{"id":54,"date":"2018-12-20T22:02:42","date_gmt":"2018-12-20T21:02:42","guid":{"rendered":"http:\/\/alice-maier.eu\/?p=54"},"modified":"2020-02-14T01:04:15","modified_gmt":"2020-02-14T00:04:15","slug":"storchengesang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alice-maier.eu\/?p=54","title":{"rendered":"Storchengesang"},"content":{"rendered":"\n<p>&nbsp;\u201eSie wird wieder am Bahnsteig stehen heute Abend &#8230; wie immer.\u201c Er setzt Fu\u00df vor Fu\u00df, den Kopf gesenkt, den Blick auf den schmalen Wiesenpfad vor seinen Stiefeln geheftet. \u201ePerfekt gekleidet wie immer \u2026. , ein perfektes Essen wartet \u2026. , ihre perfekten Lippen warten auf mein Gesicht \u2026 \u201c Widerwille zieht seine Mundwinkel abw\u00e4rts, er bemerkt es nicht. Auch nicht das Prickeln der k\u00fchlen Morgenluft in seinen Lungen und nicht den zartrosa Wolkenhauch im tiefen Blau, direkt \u00fcber seinem Kopf.<br>Seit drei Tagen ist er unterwegs, die ungewohnte Belastung hat seine Beine schwer werden lassen. \u201eF\u00fcnfhundert Mails werden es morgen wohl sein &#8230; es macht so m\u00fcde &#8230;\u201c Der Pfad beginnt anzusteigen, er zwingt sich, sein Tempo zu halten. \u201eBestimmt hat Petersen mir sein Projekt wieder halbgar auf den Schreibtisch geschmissen \u2026 &#8218;Alles fertig, Chef!&#8216; \u2026 Und ab in den Urlaub!\u201c Der Pfad wird steiler, aufkeimender \u00c4rger beschleunigt seinen Schritt. Bald pocht es in seinen Schl\u00e4fen, sein Atem wird tiefer, die Anstrengung l\u00e4sst ihn das Arbeiten seiner Muskeln sp\u00fcren, beendet den Montag in seinem Kopf. Erste Sonnenstrahlen blinzeln \u00fcber den Kamm der Anh\u00f6he und verwandeln die Tautropfen vor seinen Stiefeln in einen funkelnden Perlenteppich. Und es gelingt ihnen sogar, ein kleines L\u00e4cheln in sein verschlossenes Gesicht zu zwingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Bergr\u00fccken \u00fcber ihm gewinnen die Sitzgruppen eines Rastplatzes langsam Kontur. Dort hat man eine sch\u00f6ne Aussicht, erinnert er sich. \u201eZeit f\u00fcr&#8217;s Fr\u00fchst\u00fcck!\u201c Seine Stimmung hellt sich etwas auf. Oben angekommen wird er nicht entt\u00e4uscht. Lange streift sein Blick \u00fcber die Landschaft, bis sein knurrender Magen ihn erneut ans Fr\u00fchst\u00fcck erinnert. Er hat es sich auf einer der Holzb\u00e4nke bequem gemacht, kaut gerade gen\u00fcsslich die ersten Bissen, als eine Bewegung weiter unten am Hang seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. \u201eVerdammt, kann man nicht einmal hier in Ruhe fr\u00fchst\u00fccken!\u201c schie\u00dft es ihm durch den Kopf, als er begreift, dass dort eine Wandergruppe Kurs auf seinen Rastplatz nimmt.<br>Neun Frauen kann er mit der Zeit ausmachen, dazwischen, etwas verloren, drei M\u00e4nner. Einige stecken in einer Ausr\u00fcstung, die f\u00fcr den Mount Everest gereicht h\u00e4tte, andere sind in Jeans und Turnschuhen dabei, zwei Frauen tragen lange bunte Kleider zu schweren Bergstiefeln. Ein hoch aufgeschossener junger Mann mit langem Haar und Stirnband stiefelt vorweg, die anderen folgen mit etwas Abstand. Zwischen Ende Zwanzig und Ende Sechzig sind alle Altersklassen vertreten. Das Schlusslicht bildet eine zierliche, wieselflinke Wei\u00dfhaarige. Bunter Haufen, denkt er. Missmutig bei\u00dft er in sein Brot, beobachtet kauend, wie die Gruppe sich den Hang heraufarbeitet. Oben angekommen sammeln sie sich in einigem Abstand, setzen dort ihre Rucks\u00e4cke ab. Er ist erleichtert. Die meisten sind aus der Puste, Luft schnappend stehen sie herum, halten ihre Gesichter in die Morgensonne oder lassen ihren Blick schweifen, das Gemurmel ihrer Gespr\u00e4che dringt her\u00fcber zu ihm.<br>Nach einer Weile beginnen sie, sich um die zierliche Wei\u00dfe zu scharen, sie verschwindet in ihrer Mitte. Es wird still. \u201eEine Ansprache &#8230; hier?\u201c Neugierig lauscht er.<br>\u201eAaaaaaaaaaaaaaaa!\u201c T\u00f6nt eine sonore Frauenstimme aus der Gruppe hervor, erweckt eine Stimme nach der anderen zum Leben, tr\u00e4gt sie m\u00fchelos in die Weite. \u201eOh nein! Wenn sie mich jetzt &#8218;Im Fr\u00fchtau zu Berge&#8230;&#8216; begr\u00fc\u00dfen, packe ich ein und gehe!\u201c Sein Interesse ist schlagartig erloschen, er hasst Volksliederkitsch. Ein Augenblick herrscht Stille. Er \u00fcberlegt, ob er sich die Ohren zuhalten soll, aber er will nicht unh\u00f6flich erscheinen.<br>\u201eSonne, in mein Gesicht! \u2026 Sonne, versteck&#8216; sie nicht \u2026\u201c Kraftvoll erhebt sich eine freudige Melodie. Noch nie geh\u00f6rt, stellt er fest. Auch den Text kennt er nicht, unwillk\u00fcrlich lauscht er weiter. \u201eEs klingt wie ein Gru\u00df&#8230; oder beten sie?\u201c Auf das, was an sein Ohr dringt kann er sich keinen Reim machen. Erst singt nur ein Teil der Gruppe, weitere fallen mit einer anderen Stimmlage ein, ein Kanon baut sich auf. Deutlich sind die drei M\u00e4nnerstimmen zwischen den Frauenstimmen heraus zu h\u00f6ren. Er schmunzelt, als er es bemerkt. Mit jeder Strophe gewinnen die Stimmen Kraft, Gesichter wenden sich der Sonne zu, beginnen zu strahlen. \u201eKeine Ahnung, was f\u00fcr Spinner das sind&#8230;.. aber sie haben ihren Spa\u00df.\u201c stellt er nicht ganz ohne Neid fest. Einige Strophen weiter erwacht, von ihm unbemerkt, ein Brummen in seiner Kehle, wird leise Stimme, versucht, sich an den M\u00e4nnerstimmen fest zu halten.<br>Stille breitet sich nach der letzten Strophe aus, unschl\u00fcssig stehen die S\u00e4nger herum. Die zierliche Wei\u00dfe kommt zu seiner Holzbank her\u00fcber. \u201eWir hoffen, wir st\u00f6ren Sie nicht allzu sehr? D\u00fcrfen wir uns dazu setzen?\u201c l\u00e4chelt sie ihn an. \u201cNein, nein, \u00fcberhaupt nicht! Bitte, nehmen sie Platz!\u201c antwortet er erfreut, als h\u00e4tte er darauf gewartet. \u201eWas ist denn in Dich gefahren?\u201c beginnt er sich zu wundern. Die S\u00e4nger verteilen sich \u00fcber die beiden Sitzgruppen. Ihm gegen\u00fcber nimmt ein korpulenter Glatzkopf mit Schirmm\u00fctze Platz, die zierliche Wei\u00dfe setzt sich daneben. Mitgebrachtes wird ausgepackt. Schweigend essen alle, bis der erste Hunger gestillt ist und auch er l\u00e4sst es sich wieder schmecken. Gespr\u00e4chsgemurmel mach sich breit. \u201eUnd, wie gehen wir jetzt weiter?\u201c will die zierliche Wei\u00dfe nach einer Weile vom Glatzkopf wissen. Noch kauend schiebt dieser seine Brotdose zur Seite und kramt eine Wanderkarte aus dem Rucksack. \u201eAlso \u2026 wir sind jetzt hier&#8230;\u201c, beginnt er z\u00f6gerlich. Neugierig folgt sein Blick dem Finger des Glatzkopfs auf dessen Wanderung \u00fcber die Karte. Obwohl diese f\u00fcr ihn auf dem Kopf steht, erahnt er schnell, wohin die Gruppe laufen will. Auch dass der Finger des Glatzkopfs mehr als einmal unschl\u00fcssig auf der Karte hin und her irrt entgeht ihm nicht. \u201eSie scheinen die gleiche Strecke geplant zu haben wie ich&#8230;\u201c entf\u00e4hrt es ihm zu seinem eigenen Erstaunen. Der Glatzkopf schaut erfreut hoch. \u201eKennen Sie sich denn aus hier?\u201c fragt er erwartungsvoll. \u201eEin wenig. Dieses Fr\u00fchjahr bin ich die Strecke schon einmal gelaufen.\u201c &#8211; \u201e Oh, vielleicht k\u00f6nnen Sie uns dann weiter helfen!\u201c setzt der Glatzkopf hoffnungsvoll nach. \u201eWissen Sie, der Wanderf\u00fchrer, der uns heute begleiten sollte, ist schon auf den ersten Metern mit dem Fu\u00df umgeknickt. B\u00e4nderriss wahrscheinlich, wenn nicht gar Schlimmeres. Wir kennen uns hier kaum aus, aber wir wollten auf die Wanderung trotzdem nicht verzichten. Da haben wir dem Wanderf\u00fchrer die Karte abgeschwatzt und sind los.\u201c Auch die zierliche Wei\u00dfe sieht jetzt erwartungsvoll zu ihm her\u00fcber. \u201eAllzu gut kenne ich die Gegend auch nicht, aber lasst es uns versuchen.\u201c lenkt er ein. Schon nach den ersten Fragen des Glatzkopfs bereut er sein Angebot. Ihnen ist nicht nur die Gegend fremd, stellt er betr\u00fcbt fest. \u201eAuch die Orientierung mit einer Karte ist ein Buch mit sieben Siegeln f\u00fcr die \u2026\u201c Die zierliche Wei\u00dfe scheint aus seinen Erkl\u00e4rungsversuchen ihre eigenen Schl\u00fcsse gezogen zu haben. \u201eIch glaube, wir h\u00e4tten doch nicht ohne den Wanderf\u00fchrer losgehen sollen\u201c, beginnt sie. \u201eWir kennen uns einfach zu schlecht aus um weiter zu gehen.\u201c Der Glatzkopf sieht betreten von der Karte hoch. \u201eLasst uns hier noch eine Weile diesen wundersch\u00f6nen Morgen genie\u00dfen und dann kehren wir um.\u201c Leicht verlegen schweigt sie, w\u00e4hrend der Blick des Glatzkopfs ein Loch in die Karte bohrt \u201eAlso &#8230; wenn ihr m\u00f6chtet k\u00f6nnen wir zusammen wandern\u201c, entschl\u00fcpft es ihm da. \u201eAber Singen kann ich nicht!\u201c erg\u00e4nzt er hastig, als ihm klar wird, worauf er sich gerade einl\u00e4sst. \u201eSie haben einen sch\u00f6nen Bass!\u201c wirft die zierliche Wei\u00dfe spontan ein. \u201eIch habe Sie vorhin mitsingen geh\u00f6rt.\u201c erg\u00e4nzt sie, als sie seinen verdutzten Blick bemerkt. \u201eAu\u00dfer ihr kann niemand von uns singen.\u201c nickt der Glatzkopf trocken in ihre Richtung. \u201eAber es tut uns gut!\u201c Dieser verirrte Haufen scheint heute mein Schicksal zu sein, seufzt er bei sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs kommen sie schnell ins Gespr\u00e4ch. Man stellt sich vor, unterh\u00e4lt sich \u00fcber das Woher und Wohin, Sie wird zum Du, die Schritte finden langsam einen gemeinsamen Rhythmus. Auch die Gespr\u00e4che geraten in Bewegung, vom Wandern zum Singen, vom Gestern zum Morgen und weiter. Unter den S\u00e4ngern sind die verschiedensten Berufe und Familienverh\u00e4ltnisse vertreten, stellt er fest. Da ist die Mutter, die sich eine Auszeit vom Dauerspagat zwischen Kindern und Beruf genommen hat, die pensionierte Lehrerin, die Werbegrafikerin, der Langhaarige mit dem Stirnband entpuppt sich als Unternehmensberater, der Glatzkopf ist Chemieingenieur und zusammen mit seiner Partnerin hier. Die zierliche Wei\u00dfe ist die einzige, die auch im Alltag mit Gesang zu tun hat. Sie ist Stimmbildnerin, S\u00e4ngerin und Liedermacherin in einem. Singen und Wandern bietet sie als Wochenendveranstaltung an.<br>Vor der Mittagspause wird es ernst f\u00fcr ihn. \u201eLasst uns noch was singen, bevor wir uns den Magen voll schlagen!\u201c fordert die zierliche Wei\u00dfe die Gruppe auf. Unschl\u00fcssig bleibt er zur\u00fcck, w\u00e4hrend die anderen sich aufstellen. \u201eKomm!\u201c, winkt sie ihm zu. Er z\u00f6gert. \u201eUns fehlt ein Bass \u2026\u201c Ihrem zwingenden L\u00e4cheln kann er nicht widerstehen. Dazu stellen kann ich mich ja, denkt er und sucht sich zwischen dem Langhaarigen und dem Glatzkopf einen Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Sp\u00e4tnachmittag, als sie die letzte Anh\u00f6he auf ihrer Tour erreichen. Die schr\u00e4g stehende Sonne l\u00e4sst im Tal den Dunst milchig schimmern, die Bergflanken hinter ihnen zeichnet sie in sanften Kontrasten. Seine Blicke schweifen, eine zufriedene Ruhe ist in ihm, er sp\u00fcrt die Sonne in seinem Gesicht. \u201eVon hier oben ist der Weg zu Eurer Unterkunft leicht zu finden\u201c, sagt er zu der zierlichen Wei\u00dfen. \u201eAber ich muss einen anderen Weg nehmen, wenn ich heute Abend meinen Zug noch erwischen will.\u201c Sie nickt. Etwas sp\u00e4ter werden Rucks\u00e4cke abgesetzt und Wasserflaschen heraus genestelt, m\u00fcde setzen einige sich ins Gras. \u201eDas Meiste haben wir geschafft!\u201c, muntert die zierliche Wei\u00dfe die Wanderer nach einiger Zeit auf. \u201eKommt, wir singen noch einmal, bevor wir weiter gehen. Gestern haben wir ja diese Vertonung des Gedichts von Hilde Domin ausprobiert, ich glaube das passt jetzt!\u201c. Die Gruppe schart sich um sie, wieder findet er zwischen dem Langhaarigen mit dem Stirnband und dem Glatzkopf Platz, lauscht. Eine tragende Melodie l\u00e4sst schlichte Verse sanft in den Nachmittag gleiten:&nbsp;\u201eNicht m\u00fcde werden \/ sondern dem Wunder \/ leise \/ wie einem Vogel \/ die Hand hinhalten\u201c. Bald kann er mitsingen, wieder verflechten sich die Stimmen zu einem Kanon, die M\u00e4nnerstimmen an seinen Seiten tragen die seine mit sich.<br>Sein Blick schweift \u00fcber die Gruppe. Da bemerkt er aus dem Augenwinkel eine Bewegung am Himmel, schaut hoch. In einiger Entfernung kann er einen Vogel ausmachen. \u201eEin Reiher vielleicht?\u201c, r\u00e4tselt er. Auch der Langhaarige mit dem Stirnband hat ihn entdeckt. Ihre Augen folgen dem Flug des Vogels, w\u00e4hrend sie unverdrossen weiter singen. Unvermittelt \u00e4ndert das Tier seine Flugrichtung und nimmt Kurs auf die Gruppe. \u201eAh, ein Storch!\u201c stellt er erfreut fest, als es n\u00e4her gekommen ist. Der Storch \u00fcberfliegt die Gruppe. Ein sch\u00f6nes Tier, denkt er und sieht ihm nach. Da \u00e4ndert der Storch erneut seine Richtung, dreht um und beginnt, \u00fcber den S\u00e4ngern zu kreisen. Das kr\u00e4ftige Rot seines Schnabels und seiner langen Beine leuchtet in der Nachmittags\u00adsonne. Der Glatzkopf neben ihm schaut nun auch nach oben. Die zierliche Wei\u00dfe hebt ihren Kopf, l\u00e4chelt hinauf, wendet ihre Aufmerksamkeit wieder den S\u00e4ngern zu. Langsam kreisend verringert der Storch seine H\u00f6he, zieht weitere Augenpaare auf sich. \u201eDas Wunder ist etwas gro\u00df f\u00fcr meine Hand&#8230;\u201c schie\u00dft es ihm durch den Kopf, seine Stimme ger\u00e4t ins Stocken. Bis auf die zierliche Wei\u00dfe schauen jetzt alle S\u00e4nger hoch und singen den Storch an, Verwunderung schleicht sich in ihre Stimmen. Nur die Stimme der zierlichen Wei\u00dfen tr\u00e4gt die Verse weiter unbeeindruckt in die Weite. Dann dreht der gro\u00dfe Vogel eine letzte Runde, nimmt Kurs auf sein urspr\u00fcngliches Ziel und verschwindet in der Ferne. Die Begegnung mit ihm hat s\u00e4mtliche M\u00fcdigkeit vertrieben, die Stimmen gewinnen erneut an Kraft, die meisten S\u00e4nger l\u00e4cheln, einige strahlen sogar.<br>Auch er hat gerade wieder in den Gesang hinein gefunden, als er erneut eine Bewegung am Himmel wahrnimmt. Er schaut hoch und sieht den Storch aus der gleichen Richtung zur\u00fcckkehren in die er verschwunden war, erneut h\u00e4lt er auf die Gruppe zu. Und hinter ihm, in einigem Abstand, ein zweiter. Sein Blick bleibt an den gefiederten Besuchern haften. \u201eNein, unm\u00f6glich &#8230; kommt er mit seiner Partnerin zur\u00fcck?\u201c r\u00e4tselt er. Weitere Augenpaare richten sich hinauf, erneut t\u00f6nen die Verse zunehmend himmelw\u00e4rts. Die V\u00f6gel \u00fcberfliegen die Gruppe, drehen in einer perfekt abgestimmten Bewegung um und beginnen, \u00fcber ihnen zu kreisen. Ihm bleibt seine Stimme in der Kehle stecken. Bald sind aller Augen nach oben gerichtet. Noch erklingen die Strophen kr\u00e4ftig, aber ein Zaudern hat sich eingenistet. Die St\u00f6rche ziehen ihre Kreise langsam tiefer. Er sieht die M\u00fchelosigkeit, mit der sie ohne Fl\u00fcgelschlag dahin gleiten, den goldenen Schimmer, mit dem die Nachmittagssonne das Wei\u00df ihrer K\u00f6rper \u00fcberzieht, die scharfen Umrisse ihrer nachtschwarzen Schwungfedern vor dem matten Blau des Nachmittagshimmels, sogar ihre Augen kann er erkennen. \u201eWas sehen sie?\u201c fragt er sich. Der Gesang um ihn herum wird leiser. Er schaut verlegen um sich, bemerkt die Verwirrung des Langhaarigen mit dem Stirnband neben sich. Die klare Stimme der zierlichen Wei\u00dfen erklingt weiter unbeeindruckt. Nur wenige singen noch mit, ihre Stimmen halten sich unsicher an der der zierlichen Wei\u00dfen fest. Tiefer und tiefer kreisen die St\u00f6rche, eine Stimme nach der anderen erstirbt. Als letzte vollendet die zierliche Wei\u00dfe souver\u00e4n ihre Strophe und verstummt. Die Gruppe f\u00e4llt in die Stille, vergisst zu atmen. Die K\u00f6pfe im Nacken, folgen dreizehn Augenpaare den Kreisen der V\u00f6gel, vergessene M\u00fcnder stehen offen. Ein leises Sausen kommt von den breiten Schwingen und jagt ihm eine G\u00e4nsehaut \u00fcber den R\u00fccken. Augenblicke verrinnen, niemand r\u00fchrt sich.<br>In der Stille verlieren die St\u00f6rche ihr Interesse, langsam steigen sie wieder h\u00f6her. Sie ziehen eine letzte Runde und verschwinden in der Richtung, aus der sie gekommen sind. Die zierliche Wei\u00dfe l\u00e4sst ihre Stimme erneut in den Himmel steigen und holt damit einen S\u00e4nger nach dem anderen aus seiner Erstarrung. Zuletzt findet auch seine Stimme wieder zu den anderen. Langsam beruhigen sich die Nerven, die Anspannung verliert sich aus den Stimmen, weich werden sie und weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Tal unter ihm sch\u00e4len sich die Siedlungen einer Kleinstadt aus der Landschaft. Trotz der M\u00fcdigkeit seiner Beine schreitet er ihr munter entgegen. Der Abschied von den S\u00e4ngern ist schon \u00fcber eine Stunde her, aber aus ihm summt und brummt es unaufh\u00f6rlich. \u201eNicht m\u00fcde werden \u2026. \u201c Weiter unten startet er sein Navi und l\u00e4sst sich zum Bahnhof lotsen. Als er den Bahnsteig betritt, ist die Sonne gerade hinter dem Horizont verschwunden. Wo sie eben noch war, gl\u00fcht der Himmel orangerot und taucht die Landschaft unter sich in tiefe Schw\u00e4rze. Nur die Schienen der beiden Gleise leuchten rotgolden daraus hervor. Er ist fr\u00fch dran, niemand sonst wartet auf den Zug. Eine Bank kommt ihm gerade recht, er setzt sich. Entspannt legt er seine Arme \u00fcber die Lehne und streckt die m\u00fcden Beine von sich.<br>Der Zug ist p\u00fcnktlich, ein entfernter Lichtpunkt, der langsam zu dreien zerf\u00e4llt. \u201eSie wird wieder am Bahnsteig stehen heute Abend \u2026 wie immer.\u201c Das Summen und Brummen erstirbt in seiner Kehle. Die Schienen vibrieren, Metall donnert \u00fcber Metall, Bremsen kreischen, die Lok stampft vorbei, dann herrscht Stille. Niemand steigt aus. Nur im ersten Wagen hinter der Lok \u00f6ffnet sich eine T\u00fcr. Ein Zugbegleiter schaut den leeren Bahnsteig entlang, winkt dem Lokf\u00fchrer, verschwindet. Unmerklich rollt der Zug an, schneller und schneller gleiten Fenster und T\u00fcren an ihm vor\u00fcber, rote R\u00fccklichter verschwinden langsam in der D\u00e4mmerung. Ein k\u00fchler Wind streicht ihm \u00fcbers Gesicht, er atmet tief ein. \u201eSie wird sich wundern, heute Abend \u2026 \u201c Summend und brummend steht er auf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em><a href=\"http:\/\/alice-maier.eu\/?attachment_id=56\">Download als PDF-Datei<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">\n\n&nbsp;\u00a9&nbsp;Alice Maier, Dezember 2018\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;\u201eSie wird wieder am Bahnsteig stehen heute Abend &#8230; wie immer.\u201c Er setzt Fu\u00df vor Fu\u00df, den Kopf gesenkt, den Blick auf den schmalen Wiesenpfad vor seinen Stiefeln geheftet. \u201ePerfekt gekleidet wie immer \u2026. , ein perfektes Essen wartet \u2026.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"template-centered.php","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=54"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74,"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54\/revisions\/74"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=54"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=54"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alice-maier.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=54"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}