{"id":338,"date":"2025-05-31T09:51:00","date_gmt":"2025-05-31T08:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/alice-maier.eu\/?p=338"},"modified":"2026-09-02T09:57:27","modified_gmt":"2026-09-02T08:57:27","slug":"zeitlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alice-maier.eu\/?p=338","title":{"rendered":"Zeitlos"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-file alignright\"><a id=\"wp-block-file--media-a2f7ae2d-1a7f-4799-89c7-2f0c34d9ce15\" href=\"https:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Zeitlos-Alice-Maier_Mai-2025.pdf\">Zeitlos-Alice-Maier_Mai-2025<\/a><a href=\"https:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Zeitlos-Alice-Maier_Mai-2025.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-a2f7ae2d-1a7f-4799-89c7-2f0c34d9ce15\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischen den wei\u00dflichen Noppen der Haut zeichnete sich eine weiche, stecknadel\u00adkopf\u00adgro\u00dfe Beule ab. Wenn er genau hinschaute, erkannte er eine winzige Grube in ihrer Mitte. Schon in diesem fr\u00fchen Entwicklungsstadium!. Langsam schob die Beule sich weiter aus der Haut empor, streckte sich in die L\u00e4nge, wurde zu einem vorsichtig in die Luft tastenden Tentakel. W\u00fcrde er ihn sanft anpusten, verschw\u00e4nde der Tentakel sofort wieder zwischen den Hautnoppen. Jan tat es nicht. Stattdessen beobachtete er. Der Tentakel wurde l\u00e4nger, schlanker. Sein Ende verdickte sich zu einer kleinen Keule. Und da! Mittendrin gl\u00e4nzte ein winziges schwarzes Auge.<br>Links neben dem ersten hatte sich ein zweiter Tentakel entfaltet. Auch an seinem Ende zeigte sich bald die keulenf\u00f6rmige Verdickung mit Auge. Echte Stielaugen, dachte Jan. Unabh\u00e4ngig voneinander begannen sie in verschiedene Richtungen zu pendeln. Suchten sie die Umgebung ab? Ob sie ihn jetzt sehen konnten? Staunend beugte Jan sich vor.<br>Unter den Stielaugen erschien ein weiteres Paar Tentakel. Sie blieben k\u00fcrzer und augenlos. Doch sie bewegten sich. Vorsichtig tasteten sie \u00fcber den scharfkantigen Granitboden.<br>Unvermittelt kam auch Bewegung in den weichen K\u00f6rper. L\u00e4nger und l\u00e4nger schob er sich aus dem Schneckenhaus heraus. In kaum merklichen Wellen glitt er auf seinem Bauchfu\u00df \u00fcber den Fels. Wie eine Kielwelle blieb eine glitzernde Schleimspur hinter der Schnecke zur\u00fcck. Die H\u00e4rte des Felsens schien keinerlei Eindruck auf sie zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWusste ich\u2018s doch! Du bist eine, die nach unten will!\u201c Jan strahlte vor Freude. Er hatte auf die richtige Bewegungsrichtung gewettet, als er das Tier auf dem Felsen abgesetzte. Wenn die Weinbergschnecke diese Richtung beibehielte, tr\u00e4fe sie nach ein paar Minuten auf eine ihrer Kolleginnen, die sich, von weiter unten kommend, f\u00fcr die Gegenrichtung entschieden hatte.<br>Sobald sie einander begegneten wurde es erneut spannend. Es konnte passieren, dass die Tiere sich gegenseitig vorsichtig abtasteten, auf Abstand gingen und umeinander herumkrochen. Oder aber die eine kroch auf das Schneckenhaus der anderen hinauf und dar\u00fcber hinweg, bis sie auf der andern Seite wieder herunterkam. Welche der beiden w\u00fcrde dabei die obere sein? Manchmal, erinnerte sich Jan, war die Begegnung f\u00fcr eine der Schnecken Tiere so alarmierend, dass sie sich hastig in ihr Haus zur\u00fcckzog und erst nach l\u00e4ngerer Zeit wieder herauskam.<br>Hm \u2026 diese beiden werden sich wohl einfach aus dem Weg kriechen, ahnte Jan. \u201eOch, das wird lang\u00adweilig \u2026 am besten suche ich gleich ein paar Schnecken mehr. Dann haben sie nicht so viel Platz um sich aus dem Weg zu gehen.\u201c Jan stie\u00df sich vom Felsen ab und begann, den verun\u00adkrau\u00adteten Gr\u00fcn\u00adstreifen daneben abzusuchen. Es dauerte nicht lange, bis mehr als zwei Dutzend Weinbergschnecken auf dem knapp einen Meter hohen Granitbrocken herumkrochen. Alsbald bahnte sich in der N\u00e4he des Gipfels eine erste Begegnung an. \u201eIch wette, die Helle wird \u00fcber die Dunkle kriechen!\u201c Jan beugte sich vor und beobachtete gespannt, wie der Abstand zwischen den Tieren dahin schmolz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMittagessen!\u201c Das Tablett gab ein unangenehmes Klatschen von sich, als es auf dem Tisch neben dem Bett landete. Jan fuhr zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass eine Krankenschwester herein gekommen war. \u201eOh, entschuldigen Sie, Herr Boldt! Ich wollte Sie nicht erschrecken!\u201c Mit beschwichtigendem L\u00e4cheln versuchte sie nun, ihn zu beruhigen. \u201eWir haben einfach zu viele Patienten!\u201c f\u00fcgte sie hinzu, w\u00e4hrend sie das Oberteil seines Bettes hochkurbelte. Als er aufrecht genug sa\u00df, schob sie ihm den Tisch zurecht, so dass er zum Essen nur noch nach dem Besteck greifen musste. \u201eWenigstens das kann ich noch allein, wenn auch blo\u00df im Schnecken\u00adtempo.\u201c Jans Mundwinkel zuckte nach unten, etwas begann wie Blei auf seine Brust zu dr\u00fccken. \u201eIch w\u00fcnsche Ihnen einen guten Appetit!\u201c Die Krankenschwester l\u00e4chelte ihn betont sanft an und verlie\u00df das Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kauend schaute er zum Fenster hinaus. Beruhigend wiegten sich die \u00c4ste einer Birke im Wind. Ihr Anblick lenkte ihn ab. Seine Gedanken kehrten zu dem grauen Granitfelsen in den Reben zur\u00fcck. Schneckenrennen, so etwas hatte er einst spannend gefunden. Unmerklich sch\u00fcttelte er den Kopf. Wie alt er wohl damals war? Vier vielleicht? War jener Junge wirklich er? Der gleiche Jan, der sich heute nur im Rausch der Geschwin\u00addigkeit selbst sp\u00fcren konnte? Oder in jenen Momenten der Hochspannung, wenn er mit seiner Maschine so flach in der Kurve lag, dass sein Kniesch\u00fctzer \u00fcber den Asphalt schabte? Wann hatte es angefangen, dass alles immer schneller werden musste, immer extremer? Wie konnte aus jenem kleinen Jan der so ganz andere von heute geworden sein?<br>Lustlos stocherte er im Essen herum. Seit sie ihm gesagt hatten, dass er f\u00fcr den Rest des Lebens Rollstuhlfahrer sein w\u00fcrde, hatte er keinen Appetit mehr. Ein Leben ohne Motor\u00adrad? Ohne den Kick des Adrenalins, ohne die Euphorie der Geschwindigkeit?<br>Erneut tauchte der mit Weinbergschnecken besetzte Granitblock vor seinem geistigen Auge auf. Der kleine Jan beugte sich gespannt \u00fcber die Helle und die Dunkle, wie er sie nannte. Oben auf dem Brocken konnten sie nun nicht mehr voreinander ausweichen. Da! Die Helle nahm wirklich Kurs auf das Schneckenhaus der Dunklen, die einfach weiter geradeaus kroch. Jetzt war die Helle heran und betastete das Haus der Dunklen mit ihren langen Augententakeln. Und da! Der kleine Jan klatschte in die H\u00e4nde und h\u00fcpfte lachend in die Luft. Wieder hatte er richtig getippt! Die Helle machte sich daran, hinauf auf die Dunkle zu kriechen. \u201eSie wird es schaffen!\u201c freute sich der kleine Jan.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHat es Ihnen nicht geschmeckt?\u201c Wieder hatte Jan nicht bemerkt, dass die Kranken\u00adschwester herein gekommen war. Besorgt schaute sie ihn an. \u201eSie m\u00fcssen etwas essen, wenn Sie wieder zu Kr\u00e4ften kommen wollen\u201c, f\u00fcgte sie hinzu. Jan sah sie lange an. Unschl\u00fcssig wiegte er den Kopf. \u201eK\u00f6nnen Sie mir das Essen noch dalassen?\u201c fragte er schlie\u00dflich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>(c) Alice Maier, Mai 2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen den wei\u00dflichen Noppen der Haut zeichnete sich eine weiche, stecknadel\u00adkopf\u00adgro\u00dfe Beule ab. Wenn er genau hinschaute, erkannte er eine winzige Grube in ihrer Mitte. Schon in diesem fr\u00fchen Entwicklungsstadium!. 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