Zeitlos

Zwischen den weißlichen Noppen der Haut zeichnete sich eine weiche, stecknadel­kopf­große Beule ab. Wenn er genau hinschaute, erkannte er eine winzige Grube in ihrer Mitte. Schon in diesem frühen Entwicklungsstadium!. Langsam schob die Beule sich weiter aus der Haut empor, streckte sich in die Länge, wurde zu einem vorsichtig in die Luft tastenden Tentakel. Würde er ihn sanft anpusten, verschwände der Tentakel sofort wieder zwischen den Hautnoppen. Jan tat es nicht. Stattdessen beobachtete er. Der Tentakel wurde länger, schlanker. Sein Ende verdickte sich zu einer kleinen Keule. Und da! Mittendrin glänzte ein winziges schwarzes Auge.
Links neben dem ersten hatte sich ein zweiter Tentakel entfaltet. Auch an seinem Ende zeigte sich bald die keulenförmige Verdickung mit Auge. Echte Stielaugen, dachte Jan. Unabhängig voneinander begannen sie in verschiedene Richtungen zu pendeln. Suchten sie die Umgebung ab? Ob sie ihn jetzt sehen konnten? Staunend beugte Jan sich vor.
Unter den Stielaugen erschien ein weiteres Paar Tentakel. Sie blieben kürzer und augenlos. Doch sie bewegten sich. Vorsichtig tasteten sie über den scharfkantigen Granitboden.
Unvermittelt kam auch Bewegung in den weichen Körper. Länger und länger schob er sich aus dem Schneckenhaus heraus. In kaum merklichen Wellen glitt er auf seinem Bauchfuß über den Fels. Wie eine Kielwelle blieb eine glitzernde Schleimspur hinter der Schnecke zurück. Die Härte des Felsens schien keinerlei Eindruck auf sie zu machen.

„Wusste ich‘s doch! Du bist eine, die nach unten will!“ Jan strahlte vor Freude. Er hatte auf die richtige Bewegungsrichtung gewettet, als er das Tier auf dem Felsen abgesetzte. Wenn die Weinbergschnecke diese Richtung beibehielte, träfe sie nach ein paar Minuten auf eine ihrer Kolleginnen, die sich, von weiter unten kommend, für die Gegenrichtung entschieden hatte.
Sobald sie einander begegneten wurde es erneut spannend. Es konnte passieren, dass die Tiere sich gegenseitig vorsichtig abtasteten, auf Abstand gingen und umeinander herumkrochen. Oder aber die eine kroch auf das Schneckenhaus der anderen hinauf und darüber hinweg, bis sie auf der andern Seite wieder herunterkam. Welche der beiden würde dabei die obere sein? Manchmal, erinnerte sich Jan, war die Begegnung für eine der Schnecken Tiere so alarmierend, dass sie sich hastig in ihr Haus zurückzog und erst nach längerer Zeit wieder herauskam.
Hm … diese beiden werden sich wohl einfach aus dem Weg kriechen, ahnte Jan. „Och, das wird lang­weilig … am besten suche ich gleich ein paar Schnecken mehr. Dann haben sie nicht so viel Platz um sich aus dem Weg zu gehen.“ Jan stieß sich vom Felsen ab und begann, den verun­krau­teten Grün­streifen daneben abzusuchen. Es dauerte nicht lange, bis mehr als zwei Dutzend Weinbergschnecken auf dem knapp einen Meter hohen Granitbrocken herumkrochen. Alsbald bahnte sich in der Nähe des Gipfels eine erste Begegnung an. „Ich wette, die Helle wird über die Dunkle kriechen!“ Jan beugte sich vor und beobachtete gespannt, wie der Abstand zwischen den Tieren dahin schmolz.

„Mittagessen!“ Das Tablett gab ein unangenehmes Klatschen von sich, als es auf dem Tisch neben dem Bett landete. Jan fuhr zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass eine Krankenschwester herein gekommen war. „Oh, entschuldigen Sie, Herr Boldt! Ich wollte Sie nicht erschrecken!“ Mit beschwichtigendem Lächeln versuchte sie nun, ihn zu beruhigen. „Wir haben einfach zu viele Patienten!“ fügte sie hinzu, während sie das Oberteil seines Bettes hochkurbelte. Als er aufrecht genug saß, schob sie ihm den Tisch zurecht, so dass er zum Essen nur noch nach dem Besteck greifen musste. „Wenigstens das kann ich noch allein, wenn auch bloß im Schnecken­tempo.“ Jans Mundwinkel zuckte nach unten, etwas begann wie Blei auf seine Brust zu drücken. „Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit!“ Die Krankenschwester lächelte ihn betont sanft an und verließ das Zimmer.

Kauend schaute er zum Fenster hinaus. Beruhigend wiegten sich die Äste einer Birke im Wind. Ihr Anblick lenkte ihn ab. Seine Gedanken kehrten zu dem grauen Granitfelsen in den Reben zurück. Schneckenrennen, so etwas hatte er einst spannend gefunden. Unmerklich schüttelte er den Kopf. Wie alt er wohl damals war? Vier vielleicht? War jener Junge wirklich er? Der gleiche Jan, der sich heute nur im Rausch der Geschwin­digkeit selbst spüren konnte? Oder in jenen Momenten der Hochspannung, wenn er mit seiner Maschine so flach in der Kurve lag, dass sein Knieschützer über den Asphalt schabte? Wann hatte es angefangen, dass alles immer schneller werden musste, immer extremer? Wie konnte aus jenem kleinen Jan der so ganz andere von heute geworden sein?
Lustlos stocherte er im Essen herum. Seit sie ihm gesagt hatten, dass er für den Rest des Lebens Rollstuhlfahrer sein würde, hatte er keinen Appetit mehr. Ein Leben ohne Motor­rad? Ohne den Kick des Adrenalins, ohne die Euphorie der Geschwindigkeit?
Erneut tauchte der mit Weinbergschnecken besetzte Granitblock vor seinem geistigen Auge auf. Der kleine Jan beugte sich gespannt über die Helle und die Dunkle, wie er sie nannte. Oben auf dem Brocken konnten sie nun nicht mehr voreinander ausweichen. Da! Die Helle nahm wirklich Kurs auf das Schneckenhaus der Dunklen, die einfach weiter geradeaus kroch. Jetzt war die Helle heran und betastete das Haus der Dunklen mit ihren langen Augententakeln. Und da! Der kleine Jan klatschte in die Hände und hüpfte lachend in die Luft. Wieder hatte er richtig getippt! Die Helle machte sich daran, hinauf auf die Dunkle zu kriechen. „Sie wird es schaffen!“ freute sich der kleine Jan.

„Hat es Ihnen nicht geschmeckt?“ Wieder hatte Jan nicht bemerkt, dass die Kranken­schwester herein gekommen war. Besorgt schaute sie ihn an. „Sie müssen etwas essen, wenn Sie wieder zu Kräften kommen wollen“, fügte sie hinzu. Jan sah sie lange an. Unschlüssig wiegte er den Kopf. „Können Sie mir das Essen noch dalassen?“ fragte er schließlich.

(c) Alice Maier, Mai 2025