Angekommen

Eva betrat die Lobby des Hotels. Hinter der Rezeption saß ein Mann, dessen Blick auf einen Bildschirm fixiert war. Sie setzte den Koffer ab und wartete. Sie war müde. Die Reise war endlos gewesen, lang und mühselig. Eva schaute sich um. Das kleine Hotel unterschied sich kaum von anderen seiner Kategorie. Nur sein Name war ungewöhnlich.

„Einen schönen guten Tag! Was kann ich für sie tun?“ Der Mann hinter dem Tresen sah sie erwartungsvoll an. Eva packte ihren Koffer und ging auf ihn zu. „Haben sie noch ein Zimmer frei?“ Der Mann taxierte sie sekundenlang, als wöge er ab. Dann schaute er wieder auf seinen Bildschirm. „Für Sie hätte ich die Nummer Acht. Das ist ganz oben, nach hinten raus. Da haben Sie ihre Ruhe!“ – „Oh, prima!“ – „Essenszeiten und alles, was Sie sonst noch wissen müssen, finden Sie in dem Ordner auf ihrem Zimmer.“ Er legte den Zimmerschlüssel auf den Tresen. „Dort vorne links ist der Fahrstuhl, direkt daneben der Treppenaufgang. Das Restaurant befindet sich zur Rechten auf der anderen Seite der Lobby. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt!“

Eva stutzte, als sie die Acht auf ihrer Zimmertür erblickte. Die Zahl stand nicht aufrecht, sie lag. Als sie den Schlüssel ins Schloss steckte bemerkte sie, dass auch die Acht auf dem Schlüsselanhänger eine liegende Acht war. Mit einem amüsierten Kopfschütteln betrat sie das Zimmer. Es wirkte sauber und freundlich, ansonsten auch hier kaum Unterschiede zu den unzähligen Hotelzimmern, in denen sie bisher übernachtet hatte. Sie stellte den Koffer ab und öffnete das Fenster. Draußen dehnte sich eine leere Ebene nach allen Richtungen. Weder Vegetation noch Felsen boten ihrem Blick Halt. Er fiel durch die endlose Weite bis zum Horizont. Ein kräftiger Wind blies ins Zimmer. Sie atmete tief durch, schloss das Fenster wieder und begann, ihre Habseligkeiten auszupacken.

Am Abend waren im Restaurant nur wenige Tische besetzt. Eva wählte einen, von dem aus sie den Raum überblicken konnte. Auch die anderen Gäste waren ausnahmslos Alleinreisende. Ein kleines Buffet war aufgebaut. Die Speisen waren schlicht und gut. Die Anwesenden aßen schweigend, niemand schaute von seinem Teller auf. Und am Buffet ging man sich aus dem Weg. Die Gäste bedienten sich hastig, dabei jeden Blickkontakt vermeidend. Hatten sie Angst vor etwas? Fast als wollten sie hier nicht gesehen werden, wunderte sich Eva. Schämten sie sich etwa, in diesem Hotel abgestiegen zu sein?
Auch bei den anderen Mahlzeiten war es so, wie Eva im Laufe der nächsten Tage feststellte. Und noch etwas fiel ihr auf. Niemand blieb länger als eine Nacht. Alle waren Durchreisende, die es eilig hatten, vor hier wieder weg zu kommen. Nur die Hotelan­ge­stellten waren immer ansprechbar. Sie wirkten gelassen und reagierten auf alles mit gleichmütiger Freundlichkeit.

Eines Abends, Eva hatte auf dem Rückweg vom Restaurant in ihr Zimmer gerade die Lobby Richtung Treppe durchquert, ließ etwas sie vor der untersten Stufe zögern. Beobachtete jemand sie? In der Lobby war doch niemand gewesen. Schnell drehte sie sich um und ließ ihren Blick über die Lobby schweifen. Die war immer noch menschenleer, die Rezeption unbesetzt. Eva stand da und schaute. Sekunden wurden zu Minuten. Worauf wartete sie? Gerade wollte sie sich abwenden, da begriff sie es, wusste es ohne jeden Zweifel. Sie war angekommen. Das hier, das war das Ende ihrer letzten Reise. Sie würde von hier nicht mehr abreisen. Sie blieb.

Leichtigkeit breitete sich in ihr aus, während sie langsam Stufe um Stufe hinauf stieg. Ein Gefühl, das sie nicht kannte. An­kommen ist so leicht, staunte sie. Sie erinnerte sich daran, mit wie viel Enthusiasmus sie als junge Frau zu ihren ersten Reisen gestartet war. Wie viele Ziele sie damals hatte! Sie war auf der Suche. Und an einem ihrer Ziele würde sie finden was sie suchte. Dann wäre sie angekommen, davon war sie überzeugt. Schnell war Reisen zum Lebensinhalt geworden. Und sie hatte einige Ziele erreicht, darauf war sie stolz. Hatte es deshalb so lange gedauert, bis sie bemerkte, dass sie sich an keinem Ziel auch angekommen fühlte? Lockte deshalb bald das nächste Ziel? Und wenn ihr einmal die Ziele abhanden kamen, wurde es zum Ziel, das nächste Ziel zu finden. Denn sie wollte ankommen, endlich ankommen. Und so war sie immer weiter gereist, bis heute.

Eva schloss ihre Zimmertür auf. Woher nur kam diese unerwartete Leichtigkeit? War jemals etwas leicht gewesen auf ihren Reisen? Eva konnte sich nicht erinnern. Ohne Fleiß kein Preis, die süßen Trauben hängen hoch, nur die Harten kommen in den Garten, was einem in den Schoß fällt, kann nichts wert sein. Zu kämpfen und sich abzumühen war so selbstverständlich gewesen! Das war es doch, was einen jedes Ziel erreichen ließ, oder? Und doch war sie nie angekommen. Aber jetzt, jetzt würde sie nirgendwo mehr hin reisen. Wie es wohl ist, einfach nichts mehr zu tun, was schwer ist? Die Frage machte Eva neugierig. Sie trug sie mit sich herum, während sie ihrer Abendroutine nachging. Sie nahm sie mit sich ins Bett.

Während sie einschlief, sah sie sich über die endlose Ebene gehen, über die sie hierher gefunden hatte. Ja, das war Neuland! Sie sah sich ohne Koffer gehen, ihr Schritt war völlig unbeschwert. Erneut ließ die Leichtigkeit sie staunen. Vor ihr tauchte das Hotel auf. Als sie nahe genug heran war erkannte sie auch das Schild mit dem Namen wieder. In goldener Schrift auf blauem Grund stand da: „Hotel Nirgendwo“. Ein leises Lächeln keimte in ihr, während sie immer tiefer in den Schlaf sank.