{"id":47,"date":"2019-10-13T23:43:56","date_gmt":"2019-10-13T22:43:56","guid":{"rendered":"http:\/\/alice-maier.eu\/?p=47"},"modified":"2020-02-24T08:57:00","modified_gmt":"2020-02-24T07:57:00","slug":"alte-schuhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alice-maier.eu\/?p=47","title":{"rendered":"Alte Schuhe"},"content":{"rendered":"\n<p>Und auf dem untersten Regalboden, versteckt hinter Kisten voll rostigem, altem Werkzeug, entdeckte sie ein Paar kn\u00f6chelhohe Schn\u00fcrschuhe. Runzliges, braunes Leder zeichnete sich unter dem Kellerstaub ab, der sich \u00fcber Jahre hinweg darauf abgesetzt hatte. Die abgelaufenen Sohlen bogen sich vorne nach oben, schienen aber intakt zu sein. Spuren angetrockneter Erde klebten noch daran. Jemand hatte die Schuhe mit Zeitungspapier ausgestopft, hier abgestellt und dann vergessen.&nbsp;<br>Wer sie wohl getragen hatte? Neugierig beugte Eva sich hinunter und hob die Schuhe aus dem Regal. Seltsam klein waren sie, das fiel ihr jetzt erst auf. Vielleicht Schuh\u00adgr\u00f6\u00dfe 34? M\u00e4dchenschuhe? Zu klein f\u00fcr Erwachsene, zu gro\u00df f\u00fcr ein Kind. Unter der Sohle konnte sie noch die Stelle ausmachen, an der einmal eine Schuhgr\u00f6\u00dfe eingepr\u00e4gt war, entziffern konnte sie dort aber nichts. Wie alt sie gewesen sein mag, als sie zum letzten Mal diese Schuhe anhatte?<br>Eva trug die Schuhe nach drau\u00dfen und blies vorsichtig den Staub weg. Eine kleine Spinne seilte sich hastig Richtung Erde ab und verschwand zwischen den Ritzen der Pflastersteine.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mache ich nun mit denen? Unschl\u00fcssig stellte sie die Schuhe auf der Holzbank ab, die neben dem Hauseingang stand. Nach der stundenlangen Arbeit im Keller sog Eva gierig die frische Luft in sich hinein und sp\u00fcrte der milden W\u00e4rme nach, die die Nachmittagssonne auf ihrer Haut hinterlie\u00df. Eine Pause h\u00e4tte ich wohl verdient, fand sie und setzte sich.<br>Es dauerte nicht lang und ihr Blick wanderte erneut zu den Schuhen neben ihr. Bei Tageslicht betrachtet unterschied sich die verkrustete Erde an den Sohlen kaum vom lehmigen Boden des Gartens um sie herum. Die Sonnenw\u00e4rme begann, den Schuhen einen muffigen Geruch nach feuchtem Keller und ranzigem Lederfett zu entlocken. Vielleicht sollte ich die Zeitungen raus nehmen, damit die Schuhe besser trocknen? Wider Erwarten zerfiel das vergilbte Papier nicht, als Eva es aus den Schuhen zog. Vorsichtig faltete sie einen der fleckigen Kn\u00e4uel auseinander.<br>Er entpuppte sich als Titelseite einer \u00fcber vierzig Jahre alten Lokalzeitung, die inzwischen nicht mehr existierte. Evas Blick blieb an der Datumsangabe haften, nachdenklich begann sie zu rechnen.<br>Zehn war ich damals \u2026 Eine leise Ahnung beschlich sie. Unwillk\u00fcrlich griff sie nach den Schuhen und noch w\u00e4hrend sie diese neben ihren F\u00fc\u00dfen auf den Boden stellte, durchzuckte sie Gewissheit. Das waren doch ihre Schn\u00fcrschuhe! Vierzig Jahre lang hatten sie dort unten im Keller auf sie gewartet! Ungl\u00e4ubig staunend sah sie an ihren Beinen hinunter, verglich wieder und wieder die M\u00e4dchenschuhe mit den derben Arbeitsschuhen, die sie heute trug. Warum hatte sie ihre eigenen Schuhe nicht gleich erkannt? War wirklich so viel Zeit vergangen?<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam tauchten alte Bilder aus den Tiefen ihres Ged\u00e4chtnisses auf. Sie sah sich und ihren Cousin vergn\u00fcgt lachend und kreischend auf Holzbrettern \u00fcber den wasser\u00adbedeckten Boden einer Baugrube schlittern. Wenn sie sich mit einem Bein im richtigen Winkel nach hinten abstie\u00dfen, konnten sie mit den Dingern wie auf einem Tretroller ein St\u00fcck weit \u00fcber den z\u00e4hen Lehm gleiten. Sie fuhren \u201eWasserski\u201c, das war n\u00e4mlich vor kurzem mal im Fernsehen zu sehen gewesen. Herrlich, wie die Gischt spritzte und der Fahrtwind \u00fcbers Gesicht strich, genau wie bei den braun gebrannten M\u00e4nnern, die im Film so elegant \u00fcbers Wasser geflitzt waren.<br>Bis sie sich zu weit zur Mitte hin vorwagten. Pl\u00f6tzlich versank Eva bis zu den Unter\u00adschenkeln im Lehm und der gab ihre F\u00fc\u00dfe nicht mehr frei. Ein j\u00e4her Schrecken lie\u00df sie nach Luft schnappen. Sekunden sp\u00e4ter passierte ihrem Cousin das gleiche. Das fr\u00f6hliche Kindergeschrei war abrupt verstummt, hilflos sahen sie sich an. Als Eva nach unten schaute, entdeckte sie fingerlange Stechm\u00fcckenlarven, die aufgeschreckt um ihre Beine herum wuselten. Ein dicker Klo\u00df machte sich langsam in ihrer Kehle breit. Verzweifelt versuchte sie, ihre F\u00fc\u00dfe aus dem Lehm zu zerren, erfolglos.<br>Aber sie bemerkte, dass sie sich vielleicht aus den Schuhen heraus winden konnte, wenn sie es geschickt anstellte. Und dann musste sie wohl oder \u00fcbel barfu\u00df in den Matsch treten. Was war, wenn sie auch barfu\u00df noch darin stecken blieb? Hatte sie eine Wahl?<br>Wider Erwarten quoll der nasse Lehm angenehm geschmeidig zwischen ihren Zehen hindurch und umschloss ihren Fu\u00df wie ein k\u00fchler Samtstiefel. Es kostete sie viel Kraft, das Bein aus der unwillig schmatzenden Pampe wieder heraus zu ziehen, aber es klappte. Und auch die braunen Schn\u00fcrschuhe samt Socken lie\u00dfen sich dem Lehm mit einiger Anstrengung wieder entrei\u00dfen. Wenig sp\u00e4ter machten sich zwei bis zu den Oberschenkeln mit Lehm beschmierte Kinder barfu\u00df und kleinlaut auf den Heimweg, jedes mit einem Paar schuhf\u00f6rmigen Lehmklumpen in der Hand.<br>Nat\u00fcrlich durften ihre Eltern vom Ausgang dieses Abenteuers nichts mitbekommen. Eva erinnerte sich, dass sie sich in die Waschk\u00fcche geschlichen hatten, die es damals im Elternhaus ihres Cousins noch gab. Heimlich sp\u00fclten sie dort ihre Schuhe, Socken und Hosen aus und anschlie\u00dfend lief Eva beklommen und mit vor N\u00e4sse quatschenden Schuhen nach Hause. Wieder hatte sie Gl\u00fcck, ihre Eltern waren nicht da. Es gelang ihr, unbemerkt die Schuhe mit dem Zeitungspapier auszustopfen und im Keller zum Trocknen zu verstecken. Und dann hatte sie wohl das ganze unr\u00fchmliche Abenteuer mitsamt den Schuhen verdr\u00e4ngt \u2026<br>Eva beschloss, es mit dem Entr\u00fcmpeln des Kellers f\u00fcr diesen Nachmittag gut sein zu lassen und nahm die alten Schuhe mit ins Haus. Wohin nun mit den m\u00fcffelnden Dingern? Schlie\u00dflich stellte sie sie in einer regen\u00adgesch\u00fctzten Ecke der Terrasse ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Tags drauf war Eva schon fr\u00fch unterwegs zu einem Termin in der Stadt. Voller Vorfreude sang und summte sie im Auto vor sich hin. Heute w\u00fcrde sie ihre neue Wohnung nochmal besichtigen. Der Makler wollte ihr bei der Gelegenheit auch gleich die Unterlagen mitgeben, die sie zur Vorbereitung des Notartermins am Montag durchlesen musste. Sie konnte es kaum erwarten, endlich N\u00e4gel mit K\u00f6pfen zu machen. Das Treffen mit dem Makler war erst mittags, sie hatte Zeit f\u00fcr einen ausf\u00fchrlichen Bummel durch das quicklebendige Altstadtviertel, in dem sie bald wohnen w\u00fcrde.<br>An der Ecke unweit ihrer zuk\u00fcnftigen Wohnung, gab es ein kleines portugiesisches Bistro-Caf\u00e9, das Eva schon bei ihrem letzten Besuch f\u00fcr sich entdeckt hatte. Herzhaftes Kaffeearoma kitzelte ihr in der Nase, als sie daran vorbei ging. Und erst die selbst gemachten Pasteis de Nata \u2026 Bevor es nachher hinauf in die Wohnung ging, w\u00fcrde sie sich dort eine St\u00e4rkung zu g\u00f6nnen.<br>Aber vorher wollte sie sich in den beiden Boutiquen umschauen, die es in ihrer zuk\u00fcnftigen Stra\u00dfe gab. Und dann war da ein farbenfroh dekorierter Papierladen, ein Bio-Brotladen, ein Lederwarengesch\u00e4ft, eine Pizzeria, ein Spielzeugladen, ein Laden mit Modeschmuck, ein Blumengesch\u00e4ft und, und, und. Neugierig bummelte sie von einem Gesch\u00e4ft zum anderen, M\u00fctter schoben Kinderwagen an ihr vorbei, Rentner zogen ihren \u201ePorsche\u201c hinter sich her, Lieferwagen blockierten die Stra\u00dfe, Passanten schleppten Einkaufst\u00fcten und zwischen allem kurvten Radfahrer herum. Wie herrlich, dieses Leben! Es gab einen kleinen Park im Viertel und sogar ein Stadtteiltheater. Und sie w\u00fcrde mitten drin wohnen! Eva atmete tief durch. Endlich raus aus der l\u00e4ndlichen \u00d6dnis, die sie schon seit Jahren niederdr\u00fcckte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Tag Frau Beck, kommen Sie rein!\u201c begr\u00fc\u00dfte der Makler sie gut gelaunt und mit forschem Handschlag. \u201eGuten Tag Herr Frings!\u201c Erwartungsvoll folgte Eva ihm durch die Diele. Aus irgend einer Richtung drang ein kaum wahrnehmbares Muffeln in ihre Nase, das sie unterschwellig schon bei ihrer letzten Besichtigung bemerkt hatte. \u201eDer Vorbesitzer hat wohl nicht viel von regelm\u00e4\u00dfigem L\u00fcften gehalten&#8230;\u201c bemerkte sie, w\u00e4hrend sie zu einem der Fenster schritt, um es zu \u00f6ffnen. \u201eDas k\u00f6nnen Sie wohl laut sagen!\u201c pflichtete der Makler ihr eilfertig bei. \u201eIch habe die Wohnung ja mal gesehen, als er noch drin wohnte \u2026\u201c Wissend verdrehte er die Augen w\u00e4hrend er bedeutsam den Kopf wiegte. \u201eIch glaube Sie k\u00f6nnen es sich denken! Mehr kann ich ihnen aus Datenschutzgr\u00fcnden allerdings nicht dazu sagen.\u201c &#8211; \u201eNa! Ich werde hier mal ordentlich durch putzen und dann herrscht ein anderer Wind zwischen diesen W\u00e4nden!\u201c Eva spr\u00fchte vor Tatkraft und der Makler nickte best\u00e4tigend.<br>W\u00e4hrend Eva durch die Zimmer ging, sah sie um sich herum ihre k\u00fcnftige Wohnungseinrichtung entstehen. Dort w\u00fcrde ihre lederne Couchgarnitur mit dem Glastisch hinkommen, hier die Stehlampe und da der Benjamini. Ein heller Webteppich w\u00e4re klasse auf dem Parkett \u2026 Herrlich, das neue Wohnzimmer bot so viel Platz! Bei Bedarf konnte sie sogar noch eine Arbeitsecke darin unterbringen. Wieder atmete sie tief durch. Und ihre neue K\u00fcche w\u00fcrde ganz in wei\u00df sein, sie war sogar schon in einem K\u00fcchenstudio gewesen. Ob sie sich nicht doch den Backofen mit der integrierten Tellerw\u00e4rm\u00adschub\u00adlade g\u00f6nnen sollte?<br>Sie ging weiter in ihr zuk\u00fcnftiges Schlafzimmer. Das Bett w\u00fcrde sie an dieser Wand aufstellen und vor der gegen\u00fcber liegenden Wand, vor der sich immer noch die Umzugskisten des vorigen Wohnungs\u00adbesitzers bis zur Decke stapelten, w\u00fcrde sie den Kleiderschrank hinstellen. \u201eWann holt er die denn endlich ab?\u201c, wollte sie von Herrn Frings wissen. \u201eZur Schl\u00fcssel\u00ad\u00fcbergabe werden sie weg sein, das kann ich Ihnen versprechen!\u201c, versicherte er eilfertig. Auch sonst hatte er auf alle Fragen, die Eva w\u00e4hrend ihres Rundgangs stellte, eine passende Antwort parat.<br>\u201eWie steht es inzwischen denn mit Ihrer Finanzierung?\u201c fragte er lauernd, als Eva sich schon zum Gehen wandte. \u201eOb Sie&#8217;s glauben oder nicht, aber mein Makler hat f\u00fcr die alte H\u00fctte tats\u00e4chlich Kaufinteressenten gefunden. Eine junge Familie, die aufs Land ziehen will, wegen der Kinder. &#8211; Sie waren schon drei mal da, sogar einen Vorvertrag haben wir abgeschlossen!\u201c &#8211; \u201eOh, das haben sie aber gut hingekriegt!\u201c lobte der Makler anerkennend. \u201eJa, unserem Notartermin steht nun nichts mehr im Wege.\u201c &#8211; \u201eDann sehen wir uns also kommenden Montag beim Notar!\u201c bekr\u00e4ftigte Herr Frings und hielt ihr die Hand hin. \u201eIch kann&#8217;s kaum erwarten!\u201c Eva schlug ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Eva die Wohnung verlassen hatte, begegnete sie im Treppen\u00adhaus einer \u00e4lteren Dame. Diese hatte gerade ihre Eink\u00e4ufe vor dem Eingang der Wohnung abgesetzt, die direkt unter Evas zuk\u00fcnftigem Zuhause lag. Nun kramte sie in ihrer Handtasche nach Schl\u00fcsseln. \u201eGuten Tag! Ich bin Eva Beck und werde bald \u00fcber Ihnen einziehen!\u201c stellte Eva sich vor. \u201eGuten Tag Frau Beck, ich bin Frau Hinrichsen. Wie sch\u00f6n dass sich endlich jemand gefunden hat, der dort oben einziehen will!\u201c entgegnete die alte Dame freundlich l\u00e4chelnd. \u201eJa, wir werden bald Nachbarn sein!\u201c bekr\u00e4ftigte Eva, w\u00e4hrend sie sich die H\u00e4nde sch\u00fcttelten. Frau Hinrichsens \u00c4u\u00dferung hatte Eva allerdings stutzig gemacht. \u201eSteht die Wohnung denn schon lange leer?\u201c fragte sie vorsichtig. \u201eNa ja, drei Jahre wird es wohl schon her sein, seit der Vorbesitzer ausgezogen ist \u2026\u201c &#8211; \u201eSo lange schon!\u201c Ein ungutes Gef\u00fchl beschlich Eva. \u201eWei\u00df man denn, warum sich bis jetzt kein anderer K\u00e4ufer gefunden hat?\u201c Frau Hinrichsen zuckte mit den Schultern. \u201eWissen Sie, alles was mit Wohnung und Haus zu tun hat, das macht mein Mann, deshalb kann ich Ihnen leider nichts dazu sagen.\u201c Trotz aller Freundlichkeit meinte Eva eine leichte Anspannung in Frau Hinrich\u00adsens Gesicht zu bemerken. \u201eEine sch\u00f6ne Gegend haben Sie sich f\u00fcr Ihr neues Zuhause ausgesucht!\u201c, fuhr diese nun fort. \u201eMan wohnt hier mitten im Leben!\u201c Sie plauderten noch ein wenig \u00fcber die Gesch\u00e4fte und Restaurants im Viertel, bevor Eva sich verabschiedete und den Heim\u00adweg antrat.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag r\u00fcstete Eva sich mit einer ganzen Kanne Kaffee um sich dann mit dem Papierstapel, den der Makler ihr bei der Verabschiedung in die Hand gedr\u00fcckt hatte, auf die Terrasse zu setzen. Nachdem sie sich die erste Tasse eingeschenkt hatte, sah sie widerwillig den Packen an, der vor ihr lag. Der Anblick der Dokumente lie\u00df ihre gute Laune dahinschmelzen wie alten Schnee in der Fr\u00fchlingssonne. Aber es half wohl alles nichts. Sie w\u00fcrde sich ewig Vorw\u00fcrfe machen, wenn sie beim Kauf auf die Nase fiel, nur weil sie zu faul gewesen war, das Zeug durchzulesen.&nbsp;<br>Z\u00f6gerlich begann sie, den Stapel nach der Dokumentenliste zu durchsuchen, die sie dem Makler gegeben hatte. Sie wollte erst mal schauen, ob alles vollst\u00e4ndig war, aber die Liste war nicht zu finden. \u00c4rgerlich stand Eva auf, um sie nochmal auszudrucken. Beim Abgleich der Liste mit den ihr ausgeh\u00e4ndigten Dokumenten zeigte sich dann, dass die Protokolle der Hauseigent\u00fcmer\u00adver\u00adsamm\u00adlungen fehlten. Sonst schien alles da zu sein.<br>Sie schenkte sich eine weitere Tasse Kaffee ein und fischte dann den Kaufvertrag aus dem Stapel. Eva war eine juristische Laiin, aber die seitenlangen Klauseln zum Ausschluss von Schadens\u00adersatz\u00adforderungen machten sie nachdenklich. Soweit sie es sich zusammenreimen konnte beinhalteten diese, dass Eva die Wohnung wie besehen kaufte und der Verk\u00e4ufer f\u00fcr keinerlei Sch\u00e4den haftete, wenn Eva sie erst nach dem Kauf feststellte. \u201eSeltsam, f\u00fcr jedes Elektroger\u00e4t, und sei es noch so unbedeutend, gibt es eine Garantieerkl\u00e4rung. Aber f\u00fcr eine Eigentumswohnung, die Hunderttausende kostet, soll es nur Haftungs\u00adausschluss\u00adklauseln geben &#8230;\u201c Eva kam ins Gr\u00fcbeln. \u201eUnd warum fehlen ausgerechnet die Protokolle, wo er doch sonst nichts vergessen hat?\u201c Sie legte die Dokumente beiseite, ihr Blick schweifte ziellos \u00fcber die Terrasse. Da war immer dieser leicht muffige Geruch in der Wohnung gewesen \u2026 Die alten Schn\u00fcrschuhe fingen ihren Blick ein. Unvermittelt durchfuhr es sie hei\u00df und kalt zugleich. \u201eNoch ein Schritt, und Du steckst in der Patsche!\u201c schienen die Schuhe sie anzuschreien. Eva schnappte nach Luft als h\u00e4tte ihr jemand einen Eimer kaltes Wasser \u00fcber den Kopf gesch\u00fcttet. \u201eUnd warum hat jemand, der eine Wohnung vor drei Jahren verlassen hat, noch immer so viele Umzugskisten dort stehen?\u201c Glasklar stand die Frage pl\u00f6tzlich im Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie \u00fcberlegte kurz, dann griff sie zum Smartphone. Herr Frings war gleich am Apparat. \u201eHallo Frau Beck, was kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c s\u00e4uselte es aus dem Ger\u00e4t. \u201eGuten Tag Herr Frings, es geht nur noch um Kleinigkeiten. Und zwar fehlen mir noch die Sitzungsprotokolle der Hauseigent\u00fcmer\u00adversammlungen. K\u00f6nnten sie mir die freundlicherweise noch diese Woche zuschicken? Ich finde sonst keine Zeit mehr, sie durchzulesen.\u201c &#8211; \u201eOh, das habe ich vergessen zu erw\u00e4hnen, die Eigent\u00fcmer\u00adver\u00adsamm\u00adlung hat sich geweigert, mir die Protokolle auszuh\u00e4ndigen. Aber die sind ja auch nicht weiter wichtig \u2026\u201c &#8211; \u201eDoch, f\u00fcr mich sind sie wichtig!\u201c bekr\u00e4ftigte Eva. Sekundenlanges Schweigen aus dem Smartphone. \u201eHm &#8230; ich bef\u00fcrchte, ich kann die Eigent\u00fcmer kaum zwingen, die Protokolle rauszur\u00fccken \u2026 \u201c &#8211; \u201eSchon seltsam, fast als ob sie etwas zu verbergen h\u00e4tten\u201c, klopfte Eva nun auf den Busch. \u201eAber Nein, die sind in Ordnung!\u201c versicherte Herr Frings hastig. \u201eIch kenne die Eigent\u00fcmer doch schon seit Jahren und auch mit dem Verwalter habe ich guten Kontakt, da gibt es keine Probleme!\u201c wiegelte er ab. Aber mit dieser Auskunft brachte er Evas Alarmglocken erst recht zum Schrillen. Hier passte rein gar nichts zusammen! Steckten die etwa alle unter einer Decke?<br>\u201eNun gut, dann werden Sie sicher nichts dagegen haben, mich diese Woche nochmal in die Wohnung zu lassen.\u201c sagte sie dann ruhig. \u201eHm \u2026 Ich muss mal in meinen Terminkalender schauen \u2026 \u201c Er schien nicht so recht zu wissen, was er von ihrem Wunsch halten sollte.<br>\u201eWenn&#8217;s bei Ihnen nicht mehr anders geht, kann ich mir auch am Wochenende Zeit nehmen\u201c, legte Eva nach. \u201eAu\u00dferdem, Sie m\u00fcssen Sie ja nicht unbedingt anwesend sein, Herr Frings. Sie k\u00f6nnen die Schl\u00fcssel einfach unten bei Frau Hinrichs hinterl\u00adegen. Wir beide haben uns schon miteinander bekannt gemacht. So eine nette alte Dame!\u201c &#8211; \u201eWas m\u00f6chten Sie in der Wohnung denn noch?\u201c fragte Herr Frings lauernd. \u201eIch m\u00f6chte sie zusammen mit meinem Architekten nochmal in aller Ruhe anschauen. Ich hoffe, der Vorbesitzer hat nichts dagegen, wenn wir die Umzugs\u00adkartons von der Wand wegr\u00fccken. Solange die davor stehen k\u00f6nnen wir ja nicht richtig ausmessen.\u201c bluffte Eva. \u201eOh! Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen diese Woche keine Besichtigung mehr anbieten!\u201c kam es wie aus der Pistole geschossen aus dem Smart\u00adphone.<br>\u201eDas ist jammerschade!\u201c Eva fiel es schwer, ihren Sarkasmus zu verbergen. \u201eDabei habe ich mich schon so auf die Wohnung gefreut! Aber wenn es so ist, dann werde ich den Notartermin am Montag absagen.\u201c Herr Frings erwiderte lange nichts.<br>\u201eAuf Wiedersehen Herr Frings!\u201c sagte Eva freundlich in das Schweigen hinein und legte auf.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"http:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Alte-Schuhe_Okt-2019.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Alte Schuhe<\/a><a href=\"http:\/\/alice-maier.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Alte-Schuhe_Okt-2019.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">\n\n&nbsp;\u00a9&nbsp;Alice Maier, Oktober 2019\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und auf dem untersten Regalboden, versteckt hinter Kisten voll rostigem, altem Werkzeug, entdeckte sie ein Paar kn\u00f6chelhohe Schn\u00fcrschuhe. Runzliges, braunes Leder zeichnete sich unter dem Kellerstaub ab, der sich \u00fcber Jahre hinweg darauf abgesetzt hatte. 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