insgesamt waren sie aber durchweg schlichter gestrickt als das, was ich letztes Mal zu h\u00f6ren bekom\u00admen hatte. In die Freude an der Vogel\u00adbe\u00adobach\u00adtung begann sich leise Ent\u00adt\u00e4u\u00adschung zu mischen. Meinen Meisters\u00e4nger w\u00fcrde ich heute wohl nicht antreffen.<br> Ich begann, die Exemplare, die sich mit dem Fernglas einfangen lie\u00dfen, genauer zu betrachten. Denn ich wollte mich ver\u00adge\u00adwis\u00adsern, dass es sich wirklich um Singdrosseln handelte und nicht um Misteldrosseln. Letztere sind zwar deutlich gr\u00f6\u00dfer, aber fast gleich ge\u00admustert. Und ihr Gesang ist ebenfalls \u00e4hnlich, nur eben deutlich schlichter. Aber nein, auch das hier waren eindeutig Sing\u00addrosseln. Konnte es sein, dass sich die Vielfalt des Gesangs dieser V\u00f6gel im Jahreslauf ver\u00e4nderte?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas machst Du da?\u201c fragte pl\u00f6tzlich eine Kinderstimme neben mir. Erschrocken lie\u00df ich das Fernglas sinken, ich hatte die kleine Familie nicht kommen geh\u00f6rt. Gro\u00dfe, dunkle M\u00e4d\u00adchenaugen schauten mich fragend von unten an, die Kleine war vielleicht vier oder f\u00fcnf. \u201eIch \u2026 suche einen Vogel.\u201c antwortete ich etwas \u00fcberrumpelt. \u201eAber warum suchst Du denn einen, da sind doch ganz viele!?\u201c Die Kleine deutete Richtung B\u00e4ume. \u201eVor kur\u00adzem habe ich hier in der N\u00e4he einen Vogel wie diese dort singen geh\u00f6rt. Aber der konnte viel bes\u00adser singen als die hier. Den suche ich jetzt.\u201c &#8211; \u201eWie hat er denn gesungen?\u201c Oh je, was sage ich jetzt? Die gro\u00dfen Augen bohrten, ausweichen unm\u00f6glich. \u201e\u00c4hm \u2026 also \u2026 er hat so sch\u00f6n gesungen, dass ich weinen musste vor Gl\u00fcck.\u201c rutschte es mir heraus, bevor ich mir auf die Zunge bei\u00dfen konnte. \u201eAber warum musstest Du denn weinen, wenn Du gl\u00fccklich warst?\u201c Die Kleine war gnadenlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter l\u00e4chelte mir verst\u00e4ndnisvoll zu. \u201eKomm, Lena, wir m\u00fcssen weiter!\u201c versuchte sie mich zu erl\u00f6sen. \u201eIch will es aber wissen!\u201c protestierte die Kleine. \u201eWarum musstest Du wegen dem Vogel weinen, wenn er doch so sch\u00f6n gesungen hat?\u201c Ich holte tief Luft. \u201eWei\u00dft Du, wenn ein Vogel besonders sch\u00f6n singt, kann man Gott in seinem Lied h\u00f6ren.\u201c Verwundert bemerkte ich, was ich da sagte. \u201eUnd wenn man Gott h\u00f6rt, macht es so gl\u00fccklich, dass einem die Tr\u00e4nen kommen.\u201c<br> Hinter der von dunklen Locken umspielten Kinderstirn arbeitete es nun fieberhaft, was mir zwar eine kleine Verschnaufpause verschaffte. Aber mir ging es nicht viel besser als der Kleinen. Wie kommt eine alte Agnostikerin wie ich dazu, solche S\u00e4tze zu sagen? Verflixt, noch eine Frage \u2026 dabei hatte ich hier im Wald doch Antworten gesucht!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMama, ich will Gott auch h\u00f6ren!\u201c begann Lena nun zu quengeln. Lenas Mutter und ich schauten uns hilflos an, dann drehte sie sich zu ihrem Mann um. \u201eSag\u2018 Du doch auch mal was, Paul!\u201c Der rollte mit den Augen, zog die Schultern hoch und blickte uns mit \u00fcber\u00adtrie\u00adben verzweifelter Miene an. &#8211; Die Augenblicke begannen sich zu dehnen.<br> \u201eDie-D\u00fch Die-D\u00fch ZiZi-Iehp\u2026\u201c zerrissen die Strophen einer Singdrossel die Stille, sie musste im Baum direkt \u00fcber uns sitzen. Da brach sich tiefes Lachen aus Pauls Brust Bahn. \u201eHahahah! \u2026 Da ham\u2018 wir den Salat! \u2026 Hahaha! \u2026 Stehen hier \u2026 Hihihi \u2026 wie Trottel im Wald rum \u2026\u201c Er gluckste und japste und das Lachen sch\u00fcttelte ihn so durch, dass Tr\u00e4nen seine Backen hinunter liefen. Im Nu wurden Lenas Mutter und ich mitgerissen und prusteten auch los.<\/p>\n\n\n\n<p>Lena schien uns derweil genau beobachtet zu haben. \u201e Papa, Du weinst ja auch, wenn Du gl\u00fccklich bist!\u201c schrie sie pl\u00f6tzlich vor \u00dcberraschung ganz aufgeregt da\u00adzwi\u00adschen. Es schien eine Neuentdeckung f\u00fcr sie zu sein. Und dann begann sie kichernd um uns immer noch nach Luft schnappende Erwachsene herum zu h\u00fcpfen. \u201ePapa hat Gott auch geh\u00f6rt! \u2026. Papa hat Gott auch geh\u00f6rt! \u2026\u201c klang ihre helle Stimme durch den Wald.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-small-font-size\"><em>\u00a9 Alice Maier, Januar 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war sp\u00e4ter Nachmittag und f\u00fcr Ende Februar viel zu warm. Ich hatte das Home-Office verlassen, um bei einem Waldspaziergang etwas Entspannung zu suchen. Kahl stand eine hohe Eiche in einiger Entfernung am Wegrand. 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