{"id":322,"date":"2026-08-31T14:08:17","date_gmt":"2026-08-31T13:08:17","guid":{"rendered":"https:\/\/alice-maier.eu\/?p=322"},"modified":"2026-09-01T14:35:31","modified_gmt":"2026-09-01T13:35:31","slug":"angekommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alice-maier.eu\/?p=322","title":{"rendered":"Angekommen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-file alignright\"><a id=\"wp-block-file--media-37ae5297-8011-48f5-942a-8c33c5d1615c\" href=\"https:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Alice-Maier-August-2026.pdf\">Alice-Maier-August-2026<\/a><a href=\"https:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Alice-Maier-August-2026.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-37ae5297-8011-48f5-942a-8c33c5d1615c\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eva betrat die Lobby des Hotels. Hinter der Rezeption sa\u00df ein Mann, dessen Blick auf einen Bildschirm fixiert war. Sie setzte den Koffer ab und wartete. Sie war m\u00fcde. Die Reise war endlos gewesen, lang und m\u00fchselig. Eva schaute sich um. Das kleine Hotel unterschied sich kaum von anderen seiner Kategorie. Nur sein Name war ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEinen sch\u00f6nen guten Tag! Was kann ich f\u00fcr sie tun?\u201c Der Mann hinter dem Tresen sah sie erwartungsvoll an. Eva packte ihren Koffer und ging auf ihn zu. \u201eHaben sie noch ein Zimmer frei?\u201c Der Mann taxierte sie sekundenlang, als w\u00f6ge er ab. Dann schaute er wieder auf seinen Bildschirm. \u201eF\u00fcr Sie h\u00e4tte ich die Nummer Acht. Das ist ganz oben, nach hinten raus. Da haben Sie ihre Ruhe!\u201c \u2013 \u201eOh, prima!\u201c \u2013 \u201eEssenszeiten und alles, was Sie sonst noch wissen m\u00fcssen, finden Sie in dem Ordner auf ihrem Zimmer.\u201c Er legte den Zimmerschl\u00fcssel auf den Tresen. \u201eDort vorne links ist der Fahrstuhl, direkt daneben der Treppenaufgang. Das Restaurant befindet sich zur Rechten auf der anderen Seite der Lobby. Ich w\u00fcnsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eva stutzte, als sie die Acht auf ihrer Zimmert\u00fcr erblickte. Die Zahl stand nicht aufrecht, sie lag. Als sie den Schl\u00fcssel ins Schloss steckte bemerkte sie, dass auch die Acht auf dem Schl\u00fcsselanh\u00e4nger eine liegende Acht war. Mit einem am\u00fcsierten Kopfsch\u00fctteln betrat sie das Zimmer. Es wirkte sauber und freundlich, ansonsten auch hier kaum Unterschiede zu den unz\u00e4hligen Hotelzimmern, in denen sie bisher \u00fcbernachtet hatte. Sie stellte den Koffer ab und \u00f6ffnete das Fenster. Drau\u00dfen dehnte sich eine leere Ebene nach allen Richtungen. Weder Vegetation noch Felsen boten ihrem Blick Halt. Er fiel durch die endlose Weite bis zum Horizont. Ein kr\u00e4ftiger Wind blies ins Zimmer. Sie atmete tief durch, schloss das Fenster wieder und begann, ihre Habseligkeiten auszupacken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Abend waren im Restaurant nur wenige Tische besetzt. Eva w\u00e4hlte einen, von dem aus sie den Raum \u00fcberblicken konnte. Auch die anderen G\u00e4ste waren ausnahmslos Alleinreisende. Ein kleines Buffet war aufgebaut. Die Speisen waren schlicht und gut. Die Anwesenden a\u00dfen schweigend, niemand schaute von seinem Teller auf. Und am Buffet ging man sich aus dem Weg. Die G\u00e4ste bedienten sich hastig, dabei jeden Blickkontakt vermeidend. Hatten sie Angst vor etwas? Fast als wollten sie hier nicht gesehen werden, wunderte sich Eva. Sch\u00e4mten sie sich etwa, in diesem Hotel abgestiegen zu sein?<br>Auch bei den anderen Mahlzeiten war es so, wie Eva im Laufe der n\u00e4chsten Tage feststellte. Und noch etwas fiel ihr auf. Niemand blieb l\u00e4nger als eine Nacht. Alle waren Durchreisende, die es eilig hatten, vor hier wieder weg zu kommen. Nur die Hotelan\u00adge\u00adstellten waren immer ansprechbar. Sie wirkten gelassen und reagierten auf alles mit gleichm\u00fctiger Freundlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines Abends, Eva hatte auf dem R\u00fcckweg vom Restaurant in ihr Zimmer gerade die Lobby Richtung Treppe durchquert, lie\u00df etwas sie vor der untersten Stufe z\u00f6gern. Beobachtete jemand sie? In der Lobby war doch niemand gewesen. Schnell drehte sie sich um und lie\u00df ihren Blick \u00fcber die Lobby schweifen. Die war immer noch menschenleer, die Rezeption unbesetzt. Eva stand da und schaute. Sekunden wurden zu Minuten. Worauf wartete sie? Gerade wollte sie sich abwenden, da begriff sie es, wusste es ohne jeden Zweifel. Sie war angekommen. Das hier, das war das Ende ihrer letzten Reise. Sie w\u00fcrde von hier nicht mehr abreisen. Sie blieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leichtigkeit breitete sich in ihr aus, w\u00e4hrend sie langsam Stufe um Stufe hinauf stieg. Ein Gef\u00fchl, das sie nicht kannte. An\u00adkommen ist so leicht, staunte sie. Sie erinnerte sich daran, mit wie viel Enthusiasmus sie als junge Frau zu ihren ersten Reisen gestartet war. Wie viele Ziele sie damals hatte! Sie war auf der Suche. Und an einem ihrer Ziele w\u00fcrde sie finden was sie suchte. Dann w\u00e4re sie angekommen, davon war sie \u00fcberzeugt. Schnell war Reisen zum Lebensinhalt geworden. Und sie hatte einige Ziele erreicht, darauf war sie stolz. Hatte es deshalb so lange gedauert, bis sie bemerkte, dass sie sich an keinem Ziel auch angekommen f\u00fchlte? Lockte deshalb bald das n\u00e4chste Ziel? Und wenn ihr einmal die Ziele abhanden kamen, wurde es zum Ziel, das n\u00e4chste Ziel zu finden. Denn sie wollte ankommen, endlich ankommen. Und so war sie immer weiter gereist, bis heute.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eva schloss ihre Zimmert\u00fcr auf. Woher nur kam diese unerwartete Leichtigkeit? War jemals etwas leicht gewesen auf ihren Reisen? Eva konnte sich nicht erinnern. Ohne Flei\u00df kein Preis, die s\u00fc\u00dfen Trauben h\u00e4ngen hoch, nur die Harten kommen in den Garten, was einem in den Scho\u00df f\u00e4llt, kann nichts wert sein. Zu k\u00e4mpfen und sich abzum\u00fchen war so selbstverst\u00e4ndlich gewesen! Das war es doch, was einen jedes Ziel erreichen lie\u00df, oder? Und doch war sie nie angekommen. Aber jetzt, jetzt w\u00fcrde sie nirgendwo mehr hin reisen. Wie es wohl ist, einfach nichts mehr zu tun, was schwer ist? Die Frage machte Eva neugierig. Sie trug sie mit sich herum, w\u00e4hrend sie ihrer Abendroutine nachging. Sie nahm sie mit sich ins Bett.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend sie einschlief, sah sie sich \u00fcber die endlose Ebene gehen, \u00fcber die sie hierher gefunden hatte. Ja, das war Neuland! Sie sah sich ohne Koffer gehen, ihr Schritt war v\u00f6llig unbeschwert. Erneut lie\u00df die Leichtigkeit sie staunen. Vor ihr tauchte das Hotel auf. Als sie nahe genug heran war erkannte sie auch das Schild mit dem Namen wieder. In goldener Schrift auf blauem Grund stand da: \u201eHotel Nirgendwo\u201c. Ein leises L\u00e4cheln keimte in ihr, w\u00e4hrend sie immer tiefer in den Schlaf sank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eva betrat die Lobby des Hotels. Hinter der Rezeption sa\u00df ein Mann, dessen Blick auf einen Bildschirm fixiert war. Sie setzte den Koffer ab und wartete. Sie war m\u00fcde. Die Reise war endlos gewesen, lang und m\u00fchselig. 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